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Full text of "Zeitschrift fuer die oesterreichischen Gymnasien_29_1878"

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ZEITSCHRIFT 



ftir die 



Österreich 18 chen 



GYMNASIEN. 



Verantwortliche Redacteure : 



K. Tomaschek, W. Hartel, K. Schenkl. 



Neanundiwaniigster Jahrgang. 

1878. 



WIEN. 

Druck und Verlag Ton Carl Gerold'* Sohn. 



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Inhalt des neunundzwanzigsten Jahrganges 

der 

Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien. 
(1878.) 



Erste Abthellong. 

Abhandlungen. 

Seite 

Uebsr die Compoeition tod Horaz Od. I, 7. Von E. Sehen kl 1—5 
Zar Behandlung des Mythos von der Bergeaufthürmung bei romi- 
schen Dichtern. Von A. Ziogerle 5—8 
Beitrag zum Verständnis einiger Stellen ans Xenophons Hellenica. 

Von J. Rohrmoser. 9—13 

(Jeher einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. Von A. Zin- 

gerle 81—88 

Zar Kritik und Erklärung des Macrobius. Von R. Bitschofsky 88— 

96, 259-262, 335-386 
Beitrage aar Kritik und Erklärung des Thukydides. Von L. Cwi- 

klidski 161—166 

Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust Von Ph. Klimscha 

166-178 
Der aegyptisebe Mythus im Phadrus des Piaton und seine Conse- 

quenxen. Von iL Ziwsa 241-252 

Bne Terschollene Schrift des ßtoikere Kleanthes, der 'Staat*, und die 

sieben Tragödien des Cynikers Diogenes. Von Th. Gomperz 

252—256 
Zu Linus. Von A. Zingerle 256—259 

Eine Ton Aristoteles erwähnte Bedeckung des Planeten Mars durch 

den Mond. Von G. Hof mann 321—325 

Zar griechischen Anthologie. Von A. Ludwich 326—332, 410—414, 

481-488, 732-735 
Wie Tiel Bücher Annalen mindestens hat der Annalist Cn. Gellius 

geschrieben? Von F. Maixner 332—334 

Cicero ad Att III, 2. Von A. Goldbacher 335 

Kritische Beiträge zu Musaios. Von A. Rzach 401-406 

Zo Musaios. Von W. Kloucek 406—410 

Nachtrag. Von 0. Hirschfeld 414 

Zu Vatarius Flaccus III, 412 ff. Von F. Maixner 488—492 

Zu den griechischen Tragikern. Von J. Rappold 492—493 

Ueber Lukians Demonaz. Von A. Schwarz 561—594 

Zar formalen Seite des Gleichnisses bei den lateinischen Dichtern. 

Von J. Walser 595—607 

Zu Bnripides. Von 8. Mekler 607-608 



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IV 

Seit« 

Ueber die Umarbeitung der A uliseben Ipbigenie des Euripides. Von 

N. Wecklein 721—732 

Ueber eine Wiener Handschrift zum Dialog und zur Germania des 

Tacitus und zu Suetons Fragmente de gramm. et rhet. Von J. 

Huemer 801—813 

Epigraphische Nachlese. Von M. Gitlbauer 813—817 

Zur Paraphrase des Evangeliums des heiligen Johannes von Nonnos. 

Von A. Scheindler 817—819 

Quaestionum Nonnianarum particula altera. Von A. Scheindler 

897—907 
Zur Kritik und Erklärung des Statins. Von R. Bitschofsky 907—912. 



Zweite Abthellang; 

Literarische Anzeigen. 

Acta seminarii Erlangensis. Ediderunt I. Mull er et E. Wolf Hin. 
Vol. prius. Erlangen 1878, angez. v. 0. Keller 831—840 

Aelschker (E.), Maria Theresia vor ihrer Thronbesteigung (Hölders 
hist. Bibl.). Wien Holder 1877, ange*. von F. Krones 65—66 

Albrecht (E.), Zum Sprachgebrauch Goethe's. Progr. der Real- 
schule H. 0. in Crimmitschau 1877, angez. von R. M. Werner 

645-654 

And 61 (A.), Das polychrome Flachornament 1. u. 2. Lieferung. 
Wien, Waldheim 1877, angez. von J. Was t ler 218—219 

Andresen (K. G.), Ueber deutsche Volksetymologie. 2. Aufl. Heil- 
bronn, Henniger 1877, angez. von J. Peters 752-759 

Anthimi, De observatione eiborum epistula ad Theudericum regem 
Francorum. Iterum edidit V. Rose. Leipzig, Teubner 1877, angez. 
von E. Ludwig 749—750 

Arendts (C), Frankreich (Wandkarte). Miltenberg, Halbig 1878, 
angez. von F. Grassauer 217—218 

Bänitz (G.), Lehrbuch der Chemie und Mineralogie. Berlin, Stuben- 
rauch 1878, angez. von C. Döiter 542-543 

Bänitz (G.), Botanik für gehobene Elementarschulen. Berlin, Stuben- 
rauch 1878, angez. von H. Reichardt 684 

Bauer, Die Entstehung des Herodotischen Geschichtswerkes. Wien, 
Braumüiler 1878, ansjez. von L. Öwikliiiski 273—289 

Bender (BL), Grundriss der römischen Literaturgeschichte für Gym- 
nasien. Leipzig, Teubner 1876, angez. von A. Zingerle 103—105 

Böttger (H.), Wohnsitze der Deutschen in dem von Tacitus in seiner 
Germania beschriebenen Lande. Stuttgart, GrÜninger 1877, angez. 
von W. Tomaschek 862—865 

Buchner (W.), Leitfaden der Kunstgeschichte. Essen, Bädeker 1878, 
an*ez. von J. W astler 691 

Catuilus, 8. Danysz. 

Chavanne, Karpfund Le Monnier, Die Literatur über die Polar- 
regionen der Erde. Wien, Hölzel 1878, angez. von G. A. Supan 

537-538 

Chavanne (J.), Physikalische Wandkarte von Afrika, mit einem 
Hefte Erläuterungen. Wien, Hölzel 1878, angez. von F. Gras sau er 

671-673 

Cicero 's Brutus seu de claris oratoribus, erklärt von 0. Jahn. 
4. Aufl. besorgt von 0. Eberhard. Berlin, Weidmann 1877, angez. 
von B. Kruczkiewicz 498 — 505 

Commodiani carmina recogn. E. L u d w i g. Part. II. Leipzig, Teub- 
ner 1877, angez. von J. Huemer 28-33 



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Seit« 

Cornelias Nepos, erklärt tod K. Nipperdey. kleinere Ausgabe. 
7. AdU besorgt von B. Lupus. Berlin, Weidmann 1878, angex. 
vom R. Bitschofsky 823—890 

Dia ysa (A-X De scriptoram imprirois poetarnm Bomanorom studiis 
Catallisnis Po6en, Leitgeber 1876, angex. von L. Öwiklinski 

269—270 

Delabar, Das geometrische Lineaneicbnen. 3. Anfl. Freiborg i. B. 
1878, angex. Ton E. Koutnv 772—773 

Egger (A.), Deutsches Lesebuch für die 2. Classe der österreichi- 
acben Mittelschalen. Wien, Holder 1878, ang. von F. Novotnf 

768-771 

Escher (£.), Der Aceasativ bei Sophokles. Zürich, Zürcher und 
Farrer 1876, angex. v. J. Golling 186—188 

Fidler (£.) und Sachs (K.), Wissenschaftliche Grammatik der eng- 
lischen Sprache. 1. Bd. 2. Aufl. Leipxig, Violet 1878, angex. von 
M. Conrath 126—134 

Foltx (IL), Geschichte der Salxburger Bibliotheken. Wien 1877, 
angex, von M. Gitlbauer 134—136 

Garcke (A.), Flora von Deutschland. 13. Aufl. Berlin, Wiegandt 
1878, angex. von H. Reichardt 773 

Gerner th (A.), Fünfstellige und gemeine Logarithmen der Zahlen 
und der Winkelfunctionen von 10 xu Secunden nebst den Pro- 
portionaltheilen ihrer Differenzen. 2. Aufl., besorgt von J. Spiel- 
mann. Wien, Beck 1878, angex. von E. Weiss 462—463 

Gilles (J.), Lehrbuch der ebenen Geometrie. Heidelberg, Winter 

1877, anffex. von J. G. Wallentin 66—67 
Göbel (A.), Lexilogus xu Homer und den Hörnenden. Berlin, Weid- 
mann 1878, angez. von G. Meyer 505—517 

Gomperx (Th.), Die Bruchstücke der griechischen Tragiker und 
Cobet's neueste kritische Manier. Wien, Holder 1878, angex. von 
W. Hartel 14-19 

Grammatik, Deutsche, Schriften xur d. G., angez. von W. Scherer 

108—125 

Günther (S.), Grundlehren der mathematischen Geographie und 
elementaren Astronomie. München, Ackermann 1878, angex. von 
J. Frischauf 538—640 

Haacke (A.), Aufgaben zum Uebersetzen in's Lateinische für Ober- 
Tertia und Unter-Secunda. Berlin, Weidmann 1877, angez. von 
J. Egger 33-34 

Harre (r.), Hauptregeln der lateinischen Syntax zum Auswendig- 
lernen. Berlin, Weidmann 1877, angez. von J. Egger 108—109 

Hartel (W.), Demosthenische Studien. Wien, Gerold 1877, angex. 
von J. Wrobel 621—624 

Heeren (A. H. L.), ükert (F. A.) und von Giesebrecht (W.), 
Geschichte der europäischen Staaten, s. Hertzberg, 

Heinze (W.), s. Schumann. 

fleinxel (R.>, Ueber die Endsilben der altnordischen Sprache. Wien 
(Akademie), Gerold 1877, angez. von R. von Muth 528—531 

Herodot, erklärt von H. Stein, 2. Bd. 1. Heft 3. Buch. 3. Aufl. 
Berlin, Weidmann 1878, ang. von A. Seh ein die r 188—196 

Herr (G.), Die Österreichisch-ungarische Monarchie. Wien, Gräser 

1878, angex. von F. Grassauer 665—671 
Hertzberg (G. F.), Geschichte Griechenlands seit dem Absterben 

des antiken Lebens bis xur Gegenwart 2. Theil (1204—1470) 
(37. Band der Geschichte der europ. Staaten v. A. H. L. Hee- 
ren, F. A. Ukert und W. von Giesebrecht). Gotha, Perthes 
1877, angex. von F. Krones 61-63 



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VI 

Seite 

Herwerden van (H.), Plntarchea et Lucianea com nova Marciani 
codicis collatione. Utrecht, Beijers 1877, angez. v. L Hilberg 

19—25 

Hesiodi carmina recenanit C. Göttling. ed. tert. quam curavit 
J. Flach. Leipzig, Teubner 1878, angez. von A. Rzach 415—429 

Hilberg (L), Das Gesetz der trochäischen Wortformen im daktyli- 
schen Hexameter and Pentameter der Griechen. Wien, Holder 
1878, angez. von A. Rzach 820—822 

Hintner(V.), Griechisches Elementar buch, zunächst für die 3. und 

4. Gasse der Gymnasien. 2. Aufl. Wien, Holder 1877, angez. von 

J. Rappold 105-108 

Höchste tt er (Ch. F.), Angewandte Botanik. 4. Aufl., bearbeitet 

von W. Hochstetter. Stuttgart, Schickhardt und Ebner 1878, 

angez. von H. Reichardt 220 

H ö* 1 d e r 's historische Bibliothek, herausgegeben von A. Eggervon 

Möllwald, 8. Aehchker, Jarz, von Kraus, Skalla, Smolle. 
Homer, s. Scholia. 
Homer 's Uiade, erklärt von J. U. Fäsi. 3. Bd., Gesang 13—18. 

5. Aufl.; 4. Bd., Gesang 19—21. 5. Aufl., besorgt von F. R. 
Franke. Berlin, Weidmann 1877, angez, von J. Zech meiste r 

179-185, 609-621 
Homer 's Ilias, erklärt von J. La Roche. 1. (Gesang 1—4). 2. Aufl. 

Leipzig, Teubner 1877, angez. von J. Zechmeister 736—748 
Homer's Odyssee, erklärt von Dr. F. Ameis. 2. Bd., 1. Heft. Ge- 
sang 13—18. 6. Aufl., besorgt von Dr. C. Hentze. Leipzig, 
Teubner 1877. Anhang zu der Ameis'schen Ausgabe. 3. Heft. 
2. Aufl., besorgt von C. Hentze. Leipzig, Teubner 1877, angez. 
von J. Zechmeister 913—917 

Horatius (Q. F.), Oden und Epoden, erklärt von K. W. Nauck. 
9. Aufl. Leipzig, Teubner 1876, angez. von M. Petscheniff 

Hübl (F.), Uebungsbuch für den Lateinunterricht in den unteren 
Classen der Gymnasien. 1. Theil für die 1. Gasse. Wien, Gräser 
1878, angez. von H. Koziol 632—634 

Jarnik (J. Ü.), Sprachliches aus Rumänischen Volksmärchen. Aus 
dem Progr. der Unterrealschule in der Leopoldstadt in Wien. 
Fromme 1877, angez. von M. Gast er 654—656 

Jarz (K.), Kaiser Friedrich III. und Herzog Albrecht VI. (Holder's 
hist. Bibl.). Wien, Holder 1877, angez. von F. Krone s 64—65 

Im el mann (J.), Die siebziger Jahre in der Geschichte der deut- 
schen Literatur. Berlin, Weidmann 1877, angez. von R. M. Wer- 
ner 215—217 

Jireöek (C), Die üeerstrasse von Belgrad naoh Constantinopel und 
die Balkanpässe. Prag, Tempsky 1877, angez. von W. Toma- 
schek 204-211 

Kaibel(G.), Epigrammata graeca ex lapidibus conlecta. Berlin, G. 
Reimer 1878, angez. von Th. Gomperz 429 — 440 

Kallay (B. von), Geschichte der Serben. 1. Bd. Aus dem Ung. von 
J. H. Schwicker. Pesth, Lauffer 1878, angez. von F. Krones 

656-660 

Kallay (B. von), Die Orientalpolitik Russlands. Aus dem Ung. von 
J. H. Schwicker. Pesth, Lauffer 1878, angez. von F. Krones 660 

Karpf, s. Chavanne. 

Kerckhoff (A,), Daniel Gasper von Lohenstein's Trauerspiele. Pader- 
born, Schöningh 1877, angez. von R. M. Werner 296—308 

Kiepert (H.), Lehrbuch der alten Geographie. 1. Hälfte (Einlei- 
tung, Asien und Afrika). Berlin, Reimer 1877, angez. von W. 
Tomaschek 847—858 



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VII 

Seite 

Kiek ler (K.), Di« Methoden der darstellenden Geometrie. Leipzig, 
Teubner 1877, angez. von J. G. Wallentin 540-541 

Knaaer (F. KJ, Europas Kriechtbiere. Wien, Pichler 1877, angez. 
von K. B. Heller 684-686 

Knauer (F. K.), Naturgeschichte der Lurche (Amphibiologie). Wien, 
Pichler 1878, angez. von K. B. Heller 686-687 

Knauer (F. K.), Naturgeschichte des Thierreichs für die unteren 
Classen der Gymnasien, Realschulen und verwandten Lehranstal- 
ten. Wien, Pichler 1878, angez. von K. B. Heller 687—691 

Könne (E.), Repetitionstafeln für den zoologischen Unterricht an 
höheren Lehranstalten. Berlin, H. W. Müller 1878, angez. von 

0. Schmidt 542 
Koutn£ (W. J.), Der Premysliden Thronkämpfe und Genesis der 

Markgrafschaft Mähren. Wien 1877, angez. von A. Bach mann 

840-847 
Kräpelin (K.), Excursionsflora für Nord- und Mitteldeutschland. 

Leipzig, Teubner 1877, angez. von H. Reichardt 70 

Kraus (V. von), Kaiser Maximilian I. (Hölders hist. Bibl.). Wien, 

Holder 1878, angez. von F.* Krones 65 

Kühner (R.), Ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache. 

1. Bd. Hannover, Hahn 1877, angez. von F. Weihrich 447-449 
Lach mann (K.), Kleinere Schriften. Erster Band: Schriften zur 

deutschen Philologie. Herausgegeben von K. Müllenhof f. 
Berlin. G. Reimer 1876, angez. von A. Schönbach 34—59 

Lambel (H.), s. Volmar. 

Lehmann (A.), Sprachliche Sünden der Gegenwart Braunschweig, 
Wreden 1878, angez. von H. Lambel 213--215 

Le Monnier, s. Chavanne. 

Leunis (J.), Analytischer Leitfaden für den ersten wissenschaft- 
lichen Unterricht in der Naturgeschichte. 2. Heft. Botanik. 
8. Aufl., besorgt von Dr. A. B. Frank. Hannover, Hahn 1878, 
angez. von H. Reichardt 937—938 

Li vi (TitiJ, ab urbe condita libri, erklärt von W. Weissenborn. 
8. Bd., 2. Heft Buch 9 u. 10. 4. Autl. 1877; 4. Bd., 1. Heft 
Buch 21; 2. Heft Buch 22 u. 23. 6. Aufl. 1877; 6 Bd. 1. Heft 
Buch 27 u. 28; 2. Heft Buch 29 u. 30. 3. Aufl. 1878. Bertin, 
Weidmann, angez. von M. Gitlbauer 917—935 

Lös er (J.), Methodisch-praktisches Handbuch für den Lehrer beim 
Unterrichte im Rechnen und in der geometrischen Formenlehre 
für Volks- und Bürgerschulen, sowie für Lehrerbildungsanstalten. 
Für österr. Schulen bearbeitet von F. Tomberger 3. (der 
öaterr. Bearbeitung 1.) Aufl. Weinhcira, Ackermann 1877, angez. 
von J. G. Wallentin 679-682 

Low (£.), Methodisches Uebungsbuch für den Unterricht in der Bo- 
tanik an höheren Lehranstalten und Seminarien. Bielefeld und 
Leipzig, 0. Gülker 1878. angez. von H. Reichardt 543-544 

Low (£.), kleinen tarcursus der Botanik nach methodischen Grund- 
sätzen. Bielefeld und Leipzig, 0. Gülker 1878, angez. von H. 
Reichardt 544 

Lorberg (H.), Lehrbuch der Physik für höhere Lehranstalten. Leip- 
zig, Teubner 1877. angez. von J. G. Wallentin 873—875 

Lucae (IL), Zur Götheforschung der Gegenwart (Rede). Marburg, 
Qwert 1878. angez. von R M. Werner 533-534 

Madvig (J. N.), Emendationes Livianae iterum auetiores editae. 
Kopenhagen, Gyldendal 1877, angez. von M. Gitlbauer 337—359 

Marczali (HA Der Notar König B&a's, Kritische Studie (aus dem 
philologischen Centralblatte (ungarisch), 8. Heft 1877), angez. 
von L. Mangold 661-G65 



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VIII 

8eite 

Maresch (J.), Ueber Vulcane. Progr. der Oberrealschxile zu Pross- 
nitz 1877, aneez. von C. Dölter 542—543 

Möller (R), Ueoungsstücke zum Uebersetzen aus dem Deutschen 
ins Lateinische für Quarta und Tertia der Gymnasien. Berlin, 
Weidmann 1877, angez. von J. Egg er 106 

Müller (J. H. T.), Lehrbuch der ebenen Geometrie für höhere Lehr- 
anstalten. 2. Aufl., besorgt von E. L. Bauer. 3. TheiL Halle, 
Waisenhaus 1877, angez. von J. G. Wallen tin 868—870 

Müller (K.), De arte critica Cebetis Tabulae adhibenda. Würzburg 
1877 ? angez. von P. Knöll 97-102 

Naumann (E.), De Xenophontis libro, qui Aaxttiaifioviuv noXiretct 
inscribitur. Berlin, Weber 1876, angez. von L. Öwiklinski 494-498 

Penka (K.), Die Nominalflexion der indogermanischen Sprachen. 
Wien, Holder 1878, angez. von H. Schweizer-Sidler 450-457 

Posch el (0.), Abhandlungen zur Erd- und Völkerkunde, heraus- 
gegeben von J. Löwenburg. Leipzig, Duncker 1877, angez. von 
A. Ficker 759-767 

Petri (F.), Leitfaden für den chemischen Unterricht. Anorganische 
Chemie. 2. Aufl. Berlin, Nicolai 1878, angez. von J. G. Wall en- 
tin » 771—772 

Pfalz (F.), Tabellarischer Grundriss der Weltgeschichte. Leipzig, 
Klinckhardt 1877, angez. von J. Loserth 366—367 

Posch e (Th.), Die Arier. Jena, Costenoble 1878, angez. von W. To- 
maschek 858-862 

Polle (F.), Pan, ein lustiges Liederbuch für Gymnasiasten. Dres- 
den, Schönfeld 1877, angez. von A. Paudler 875—878 

Pröhle (H.), Lessing, Wieland, Heinse, nach den handschriftlichen 
Quellen in Gleim's Nachlasse dargestellt. Berlin, Liebel 1877, 
angez. von H. L am bei 640—645 

Sachs, s. Fidler. 

Sehen kl (K.), Deutsch -griechisches Schulwörterbuch. 3. Auflage. 
Leipzig, Teubner 1878, angez. von A. Zingerle 750—752 

Sc her er (W.), Ueber den Hiatus in der neueren deutschen Metrik. 
Berlin, Weidmann 1877, angez. von R. M. Werner 532—533 

Schinnagl (M.), Theoretisch-praktisches lateinisches Elementar- 
buch für die erste Gvmnasialclasse. 10. Aufl. besorgt von H. Ma- 
schek. Wien, Beck 1878, und desselben: Lateinisches Lese- und 
Uebungsbuch für die 2. Gvmnasialclasse. 8. Aufl., beide angez. 
von F. Novotny 517—527 

Schinnagl (M.), Theoretisch-praktisches lateinisches Elementarbuch 
für die erste Gymnasialciasse. 10. Aufl. besorgt von H. Maschek. 
Wien, Beck 1878, angez. von H. Koziol 632—636 

Schmidt (A.), Perikles und sein Zeitalter. Jena, Dufft 1877, angez. 
von J. Rohrmoser 457 — 460 

Schmidt (J.), De seviris Augustalibus. "Halle 1878, angez. von 0. 
Hirschfeld 289-296 

Scholia Graeca in Homeri lliadem edidit G. Dindorf. Tom. HI 
et IV. Oxford, Clarendon Press 1877, angez. von A. Rzach 

263-268 

Schräm (J.), Lehrbuch der ebenen Geometrie für Untergymnasien 
und verwandte Lehranstalten. Wien, Holder 1878, angez. von J. 
Obermann 674—679 

Schuster (G.), Tabellen zur Weltgeschichte. Hamburg, Meissner 
1877, angez. von J. Loserth 364—366 

Seboth (J.), Die Alpenpflanzen nach der Natur gemalt Mit Text 
von F. Graf und J. Petrasch. Prag, Tempsky 1878, angez. 
von H. Reichardt 464 

Senfft (F.), Synopsis der Mineralogie und Geognosie. H. Theil, 
2. Abthlg. Hannover, Hahn 1878, angex. von C. Dölter 682-684 



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IX 

Stile 
Seuffert (B.), Wielands Abderiten. Vortrag. Berlin, Weidmann 

1878, angez. von R. M. Werner 936-937 

Sense Denifle fF. H.)i Das Buch von geistlicher Armuth, bisher 

bekannt als Johann Tauler's Nachfolgune des armen Leben 

Christi. München, Hnttler 1877, angez. von K. M. Werner 637—640 
Skalla (F.), Herzog Leopold der Glorreiche (Holder 's bist. Bibl.). 

Wien, Holder 1877, angez. von F. Krön es 64 

Smolle (L.), Nicolans Lenan (Hölder's hist. Bibl.). Wien, Holder 

1877, angez. von F. Erones 66 
Suhle (B.), Vollständiges Wörterbuch zu Xenophons Anabasis. 

Breslau, Kern 1876, angez. von J. Egger 211—213 

Tacitus (Cornelius), a. C. Nipperdeio recognitus. Pars IV (Agr. 

Germ. dial. de orat.). Berlin, Weidmann 1876, angez. von I. 

Prammer 202—204 

Taciti (Cornelü), Dialogus de oratoribus, erklärt von C. Peter. Jena, 

Dnfft 1877, angez. von L Prammer 625—627 

Taciti (Cornelü) Agricola, erklärt von C. Peter. Jena, Dufft 1876, 

angez. von I. Prammer 197—202 

Taciti (Cornelii), Germania, für den Schulgebrauch erklärt von I. 

Prammer. Wien, Holder 1878, angez. von J. Müller 25—29 
Ta c i t i ( Cornelii), Germania, erklärt von 1. Prammer. Wien, Holder 

1878, angez. von H^Schweizer-Sidler 270-273 
Taciti (Cornelii), De situ ac populis Germaniae liber. Nouvelle Edition 

par J. Gantrelle. Paris, Garnier freres 1877, angez. von I. 
Prammer 627—629 

Taciti (Cornelii), De situ ac populis Germaniae liber, edidit F. 
Kritz. ed. IV. curata a. G. Hirschfelder. Berlin, Weber 1878, 
angez. von L Prammer 629—631 

Taciti (Cornelii), Historiarum libri qui supersunt, erklärt von C. 
Heraus. 1. Bd. (Buch 1 und 2). 3. Aufl. Leipzig, Teubner 1877, 
angez. von J. Müller 441—447 

Tacitus Annalen, erklärt von A. Dräger. Leipzig, Teubner 1878, 
angez. von L Prammer 631-632 

Tait (P. G.), Vorlesungen über einige neuere Fortschritte der Physik. 
Deutsche Ausgabe von G. Wertheim. Braunschweig, Vieweg 1877, 
angez. von J. G. Wallentin 871 

Taschenkalender für Pflanzensammler. Ausgabe A mit 500, 
Ausgabe B mit 800 Pflanzen. Leipzig, Leiner 1878, angez. von 
H. Reichhardt 938 

Tau ler, a. Sense Denifle. 

Tenne (A. J.), System der Geometrie. 2. Theil. Ebene Trigono- 
metrie und Stereometrie 2. Aufl. Paderborn, Sehüningh 1876, 
angez. von J. G. Wallentin 67—68 

Tenne (A. J.), Katechismus der Physik. Paderborn, Schöningh 
1876, angez. von J. G. Wallentin 871—872 

Thamm (A.), Leitfaden zur Kunstgeschichte eultivierter Völker alter 
und neuer Zeit 2. Aufl. Wolffenbüttel, Zwissler 1877, angez. von 
J. Wastler 691-692 

Volmar, Das Steinbuch, ein altdeutsches Gedicht, herausgegeben 
von H. LambeL Heilbronn, Henninger 1877, angez. von J. Strobl 

60-61 

Wallentin (F.), Methodisch geordnete Sammlung von Beispielen 
and Aufgaben aus der Algebra und allgemeinen Arithmetik. 
2 Theil«. Wien, Gerold 1878, angez. von J. G. Wallentin 865-868 

Warschauer (H.), Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Deut- 
schen in das Lateinische für Quarta. Jena, Fromann 1876, angez. 
von H. Koziol 632—636 



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X 

Seite 
Wqclewski (S.), Ueber das Leben und die Schriften von G. E. 

Groddeck (polnisch). Krakau (Akademie) 1876, an gez. von L. 

Cwiklidski 461-462 

Weishaupt (H.), Das Zeichnen nach dem wirklichen Gegenstande 

in systematischem Lehrgange bis zur Stufe der Kunstschule. 

München 1877, angez. von J. Wastler 69—70 

Wolff (K.), Historischer Atlas. Berlin, D. Reimer 1877, angez. von 

F. Krones 536-537 

Xenophon, s. Naumann und Suhle. 
Zepharovich (V. Bitter von), Krystallographische Wandtafeln. 

Prag, Dominiku8 1877, angez. von C. Dölter 368. 



Dritte Abthellnng. 

Zur Didaktik und Pädagogik. 

Perthes (Ch.), Zur Reform des lateinischen Unterrichtes auf Gym- 
nasien und Realschulen, angez. von a 71—80 

Zur französischen Leetüre. Von F. Lotheissen 137-140 

Verein Mittelschule. Von F. Strauch 140—141 

Ellen dt (G.), Entwarf eines nach Stufen geordnoten Katalogs für 
die Schülerbibliotheken höherer Lehranstalten (besonders der 
Gymnasien), Progr. des k. Friedrichs-Collegiums zu Königsberg 
i. Pr. 1875. — Ellen dt (G.), Katalog für die Schülerbibliotheken 
höherer Lehranstalten. 2. Aufl. Halle, Waisenhaus 1878, angez. 
von E. Ott 221—225 

Holzmayer (J. B.), Umschau in den Unterrichtsräumen der Schule 
und des Hauses. St. Petersburg, Deubner 1877, angez. von E. 
Schwab 225-229 

Kiepert (H.), Physikalische Wandkarten, A. Dronke, Lehrplan 
für den geographischen Unterricht in der Realschule I. 0. zu 
Trier (Trier, Lintz 1878), desselben 'Leitfaden für den Unter- 
richt in der Geographie an den höheren Lehranstalten* (Bonn, 
Weber), 'Geographische Zeichnungen' (Bonn, Weber 1877), angez. 
von J. Ptaschnik 369—385 

Ueber die Aussprache des Lateinischen in unseren Schulen. Von W. 
Hartel 939-952 



Vierte Abthellnng. 

Miscellen. 

Stiftungen S. 142, 309, 386, 465, 774-775, 954. 

Kaiserliche Spende S. 142. 

Schenkungen S. 142, 386-387. 

Denkschriften über das österr. Unterrichtswesen 775. 

Statistisches Handbuch der Österr. -ung. Monarchie für den Zeitraum 

1867—1876 775 

Akademischer Kalender der österr. Hochschulen 2. Jahrgang 775—776 

Literarische Notizen. 

Becker (W. A.), Charikles, Bilder altgriechischer Sitte. 3. Aufl. 

besorgt von H. Göll. 3 Bde. Berlin, Caivary 1877/8 777 

Bernd t (M. von), Dispositionen zu hundert deutschen Aufsätzen. 

Halle, Buchhandlung des Waisenhauses 1878 146 

Braselmann (J. £.), Bibelatlas. 13. Aufl. bearbeitet von A. Herben- 

raih. Düsseldorf, Michels 1876, angez. von K. Werner 387 



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XI 

Seite 
Cholevius (!•-)• Aesthetische und historische Einleitung nebst fort- 
laufender Erläuterung zu Göthe's Hermann und Dorothea. 2. Aufl. 
Leipzig, Teubner 1877 145 

Faulmann (K.), Stenographische Unterrichtsbriefe für das Selbst- 
studium der Stenograpnie nach Gabelsberger's System. Wien, 
Hartleben 147—148 

Gebauer (G.), De hypotacticiß et paratacticis argumenti ex contrario 
fonnis quae reperiuntur apud oratores atticos. Zwickau, Thoss 
1878 464—465 

Gesenius (WO, Hebräische Grammatik nach E. Rödiger bear- 
beitet von E. Kautsch. 22. Aufl. Leipzig, Vogel 187b, angez. 
Ton R. Werner 466 

Gurke (G.), Englische Schulgrammatik. 1. Theil Elementarbuch. 

8. Aufl. Hamburg, Meissner 1877, angez. von M. Conrath 310 
Gurke (G.), Englisches Elementar-Lesebuch 5. Aufl. Hamburg, 

Meissner 1877, angez. von M. Conrath 310 

Kaiser (K.), Englisches Lesebuch in drei Stufen für höhere Lehr- 
anstalten. 3. Bd. Leipzig, Teubner 1877, angez. von M. Conrath 310 
Kappes (IL), Erzählungen aus der Geschichte für den ersten Unter- 
richt in höheren Lehranstalten. 6. Aufl. Freiburg i. B., Wagner 
1878 467 

Keppel (K.), Geschichtsatlas für Mittelschulen 1877, angez. von 

EL Krones 147 

Kopp (W.), Geschichte der griechischen Literatur. 2. Aufl. Berlin, 

Springer 1878. 144—145 

Kopp (W.), Römische Kriegsalt erthüm er. 3. Aufl. Berlin. Springer 

1878 778 

Kummer (K. F.), Nachruf an Karl Greistorfer. Wien 1878 388 

Lange (L.), De duelli vocabuli origine et fatis commentatio (Progr. 

der Univ. Leipzig). Leipzig, Edelmann 1878 iß— 144 

Leipziger Studien zur classischen Philologie, herausgegeben von 
G. Curtius, L. Lange, 0. Ribbeck, R. Lipsius. Bd. 1, 
Heft 1. Leipzig, Hirzel 1878 776 

Löser (J.), Praktische Pflanzenkunde für deutsche Schulen. Wein- 
heim, Ackermann 1877, angez. von H. Reich har dt 147 
Mezger (K. L. F.), Hebräisches Uebungsbuch. 3. Aufl. Leipzig, Hahn 

1878, angez. von K. Werner 387—388 

Naumann (J.), Theoretisch-praktische Anleitung zur Abfassung 

deutscher Aufsätze. 3. Aufl. Leipzig, Teubner 1877 146 

Roquette (0.), Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten. 

2 Bde. Berlin, Wiegandt 1877 146 

S toll (H. W.), Erzählungen aus der Geschichte. 1. Bändchen. 3. Aufl. 

Leipzig, Teubner 1878 467—468 

8t oll (H. W.), Die Meister der griechischen Literatur. Leipzig, 

Teubner 1878 777 

Todt (B.), Die Eroberung von Constantinopel im J. 1204 (aus dem 
Altfranzösischen des Gottfried von Ville-Hardouin unter Er- 
gänzung aus anderen zeitgenössischen Quellen). Halle, Waisen- 
haus 1878 468 
Varnhagen (H.), Systematisches Verzeichnis der auf die neueren 
Sprachen, hauptsächlich die englische und französische, sowie 
die Sprachwissenschaft überhaupt bezüglichen Programmabhand- 
lungen, Diasertationen und Habilitationsschriften. Leipzig, Koch 
1877, angez. von M. Conrath 309—310 
Zacher (K.f, De nominibus graecis, in AIOC AIA A10N. Halle 

a. d. S. Niemeyer 1877 776 

Zitkovszky (L. v.), Rede zum Gedächtnis Karl Greistorfer's. Wien 
1878 388 



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XII 

Seite 

Programmen schau. 

Ambros (J.), Die proiecti vischen Relationen und die unendlich 
fernen Elemente in der Geometrie. Progr. des niederösterr. Lehrer- 
seminare« in Wiener Neustadt 1877, angez. von J. G. Wallen tin 

699-700 

Appell er (E.), Altdeutscher Eigennamen Sinn und Bedeutung. 
Progr. der griech. Orient. Oberrealschule in Czernowitz 1877, 
angez. von K. von Muth 709 

Balcar (A.), Die Politik König Georgs von PodSbrad. Progr. des 
Gymn. in Teschen 1877, angez. von A. Bachmann 810—311 

Bar an (A.), Schliemann's Ausgrabungen und die Frage nach dem 
homerischen Troia. Progr. des Gymn. zu Krems 1877, angez. von 
J. Zechmeister 150—151 

Bartl (F.), Die graphische Darstellung der reellen, imaginären und 
complexen Zahlen. Progr. der ersten deutschen Oberrealschule 
in Prag 1877, angez. von J. G. Wall entin 701 

Bauer (A.), I. Die Exhaustionsmethode ; II. Bemerkungen über einige 
Reihen. Progr. des Gymn. auf der Neustadt in Prag 1877, angez. 
von J. G. Wallentin 695-696 

Bayer 1 (B.), Zur Geschichte Pilsens. Progr. des deutschen Gymn. 
in Pilsen 1877, angez. von A. Bachmann 310 

Borschke (A.), John Locke im Lichte der Kantischen Philosophie. 
Progr. des Gymn. zu den Schotten in Wien 1877, angez. von 
A. Meinong 549—550 

Brandt (J.), De genetivi absoluti in Horaeri Odyssea usu. Progr. 
des Gymn. in Brzezany 1877, angez. von M. Iskrzycki 780 

Braun (W.), La originaria nazionalita di Orazio. Progr. des Com- 
munalgymn. in Triest 1878, angez. von 0. Keller 956 

Buchner (A), Theorie der einhüllenden Flächen und construetive 
Lösung von Aufgaben an einer solchen Fläche auf Grandlage 
der Analysis. Progr. der Realschule in Wiener Neustadt 1877, 
angez. von J. G. Wallentin 698 

Cahourek (F.), Würdigung der von Mohs, Zippe und Naumann auf- 
gestellten Mineralsysteme mit Rücksicht auf den Gymnasial- 
unterricht. Progr. des Gymn. in Nikolsburg 1877, angez., von 
C. Dölter 235-236 

Cech (J.), Der freie Fall und die Pendelbewegung mit Rücksicht 
auf A) den Widerstand des Mittels, B) die Axendrehung der 
Erde. Progr. des Gymn. in Kremsier 1877, angez. von J. G. 
Wallentin 554—555 

Cern^ (0.), Ueber das sogenannte epitheton ornans in den Hora- 
zischen Oden. Progr. des ersten deutschen Gymn. in Brunn 1878, 
angez. von 0. Keiler 955 

Chodniöek (J.), Die politischen Ansichten des Polybius im Zu- 
sammenhange mit Plato und Aristoteles. Progr. des Gymn. auf 
der Landstrasse in Wien 1877, angez. von J. Wrobel 546—547 

Cipser (J.), Ueber die Echtheit des Epiloges der Cyropädie (polnisch). 
Progr. des Gymn. in Przemysl 1877, angez. von M. Iskrzycki 

779—780 

Dechant (J.), Ueber die Lichterscheinungen trüber Medien im Allge- 
meinen und der atmosphärischen Luft im Besonderen. Progr. des 
Gymn. in Bozen 1877, angez. von J. G. Wallentin 693 — 695 

Degn (J.), Der Kampf der wittelsbachischen Partei gegen den 
Luxemburger Karl nach dem Tode Ludwig des Vierten (1347— 
1349). Progr. des Gymn. in Czernowitz 1877, angez. von 
J. Loserth . 232 



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XIII 

Seite 

Dittel (IL), De dati?i apud Horatium usu. ProgT. des Gymn. in 
Landskron 1878, angez. von 0. Keller 957 

Ehrenberger (A.), Die Gammafunction und deren Anwendung. 
Progr. der Eealscbole in Krems 1877, angez. von J. G. Wa llen ti n 

553-554 

Fiderer (E.), Horatius' Epistel des ersten Buches erklärt (polnisch). 
Progr. des Gymn. in Lemberg 1877, angez. von J. Wrobel und 
IL Iskrzycki 548» 781 

Fischer (A.), Die Elemente der Chemie. Progr. des Realgymn. in 
Smichov 1877, angez. von J. G. Walle nt in 703—704 

Friess (J.), Isochromatische Curven, welche planparallele Platten. 
einaxiger Krystalle im linearen polarisierten Lichte zeigen. Progr. 
der Oberrealschule in Olmütz 1877, angez. von J. G. Wall entin 

551—552 

Giideczka (J,), Maxima und Minima vom Standpuncte der Mittel- 
schule. Progr. des Gymn. in Ungarisch-Hradisch 1877, angez. 
von J. G. Wallentin 706—707 

Geyer (G.)» Die Erziehungsaufgabe der Mittelschule. Progr. des 
Gymn. in Iglau 1877, angez. von J. Nahrhaft 715 

Glowacki (J.), Uebersicht über den heutigen, Stand der Frage von 
dem Wesen der Lichenen. Progr. des Gymn. in Pettau 1877, angez. 
von H. Beichardt 235 

Grem blich (J.), Beginn der Torfbildung. Progr. des Gymn. in Hall 
(Tirol) 1877, angez. von H. Reich ar dt 235 

Gut mann (B.), Ueber die Gnomen in Sophokles 1 . Dramen (polnisch). 
Progr. des Gymn. in Tarnow 1877, angez. von M. Isxrzycki 

778-779 

Harn er le (S.), Le catacaustiche della parabola. Progr. der städtischen 
Realschule in Triest 1877, angez. von J. G. Wallentin 705 

Hanna (F.), Ueber den apologetischen Charakter der Horaztschen 
Satiren. Progr. des Gymn. in Nikolsburg 1878, angez. von 0. 
Keller 954 

Hartwig (H.), Etymologisch-identische Wörter mit verschiedener 
Bedeutung im Deutschen und Englischen. Progr. der Communal- 
Oberrealschule im 9. Bezirke zu Wien 1877, angez. von R. von 
Muth 710 

Hauptmann (H.), Anleitung zur Ertheilung des physikalischen 
Unterrichtes in der Volksschule mit Berücksichtigung der Appa- 
ratensammlung von Batka. Progr. der Lehrerbildungsanstalt in 
Klagenfurt 1877, angez. von J. G. Wallentin 792—793 

Henke (W.), Beitrag zur Behandlung der Lehre der Brechung des 
Lichtes in Linsen. Progr. der Realschule in St. Polten 1877, 
angez. von J. G. Wallentin 702—703 

Hermann (J.), Die formale Technik der homerischen Reden. Progr. 
des Gymn. zu Villach 1877, angez. von J. Zechmeister 149—150 

Hillner (J.), Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Geburt und 
Taufe im Siebenbürger Sachsenlandc. Progr. des evang. Gymn. 
in Schassburg 1877, angez. von R. von Muth 709—710 

Hintner (V.), Beiträge zur tirolischen Dialektforschung. Progr. des 
akadem. Gymn. in Wien 1877, angez. von R. von Muth 713 

Hochfellner (0.), Beugungdes Lichtes. Progr. des Gymn. in Melk 
1877, angez. von J. G. Wallentin 550-551 

Holze 1 (F.), Ein deutsches Weihnachtsspiel aus Böhmen. Progr. des 
Gymn. zu Böh misch -Leipa 1877, angez. von R. von Muth 713 

Hof mann (F.), Ueber die Bedeutung der handwerksmässig betrie- 
benen Dichtung vom 13. bis zum 17. Jahrhundert. Pro«, der 
Oberrealschule in Troppau 1877, angez. von R. von Muth 713—714 

H übler (F.), Constantin als Alleinherrscher 324—337. Progr. des 
Gymn. in Reichen berg 1877, angez. von J. Loserth 



280^^ 



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XIV 

Seite 

Hylmar (W.), Ueber einige Spracheigentümlichkeiten des Peter 
Chelöicty (Sechisch). Progr. des städtischen Realgymn. in Prag 
1877, angez. von F. Gotthard 557—659 

Jak seh (H.). Göthe und seine Matter. Progr. der deutschen Lehrer- 
bildungsanstalt in Eger 1877, angez. von R. von Mnth 714 

Kämmerling (J.), Die Beziehungen des byzantinischen Reiches 
znm ostgothischen vom Tode Theodorichs des Grossen bis zu 
Theodats Ermordung. Progr. des Gymn. in Freiberg 1877, angez. 
von J. Loserth 231 

Kamprath (F.), Das Siegwartfieber. Progr. des Gymn. zn Wiener 
Neustadt 1877, angez. von R. von Muth 714 

Koch (J.) f Die Baudenkmale im Donauthale zwischen Stein und 
Molk. Progr. der Realschule auf dem Schottenfelde in Wien 1877, 
angez. von J. Wastler 468-469 

Koch (M.), Ergänzungen zu jedem Lehrbuche der Elementarmathe- 
matik für Mittelschulen. Progr. der Realschule in Budweis 1877, 
angez. von J. G. Walle ntin 701—702 

Kosak (G.), Ueber den geometrischen Ort der constanten Quotienten. 
Progr. der Realschule in Wiener Neustadt 1877, angez. von 
J. G. Wallentin 699 

Kosinski (W.), Vergleichende Zusammenstellung einiger Eigen- 
tümlichkeiten des ostgalizischen Volksdialektes mit der altpol- 
nischen Sprache (polnisch). Progr. des Gymn. in Wadowice 1877, 
angez. von M. Iskrzycki 781 

Krichenbauer (A.), Die Irrfahrt des Menelaos. Progr. des Gymn. 
zu Znaim 1877, angez. von J. Zechmeister 151—153 

Kudelka (J.), Ueber eine planimetrische Grundlage für die moderne 
Geometrie. Progr. des Gymn. in Linz 1877, angez. von J. G. 
Wallentin 699 

Kümmel (E. F.), Die zwei letzten Heereszüge Kaiser Heinrich des 
Dritten nach Ungarn (1051—1052) mit Rücksichtnahme auf die 
bairisch-kärntnerische Empörung. Progr. des Gymn. in Strassnitz 
1877, angez. von J. Loserth 231—232 

Kürschner (G.), Oesterreichs Vorgeschichte. Progr. des Gymn. in 
Troppau 1877, angez. von J. Loserth 230 

Lampel (L.} f Ueber den Einfluss der Dichtung auf die geistige 
Entwickelung der Jugend und insbesondere auf deren sittliche 
Bildung. Progr. des ersten deutschen Gymn. in Brunn 1877, 
angez. von J. Nahrhaft 718 

Lichtenheld (A.), Erklärendes zu Platons Kriton und zur Apologie 
20 C. Progr. des Gymn. im 9. Bezirke in Wien 1877, angez. von 
R. Bitschofsky 545—546 

Löffler (A.). Kurze Darstellung der wichtigsten Bestrebungen zur 
Sicherstellung der Nilquellen. Progr. des Gymn. in Brüx 1877, 
angez. von J. Loserth 233—234 

Mähr (F.), Können die classischen Sprachen vor den neueren als 
Mittel des Jugendunterrichtes bestehen? Progr. des Staatsgymn. 
in Triest 1877, angez. von J. Nahrhaft 717—718 

Maleck i (L.), Ueber das Wesen der Gottheit nach Sophokles (polnisch) 
Progr.des Gymn. in Neusandez 1877, au gez. von J. Wrobel 549 

Maöka (J. K.), Ueber homogene Coordinatensysteme. Progr. der 
Realschule in Znaim 1877, angez. von J. G. Wallentin 553 

Milan (A.), Karl des Vierten erster Römerzug. Progr. der Realschule 
in Karolinenthal (Prag) 1877, angez. von J. Loserth 232—233 

Miltner (J. B.), Kaspar Zdenko Graf Kaplif, Freiherr von Sulewic, 
der Vertheidiger Wien's gegen die Türken 1683 (cechisch). Progr. 
des Gymn. in Königgrätz 1877, angez. von A. Bachmann 470 



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IV 

LnvHi 0-„ Täter das Princip der gleichen Action und React*on> 
j«e 3»r ias Prineip der Erhärtung der lebendigen Kraft in 
ir Tbeens ier WeeiMelwirkitng zwischen Magneten und ekk- 
imri ai ätziSnaes. Progr. der Realschale in BÜetitz 1$7T» tom. 
tä! I Walentin t»6-68>7 

3a**i I.., Heber ien mit der Dehnung und Scharfung der Stamn*» 
dln nertMaden en Lautwechset in der Conjugatioü der Verb* 
bt TVfnter Tuinfarrt. Progr. des Gymn. in Mies 1S7T» angez. von 
i t« Xach 710-m 

T^ajsuxer S. 3^, Da» Gndruniied. Ceber Gottfried* ton Strassburg 
^ ma n Progr, des Gymn. in BndanU 1877, angez. ton R von 
IxtIi TU 713 

Ja^ra* F.. Quo tempore tres priores Horatii carnünum libri 
cmn -ä afiti ant. Progr. des Gymn. in Iglau 1878, angea» ton 
LfcLLsr »6 

5ra^ää .£.„ ü ntaemA img aber dk Echtheit der Doloneia. Progr. 
um trvmn. xn Marburg 1877, angez. Ton J. Zeehuieister 

148—149 

: r j r*k J ), De äocrate marito patreque fanüliaa. Progr. de» Gymn. 
au RadDlfiwert 1877, angez. Ton J. Wrobel 547 

C-?I Ti, Din Systeme ton Kegelschnitten, welche aas der allge* 
aäam Gfcirhnng des zweiten Grades mit iwei veränderlichen 
inxsn Smrunrung variabler Cbeffirienten hervorgehen. Progr. der 
«j beneaüadm ie in Klagenfurt 1877, angez. Ton J. G. Wallentin 704 

Orxecha w s ki (L.). Ueber den Agricola des Tacitus (Polnisch! Progr. 
im G^rnn. in Rzeszow 1877» angez. von J. Wrobel uud lskr- 
itc ki 548» 780 

Paatlt K-„ Die Eigenschaften der Bernouillischen Zahlen (öechischX 
Pngr. des akadem Gran- in Prag 1877. angei. von F. Kolätes: 

Pamir (F.), Nene Beitrage xnr Kritik des Horaxscholiasten Por- 
pÄTrkHL Proer. des Gvmn. in Eger 1877, angez. von 0. Keller 956 

Pelnaf (IL), Die Grundlage der Determinantenlehre für Deter- 
nwnanten 2. und 3. Grades (cechisch). Progr. des Commnnalgymn. 
in Pribcam 1877, angez. von F. Koliftek 708 

Petschar (F. IL), De satira Horatiana. Progr. des Gymn. in Rudolfs- 
werth 1878, angez. von 0. Keller 956 

Petelen z (K.), Albrecht's von Haller Bedeutung für das Aufkommen 
einer neuen bessern Zeit in der deutschen Dichtung. Progr. des 
Gymn. in Jaslo 1877, angea, von R. von Muth 714 

Piek (H.), Ein neues Tellurium. Progr. des Gymn. in Saliburg 1877, 
angea, von J. G. Wallentin 700 

Pogatscher (A.), Th. von Karaian's Index zu J. Grimma deutschen 
Bechtsalterthfimern. Progr. der Oberrealschule in Saliburg 1877, 
angez. von R. von Muth 708—709 

Prasek (W.), Die cechische Sprache im Troppauer Gebiete (Sechisoh). 
Progr. desslav. Gymn. in Olmütz 1877, angez. von F. Gotthard 

559-660 

Richter (E.), Die historische Geographie als Unterrichtsgegonstand. 
Progr. des Gymn. in Salzburg 1Ö77, angez. von J. Losorth 284 

Sarah aber (E.), Das Ludwigsliea. Progr. dos Gymn. in Freistadt 
(Oberösterreich) 1877, angez. von R. von Muth 711 

Sehmidtmayer (WO, Construction eines Kreises, welchen eine 
Gerade und eine Curve zweiten Grades, die durch ihre Axe ge- 
geben ist, berührt. Progr. der deutschen Realschule in Pilsen 
1877, angez. von J. G. Wallentin 700 

Schober (K. J.), Welche Unterstützung kann und soll das Eltern- 
hans dem Gymnasium gewähren? Progr. des Gymn. in der Josef- 
stadt 1877, angez. von J. Nahrhaft 716-717 



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XVI 

Seite 

Schwarz (J.), Herzog Friedrich IL der Streitbare von Oesterreich 
in seiner politischen Stellung zu den Hohenstanfen und den 
Pfemysliden. Progr. des Gymn. zu Saaz 1877, angez. von A. 
Bachmann 388—389 

SedlaSek (A.), Wie haben sich die Grenzen Böhmens und Nieder- 
österreichs bis zu ihrer festen Gestaltung verändert? (Sechisch). 
Progr. des Gymn. in Tabor 1877, angez. von A. Bach mann 389 

Spille r (R.), Ueber Beziehungen des Galvanismus zur theoretischen 
Chemie. Progr. der Oberrealschule in Marburg 1877, angez. von 
J. G. Wallentin 706 

Stieglitz (Th.), Platon's Ideen in der Metaphysik A. Schopenhaner's. 
Progr. des Gymn. in Prachatitz 1877, angez. von A. Meinong 550 

Tesaf (J.) v Zur methodischen Behandlung des mathematischen 
Unterrichtes in der 2. Maschinenbauciasse der höheren Gewerbe- 
schule. Progr. der Gewerbeschule in Brunn 1877, angez. von 
J. G. Wallentin 705-706 

Tupec (Th.), Ueber die Methode des Unterrichtes in der Geschichte. 
Progr. der deutschen Lehrerbildungsanstalt in Prag 1877, angez. 
von J. Loserth 233 

Unterberger (L.), Die syntaktischen Gräcismen bei Horaz. Progr. 
des Gymn. in Brilon 1877, angez. von 0. Keller 954-^955 

Wallentin (F.), Das Öechnen mit Decimalbrüchen. Progr. des 
Communalgymn. in Mariahilf in Wien 1877, angez. von J. G. 
Wallentin 695 

Weyr (F.), Ueber Aehnlichkeit, Gleichheit und Congruenz der Dinge 
Überhaupt und geometrischer Gebilde insbesondere. Progr. der • 
ersten deutschen Realschule in Prag 1877, angez. von J. G. 
Wallentin 700—701 

Weyrich (C), Die Principien der Reliefperspective. Progr. des 
Gymn. in Kruinau 1877, angez. von E. Koutn^ 469—470 

Würfl (Ch.), Das Ende Kaiser Friedrich des Ersten. Progr. des 
ersten deutschen Gymn. in Brunn 1877, angez. von J. Loserth 231 

Zambra, l'epistola d* Orazio ai Pisoni söpra F Arte poetica. Com- 
mento 1. Progr. des Gymn. in Trient 1878, angez. von 0. Keller 

953-954 

Zv§Hna (F.), Die private Thätigkcit österreichischer Zeichenlehrer. 
Progr. der Unterrealschule im 5. Bezirke (Margarethen) in Wien 
1877, angez. von J. Was t ler 469 

Von unbekannten Verfassern: 

Ueber den Dativ im Cechischen (cechisch). Progr. des slav. Gymn. 
in Brunn 1877, angez. von F. Gotthard 555—557 

Auflösung von transcendenten Gleichungen und Anwendungen der- 
selben auf einige geometrische Beispiele. Progr. des Gymn. in 
Cilli 1877, angez. von J. G. Wallentin 698 

Lehrbücher und Lehrmittel S. 153—154, 311-312, 471-472, 781-784, 

958. 



Fünfte Abthellung. 

Erlässe, Verordnungen. 

Erlass des Min. für C. und U. vom 3L Dec 1877, betreffend die 
Veranschlagung der im Jahre 1879 zu gewärtigenden besonde- 
ren Erfordernisse 155 

Erlass des Min. für C. und U. vom 24. Jänner 1878, betreffend die 
Anwendung der Vorschriften über die Ueberachreibung der 
Stempelmarken 155 



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xvn 

8eifc 

Verordnung des Min. für C. und ü. vom 19. März 1878, betreffend 
den Unterricht im Orgelspiel an den Lehrerbildungsanstalten 313 

Erlass des Min. für C. und ü. vom 7. April 1878, betreffend die Auf- 
nahme von Schülern in die unterste Gasse der Mittelschulen 313 

Verordnung des Min. für C. und ü. vom 6. Mai 1878, betreffend die 
Zulassung von Frauen zu Vorlesungen an den Universitäten 390—391 

Erlass des Min. für C. und U. vom 2. Mai 1878, wornach Zuschriften 
an die mit dem k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie 
verbundenen Institute an den Director des Museums zu richten 
sind 391 

Erlass des Min. für 0. und U. vom 23. Mai 1878, betreffend die Re- 
galierang des Beneficienwesens an der evangelisch-theologischen 
Pacultät in Wien 391 

Erlass des Min. für C. und U. vom 18. Juni 1878, eine Instruction 
über einzelne Puncte des Maturitätsprüfungswesens an Gymna- 
sien und Realschulen enthaltend 391 

Verordnung des Min. für C. und U. vom 14. Juni 1878, betreffend 
die Lehrmitteldotation für Staatsgymnasien und Realschulen 473 

Verordnung des Min. für C. und U. vom 22. Juni 1878, betreffend 
einen Lehrplan für den Unterricht im Violinspiel an den Lehrer- 
bildungsanstalten 474 

Erlass des Landesvertheidigungsministeriums vom 9. Mai 1878, über 
die Heranziehung von Professoren, Supplenten und Studierenden 
an öffentlichen Lehranstalten zur periodischen Waffenübung in 
der Ferienzeit 785 

Gesetz vom 22. Juni 1878, betreffend die Regelung der Personal- und 
Dienstesverhältnisse der der bewaffneten Macht angehörigen Civil- 
staatsbediensteten 785 

Verordnung des Min. für C. und U. vom 12. Juli 1878, betreffend 
die Regelung des Prüfungs- und Zeugniswesens an den techni- 
schen Hochschulen 785 

Erlass des Min. für C. und U. vom 14. Juli 1878, betreffend den 
Vorgang bei der Wahl der Mitglieder des akademischen Senates 
and der Wahlmänner für die Rectorswahl 785 

Erlass des Min. für C. und U. vom 15. Juli 1878, betreffend die Er- 
satzwahlen für den akademischen Senat 785 

Erlass des Min. für C. «und U. vom 9. August 1878, betreffend die 
Aufhebung der Sectionscollegien an der Hochschule für Boden- 
cultur 786 

Verordnung des Min. für C. und U. vom 18. August 1878, betreffend 
die Taxen für die Prüfung der wissenschaftlichen Befähigung zum 
Lehramte an Gymnasien, Realschulen und Handelsschulen 786 

Verordnung des Min. für C. und U. vom 18. August 1878, betreffend 
die Taxen für die Prüfung der Befähigung zum Lehramte des 
Turnens und der Musik an Mittelschulen und Lehrerbildungs- 
anstalten, so wie der Stenographie an Unterrichtsanstalten über- 
haupt 786 

Erlass des Min. für C. und U. vom 14. Sept. 1878, betreffend die 
Nichteinrechnung der auf die Seminarübungen an der philoso- 
phischen Facultät entfallenden Stunden in das gesetzliche Mi- 
nimum der Collegienstunden 786 

Erlass des Min. für C. und U. vom 22. Sept. 1878, betreffend die 
Vergünstigungen, welche den zur activen Militärleistung ein- 
berufenen Studierenden der Universitäten, technischen Hoch- 
schulen und der Hochschule für Bodencultur gewährt werden 786 

Erlass des Min. für C. und U. vom 17. Juli 1878, betreffend die 
Umwandlung von 19 Realgymnasien in reine Gymnasien unter 
Beibehaltung des Zeichnens als obligaten Gegenstandes 786 

2 



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XVUI 

Seit« 

Verordnung des Min. für C. and U. vom 21. Sept. 1878, betreffend 
die Maturitätsprüfungen, welchen sich Frauen zu unterziehen 
beabsichtigen 959 

Erlass des Min. für C. und IL vom 6. Oct. 1878 an den Landesschulrath 
von Kärnten, betreffend die Ausstellung von Abgangszeugnissen 
und die Wiederaufnahme der von einer Mittelschule im Laufe 
des Semesters ausgetretenen, Schüler 959—960 

Erlass des Min. für C. und ü. vom 27. Oct. 1878, betreffend das Frei- 
handzeichnen auf der ersten Unterrichtsstufe an Mittelschulen 960 

Erlass des Min. für C. und ü. vom 30. Oct. 1878, betreffend die An- 
rechenbarkeit der an der Agramer juristischen Facultät zurück- 
gelegten Rechtsstudien 960—961 

Verordnung des Min. für C. und U. vom ^. Nov. 1878, betreffend die 
halbe Schulgeldbefreiung an Mittelschulen 961 

Erlass des Min. für C. und U. vom 14. Dec. 1878, betreffend die 
Ordnung der Ferien an der Universität Gzernowitz 961—962 

Erlass des Min. für C. und U. vom 28. Dec. 1878 an den k. k. evang. 
Oberkirchenrath, betreffend die kirchliche Aufsicht über den evang. 
Religionsunterricht 962 

Errichtung einer wissenschaftlichen Realschulprürungscommission in 
Brunn 475 

Errichtung einer ausserordenÜ. Professur der Ingenieurwissenschaften 
am öechischen polytechnischen Institute in Prag 787 

Errichtung einer Prüfungscommission für das Lehramt des Turnens 
an Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten in Prag 962 

Errichtung, Vergrößerung und Auflassung von Mittelschulen, Ge- 
währung des Rechtes der Oeffentlichkeit für Communal- Mittel- 
schulen, s. Raudnitz (314), Siny, Krainburg, Freudenthal, Saaz, 
Wien (4. Bezirk) (475), Neutitschein (786), Rokycan, Pilgram, 
Krumau (787), Pilgram, Taus (962). 

Zuweisung der Votivkirche als Kirche der Univ. Wien nach deren 
Uebersiedlung in das neue Gebäude 786 

Personal- und Scbulnotizen. 

Ernennungen 155-157, 314—816, 393—394, 475-477, 787—797, 962-968 
Auszeichnungen 157, 316-317, 394, 477, 797-798, 968-970 

Nekrologie 158-160, 317-319. 395-896, 477—478, 798-800, 970—971 
Nekrolog. 0. Koren von K. Holzinger 237—239 

Nekrolog. Dr. H. Mitteis von M. Wretschko 397—399 

Nekrolog. K. Tömaschek von K. Schenkl 879—896 

Verzeichnis der beim österreichischen Comite' zur Gründung einer 

Diez-Stiftung eingegangenen Beträge 240, 820 

33. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner im J. 1878 319 
51. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte im J. 1878 480 
Entgegnung von J. Gebaue r (als besondere Beilage) S. 1—12 (nach 

8. 320) 
Entgegnung von J. Im el mann und Erwiderung von R. M. Wer- 
ner 400 
Entgegnung von S. Prem und Erwiderung von M. Gitlbauer 

478-480 
Entgegnung von I. Prammer und Erwiderung von Schweizer- 

8idler 971-973 

Entgegnung von W. Henke und Erwiderung von J. G. Wallentin 

973 _ Q7(5 

Edlinger's Literaturblatt 480 

Berichtigungen 815, 986. 



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Erste Abtheilung. 

Abhandlungen. 

Ueber die Composition von Horaz Od. I, 7. 

Es kann nicht meine Absicht sein in diesem kleinen Anfsatze 
inf alle Ansichten, welche über dieses Gedicht ausgesprochen worden 
änd, näher einzugehen. Namentlich gedenke ich nicht die wiederholt 
angeregte Frage zu erörtern , ob diese Ode ein Ganzes sei oder aus 
rnei unvollständig erhaltenen Gedichten bestehe , zumal mir die für 
die letztere Annatime vorgebrachten Gründe schon von Anderen ge- 
nügend widerlegt zu sein scheinen. Ehe man zu einem solchen Aus- 
wege schreitet und, wie Meineke treffend bemerkt, statt eines voll- 
kommenen nnd in sich abgeschlossenen Gedichtes zwei statuiert, 
deren einem das Ende, dem anderen der Anfang fehlt, muss man 
doch zuerst zu ergründen versuchen , ob nicht die Composition dieser 
Ode, wenn man sie als ein Ganzes fasst, befriedigend erklärt werden 
kann. Wenn Porphyrio zu v. 15 bemerkt: Hanc odam quidam aliam 
putant esse , so ist dies nur ein ßeweis , dass das Verständnis der 
Composition einigen Grammatikern Schwierigkeiten machte. Doch 
geht ans der Note des Porphyrio wie aus der Tradition in den Hand- 
schriften , welche unsere Ode in zwei Theile zerlegen , hervor , dass 
auch diese Grammatiker beide Gedichte an den Munatius Plancus 
gerichtet dachten. Und dies spricht wieder dafür, dass ursprünglich 
die Ode als ein Ganzes überliefert war. Aber die Tendenz und Com- 
position des Gedichtes scheinen mir noch nicht befriedigend erklärt 
and so dürfte ein neuer Versuch die Schwierigkeiten, welche sich uns 
hier entgegenstellen, zu lösen nicht überflüssig sein. 

Man nimmt gewöhnlich an, dass Horaz in diesem Gedichte dem 
Plancus empfehle, wenn er sich schon aus dem öffentlichen Leben 
zurückziehen und Born verlassen wolle, nicht eine ausserhalb Italiens 
gelegene Stadt, sondern das heimische Tibur zum Aufenthalte zu 
wählen. Zu dieser Annahme hat wol vor Allem das Paradeigma des 
Teucer , der sein Vaterland verlassen muss und eine neue Heimat 
sacht, Anstoss gegeben. Prüfen wir nun, inwiefern das Gedicht zu 
einer solchen Vermuthung Anlass bietet. 

In der Mitte desselben, in dem eigentlichen Brennpuncte stehen 
die Worte: seu te fulgentia signis castra tenent. Diese Worte kön- 



Z«itochrift f. d. fetorr. Gymn. 1878. I. Heft. 



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2 K. Schenkl, Ueber die Composition von Horaz Od. I, 7. 

nen, besonders wenn man den Gegensatz von tencnt und dem folgen- 
den tenebit ins Auge fasst, doch nur so erklärt werden, dass Horaz 
den Plancus gegenwärtig im Lager weilend denkt. Dies ist auch 
schon von einigen Erklärern mit Recht bemerkt worden. Wenn 
Andere bei tenent im Gedanken rursus aliquando ut antea saepe 
ergänzen wollen , so hat dies wegen des Gegensatzes zu tenebit keine 
Wahrscheinlichkeit. In dem tenebit spricht sich offenbar die Hoffnung 
aus den Freund bald in dem heimischen Tibur begrüssen zu können. 
Wir müssen daher die Stelle also erklären : Magst du wie jetzt in dem 
Lager weilen oder, wie ich es sehnlich erwarte, in dem uus beiden 
so theuren Tibur. Die Worte fulgentia signis castra lassen eine 
doppelte Auslegung zu. Entweder ist fulgentia signis ein blos zur 
Ausschmückung bestimmtes Epitheton; dann kann man annehmen, 
dass Plancus sich in dem Lager als Unterbefehlshaber oder auch in 
der Cohors des eigentlichen Feldhern befindet; oder es liegt in diesen 
Worten , welche auf das praetorium , wo die aquilae standen, hinwei- 
sen, die Andeutung, dass Plancus selbst an der Spitze eines Heeres 
zu denken ist. 

Betrachten wir nun die historischen Daten über Muuatius 
Plancus, welche Drumann IV, 207 ff. zusammengestellt hat. Leider 
sind dieselben unvollkommen und lückenhaft. Wir müssen aber doch 
versuchen die historische Ueberlieferung , soweit sie reicht , für die 
Erklärung unserer Ode zu verwerthen. Plancus war nach dem Peru- 
sinischen Kriege zu Antonius geflohen, dem er als Legat diente; im 
J. 40 n. Ch. verwaltete er für ihn die Provinz Asien, 35 Syrien. Was 
er sonst noch als Legat für Dienste geleistet hat , wissen wir nicht. 
Als er sah , dass das Treiben des Antonius zu dessen Untergang 
führen müsse, verliess er denselben im J. 32 und begab sich zu Octa- 
vian. Dieser nahm ihn gerne auf, da er von ihm vielfach Nutzen 
ziehen konnte , behandelte ihn aber so , wie es der wankelmüthige, 
treulose Mann verdiente. Alle Schmeicheleien, zu welchen der Höfling 
Plancus griff, vermochten an der kühlen Zurückhaltung des Octavian 
nichts zu ändern. Nach allem dem ist es schwer anzunehmen , dass 
Octavian den Munatius Plancus in militärischen Dingen verwendet 
habe. Als tüchtiger General hatte er sich nie bewährt , Vertrauen 
verdiente er nicht. Selbst in seine Cohors wird Octavian einen solchen 
Mann nicht gezogen haben; es passte ihm viel besser, wenn derselbe 
in Rom blieb als wenn er ihn auf einem Feldzuge begleitete. Wie man 
daher behaupten kann, die Ode müsse geschrieben sein, als Plancus 
schon zu Octavian übergetreten war (Franke fast. Hör. p. 149) , ver- 
mag ich nicht zu begreifen. Damit werden nun auch all die anderen 
Vermuthungen, die man daran geknüpft hat, hinfallig. Plancus, so 
sagt man, habe sich, da er wegen seines Wankelmuthes bei Octavian 
verdächtig geworden sei , von der Politik zurückgezogen und an ein 
freiwilliges Exil in Griechenland oder Asien gedacht; Horaz miss- 
billige seinen Entschluss nicht unbedingt, rathe ihm aber eine der 
anmuthigen Städte Italiens zum Wohnsitz zu wählen und suche zu- 



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K. Schenkt, Ueber die Compositum von Horaz Od. I, 7. 8 

gleich ihm in seinem Unmuthe Trost zuzusprechen (Schütz S. 23). 
Alles drängt vielmehr dazu anzunehmen/ dass die Ode vor 32, also 
ehe Plaucus die Partei des Antonius verliess, geschrieben ist. Darnach 
roüsste dieselbe allerdings zu den älteren Oden des ersten Buches ge- 
hören. Die freilich nur mit Reserve ausgesprochene Behauptung 
Franke's (p. 53), dass die ersten Oden nach dem Jahre 31 entstanden 
seien, ist ja ohnehin schon längst bekämpft und mit Recht verworfen 
worden. 

Die Worte: sie tu sapiens finirc memento tristitiam ritacque 
laborcs molli, Plance, mero scheinen auf den ersten Blick wenig 
Anhaltspuncte für eine Erklärung zu bieten. Der Dichter bewegt sich 
hier absichtlich in allgemeinen Ausdrücken und will offenbar die 
Sache als eine heikle nicht näher berühren. Wenn mau aber die vor- 
hergehende Erörterung, die Worte seu densa tenebit Tiburis umbra 
tui und dann das Paradeigma des Teucer in Betracht zieht, so möchte 
man vermuthen, dass mit tristitiam und dem zur Erklärung beigefüg- 
ten titaeque labores die Misshelligkeiten angedeutet sind, welche 
dem endlichen Bruche des Plancus mit Antonius vorangiengon. Plau- 
ens hatte sich als glatter Höfling den Launen der Kleopatra vollkom- 
men gefügig gezeigt; er spielte den Schiedsrichter bei dem bekannten 
Wettstreite in der Ueppigkeit der Tafel (Plin. N. H. Villi, 58, 121) 
und tanzte, er der Consular, sogar als Pantomime den Glaucus vor der 
Tafel (Vell. II, 83). Als sich aber die Anzeichen der von Octavian 
drohenden Gefahr offenbarten, änderte er sein Verhalten. Er warnte 
den Antonius es nicht so weit zu treiben und schliesslich , als schon 
der Krieg unmittelbar bevorstand , verlangte er die Entfernung der 
Deopatra; aber er draug nicht durch und gieng nun zu Octavian 
über (Plut. Ant. 56, 58, Dio Cass. I, 3). In diese Zeit, als schon der 
Bruch bevorstand und auch beiderseits Vorbereitungen zum Kriege 
getroffen wurden, scheint unsere Ode zu fallen. Sie ist eine Antwort 
auf einen Brief des Plancus. der sich damals im Lager befand, im 
Auftrage des Antonius mit Rüstungen beschäftigt. In diesem Briefe 
wird Plancus seiner Stimmung, wahrscheinlich auch nur in allge- 
meinen Worten Ausdruck verliehen haben. Der Dichter antwortet in 
Reicher Weise. Er räth ihm seinen Gram und des Lebens Mühen im 
Weine zu begraben. Das finire darf man nicht urgieren ; es bedeutet 
eben so wenig 'für immer zu enden' als mit den Worten 'und vergiss 
den herben Schmerz* in Schiller 's Siegesfest ein immerwährendes 
Vergessen angedeutet wird. Auch erhellt dies aus dem zur Erklä- 
rung vorausgeschickten Gleichnisse, in dem besonders die Worte 
neque parturit imbres perpettto bedeutsam jene Pausen bezeichnen, 
wo der Wein in selige Vergessenheit wiegt; denn, um mit Schiller zu 
sprechen, so lang die Lebensquelle schäumet an der Lippen Rand, 
ist der Schmerz in Lethes Welle tief versenkt und festgebannt. M 



') moUi ist natürlich Ablativ und nicht, wie es neuerdings wieder 
SchüU fassen will, Imperativ. Dass in der Verbindung tristitiam titaeque 



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4 K. Schenkt, Ueber die Composition von Horaz Od. I, 7. 

Aber der Dichter gibt seinem Freunde nicht blos ein Mittel an , wie 
er seinen Schmerz für Augenblicke zur Ruhe bringen kann, sondern 
er deutet ihm verstandlich genug an , was er unter den obwaltenden 
Verhältnissen thun müsse. Es geschieht dies erstlich durch die 
Worte : seu densa tencbit Ttburis umbra tut , welche, wie gesagt, 
die Hoffnung aussprechen den Freund bald auf italischem Boden be- 
grüssen zu können. An und für sich liegt in diesen Worten nichts, 
was auffallen könnte. Plancus wird wol während seines Aufenthaltes 
bei Antonius mehrfach nach Italien gekommen sein und dabei gewiss 
nicht versäumt haben sein geliebtes Tibur zu besuchen. Noch war 
damals der Bruch zwischen Octavian und Antonius nicht erfolgt. 
Horaz konnte also, wie sonst, einen Besuch des Plancus erwarten. 
Aber fasst man die ganze Situation ins Auge , so sieht man , dass 
Horaz in Voraussicht dessen, was kommen musste , seinem Freunde 
den Rath gibt die Partei des Antonius zu verlassen und sich nach 
Tibur zurückzuziehen. Wir müssen den Dichter gegen den Vorwurf 
in Schutz nehmen , dass er mit diesem Rathe den Plancus zu etwas 
Ungebührlichem verleiten wollte. Wenn Plancus die Sache des wahn- 
sinnigen Antonius verliess und sich nach Italien in die Stille des Pri- 
vatlebens zurückzog , so lag in einer solchen Handlungsweise nichts, 
was ihm zur Schande gereichen konnte. Etwas ganz anderes war die 
Rolle, welche der ehrgeizige Mann bei Augustus spielte. Dann ist der- 
selbe Rath auch in dem naQdöeiy^ia des Teucer angedeutet. Schein- 
bar ist dasselbe blos zur Erläuterung der Worte: sie tu sapiens. . . . 
angeführt, wornach das verbindende Medium in uda Lyaeo tempora 
läge. Doch enthält es gewiss eine tiefere Bedeutung. Die Parallele 
zwischen Teucer , der Vater und Vaterland fliehen muss, der muthig 
hinaussteuert, um sich eine neue Heimat zu gründen, und Plancus, 
der den Antonius und seine Machtstellung verlassen soll, um eine 
Ruhestätte in Tibur zu finden, liegt doch klar am Tage. Horaz ruft 
ihm zu, er möge nur muthig den Schritt wagen , indem er ihm zu- 
gleich andeutet , dass Octavian ihm nichts in den Weg legen werde. 
Nach dieser Erörterung erübrigt nur noch den Zusammenhang 
des ersten und zweiten Theiles in diesem Gedichte darzulegen. Der 
Dichter beginnt damit , dass er Tibur den Preis vor allen anderen 
Landschaften zuerkennt. Er thut dies , indem er Tibur mit vielen 
Orten, welche eben so sehr durch ihre landschaftliche Schönheit als 
durch die grossen historischen Erinnerungen , die sich an sie knüpf- 
ten, berühmt waren, vergleicht. Diese Vergleichung ist keineswegs 
überflüssig, sondern sie dient dazu die Schönheit von Tibur hervorzu- 
heben und hatte für die reiselustigen Römer jener Zeit viel Anziehen- 



labores molli meto finire nichts auffalliges liegt, ist schon bemerkt wor- 
den; moüi kann aber schwerlich so wie Verg. Georg. I, 341 gefasst 
werden, weil hier ein Gegensatz wie aspero nicht vorschwebt; es wird 
daher, wie dies schon längst geschehen ist, activ gefasst werden müssen 
gleich einem molliente oder Uniente. Die Aehnlichkeit unserer Stelle mit 
1, 18 ; 3 ff. ist mehrfach in den Commentaren bemerkt. 



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A. ZingerU, Mythos von der Bergeaufthünnung. 5 

des. Man vergleiche die 11 Epistel des ersten Buches und Unger de C. 
Vilgii Bufi poematis p. 371 f. Indem der Dichter Tibur den Preis 
zuerkennt, bewährt er sich als echter Sohn Italiens, wie denn auch 
Plancus, obwol er jene anderen Herrlichkeiten oft genug gesehen hat, 
diese Gefühle theilt und sie nun auch durch die That bewähren soll. 
Der Zusammenhang der beiden Theile wird also, wie übrigens 
schon Peerlkamp hervorhebt, durch die Worte: Me .... Tiburni 
lueus im ersten und Tiburis umbra tut im zweiten Theile vermittelt. 
Wie jene Vergleichung das Lob Tiburs verdeutlicht, so dient das Pa- 
ndeigma im zweiten Theile zur Illustration des gegebenen Eathes. 

Man sieht, dass das Gedicht also aufgefasst als ein vollkommen 
abgeschlossenes, wol gerundetes Ganzes erscheint und durchaus nicht 
den Tadel verdient, den es so oft ungerechter Weise erfahren hat. 

Wien. Karl Schenkl. 



Zur Behandlung des Mythos von der Bergeauf- 
thünnung bei römischen Dichtern. 

Ich habe in dieser Zeitschrift 1874 S. 594 gelegentlich im 
Rahmen einer Besprechung auch ein Paar Stellen aus späteren röm. 
Dichtern ins Gedächtnis gerufen , wo die eigentlich der Aloidensage 
zugehörige, dann aber bei der bekannten Verwechslung (vgl. Preller- 
Plew griech. Mytb. I, 82) auch auf die Titanen- und Giganten- 
kämpfe übertragene Bergeaufthünnung erwähnt oder auf dieselbe an- 
gespielt wird (Senec. Thyest. 812 Agam. 343 P. R. Claudian. IV. 
Cons. Hon. 108 Laud. Stil. I, 11) und es wurde daraus schon zu- 
nächst ersichtlich , dass die in neuerer Zeit auch schon aufgetauchte 
Meinung von vorwiegender oder vollständiger Aufrechthaltung der bei 
Homer Od. I 315 und Apollodor I, 7 vertretenen Aufzählung und 
Anordnung der Berge (Olymp, Ossa, Pelion) für die römischen Dich- 
ter in weiteren Kreisen nicht haltbar, dass daher die bereits bei Ver- 
gü (Georg. I, 281) sich findende Abweichung von derselben (Pelion, 
Ossa, Olymp) nicht vereinzelt und darum an ein Verderbnis der 
Stelle nicht zu denken, im Ganzen also die einst von Burman ge- 
machte und nach ihm öfter wiederholte (s. zuletzt Nauck zu Hör. 
Carm. III, 4, 51) Bemerkung von dem diesbezüglichen Schwanken 
bei röm. Dichtern wirklich richtig und bei Behandlung derartiger 
Stellen im Auge zu behalten ist. Ich theile hier, da dort für ein nähe- 
res Eingeben nicht mehr der Platz war, andererseits aber die in äl- 
teren und neueren Commentaren auch auf diesem Gebiete trotz man- 
cher Weitschweifigkeit mehr nur fragmentarische Berührung, die 
•ben solche Missverständnisse auch in neuester Zeit noch begreiflich 
macht, einen kurzen beurteilenden Gesammtüberblick nicht unnütz 
erscheinen lässt, noch einige weitere Bemerkungen und Stellen mit, 
<Uren Verbindung mit den in meinen Ovidstudien für die früheren 
Dichter (vgl. Ovid u. s. Verhältnis I, 118 II, 62 III, 13) und den 



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A. Zingerle, Mythos von der ßergeaufthürmung. 

oben aus späteren angeführten ein für richtige Beurtheiluug dieses 
Gebietes und mancher seiner Einzelheiten ergiebigeres und übersicht- 
licheres Material liefern und einige Zweifel passender beseitigen 
dürfte, als dies bisher geschehen ! ). Vgl. noch Ciris 33 Qui prius, 
Ossaeis consternens aethera saxis, Emathio celsum duplicarat vertice 
Olympum Senec. Herc. für. 976 P. R. Videat sub Ossa Pelion Chiron 
suum. In caelum Olympus tertio positus gradu Perveniet aut mitte- 
tur Herc. Oet. 1156 Iara thessalicam Pelion Ossam Premet et Pindo 
congestus Athos Nemus aethereis inseret astris Lucan. VI, 411 In- 
seruit celsis prope se cum Pelion astris Sideribusque vias incurrens 
abstulit Ossa (wo übrigens bezüglich der Phrase die sichtlich auf- 
fallende Berührung mit der Stelle Herc. Oet. nebenbei in anderer Be- 
ziehung wol interessant) Lucil. Aetn. 49 Pelion Ossa terit, summus 
premit Ossan Olympus Stat. Silv. III, 2, 65 summae gelidum quae 
Pelion Ossae Iunxit anhelantemque iugis bis pressit Olympum Theb. 
VIII, 79 frondenti quam iungere Pelion Ossae Theb. 10, 851 nee 
adhuc inmane veniret Pelion et trepidum iam tangeret Ossa Tonan- 
tem Mart. VIII, 36, 6 Thessalicum brovior Pelion Ossa tulit. 

Ueberblicken wir alle so auf eine bedeutende Zahl ergänzten 
Dichterstellen und reihen daran noch zwei, wie mir scheint, für unser 
Thema auch nicht ganz werthlose Prosastellen Hygin. fab. 28 mon- 
tem [enim] Ossam super Polion posuerunt Pomp. Mela II, 3 hinc 
non longe est Olympus Pelion Ossa, montes Gigantum fabula bello- 
que memorati , so sehen wir in diesen Schwankungen geradezu auch 
im weiteren Verlaufe eine nicht zu verachtende Vertretung der unter 
den Augusteern, wo sonst allerdings im Erhaltenen die homerische An- 
ordnung stark vorherrscht, bei Vergil begegnenden Gruppierung (z. B. 
ganz vollständig durchgeführt im Herc. f. des Seneca, im Agam. und 
bei Lucil.; dieselbe Anordnung zwar nicht von der Aufthürmun^, 
sondern vom Schleudern auch bei Sidon. Apollin. 354 p. 697 Mign.) 
und halten wir dazu , wie auch bei blosser Nennung des Ossa und 
Pelion dazwischen doch auch wieder ersterer über letzteren gesetzt 
wird (vgl. Burman zu Lucan 1. c.) und diese Anschauung auch in 
den Fabulae des Hyginns hervortritt, deren mehrfaches Verhältnis 
auch zu griechischen Quellen bekannt ist (vgl. Teuffei R. L. 3 568), 
und dassMela's gerade durch die so starke Hervorhebung der Erwäh- 
nung dieser Berge in den Schilderungen des Gigantenkam- 
pfes für uns wol auch noch beachtenswerthe Stelle in reiner Auf- 
zählung von der geographischen Folge eigentümlich abweichend die 
Wortstellung Olympus Pelion Ossa bietet 2 ), welche den Pelion jedes- 

f ) Wie nicht selten man hier in der Kritik seit den Holländern 
bis in die neuere Zeit gerade auch durch Beschränkung auf einige nahe- 
liegende Lieblingsparallelstellen zu unnöthigen Vermuthungen kam, Hesse 
sich durch mehrere Beispiele belegen und es wären dabei auch Namen wie 
die eines Heinsius und Markland zu nennen. 

') So auch dann, aber ohne die Anspielung, Martian. Cap. p. 222, 
1D Eyss. in Thessalia montes notissimi Olympus Pelius Ossa. Oebrigens 
ebenfalls aufzählend dieselbe Stellung fOXiftnov nr\Xiov "Oooav) auch 
bei Strabo 208 Mein. ; anders aber z. B. 329 fin. 



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A. Zingerle, Mythos von der Bergeaafthürraung. 7 

falls in die Mitte setzt and bei jener offen ausgesprochenen Reminiscenz 
an den Gigantenkampf ihre Erklärung naheliegend durch Einfluss 
einer ähnlichen Dichterformel selbst auf den Chorographen finden 
könnte, so ergibt sich wol auch , dass dieses Schwanken nicht etwa 
Mos Eigentümlichkeit der späteren römischen Dichter, oder auf 
blosse Einwirkung der nun gewiss gesicherten vergilischen Verse 
zurückzuführen sein dürfte , sondern bei der häufigen bald gelegent- 
lichen, wie an den erhaltenen Stellen, bald ausführlichen Berührung 
dieses Thema's in Dichtungen der Variation halber wol überhaupt 
nahe lag. Wäre uns mehr von jenen speciellen Dichtungen über Ti- 
tanen-, Aloiden-, Gigantenkämpfe , die ja bereits bei den augustei- 
schen Dichtern geradezu als fast sprichwörtliche Repräsentanten der 
epischen Dichtung genannt werden (vgl. mein Buch über Ovid I, 
118), die auch später fortwährend ihre Rolle spielten (vgl. Fried- 
länder Darst. a. d. Sittengeschichte III, 353; K. Schenkl z. Kritik 
spät. lat. Dichter S. 23) und in denen , nach Ovid Am. II, 1 zu 
schliessen, gewiss auch die Bergeauf thürmung häufig ausführlicher 
behandelt wurde, erhalten geblieben , so Hesse sich dieses an sich 
schon nahe liegende Variieren wol noch näher für die verschiedensten 
Epochen verfolgen. 

Aber wir können auch aus dem vorhandenen Material für D i c h- 
t erstellen noch einen weiteren interessanten Punct hervorheben, 
der da* Gesagte dadurch noch wahrscheinlicher machen dürfte, dass 
auch da bei vollständiger Erwähnung aller 3 Berge selbst noch eine 
sowol von der homerischen als von der vergilischen abweichende An- 
ordnung bereits für die augusteische Zeit nachweisbar scheint. Wenn 
nämlich die allerdings ziemlich unbeholfene und verschwommene 
Stelle Ciris 33 ff. doch kaum anders zu deuten als dass Typhon bei 
seinem Versuche den Aether mit den Felsen des Ossa zu bewerfen (vgl. 
Sillig's Bern, zu consternens) den Pelion auf den Olymp gestellt hatte 
(duplicarat ist wol sicher mit Bährens Ausg. des Catull Leipzig 1876 
S. 120 za lesen), also wol auf dem Olymp-Pelion den weiter darauf 
gethunnten Ossa in den Himmel schlendern wollte, wie es bei Senec. 
Hort. f. in anderer Ordnung vom Olymp als höchstem heisst in cae- 
Inm perveniet aut mittet ur, und Ciris wol sicher noch in die augu- 
steische Zeit fällt (vgl. Luc. Müller de re metr. p. 42), so haben wir 
tbeo schon für einen Dichter dieser Zeit auch noch die Ordnung 
Olymp , Pelion , Ossa belegt. Nehmen wir das Alles zusammen und 
fAgen dazu, dass die Annahme eines diesbezüglichen manchmaligen 
Schwankens selbst bei einem und demselben Schriftsteller an verschie- 
denen Stellen durchaus nicht undenkbar vielmehr z. B. durch die Stellen 
ans Seneca tragicus nahe gelegt scheint (die angeführte Leseart in 
Herr. Oet ist nach P. R. die bestüberlieferte; Beiträge zu den Grün- 
den , warum ich der Ansicht von einem verschiedenen Verfasser für 
Herc. Oet u. Agam. auch nicht beistimmen kann, habe ich gegeben 
in der Schrift zu spät, lat Dichtern S. 13 ff. und in dem Programm 
über die Behandlung der Höllenstrafen bei lat. Schriftstellern S. 8) 



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8 A. Zingerle, Mythos von der Bergeaufthüfmuog. 

und dass, was allerdings nur äusserlicb aber bei manchen Erfahrun- 
gen in der röni. Poesie vielleicht doch erwähnenswerth, in der Stel- 
lung im Hexameterausganfc auch bei verschiedener Anordnung- 
Pelion Ossae mit einziger Ausnahme der Stelle Vergils stereotyp ist 
(vgl. Statins und Claudian), so ist es wol nicht zu gewagt, auch bei 
Ovid ein solches Schwanken als gut möglich anzunehmen, an der 
vielbesprochenen Stelle Met. 1, 155 die beste Ueberlieferung excus- 
sit subiecto Pelion Ossae im Texte zu halten, wie es unter den Neue- 
ren Merkel und Riese gethan, und ohne gekünstelte Erklärung" 
bei sonstigem so bedeutendem Wechsel auch in der Combination Ossa, 
Pelion Olymp nun nichts gar so Befremdliches mehr zu erblicken, um 
so eher, da Ovid auch sonst bekanntlich im Mytholog. nicht ungerne 
nuanciert, Pelion in der Aufzählung uns auch sonst schon in der 
Mitte begegnete und Pelion und Ossa unter sich auch wiederholt in 
der Stellung verwechselt werden. 

Von Einzelbeobachtungen in formeller Beziehung können auf 
diesem Gebiete ausser dem bereits gelegentlich über Seneca trag, 
und Lucan Angefügten l ) etwa noch angemerkt werden, dass unter 
den Augusteern Anschluss an die homerische Ausdrucksweise am 
meisten bei Vergil trotz seiner Abweichung von der Anordnung (sunt 
conati imponere pefiaoav M^iev vgl. frondosum dvooiyvXlov), Horaz 
(tendentes imposuisse), Properz (ut caeli Pelion esset iter %v ovqcl- 
vbq dfxßcrvog el'rj) sich zeigt, dass in der Wahl der Verba dann 
bei einzelnen Schriftstellern gewisse Lieblingsgebräuche hervortreten 
z. B. premere bei Senec. trag. (Thyest. Herc. Oet. Agam.), iungere 
bei Statius, dass Martial in seiner Pentameterbildung sichtlich auf 
Ovid zu weisen scheint (vgl. meine Schrift Martial Ovidstudien 
S. 18) und dass im Hexameterausgange ausser Pelion Ossae auch 
Ossan Olympus mehrfach eine Rolle spielt, durch welche Dinge eben 
auch hier wieder die ohnehin naheliegenden formellen Aehnlichkeiten 
öfter noch erhöht werden. 

Schliesslich bei dieser Gelegenheit noch für das Formelle die 
allerdings streng genommen nicht mehr ganz hieher gehörige Bemer- 
kung, dass bei Anspielungen auf den Giganten kämpf oder dessen 
Darstellung das Wort gigantes naheliegend nach dem Vorgänge des 
Lucrez bis in die späteste Zeit auch für den Hexameterschluss ver- 
werthet und so Ursache auch mancher tiefer greifenden Anklänge 
wird z. B. Ov. Met. I, 152 Adfectasse ferunt regnum caeleste gigan- 
tas Sil. IX, 308 exstructis vidit cum montibus ire Magnanimos ra- 
ptum caelestia regna gigantas. 

Innsbruck. Anton Zingerle. 



') Vgl. dazu noch z. B. pinifer Olympus Senec. Agam. 347 pini- 
fer Ossa Lucan. I, 389. 



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J. Rohrmoser, Einige Stellen aus Xenophons Hellenika. 

Beitrag zum Verständnis einiger Stellen aus Xeno- 
phons Hellenika. 

Auf dem im J. 371 v. Chr. zu Sparta abgehaltenen Friedens- 
congress werden nach Xenoph. Hellen. VI, 3, 18 folgende Bestim- 
mungen vereinbart: rovg re dojttöovag Iy. tlov noketov i£ayeiv 
ta t€ OTQaroneda öialveiv xal rd vaivixa xai xa tz^iym rag 
u ircleig avzovo^ovg iäv el de zig rraoa ravra noiolrj, 
tov ufv ßüvljo^ievov ßot]$£?v zeug ädixovjttevatg 7toXeai , z(f> di 
pr t ßovh>f.tivitt {a eivai evoQxov oiytfiax&v zolg ddr/.ov/nevoig. Die 
Klausel, dass es jedem Compaciscenten freistehen soll , einer in ihren 
Rechten gekränkten Gemeinde Beistand zu leisten, dass aber Niemand 
durch den beschwornen Vertrag dazu verpflichtet sei, muss mit Recht 
Befremden erregen. Was nützen die schönsten Vertragsbestimmungen, 
wenn Niemand ffir die Durchführung derselben eine bindende Ver- 
pflichtung übernimmt, wenn es keine Instanz gibt, bei welcher der in 
seinem Rechte Gekränkte Schatz und Beistand findet? Auf den ersten 
Anblick möchte man demnach glauben, dass „durch diese Klausel der 
Friede thatsächlich zu einem Scheinfrieden, zu einem leeren Trugbilde 
wurde" (E. Curtius gr. Gesch. III , p. 296). Allgemein ist man der 
Ansicht, in der Klausel sei die Absicht ausgesprochen, alle älteren Ver- 
bindungen zum Zwecke der Heeresfolge also auch die peloponnesische 
aufzulösen* (Curtius III, p.297). Die Spartaner hätten dadurch auf das 
Recht verzichtet , die Heeresfolge der Bundesgenossen zwangsweise 
ra fordern. (Schäfer Dem. u. s. Z. I, p. 66). Doch dass die Absicht 
nkht in dem Vertrage gelegen sein kann, ergibt sich schon daraus, 
dass die Spartaner den Vertrag in ihrem Namen und in dem ihrer 
Bandesgenossen beschwören (Hell. VI, 3, 19) , ohne dass von Seite 
der Athener oder von irgend einer andern Seite dagegen ein Ein- 
spruch erhoben wurde. Was wurde eine Vertragsbestimmung für einen 
Werth haben, die schon bei der Ratification übertreten werden darf? 
Und für so stumpfsinnig wird man die athenischen Staatsmänner 
doch nicht halten dürfen, um anzunehmen, sie hätten sich über die 
Bedeutung der spartanischen Eidesabiegung getäuscht. Wenn an- 
dererseits die Athener auch zugeben, dass ihre Bundesgenossen ein- 
teln xtrror noletg den Vertrag beschwören , so bleiben sie nach wie 
vor ihre Bundesgenossen , sie verzichten damit keineswegs auf die 
Führung des von ihnen neubegründeten Seebundes. Athen bleibt 
auch förder Sitz der Bundesversammlung. Diese hat über Krieg 
und Frieden zu entscheiden, und der Beschluss der Majorität gilt 
aoeh für die Minorität als Gesetz, ohne dass dadurch ihre im Frieden 
gewährleistete Autonomie verletzt wird. Ein „liberum veto tt kennt 
das Alterthum nicht. Eben so brauchten die Spartaner, um der 
Selbständigkeit ihrer Bundesgenossen nicht zu nahe zu treten , nur 
jedesmal die Vertreter derselben über Krieg oder Frieden abstimmen 
la lassen, wie sie dies vor dem Kriegszug gegen Olynth gethan 
haben (Hellen. V, 2, 20.). Mit Hilfe der oi ßovldpwoi xoQ^o&cu 



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10 J. Rvhrmoser, Einige Stellen aus Xenophons Hellenika. 

xoig u4ax£dai{tovioig — und solche gab es besonders unter den klei- 
neren Staaten — musste es ihnen ein Leichtes sein, über den Wider- 
spruch einiger Querköpfe in ganz parlamentarischer Weise hinweg- 
zukommen. Wenn demnach das Verhältnis der Bundesgenossen zu 
dem leitenden Staate durch diese Klausel nicht alteriert werden 
konnte, so kann dieselbe nur für die leitenden Staaten Athen und 
Sparta Geltung haben. Diese beiden hellenischen Grossmächte sind 
es ja, welche den Frieden unter Beiziehung ihrer beiderseitigen 
Bundesgenossen auf Grund des Antalkidasfriedens abschliessen. 
lieber den Zweck, weshalb dem Vertrage jene Klausel beigefügt 
wurde, gibt uns Xenoph. Hellen. VI, 3, 1 den nöthigen Aufschluss. 
„Als die Athener sahen , dass die Platäer, ihre Freunde, aus Böotien 
vertrieben seien, und die Thespier sie um ihren Schutz anflehten, da 
billigten sie das Verfahren der Thebaner nicht mehr , „dlXa noke- 
fietv fxev avTolg va fjtv fßyvvovto, ra de aovucpoQiog e%eiv 
iXoyitovro. xoiviovelv ye /nijv airtölg iov enqaxxov oxxAxi Tjd-eXov." 
Die Athener wollen von nun an mit ihren bisherigen Bundes- 
genossen den Thebanern nichts mehr gemein haben , aber denselben 
geradezu den Krieg zu erklären hielten sie einerseits mit ihrer Ehre 
andererseits mit ihrem Interesse für unverträglich. Schon im soge- 
nannten kurzen Frieden vom J. 374 erkennen sich Athen und Sparta 
als die Vororte der beiden hellenischen Staatenbünde, des Seebundes 
und des peloponnesischen an , sie wollen jedoch die Bildung eines 
dritten des böotischen Bundesstaates mit Theben an der Spitze nicht 
zugeben. l ) Dasselbe Ziel verfolgen die beiden Grossstaaten auch 
jetzt, wie aus der Bede, welche das Haupt der athenischen Gesandt- 
schaft Kailistratos auf dem Congresse hält, klar hervorgeht. In jeder 
Stadt, sagt er Hell. VI, 3, 14, gibt es eine lakonische und eine 
athenisch gesinnte Partei. Wenn wir nun Freunde würden, woher 
hätten wir dann noch einen Unfall zu befürchten? Denn wer könnte 
wol, wenn ihr unsere Freunde seid, uns zu Lande schaden? Und 
wer könnte wieder euch zur See schädigen , wenn wir euch zugethan 
sind ? Man konnte voraus wissen , dass Theben auf seine Hegemonie 
über Böotien nicht verzichten werde , dass es den Vertrag ebenso im 
Namen der böotischen Städte werde beschwören wollen, wie ihn 
Sparta für seine Bundesgenossen beschworen hatte. Und für diesen 
Fall mochte die förmliche Ausschliessung der Thebaner vom Frieden 
zwischen Athen und Sparta im Vorhinein verabredet sein. Die Klausel 
trifft nun für diesen vorhergesehenen Fall Bestimmungen über das 
Verhalten , welches die beiden Grossmächte dann einzuschlagen ge- 
denken. Sie bedeutet nichts anderes, als : Wenn Theben die Autonomie 
der böotischen Städte nicht zugibt (ei de rig naga cavza iwioirj), 

') Vgl. Diod. 15, 38 Aaxtdui/uovioi filv yuQ xal 'A&tjvuioi naqe- 
tyOQQvv uXXrjXoig oi /uiv rfjg xard yvjv ot 6k Ttjg xard d-dXarrav agjfifc 
aj-ioi XQivofACvoi' äioniQ Ttfv tx tqItov ttqoowtiov (Theben) tlvuffego/jivriv 
i)ytpov(av /a^Tiafc tyfgov, xal rag xard Boiantav noUig dnfanwv rrjg 
tüv Gyßattov oi>YTtXe{ag. 



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J. Rohrmoser, Einige Stellen ans Xenophons Hellenika. 11 

so steht es den Spartanern frei, den in ihrem Hechte gekränkten 
Gemeinden beizustehen (tbv (.ih ßovX6f.uvov ßorj&eiv Talg däixov- 
H&aiQ noXeoi), Athen aber hält sich durch den Vertrag noch nicht 
verpflichtet gegen Theben Bundeshilfe zu leisten , wenn es nicht will 
(t$ öi fit] ßovfo>iUviß fti] üvcu evoQxov ov(.t(.iaxäiv TÖig ddtAOv- 
uivoig). Das Recht der freien Erschliessung gilt nur für die beiden 
Hegemonen, nicht aber für die ihnen verbündeten kleinen und grossen 
Gemeinden, denn diese sind und bleiben an die Beschlüsse der Bundes- 
versammlungen gebunden. Wenn man das Recht der freien Er- 
schliessung allen Gemeinden hätte wahren wollen, so hätte, um jedes 
Missverständnis unmöglich zu machen , in der Klausel statt „ro? 
üb ßovl6fi€vov u und „t<£ de f^irj ßovh>tUvtß u der Plural gesetzt 
werden müssen. 

Wenn diese meine Auffassung richtig ist und— einen grossen Grad 
von Wahrscheinlichkeit wenigstens wird man ihr nicht absprechen 
kOnnen, — so muss auch die Handlungsweise, welche die Athener nach 
der Schlacht bei Leuktra einschlagen, von anderen Motiven abgeleitet 
werden als bisher. Nach Xenoph. Hellen. VI, 5, 1 sehen die Athener 
nxt (H ntXo7Tovvr}Oioi evi (nach der Schlacht bei Leuktra) olovtai 
Z1>r t vat dxoXot&etv Aal ovnb) öiaxiotvTO oi ^iaxiäai^ovioi üaneq 
roty 'A&rpaiovg diefcoav , worauf sie von allen Staaten, die an 
dem Königsfrieden theilnehmen wollen, folgende Eidesformel be- 
schwören lassen : 'Efi/ueno Talg anovdalg ag ßaaiXivg xaveTte^ixpev, 
xai cotg xlrrftioiiaoi toig lid-rpaitav xal twv av^axtuv iav 
ii rig arQareifj ini nva nofav twv Oftooaouiv tovde tov oqxov, 
ßor^ow iiavxi o&ivu. Man sieht in diesem Vorgehen der Athener 
„einsarge Verletzung bundesfreundlicher Gesinnung gegen Sparta" 
(Curtius III. 318), einen gelungenen Versuch durch neue Verhand- 
lungen den peloponnesischen Bund zu sprengen (Herbst in N. Jahrbb. 
f. kl. Philol. Bd. 77, p. 711.). Herbst versteht unter woneq toig 
ji&tprmovg du&toav die Lage , in welche die Athener durch den 
letzten Frieden versetzt worden seien. Er meint, die Athener sahen, 
,da*s die Spartaner noch nicht ohne die Hilfe ihres Bundes noch 
immer die alten Hegemonen des Peloponnes waren, während die 
Athener ohne Bund blos auf sich beschränkt gewesen seien. u Das 
Fortbestehen des athenischen Seebundes ergibt sich aber schon aus 
der den einzelnen Städten vorgelegten Eidesformel , in welcher die 
Beschlüsse der Athener und ihrer Bundesgenossen auch für alle 
Theilnehmer am Frieden als bindend erklärt werden (ijn/tievco roig 
i! f r/f>ioftaoi xoig l4&r^valiov xal twv ovnna%tov). Somit sind die 
Athener keineswegs ohne Bund, blos auf sich beschränkt. 

Die Lage der Spartaner nach der Schlacht bei Leuktra ist 
jedenfalls eine schlimme. Was musste den Athenern näher liegen als 
einen Vergleich anzustellen zwischen der gegenwärtigen Lage Sparta's 
and derjenigen, in welche sie einst durch die Schlacht bei Aegospo- 
Umoi versetzt worden waren. 

Leuktra gilt ihnen als Revanche für Aegospotamoi, dabei sehen 
sie aber doch, dass es mit den Spartanern noch nicht so verzweifelt 



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12 J. Rohrmoser, Einige Stellen aus Xcnophons Hellenika. 

steht wie dermaleinst mit ihnen , weil die Peloponnesier noch an 
ihrer Bundespflicht gegen Sparta festhalten. Liegt es nun etwa in 
der Absicht der Athener , das Unglück der Spartaner zum eigenen 
Vortheil auszubeuten um sie ganz in dieselbe Lage zu bringen , in 
welche Sparta einstens sie versetzt hatte und ihnen den Beistand 
ihrer Bundesgenossen zu entziehen? Wenn das der Fall war, so sind 
all die Tiraden der attischen Redner insbesondere des Demosthenes, 
dass Athen bei seinen politischen Massnahmen sich stets nur von dem 
Gefühl seiner Ehre und des Rechtes, nie von dem der Rachsucht und 
des Eigennutzes habe leiten lassen , ') eitel Wind. Schon bei dem 
Abschluss des Friedens vom J. 371 stehen die Athener ganz auf 
spartanischer Seite. Sie freuen sich sogar über die förmliche Aus- 
schliessung der Thebauer , indem sie hoffen , dass jetzt die auf sich 
gestellten Thebaner decimiert werden wurden (Hell. VI, 3, 20 oi 
{iev lA&rjvaioi ovriog eixov vrjv yvtourjv, tag wv Qqßaiovg %o 
Xeyojievov drj dexctTtvdijvai iXmg eirj). Die Nachricht von der 
Niederlage der Spartaner versetzt sie in tiefe Bestürzung, sie beklagen 
das Unglück, welches die Spartaner getroffen hatte , wie ihr eigenes ; 
sie würdigen den Antrag der Thebaner, im Bunde mit ihnen für alle 
früher erlittene Unbill Rache zu nehmen , nicht einmal einer Beant- 
wortung; ja sie versagen dem thebanischen Herold sogar die sonst 
üblichen Ehren. 2 ) Wie stimmt nun diese theilnahmsvolle Gesinnung 
der Athener zu ihrem Verdrusse, dass die Spartaner noch nicht so 
schlimm daran sind, wie sie es am Ende des dekeleischen Krieges 
waren ; zu ihrem Versuche, sie des Beistandes ihrer Bundesgenossen zu 
berauben ? Man wird zugeben , dass die Athener beide Gefühle un- 
möglich zu gleicher Zeit haben konnten. Vielmehr freuen sich die 
Athener, dass die Lage Spartas noch keineswegs hoffnungslos ist, und 
um eine weitere Schwächung Spartas zu verhindern , treten sie jetzt 
aus ihrer Neutralität, die sie sich noch beim letzten Friedensschluss 
ausbedungen hatten, heraus, indem sie die eidliche Verpflichtung 
übernehmen, jeden feindlichen Angriff auf einen in der Eidgenossen- 
schaft befindlichen Staat nach Kräften abwehren zu wollen, und nicht 
blos ihre eigenen Bundesgenossen sondern auch die Peloponnesier 
auf dieselbe Verpflichtung beeiden. Das Bundesverhältnis der Pelopon- 
nesier zu Sparta wird damit nicht im mindesten angetastet. Vielmehr 
sind sie jetzt doppelt gebunden . Sparta gegen einen allfälligen An- 
griff der Thebaner Beistand zu leisten, einmal in Folge ihres Bundes- 
verhältnisses zu Sparta, und zweitens in Folge des neuerdings gelei- 



l ) Vgl. besouders Dem. R. v. Kr. §• 98 T«tJr' Inofovv oi vfiirsgoi 
ngoyovoi, tuvt vfidiv oi 7iQfOßi)TtQoc, oV AaxtätujJiov(ovs ov aiXovg ovrag 
oucT evegyirag dilti nollä^ rijr nolir rj^ixrjxotag xal /bieyala, tnciön 
Gqßaiot xoternOavTfg iv Aivxtqoiq dviltiv l7iexe£(Htvv Suxtolvoari , ov 
yoßrj&tvTts tr\v rore Grjßatois (ko/uqv xal ö*6£av vndQX 0V<Jav , ovo* vnin 
ola 7rt7Toctjx6rü}v dv&Q(onm> xivJuvevcteTf ötaloyiodtuvoi. 

*) Hell. VI, 4, 20. Ari8teid.Panath.JL74, 5. oi cT A&ijvaloi irr) 
fjthv totg TictQd xr\Qvxog ovtios tödxQvoav Santg olxtlav rtva avuq.0Qdv 
dxovoavrtg xrl. Vgl. Leuctrikos A. p. 408. 



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J. Rohrmoser, Einige Stellen aus Xenophons Hellenika. 13 

steten Eides. Das von den Athenern errichtete Defensivbündnis ist 
gegen Theben gerichtet, welches ausserhalb der Eidgenossenschaft 
steht, während Sparta in dieselbe aufgenommen ist. Denn dass 
Sparta gleichfalls den von den Athenern geforderten Eid geleistet 
hatte, dafür liefert Xenopbon hinlängliche Belege, indem er Hell. VI, 
5, 3 ausdrücklich sagt, dass mit Ausnahme der Eleer Alle den Eid 
leisteten. Auch hüten sich die Spartaner fortan ängstlich gegen den 
geleisteten Eid zu Verstössen. Als die Mantineer ihnen zum Trotz 
ihre Stadt wieder aufbauen, wagen sie es wegen der jin Frieden 
garantierten Autonomie doch nicht gegen sie zu Felde zu ziehen. 

Hell. VI, 5, 5 OTQazeieiv ye (.tivroi in avrovg ov dvvatdv 
tdoxu itvai in ax^ovof.iiq ttjg dorjvrjg yeyevr^tevrß. Erst als 
die Mantineer sich in den Parteikampf der Tegeaten mischen , halten 
*ich die Spartaner durch den beschwornen Vertrag verpflichtet, den 
.getftdteten" und verbannten Tegeaten Beistand zu leisten, weil die 
Mantiaeer den Landfrieden gebrochen hätten. 

Hell. VI. 5. 10 rolg ^laxedaijitopioig idoxei ßoq&rrviov 
Üpcu xorcr loig oQAOvg vöig zedvewot twv Teyeajwv xat ex;!«- 
muxoai ' xat ovtcj atqavivovai inl rovg Mavuviag, tag nctQa 
rote oqxovs ovv finkoig ikr]ki&OTU)v axnwv inl Tovg Teytdvag. 

Und als sie nach dem ersten Einfall des Epaminondas in Lako- 
nien von den Athenern Hilfe verlangen , berufen sich ihre Gesandten 
darauf, dass die Athener nach dem geleisteten Eide zur Hilfeleistung 
verpflichtet seien. Denn nicht wegen eines begangenen Unrechtes 
werde jetzt Sparta von den Arkadern und ihren Verbündeten bekriegt, 
hadern weil es den vertragswidrigen Angriff der Mantineer auf Tegea 
abwehren wollte. 

Hell. VI, 5, 36 6 di nl&OTog yv loyog wg xond tovg 
oqxovq ßorfttiv deot * oi yctQ ddixrjodvtwv oqtuiv iniotgatsvoiev 
oi Aqxadtg xai oi per* avrwv toig Aa^BÖaifiovioig dXXct ßor^ 
fhjodrtüßy toig Teyedvcug, Ott oi Mavtiväg uaqd tovg OQxovg 
intaxqdtevoav avtoig. ') Wenn nun Sparta selbst den von den 
Athenern geforderten Eid geleistet hat, so kann derselbe unmöglich 
auf die Sprengung des peloponnesischen Bundes berechnet gewesen 
«ein. denn selbst in der Zeit seines tiefsten Verfalls hat Sparta seinen 
Anspruch auf die Hegemonie nicht aufgegeben. 

Feldkirch. Josef Rohrmoser. 



*) Dan unter dem Eide nur der von den Athenern geforderte ge- 
sollt ist, ergibt sich aus der Bede des Korinthers Kleiteles: Hell. VI, 
5. 37 ?iiSf ovr, tav f*i) ßotj&rjrt ovroi ntottfavios fyiv diixovjj^voig, ov 
it^ä rov* ooxovs noifiaert; xal tavta &v uvrov tn(fAtXr\&r\ri B^xtav 
Znmt Ttämv vfiiv Ttnrrti rj/urfs opoaeuptv. 



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Zweite Abtheilung. 



Literarische Anzeigen. 

Die Bruchstücke der griechischen Tragiker und Cobet's neueste 
kritische Manier. Ein Mahnwort von Th. Gomperz. Wien 1878 
bei Alfred Holder. 8°. S. 44. 
Ich glaubte auf die Gefahr hin, auf ein meinen Studien ferner 
liegendes Gebiet mich zu verirren, die Leser dieser Blätter mit 
der neuesten Schrift Gomperz's sofort bekannt machen zu sollen, 
nicht blos wegen ihres inneren Werthes, welchen der einer Empfeh- 
lung nicht bedürfende Name ihres Verfassers verbürgt, auch nicht 
weil ich mich im voraus des Dankes derer, welche auf diese Anregung 
hin das geistvolle, bei aller Gelehrsamkeit jeder philologischen 
Schwerfälligkeit bare Büchlein durchkostet haben werden, sicher 
weiss; vielmehr weil *es an einer Keihe sauber ausgearbeiteter Muster- 
beispiele lehrt, nach welchen Grundsätzep die Kunst der Conjec- 
turalkritik gehandhabt werden soll und wie sie , wenn sie den Cha- 
rakter einer wissenschaftlichen Arbeit behaupten und bewähren will, 
nicht getrieben werden dürfe, und dadurch über den leicht zu zählen- 
den Gewinn, welchen die abschliessende Behandlung einer grösseren 
Anzahl strittiger Stellen abwirft , hinaus Verständnis und Schätzung 
dieser Principien in überzeugender Weise erzwingt und fordert. Ver- 
anlassung zu dieser Studie bot die neueste kritische Arbeit Co bets 
in der Zeitschrift Mnemosyne (V 225—248 de nonnullis fragmentis 
tragicorum). 

Drei Dinge sind es, welche Gomperz an Cobet auszustellen hat, 
„ein beispielloses Sichselbstabschreiben — den Superlativ jener frei- 
lich längst sprichwörtlich gewordenen „Cobet" sehen Nichtachtung 
der Vorgänger und Mitforscher — und was die Hauptsache ist , un- 
erhörten, ja kaum glaublichen Mangel an Sorgfalt und Gründlichkeit 
in der kritischen Arbeit selbst." Die dafür beigebrachten Beweise 
sind unwidersprechlich und es bleibt nur zu bedauern , dass der Vf. 
nicht auch nach diesen Gesichtspuncten die früheren kritischen Ar- 
beiten Cobet's untersucht; denn ich hätte mich gerne in meiner Mei- 
nung widerlegt gesehen, dass dies nicht Gebreste des Alters, sondern 
zu anderer Natur gewordene Gepflogenheiten sind, welche längst 



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Th. Gomperz, Die Bruchstücke g. T. etc., ang. v. W. Hartel. 15 

Viele mit Unmuth empfinden , so ganz noch Niemand aufgedeckt hat 
wie unser Verfasser. Gleichwol wird nun, wer was immer für eine Unter- 
suchung Cobet's ohne Schaden benutzen will , bei Gomperz Vorsicht 
und Misstraueu zu lernen haben. Und die Zahl derer wird stets eine 
grosse sein , wie das was von Cobet zu gewinnen ist un verächtlich 
bleiben wird. Denn Cobet steht bei alledem, wie auch der Vf. zu 
versichern nicht müde wird, als ein seltenes Genie da , dessen Fehler 
wie Tugenden, Triebe desselben kräftig und individuell entwickelten 
Stammes sind. Wir könnten uns dieser nicht erfreuen, hätten wir 
nicht unter jenen zu leiden. Die Grösse liegt in seinem durchdringen- 
den Scharfsinn, der sich nur zu leicht selbst genügt und die Arbeit 
der Mitforscher, der er entrathen zu können meint, geringachtet; 
sie liegt in der Fruchtbarkeit und sprudelnden Erfindungsgabe, mit 
der Mch Flüchtigkeit so gerne paart ; sie liegt in der ausschliesslichen 
Verstandesthätigkeit , welche in ihren dilatorischen Gelüsten die 
Gewissensstimme des guten Geschmackes überhört und jede indi- 
viduelle Kegung brutal niedertritt. Die Classikertexte werden unter 
solchen Händen, ich möchte sagen, französische Parks mit Richt- 
schnur und Scheere recht und gerade gemacht auf Kosten der frisch 
und froh sprossenden Natur, oft recht artig, aber recht langweilig 
zugleich. 

Je weniger nun das was wir Geschmack nennen , jene feine 
Empfindung für das Individuelle einzelner Schriftsteller und Kunstarten, 
jene6 fast intuitive Erkennen dessen was über die triviale Regel hin- 
aus erlaubt und möglich ist, sich verbreitet zeigt und je mehr die Be- 
tonung des Gesetzmässigen und der leicht zugänglichen Regel auf 
Verständnis und Beifall rechnen darf, desto verdienstlicher aber 
auch schwieriger zugleich war das kritische Geschäft des Verf/s, der, 
weit entfernt sich bei der blossen Negation zu beruhigen , klar und 
lichtvoll auch schwächere Augen schauen lehrt und mich persönlich 
neuerdings überzeugte, dass diese gesuude conservative Thätigkeit 
dankenswerther und lohnender zugleich sei als sein Glück in der 
geschäftsmässigen Aufspürung von Stellen zu suchen, mit denen sich 
etwas machen lässt und diese mit nie ausbleibender Fundesfreudig- 
keit zu emendiereu , um dieses gefallige Wort zu gebrauchen, welches 
häufiger verschlechtern bedeutet. An einigen Stellen allerdings 
wollte es mir scheinen , als hätte der Verf. noch nicht gänzlich die 
Bande Cobets abgestreift. Auf der von ihm gezeigten Bahn trete ich 
mit dem Gefühl grösserer Sicherheit und nicht ohne die Hoffnung, 
ihn selbst zu überzeugen, den Beweis dafür an. 

S. 18 behandelt der Verf. Sophokles' frg. 83: 

Joxto fjilr ovo t ff nU? oQtt urj xqcTooov jj 
xal JvooißovvTa rtiv IvavxCuw XQitieTv 
fj Sovkov ttvrov biva r &>r 7ifX.aq xlvitr, 

dessen dritten Vers Cobet für sinnlos erklärt; denn zwv jitXag 
tlvu* sei ja so viel als dovkeveiv. Oppositio affert lucem et ostcn- 
dit verum esse: 



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10 Th. Gomperz, Die Bruchstücke g. T. etc., ang. v. W. Hartel 

5 (rovg &eou$ aiß)ovra ttav nikag xlvtiv. 
„Der Hauptsache nach sicherlich richtig" bemerkt Gomperz. „Die 
Aufdeckung dieser Verderbnis ist ein Verdienst , an dem zu mäkeln 
uns nicht entfernt in den Sinn kommt. Doch scheint uns die Heilung 
des üebels bei weitem nicht so wol geglückt, wie seine Erkenntnis. 
Ist es denn räthlich , von der 'Lückentheorie 5 einen so umfassenden 
Gebrauch zu machen und müssen wir einem Sophokles das Gewand 
seiner Rede so knapp und kärglich zumessen? Wie wenn der Dichter 
geschrieben hätte: 

fj &eov vofiovs 0(p£orTcc tjov ntlag xXueiv"? 
Keiner der beiden Versuche verbessert die Worte des Dichters, der 
vollkommener kaum reden und mit so unscheinbarem Mittel nicht 
wirkungsvoller den Ton eindringender Ueberredung charakterisieren 
konnte. Das unscheinbare Mittel ist hier die Tautologie, welche 
Cobet mit unerbittlicher Wuth allenthalben — die Texte der Redner 
wissen davon zu erzählen — verfolgt, unter Umständen vielleicht 
ein Fehler, aber wo sie zu etwas nutz ist, eine Schönheit. Und das 
scheint hier der Fall zu sein. dovXor ovra xkveiv besagt mehr als 
das einfache xXiuv , es ist eine Verstärkung des Begriffes der Ab- 
hängigkeit, die dann an ihrem Platze war, wenn es galt, in der Seele 
eines Anderen schüchterne Zaghaftigkeit zu bannen und den Muth 
zu wecken y.al övaaeßovvza züv ivavriwv xQateiv. Ja es war 
dann zugleich klug an die Verletzung des Gesetzes nicht zu viel, 
nicht zweimal , nicht mehr als nöthig, mit einem entschuldigenden 
xai d. h. wenn es sein muss, im äussersten Falle, zu erinnern. End- 
lich wäre das ein Interpolator von ausserordentlicher Feinheit , den 
wir das an den Egoismus appellierende avrov verdankten. Ich glaube, 
oppositio affert lucem et ostendit falsum esse : 

rj rovg &eoi>g atßovxa rtov nfXug xlvtiv. 

Unser Fragment stammt aus den Aleaden des Sophokles, einem 
Stücke, in welchem Telephos der uneheliche Sohn der verstossenen 
Königstochter und des Herakles den Thron des Gross vaters im Kampfe 
gegen dessen Söhne gewinnt. Denken wir uns die obigen Worte im 
Munde der Mutter oder eines Freundes , der den unentschlossenen 
Jüngling stachelt , die ihm nach dem Orakel gebührende Herrschaft 
zu reclamieren, so erhellt vollends das Treffende der beziehungsreichen 
Worte. (Ueber das Stück und seinen Inhalt vgl. Welcker Gr. Trag. 
I, 406 und Fr. Vater, die Aleaden des Sophokles Berlin 1835.) 

In scharfsinniger Weise erklärt Gomperz S. 36 das Fragment 527 
aus Sophokles' Tragödie Tereus, Verse, welche vermuthlich Hermes 
gegen den Schluss des Stückes sprach , nachdem Prokne , um die an 
ihrer Schwester Philomela begangene Frevelthat ihres Gemahls 
Tereus zu rächen, diesem ihr Kind zum Mahle vorgesetzt hatte (vgl. 
Welcker Gr. Trag. I, 383 nicht 363): 

oans yag tv xaxotOt &vfi(o&€ig ßgotüv 

fifltoV 7IQOOU7IT61 Ttjs VOOOV TO WCLQ/LiaXOV, 
IctTQOS ttJTW OVX i7tHfTTJptÜV XOXtOV. 



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Th. Gomperz, Die Bruchstücke g. T. etc., ang. v. W. Hartel. 17 

Cobet hatte die Worte (paQjuaxov pet^ov xrjg voaov nicht ver- 
stehend %üqov vorgeschlagen und xaxwv in %&ivr$ geändert. Was 
dabei herauskommt, lässt an Trivialität nichts zu wünschen übrig, ja 
es ist so wenig vereinbar mit dem tragischen Stil , als wenn wir etwa 
sagten, 'wer im Unglück eine Arznei verordnet, die schlimmer ist als 
die Krankheit, ist ein Quacksalber 1 oder meinetwegen etwas vor- 
nehmer 'versteht sein Metier nicht/ Gomperz erblickt in (paQf.iax.ov 
fiutpv xrfi voaov c ein Heilmittel von heftigerer eingreifenderer Wirk- 
samkeit als die Krankheit selbst. Und dass es nur von der Grösse 
der Gabe abhängt, ob ein Mittel heilbringend oder zerstörend wirkt, 
ob es eine Arznei oder ein Gift ist, wem brauchte man das zu 
sagen? 1 Wie ich glaube, richtig, indem ich nur den Gedanken an die 
Grösse der Dosis ferngehalten sehen möchte, der freilich, so lange 
der Artikel xo qxxQ/uaxov an ein bestimmtes Heilmittel oder das Heil- 
mittel einer bestimmten vorschwebenden Krankheit zu denken zwingt, 
nicht wird abgewiesen werden können. Daran nahm meines Wissens 
Niemand Anstoss; gleichwol zweifle ich nicht, dass eine allgemeinere 
Fassung hier allein am Platze ist c wer im Unglück vom Zorn über- 
mannt nach irgend einem Mittel greift , das sich wirksamer er- 
weist als die Krankheit verlangt oder verträgt' , also dass xi statt xo 
zu schreiben ist. Und in diesem Sinne finden wir fueyag als Epitheton 
▼on (faQftaxov z. B. Euripides Heracl. 595 

jd ynQ &(tveiv 
xttxwv fitytarov if/iquaxov voutfctai. 

In bestechender Weise behandelt Gomperz den folgenden Vers , wo 
Cobet einen weiteren Schaden diagnosticiert hat; er wendet das ge- 
lindeste Mittel an , indem er von xaxwv nur einen Buchstaben tilgt 

IttTQog iariv ovx ImOtrinüiv fixair, 

und doch muss ich fürchten, ein (pctQfiaxov fiutov ifjg voaov. Der 
auf diesem Wege gewonnene Satz ist zwar sehr richtig, aber er sieht 
der Cobet'schen Restitution zu ähnlich, um nicht wie diese recht ge- 
wöhnlich zu sein. Und kam es in dem mutmasslichen Zusammen- 
hang, in welchen unsere Verse gehören, darauf an, über das tief- 
sinnige Thema, dass wer zu starke Medicamente verabreicht, in der 
Pharmakologie schlecht bewandert sei , zu philosophieren? Und bot 
die unheilvolle Heilung der von leidenschaftlicher Rache fortgerisse- 
nen Prokne , welche das vorhandene Elend zehnfach gemehrt , nicht 
vielmehr zu der Betrachtung Veranlassung, dass wer so verfährt nichts 
weiss von des Unglücks eigentümlicher Natur und die Tragweite 
seiner Handlungen nicht überlegt, ein schlechter Diagnostiker und 
Therapeut zugleich? Denn, wie anderswo Sophokles darüber sagt: 

trtav&a ptv tot nan« tav&Qto/rufv voorf 
xaxoif brav MXtooi lüo&at xnxa. 

Auf die Gefahr hin, dass die Zulässigkeit eines gelinden Mittels 
nur zu leicht trügerisches Vertrauen in seine Sicherheit erzeugt, 
triebt« ich es wagen mit der Aenderung eines Buchstabens einem 

Xrttockrift f. d. fetexr. Qjma. 1878. I. Heft. 2 



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18 Th. Gomperz, Die Bruchstücke g. T. etc., ang. v. W. Hartel. 

vielbehandelten Vers — wie Gomperz 8. 26 nachweist , hat Cobet 
viermal denselben unter Händen gehabt — aufzuhelfen, der so über- 
liefert wird, Soph. frg. 364: 

ovtoi nofr* ij£ei xtav äxqtov av€v novov 

Otto Schneider schrieb axpei , das Gomperz der gewaltsamen Aende- 
rung ovöe nov iqtl&i vorzieht , indem er Cobets immer von neuem 
eingeschärftes Machtgebot: ad summa pervenire non dicitur zßv 
axQtov artTSG&ai, aut xpaveiv sed iqtixiod-ai , nicht respectiert. Ich 
vermuthe also ov rcov statt ovtot und lasse von dem indefiniten 
Ttol den Genitiv zwv cckqwv abhängen. Da der Vers aus einem Zu- 
sammenhang gerissen ist , den wir nicht kennen , enthalte ich mich 
der weiteren Aenderung y&ig. Ein Zweifel bleibt, und vielleicht 
werden andere ihn ' zu beheben oder zu verstärken durch diese Mit- 
theilung veranlasst werden. Für den von dem indefiniten nol ab- 
hängigen Genitiv bietet Passow ein einziges Beispiel, nämlich Xeno- 
phon Hell. II, 3, 44 xaXsnbv av fjyeio&ai elvat v.ai rb Irtißaivtiv 
noi tfjg %woag, wie alle Codices bis auf Fiesen, der ni in xt ver- 
besserte, und wofür Dindorf txov herstellte, das in solcher Art öfter 
verwendet wird (vgl. Xen. Kyr. VI 1, 42, Demosthenes Rg Arist. 
§ 216, S. 692, 14 xav zrjg alkoTQiag nov hxßtj). 

S. 39 vertheidigt Gomperz mit vollem Recht Nauck gegen die 
unbegreifliche Cobet'sche Auffassung des Soph. frg. 640 
ßkfyaga xtxlrjTtti y tag xanijltfov &vQai 

Kurz und treffend hatte jener bemerkt : Verla c5g xanyXsiov -dvQcci 
comicipoetac esse suspicor, Sophocles quid dixisse videatur, saga- 
ciores velim exquirant. Cobet glaubt, was von ihm Brunck ver- 
muthet, dass der Vers aus dem Satyrdrama Phineus stamme : in dra- 
mate satyrico et re ludrica poeta suo iure sie iocatus est. Da nun 
aber Pollux VII 193 den Vers ausdrücklich anführt als rb xwju<j>- 
dovfxevov iv 2oq>oxMovg (Pim, so soll nicht der mitgetheilte Vera 
der parodierte sein, sondern etwa 

to tov SotpoxXiovg tag xanrjlt(ov &uqcc. 
denn non raro ad tragicorum locos veteres adscripserunt xw^- 
deircu vel xexw^ör/fai 6 azixog. Man sieht wie gewaltsam diese 
ganze Annahme ist und auch wie oberflächlich, indem Cobet eine 
selbstgeschaffene Schwierigkeit nicht zu beheben sucht , nicht zu be- 
merken scheint. Wer den Vers für Sophokleisch hält, muss zeigen, 
worauf der Vergleich beruht, worin der Verschluss der beiden Augen- 
lider mit den beiden Flügeln der Thüre oder mit der Thür einer 
Krämerbude — denn nach Cobet muss es &vqcc heissen — Aehn- 
lichkeit habe. Er muss wenigstens andeuten können, was der Komiker 
hinzuthun konnte, um den Vergleich noch drolliger zu machen; denn 
sein zb tov 2oq>oxkeovg ist doch keine Parodie. — Die eigentliche 
Aufgabe , welche der Vera der philologischen Behandlung stellt , ist 
zu finden was Sophokles schrieb und worauf die Parodie beruht. Wir 
werden noch einen minder gelungenen Vergleich, nach einer zum 



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H, Herwerden, Plutarcbea et Lucianea, ang. v. L Hüberg. 19 

Spott herausfordernden Wendung zu suchen haben. 'Sophokles 
könnte geschrieben haben' bemerkt Gomperz S. 39 'ßX£q>ctQa xe'xAjj- 
rai tavdfKtg dg sfi'dov nvhii, was freilich frostig genug wäTe; 
allein eben darum lud es zur Parodie ein.' Allein es ist nicht bekannt, 
das« die Thore der Hades durch einen festen oder lockeren oder durch 
eiien besonderen Verschluss sich auszeichneten. Mein junger Freund 
Kar) Holzinger, welcher in einer scharfsinnigen Untersuchung de 
wrborum lusu apud Aristophanem (Wien 1876) sich als feinsin- 
nigen Spürer Aristophanischer Wortwitze bewährt, theilte mir die 
Termuthung mit, dass Sophokles in einer schwachen Stunde ge- 
schrieben haben möchte 

ßlfyaQa xtxlrjrtu ytog a<f rjlt'ov &VQ(ti 

(Heber diesen Gebrauch von and = wegen der Sonne, das ist gegen 
d. S. vgl. Krüger 68, 17, 8, Kühner AG. II S. 397 Z. 1), woraus 
dann ein Komiker den Kalauer machte atg xamjXeiov frvQai, mit 
leichter Umbildung, indem im vergröberten Dialect q> wie tt und u 
wie i gesprochen wurde. Was aber soll x? Dasselbe Hesse sich als 
graphisches Zeichen für einen zwischen % und dem Spiritus asper in 
der Mitte liegenden Laut ansehen , so dass xa7zrjliov aus ay f}Uov 
durch Umspringen des Hauches geworden wäre. Dialektisch kam ja 
bekanntlich % einem spiritus hie und da gleich. 

Wien. Wilhelm Hartel. 



Plutarchea et Lucianea cum nova Marciani codicis collatione. 
Scriptit Henricus Tan Herwerden. Trajecti ad Rhenum, apud J. 
L. Beijers, 1877. Caput primum: emendantur Plutarchi Moralia. 

Ein neues Buch von Herwerden über einen so vernachlässigten 
Theil der griechischen Literatur, wie es Plutarcli's Moralia sind, 
wird nicht verfehlen , hohe Erwartungen zu erregen. Welche Fülle 
von fast durchweg in wenigen Worten hingeworfenen Conjecturen 
ist auf diesen 46 Grossoctavseiten aufgehäuft! Mit Bewunderung nahm 
ich das Buch zur Hand, enttäuscht, ja entrüstet legte ich es weg, 
nachdem ich es gelesen. Welche Hülfsmittel hat Herwerden ausser 
seinem Scharfsinn benützt? Duebner's Ausgabe, sonst gar nichts. 
Er hat gezeigt, dass es möglich ist, ein Buch über Plutarch zu schrei- 
ben, ohne Wyttenbach's, Reiske's, Hercher's Leistungen zu kennen. 
Was war die Folge dieses Verfahrens? Herwerden hat unzählige 
Male längst Gefundenes nochmals aufgetischt, und hie und da pas- 
sierte es ihm auch , dass er Druckfehler der Duebner'schen Ausgabe 
Ar handschriftliche Lesarten hielt. Da ferner in der Duebner'schen 
Ausgabe die paginae und literae der Pariser Ausgabe von 1624, 
neb welchen man die Moralia allenthalben zu citieren pflegt , nicht 
aa inneren Bande angemerkt sind, wie dies Wyttenbach weislich 
taat , sondern oben , so sind die Stellenangaben bei Herwerden zur 
Terxweiflung des Lesers unter zehn Fällen neunmal falsch. Sehen 



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20 H. Herwerden, Plutarcbea et Lucianea, ang. v. I. Hüberg. 

wir zunächst, wie viel fremde Waare unter Herwerden's Firma auf 
den Markt gebracht wird. 

P. 3 D (lies C) vntxuv] enexeiv. Vgl. Hutten's Anm. z. d. 
St. : „Turnebus en&xeiv. Nee hoc rejiciendum censet Heusingerus. tf 

— P. 6 F (lies E) dt]] dtiv. Steht bei Hercher im Text. — P. 14 B 
toC] ti. Steht bei Hercher im Text. Wyttenbach z. d. St. : „ti habent 
Aid. Bas. XyL C. D. Harl. Colleg. Nov. Mose. 2. Flor." — P. 58 B 
ixavuig] xahSg. Steht bei Hercher im Text. — P. 64 C „supple 
TOvzioTi (xat) epikq* xai ftrj qtily." Gewiss, aber das xert steht 
in allen Ausgaben ausser der Duebner'schen, wo es der Setzer ausge- 
lassen hat. — P. 71 D (lies C) inaTrpev] „Ex ipsis sequentibus 
7iQ0OfpiQ€iv rag x&Qcig tarn liquido constat Plutarchum dedisse 
k'neuoev vel €7tdra^ev , ut vix credam me primum hac de re 
nionere." Damit Herwerden sich beruhige, verweise ich ihn auf Her- 
cher 's Ausgabe, wo eitara^ev im Text steht, und auf Wyttenbach 
z. d. St., welcher &7zaza%ev aus dem Codex Parisinus 1956 anführt. 

— P. 96 E (lies D) ovvöiovrag] ovvöovvrag. Steht so bei Hercher. 

— P. 89 E twbg] Tig. Hat Hercher nach seiner eigenen Conjectur 
aufgenommen. — P. 104 D atv%üv ovdiv] ovdev axvyjuv. Ist 
ßeiske's Conjectur und von Hütten und Hercher aufgenommen. — 
P. 108 A (lies 107 F) 6 vnog xbv öavarov] „Suaredde interpreti." 
Das hat schon Doehner gethan und Hercher ist ihm darin mit Becht 
gefolgt. — P. 114 D ßiov\ plzov. Hat Hercher nach eigener Con- 
jectur in den Text gesetzt. — - P. 118 D Jtj/A0o9iv7j tov y A&r)vdiov\ 
(JlaQixlict xal Swocpaivia xai) Jrjfxoadevt] Tovg lA&rpraiovg. 
Genau dasselbe vermuthet Hercher z. d. St., wo auch Hertlein's ahn- 
liehe Conjectur angeführt ist. — P. 135 C xqr/ÜBiv] oti&iv. Vgl. 
Hütten z. d. St.: „An forte legit oio&iv?" — P.U9 C (lies B) ro- 
noxkioiag] „e codd. repone Toittf xfaoiag." Geschah bereits anno 
domini 1796 von Johann Georg Hütten und dann wieder 1872 von 
Hercher. — P. 149 D (lies C} xat] „Dele insanam copulam, quae 
pervertit sententiam." Das xat fehlt in Hercher's Text. — P. 149 D 
TQ07tatoig] anoTooTtaioig. Hat Hercher im Text. Vgl. Wyttenbach 
z. d. St.: „TQonaioig antiquum est pro dnovQOTtaioig , quod ideirco 
non opus hie reponere cum Vulc. Anon. Mez. Salm. Beisk." — 
P. 152 E (lies F) to vor ßXaßeQiotarov einzuschieben und elneiv 
zu streichen. Beides hat schon Hercher in seiner Ausgabe gethan. 

— P. 156 A nlüov] nleioTOv. Steht bei Hercher im Text. — 
P. 163 D tovtov] tovtov oder tovtov avrov. Wyttenbach 's Anm. 
z. d. St. belehrt uns , dass Turnebus tovtov am Bind seines Exem- 
plares der Aldina angemerkt hat. — P. 241 (14) iv yeXoity] ini 
T<f yeloiq). Dasselbe nur ohne den Artikel vermuthete schon Stepha- 
nus. — P. 248 A (lies 247 F) 6f.iov /AaqrvQOvoav] o/Mog avitfiaQTv- 
Qovoav. Vgl. Wyttenbach z. d. St. : n 6^iov] Corrigendum o/nu>g cum 
Mez. a — P. 253 A TtQooek&eiv] TTQoel&elv. Aber nQoaeXdeiv 
ist blos ein Druckfehler, welcher sich aus der Hutten'schen Aus- 
gabe in die Duebner'sche fortgepflanzt hat. — P. 292 F (lies E) to 



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H Herwerden, Plutarchea et Lucianea, ang. v. L Hüberg. 21 

7«f twoetr] tovto yctq h'VOfxov. Vgl. Hütten z. d. St.: „Ego 
CBgitavi de iwofiov — hoc enim lege fuit constitutum et inde a 
fetnun memoria acceptum. Sed nondum mihi ipse satisfacio." — 
P. 301 E (44 init.) t ano] vnb. Wyttenbach z. d. St. : „Forte 
«äo mutandum in vnb."' — P. 349 C (7) vrjxoraXavTOi] vaol 
jüuLGvaXcnrtoi. Eine treffliche Verbesserung von — Bryanus. — 
r la Tkinia corrige vewoowoi pro vewv olxoi." Dies haben bereits 
Claudius Bachetus Meziriacus und Reiske gethan. — P. 352 G 
(cap. 4 init.): „supple ol piv {yao) ovo* ofoog yQOvviCpvotv 
uiivai fr€4>i tovvcüv et post pauca yelolov ovv (äv) yv." Das 
Erstere thaten schon Meziriac und Reiske, das Letztere Samuel 
Sqiire. — P. 353 A (cap. 5) n/Arß tifitov. Fand schon Reiske, der 
blieben auch an b> ti/at] dachte. — P. 355 A (c. 10 extr.) wg] 
ayerreg «g ov&ov, ov. Fast ebenso schon Markland : aqtivreg e\g 
W9 ov$or, ov. — P. 356 C övvovTag] awcjfxoxag. Ebenso Mezi- 
riac, Markland, Squire, Wyttenbach. — P. 372 C (c. 52) vdwq] 
5ri$. Ist eine Vermuthung von Squire. — P. 874 F (lies 375 A), 
c 58 iv dixaioavvrj] ywaixbg r av awfj. Stimmt im Wesent- 
lichen überein mit Wyttenbach's Conjectur: yvvaiv.bg ri ovtf t . — 
P. 378 F (c. 70 init.) ävayxaia xat fiteyctXa] (.leyala neu, avayxaia. 
So schon Keiske. — P. 884 B hinter /AaXa%vix6v einzuschieben ov. 
Thai schon Reiske. — P. 387 F (c. 7 extr.) di jttiXXwv] d* e'ftekXov. 
Schrieb schon Reiske. — P. 403 A (lies B), c. 19 init. hinter Iv- 
%av9a einzuschieben xqrpucov to/tiev. Dasselbe that Reiske, nur 
dass er ol'da/uev statt i'ofiiev schrieb. Wyttenbach bemerkt: „Deest 
oUauev, quod ab ultimis illius adverbii (nämlich Yjatcthryaörpr) 
literis absorptum videtur." — „Mox cl. Thuc. I, 118 suppleverim: 
cwtüu viTcrpr xaza (pro xai) xgarog {7toXeftovaiv). u Genau so 
schon Wasse. — *P. 410 C (c. 2 extr.) s't€qov) votcqov. So schon 
Turnebos. — P. 458 E ^gj^aTfiv] ioqa£arip', wie schon Salma- 
äus schrieb. — P. 468 E (c. 7) osduxoveg] „In vocabuli monstro 

neu l&tere deöoutoveg nee dedeixoveg, propalam est Non 

video, quid melius reponi possit quam jue^aarpc6r€g. u Nun denn, jenes 
vocabuli monstrum dedeixoreg ist nichts mehr und nichts weniger 
als ein Druckfehler der Duebner'schen Ausgabe. Die Handschriften 
bieten, wenn Wyttenbach's Apparat zu trauen ist, sämmtlich dedoi- 
xoteg. — P. 503 D, c. 5 (lies 4) init. ofiooroixog] bfi6zoi%og. Ist 
•ine zweifellos richtige Verbesserung von — Meziriac. — P. 509 F 
• (c 14) supple: ufioloyrjoev elg elvai (tcjv) UqoovXwv. Abermais 
ein Beitrag zum Druckfehlerverzeichnis der Duebner'schen Ausgabe. 
— P. 520 A (c. 10) nqoarah]\ TtQOOOTalr]. Ist von Reiske. — 
P. 578 A (c. 5) rtBQieXxrav elg ävao%onevovg] n. o<päg ä. Ich 
stehe hier vor einem Rathsel , das ich nicht zu lösen vermag. Jenes 
elg findet sich nämlich absolut nirgends, auch nicht in meinem 
Exemplar der Duebner'schen Ausgabe. Wie es scheint, hat die Dueb- 
uer 'sehe Ausgabe neben ihren sonstigen Vorzügen auch noch den, 
dass die einzelnen Exemplare verschiedene Lesarten bieten. — 



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)gle 



22 H Herwerden, Plutarchea et Lucianea, ang. y. L Hüberg. 

P. 583 B (c. 18) rj] d de /iq. Ebenso Xylander, Reiske, Wytten- 
bach , Hütten. — P. 586 D (lies 589 D) ** ovtwv] „Locum male 
habitum et peius correctum (scripto •x.bvtwv pro ovzwv) sospitare 
mihi contigit commode recordato locum ex Aeneae commentario poli- 
orcetico cap. 37 §. 5 (ed Hereber) sie scribeDtis. a Folgt die Stelle in 
extenso. Und zu welchem Resultat gelangt nun Herwerden nach die- 
ser von Siegesfreude überquellenden Ankündigung? Es sei zu schrei- 
ben vnoQvrtovrwv oder vnovo^ievovrwv oder fieralkevovTtjv. 
Aber ein Blick in Reiske's Ausgabe, 8. Band, S. 329, Anm. 53 lehrt, 
dass Reiske genau vor 100 Jahren dasselbe Ei gelogt hat, ohne so 
erschrecklich zu gackern. Er verweist einfach auf Casaubonus ad 
Aeneae Tacticum p. 1807. — P. 589 P (lies E) dnrjllaxTCu} 
dnrjXlaxTO. Ebenso Reiske und Wyttenbach. — P. 609 A (c. 4). 
Das Citat aus Euripides' Bacchen hat schon Xylander nachgewiesen. 

— P. 634 A (II, 1, 10, §. 4) fietadoaewg) vno&ioewg. Ebenso 
Meziriac. — P. 639 F (II, 5, 1, §. 6) xaraßißaa&rjvai] xaraßia- 
o&ijvai. Ebenso Wyttenbach. — P. 640 D (II, 6, 2, §. 2) oixo&ev 
Ix&Qag] efau*>&ivra IxiÜQct. Eine schöne Verbesserung von — Hüt- 
ten. — P. 643 D (II, 10, 1, §. 7) deinvip] dänvov. Ebenso Vulco- 
bius und Reiske. — P. 659 A (lies B) oXiyov änodefjg elvai] 6U- 
yov anödet orjxpig elvai. Ebenso Reiske , nur dass er noch hinter 
dnodel ein zov einschiebt. — P. 671 C (IV, 6, 1, §. 1) nav\ näoi. 
Ebenso Reiske. — P. 693 A (VI, 7, 2, §. 5) d* evqtQaivovreg] öi 
qtaidQvvävreg. Ebenso Reiske und Wyttenbach. — P. 694 B (lies 
A), VI, 8, 1, §. 3 ßovhpov] ßovh^tov hfxbv. Dass lipov fehle, 
sah schon Stephanus, nur vermuthete er den Ausfall hinter ötj/aooiov, 

— P. 712 A (VII, 8, 3, §. 6) av hinter xl einzuschieben. That 
schon Reiske. — P. 722 D (VIII, 3, 5 init.) &ewQrjra] d&ecoQrjia 
schon Reiske. — P. 749 D (c. 2 §. 1) gnade] ena$e ti. Ebenso 
Wyttenbach. — P. 750 E (lies F), c. 4, §. 8 iQWTnuoTeQOv] £q(oti- 
~AWT£Qog. Selbstverständlich wieder nur ein Druckfehler der Dueb- 
ner'schen Ausgabe. — P. 752 F (lies E), c. 7 init. yvvaigiv av 
iqaaxrjfv] Madvig, adv. crit. 1, 658 vermuthete yvvai^lv levai i$a- 
ottjv, Herwerden ywatBlv elvai eQaoTrjv. Madvig sagt an der an- 
geführten Stelle, das av stehe in den Handschriften und fehle blos 
in den Ausgaben. Aus welcher Quelle Madvig seine Kenntnis geschöpft 
haben mag, weiss der Himmel. Die Herausgeber wissen von einem 
händschriftlich überlieferten av nichts zu melden. — P. 764 E cri- 
täo&ai] xela^at. Ebenso Wyttenbach. — P. 769 B (23 §. 9) ywai- 
xav] yvvaixelwv. Ist eine Conjectur von Meziriac, welche Wytten- 
bach und Hütten in den Text aufgenommen haben. — P. 772 F (II, 
§. 8). Dass mit enexw/uaoev ein neuer Satz beginnt, sah schon Xy- 
lander. — P. 833 B (§. 12) ov vor Kqaxlvog auch von Taylor, 
Amyot und Meziriac eingeschoben. — P. 861 A (23, §. 7) exnojA- 
nrjg] in ixzoufj enno/An^g. Herwerden weiss offenbar nicht , dass 
alle Ausgaben von Stephanus bis auf Wyttenbach Ixzo/uijg bieten. 
Erst Wyttenbach brachte innoiinrjg wieder in den Text. — P. 862 



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H. Herwerden, Plutarchea et Lucianea, ang. v. L Hüberg. SS 

Fflies E), 27, §. 4. Dass tog hinter f/>^atv einzuschieben sei, ver- 
mottete schon Wyttenbach. — P. 867 E (lies D), 34 §. 4 neqi^ 
HZ&irteg] fiiQt&p&ivieg. Bereits von Reiske und Wyttenbach vor- 
geschlagen. — P. 870 B (39 init.) xpeiavai'] xazeipsvoTai ver- 
mnthete schon Wyttenbach. — P. 871 B (39 §. 14). Dass igakrav 
ausgefallen sei, vermuthete schon Wyttenbach: — P. 216 A (15) <J* 
fottinwv] di aiwrnoy schrieb schon Turnebus an den Band seines Exem- 
plare* der Aldina. — P. 880 F (I, 7, §. 2) du schon von Reiske und 
Hütten gestrichen. — P. 950 C (13 §. 6) ra Xoind %wv e'oywv] 
t % linxa %(Lv i(fyalei(ov. „In qua emendatione Xsma debetur 
Madvigio." Füge hinzu: „et iqyateiaiv Wyttenbachio. a — 
P. 951 A alria] du to V. Ist blos eine verbesserte Auflage von 
Xylander's ad to. — P. 973 A (lies 972 F), c. 19 init. i£aQi&fitüv] 
dta^QOvy. Aehnlich schon Reiske i£a(>9pi£eiv und Wyttenbach 
i£a$dyovy. — P. 995 A nQiozog] tiqwtov. Richtig, denn ngwjog 
ist nur ein Druckfehler der Duebner'schen Ausgabe. — P. 996 £ 
(lies F), II, 1, §. 3 ävaiQTjGWfiiy] dvaiQrjoojusv. Das Letztere bieten 
die Ausgaben vor Stepbanus und auch die Reiske'sche. — P. 998 B 
(II, 4, §. 1) ywoft&ov ovna] ywopevov ovtw {avyrj&egy Eine 
Conjectnr, die Herwerden sofort zurückziehen wird, wenn er er- 
fahrt, dass yevo/jsvov nur ein Druckfehler seiner geliebten 
Duebner'schen Ausgabe ist. Dass es ysvofuevov heissen rnuss, 
bitte übrigens Herwerden aus der gegenüberstehenden Ueber- 
setznng „gustui assueta" ersehen können. — P. 999 A (cap. 6 
init.) 7tQorffO\(.uvov] nfjotff^ivov. Ist eine Conjectur von Stepha- 
nie. — P. 1074 D (c. 30 extr.) ätv%lav\ atoniav. Eine Con- 
jector Meziriac's. — P. 1079 D (c.^ 38 extr.) fir.re iß zu streichen, 
Tbai sehen Amyot. — P. 1087 F doitQeg vor oi dufTTOvxeg einzu- 
schieben. That schon Reiske. — P. 1088 A oho&ur} dkyr^diiv] 
iidü%h)Qa di y rjdovrj. Im Wesentlichen übereinstimmend mit 
Wyttonbach's olto&rßo* ya<t rfiovrj. — 'P. 1088 E (lies c D) yivwtg] 
rtorrp yiveoig. Ziemlich identisch mit Reiske's rj tfjg i]dovi}g y£v&- 
«$. — P. 1098 D (c 17 init.) l'wXov] ökov. So schon Amyot, Xy- 
lamier, Meziriac, gebilligt von Wyttenbach. — P. 1099 D (c. 17 
extr ) *ra<pavi£övoi] dqxtvitovci. Herwerden hat einen Druck- 
fehler der Duebner'schen Ausgabe schlecht corrigiert. Es rnuss 
haisssn ipcufmitpvai , wie in allen andern Ausgaben steht. — 
P. 1110 E (c. 7 extr.) % *• ] ntjkov. Vgl. Wyttenbach 's Anm. z. 
d. St: »AmioL Anon. Mez. Reisk. supplent izrjköv.* Auch Turnebus, 
wie ich aus Hotten's Anm. z. d. St. ersehe. — P. 1115 C ix] ege- 
e$ai. Vermuthete schon Reiske und fand Wyttenbach's Beifall. — 
Cnmittelbar darauf vniQideiv] vneQuneiv schon Reiske und Wyt- 
tenbach. — P. 1117 F (c. 19 init.) tQundico] eQitndo^oj Meziriac, 
„probabiUter" Wyttenbach. — P. 1128 A (lies B) dtaoTQitparreg] 
dtatQiiparteg. Ist Lesart eines codex Harleianus (n. 5612). — 
P. 1130 D (lies C) c. 7 init. cpvoiv] (paoiv schon Reiske. — P. 1147 
(c 44) dnexTuyuv] „Inauditum est dnexxuvuv pro eo quod 



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/■ 



24 H. Herwerden, Plutarchea et Lucianea, ang. v. I. Hüberg. 

omnes dicebant ärtoreiveiv Xoyovg." Allerdings ist jenes Wort 
ein inauditnm, aber nicht dnoxeiveiv sondern Irtextetveiv ist zu 
lesen. Denn so heisst es in allen Ausgaben mit Ausnahme der 
Duebner 'sehen , deren Setzer und Correctoren es offenbar nicht 
über's Herz bringen konnten, den Abschluss des 4. Bandes ohne 
Verübung eines Druckfehlers zu feiern. — Ich habe die Muhe 
nicht gescheut, das obige, wie ich glaube , vollständige Verzeichnis 
aller Stellen in Herwerden's Buch anzulegen, welche der Käufer 
desselben als unnützen, ja unter Umständen selbst gefährlichen 
Ballast mit in Kauf nehmen muss. Ich habe damit einen doppel- 
ten Zweck verfolgt: einerseits wollte ich dem Leser die Mühe 
ersparen, alle jene Stellen selbst zu tilgen, andererseits aber 
sollte einmal an einem recht auffallenden Beispiel gezeigt werden, 
wohin es führt, wenn man bei kritischen Arbeiten die erstbeste 
Ausgabe zur Hand nimmt und, ohne rechts oder links zu schauen, 
blindlings d'rauf los conjiciert. Wer sich so wenig wie Herwerden 
um Prioritätsrechte Anderer kümmert, ist natürlich auch nicht 
der Mann dazu, die in diesem Punct von Anderen begangenen 
Sünden aufzudecken. So schreibt er denn auf S. 2, Z. 1 f. anei- 
qiag statt anoqiag „cum Madvigio" (advers. crit. 1, 615), wofür 
es heissen muss „cum Xylandro". S. 3 letzte Zeile heisst es: „In- 
finitivum (nvlsfieiv statt noleiijjg) recte scriptori restituit Mad- 
vigius" (adv. crit. 1, 618). Aber nole^ieiv ist handschriftlich 
und wurde schon von Reiske gebilligt. Vgl. dessen Ausgabe 6, 
284, Anm. 39 und Hütten in seiner Ausgabe 7, 245, Anm. 3. 
S. 12 wird die Verbesserung vnbmiog statt oviwg Madvig (adv. 
crit. 1, 629) vindiciert, während sie von Beiske herrührt. S. 22 
schreibt Herwerden die Verbesserung noxov statt tonov, welche 
dem stumpfsinnigsten Leser einfallen muss , Cobot zu , während er 
mit grösserem Recht Salmasius, Amyot und Reiske hätte nennen 
können. Auf derselben Seite weiter unten heisst es: „articulus 
delendus est cum Cobeto", wofür zu lesen ist „cum Reiskio." — 
Dass Herwerden's Plutarchea mit wahrhaft sträflicher Leichtfer- 
tigkeit gearbeitet sind, dürfte aus dem Vorstehenden sattsam er- 
hellen. Die Benützung dieses Buches erfordert die grösste Vor- 
sicht, aber bei allen seinen Mängeln ist es doch nicht eine blosse 
Vermehrung, sondern eine wirkliche Bereicherung der Plutarch- 
literatur. Die nach Ausscheiduug des fremden Eigenthuins übrig 
bleibenden Bemerkungen Herwerden's beweisen fast durchweg ein 
feines Sprachgefühl. Man wird sehr viel Richtiges, Blendendes 
freilich nur wenig finden. Für das Glanzstück der Sammlung halte 
ich die S. 38 vorkommende Verbesserung der Oratio prima de 
esu carnium, cap. 6 init., wo aus I6P6QN (leQeiov) KP6QN (hqbCjv) 
gemacht wird. Ueber Einzelues lässt sich streiten. So möchte ich 
z. B. p. 324 B statt Kolocpcovuov nicht mit Her werden (S. 11) 
BaßvkLovuov, sondern mit Bezug auf p. 323 F. KctQXvjöoviwv 
lesen. Eine andere von Herwerden besprochene Plutarchstelle giebt 



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Ig, Frommer, Cornelii Taciti Germania, ang. v. J. Müller. £5 

nr zu einer Bemerkung Anlass, welche meines Erachtens mehr 
noch für Piautas als für Plutarch von Interesse ist. Unter den 
?on Herwerden behandelten Stellen befindet sich nämlich auch eines 
der ton Plutarch aufbewahrten Apophthegmata des älteren Cato. Es 
lautet (p. 199 A, 19 ~ Catonis reliquiae ed. Jordan p. 107 n. 59): 

tag xalag nQa&tg f hfeye Seiv Ttarala^ißaveiv ttqgl^soi 
xakcug (v. 1. Xoyovg xaXovg, Wyttenbach koyoig xalolg) Xva prj 
tqg io^rfi dnoQQewoiv. 

Die Frage, ob nfa^eat xalcug oder Xoyoig xaXdig zu 
lesen und was Oberhaupt der Sinn des Satzes sei, findet sofort 
ihre Losung durch Vergleichung von Plautus' Trinummus v. 320: 
Benefacta benefactis aliis p^rtegito, ne perpluant. 

Offenbar ist die Plutarchstelle nur eine ungeschickte Ueber- 
setzung des Plaut usverses. Die Worte zfjg do^rfi sind eine er- 
klärende Erweiterung des Uebersetzers. Herwerden's (S. 8) Zweifel 
an ihrer Echtheit theile ich nicht. Wie kommt nun aber dieser 
plaatinische Vers unter die Apophthegmata Cato 's? Der Möglich- 
keit«!, dies zu erklären, giebt es gar viele. Mich dünkt es das 
Wahrscheinlichste, dass Cato diese Sentenz seines berühmten Zeit- 
genossen besonders oft im Munde führte und dadurch den Samm- 
lern seiner Aussprüche Anlass gab, auch diesen Vers unter die 
übrigen dicta aufzunehmen. 

Wien, October 1877. Isidor Hilberg. 



Cornelii Taciti Germania, für den Schulgebranch erklärt von Ignai 
Prammer, Professor am k. k. Josefstädter Gymnasium in Wien. 
Wien, Alfred Holder 1878. VIII n. 70 S. 8. 

Der neue Herausgeber der Germania hat sich den Lesern dieser 
Zeitschrift bereits durch zahlreiche Recensionen von Tacitnsausgaben 
als eisen gründlichen Kenner dieses Schriftstellers bekannt gemacht 
and sich durch seinen Antheil an der grosseren Vollendung der Aus- 
gaben Anderer über den Beruf ausgewiesen, selber mit einer neuen 
hervorzutreten. Denn gerade zu der Besorgung einer Schulausgabe 
ist es ohne Zweifel eine gute Vorbereitung, wenn man die Leistungen 
Anderer einer strengen Prüfung unterwirft und ihren Vorzügen und 
Fehlern nachspürt. Geschieht dies zugleich, wie in dem vorliegenden 
Falk, in stetem Verkehre mit den Schülern, so sind alle Vorbeding- 
uiren gegeben zu einer Leistung, die sowol den Anforderungen der 
Wissenschaft wie dem Bedürfhisse der Schule entspricht. Und eine 
solche Leistung liegt uns in der Ausgabe der Germania von Präm- 
iier vor. 

Eine kurze Einleitung soll die Schüler mit dem Verfasser der 
Schrift, seinen Lebensverhältnissen, seiner Schriftstellerei überhaupt 
tnd mit der Germania selber einigermaßen bekannt machen und sie 
taot dies bei der Voraussetzung, dass der Schüler mit der Germania 



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26 lg. Prammer, Cornelii Taciti Germania, ang. v. J. MüUer. 

in die Leetüre des Tacitus zuerst eingeführt wird» in vollkommen 
genügender Weise. Trifft diese Voraussetzung nicht zu, so wird der 
Schüler mit dem Inhalte des ersten Theiles der Einleitung schon be- 
kannt sein und nur der zweite Theil noch Interesse für ihn haben. 

Dem Texte hat Prammer dieRecension vonMüllenhoff zu Grunde 
gelegt, war aber, da Müllen ho ff an vielen Stellen die Ueberlieferang 
allzu engherzig respectiert, recht oft gezwungen Aenderungen Baum 
zu geben, worüber ein „kritischer Anhang" Rechenschaft gibt. 
Vielleicht hätte er sich sein Geschäft vereinfacht , wenn er sich der 
Ausgabe Halms angeschlossen hätte. 

In den Anmerkungen wird der Sprach-, Sinn- und Sacherklärung 
gleiche Aufmerksamkeit geschenkt, überall nur das Verständnis des 
lateinischen Textes im Auge behalten , nirgends durch grössere Aus- 
führlichkeit über das Bedürfnis der Schule hinausgegangen. Anf die 
Stilisierung ist grosse Sorgfalt verwendet und mit Glück ebenso all- 
zugrosse Knappheit wie Breite vermieden. Wir können daher diese 
Ausgabe der Germania allen Schulmännern auf's wärmste empfehlen, 
sie zählt zu den besten, die wir besitzen und ist vielleicht unter Allen 
die brauchbarste in der Schule. Der Herausgeber stellt seine Ausgabe 
in einen gewissen Gegensatz zu den beiden nächstneuesten von Schwei- 
zer-Sidler und Tücking *), indem er die sachliche Erklärung im Ver- 
hältnis zu Ersterem beschränkt, die sprachliche im Verhältnis zu 
Tücking erweitert und vertieft hat. Letzteres musste geschehen ; denn 
die sprachliche Erklärung bewegt sich bei Tücking grossentheils in 
blossen Andeutungen, oder geht in Uebersetzungsproben auf, was mit 
Becht in dieser Zeitschrift 1874 S. 826 f. auch an seiner Ausgabe 
des Livius getadelt worden ist. 

Musste aber Prammer in der sprachlichen Erklärung und in 
der Darlegung der Eigenthümlichkeiten des taciteischen Sprachge- 
brauches weiter ausgreifen und gründlicher zu Werke gehen als 
Tücking, so konnte, wenn die Anmerkungen nicht in's Masslose an- 
wachsen sollten , die sachliche Erklärung , besonders insoweit sie aus 
der deutschen Alterthumskunde zu schöpfen hatte, nicht mit der 
gleichen Ausführlichkeit behandelt werden wie bei Schweizer-Sidler. 
Und sie brauchte es auch nach unserer Meinung nicht ; für auch nur 
halbwegs erschöpfende Auseinandersetzungen über diese Gegenstände 
ist in einer Schulausgabe kein Platz. Nur das zum Verständnis Noth- 
wendige darf geboten und dem Lehrer müssen weitere Ausführungen 
überlassen werden. 

Damit aber unser Urtheil über die neue Ausgabe der Germania 
nicht aus oberflächlicher Einsichtnahme geschöpft erscheinen könne, 
auch um der Aufforderung des Herausgebers, die er am Schlüsse des 
Vorwortes an die Fachgenossen richtet , nachzukommen , wollen wir 
im Folgenden das bezeichnen, was uns der Verbesserung zu bedürfen 
scheint. 



*) Die Ausgabe von Baumstark, Leipzig, T. 0. Weigel 1876 ist 
für einen anderen Leserkreis bestimmt. 



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Ig. Frommer, Cornelii Taciti Germania, ang. v. J. Müüer. 17 

Der Herausgeber ist vornehmlich bestrebt auf die Eigentüm- 
lichkeiten des taciteischen Sprachgebrauches dadurch aufmerksam 
in machen, dass er, wo sich Anlass dazu bietet, die Differenzen mit 
dem Gebrauche der älteren Schriftsteller, die den Schülern schon be- 
kannt geworden sind , bezeichnet oder , wo das Neue nur bei einzel- 
nen der Aelteren angebahnt ist, darauf hinweist. Das ist natürlich 
▼ollkommen in Ordnung. Da aber hierunter sehr vieles ist, was dem 
Tacitus nicht allein eigen, sondern mit den Schriftstellern des ersten 
Jahrhunderts n. Chr. gemeinsam ist, und diese Gemeinsamkeit oft 
uberücksichtifrt bleibt, so muss dies in dem Schüler eine irrige Mei- 
ning erwecken von dem Umfange der Neuerung des Tacitus und des 
Einflusses Einzelner auf seinen Stil. Wir verkennen nicht die Absicht 
des Herausgebers , die Schüler zu steter Vergleichung des Neuen 
mit dem ihnen schon Bekannten anzuhalten, und weil zu diesem 
Bekannten die nächsten Vorganger des Tacitus nicht gehören, so 
wird eben über sie hinweg Tacitus mit den Aelteren verglichen. Aber 
den bezeichneten Uebelstand hat dies offenbar und er war nicht un- 
vermeidbar, es brauchten eben nur in den betreffenden Fällen neben 
Tacitus auch die anderen Schriftsteller entweder namentlich oder im 
Allgemeinen mit angeführt zu werden. Besonders war hier der ältere 
Plinius zu berücksichtigen , dessen Stil ja bekanntlich , so sehr er 
hinter dem taciteischen zurücksteht, „die Brücke bildete zu der 
Meisterschaft, womit Tacitus die umgewandelte Sprache handhabte ". 
So t heilt Tacitus den zu 2, 17 berührten Gebrauch von vocabulum 
Bit den Dichtern und Plinius (n. h. 5, 48; 8, 209), den zu 2, 21 
berührten von tnax mit den Schriftstellern der silbernen Latinität 
Oberhaupt, besonders mit Plinius (n. h. 8, 149; 9, 135; 10, 121; 
11, 25; 15, 2 von einem Zeitraum von 125 Jahren; von der Rang- 
folge 11, 231; 237; 12, 45; 16, 36; 33, 156; in Verbindung mit 
prndo, quatriduo etc. 4, 102; 5, 106; 11, 112), den zu 8, 9 und 
13, 19 besprochenen von plerique und pleramque ebenso (Plin. n. 
h. 11, 144; 283; 33, 14; 2, 98; 128; 194; 198; 7, 57). Des- 
gleichen den zu 16, 1 berührten Gebrauch des sogen. Daüvus grae- 
cas, die zu 87, 14 besprochene Verbindung et ipsc, den häufigen Ge- 
Waach partitiver Genetive wie 44, 5 quibusdam fluniinum; 43, 22 
mttio hosthm (bei Plinius ganz massenhaft und in weitester Ausdeh- 
Mngm.h. 2, 25; 45; 124; 3,55; 8,2; 9, 147; 158; 11,147; 
22,12; 30,9; 15; 33,17; 148; 84,85; 11, 206 omnia quadri- 
pedvm; 11, 134; 3, 7 cunctas provinciarum; 11, 162 pisdum 
owmibus; 6, 138 miliium inutüibus; 165 aegris esercitus; 8, 160 
Imdorum drcensibus; 9, 158 platri piscium; 8, 193 lanarum 
mgrae; 11, 23 pilarwm intergerivis ; 265 canutn degeneres; 2, 
213 siderum avidö). 

Bei unseren weiteren Bemerkungen werden wir am besten die 
Beibenfolge der Capitel einhalten : 3, 1 wird besser stilisiert werden 
können, entweder: «dazu sind wegen eos nicht die Germanen als 
öubject zu denken" oder „dazu sind, wie eos zeigt, nicht d. G. S." 



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28 Ig. Prammer, Coruelii Taciti Germania, an£. v. J. Müller. 

— 4, 6 wäre die Bemerkung „tantum •■konnte auch fehlen" besser 
weggeblieben, da tantum nicht fehlen konnte ohne den Gedanken zu 
verändern. — Daselbst wird unter den Stellen , an denen sich labor 
und opus verbunden finden, Hist. 5, 12 vermisst, und wenn die 
Wiederkehr gleicher Wortverbindungen einmal bemerkenswerth er- 
schien, so hätte auch zu 9, 8 lucos ac nemora noch Dial. 9 nemora 
et lucos und 12 nemora vero et lud gefügt werden können und zu 
12, 3 ignavos et imbelles nicht blos 31, 7 (nicht 2 vgl. das Nach- 
wort), sondern auch Agr. 15. — Zu der etwas seltsamen Wendung 
non in alia vüitate 5, 12 konnte Ann. 3, 16 neque alia in matretn 
tuam pietate citiert werden. Vgl. auch Plin. n. h. 5, 7 ; 36, 101 ; 
6, 88. — Zu 8, 3 wäre „mit der Hand" besser weggeblieben und 
hätte „in der Nähe" durch den Gegensatz „nicht blos durch die Er- 
innerung an die Zurückgelassenen" verständlich gemacht werden 
können. — Zu 8, 10 hätte die Bemerkung über plures durch „sowol 
positiv als comparativ" vervollständigt werden sollen. — 15, 8 mos 
est civitatibus ultro ac viritim conferre prineipibus vel armento- 
rum vel frugum, quod pro honore aeeeptum etiam necessäatibus 
subvenit: ist Prammer geneigt zur Stütze der Genetive aliquid nach 
armentorum einsuschieben. Allerdings werden es kühn gebrauchte 
freie Genetive, wie Schweizer-Sidler will, nicht sein, weil die das 
Latein nicht kennt. Aber nicht selten sind im Lateinischen partitive 
Genetive, die mit Auslassung des Demonstrativs unter dem Einflüsse 
des folgenden Relativs stehen : Liv. 4, 33, 11; 24,32, 8; 38, 11, 5; 
Plin. n. h. 8, 99; 11, 202 insatiabilia (sc. sunt) animalium, quibus 
etc. Auch allgemeine Quantitätsbegriffe sind zuweilen beim Relativ aus- 
gelassen: Liv. 45, 33, 4 dorn data, . . .non in usum modo prae- 
sentem, sed etiam quod domos aveherent. Vgl. 8, 7, 9; 33, 14, 4; 
21, 17, 2. — Zu intecti 17, 2 wird angemerkt: die Form intectus 
„unbedeckt" findet sich auch bei Sallust; ohne dass ersichtlich wäre, 
warum die Form einer Bemerkung bedürfte. — Die Bemerkungen zu 
ut quibus nullus per commercia eultus 17, 6 und zu ut apud quas 
etc. 22, 2 scheinen wenig geeignet die richtige Auffassung zu fördern. 
Es wäre einfach zu constatieren gewesen, dass nach dem Vorgänge 
des Livius bei den Schriftstellern der silbernen Latinität zu dem be- 
gründenden Relativpronomen (= cum is) auch ut tritt (neben quippe). 
Bezüglich Plinius vgl. n. h. 2, 95; 113; 3, 112; 6, 162; 9, 86; 

10, 8; 11, 16; 237. — Zu 23, 2 wird corruptus erklärt mit „um- 
geschaffen durch die Gährung". Es hätte beigefügt werden können: 
ohne die Bedeutung „zum Schlimmen". Vgl. übrigens Plin. n. h. 
2, 136 corruptis in utroque tempore aestatis hiemisque causis. 

11, 92. — Zu 24, 9 durfte betreffs des Vorkommens der volleren 
Form iuvenior statt „dem jüngeren Plinius" gesagt werden, „den 
beiden Pünius" (n. h. 10, 83). — Zu 28, 6 inter Hercyniam silvam 
Rhenumque et Moenum amnes Helvetii .... tenuere: könnte als 
einigermassen ähnlich Liv. 32, 39, 6 haud proeul urbe Mycenica 
vocatur verglichen werden. — 29, 12 ist, wie uns scheint, die Be- 



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E. Ludwig, Commodiani carmina, ang. v. J. Huemer. 29 

merkung „ms« quod steht verhältnismässig oft (fünfmal) in der 
Germania 44 für die Schüler ohne Interesse. — 38, 7 liest Prammer 
mit Halm: In aliis gentibus, seu cognatione aliqua Sueborum seu, 
quod saepe accidit, imitatione, rarum et intra iuventae spatium, 
apud Suebos usque ad canitiem horrentem capillum retorquere 
suetum, ac saepe in ipso vertice religatur: und es ist das noch 
immer das erträglichste, aber doch ist das Satzgefüge so überaus 
schwerfällig, dass dasselbe kaum dem älteren Plinius zugetraut wer- 
den kann. Es mnsste daher in der Anmerkung aufmerksam gemacht 
werden, dass die Ueberlieferung verdorben und die gebotene Herstel- 
lung unsicher sei. — 45, 6 llluc usque — et fatna vera — tan- 
tum natura: hätte die ganze Anmerkung entfallen können, oder der 
Deutlichkeit halber gesagt werden müssen: „et fatna vera, erg. est, 
ist als Parenthese gegeben. Andere nehmen fatna vera als Ablative. tf 

An einigen Stellen begegnet man der Wendung „Man möchte 
erwarten usw.* 4 , die uns nicht passend scheint und auch ohne ratio- 
nelle grammatische Erklärung dem Missverständnis ausgesetzt ist. 
1,4 Cetera Oceanus atnbü, latos sinus et insularum itntnensa 
spatia complectens, nuper cognüis quibusdatn gentibus ac regibus : 
hatte bezüglich des Doppelablativs etwa gesagt werden sollen: „Taci- 
tus und andere Schriftsteller der silbernen Latinität stellen öfter ab- 
solute Ablative an das Ende des Satzes, die dann zuweilen auch nicht 
in enger Verbindung stehen mit der im Satze ausgedrückten Hand- 
lung , sondern sich nur im Allgemeinen auf dieselbe beziehen 1 ). So 
hat man sich hier vor nuper cognitis etc. ein quod scimus zu den- 
ken.* — Zu 20, 6 donec aetas separet ingenuos, virtus agnoscat: 
dürfte zu sagen sein: „die Aelteren würden Passivconstruction ge- 
wählt haben. * So wird auch 26, 7 die Bemerkung über ut anders 
abzufassen sein. 

Hiermit wollen wir der Aufforderung des Herausgebers genügt 
haben und bemerken nur noch , dass die beiden Register, das über 
die Eigennamen und mehr noch das zu den Anmerkungen die Brauch- 
barkeit des Büchleins erhöhen. 

Der Druck ist mit grosser Sorgfalt überwacht worden, wenig- 
stens sind uns erwähnenswerthe Fehler nicht aufgestossen. 

Innsbruck. Joh. Müller. 



Commodiani carmina recogn. Ernestus Ludwig. Particula altera Car- 
men apologeticnm complectens. Lipsiae bib. Teub. 1877. XXXXIIL 
43. p. 

Es erscheint mir als ein nicht geringes Verdienst der Teubner- 
schen Verlagsbuchhandlung, dass sie ihre Bibliotheca durch Heraus- 
gabe hervorragender Werke christlicher Dichter zu completieren 

') Bei dem älteren Plinius in freiester Weise und überaus häufig, 
bei Tacitus wieder eingeschränkt und seltener. 



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32 E. Ludwig, Commodiani carmina, ang. v. J. Huetner. 

mam potentiam impugnet" praef. p,XIX; er schreibt, .quippe cuncta 
q. n. Von anderen Bedenken abgesehen, wird die Corruptel nicht recht 
ersichtlich. Könnte nicht ipse c. q. n. stehen ? Y. 245 . . ab Isaiam 
prophetam M. Ludwig acceptiert nicht nur hier diese Construction, 
sondern stellt sie auch Y. 885 mit Bönsch durch Coniectur her. Mir 
erscheint durch unsere Stelle der Beweis nicht geliefert , dass man 
dem Dichter unbedenklich diese Construction zuschreiben könne, denn 
dass die Handschrift in der Setzung oder Unterlassung des in der 
Yulgärsprache verstummten m nicht competent ist, kann durch 
andere Beispiele bewiesen werden. Die verschiedenartigsten Emen- 
dationen wurden am V. 689 versucht: nunc azyma sequitur, qui ca- 
stum sederat M, castus sed, vel castum caederat P, caseos ederat, 
Ebert , Castori caederat B , qui castus ederat a. Ludwig ; der in Bede 
stehende Absatz ist gegen die Juden gerichtet, „welche selbst solche 
als Proselyten des Thores zuliessen, die noch dem Götzendienste treu 
blieben." Wenn ich den Zusammenhang recht verstehe, so ist von 
Y. 686 an in Gegensätzen davon die Bede , wie ein solcher judaisie- 
render Heide bald wie ein Jude, bald wie ein Heide handelt. Wenn 
nun Y. 689 Jude und Heide in Bezug auf die Speise unterschieden 
werden, so passt, denke ich, zu dem voranstehenden Nunc 
azyma sequitur (als Jude) als Gegensatz nicht q. caseos (Eb.) ed. a. 
auch nicht wie L. edierte, sondern mit einem zum Theil genaueren 

etitom io (lartt 

Anschluss an die Ueberlieferung qui porcum caederat ante ') , indem 
doch gerade hierin ein unterscheidendes Merkmal zwischen Juden 
und Heiden liegt. Eine ähnliche Gedankenfolge schwebte auch 
Bönsch vor als er edierte : qui Castori caederat ante. Verschiedene 
Emendationen wurden auch am Y. 755 versucht. Ludw. ediert Strenui 
sectantes, quasi sola vita sit, istam, nämlich luxuriam, dasY. 752 steht. 
Man kann zugeben , dass diese Emendation mehr befriedigt als die 
früheren, doch ohne Bedenken ist sie nicht. M gibt strenia sectantes 
q. s. v. s. ipsa. Mit Bücksicht auf V. 753 dum tempus est vitae, per- 
fruamur omnia bona scheint die Emendation terrena (oder sogar ter- 
renia vgl. Itala p. 274) passend zu sein in dem Zusammenhang 754 
Indisciplinati clementiam Dei refugant/Terrena sectantes , quasi sola 
vita sit ista (mit Bönsch). Durch das darunterstehende s wird der 

Schreibfehler graphisch einfach erklärt (trena). V. 903 proximo visu 

■ . . . . 
L, proxime visum P, proxime viso B und M? V. 913 stellt L. aus 
der Hs. in quos in tempore bruti her : in quo sint tempore ruti. Der 
Herstellungsversuch ist gewiss geschickt, doch nicht völlig evident. 
Ich glaube der Fehler sei nicht im Worte bruti, das der Dichter 
auch V. 16 gebrauchte, zu suchen. Y. 940 gibt M: medacium ibi non 
est , sed neme odium ullum. L. schreibt sed neque o. u. Ich würde 
vorziehen et nemini o. u. (vgl. 676 nemo, .nunquam ... et nolite. .) 
V. 956 f. ediert L. 



l ) Ich könnte darauf hinweisen , dass das darüberstehende trtce* 
imam vielleicht die Corruptel bewirkte. 



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A~ Haockc, Lateinisches Lehrbach, ang. v. J. Egger. SS 

Omnia virescunt ante illos, omnia gaudent, 
Excipere sanctos ipsa creatnra laetatnr: 
Omni loco fönte« eisurgunt e st parati 
Qua graditur populus Summi. . . . 

Dk Hs. gibt f. exs. escae parati. Die Emendation L. erscheint neben 
asurgnnt fast tautologisch , anderseits lässt der Zusammenhang 
neben fontes auf ein escae schliessen; demnach glaube ich, es ist 
et escae parantur zu schreiben ; die Corruptel wird durch das unten- 
stehende caeleslt und durch Annahme einer Abbreviatur in der Vor- 
lag» erklärt. 

V. 971 folgt L. der Emendation Leimbach's Et sie honestati 
fcjanos per Her Deo cantant. M. gibt pariterque decantant. In der 
frael p. 39 bemerkt L. 'forte parodiasque decantant. Man muss zu- 
gtben, dass, wie schon die Hs. andeutet, ein zweites Obiect zu er- 
warten ist. Doch die Emendation ist fraglich mit Rücksicht auf 
eme ahnliche Zusammenstellung bei Prnd. Psych. 648 f. 

dneeret ordinibus peditam pscdlentc caterva; 
ast alia de parte equitum resonantibus hymnis 

könnte man an psalmos oder ähnliches denken, wenn die Ueberliefe- 
nmg mehr Anhalt bieten würde. Jedenfalls scheint die Stelle eines 
stärkeren Heilmittels zu bedürfen. 

Der Schluss der Hs. ist sehr corrupt. Für die Wiederherstellung 
des Textes hat sich namentlich Rönsch grosse Verdienste erworben ; 
Lid «ig hat das Herstellungswerk mit Erfolg fortgesetzt, so dass die 
Reconstrnetion einiger Verse den Eindruck völliger Evidenz macht. 

Dem Büchlein ist ein sorgfältig angelegter Index nominum (I) 
nnd ein Index verborum (II) beigefügt. 

Wien, im October 1877. Joh. Huemer. 



Aufgaben zum Uebersetzen ins Lateinische für Ober-Tertia und 
Unter -8ecunda mit Verweisungen auf die Grammatik von Ellendt- 
Seyffert von Dr. Aug. Haacke. Berlin, Weidmann 1877. 

Dieses treffliche Uebungsbuch , das bereits in fünfter Auflage 
vorliegt nnd dessen Verwendung auch für unsere Gymnasien ohne 
Zweifel erspriesslich wäre , enthält in 255 Stücken Aufgaben über 
lehn verschiedene Stoffe : der Krieg der Römer gegen Pyrrhus, Cajus 
Manns, €. J. Caesar , die Unterwerfung Galliens jenseits der Alpen, 
P. Ovidius Naso , die Spartaner und Athener zur Zeit des Perser- 
krieges, Nlcias aus Athen , Brasidas aus Sparta , Xenophon , Homer 
ond die Odyssee. Also keine abgerissenen , nach bestimmten Regeln 
zugeschnittenen Sätze , deren der Schüler in vier Jahren längst satt 
geworden ist, sondern lauter zusammenhängende Stücke historischen 
oder literarhistorischen Inhalts. Insbesondere die Partie über C. J. 
Caesar wird den Schüler nöthigen , seinen Caesar wieder und wieder 
n lesen. Ein paar Stoffe, die sich an die Liviuslectüre anschlössen, 
wären wfinschenswerth. — - Natürlich ist die gesammte elementare 

Zaifdmft f. d. ftttorr. Gymn. 1878. I. Heft. 3 




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84 K. Lachmann's Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

Syntax vorausgesetzt und es gilt nun „die schwierigeren Tempus- 
und Modusregeln , namentlich über die consec. temp. und innerhalb 
der Casuslehre seltenere Constructionen einzuüben* 4 ; dabei ist in der 
Anmerkung jedes Mal auf den betreffenden Paragraph der Grammatik 
verwiesen. Das Wichtigste scheint aber dem Ref. , dass die Wörter 
und Phrasen nicht unter dem Texte, sondern am Schlüsse in dem sehr 
sorgfältig gearbeiteten Wörterverzeichnis stehen ; denn nur so ist es 
möglich, es dahin zu bringen, dass dieselben nicht blos für den Augen- 
blick gelernt , sondern auch behalten werden. Ref. wünschte diesen 
Grundsatz nur noch strenger durchgeführt , wodurch nicht nur die 
Anmerkungen und die Artikel des Registers um ein Bedeutendes ver- 
mindert, sondern auch zahlreiche, ziemlich lästige Verweisungen 
umgangen werden könnten. Schade, dass der trefflich gearbeitete 
Artikel über Homer für den Schüler etwas zu früh kommt und er den- 
selben in der Octava bereits vergessen haben wird. 

Graz. Joseph Egger. 



Earl Lachmann, Kleinere Schriften. Erster Band: Schriften zur 
deutschen Philologie. Herausgegeben von Karl Müllenhof f. Berlin, 
G. Reimer 1876. 8 - . X. 576 S. 

Eine Sammlung von Lachmanns kleineren Schriften zur 
deutschen Philologie, wie sie jetzt bequem geordnet vor uns liegt, 
ist lange ersehnt worden. Mehrere Stücke waren gar nicht mehr 
zugänglich und auch für den , welcher jahrelang in den Antiquar- 
katalogen ihnen nachgetrachtet hatte , nur in Citaten zu benutzen. 
Von Haupt war man einer Bemühung um diese Aufsätze gewärtig 
gewesen ; er ist dazu so wenig gekommen wie zur Edition des Luci- 
lius. Aber vielleicht war es recht gut, dass nicht sofort — 1852 — 
die Sammlung erschien. Es war damals eine verhältnismässig stille 
Zeit in unserer Wissenschaft. Heute , wo eine grosse Anzahl frisch 
aufstrebender Jünger sich der Arbeit zugewandt hat, wird das Buch, 
so hoffe ich sicher, erziehend und schulend aufs förderlichste wirken. 

Im Grossen, Ganzen und im Einzelnen wird das Buch wirken. 
Was jenes anlangt, spricht Müllenhoff selbst in der Vorrede p. VIII 
am besten darüber: ( Lachmanns Bedeutung für die Wissenschaft ist 
mir nie zweifelhaft gewesen. *) Aber einen grösseren Eindruck habe 
ich nie von ihr gehabt, noch ihn jemals mehr bewundern müssen, als 
da ich jetzt an die Arbeiten des drei bis sechs und siebenundzwan- 
zigjährigen mit der Frage herantrat, wie und in welcher Gestalt sie 
etwa der Gegenwart wieder nahe zu bringen seien, und dabei auch noch 
an den Properz , die Recension von Hermanns Aiax und die andern 
gleichzeitigen Arbeiten denken musste. Meine Entscheidung, dass 



') Vgl. die Oratio pro loco in ordine philosophorum Berolinensium 
rite obtinendo d. XXIII. m. nov. a. MDCCCLXI habita. Zeitschrift für 
deutsches Alterthum XVIIL Band besonders S. 468, 469, 473. 



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K. Lachmann' 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 85 

sie sämmtlich, soweit sie in die deutsche Philologie einschlagen, und 
unverkürzt, nicht wie Haupt dachte, nur in Auswahl und in Auszügen 
wieder Torzulegen seien , konnte nicht lange ungewiss sein und ich 
will nur wünschen, dass für einen Theil des Eindruckes jetzt Empfäng- 
lichkeit unter den Fachgenossen, zumal den jüngeren, vorhanden 
sei/ Und aus einem Briefe Müllenhoffs an mich (13. 10. 76) theile 
ich die Stelle mit: 'Die Schriften können jedem, der sich der 
deutschen Philologie widmet, nicht genug empfohlen werden: wie 
nirgend anders sieht er hier das Werden seiner Wissenschaft, wenn 
nicht der ganzen, doch der ersten noth wendigen Vorbedingungen 
dazu und er sieht an Lachmann , dem werdenden Meister , welche 
Forderungen jeder an sich zu stellen und zu erfüllen hat, um mit 
Erfolg innerhalb der Wissenschaft zu wirken. Wie gründlich vor- 
bereitet trat schon Lachmann auf und wie lange und unermüdlich 
hat er daran gearbeitet, um mit all dem fertig zu werden und auch 
principiell darüber ins Klare zu kommeu , was zusammengenommen 
uns ein Verstehen und Geniessen der Werke der alten Literatur mög- 
lich gemacht hat '/ — Im Eloinen, denn fast für jede Art philologi- 
scher Untersuchungen sind hier reichliche, unübertreffliche Muster 
geboten. Dazu kommt, dass in den ersten Arbeiten sich alle Detail- 
fragen viel eingehender behandelt finden als später. Gegen sie wird 
der Vorwarf all zu grosser, das Verständnis beeinträchtigender Kürze 
des Ausdrucks nicht erhoben werden können. Ich gestehe, dass 
dieser Vorwurf manchem Theil späterer Schriften Lacbmanns gegen- 
über nicht unberechtigt scheint. Wie aber Lach mann zu der getadelten 
Darstellungsweise gelangte, ist mir jetzt, bei zusammenhängendem 
Studium seiner ersten Arbeiten klar geworden. Hier hat er ja die 
grosse Menge einzelner Beobachtungen grammatischen , metrischen, 
kritischen und literarhistorischen Inhalts niedergelegt, deren Kennt- 
nis er dann stillschweigend voraussetzt. Er konnte das letzte um so 
eher thun, als ein Theil seiner Resultate von Jacob Grimm in die 
Grammatik war hinübergenommen worden, welche durchzuarbeiten 
für jeden Anfanger un erlässlich war. 

Mflllenhoff schreibt in der Vorrede p. IX: c Ueber Lachmanns 
Kritik und ihre Grundsätze, über die Grundsätze nach denen er die 
mittelhochdeutsche Orthographie geordnet, über die von ihm gefun- 
denen Grundregeln der deutschen Betonung und den Umfang ihrer 
Geltung für den deutschen oder germanischen Vers wäre nun noch 
mancherlei zu sagen , wenn ich damit bei denen auf einen Erfolg 
rechnen könnte, die ich belehren möchte.' Indem ich nun auf den 
folgenden Blättern die gesammelten kleineren Schriften Lachmanns 
im einzelnen betrachte und erörtere , muss ich mich sofort dagegen 
verwahren, als ob etwa meine Bemerkungen für einen Ersatz des von 
MßUenhoff abgelehnten gelten wollten. Einen solchen herzustellen 
muss man sich nicht im methodischen Arbeiten eben nur versucht, 
sondern durch ausgedehnte, wiederholte, genaue Beschäftigung mit 
den zu behandelnden Gegenständen eine unentbehrliche Sicherheit 



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36 K. Lachmann 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schöribach. 

des Urtheils sich erworben haben. Meine Absicht ist eine ganz be- 
scheidene. Ich wünsche durch meine Bemerkungen den Fachgenossen 
anter den Lesern dieser Blätter Lachmanns Buch näher zu rücken, 
den vielen , welche bei uns durch die vor Jahren an der Universität 
überkommenen Lehren dem Studium Lachmann'scher Arbeiten prin- 
cipiell abgeneigt geworden sind , deutlich zu machen , dass der von 
Lachmann in diesen kleinen Schriften gewiesene Weg strenger, mit allem 
Material geführter, knapp dargelegter Untersuchung der einzige ist, 
welcher in unserer Disciplin zu dauernden Resultaten fahren kann. Es 
kommt noch eins für mich in Betracht. Mancherlei Gaben zeichnen 
den Süddeutschen und Deutschösterreicher vor dem Norddeutschen 
aus ; was uns meistens fehlt und uns häufig hinter den norddeutschen 
Fachgenossen zurückbleiben lässt, ist gerade das, wodurch Lach- 
manns Arbeiten sich auszeichnen : die kühle, besonnene, ausdauernde 
Art, nicht weniger hochstrebend als irgend eine andere, aber vor- 
ziehend eine mühsam gewonnene Wahrheit dem glänzenden Gewebe 
trügerischer Combinationen. 

Der vorliegende Band enthält zwanzig Nummern. Von der Zeit, 
in die Lachmanns erster Berliner Aufenthalt und seine Habilitation 
an der Universität daselbst fällt (1816) , reichen sie bis zum Jahre 
1841, da er als anerkannter Meister an derselben Hochschule lehrte. 
Besonders wichtig ist die Zeit um 1820. Da werden die ersten Speci- 
mina der riesigen Arbeit sichtbar , welche Lachmann in den stillen 
Königsberger Jahren geleistet hat und die ihm für seine ganze 
weitere kritische Thätigkeit den zuverlässigen Unterbau abgab. 
Martin Hertz wundert sich (S. 232 der Biographie) über Lachmanns 
Virtuosität im concentrierten Arbeiten , da er einen ausgebreiteten 
geselligen Verkehr pflegte , verschiedenartigen zeitraubenden Amts- 
pflichten genügte und so nur eine massige Anzahl von Stunden täg- 
lich der Arbeit zuwandte. Versucht man aber über die Summe von 
Wissen sich klar zu werden , welche Lachmann während der Königs- 
berger Zeit sich gewonnen hatte und die er als augenblicklich ver- 
wendbar besass , da er nach Berlin kam, so liegt wenigstens für den 
altdeutschen Theil seiner Leistungen nichts erstaunliches in den knapp 
zugemessenen Arbeitsstunden. 

S. 1 — 80 nimmt der Aufsatz ein: c Ueber die ursprungliche 
Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth/ Es bedurfte der 
Rechtfertigung für den Wiederabdruck nicht. Die 8chrift ist seit 
langem im Buchhandel nicht mehr zu haben und doch allen unent- 
behrlich, 'die sich ernsthaft auf die Nibelungenfrage einlassen/ Eine 
Analyse dieser grundlegenden Arbeit findet sich in keiner der bald 
zahllosen Nibelungenschriften. Am ehesten konnte man sie von Herrn 
Hermann Fischer (1874) erwarten, da dieser eine Aufzählung der 
einzelnen Theorien in chronologischer Folge gab, aber er hat sich 
die Mühe gespart. Das gute Buch v. Muth's ist gar nicht so angelegt, 
dass eine Analyse hineingepasst hätte. Und doch ist sie sehr lehrreich, 



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IL LockmcmrCs Kleinere Schriften, ang. v. Ä. Schönbach. 87 

Lachmanns Arbeit zerfallt in 36 Absätze. Lacbmann hebt an, 
er bemerkt, die Wolfischen Untersuchungen über die homeri- 
schen Gesänge hatten ihn auf diese gleiche Untersuchung geleitet. 
Deren Gegenstand ist das Gedicht von den Nibelungen , welches er 
Bin abgesondert behandeln will, nachdem schon manches geschehen 
war, um dem Zusammenhange und der Ausbildung der Sage und der 
Dichtung mit ihr nachzuspüren. 1. Fürs erste bleibt unberührt, ob 
das Gedicht ehemals ein künstliches oder Volkslied gewesen sei. 
Gegen das letzte spricht vieles, was auch die Behauptung, das 
Gedicht bestehe aus Liedern auf den ersten Blick zu widerlegen 
scheint. Die Sprache hat den Charakter der Kunstübung an der 
Grenze des XII. und XIII. Jahrhunderts, die Reime sind von be- 
aerkenswerther Reinheit; Armuth der Reime macht sich überall 
geltend ; die Darstellung hat viel gleichartiges : eine gewisse Naive- 
tät, dieselbe Art des Beschreiben ist allenthalben vorhanden. 
Aach gibt sich das Gedicht als eines und ganzes: alles strebt 
auf den Schluss hin , die Nibelungennoth erscheint als der Haupt- 
theü, den das übrige nur vorbereitet. Freilich gibt es auch er- 
hebliche stilistische Differenzen. Allein nicht von ihnen soll und 
kann aasgegangen worden, das Gedicht selbst will Lachmann in 
Hinsicht auf den Inhalt der Erzählung durchforschen, um zu sehen, 
ob auch hier die Einheit gewahrt ist, und sollten unvereinbare 
Stellen sich finden, ob die Differenz durch blosse Zusätze oder 
durch Zusammenfügung ursprünglich selbständiger Lieder hervor- 
gerufen worden ist. Da die Differenzen im 2. Theil des Gedichtes 
auffallender sind, soll mit diesem begonnen werden. 2. Einige 
Personen der Fabel lassen sich als später eingeschoben erkennen. 
Vorerst Bischof Piligrim von Passau. Die Strophen, in welchen er, 
immer wieder vergessen, erwähnt wird, stehen in Widerspruch mit 
andern Stellen (1307), in denen auf der Reise zwischen Hunnen- 
und Bnrgnndenland Passau unbekannt bleibt. Einmal kennt Rüe- 
deger den Bischof, das anderemal nicht. Alle Stellen mit Piligrim 
sind überflüssig, nirgends wird Sinn und Zusammenhang durch 
die Auslassung der Strophen gestört. 3. Volker greift in die Be- 
gebenheiten der letzten Aventiuren bedeutend ein. Aber nur der 
letzten. Anfangs wird er unter den Vasallen Günthers genannt 
und führt das Banner im Kampfe gegen Sachsen und Dänen. 
Später kommt er aber nur unversehens und unbedeutend vor, bis 
er mit dem Eintreffen der Burgunden in Bechelaren bei Rüedeger 
lebhaft hervortritt, um nun eine immer mehr sich steigernde Wirk- 
samkeit zu entfalten. Lachmann weist nach, dass die Zahlen der 
Burgunden theils für das ganze, theils für die Abtheilungen der 
einzelnen Führer kaum vereinbar sind. Besonders aber ist 1416 
Volker und seine 30 Mann mit den andern nicht zusammen zu 
bringen. Dem Verfasser von 1417 war der Volker des ersten 
Theiles nicht bekannt. So zeigt sich überhaupt, dass die Stellen, 
in welchen Volker vor seinem machtvollen Auftreten bei Rüedeger 



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88 K. Lachmann's Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

genannt wird, entweder mit der Erzählung in Widerspruch stehen, 
oder sichtlich bloss um seines Namens willen erfundene Zuthaten 
enthalten. 4. — 7. Ob die beiden Stellen, welche der spät ge- 
gründeten Stadt Wien erwähnen , interpoliert sind , ist nicht zu 
entscheiden; die Strophe freilich (1102) bringt die Zeitrechnung 
von Eüedegers Reise in Unordnung. 8. Bis jetzt ist nur von Ein- 
fügungen die Rede gewesen, also nur von einer Art Umgestaltung 
des ursprünglichen Liedes. Es sind aber Spuren vorhanden, welche 
auf eine andere Kategorie von Differenzen fuhren , eine solche, 
von der aus nur auf eine Zusammensetzung des Gedichtes aus 
Liedern geschlossen werden darf. An 8 Stellen zunächst 1083 
(nun Anfang XI), 1363 (interpoliert), 1582 (Anfang von XV) 
finden sich Neueinführungen , die letzte in Bezug auf Eckewart, 
welche einen ursprünglichen Zusammenhang des 1. und 2. Theiles 
ausschliessen. Eckewart wird überdies noch an anderen Stellen des 
2. Theiles so erwähnt, als ob nie früher von ihm die Rede ge- 
wesen wäre. 9. Kriemhild trägt 1353— 1360 den Boten auf, ihre 
Brüder und Hagen von ihr zu grüssen und einzuladen. Nichts 
davon wird bestellt. Auch später wird von Kriemhild selbst ihre 
Botschaft ignoriert. Das ist unvereinbar. 'Damit aber die Kritik 
ja nicht übermüthig werde 5 , wie Lachmann sagt, prüft er noch 
zwei Widersprüche, die nicht zur Trennung verwendet werden 
können, sondern nur Zeichen später eingeschobener Stücke sind. 
10. Der nächste Abschnitt beginnt mit dem Satze: 'Wir stellen 
absichtlich mancherlei Erscheinungen zusammen, um zu zeigen, 
aus wie vielen einzelnen ganz verschiedenen Puncten sich der Ur- 
sprung unseres Gedichtes erkennen lasse'. Es werden zwei Stellen 
besprochen : 1448 f., schlimme Ahnungen bei den in Burgund zurück- 
bleibenden, und Hagens Unterredung mit den Wassorfrauen , die 
auf eine verloren gegangene Ueberlieferung deuten. Für den letzt- 
erwähnten Punct ist sie in den dänischen Kjämpeviser sogar er- 
halten. 11. Lachmann prüft hierauf die Nachrichten, welche der 
Verfasser der Klage von seiner Quelle gibt, um zu erkunden, ob 
diese Quelle c der Nibelungen Noth* gewesen sei, und stellt fest, 
dass dieser Verfasser seinem Bache genau nacharbeitet. 12. Unser 
Nibelungenlied in seiner jetzigen Gestalt kann ihm aber nicht 
vorgelegen haben, die Grundanschauungen sind ganz verschieden. 
13. Und doch eine ganze Reihe von wörtlichen Uebereinstimmungen 
zwischen Klage und Nibelungen lassen sich aufzählen. 14. Es 
folgt eine methodisch interessante Stelle: c Ich will es gern zuge- 
stehen, dass auch durch die wörtliche Uebereinstimmung beider 
Lieder in diesen und anderen Stellen meine Behauptung von dem 
näheren Zusammenhange beider nicht erwiesen und noch gar nicht 
dadurch ihr Verhältnis zu einander ins Licht gesetzt werde : aber 
es sei erlaubt, dennoch jetzt die Vergleichung , aus der sich das 
Wahre erst ergeben kann, so anzustellen, dass es schon als ge- 
wonnen angesehen und sogleich wieder zur weiteren Erforschung 



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K. Lachmann' 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönback. 39 

der Geschichte unseres Liedes angewandt werde; wodurch die 
Untersuchung, bei der ich nun freilich meine Leser mir nicht mehr 
als Gegner denken darf, erfreulicher und zugleich die doppelte 
Forschung, ich hoffe ohne Nachtheil, in eine einzige umgewandelt 
wird\ In den Abschnitten 15—22 vergleicht nun Lachmann die 
letzten Parthien der Nibelungen und die Klage. Manche Erzäh- 
lungen sind dem Verfasser der Klage ganz fremd , andere kennt er 
genau, wieder andere kennt er in abweichenden Fassungen. Der 
Schluss , dass die Gesammterzählung war ursprunglich in einzelnen 
Theilen , Liedern , von den Sängern vorgetragen worden , dass dann 
einzelne Lieder mit andern ähnlichen oder unähnlichen Inhaltes ver- 
tauscht werden konnten, ergibt sich von selbst. Ein mehrmals in der 
Klage angeführter Gedanke, Kriemhild habe Hagen allein tödten 
wollen und hätte die Bruder gerne geschont , ist nicht in den Nibe- 
lungen enthalten. Wenn er aber doch in der ersten Hohenemser 
Handschrift (C) vorkommt , r so wird das Niemand wundern , der da 
weiss, was es mit dieser Handschrift für eine Bewandtnis habe'. Hier 
trifft man zum ersten Male auf Lachmanns Auffassung des Hand- 
schriften Verhältnisses, er war sich über A und C schon 1816 klar, 
lange bevor er den Text auf Grundlage seiner Untersuchungen ge- 
staltete (23 vgl. auch 27). In rascher Folge untersucht nan Lachmann, 
welche Aventiuren vor dem Puncte, wo die detaillierte Vergleichung 
zwischen Nibelungen und Klage begonnen hatte, dem Verfasser der 
Klage bekannt waren und welche nicht. (24. 25.) Das bisher erreichte 
wird nun zusammengefasst und noch besonders daran erinnert , dass 
auch die Vorlage der Klage eine Sammlung von Liedern gewesen sei. 
26. Der nächste Abschnitt bereitet die Untersuchung des ersten Thei- 
les vor. Dieselbe wird schwieriger dadurch, dass dieser Parthie nicht 
ein Gedicht in so nahem Verhältnisse zur Seite steht, wie dem zweiten 
Theil die Klage. Doch wird dieser Mangel theilweise wieder ersetzt, 
indem die weniger vorgeschrittene Ueberarbeitung, die stärkere Conser- 
vierung der alten Form die Differenzen deutlicher und kleine Wider- 
sprtche wichtig macht. Gefördert wird die Untersuchung ausserdem 
durch den Stand der Ueberlieferung in den Handschrifteu, da A, welches 
den ältesten, wenigst geglätteten Text enthält, die Arbeiten der Ordner 
betser xu erkennen gestattet als B und G. 27. Die ersten Strophen 
bilden eine für die jetzige Gestalt des Liedes angefertigte Einleitung. 
28. Der Umfang des ersten Liedes wird bestimmt und schon werden 
die wichtigsten Interpolationen ausgeschieden. 29. Vom ersten löst 
das zweite Lied sich zunächst durch die neue Vorführung Siegfrieds. 
Das dritte gehört, von der zärtlichen Gesinnung und der zierlichen 
Bedeweise der Minnepoesie erfüllt , einem späteren Zeiträume an als 
da« zweite, noch mehr aber als das vierte. 30. Denn dieses ist alter- 
thömlich : der Dichter tritt darin stärker hervor, andere Helden als 
in den umgebenden Liedern zeigen sich bedeutend. Viel ausgebildeter 
ia der Form ist das folgende Lied. 31. Ganz unvereinbar mit diesem 
ist das nächste sechste Lied, das ganz andere Localanschauung ent- 



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40 K. Lachmann' s Kleinere Schriften, ang. v. A. Schonbach, 

hält. 32. Erörterung von Umfang und Ton der Lieder 7—10. 33. 34. 
Eine Reihe von literarischen Zeugnissen wird beigebracht und geprüft, 
aus denen das spätere Fortleben einzelner Lieder sich erweisen lässt. 
35. Zum Schlüsse berührt Lachmann noch eine Frage , deren Beant- 
wortung aber, wie er meint, die Kritik sich entschlagen muss, c ob 
nämlich bei der Zusammenfügung unserer wie der homerischen Lie- 
der die Diaskeuasten Zusammenhang und Folge nach einem vorhan- 
denen, wenn auch kürzeren Gedichte, das aber den ganzen Inhalt 
der Geschichte befasste, oder nur nach Anleitung der Sage be- 
stimmten 3 . Der eigentliche Dichter des deutschen Epos ist ihm der, 
welcher Kriemhilds Bache an Siegfrieds Ermordung durch Hagen und 
Günther knüpfte. Ob aber dies in der Sage geschehen sei , oder in 
einem einzelnen Gedichte, muss unentschieden bleiben. 36. 

Vieles von dem in dieser Schrift aufgestellten hat Lachmann 
selbst später verworfen und anders gefasst , manches erwies sich als 
unhaltbar — uns interessiert hier nur die Form der Untersuchung". 
Diese bleibt bewundernswerth, auch wenn alle Besuitate falsch 
wären. Zuerst ist deutlich, dass die Gedankenarbeit, welche der 
schriftlichen Bedaction der Abhandlung vorangieng, nur zum gering- 
sten Theile in dieselbe ist aufgenommen worden. Nur Specimina , so 
zu sagen, hat Lachmann herausgehoben. Und das verleiht dem Autor 
wie dem nachprüfenden Leser ein behagliches Gefühl der Sicherheit. 
Im einzelnen haben erst Lachmanns Becensioneh, vor allem aber die 
Anmerkungen zu der Nibelungenausgabe geliefert was er zu sagen 
hatte. Die Entwickelung ist musterhaft. Von den Einschaltungen 
zu der Untersuchung mittelst der Klage , dann weiter mit der hier 
gewonnenen Anschauung zu dem ersten Theile, wo man der Hilfe 
eines secundären Zeugen entbehrt , ist ein gerader Weg. Der schein- 
bare Sprung bei Abschnitt 5 ist in der That keiner: das Folgende ist 
nach der Methode des Beweises einer Hypothese durch das Experi- 
ment unter Voraussetzung der Hypothese gearbeitet. — Der Gedan- 
kenprocess, den Lachmann dem Leser in fast Lessing'scher Weise 
vorlegt, ist von ihm woi kaum in derselben Folge der Stadien durch- 
gemacht worden. Es ist auch eine unerfüllbare — besser gesagt gar 
nicht zu stellende — Forderung , dass der Leser alle Schicksale der 
Forschung miterdulden solle. Oft führt ein übler Seitenpfad den Ar- 
beitenden zum richtigen Besuitate und der einfache Weg wird erst 
dann sichtbar ; soll man diesen nun dem Leser vorenthalten und ihn 
zwingen, dass er jenen betrete? Einer überlegenden Zurichtung be- 
darf auch die Untersuchung eines der Methode vollkommen mächti- 
gen Forschers , schon um unnöthige Breite zu kürzen. Diesen Satz 
beweisen e contrario die in unserem Fache recht zahlreichen Arbeiten, 
deren Verfasser die Mühe des Bedigierens sich nachgesehen haben, oder, 
logischer Schulung entbehrend , die Pflicht dazu gar nicht kannten. 
Die weitläufigsten Erörterungen mit dem Verfasser durchzustolpern 
wird man häufig ohne dass die Sache es forderte , gezwungen ; hie 
und da nimmt man wahr , dass die auf einzelnen Blättern entworfe- 



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K. Lachmanris Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 41 

Mi Untersuchungen ohne Rücksicht auf ihr gegenseitiges Verhältnis 
oammengefügt worden sind. Da fehlt es denn nicht an Widersprü- 
chen. Am schlimmsten steht es dann , wenn die Eile des Verfassers 
ät nassen Blätter in die Druckerei befördert und die fortschreitende 
Arbeit auf den letzten Bogen zu Resultaten führt, welche das auf den 
ersten ausgesprochene aufheben. Auch dafür fehlt es in der deut- 
sch« Philologie nicht an Beispielen. 

Das zweite Stück, 1817 gedruckt, ist eine Becension von 
tfHagens Nibelnngenausgabe 1816 und Benecke 's Bonerius, der zur 
selben Zeit erschien. (S. 81 — 114) Lachmann rechtfertigt zunächst 
ix Zusammenfassung beider Werke, Ausgaben von Gedichten so ver- 
schiedenen Gehaltes , dadurch , dass er auf die beiden gemeinsamen 
Gfinds&tze der Kritik hinweist. Für sie gilt folgendes Hauptgesetz: 
t Xan solle den Text der ältesten und besten Handschrift zu Grunde 
legen, diesen ans den übrigen hin und wieder verbessern, dabei aber 
Uaterscheidungszeichen und eine gleichmässige, doch alterthümlicke 
Schreibung einfuhren*. Lachmann gibt die Richtigkeit dieses Ge- 
nte nur für einzelne Fälle zu und fragt sofort , wie ein Text dann 
n amstüuieren sei, wenn mehrere gleich alte und gute Handschriften 
eines vortrefflichen Werkes sich vorfinden. Er antwortet selbst mit 
da Segel: c Wir sollen und wollen aus einer hinreichenden Menge 
toä guten Handschriften einen allen diesen zu Grunde liegenden Text 
darstellen, der entweder der ursprüngliche selbst sein, oder ihm doch 
sehr nahe kommen muss\ Diesem Gesetze gemäss entwickelt er nun 
8. 87 das Verhältnis der Nibelungenhandschriften und ihm ist er bei 
der Herstellung altdeutscher Texte immer gefolgt. Wie jedermann 
sieht, betrifft die hier von Lachmann entschiedene Frage das vor- 
Bekmste Princip der Textkritik. Entschieden? Doch kaum für Alle. 
Denn noch jetzt gibt es zahlreiche Anhänger des Benecke-Hagen'- 
schen Grundsatzes ; wer weiss , ob nicht ebenso zahlreich als die der 
Lachmann 'sehen Regel. Das theoretische Problem ist also noch dis- 
catierbar. Macht man sich Lachmanns Arbeitsweise in dieser Zeit 
klar , so sieht man , wie er zu seinem Gesetz gelangt ist. Gute oder 
gar vertreffliche Handschriften hatte er damals noch nicht gesehen '). 
Was ötm an altdeutschen Texten vorlag, waren mehr oder minder cor- 
ropte Drucke. Diesem Umstände , seiner Natur und seiner Vorübung 
aaf dem Gebiete der classischen Philologie war es angemessen , dem 
Kritiker ziemliche Selbständigkeit gegenüber der handschriftlichen 
Tradition einzuräumen. Mit intuitivem Scharfsinn fand er und hand- 
habte er das einzig mögliche Mittel , eine sichere Grundlage für die 
Erkenntnis der Sprache altdeutscher Dichter zu gewinnen in der 
Prifhng der Keime. Alle wesentlichen Puncte in der Sperialgram- 
aatik eines Schriftstellers müssen durch die Beime gelehrt werden, 
wofern nur das Material zureicht. Mit absoluter Sicherheit konnte 



■) Der Königsberg«- HandschrifteuTorrath ist nicht gross und 
bietet wenig gutes. VgL Steftenhagen in Haupts Zeitschrift XTH, 501 



bis 574. 



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42 K. Lachmanris Kleinero Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

darnach ein Theil des echten ans der Ueberlieferung geschält wer- 
den. Aber nur ein Theil. Lachmann sah bald , der nächste wichtige 
Schritt zur Herstellung eines altdeutschen Gedichtes sei die Erfor- 
schung der in denselben geltenden metrischen Gesetze. Wieder ein 
grosser Theil des ursprünglichen war dadurch zu retten. Beobach- 
tung des Sprachgebrauches führte noch weiter. Aber der zweite und 
dritte Schritt (mitunter sogar der erste) sind schon in gewisser Weise, 
praktisch wenigstens, abhängig von der Auffassung des Handschrif- 
tenverhältnisses. Nur dort, wo eben Handschriften — nicht eine 
Handschrift — vorhanden sind. 

Ich breche hier augenblicklich ab und wende mich zu denen, 
welche unter Modificationen , wie sie Lachmanns Arbeiten mit sich 
brachten, der Benecke-Hagen'schen Regel nacharbeiten. Wie selbst- 
verständlich fordern sie die von Lachmann bestimmten Vorarbeiten 
in Bezug auf Keim , Metrum , Sprachgebrauch ; auch ihr Endziel ist 
dasselbe : Darstellung eines allen Handschriften zu Grunde liegenden 
Textes. Allein das Verfahren im einzelnen ist doch verschieden. Ihre 
nächste Absicht ist , das historische Verhältnis der Handschriften 
zu erforschen. Sie suchen den Gang aufzuklären , den die Ueberliefe- 
rung genommen hat. Die Classification der Handschriften nach den 
Begriffen c gut J und 'schlecht' ist ihnen secundär. Denn , so paradox 
als es klingen mag , nicht immer deckt sich c gut* und c an vorderster 
Stelle in der Tradition 3 , oder 'schlecht' und c ein später Ausläufer/ 
Es kann eine Handschrift an und für sich gut sein, einen trefflichen 
Text geben, und doch nur einen sehr geringen Platz in der historisch 
geordneten Reihe der Handschriften einnehmen. Das glänzendste 
Beispiel für diesen Fall ist das Verhältnis der Nibelungenhandschrif- 
ten selbst. A ist vielfach mangelhaft und doch steht A unter allen 
Handschriften dem Archetypus am nächsten. Hat sich Lachmann 
damit nicht selbst widersprochen, und bewegen wir uns nicht im 
Kreise? Nein doch. In der Praxis wird meistens c gut* und c alt zu- 
sammenfallen — man denke nur an die Kriterien, vermittelst deren 
man das Handschriftenverhältnis insgemein prüft — der Unterschied 
zwischen den beiden Auffassungen wird sich erst in der Abschätzung 
des Werthes der Handschriften untereinander kundgeben. Lachmann 
legte nur wenig Gewicht auf die genaue Bestimmung der Stelle jeder 
Handschrift und der'Procente an Werth, die den Varianten eines 
Codex theoretisch zukommen. Er wählte mit sorgfältigem Urtheil, 
er verfuhr — Niemand wird mich jetzt noch missverstehen — in 
gewissem Sinne eclectisch. Die Anhänger der anderen Auffassung 
werden vorzugsweise Mühe darauf wenden , die Beziehungen unter 
den einzelnen Handschriften klar zn stellen. Im besonderen Falle 
wird schon in der Anordnung und Auswahl der Varianten sichtbar 
werden , welchen Grundsatz ein Herausgeber festhält, aber auch die 
Textgestalt selbst kann , nach der einen oder der anderen Regel er- 
mittelt, recht wesentliche Unterschiede zeigen. 



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JT. Lmckmmnns Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 43 

Ich schalte ein: bei den von Lachmann behandelten Texten 
wäre, wie auch der nachprüfende urtheilen möge, wenig nachzutragen. 
Lach mann hat seine einzige Begabung und Ausbildung fast überall 
dae rechte treffen lassen. 

Es mnss noch eins erwogen werden, was Lachmann immer 
klar war. Nur äusserst selten — die Fälle wären sehr leicht zs 
sammeln — besitzen wir alle Handschriften , die you einem Werke 
bestanden haben. Die historische Untersuchung wird dadurch um 
sehr riel schwieriger, sie mnss mit unbekannten Grössen rechnen, 
aus den vorhandenen Gliedern die verlorenen tu bestimmen suchen, 
ja mitunter strebt sie sogar darnach , das Verhältnis nur erschlosse- 
ner Handschriften untereinander festzustellen. Es ist gewiss schwer, 
sich hier manchmal vor nutzlosen Subtilitäten zu hüten. Allein im 
ganzen scheint mir doch diese Art der Betrachtung richtig. Aller- 
dings wird es oftmals eines energischen Entschlusses bedürfen, um 
zwischen den zahlreichen sich darbietenden Möglichkeiten die wahr- 
scheinlichste auszulesen , für den Unterschied zwischen c wichtig* und 
f an wichtig* mnss das Auge durch reichliche Uebung geschärft sein. 

Man bedient sich häufig der 'Stammbäume/ Sie haben an und 
für skh nicht allzuviel Credit, insbesondere seit Johannes Schmidt 
mit dem grossen, indogermanischen so erbarmungslos aufgeräumt 
hat. Ich möchte sie aber doch nicht verwerfen , wenn ich auch zu- 
geben rauss, dass die leicht eintretende Ueberschätzung dieses Hilfs- 
mittels sehr vom Uebel ist. Ein Diagramm kann nie etwas anderes 
sein als eine mechanische Unterstützung des Gedächtnisses durch das 
Bild. Um bei verwickelten Handschriftenverhältnissen nicht immer 
die einzelnen Beziehungen mühsam behalten zu müssen , werden die 
Striche zu Hülfe gerufen , deren Stärke , Grösse und Richtung der 
Entwicklung der Textindividuen entsprechen. Weitere Bedeutung 
als die einer Illustration kommt dem Stammbaum nicht zu. Wer 
übrigens einmal einen Stammbaum gezeichnet hat, wird den Grad 
der Sicherheit, den die vorausgegangenen Schlüsse beanspruchen 
dürfen , noch lebhaft im Sinne haben und vor der Gefahr behütet 
sein, einen zwingenden Regelcomplex in dem Diagramm symbolisiert 
zu sehen. 

Die Principien der Handschriftenkritik sollten gründlich er- 
örtert werden. Scherer äusserte vor einigen Jahren zu mir, er wolle 
einmal darüber schreiben. Wenn diese Zeilen ihn dazu veranlassten, 
seine Absicht auszuführen, wäre ich sehr froh. 

Lachmann bespricht weiter die Einleitung zu vdHagens Buch 
und tadelt, was an vd Hagen immer zu tadeln war, die Unklarheit 
seine« Ausdrucks, nur der Reflex der Unklarheit seines Denkens. Er 
wendet sich dann zu Boner und theilt seine Reimbeobachtungen mit. 
Ich habe die Recension leider nicht gekannt, als ich in der Zeit- 
schrift für deutsche Philologie VI, 251 ff. über Boner schrieb, sonst 
hätte ich mir manches sparen können. Aber auch erfreulicher Weise 
hätte ich mich auf Lachmann berufen können , als ich gegen Gervi- 



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44 K. Lachmann's Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

ans' und Pfeiffer's ürtheil die Begabung Boners gering schätzte. 
Ueber die Rechtschreibung spricht Lachmann S. 90 ff., er nimmt die 
Sache in der Vorrede zur Auswahl S. 165 ff. wieder auf und widmet 
ihr auch in der Recension der vd Hagen 'sehen Nibelungen 1820, 
S. 223 ff. eingehende Behandlung. Aus der Durchsicht dieser eben so 
grossen als schwierigen Arbeit ist mir vor Allem eins klar geworden. 
Es ward oft behauptet und noch öfters ist es nachgesprochen worden, 
Lachmann habe so wenig für die Leser seiner Texte gethan, er habe 
ihnen die Mittel zu leichterem Verständnis versagt, keine erklärenden 
Anmerkungen, kein Glossar gegeben, und was des Geredes mehr ist. 
Will man verstehen, was Lachmann den Lesern vorgearbeitet hat, so 
besehe man sich gefälligst die vor Lachmann erschienenen Texte, 
seine eigenen Ausgaben und die hier angeführten Stellen seiner 
Schriften. Die grammatischen Formen, welche ein Dichter gebraucht, 
in den meisten Fällen schon durch die Schreibung zweifellos zu er- 
kennen, ist erst durch Lachmann möglich geworden, in das Chaos ist 
Ordnung gekommen, in den Wust Klarheit. Nun hat es freilich jeder 
von uns leicht, an einigen Stellen seinen Scharfsinn darzulegen, wol 
auch das richtige mitunter herauszubringen, und über den Sinn eines 
Satzes tief zu disputieren. Möchte doch jeder der Kleinmeister, die 
bei solcher Nachkritik sich aufspielen, bedenken, dass er kaum etwas 
anderes thut als die fleissigen Leute, welche mit Raspeln den gelun- 
genen Erzguss bearbeiten. Wo wären die Raspier ohne das Kunstwerk 
gebliebon ! 

Einige Puncto lassen sich vielleicht aus Lachmanns Behand- 
lung der Orthographie hervorheben : 

1. Welches Zeichen entspricht dem mittelhochdeutschen Laute? 
(S. 94). Dafür sind bestimmend: a. Die Reime guter und sorgfältiger 
Dichter; b. Die Schreibweise alter Handschriften; c. Das Verhältnis 
zur Lautgebung anderer germanischer Sprachen. 

Dies Letztere kommt für die Feststellung der Hauptlaute am 
meisten in Betracht und auch hier fördern sich Jacob Grimm 's und 
Lachmann's Forschungen aufs schönste. Bei a und b ist Lachmann 
vorangewesen. — Doppelter und schwankender Aussprache müssen 
doppelte Zeichen entsprechen. 

2. Consequenz in der Wahl der Zeichen. Schon Benecke hatte 
diese als ein Hauptgesetz betont. Im selben Falle , unter denselben 
Umständen auch dasselbe Zeichen. Das klingt heutzutage ungeheuer 
einfach, ist aber in der Ausführung gar nicht so leicht gewesen, wie 
man S. 91 f. über s und e nachlesen kann. 

3. Einfachheit. Sie ist insofern zu berücksichtigen als auch 
dort , wo ein compliciertes Zeichen in der Mehrzahl der Fälle neben 
dem einfachen gebraucht wird, das einfache gewählt werden muss. 

4. Gebrauch neuer Zeichen. Ich verstehe darunter nicht neu 
erfundene, sondern solche Zeichen, welche hie und da, wie verloren, 
in den Handschriften sich finden, ohne bestimmte Aufgabe , und die 
doch sehr zweckmässig zur zweifellosen Darstellung grammatischer 
Formen verwerthet werden können. Vgl. S. 93 über c. 



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K. Ixichmanns Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 45 

5. Wahl der Hilfszeichen. Dazu gehören : Das Trema , welche 
gebrochenes e bezeichnet; das geschwänzte <?; der Circumflex ; der 
Apostroph ; der Bindestrich bei zusammengesetzten Wörtern. Lach- 
mann entscheidet sich nicht für die Notwendigkeit aller dieser 
Hilfemittel , er r&th sie aber an und will vor allem, dass der einmal 
vom Herausgeber angenommene Gebrauch sorgfaltig beibehalten 
werde. In der That sind auch heute noch die Meinungen hierüber 
verschieden. Soll der Circumflex bei allen Dichtungen vor 1500 ge- 
braucht werden ? Viele habens gethan und thuns noch ; aber es ist 
doch nicht zu leugnen, dass der Unterschied zwischen Länge und 
Kürze, schon bei den genauesten Dichtern am Anfange des XIII. Jahr- 
hunderts manchmal durchbrochen, bald an Geltung verliert, dass 
schon in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts Gedichte sich 
finden, in denen ein Drittel der stumpfen Reime (mit einfachem 
Vocal) Lange und Kürze bindet, dass diese Unterscheidung im Laufe 
des XI? . Jahrhunderts ganz aufhört. Wo einmal wie z. B. gerade 
bei Boner die Hälfte der mit einfachem Vocal gebundenen stumpfen 
Keime ungenau ist in der Quantität, da hat die Quantität nicht mehr 
gegolten und sie zu bezeichnen , scheint mir überflüssig. Eine Zeit- 
grenze festzustellen wird kaum möglich sein. Denn auf die Reime 
(es könnte ja auch die Noth zu einer Vernachlässigung der sonst ge- 
achteten Quantität zwingen) ganz allein kommt es doch nicht an und 
es muss bei jedem einzelnen Autor untersucht werden, wie es mit den 
Betonimgsgesetzen im Inneren des Verses steht. Ist hier die Länge noch 
von der Kürze unterschieden, so wird das 'Dächer^, um mit v. Kara- 
jan in sprechen, der für dasselbe besondere Vorliebe hatte, trotz der 
Bennungenauigkeit am Platze sein. 

Ueber Interpunction spricht Lachmann nirgends im Zusammen- 
hange, viel an einzelnen Stellen. Wie er 's haben will, zeigen seine 
Texte. Doch sind wir auch hier noch nicht im Besitze fester Regeln 
tnd die Herausgeber folgen keineswegs den gleichen Anschauungen, 
aacfc wenn Lachmanns Interpunction als Muster vorschwebt. So inter- 
ptagiert z. B. Haupt viel weniger als Müllenhoff. Es wäre werthvoll, 
wenn Jemand einmal die Grundsätze Lachmann'scher Interpunction 
ans dessen Ausgaben sauber zusammenstellte und die spätere Praxis 
damit vergliche. Wir gewönnen dann einen Canon, dem sich hoffent- 
lich alle in Zukunft fügen würden. 

S. 96 ff. finden sich schon metrische Betrachtungen. Wie Lach- 
■ann's Metrik allmälig aus geringen Ad fangen zur Vollendung ge- 
diehen ist, lässt sich in den 'Kleineren Schriften' recht gut sehen 
tnd ist dies Studium insbesondere denen zu empfehlen , welche jetzt 
Bit Ostentation die Lachmann'schen Regeln von sich werfen , um sie 
in der eigenen Praxis dann stillschweigend und bescheiden wieder 
anzuwenden. 

Von S. 98 ab folgen Emendationen, dann Nachträge und Bosse- 
nagen zu den Glossarien. Ich kann hier nicht näher auf die Steilem 



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46 K. Lachmanris Kleinere Schriften, ang. v. Ä. Schönbach. 

eingehen , mache aber aufmerksam , dass eine Menge wichtiger Ein- 
zelnheiten hier zum ersten Male herausgebracht sind. 

Es folgen Verbesserungen zu Barlaam und Josaphat von Rudolf 
vonMontfort'(S. 115 — 132.) Sie betreffen Berichtigungen der Schreib- 
weise und bessern zumeist grammatische Fehler. Zwischen liebe und 
minne wird S. 131 zuerst unterschieden. Alles ist gegründet auf 
genaue Kenntnis der Handschrift und der Sprache des Gedichtes. 
Ein guter Zufall verschaffte mir neulich aus einem Breslauer Anti- 
quariat ein Exemplar von Köpkes 'Barlaam und Josaphat 3 , das zuletzt 
in Köpkes Besitz gewesen war, ursprünglich aber Lachmann gehört 
hatte, und in welches dieser neben den Blattzahlen der Handschrift 
A und einigen Besserungen der Interpunction eine Anzahl von Nach- 
trägen und Noten, theilweise zu seinen eigenen Verbesserungen ein- 
getragen hatte. Ich stelle sie hier zusammen : 

1. Zu den Verbesserungen: 13, 23 creatüre auf füre Weltchr. 
11 d. 18 b. 24a. — 15, 22 Karl 90a: daz du din ze sere klagest 

— 23, 26 wände Weltchr. la, 2b. wand, Königsberger Weltchr. 
6a, 26b. niht wan lb, 3a. — 35, 31 Weltchr. 7c: wie die engel 
sin g estalt? 66 c: wie ez nu bewaret si? 68: wie dise rede ende 
name, und mit warheit z'ende quame? 69a: wie daz gemeinet si 
an in? Mit dem Indicativ Eschenbach Wilh. v. Or. S. 148a: Wer 
der fünften schar nu herre was? Karl S. 63b: Wer der niunde do 
wart? Gudrun 3940: Was do die Hute taten? — 37, 34 Weltchr. 
8b: Si tich nu han hie vor geseit. — 43, 6 aber füget oder fügent? 

— 50, 3 lies an den samen sin. — 53, 20 Weltchr. 21, 6 Gott zu 
Noe : Bi dir suln gezweiet wesen ellü lebendü dink. — zHm wart 
allez daz gesant gezweiet do mit zwein und zwein, an dem leben- 
der name erschein ; daz was gezweiet bi im hie. Bari. 350, 29. — 
59, 10 Joathan im Reim Weltchr. 156a,c. — 64, 7 antlut Man. 
S. 1, 187 b. 2, 192 a. — 67, 39 Das richtige briutegoum auf troum 
gereimt Troj. Kr. 34b. — 156, 5 falsch, des Reimes wegen her 
(daz) männlich, aber zu reimen auf mer (daz) ; her (hehr) männlich 
auf mer (mehr); here (hehr) weiblich auf lere (Lehre) Rudolf 
Weltchr. BI. 2r. Paulus und die z weif boten her; noch gibt er 
uns urkündes mer (in der Handschrift here : mere) IIa: daz die 
zwelf boten here des heiligen geistes lere etc. — 267, 21 (S. 128) 
gotes ertvelten und die heiden Weltchr. 29 c. Weltchr. 99 d: unde 
och Abiu hie bi was f und sibenzik alden die wisheit konden 
walden, giengen von dem volke hin dan. 208 d: krumme, holze t 
blinden. Strickers Karl S. 56 a: Machmetes uz erkornen. 83 b: 
die heiden habeten alse zagen. Wolfr. Wilh. 200b: und daz alle 
helde zagen waren. Wigam. 8b: manige ritter toten. Man. S. 1, 
48 b: e was ich blint und wtste blinden. 1, 87 b: in allen riehen 
vint man niht zwei geliehen. Nlthart Man. S. 2, 83 a: wir suln 
allen vasle schallen. Iwein 5326: joch enwdren si nicht zagen, 
die da mit in vahten. — 264, 4 Weltchr. 69 c: den gotes erwelten 
riehen (Jacob). 



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K- Lachmanns Kleinere Schriften, ang. v. A. SchönbacJi. 47 

Zum Wörterbuch 1 ): Abe, nachgesetzt mit dem Genitiv. Man. 
S, 1, 153a unten: geriten eine halden abe. Adverbial? Parc. 4107. 
— (Akosen) Weltchr. 118b: dobegan sich heben an ein murmeln. 
da£ volk began nach fleische sere akosen da, fleischlich, als da vor 
mnderswa. 124 a: si sprachen gemeinlich also nachkosende elliu 
zu. — b. ir nachrede. — (Akust) Weltchr. 166a: waz hat unferti- 
geren lip danne daz unkustige wip? — änik. Weltchr. 9 a: und ir gc- 
zierde änik gar. — (Anebeiten) da man din apgot an bat, Stricker 
10 a. — (Anlan) Georg 4510. Weltchr. 105 a: des himels umbevart 
wnd umbelouf nach siner art, als in an gelasen hat gotes wisheit 
und sin rat. Wolfr. Wilh. 91b: der dae firmament an liez. — (An- 
theiz) Weltchr. 173 c — (Antwerc) Weltchr. 74 c: die hantwerc 
wurden hingeleit unde dar zu ir arbeit, die sie bliben liezen gar 
und namen des kindes war. — (Begeben) under unser gebot be- 
gebe Weltchronik 16 d. und begunden got begeben Weltchr. 20 b. 
Gott sra Moses: Sich mich niht, unde lebe, daz dich daz leben iht 
begebe. Weiten. 109 a. — (Beheren) Weltchr. 78 a: die lüt sich 
sere meret, ez arget unde heret ; so man ez inme rüwen lat, do ez 
in harter uf gat. — (Benennen) Weltchr. 5 d : wand uns got hat 
benennet gar ee der rehten engein schar. — Bereden, jus. Alem. 
126, 14. 173, 2. 177, 5. 246, 2. 3. 256, 1. 289, 4. 306, 7. 
312, 14. 22. 24. 357, 1. 2. 398, 11. 12. — (Bern) Weltchr. 39b 
Ton Hagar: in der wüste Bersabe gienk si sunder rihte die ruhe 
uz der slihte irre uf wegen ungebert. nu was daz waeser vereert 
etc. Oberlin S. 1830. Weltchr. 79 c: man engibt uch kein stro da 
miteir den ciegel bert (Exod. 5, 18. Vorher 79 a: den sinen er do 
gebot , das in nieman gebe do weder bacht, har noch stro daz si 
zume leimen teten, do si den zume ciegel kneten). — (Bescheiden- 
liehe) si waren e arm und gutes riche ; wand ellü erde und diu 
hnt stünden gar in ir hant, und waren doch hoher richeit bar, si 
namen keiner richeit war, wan der ir lip solde leben. Weltchr. 24 c. 
— (Bestan) Weltchr. 97 b: Ez si sin hus oder swaz er hat, dae 
eigentlichen in bestat. — (Betriln) Weltchr. 8 a. 211b (geviln) 
Georg 3670 (verviln) Ernst 2910. — (Bischaft) Weltchr. 11c: du 
schrift daz mensche nennet sus ze latine mikrokosmus, du minnere 
teerü, wand sin rat (was an ihm ist?) aller gescheffede bischaft 
hat. — Bispruch. Weltchr. 26 a: der an kreften wart so groz daz 
tin bispruch von im geschach und von sinen kreften sprach : wis 
kreftic wise (sie) als Nemroth. — Borgen. Weltchr. 141a: der be- 
gonde in grozen sorgen mit leide freude borgen und sich ir vil gar 
begeben und in so grozen sorgen leben. — (Brechen) Weltchr. 
152 d: do der ander tak uf brach und darnach wachsen began. 
Weltchr. 69 b von Paulo : daz er az rop des morgens /rö, den abent 
brach er dar zu, daz er teilte von im hin mit lere den gütlichen 



') Bei den eingeklammerten Artikeln hat Lach mann Zusätze ge- 
mscht, die uneingeklammerten stehen nicht in Köpke's Wörterbuch. 



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f oq\ 



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48 K. Ladunanris Kleinere Schriften, ang. v. A. Schonbach. 

gewin. — (Dik) Weltchr. 15 c: ze machen si begunden von viUoube 
questen dik, dae ir ietweder aneblik des andern schäm niht möhte 
sehen. — (Diet) Plural. Weltchr. 45a: daz man si tragen sähe 
zwene vatern [veter] zweier diet, an den mit scheidunge sich schiet, 
gezweite zweier diete (so) kint mit namen und e gescheiden sint 
und daz die selben bi ir zit vil kriege hmten etc. — (Drivalt) Auch 
Weltchr. — Durnehte. Weltchr. 20 c: Noe, der reine gotes kneht y 
was redelich, gut und gereht 9 und in sime geslehte wise. ganz, 
durnehte unde gienk rehte wege vor gote. — (Ende) Weltchr. 11 c: 
von Adames zu, bis du werlt ein ende gü (nimmt). — Endeist. 
Bis an daz endeiste Ostermer (Wendelsee) daz nahest bi der sun- 
nen lit. Weltchr. 25 a. — Entschumpfentüre. die von Gomorra 
und Sodoma Uten e. da. Weltchr. 31c. (Genes. 14, 10. terga verte- 
runt cecideruntque ibi.) — (Entweten) Weltchr. 47 d: die sin ze 
dienste dir benant und in din gebot geweten ; alle geslehte dich an- 
beten. Benecke Wigalois S. 750. — Enzelen. teilten si e. die lant 
under sich Weltchr. 25 d einzeln. — {Ervaren) Iwein 4620. Ko- 
locz. 77. Wilh. d. H. 2, 195 a. Weltchr. 54 c: ir hat mich beswaret 
und vil leitHch ervaret. (turbastis me Genes. 34, 30). Fol. 53 b: er 
sprach: die trime saget mir, die ir sähet und von den ir so sere 
sit beswaret und ich davon vervaret. Iwein 9213: Ez wäre ein 
wol gem&t man ervceret (verzagt Müll. 5781) von der arbeit. 
Meistergesang*). 585: ein müter man zu geben ist unvervaret. 
Kolocz. 64: sere wurden st ervceret. — (Erwinden) Weltchr. 51 a: 
kindes (1. kindenes) si damite erwant, biz got aber daz wolde daz si 
kinden solde. (cessavüque garere Genes. 29, 35) in f. 51 c: geberens si 
do erwant. Weltchr. 150c: einen stahelinen nagel si zu zHm gar 
mit zorne tr&k; mit eime hamer si den slük hinder eime ögen in bis 
hinder dem andern uz dort hin, daz du spitze in der erden erwant 
(NB. er lag und schlief). — (Ewarte) ein reiner ewart und art ge- 
reimt Weltchr. 32b. auf Durndart Karl 68b. — (Varen) Weltchr. 
15 d: ir versen soltu immer varen. (Genes, 3, 15 et tu insidiabe- 
ris calcaneo ejus.) — Veigen. Weltchr. 60 d: daz er in genade er- 
zeig ete, ir ungemute in veigete. — (Verbern) Weltchr. 161 d : stein- 
herten luten begonde von sinen leichen ir herter mät zerweichen 
daz alle trurekeit vil gar in ir herzen sich (1. si) verbar. swa si sin 
gedone in sinen leichen schone von siner hant solden vernemen 
da muste vreude si gezemen. — Verch. Weltchr. 17 c Gott zu Kain : 
wände gein dir du erde hat und gein deiner missetat uf getan ir 
mimt, do si verslant Abels verch von diner hant. — ( Vereinen) 
Weltchr. 62 b: in ein gadem sich vereinende. Altd. W. 2, 189, 
42. — Vergeben Bari. 57, 19. — Verhangen, erlauben. Weltchr, 
77 d : und man in niht verhankte , daz si iht fürbaz quamen, dem 
lande sin ere benahmen. — ( Verstössen) Weltchr. 89 d : da mite das 
gotes her verstiez sin armüt vil richliche; si wurden alle gutes 
riche. — (Verwtzen) Prät. Plur. verwizzen. — (Verzihen) Weltchr. 
19 d: den (1. dem?) got reiner fruht niht verzech. 24 d: als im der 



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K. Lachmann' 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 49 

sitmt was veraigen ^ dem trunkenen Noah. — Vihelüte, Nomaden 
Weltchr. 64b. — Vor-an. Weltchr. 89 b: daz si im volgeten dan, 
twenne er gierige vor in an, nach einander, als si waren da. — 
[Freue) Weltchr. 21 a: so wil ich vor der freue (Gefahr des Ertrin- 

km in der Sindflut) behüten dich. (Gleich darauf not). — (Für) 
Weltchr. 18 d: und sich mit wer wisUche wegen (NB.) für jeglich 
perderben. — (FurdahÜich) in die Zukunft denkend, vordehteklich 
Weltchr. 3d. — (Füre) Weltchr. 12 c: des libes für mü der zer. — 
Vuoten. Weltchr. IIa: das si gevutet (sie) werden mite. 24a: und 
bazerte in die lipnar mit des fleisches vutunge gar. 63 a: wand 
ich wil uch vuten dirrejare zit, die wile der hunger wem sol. — 
(Fürhttn) ich fürhte der fürsten hinde Karl 51a. Gedigene. 
Weltchr. 116 ab: und daß si lagen als ein stat weere umbez gezelt 
gesät , Judas und lsachar und Sabulon, die dri schar, gein dem 
osten sc4den ligen, du geslehte und ir gedigen. — (Gedinge) 
Weltchr. 187b Versprechen. — (Geliehen) Weltchr. 12c: des men- 
schen und des vihes sin mit namen gelichent under in. — (Gelimph) 
Weltchr. 18 d : und der viende schaden werben ze ernste und och 
re schimpfe mit manlichem gelimpfe. — (Genade) Weltchr. 36 d: 
genade, herren! — (GescMht) Weltchr. 2b: alle ir (der Bgypter) 
geschiht, wie du geschach. Weltchr. 3c: ez enist kein so enge* 
heh f er ensi drinne und doch niht, mit kraß und niht mit der ge- 
tektiU. sus kann er sich geteüen wol, daz sin ist himel und erde 
*l und doch nindert hie noch da ist, noch dort noch ander swa, 
wand allenthalben ist sin kraft ganz bi siner geschaß, doch 
niht also daz er da si; sin gewalt ist allen dingen bi. Non 

attv $ed potentia. — (Geschophede) in der Weltchronik Rudolfs ge- 
seheffede, weiblich z. B. 3 a öd. Weltchr. 78 b: wan du beide (wip 
und h'nt) immer sint hohes gescheffedes (Geschäfts) irresal. — 
(Gesiht) (Gesicht, Sichtbarkeit, Weltchr. 6c — Gewelle. Weltchr. 
10 b: och hiez got — im machen von ere ein gewelle uf 
erhaben ; under dem was ergraben ein erin vaz ; da goz man in 
wazter. (Exod. 30, 18 : facies et labrum aheneum cum basi sua ad 
larandum.) Weltchr. 184 a: er kerte wider von dem wal uf einen 
berk. uf dem Nabal was, und hiez im wirken sa ein hoch wit ge- 
weüe aida. daran hiez er die geschiht malen durch ein angesiht % 
wie er mit kunelUichen siten Amalcch hete überstriten, und niemen 
der mit im dar quam, schaden an dem strite nam, daz er da zu 
male z'einem memoriale liez sinen namen malen da. (1 Reg. 15, 
12. fomicem triumphalem.) — (Goz) Weltchr. 11 d: gegoezen ze 
kauf (so) an einen goz. — Grif Weltchr. 28 b von Ninive: drier 
tagweide wit wart ir grif mit kraft erkant. — (Guß) Masculinum. 
— (-halben) Weltchr. 17 d: unde h&b sich alzehant gein ostert- 
hmtben in daz lamL — (Hein) auf verswein Weltchr. 36 a. — (Hm) 
Wtttchr. 6b: so jene wider zerne wurde unde hin getan. — (Hör) 
Weltchr. 72 a: ze vegene man in gebot der stete wege bi den tagen 

Scitockrift f. 4. tettvr. Gjab. 1978. 1. Heft. 4 



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50 K. Lachmann' 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

und daz hör von dannen tragen. — An hoübeten. Weltchr. 115 d: 
einen man da ein gesinde houbet an. — Iteruchen, wiederkäuen 
Weltchr. 113 a. — (Itciciz) Masculinum. Weltchr. 6 a unten, die 
leiden itewize Bari. 386, 5. — {Kiep) Weltchr. 20 d: und solt die (die 
Arche) für daz rinnen mit klebe [wol] uzen und innen bestrichen 
unde machen wol. — (Kunde) Weltchr. 10b: Got sprach: der wüs- 
ter unde bringen in ir künde mit lebendem geiste teesende, fliegende 

und kresende etc. 13 a: von der hohsten himels künde biz durch 
daz abgründe. — Du kunneschaft. Weltchr. 27 b. 31 a. — (Leben) 
Weltchr. 20 d : Gott zu Noe : damite ufil ich alle leben, da lebender 
geist inne ist, toten. — 21a: an diser ahte Üben — sol ursprink 
aller lebene wesen , die hernach menschlich leben saln der werlde 
wider geben. — (zu Lcbermer) Weltchr. 66 d : sint über lank do man 
sach gen daz israhelische her durch daz wilde rote mer. 89 b: er 
(Moyses) slük mit der r&te uf daz wilde rote mer. 118b: durch 
daz wilde rote mer. — (LideUiche) zu Zeile 14 von oben. Schüter 
104 b, betalle. — (Lidic) Man. S. 2, 182 b: scelik wip, ich häte 

ein fri gemute: nü bin ich dtn ledik eigen worden gar. — Daz 
linde, cortina Weltchr. 116d. (Num. 4, 25). — (Lüizel) Weltchr. 
18 d: und wart schiere daz er iht wenik oder lüizel sach. — Masse. 
Weltchr. 139 b: ein sidin gewant, daran mit grozer richeit ein 

masse goldes was geleit. — (Meistern) Weltchr. 12 c: der hohste 
luft, der aller frist ob den elementen ist, meistert zu den oren in 

des gehorenes rehten sin. — Mukeit. Weltchr. 18 a: und wider 

die, den er da leit tet mit gewaldes mukeit, was er von erste der 
erste man, der stete buwen da began. — Müder. Weltchr. 61a: in 
rüwiges herzen müder ir fröude was geslofet. — Nachgebur. 
Weltchr. 218a: Absalon vloch do von dan zu sinen anm er entran, 
Ptolomeo von Jessur ; der lant lute nakebur was bi sinen anen 
vurwar Absalon sint dri jar. — (Name) Weltchr. 12 c: dem gri- 
fene (tactui) ist der name benomen, ez en mücze rUren etewaz. — 
{Naturen) Weltchr. 9d: in siner genaturten art. 11 d: von den 
alle du kraft ist komen , du alle leben tihtet und naturende berih- 
tet. 12 a: als ez naturet sin gebot. 8 c : und wie er von den vieren, 
ich meine den vier quartieren, (den Elementen) getempert, genatu- 
ret, gebildet, gefiguret hat allez daz er geschüf 12 ab: gestirne 
himel und alle geschaft naturent sich und nement kraft von den 
vier elementen gar. Meisterges. 360 (S. 166): gewonheit mit ge- 
walt natiuret wol swer tug entlichen tut. — Paradise (sonst — is) 
Weltchr. 14 a : in des Wunsches paradise sazte in fröhlicher wise got 
den man. — Pfedeme Weltchr. 118 c. cueumeres et pepones (Num. 
XI, 5.) — (Pfellel) Weltchr. 138a: ein pfellelis varwe seil, funicu- 
lus coccineus. 102c: daz vier de dach, daz druff elak, vil liehter 
pfellel varwe pflak. 103 a: der edele pfellel riche hat bezeichen- 
liche des wazzers bezeiehenunge wol, ob man die warheit sagen 



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K. L*ckmanri$ Kleinere Schriften, ang. v. -4. Schönbach. 51 

iW, wond der viscÄ tn efem wasser got, des Mut im varwe gegeben 

haL — der swir geverwete coccus, ein sidin tüch an golde rieh, 

dem füre an bischaß ist gelich und an varwe. — Ram. se reh- 

fem räme Ernst 3045. — (Rehte) adv. Weltchr. 79b: warumme 

f&ttet unrehte wider dine arme hnehte? — (Riehen) ein Gemälde 

Weltchr. 6 b. — Schar. Plur. Weltchr. 53 a: er teilte lüte und 

tüu gar und swas er hott in vier schar. — Schellik. Weltchr. 

146 a: vliende als ein schellte rech. — Die schrift Plur. Als 

die sehriß der buche jehent, Weltchr. 6 a. — (Schroten) Weltchr. 

9a: da* lieht er von der vinster schiet, vinster unde lieht er 

schriet, c: dae waszer sich von wassere schiet und dag got du 

wasser schriet und er si wolde sundern. 46 a: daz was starte 

unverschart bis her an Aarones sit , do der der hoheste 

wrte sit was in der Israhelischen diet, des reht dae selbe 

rekt verschriet. 100 b: do got Moysi beschiet und mit namen 

underschriet , mit welher hande dingen er solde vollebringen 

da* gesell. 164 d: und im niht schriete sin har. 149 c: in eigen- 

lidker dienste bant leite er die Israhelische diet; ir dienst er 

m so hohe schriet , dar in das joch der arbeit so dienstlich 

wart uf geleit, das ir kraft swachen began. — (Seine) Weltchr. 

44 d: und klagete deste seiner; sin klage was deste kleiner. — 

(8i) sei. Alles von Lachmann durchstrichen und darüber geschrieben : 

falls — ist. — Sinewel ist der Himmel und des Menschen Haupt. 

Weltchr. 12 b. — Snit. Ernte. Weltchr. 51b: in einem snüe. (Genes. 

30, 14) fol. 56 c: wie wir waren an eime snüe und bunden unser 

garben da. — Spreiten. Weltchr. 13 c: ein wasser michel unde 

gros in dem paradise flos, das sich wite spreite. — Stift. Weltchr. 

ld: die ordenunge und die stift der alten und der nüwen e. 

— Studech. Weltchr. 19 a: den sach ervor im sitzen in eime 

dicken studech da. — (Swas) mit Plur. Weltchr. 51 d: — swas 

schafe einer varwe sin ; du jungen du sin alle min, swas ir in 

bunter varwe sin. — (Swern) Weltchr. 109 b: als du warheit 

s%rur. wie: als mir du aventüre swur im Parcival. — (Swirt) 

Weltchr. 64a: des müt nach im in jamer swar. — (Tinten) 

Weiten/. 62 b: er twuk sin antlüse unde gie sü in her für und 

gehet, das man uf leite brot und och die tische berihte, siner 

brmder sitzen er tihte rehte als si daheime sasen s& ir vater 

tische unde äsen. — Tirmen. Weltchr. 127 b: in einem betehus; 

das was Vulkane s'eren, als ichs las, gewihet und getirmet 

4*. — (Tran) Plur. Weltchr. 10c. 138c: das du erde üwer werde 

vd und alle wassers trän. Morolt 1407. 1505. 1593. 1599? 

1679? 1690. 2050. 3094? 3349. 3358. 3825. — (Düte) Weltchr. 

5b: ich wü ü sagen dl se hant, wie si se düte sint genant 

Mkhahel den namen hat, das nach sins amtes orden stat, er 

datet sich wert (sie) alse got etc. du gotes Sterke ist Gabriel, 

se düte in latine erkant. Weltchr. 18 b: den vand er (den list, 

dem du buch heisent musica) und schreib in sa se düte mit den 



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58 K. Lachmann' 8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

listen sin in ein sul was merrnelin. 65 c: das vernemt ie düte. 

— wie die ee düte sint ergie, des ml ich üch bescheiden hie. 

— (üfen) Man. S. 2, 249b, 3. — (Undankname) Weltchr. 17a: das 
opfer wave gote also wert, des von Abel wäre gegert t und also 
dankname , dae von himele bequame ein für und ee verbrante. 
112b: dae ir opfer gar im was Hep und dankname und 
niht wider eame. 112a: so dae im dankbare ir heilik opfer wäre 
und sincn hulden behagelich. — Underbint. Weltchr. 39 a: e& 
Abraham si (Sara) do sprach: wirf ue die dirne und ir kint 
bede dn allee underbint. ir sun ensol niht sin mit Isaake dem 
sune min (1. din) und mime kinde ebengelich, noch erbeteile eben- 
rich. 96 a: eü den lüten sprach er do gewarlich dn underbint: 
Moyses Amrames kint und Jacobethes, den man hie siht , suU ir 
hüte hören niht; ir sült den hören hüte reden mit sime lüte t des 
helfe üch von Egipten trük. Titur. 826 V. Weltchr. 117c: ir höbet 
machte er ir bar unde schreib dn underbint gotes namen an ein per- 
mint. 191c: und hiee slan dn underbint der ewarten wip und leint, 
dae da nieman genas. — (Underswanc) hindernder Hieb. — Unfüre. 
Weltchr. 20 c: du wip begunden och ir leben in süntliche unf&re 
geben. — (Ungehöret) ohne höre; wie geherret, gehundet. — (Unver- 
tic) Weltchr. 236 a : zwei wip , du durch ir hochwertigen lip du 
schrift unvertik hat genant, meretrices. — (Unwahe) Weltchr. 13b 
ein materie so unwahe, der Lehm. — (Urhap) dae, 248, 26. — 
(Urtop) Weltchr. 69c: dae urtop moht er kume haben. — (Walt- 
schrate) zu c In B und C steht waltschrate'i A : Dur einer vrowin 
minne State wurde ein wilder walt scratte. 6: durch eyner 
vrowen myne State wurde eyn wilder walt schrate. — (Won) 
wan din 363, 29 ee ensi denne min alein. Parc. 84a. — (Wan y 
wände, wand) 364, 36. 390, 37: niemen wan dich. — (Wandel) 
326, 20. — (Waee) wae, Geruch. Weltchr. 106 a: wan disse vier 
gemini übergriffen alle den smak , den dl du werlt erwunschen 
mak und aller wuree wase gar, die du erde ie gebar. Titurel 
508 V. Esch. Wilh. v. Orl. 65b. Titur. 1950V. — (Wegen) sich 
wegen für siehe für. du solt dich gein dem lebene wegen Weltchr. 
20 d. — (Werde) Weltchr. 25b: und die alle bi ir jaren mit 
gewaldes kreften waren die höhsten uf der erden nach Jcünek- 
lichen werden. 35 a : und was in mit wernder werde herre hi- 
mels und der erde. 61 d: und als ir habet funden in, nach kune- 
klicken werden sult ir in uf der erden wol eren und beten an. — 
(Wem) Weltchr. 8a: wie du fruht sol sin, in den du mare ir war- 
heü wernt und wunneklichen wücher bernt. — (Wider) wider gote 9 
gegen Gottes Willen. Weltchr. 18b (im Reim). — (Wiht) Weltchr. 
12 a: besundern wäre ir den ein wiht^ si töhten aver ein ander 
niht. — (Wiselos) witlof und wiselos, unstät und flüchtig. Weltchr. 
17 c. — (Wunsch) Weltchr. 5 b: do got die engele werden hiee und 
in den wünsch der schöne liee in engelischen wunnen gar. 19 c: 
dae si im einen sun gebar ; dem gab er (Adam) sinen wünsch gar 



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K. Lachwumni Kleiner« Schriften, ang. v. A. Schönbach. 58 

nande in Seth. — (Zebuüen) knobelouch, ewipollen Weltchr. 
118 c — Zew, Weltchr. 58 c propago Vitium (Genes. 40, 10.) — 
ZU, 255, 13. — Ueberdies noch einige Nachträge zum Druckfehler- 
verzeichnis. — 

Die Recension von Sanders dänischen Heldenliedern 1818 
(8. 133—136) enthält auch Lachmanns poetische Uebersetznng einer 
dänischen Ballade, schon früher bei Hertz (Lachmann, Beilagen 
p. KI1) abgedruckt. Dort finden sich noch (S. 3, 24—28, 41-43 
and Beilage A) andere Poesien Lachmanns. Sie imponieren durch 
Ernst und Strenge der Gesinnung, durch reine, helle Sprache, zu- 
gtekh aber ist ihnen eine gewisse Herbigkeit eigentümlich. Wo 
4mm zum Inhalte passt, da gelingt das Ganze vortrefflich, so in dem 
(p. VII der Beilage gedruckten) Liede: 'Zu dir will ich mich wenden 
e Herr in meiner Noth', von echter Gläubigkeit erfüllt, dem Kirchen- 
gewnge der Reformationszeit in Worten und Gedanken verwandt. 
Nicht minder stark wirken die jambisch - anapästischen Verse des 
Jagdliedes S. 27 f. Lachmann hat ausserdem eine, jetzt mit Unrecht 
vergessene, aa Vorzügen reiche, in kraftvoller und energischer 
Sprache sich bewegende Uebersetznng von Shakespeare's Sonetten 
geschrieben; seine Uebertragung des Macbeth ist in hohem Grade 
beachteniwerth. Wenn es deren bedürfte, so fehlte es also auch nicht 
an äusseren Zeugnissen , dass Lachmann alle Eigenschaften besass, 
die befähigen , mit feinster Nachempfindung der Gedanken und Ge- 
fühle eines Dichters dessen Verse aus schlechter Ueberlieferung zu 
reconstruieren. 

Ist auch der nächste Artikel 'Alliteration' klein, er scheint mir 
deck bemerkenswert!!. Kürze und Klarheit sind im gleichen Masse 



Dagegen übergehe ich die beiden Becensionen über Zeune's 
Wartburgkrieg S. 140—156 und Koberstein s denselben Gegenstand 
betretendes Programm S. 312 — 324. So schön die in der ersten 
niedergelegte Untersuchung, so gehaltvoll die einzelnen Bemerkungen 
dar zweiten sind, die Sache leidet keine Anführung in Kürze. 

S. 157—203 sind Vorrede und Glossar zur 'Auswahl' 1820 
wieder abgedruckt Gewiss mit Recht. Beide sind Musterarbeiten. 
Die Vorrede durch die Fülle der Belehrung, welche in gedrängtester 
Fora geboten wird, das Glossar, indem es. den Weg vernünftiger 
Worterklärung ein für alle Mal bezeichnet. Die 'Auswahl' ist selten 
geworden. Das Büchlein auf geringem Papier mit den alten , nicht 
scharf ausgedrückten Lettern nimmt sich gegen unsere heutigen 
PuUkationen sehr bescheiden* aus und doch zwingt es jedem Achtung 
ab. Die Vorrede spricht zuerst über die bei Wahl der Stücke gelten- 
den Gesichtspuncte und rechtfertigt dann die Texte. Hier wird 
wiederum die Aufgabe eines Herausgebers auseinandergesetzt und an 
Beispielen demonstriert 1 ). Besonders wichtig ist der grammatische 

*) Vgl darüber auch die trefflichen Worte in Lachmanns Brief 
aa Hahn. Pfeiffer» Germania XII, 247. 



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54 K. Lachmanris Kleinere Schriften, ang. t. A. Schönbach. 

Excurs über die Formen des Präteritums von haben S. 161 — 163, 
ferner was über Rechtschreibung und Metrum gelehrt wird. S. 108 ff. 
schon ein Versuch, Differenzen im Beim und Sprachgebrauch zwischen 
den Nibelungenliedern zu erweisen. Das' Glossar ist nach dem be- 
kannten Worte der Vorrede so eingerichtet, r dass jede Trägheit sich 
recht bald bestrafe'. Nicht Entsprechende Ausdrücke zur bequemen 
Uebersetzung einzelner Stellen' werden gegeben , sondern nur 'be- 
stimmte Bezeichnung des Begriffes*. Die Beispiele für die dann ab- 
zuleitenden Bedeutungen soll der Lernende sich aus den Texten zu- 
sammenstellen. Ich führe nur ein Paar Muster an: enthalten 
st. aufhalten: 1. aufrecht halten, daher: bewirthen, beschützen; 
sich e. wohnen; 2. ab, zurückhalten. — maere n. Bede, Nachricht, 
Erzählung ; Sache von der geredet wird. Adj. berühmt, bekannt ; der 
Bede werth, wichtig, lieb. — nam , name schw. m. Begriff, Wesen, 
Beschaffenheit, Bedingung. — rät stm. das Besorgen, Versorgen, 
Besorgtsein, das Besorgte: 1. Bath den man gibt (Bathgeber), Ent- 
schluss; 2. Vorrath. — 

Es wird jetzt den Studierenden viel leichter gemacht. Hilfsmittel 
im Ueberflus8. In Commentaren werden alle (wenigstens alle unerheb- 
lichen) Schwierigkeiten klein geschnitten und sogar pikant gemacht ; 
es sollte mich nicht wundern, wenn nächstens ein mittelhochdeutscher 
Trichter erschiene , oder eine Anweisung , das Altnordische binnen 
sechs Wochen vollständig zu erlernen. Wir sind jetzt so weit, wie 
Lachmann S. 172 sagt, dass mit schlaffem Eifer und stumpfer Auf- 
merksamkeit doch schon ein nennenswerther Theil (im Studium der 
deutschen Sprache) zu ergreifen steht'. Das Schlimme daran ist ; die 
Leichtigkeit in der Aneignung einer gewissen Summe von Kennt- 
nissen lässt Gründlichkeit und Sorgsamkeit dem Anfänger nicht not- 
wendig erscheinen; wer aber diese Eigenschaft nicht im Beginne 
seiner Studien sich zu erwerben strebt, der wird sie entweder zu spät 
oder nie bekommen. Die Pfeifferschen Ausgaben mittelhochdeutscher 
Classiker sind für das grosse Publicum der Laien bestimmt; sicher 
ist , dass sie auch unter den Studierenden viel Unheil angerichtet, 
der Unkenntnis , mit dem falschen Schimmer des Wissens umkleidet, 
Vorschub geleistet haben. Geht es ja sehr löblichen Büchern nicht 
anders. Das Andresen'sche Register zu JGrimin's Grammatik ist 
gewiss eine gute und nützliche Arbeit ; ich glaube aber doch , dass 
nach ihrem Erscheinen wenige Auszüge aus Grimm 's Buch werden 
gemacht werden , dass selten Anfänger sich so weit in Askese üben 
werden , um sich in die Organisation des grossen Werkes selbst ein- 
zuarbeiten, dass dieses mehr nachgeschlagen als studiert werden 
wird. — Das Gegenmittel für diese Sichtung des Verflachens der 
Studien haben nur die Leiter der akademischen Seminare in den 
Händen , freilich allein für die Theilnehmer dieser Institute. — 

S.206 — 277 umfassen die grosse Becension der vdHagen* sehen 
Nibelungenausgabe von 1820. Zuerst beschäftigt Lachmann die Frage 
der Entstehung. Er notiert vdHagens neue Unklarheiten, erweitert 



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K. Lachmanns Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 55 

seine Beobachtungen von Reimdifferenzen zwischen den Liedern und 
•rweist S. 215 sehr schön die Annahme als irrig, dass unserem Epos 
ein kürzeres Alles umfassendes Lied zur Grundlage gedient habe. 
Als Ziel der philologischen Kritik gilt ihm die Herstellung des Wer- 
kes, wie es der letzte Ordner hinterlassen hat. — Hierauf wird 
vdHagens Text, insbesondere die Schreibweise kritisiert, metrische 
Fragen werden erörtert und vou S. 243 an einzelne Stellen des Tex- 
tee so wie des Glossars besprochen. Aus diesen Blättern ist sehr viel 
fax Erklärer des Nibelungenliedes zu lernen , da weniges nur und 
nicht so ausführlich in die Anmerkungen ist aufgenommen worden. 
Ich setze zwei Stellen hierher: c 3, 4 Der juncfrowen tugende eier- 
ten anderiu tdp. Nach dem Glossarium S. 628 sind wip hier Ver- 
heiratete, und zierten steht für 'hätten geziert'. Der Gegensatz macht 
den Gedanken schielend, und für denConjunctiv eierten müsste wenig- 
stens stehen die eierten noch oder die eamen anderiu ivtp. Nach 
Gudrun 40, 4 wird man die Stelle nicht auslegen wollen. Die Münch- 
ner Lesart, Der juncfr. schone die eierten a. w. y setzt eine ganz 
verschiedene Erklärung voraus. Wir aber rinden hier den auch sonst 
haarig vorkommenden Gedanken ausgedrückt: ihre Trefflichkeit gab 
anderen Weibern Preis: um ihrer Trefflichkeit willen hatte man Becht 
andere Weiber zu rühmen ; sie war aller Weiber Ehre, eierten ist so 
fiel als pristcn. Man vergleiche dazu was die Anmerkungen zur sel- 
ben Stelle sagen. — '2308, 3: Den schae den weie nu niemen, wan 
fot, d*e nun. dne mit nachgesetztem Genitiv bedarf noch Bestäti- 
gung. Wer wird aber glauben, dass die Lesart aller übrigen Hand- 
schriften ein sinnloser Schreibfehler sei , wan got unde mtn ? Wir 
erklären : den Schatz weiss nun Niemand einem Anderen zugehörig, 
ab Gott (gote) und mein (meum, mincn, meinig). Und so wird auch 
die St Galler Leeart auszulegen sein , dne mtn, ausgenommen, als 
■einen 1 . Auch hier sind die Anmerkungen zu vergleichen. — 

Die Anzeige von Mone's Otnit (S. 278 — 311). Reimverzeich- 
liaee stellen Sprache und Sprachgebranch fest« S. 283 die eigen- 
tktalicbe Bemerkung: l Es wird die Zeit kommen, wo diese Reimaus- 
sige den Kenner lückenhaft dünken: vielleicht aber genügen sie, 
dem Gedichte sein Vaterland nachzuweisen'. Dann gibt Lach- 

Niheres über die Mangel von Mone's Ausgabe, bringt als 
Grundlage einer Untersuchung die kritische Analyse der verschiede- 
aen QaeUenaussagen S. 292 ff. Mone's mythologische Forschung wird 
grtedlkk zurückgewiesen. Da rindet sich folgende classische Stelle 
8. 298 1: "Wir hielten bisher die Sage für erzahlende Darstellung 
tsllsmiaiigsi Vorstellungen und Ansichten von menschlichen und 
fdttticheo Dingen, von Ereignissen der bekannten, und warum nicht 
aieh alterer Geschichte; im Drange zur Darstellung entstanden, 
eelten oder niemals ans erdichtetem Stoffe, allmahlig umgebildet 
durch QBsorgfaJtoge Ueberüeferung, durch nen erwachende Begriffe 
■ad erweiterte Kenntnisse, durch Begebenheiten jüngerer Zeit, die 
aiek navemerkt einfügen , oder, das Alte fortschiebend, sieh vor- 



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56 K. Lachmann' s Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 

drängten. Dabei schien uns vor Allem wichtig der Unterschied zwi- 
schen Göttersage und Menschensage. Wenn jene mehr dient, Vor- 
stellungen in Bilder zu fassen, dachten wir: so wird die Menschen- 
und Heldensage meist in Geschichte, in wahren Ereignissen, unabsicht- 
lich in einen Zusammenhang des Gedankens gefasst, begründet sein. 
Denn dass die Sage Götter in Menschen umwandele, gibt es davon 
viele sichere Beispiele ? Wann die Götter nicht mehr geglaubt wur- 
den, verloren sie sich aus der Sage, oder die Sage selbst gieng zu 
Grunde. Ein starkes Beispiel von der Götter Entgötterung deuchten 
uns Saxos Erzählungen von Othin und Balder. Dem Geschichtsschreiber 
(vielleicht der damaligen Volksmeinung zum Theil) gelang , sie in 
Zauberer umzuschaffen , die sich für Götter ausgaben : doch war un- 
möglich, Balders Schicksale zu erzählen, wenn man ihn nicht für 
einen Göttersohn und Halbgott gelten Hess und sich zu Göttererschei- 
nungen bequemte, mit der Entschuldigung c opinative potius quam na- 
turaliter\ Und, meinten wir, wie sich hier gleich zwei grosse Pabel- 
classen gezeigt haben , so muss der Forscher einzelne Sagen, Ueber- 
lieferungen aus verschiedenen Zeiten und Gegenden, erst getrennt und 
in ihrer Verschiedenheit auffassen, ehe er zu bestimmen wagt, welche 
Vorstellungen, welche historische Nachrichten irgend ein bestimmtes 
Zeitalter und ein bestimmter Volksstamm neben einander besass, und 
in welchem Zusammenhange'. Im weitern folgt nun eine scharfe Be- 
sprechung der von Mone vorgebrachten Combinationen , wobei es an 
den Seitenhieben auf die Mythojogen überhaupt nicht fehlt. 

In der Abhandlung c Ueber die Leiche der deutschen Dichter 
des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts (S. 324 — 340) wird de* 
Unterschied zwischen Liedern und Leichen bestimmt, der Ursprung 
der letzteren aus der lateinischen, vorzüglich der kirchlichen Poem 
nachgewiesen. 

Die Becension von Müllers deutscher Sprachlehre (S. 341 bis 
350) ist interessant, weil Lachmann darin, eine Carricatur der philo- 
sophischen Grammatiker besprechend , mit diesen sich auseinander- 
setzt. Die Hauptstelle ist (S. 343) : 'Ein wissenschaftliches Streben 
kann aus dem Grunde in der Grammatik nur ein historisches sein, 
weil eine Sprache keine Philosophie ist. Wie die Gedanken des Ein- 
zelnen, wenn er nicht eben im Speculieren begriffen ist, nicht mit 
Nothwendigkeit aus einander hergeleitet werden , so entwickelt sich 
auch eine Sprache nicht in streng consequenter Folge, und die Gram- 
matik hat in der Bildung der Regeln nicht öfter die Gesetzmässigkeit 
als den blossen Schein des gesetzmässigen Denkens zu verfolgen, 
eben so viel Halbrichtiges und Falsches als Consequentes. Mögen 
also die ersten notwendigen Grundsätze der Bildung der Sprache 
auch noch so fest stehen ; sobald von einer einzelnen Sprache geredet 
wird, ist nicht mehr a priori zu bestimmen, sondern alle Regeln be- 
ruhen auf Beobachtung der gesetzmässigen oder irrenden Thätigkeit 
des Sprachgeistes , bei der jeder Irrthum wieder Gesetz werden und 
wieder neues Abirren zulassen kann". Später folgen noch werthvolle 
Bemerkungen über Grammatik und Sprachunterricht an Gymnasien. 



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JT. Lachmumris Kleinere Schriften, ang. v. ^4 5Si^n5a<A. St 

Rosenkranz' 'Titurel und Dante* wird S. 351 — 353 besprochen 
und dabei manches über Wolfram angemerkt. Ans dem was Lach- 
mann hier im besonderen Falle sagt , ist zn entnehmen , wie misslich 
et um Dichterparallelen — noch jetzt ein beliebtes Thema — ober* 
haupt steht. 

Den Aufbau der beiden Abhandlungen 'Ueber althochdeutsche 
Betonung und Verskunst' (S. 358 — 406), yon denen die zweite 
(8. 394 ff.) bisher ungedruckt war, zeigt folgendes Schema: 

Erste Abtheilung. 

1. Der deutsehe Versbau hat, so lange wir ihn kennen, auf dem 
Accent beruht. 

2. Die Eigentümlichkeit der alt- und mittelhochdeutschen 
Verse beruht in zweierlei : 

a) Wo zwischen zwei Hebungen die Senkung fehlt, muss die 
Silbe lang sein durch Vocal oder Consonanten. 

b) Die Senkung ist einsilbig; nur der Auftakt lässt allen- 
falls mehrere Silben zu. Mancherlei Mittel (Elision, Verkürzung, 
Veraehleifung) sind (mit Beschränkungen) angewandt worden , um 
zwei Silben (in Hebung oder Senkung) in eine zusammenzuziehen. 

c) Alliteration nnd Beim sind weitere Kunstmittel. 

3. Ausser dem Hauptaccent auf der Stammsilbe eines Wortes 
gibt es im Ahd. und Mhd. noch Nebenaccente. Sie sind abhängig 
von der Quantität der Hauptsilben. Folgt die bekannte Regel. 

4. Nachweis dieser Regeln an Otfridischen Beispielen, ver- 
knüpft mit Nebenbeobachtungen. 

5. Die Accentzeichen stammen wahrscheinlich von Hrabanue 
Murns. 

6. Betonung mit Partikeln zusammengesetzter Wörter: 

a) •>- tut- ei- (ur- ant- tua-). 

b) £*- fir- W-. 

e) ubar, thuruh, untar. 

d) uwM, uridar, gegin, hintar. 

e) f», furi. 

f) fol- missi-. 

Die Reihe ist aufsteigend geordnet nach den Abweichungen von 
der Regel dee Accentes auf der ersten Silbe. 

7. Von hier aus dringt die Verwilderung auch in andere Zu- 
sammensetzungen : 

a) ala- 

b) tjM- 

c) Zahlwürter, eban und anderes. 

S. 379 nach dem ersten Absatz könnte man zwei Zeilen 8pa- 
tsom geben und einen Querstrich einfügen. 

8. Einbrüche in das Accentgesetz bei einfachen Wörtern. 

m) Pronominalformen. Aber es tritt auch Verlust des Vocalß 
m 4er zweiten 8ilbe ein und eine Regel lässt sich nicht gewinnen. 



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$6 K. Lachmanris Kleinere Schriften, ang. ?. A. Schonbach. 

b) Namen und Fremdwörter. 'Wäre in der deutschen Poesie 
die Form der Alliteration herrschend gehlieben, die fremden Namen 
würden sich* immer mehr zu der deutschen Accentregel bequemt 
haben/ S. 387. 

9. Nebenaccente. 

a) Dreisilbige Wörter, ihre Art, ihre Stelle im Verse. 

b) Zusammengesetzte Wörter im Verse: wie weit geht die 
Herrschaft des Nebenaccentes? 

Zweite Abtheilung. 

1. 'Wie jetzt so ist schon von den ältesten Zeiten her die hoch- 
deutsche Sprache geneigt, die Gleichmässigkeit ihrer Formen gegen 
ein oft sehr mangelhaftes und unrichtiges Verstehen ihrer selbst hin- 
zugeben ; wie sie denn überhaupt in geistiger Ausbildung fortschreitet 
und an formeller immer mehr verliert. 3 (S. 394). 

2. c Die Regel yom Nebenaccent mehrsilbiger Wörter kommt 
in einfachen Zusammensetzungen auf eine doppelte Art in Streit mit 
der Verständlichkeit des zweiten Theiles : 

a) wenn der erste kurzsilbig 

b) wenn er zwei- oder mehrsilbig ist und mit der Länge 
anhebt/ (S. 395). 

Es werden nun an Beispielen die Fälle untersucht, wo der Accent 
einer Silbe über andere ohne Bücksicht auf die Quantität sich erhebt. 

3. Zusammensetzungen aus drei und mehreren Wörtern: 

a) wenn nothwendig tonlose Wörter in der Zusammen- 
setzung vorkommen. 

b) wenn der zweite Theil eines aus dreien zusammengesetz- 
ten Wortes nicht nothwendig den Tiefton hat. 

4. Einbrüche in das Accentgesetz durch schwere Flexions- 
silben, bei Substantiven, Adjectiven, Verben. 

Der streng methodische Gang dieser erschöpfenden Unter- 
suchung ist klar. 

Von der Abhandlung € Ueber das Hildebrandslied 3 (S. 407 bis 
448) führe ich nichts an. Vieles ist in den 'Denkmälern* von Müllen- 
hoff nnd Scberer verwerthet , anderes mit genauer Betrachtung der 
Stellen verknüpft. 

Auch die Aufsätze über Otfrid (S. 449—460) , über den Ein- 
gang des Parzival (S. 486 — 518), über drei Bruchstücke nieder- 
rheinischer Gedichte (S. 519—547), zum Lessing (S. 548—576, 
Nr. 4 schon bei Hertz, Beilage B p. XVII— XXIV gedruckt) ent- 
ziehen sich analytischer Betrachtung. 

Dagegen will ich bei der schwierigen Abhandlung *Ueber 
Singen und Sagen* (S. 461 — 479) noch etwas verweilen. Von ihr 
besonders gilt, was Haupt 1837 an Ferdinand Wolf schreibt: *) 'Dass 
Sie Lachmanns Arbeiten mit grossem Nutzen haben gebrauchen kön- 

*) Sitzungsberichte der Wiener k. Akademie der Wissenschaften, 
Philosophiiieh-historisehe Classe, 77. Band (1874) S. 162. 



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K. Lachmann'8 Kleinere Schriften, ang. v. A. Schönbach. 59 

mb 9 begreife ich. Bei der andeutenden Weise, in der er zu schreiben 
hebt , gewinnt man bei genauem Studium seiner Aufsätze eine Fülle 
Ten Belehrung, und oft ist in wenigen Zeilen das Resultat einer 
langen Untersuchung gegeben/ Die Arbeit entwickelt sich in fol- 
gendem Gange: 

1 . Bedeutung und Vorkommen der Ausdrücke singen, sagen, 
lesen. 

2. Strophische Gedichte wurden gesungen, Erzählungen in 
karten Reimpaaren gesagt. 

3. Auch yon den Nibelungen, Kudrun, Alphart kennt man nur 
Sagen. 

4. Aber später doch epischer Volksgesang mit Stoffen aus der 
Heldensage. 

5. Dies ist so zu erklären : 'Man wird gewiss in der Zeit wo, 
nach vollendeter Trennung der Edlen vom Volke, die Blüte und der 
schnelle Verfall der Poesie aus dem Gegensatze der höfischen und 
der bäurischen sich entwickelte, auch in dem Vortrage der erzählen- 
den Gedichte eine der höfischen Bildung entsprechende Veränderung 
annehmen , dass sie nämlich nun mehr gesagt und vorgelesen als ge- 
gangen und vermuthlich nicht einmal vorzugsweise von den Fahrenden 
vorgetragen wurden; welches sich dann bei dem Verfall des Ritter- 
t£ums wieder umgestaltete, so dass der verwildernde Gesang der bäu- 
rischen und bürgerlichen Sänger die Oberhand gewann/ (S. 471). 

6. Dass Ritter vorlasen wird durch mehrere Stellen bezeugt. 

7. Neben dem Singen und Spielen üben die Fahrenden auch das 
Lesen und Sagen, freilich erst nach der Blütezeit. 

8. Dafür gibt das wichtigste Zeugnis c Salman und Morolt,' ins 
HJ. Jahrhundert gehörig. Dies Gedicht ward von Fahrenden vor- 
gelesen. 

9. Manche Theile der Nibelungen mögen daher nur gesagt, 
nie gesungen sein , obschon epischer Gesang vorhanden war (Sieg- 
frieds Jugend) und Mähre und Gesang somit keinen strengen Gegen- 
«atz bildet. 

Die Menge literarhistorischer Anmerkungen , die in dieser Ab- 
handlung verstreut ist, kann nicht ausgehoben werden. 

Wie dies hier zuletzt geschehen, so konnte auch meine ganze 
Anzeige des Lachmann'schen Buches auf die darin verborgenen, 
inreh behutsames Lesen zu gewinnenden Schätze nur hindeuten. 
Meine Abeicht ist erfüllt, wenn aus den Lesern dieser Blätter meh- 
rere znm Studium der 'Kleineren Schriften 9 angeregt werden. 

Ich sollte nun eigentlich zum Schlüsse Müllenhoff für seine 
Bemühung um das würdig ausgestattete Werk besondern Dank aus- 
sprechen. Fast halte ich es für überflüssig. Er wird beim Zusammen- 
stellen und Wiederlesen der Stücke so viel Genuss gehabt haben, 
dass irgendwelche gedruckte Dankesworte dagegen recht unerheblich 
sich ausnehmen. 

Graz. Anton Schönbach. 



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G*# 



M H. Lambel, Das Steinbnch, ang. ?. J. Strobl 

Das Steinbuch. Ein altdeutsches Gedicht von Yolmar. Mit Einleitung, 
Anmerkungen und einem Anhange herausgegeben von Hans Lam- 
bel. Heilbronn. Verlag von Gebrüder Henninger 1877. XXXIU u. 
137 SS 8°. M. 5. 

Der Herausgeber hat das kleine Gedicht aus neun Handschrif- 
ten , einem Bruchstücke und einem Drucke mit höchst anerkennens- 
werter Sorgfalt hergestellt. Er schreibt es, hierin der von ihm als 
besten erkannten Handschrift folgend , einem gewissen Volmar zu, 
von dem wir nichts wissen, als dass er nach den Reimen des Gedichtes 
zu schliessen, ein Alemanne war. Recht ansprechend ist auch Lam- 
bersYermuthung der Verfasser habe in einigen Versen des Einganges 
gegen Stricker polemisiert und habe somit nach und zwar nicht sehr 
lange nach 1236 gedichtet. Aus einigen Parallelstellen des jüngeren 
Titurel hat der Herausgeber aber mit Recht keine Schlüsse für die 
Entstehungszeit des Gedichtes gezogen. Nebenbei sollte die Stelle des 
jüngeren Titurel, Graltempel Zarncke 64, 1 besser bei Vers 121 ff. 
angemerkt sein , als bei 645 , wo von einem ganz anderen Steine die 
Rede ist. Ueber die Vorlage, welche Volmar benutzte, haben des Her- 
ausgebers Nachforschungen zu keinem Resultate geführt. Grössere 
Bedeutung hätte er aber seiner Publication verleihen können , wenn 
er es nicht abgelehnt hätte die „zahlreichen Stellen über Steine in 
andern mhd. Dichtungen* 1 zu sammeln. Wir hätten auf diese Weise 
eine urkundliche Darstellung dessen bekommen, was von dem Wissen 
und Glauben über die Steine und ihre Kräfte in mittelhochdeutsche 
Dichtung Eingang gewonnen hat. In den Anmerkungen findet man 
die Lesarten mitgetheilt und eine Reihe von Eigentümlichkeiten des 
Gedichtes besprochen. Einige kurze Bemerkungen mögen Zeugnis 
geben von der Aufmerksamkeit mit der ich das Gedicht gelesen. In 
Vers 16 soll es wol heissen gewunne, wenn ich die Anmerkung 
recht verstehe. Vers 427 f. lautet der (stein) kumt mit dem dunre- 
stage und ist getan als iu sage. Hier mit dem Verfasser an die 
Möglichkeit einer Ellipse von ich zu denken ist nicht erlaubt, die zu 
419 gesammelten Fälle und die mir sonst bekannten sind nicht ana- 
log: es ist stets Ellipse in Sätzen nach und, in denen im mhd. das 
Subject hinter das Verbum — gleichsam eukliüsch — antritt. Mit 
Ausnahme der 1. Sing, muss das fehlende pronominale Subject aus 
einem vorhergehenden Casus entnommen werden können. (Aus dem 
ahd. kenne ich nur 6in Beispiel, was wol nur in der Unvollständigkeit 
meiner Sammlungen seinen Grund haben mag, näml. Otfr. I, 1, 72 
Zi nueei grebit man ouch thar er inti kuphar, ich bUh ia meinä 
isine steind 9 ouh tharaxua fuagi süabar ginuagi , ioh lesent thar 
in lante polt in iro sante). Aus der mhd. Litteratur füge ich noch 
bei: En. 103, 15 swenne ez so st&, das im ein angest eu get und 
ubün geheiz ltden muß. 201, 36 want der was vil unde gnüch und 
wären unealhaft. 244, 15 von dem rosse si in stach, so dae im 
der hals brach und vil schiere tot was. Krone 5610 und dae in vil 
gar eeran der spise und der lipnar und aller helfe wurden bar. 



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Fr. HerUberg, Gesch. d. eorop. Staaten, ang. v. .FV. JüTf-one*. 61 

Troj. Krieg 44736 dd den Kriechen wart bekant und rehte täten 
vemomen. Dietrichs Flucht 3900 mich hat her Dietrich her gesant 
al dd her von Berne und %cü dich toten gerne. 7334 vrowe si täten 
mir bekant und hörte cm Rüdegeren sagen. Ottacker cap. 64 als 
im» mich hat und ouch pin. Teichner A 94 a es zimt auch einer 
fnmwen wol und irt sich sunder leich dd mit usw. 518 ist ein 
Beispiel für danne nach dem Superlativ. Da bis heute nur das eine 
noch dazu angezweifelte Beispiel ans Ruland aufgefunden ist, so setse 
ich den einzig mir bekannten weiteren Beleg aus dem mhd. her, Ber- 
thold II, 141, 22 tr frouwen, ich wü von iuwerm stricke aller* 
erste sagen, danne von den alten. (Warum erwähnt der Herausgeber 
hier besonders „dass die Besserungsvorschlage J. Grimms zu Elene 
645 nnd Greins zn Exodus 373 entfallen", nachdem Grein im Sprach-» 
schätze bereits den seinen zurückgenommen und aueti Grimm richtig 
gestellt hat?) V. 570 so zergät der stric ist zu kurz, denn Yolmar 
verwendet nnr in der ersten Hebung des auftaktlosen Verses den 
Artikel ohne nachfolgende Senkung und sonst noch nach tieftoniger 
Silbe z. B. 89, 101, 213. 

Im Anhange theilt der Verfasser mit ein Florianer Steinbuch, 
zwei Sprüche Heinrichs von Mftgeln und ein Bruchstück aus dessen 
»Dom.* 

Der Heransgeber hat sich in diesem Werkchen zur Ausgabe 
mittelhochdeutscher Dichtungen wol ausgerüstet erwiesen. Wir wün- 
sehen recht bald wieder Proben seines Fleisses und seines Könnens 
zu sehen. 

Czernowitz. Joseph Strobl. 



Geschichte der europäischen Staaten , herausgegeben von A. H L. 
Heeren, F. A. Ukert und W. von Giesebrecht. 37. Band. Ge- 
aebichte Griechenlands von G. Fr. Hertzberg. II. Theil. 
Gotha, 1877 bei F. A. Perthes. 8*. XVM und 605 SS. 

Noch ist es kaum ein Jahr, dass wir den ersten Band des will- 
kommenen Werkes einer kurzen Besprechung unterzogen, und schon 
liegt der zweite, umfangreichere vor uns. Er umfasst die Zeit vom 
lateinischen Kreuzzuge , der das byzantinische Kaiserthum auf neue, 
vergängliche Grundlagen stellte, bis zur Vollendung der osmani- 
seken Eroberung (1204—1470). Wir begreifen ganz wol, dass der 
ursprüngliche Plan die ganze Geschichte Griechenlands vom lateini- 
schen Kaiserthum ab bis zur französischen Revolution oder gar bis 
zum Erwachen des hellenischen Freiheitskampfes (1821) Einern 
Bande einzuverleiben, fallen gelassen werden musste; er hatte 
tonst die unhandsame Dickleibigkeit der Bände übertreffen müssen, 
in welche das stofflich verwandte nnd verdienstliche Werk Zinkeisena 
gegliedert erscheint , und eine längere Zeit des Wartens nothwendig 
gemacht. Der Verf. wird ohne Zweifel auch dem dritten Bande, der 
bis 1821 reichen wird, und, wie erfreulich zu lesen, im Manu- 



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02 Fr. Herüber g, Gesch. d. enrop. Staaten, ang. t. Fr. Kron$$. 

script nahezu vollendet ist, eine stattliche Ausdehnung geben 
müssen. 

Hertzberg fand es nothwendig zu rechtfertigen, weshalb er für 
den zweiten Band als epochemachendes Schlussjahr nichtl452, sondern 
1470 in Anwendung brachte. Für ihn ist nämlich die Verdrängung 
der Yenetianer aus Morea durch die Osmanenmacht ausschlaggebend, 
nicht die Eroberung Constantinopels, und wir wollen dieser Anschau- 
ung nicht entgegentreten. Der Verf. musste, mehr noch als im ersten 
Bande , in dem zweiten mit einer gewissen Selbstverleugnung an die 
Arbeit gehen. Er selbst drückt sich darüber folgendermassen aus 
{&. 10): „Wer . . jetzt nach Hopf dieses Zeitalter von 1204 zu- 
nächst bis zur Vollendung der osmanischen Eroberung historisch a b- 
solut neu und selbstständiger behandeln wollte, der müsste Hopfs 
Arbeiten in Waferheit von Grund aus noch einmal unternehmen. I n 

dieser Lage bin ich nicht." Ich musste mich darauf 

beschränken — um es mit grober und resignierter Ehrlichkeit gerade 
herauszusagen — diesen Theil in Gestalt einer Compilation, das Wort 
immerhin im besten Sinne aufgefasst, herzustellen, d. h. langjährige 
eigene Studien, dann die Benützung der verschiedenen anderen vor 
und nach Hopfs Hauptwerken in Bezug auf Griechenlands Mittel- 
alter erschienenen Werke, mit der Ausnützung des riesigen Hopf sehen 
Materials zu verbinden, und so gewissermassen das zu leisten ver- 
suchen, was Hopf zu thun ursprünglich selbst im Plane gehabt." 

Zu den Hauptwerken, welche der Verf. neben Hopf, seinem 
ständigen Führer, ausnutzte, zählen ausser Zinkeisen: Finlay Grie- 
chenland und Trapezunt i. Ma. in der deutschen Ausgabe von Rei- 
ch in g, Buchon la Grece continentale , des Neugriechen Sathas: 
Griechenland nach der türkischen Eroberung, Elissen's Analecten 
der mittelgriechischen Literatur, Leake's Morea, Jos. Müller's 
byzantinische Analekten, Jirecek's (den der Verf. sonderbar genug 
immer Jirecec schreibt) Buch über die Bulgaren und Fallmereyer's 
Arbeiten, die der Verf., als Nachtreter Hopfs und der neueren For- 
schung , nicht selten über Gebühr misstrauisch heranzieht. — 
Paparrhigopulos' griech. Geschichte blieb ihm unzugänglich. Auch 
Heimbach's Arbeit über das Griechenreich im Mittelalter und in der 
Neuzeit, welche dem Hopf sehen Riesenartikel über Griechenland i. 
Ma. in der Ersch-Gruber'schen Encyclopädie (87. Band) Gesell- 
schaft leistet, Boss griech« Königsreisen, Gass zur Gesch. der Athos- 
klöster, Kurt Wachsmuth „Die Stadt Athen im Mittelalter", des 
Grafen Laborde „Athenes an 15*, 16* et 17* siecle" , Voigt 
Enea Silvio u. s. Zeit, erscheinen benützt. Für das Geographische 
kamen B u r s i a n und C u r t i u s , auch L ö h e r 's griech. Küstenfahrten, 
für das Linguistische in ethnographischer Dichtung Miklosich, 
Mordtmann, Hahn, für das Lite rargeschichtliche neben Elissen 
auch Nicolai^ Geschichte der neugriechischen Literatur zur Ver- 
werthung. Weshalb der Verf. die nahezu abschliessende Arbeit Mik- 
losich's über die Zigeunersprache und deren Schlüssel zur Wan- 



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Bgger't historische Bibliothek, sog. v. Fr. Krones. 6t 

imng dieses Völkchens für den (S. 471 f.) diesem Gegenstande ge- 
widmeten Abschnitte nicht benutzte , ist etwas auffällig. Noch auf- 
fälliger erscheint uns jedoch die Vernachlässigung der kirchen- 
geschichtlichen Seite des mittelalterlichen Griechen- 
thums, welche mit Zuhilfenahme der trefflichen Arbeit A. Pich- 
le r*s (Geschichte der kirchlichen Trennung zwischen dem Orient 
und dem Occident, 1864) und Zhisman's „die Unionsverhand- 
ftmgen zwischen der orientalischen und römischen Kirche seit Anfang 
des 15. Jahrh. bis zum Goncil v. Ferrara (Wien 1858), vor allem 
jedoch auch durch Rücksichtnahme auf die Theiner'schen Publi- 
catkvnen, z. B. Monum. Hung. 11, Monum. Slavorum merid., der 
Arbeit Hertzbergs, besonders für die Zeit des 14. und 15. Jahrh., 
ein grösseres Relief gegeben haben würde, doppelt nothwendig 
bei der bunten Kleinlebigkeit der mittelgriechischen Ge- 
schichte. So hätten sich z. 6., um nur einen concreten Fall hervorzu- 
heben, für das Verhältnis des Paläologenhofes zu E. Ludwig L 
von Ungarn und dem römischen Stuhle in den Jahren 1360 bis 
1370 doch weit interessantere Details aufbringen lassen , die dem 
universellen Zuge des Geschichtslebens Rechnung trögen. 

Doch wo gäbe es einen Referenten, der nicht fromme Wünsche 
auf dem Herzen hätte! Hertzberg ist ein kundiger, fleissiger Inter- 
pret Hopfs in dem entschieden verwinkeltsten Theile der 
mittelalterlichen Geschichte und jeder Geschichtsfreund, ja auch 
jeder Forscher kann ihm dafür dankbar sein. Der nächste, dritte 
Band, dessen baldiges Erscheinen in Aussicht steht, wird dem Verf. 
Gelegenheit bieten sich freier und selbstständiger zu bewegen und 
die Geschichte der heutigen Griechen bis an den Grenzpunct zu füh- 
ren, von wo aus dann Mendelssohn und Rosen in ihrer Ge- 
schichte Griechenlands und der Türkei unserer Tage willkommene 
Führer bleiben. 



Hölder's historische Bibliothek für die Jagend, herausgegeben von 
Dr. A. Egger. A. Holder k. k. Hof- und Univ.-Buchhandlune. 
Herzog Leopold der Glorreiche und seine Zeit, von Perd. 
Sk&lla. Kaiser Friedrich I1L und Herzog Albrecht VL 
von Dr. Konr. Jars. Kaiser Maximilian I. sein Leben und 
Wirken, erzählt von Dr. Victor v. Kraus. Maria Theresia vor 
ihrer Thronbesteigung von Edmund Aelschker. Nikolaus 
Lenau, Ein Dichterleoen, von Leo Smolla (Sämmtlich v. J. 1877 
in kl 8", steif gebunden zu 64, 60 und 48 kr. ö. W.). 

Es war ein glücklicher Gedanke das Bedürfnis der Jugend 
Oesterreichs nach gut verdaulicher und anregender Lesekost — aus 
dem Bereiche der heimatlichen Geschichte im weitesten Umfange — 
durch ein Unternehmen befriedigen zu helfen, das von bewährter 
Hand geleitet die Reihe der Mitarbeiter vorzugsweise ans dem Kreise 
der Mittelschule heranzieht, aus einer Sphäre, in welcher natur- 
gemiss das richtigste Verständnis dessen, was der heranreifen- 



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f 4 JSgger's historische Bibliothek, ang. v. Fr. Krona. 

den Jugend in stofflicher Sichtung am meisten zusagt und wie es 
ihr geboten werden soll — angenommen werden darf. 

Vor uns liegen die ersten fünf Bändchen des Unternehmens, 
deren jedes für sich ein Ganzes bildet; den Beigen hatte die Arbeit 
von Kraus eröffnet, woran sich dann die Ton Jarz, Aelschker, Skalla 
und Smolle schlössen. Wir wollen bei unserer kurzen Anzeige die 
chronologische Folge der Stoffe einhalten; dem 13. 15. 16. 18. und 
19. Jahrhunderte entnommen, drei Herrscherleben, die Zeiten einer 
grossen Fürstin vor ihrer Thronbesteigung und das Dasein eines der 
bedeutendsten Dichter der Neuzeit umfassend, lassen sie deutlich 
genug die Beschaffenheit dieser historischen Bibliothek erkennen. 

Das erste Büchlein, von Skalla bearbeitet, hat die Schlusszeit 
der Babenbergerepoche und zwar den culturgeschichtlich dankbarsten 
Theil, die Tage Leopold des Glorreichen (1198 — 1230), zum Gegen- 
stande. Schon die Einleitung verräth den Entschluss des Verf. auf 
die innere Geschichte den Ton zu legen, und in der That sind unter 
den 39 Abschnitten des 156 SS. starken Bändchens die umfangreich- 
sten 9 letzten culturgeschichtlichen Betrachtungen und Schilde- 
rungen gewidmet, welche mehr als die Hälfte des ganzen Büchleins 
einnehmen. Das Bestreben Skalla's dabei vor Allem die zeitgenös- 
sische oder doch zeitlich nahe stehende Dichtung zur Geltung zu 
bringen, äussert sich auch in dem vorangehenden Theile der politi- 
schen Geschichte; in einemCapitel(7)„dieBabenberger und Ungarn", 
greift der Verf. auf die Vergangenheit zurück, indem er z. B. ganz 
passend eine Stelle aus Otto von Freisingen zur Charakterisierung 
Ungarns um die Mitte des 12. Jahrhunderts heranzieht. Ueberhaupt 
bietet die passende Unterbringung dichterischer und prosaischer 
Belegstellen eine willkommene Würze des geschickt vertheilten Stoffes. 
Nur selten ist das richtige Mass überschritten; so ist z. B. im 31. A. 
„Der Minnegesang am Hofe Leopold VI. und VH. u die Aehrenlese 
aus Walther von der Vogelweide verhältnismässig zu reich bedacht, 
indem die poetischen Citate auf mancher Seite den Prosatext nahezu 
überbieten. Auffällig genug fehlt eine die bäuerlichen Verhältnisse 
jener Zeit erläuternde Skizze. Beschränkungen in einer und der 
andern Richtung, z. B. das Weglassen des hier gar nicht erwarteten 
Abschnittes: „Andreas von Ungarn verlässt Aegypten" (S. 36 — 38), 
hätten dafür Baum geboten. Die Sprache des Büchleins ist klar, 
fliessend, selten überladen. 

Eine wesentlich andere, minder erquickliche Geschichtsepoche 
behandelt Dr. Jarz, die Jahre 1458 — 1463. Ihre verhältnismässige 
Kürze erlaubt ihm in den 150 SS. des Büchleins sich in ziemlich 
behaglicher Breite zu ergehen und die 17 Abschnitte mit pittoreskem 
Detail bestens zu bedenken. Begreiflicherweise liegt für ihn der 
Schwerpunct der Erzählung in der Zeit vom Sommer 1462 bis ins 
Frühjahr 1463 und vor Allem in den Wiener Ereignissen. So ist 
z. B. die Belagerung des Kaisers in der Hofburg mit einer Ausführ- 
lichkeit erzählt, die nicht leicht überboten werden könnte ; überdies 



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Egger" s historische Bibliothek, ang. v. Fr. Krones. 65 

«fetten wir da eine kleine Chrestomathie von charakteristischen 
Stallen aus Michel Bebeims Buph von den Wienern, allerdings nicht 
auoer zum Yortheile des zu häufig unterbrochenen Prosatextes. Da 
der Verf. in den Quellen seiner geschichtlichen Aufgabe sehr gut 
bewandert ist und die beiden Hauptquellen : Hinderbach und Michel 
Bebens, namentlich den letzteren charakterisiert, so hätte dies auch 
bezüglich der dritten, der Chronik des Ungenannten f. d. J. 1454 
bis 1467 geschehen Jcönnen ; da auch sie dankbare Partieen bietet und 
überdies zu der oft widerlichen Breite und Schimpflust des lohn- 
dieaerischen Beheim im erfreulichen Gegensatze steht Auch hatte 
nan gerne auf manches Detail verzichtet, und, was dabei an Baum 
gewonnen worden wäre, für eine Charakteristik der politischen Be- 
strebungen H. Albrecht VI. im deutschen Beiche aufgespart gewünscht, 
4a hiedurch die Feindschaft mit seinem kaiserlichen Bruder ihr 
schärferes Belief gewinnt. Auch des Verhältnisses Albrecht VI. zu 
Mathias Continus konnte gedacht werden. Aber dies sind keine wesent- 
lichen Gebrechen ; die Gruppierung un<J Darstellung ist fesselnd. 

Mit günstiger Voreingenommenheit nimmt man das Büchlein 
V. t. Kraus 1 „K. Maximilian I." zur Hand und findet seine Er- 
wartungen nicht getäuscht; denn schon eine flüchtige Durchsicht 
des Bändchens zeigt dem Fachmanne die zweckgerechte Bewälti- 
gung des Stoffes durch einen gründlichen Kenner und verdienst- 
vollen Arbeiter auf diesem Geschichtsfelde. Es stellt sich diese 
Leistung dem populär -wissenschaftlichen Lebensbilde „K. Maxi- 
milian I." vonKIüpfel in der deutschen Nationalbibliothek nicht nur 
ebenbürtig an die Seite, sondern hat gegen diese Arbeit die gleich- 
niasigere Stoffverteilung und die lebendigere Individualisierung 
tofßus. Nur die Charakteristik Maximilian I. im Kreise der be- 
deutenden Männer seiner Zeit, zu den Männern der Wissenschaft 
und Kunst erscheint etwas stiefväterlich bedacht; die ihr gewid- 
meten zwei Schlussseiten sind in ujiseren Augen eine viel zu 
dürftige Gabe. Gerne hätten wir ein paar Blattei- mehr gesehen; 
denn welch reiche Eindrucke bieten sich hier dem jugendlichen 
Geaüihe dar und wie stattlich ist tfie Reihe der Gestalten , die da 
aüe mitarbeiteten an der Schöpfung einer neuen, grossen Gedanken- 
welt! Auch wäre hie und da ein wärmerer Farbenton am Platze ge- 
wesen. Doch genug der frommen Wünschet Heissen wir das Gebotene 
willkommen. 

Aelschker's „Maria Theresia vor ihrer Thronbesteigung u 
möchten wir ein gewagtes, aber nicht misslungenes Experiment 
nennen , — gewagt , weil im Gegensatze zu jenen Geschichtsbildern, 
welche eine historische Persönlichkeit theils als Mittelpunct, theils 
als Träger der Zeitereignisse behandeln, hier die geschichtlichen 
Begebenheiten den Rahmen eines Frauenlebens abzugeben haben, 
dessen eigentliche Bedeutung und fesselnde Grösse jenseits ihrer 
Grenze liegt, dann weil gerade dieser Zeitraum der Geschichte Oester- 
reichs: die Leidensgeschichte der pragmatischen Sanction Karl VI., 

StitMkrift t d. tsterr. Gyma. 1878. L Heft. 5 






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06 Mathematische Lehrbücher, ang. v. /. G. WaUentin. 

das Wirrsal diplomatischer Actionen und Congresse, die Spätjahre 
des Prinzen Engen von Savoyen nnd der unselige Türkenkrieg der 
J. 1736 — 9 die für die Jngend am wenigsten erhebenden oder doch 
anziehenden Gedenkblätter der heimatlichen Geschichte aufweist. Der 
Verf. war sich dieser Schwierigkeiten einer „einleitenden" Geschichte 
Maria Theresia's bewusst, nnd suchte ihnen durch das möglichst 
anschauliche Hervorheben des Individuellen und durch de cor atives 
Beiwerk zu begegnen. In diesem mit unleugbarem Geschicke ver- 
wirklichten Streben und in der Notwendigkeit der Geschichte Maria 
Theresia's eine dem ganzen Unternehmen entsprechende Grundlage 
bereit zu stellen liegt die Rechtfertigung und auch das Verdienstliche 
der Arbeit. 

Das Referat über Smolle's „Lenau, ein Dichterleben u über- 
schreitet allerdings das Fachbefugnis des Historikers und wir besor- 
gen fast, dass uns der Nachbarcollege, der Germanist und Aesthetiker, 
sein „sutor ne ultra crtpidam!" zuruft. Das Büchlein steht nun aber 
einmal in der „historischen Bibliothek 14 — und zwar mit bestem 
Fug und Recht — und so sei denn die kleine Sünde in Gottes Namen 
begangen ! Ist doch Lenau, der reichbegabte echtfarbige Weltschmerz - 
poet, der diese seine ungekünstelte Tiefe des Weltschmerzes mitseinein 
Wahnsinn erschütternd besiegelte , das ergreifendste Bild geistigen 
Culturleben8 im vormärzlichen Oesterreich. Nicht ohne Besorgnis 
nahmen wir — ganz offen gestanden* — das Bändchen Smolle's zur 
Hand; denn für eine Jugendbibliothek erscheint gerade Lenan's 
Leben und Dichten als einer der Stoffe , der nur zu leicht gänzlich 
vergriffen werden kann. Doch eine von wachsendem Interesse be- 
gleitete Würdigung des Gebotenen überzeugte den Referenten, dass 
Smolle den rechten Ton getroffen und vor Allem nicht den Biogra- 
phen über dem Aesthetiker vergessen habe. Das Büchlein hat klaren 
Bau, Stimmung und Wärme; es lässt uns an passender Stelle einen 
Blick in die Zeit werfen, die unseren Dichter umgab, es zeichnet ihn 
fasslich als Kind dieser Zeit und als Menschen und darum wird auch 
die Jugend und zwar die an der Schwelle des Mannesalters stehende, 
die erdenfrohe und himmelstürmende Jugend , dem Büchlein freund- 
lich gesinnt sein. 

Wir begrüssen die „historische Bibliothek" mit herzlichem: 
Glückauf den Weg! 

Graz. J F. Krones. 



Lehrbuch der ebenen Geometrie für höhere Lehranstalten nach der 
Entwicklungen) ethode bearbeitet von J. Gilles, Gymnasiallehrer in 
Düsseldorf. Heidelberg, Carl Wintert Unifenit&tsbnchbdlg. 1877. 

Dieses Lehrbuch ähnelt in der Behandlungsweise des Lehr- 
stoffes einem jüngst besprochenen; wie schon der Titel sagt, dem die 
Ausführung auch entspricht, ist es die genetische Methode, die 
specifische Methode der Schule , die hier vorwaltet. Sie ist es , die 



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Mathematische Lehrbücher, ang. v. J. G. WaUentin. 67 

stwol in den unteren als auch in den oberen Gassen der mittle- 
ren Schulen massgebend sein soll, dort, weil sich der Schüler auf 
rhran Wege am leichtesten in das Wesen der geometrischen Lehren 
hineinfindet, hier, weil sie eben allgemeinen Zwecken des mathema- 
tischen Unterrichtes am besten dient. — Dieses im Auge behaltend, 
hat der Verf. besonders die Grandbegriffe scharf entwickelt. Der 
Unterschied beispielsweise zwischen Strecke, Strahl, geraden 
Linien im engeren Sinne ist wesentlich , die mechanische, 
also die Entstehung der geometrischen Gebilde durch Bewegung, 
w x aflem lehrreich; hiernach hält sich denn auch der Verf. — Der 
Theorie des Winkels und der Parallelen hat er gleichfalls grosse 
Sorgfalt zugewendet. Sind diese Fundamente in der Geometrie klar 
und gründlich entwickelt, so ist es dann leicht mit den Schülern 
fortzuarbeiten. — Leider sind viele Lehrbücher , selbst manche, die 
eines grossen Rufes und grosser oft kaum erklärlicher Beliebtheit 
ach erfreuen , solchem Principe nicht selten untreu ; sie bezwecken 
sehr eine Masse des Wissens in die Köpfe der Schüler zu bringen, 
aber man darf »nicht fragen mit welchem Erfolge und mit welcher 
Haltbarkeit; das € wie' und nicht die Menge muss bei Abfassung eines 
Lehrbuches welcher Art und welchen Inhaltes immer das entschei- 
dende sein. Im Besonderen wird viel hinsichtlich der Kreislehre und 
der dazu gehörigen Aufgaben gesündigt; die letzteren werden ganz 
wirr und regellos an eiu ander gereiht ; kein leitender Gedanke, keine 
Cousequenz ist zu entnehmen ; man vergleiche nur diese Partie z. B. 
in den bekannten Lehrbüchern von Mocnik mit der trefflichen Be- 
handlung derselben in dem vorliegenden Lehrbuche. 

Die im Schlusscapitel dieses Buches enthaltenen Sätze aus der 
neueren Geometrie sind heutzutage von solcher Tragweite, dass 
sie nicht leicht zu entbehren sind (dahin gehört die Lehre von den 
harmonischen Puncten, harmonischen Strahlen , Pol und Polare des 
Kreises , Aehnlichkeitsbeziehuugen zweier Kreise , Aehnlichkeitsbe- 
nehungen dreier Kreise, Potenzialität und Chordale). Nichtsdesto- 
weniger können diese Lehren , hat man minder fähige Schüler vor 
sich, wol übergangen werden. Die Sammlung von Aufgaben in 
beträchtlicher Zahl (über 600) erhöht den Werth des Buches. 

System der Geometrie für Gymnasien und andere Lehranstalten. Von 
Prof. Dr. A. J. Temme, Frof. am Gymn. zu , Warendorf. II. Th. 
Ebene Trigonometrie und Stereometrie; 2. Aufl. Paderborn, Druck 
und Verlag von Ferd. Schöningh 1876. 

Wie der Titel anzeigt , theilt sich das Buch in zwei Theile, in 
4ie ebene Trigonometrie und in die Stereometrie. Die ebene 
Trigonometrie ist den Zwecken des Unterrichtes entsprechend ab- 
gefasst. Anschaulicher wäre es gewesen , die Grösse und Lage der 
trigonometrischen Linien, sowie den Nachweis der diversen Sätze 
über trigonometrische Functionen an einem Kreise zu zeigen, wie 
.ee in den meisten Lehrbüchern ja auch zu geschehen pflegt. Die 

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08 Mathematische Lehrbücher, ang. ?. J. G. Waüentin. 

Herleitung der Summe und der Differenz zweier Sinusse und Cosi- 
nusse in §. 12 ist wenig übersichtlich gehalten und bewirkt bei dem 
Schüler entschieden die Klarheit nicht , die* hervorgegangen wäre, 
wenn Verfasser den Ausgangspunct von den Formeln für den Sinus 
and Cosinus der Summe und der Differenz zweier Winkel genommen 
hätte. Die Berechnung der trigonometrischen Functionen hätte ein- 
gehender behandelt werden können ; ebenso wäre es erwünscht ge- 
wesen auf den Gebrauch der trigonometrischen Tafeln 
hinzuweisen. Bei der Kürze, die jedoch der Verfasser mit Absicht 
anstrebt, lassen sich die Weglassungen einig ermassen entschul- 
digen. 

Die Eintheilung der Stereometrie in die drei Abschnitte : 

1. Ueber die räumlichen Beziehungen des Punctes und 
der Linien zur Ebene und der Linien untereinander; 

2. über die räumlichen Beziehungen der Ebenen unter- 
einander; 3. über die Körper, ist der ganzen Anlage des 
Buches entsprechend. In dem Abschnitte II: „Das Verhalten dreier 
und mehrerer Ebenen" (§. 7) wäre es vortheilhafter gewesen, wenn 
Verf. die Ausdrücke „dreiseitige, vierseitige, . . . nseitige Ecke" bei- 
behalten hätte und die hier vorkommenden Namen „Dreieck, Viereck, 
...neck a unterblieben wären. Soll ein Buch wirklich .der Schule 
dienlich sein, so müssen die Begriffe klar auseinandergesetzt und 
unzweideutig sein, was bei einer selchen Bezeichnungsweise nicht 
der Fall ist. Der allgemeine Beweis in der Lehre von den Körpern, 
dass es fünf regelmässige Polyeder gibt, wurde weggelassen und 
dieser Nachweis mehr auf inductivem Wege mit Hilfe des Satzes, 
dass die Summe der Kantenwinkel kleiner als vier Rechte ist und 
dass mindestens drei Ebenen zur Bildung einer Ecke nothwendig sind, 
geliefert. Die Beschränkung, die in dem Satze ausgesprochen ist 
pag. 76: „die Durchschnittsfiguren, welche entstehen, wenn die einen 
Kegel schneidende Ebene nicht durch die Spitze des Kegels geht und 
auch nicht zur Grundfläche parallel ist« heissen Kegelschnitte im en- 
geren Sinne des Wortes", findet Referent unpassend. Die Aufnahme 
einiger Lehrsätze über die Kugel wäre erwünscht gewesen und hätte 
dem Gänsen genützt Dass man die Hauptsätze über die sphärischen 
Dreiecke (soweit sie natürlich ohne Zuhilfenahme der Trigonometrie 
nachweisbar sind) unterdrückt, kann man auch in einem Lehrbuche, 
das durch seine Knappheit imponiren will, nicht billigen. Die Ober- 
flächen — und Inhaltsberechnung der Körper ist auf das Allemoth- 
wendigste und Wichtigste beschränkt. 

Kurz und bündig zu sein, ist eine sehr schöne Eigenschaft eines 
Lehrbuches und auch von vielfachem Nutzen ; nur mnss man es ver- 
stehen dabei das richtige Maass und den richtigen Blick nicht zu ver- 
lieren. 

Brunn. Hr. J. G. Wallentin. 



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H. Weishaupt, Das Zeichnen, ang. v. J. Wastler. 69 

D§S Zeichnen nach dem wirklichen Gegenstände in systematischem 
Lehrgänge 'his zur Stufe der Kunstschule. Von Heinrich Weis- 
haupt, kgl. Professor. Mönchen 1877. 

Das Buch zerfallt in drei Abteilungen : Die Stufen des Zeich- 
nens nach dem wirklichen Gegenstande , die Gefühlsperspective und 
die Ornamentik und Naturpflanze , mit einer Beigabe : die Farben- 
bamonie. In der ersten Abtheilung werden die Stufen des Zeichen- 
unterrichtes in jenem methodischen Entwicklungsgange vorgeführt, 
wtkher heutzutage bei den rational eingerichteten Schulen eingebür- 
gtrt ist: das Zeichnen nach Tafelzeichnungen und Flachreliefs, nach 
dem geometrischen Körper, nach dem plastischen Ornament und 
Dach der Naturpflanze. Die Erklärungen der nachzubildenden For- 
men, der verschiedenen Techniken der Ausführung sind .vollkommen 
cerrect, die Abbildungen jener geometrischen Muster und Blattformen, 
welche der Verfasser als Vorlagmodelle ausgeführt wünscht, gut ge- 
wählt. Nur bei den Mustern des griechischen Styles (Palmetten etc.) 
vermissen wir jene stramme Energie der Linien, welche eine hervor- 
ragende Eigentümlichkeit jenes Stiles ist und selbst bei den elemen- 
tarsten Votlagen nicht ausser Acht gelassen werdeu sollte. Auch im 
römischen Akanthusblatt ist nicht eben das glücklichste Beispiel 
vorgeführt. 

Die „Gefühlsperspective" , mit welchem etwas befremdenden 
Wort der Verf. die „ins Gefühl übergehenden Gesetze der Per- 
spective 44 benennt , behandelt die Hauptsätze der Linearperspective 
und der Beleuchtung. Ist auch hier wieder die systematische Ent- 
wicklung dieser Sätze ganz gut durchgeführt, so müssen wir um so 
mehr die Unpräcision, ja sogar die Unrichtigkeit gewisser Ausdrücke 
und Definitionen tadeln. So entsteht z. B. das Bild eines Gegen- 
standes im Auge nicht durch „Spiegelungen" (S. 78), auch ist der 
durchgehends beliebte Gebrauch des Wortes senkrecht anstatt ver- 
tical ein Fehler, den sich ein Lehr- oder Hilfsbuch nicht zu Schulden 
kommen lassen sollte. Sätze, wie: „Unser Auge nimmt die gleiche 
Höhe der Tafeldicke ein" (S. 88), „Jene horizontale Fläche, welche 
in totaler Verkürzung uns nur in ihrer Dicke als Linie erscheint, 
fixiert gleichsam unsere Augenhöhe als Linie des Horizontes " (S. 89) 
sind unklar und unmethodisch , da man dem mit einer gewissen geo- 
metrischen Vorbildung ausgerüsteten Schüler doch füglich nicht von 
einer Dicke der Flächen sprechen kann. 

In der dritten Abtheilung werden nach Entwicklung der Haupt- 
züge der ornamentalen Pflanzencharakteristik und einem allerdings 
sehr knapp bemessenen Excurs der verschiedenen Stile die allgemei- 
nen Stilgesetze der Ornamentik recht anschaulich erläutert. Dass der 
Verf. hiebei einen von uns im Jahre 1869 erschienenen Aufsatz: 
.Ueber das Ornament und die Bedeutung der Farbe desselben" aus- 
giebigst benützte, erscheint uns sehr schmeichelhaft, wengleich bei 
dem Umstände, dass der Verfasser ganze Partien unserer Arbeit mit 
denselben Worten abdruckt, es uns angezeigt erschienen wäre 
auch der Quelle Erwähnung zu thun. 



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70 K. Kraepelin, Excursionsflora, ang. v. H. Beichardt. 

In der Beigabe : »Die Farbenharmonie" finden wir die ablieben 
Erklärungen recht gut vorgetragen, nur ist uns aufgefallen, dass der 
Verfasser die Begriffe : harmonische Farben und Complementärfar ben 
gleichstellt, nachdem allerdings complementäre Farben harmonisch 
wirken, aber nicht umgekehrt alle harmonischen Farben Complemen- 
tarfarben sind. Die Anführung der Triaden, wenn auch nur in den 
hervorragendsten Beispielen der Harmonie und Disharmonie wäre im 
Interesse der Vollständigkeit erwünscht gewesen. 

Im Ganzen enthält das Buch des Guten und Brauchbaren Vieles 
und wenn bei einer allfalligen zweiten Auflage die unpräcisen Aus- 
drücke und Definitionen eine Verbesserung erfahren, dürfte das Buch 
zu einem für Zeichenlehrer sehr verwendbaren Hilfsbuche werden. 

Graz. Joseph Wastler. 



Excursionsflora für Nord- und Mitteldeutschland. Ein Taschenbuch zum 
Bestimmen der im Gebiete einheimischen und häufiger eultivierten 
Gefasspfi&nzen. Für Schüler und Laien. Von Dr. Karl Kraepelin, 
Oberlehrer an der Realschule 2. 0. zu Leipzig. Mit über 400 in den 
Text gedruckten Holzschnitten. Leipzig, Druck und Verlag von B. 
G. Teubner. 1877. 8°. IV u. 336 S. 

Der Verfasser beabsichtigte in dieser Excursionsflora „mit 
möglichster Vermeidung aller schwierigen Unterscheidungsmerkmale 
und mit Hintansetzung aller sogenannten Wissenschaftlichkeit ein 
Tabellenwerk zu schaffen, mit dessen Hilfe nach kurzer Orientierung 
auch jüngere Schüler oder Laien die einheimischen Gefasspflanzen 
ohne Hilfe eines Lehrmeisters zu bestimmen im Stande wären. tt 
Dieses angestrebte Ziel erreichte der Verfasser im Ganzen und Gros- 
sen; dass sein Büchlein mit den auf wissenschaftlicher Grundlage 
beruhenden Floren nicht verglichen werden kann, ist selbstverständ- 
lich. Die beigefügten Holzschnitte sollen das Erkennen der einzelnen 
Arten erleichtern ; leider sind die Abbildungen höchst primitiv aus- 
geführt , ja einige derselben sind geradezu verfehlt (z. B. Fig. 384). 
Bei den grossen Fortschritten , welche die Holzschneidekunst wäh- 
rend des letzten Jahrzehntes auch in Deutschland machte, hätten 
leicht gut ausgeführte, gelungene Abbildungen gegeben werden 
kOnnen. 

Wien. H. Reichardt. 



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Dritte Abtheilung. 

Zur Didaktik und Pädagogik. 

Zur Beform des lateinischen Unterrichtes auf Gymnasien und Real- 
schulen von Hermann Perthes, in fünf Artikeln (Heften) (9 M. 
GOPf.). Dazu: Lateinische Formenlehre zum wörtlichen Auswendig- 
lernen; Lateinische Wortkunde im Anschlüsse an die Leetüre für 
Gymnasien und Realschulen bearbeitet: Erster Cursus: Gramma- 
tisches Vocabularinm mit dem lateinischen Lesebuche für Sexta 
(2 M. 40 Pf.); Zweiter Cursus: Grammatisches Vocabulariam mit 
dem lateinischen Lesebuche für Quinta (1 M. CO Pf.) ; Dritter Cursus : 
etymologisch - phraseologisches Vocabularium im Anschluss an Ne- 
po$ Plemor, lateinisches Lesebuch für die Quarta der Gymnasien 
(bearbeitet ?on Ferd. Vogel) (3 M.); Vierter Cursus: Lateinisch- 
deutsche vergleichende Wortkunde im Anschluss an Caesars bellum 
GuUicum. Zur Durchnahme in Unter- und Ober-Tertia und zum 
Handgebrauche in den oberen Classen (4 M. 80 Pf.). — Berlin, Weid- 
mann 1873-6. *) 

Es ist keine leichte Aufgabe über das vorliegende Werk (denn so 
können wir ja diese auf eine Reform des Lateinunterrichtes abzielenden 
Schriften nennen, da sie von einer einheitlichen Idee getragen sind und 
den gleichen Zweck verfolgen) ein Urtheil abzugeben. So gross ist die 
Zahl der Fragen, welche hier angeregt werden, und so verschieden sind, 
zum Theile auch in Hauptpuncten die Ansichten der Schulmänner. Noch 
schwieriger ist die Sache da, wo es sich um eine kurze Berichterstattung 
handelt, welche blos die wesentlichen Momente berücksichtigen soll und 
doch einer ausreichenden Motivierung nicht entbehren darf. Nicht Ein- 
seinheiten können hier in Betracht kommen, sondern blos dies, ob wirk- 
beh die in dem Reformversuche vorgeschlagene Methode einen rascheren 
Portschritt in der Erlernung der lateinischen Sprache zu erzielen vermag» 
oad zwar, wie uns versichert wird, in der Weise, dass die Gründlichkeit 
nicht darunter leidet, sondern vielmehr mir gewinnt. 

'} Die vorliegenden Bücher sind schon im Jahrg. 1876 dieser Zeit- 
schrift 8. 272 ff. zu einem Theile besprochen worden. Da aber nun das 
ganse Werk abgeschlossen vorliegt, so wird es bei dessen Wichtigkeit und 
Bedeutung nicht unangemessen sein dasselbe im Ganzen mit Rücksicht 
auf seine Verwendbarkeit für unsere Gymnasien zu würdigen. 



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72 H. Perthes, Zur Beform des lateinischen Unterrichtes. 

Hr. P. beginnt seine Darstellung ') mit der Bemerkung, dass, 
die vielfachen Klagen beweisen , die Erfolge des lateinischen Unterrichtes 
zu dem ihm gewidmeten Zeit- und Kraftaufwande in einem keineswegs 
erfreulichen Verhältnisse stehen. Er geht dabei von dem preussischen Nor- 
malplane des Jahres 1856 aus, mit welchem wir hier, da dies für die 
folgende Erörterung von der grössten Wichtigkeit ist, gleich die Stunden- 
zahl, welche dem Latein in unserem Organisationsentwurfe zugewiesen ist, 
vergleichen wollen. Es sind nämlich diesem Gegenstande in dem preussi- 
schen Plane für alle Classen bis einschliesslich Secunda wöchentlich zehn, 
für die Prima acht Stunden zugetheilt, während das Latein nach unserem 
Plane auf eine erheblich geringere Stundenzahl, nämlich auf je acht 
in den beiden ersten, auf je sechs in den vier folgenden, auf je fünf in 
den beiden obersten Classen beschränkt ist. 

Der Verf. findet nun den Grund der wenig günstigen Erfolge in 
der bisher befolgten Methode und kommt zu dem Schlüsse, dass bei 
einer besseren Methode die Stundenzahl erheblich verringert und so Raum 
für die gründlichere Behandlung anderer Gegenstände gewonnen werden 
könne. Und zwar würden nach seiner Ansicht in den beiden untersten 
Classen je sechs, in den übrigen je acht Stunden genügen (Heft IV» 
S. 132). 

Den Grundfehler der bisherigen Methode sieht aber der Verf., um seine 
Ansichten in einem Satze zusammenzufassen, darin, dass man die geistige 
Entwicklung des Knaben und die dabei zu Tage tretenden psychologi- 
schen Vorgänge nicht gehörig berücksichtige. Der ganze Unterricht im 
Lateinischen wie natürlich in jedem anderen Gegenstande müsse sich an 
diese Entwicklung anschliessen und bestrebt sein alle geistigen Fähig- 
keiten sorgfaltig auszunützen. Die Behandlung des Lehrstoffes, die ganze 
Art des Lehrens und Lernens und demgemäss auch die Lehrbücher müssen 
nach derselben eingerichtet sein. 

Man wird diesem Satze gewiss nur beistimmen können und ebenso 
dem, was über das stufenweise Fortschreiten von den einfachsten Dingen 
zu den schwierigeren, über das feste Einprägen des Gelernten durch stäte 
Wiederholung u. s. w. gesagt wird. Es sind dies zwar nicht neue Dinge, 
sondern allgemein anerkannte Wahrheiten, aber ausgesprochen von einem 
so erfahrenen Schulmanne und in so klarer und treffender Weise dargestellt 
gewinnen sie noch an Bedeutung. Wir können daher diese Hefte einem 
jeden Gymnasiallehrer als eine gute Gymasialpädagogik auf das Beste 
anempfehlen. 



') In den oben bezeichneten Artikeln, von welchen 1. und 2. Separat- 
abdrücke aus der Berliner Zeitschrift für Gyranasialwesen 1873 und 1874 
sind. Der 1. handelt über den Plan einer lat. Wortkunde im Anschluss 
an die Leetüre und insbesondere über den Cursus für Tertia ; der 2. desgl. 
über den Cursus für Sexta; der 3. (1. Hälfte) führt den Titel: 'Zur lat. 
Formenlehre, sprachwissenschaftliche Forschungen und didaktische Vor- 
schläge'; der 4.: 'Die Principien des Ucbersetzens und die Möglichkeit 
einer erheblichen Verminderung der Stundenzahl'; der 5.: 'Erläuterungen 
zu meiner lat. Formenlehre.' 



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H. Perthes, Zur Beform des lateinischen Unterrichtes. 78 

Doch diese Erörterungen sind nur allgemeiner Natur; die Haupt- 
nebe bleibt, wie sie im lateinischen Unterrichte zu verwerthen seien. 
Daher entwirft der Verf. ein vollständiges System des lateinischen Unter- 
richte« Ton der Sexta bis einschliesslich zur Tertia. Aber er begnügt sich 
nicht Mos das System und die Methode zu charakterisieren, sondern er 
legt auch eine zusammenhängende Folge von Lehrbüchern vor, die mit 
Rückacht auf dieses System bearbeitet sind und begleitet sie mit einem 
Cemraentave , welcher die von ihm vorgenommene Anordnung und Be- 
bauung des Lehrstoffee begründen und rechtfertigen soll. 

Wir wollen nun diese Lehrbücher und deu sie begleitenden Com- 
■estar einer Würdigung unterziehen und ermitteln, ob wirklich durch 
diese Hilfsmittel und die darin befolgte Methode das angestrebte Ziel 
erreicht werden kann. Das erste Buch, Welches uns Hr. P. vorlegt, ist 
eine knapp und präcis abgefasste, zum wörtlichen Auswendiglernen be- 
stimmte Formenlehre, ein Büchlein von 56 Seiten. Dasselbe enthält 
slles, was sich der Schüler in den beiden ersten Gassen unbedingt ein- 
prägen mnss, während das, was er sich gelegentlich bei der Leetüre 
oder durch mündliche Belehrung aneignen kann , von diesem Memorier- 
buche ausgeschlossen ist, um so die Arbeit der gedächtnismassigen An- 
eignung des Noth wendigen zu erleichtern. Nun wird gewiss Niemand 
leugnen, dass das sorgfaltige Memorieren des unbedingt Noth wendigen 
die einzige Grundlage bei dem Unterrichte in der Grammatik einer 
fremden Sprache bildet; auch ist ein solches Büchlein ohne Zweifel ge- 
eignet Schülern und Lehrern ihre Aufgabe auf dieser Ünterrichtsstufe 
zu erleichtern. Aber es fragt sich, ob nicht mit dem Gebrauche eines 
solchen Büchleins Uebelstände verbunden sind, welche den Nutzen, den 
es gewährt, überwiegen. Mit den beiden ersten Classen ist natürlich der 
Unterricht in der Formenlehre noch nicht abgeschlossen; der Schüler 
mos» späterhin nicht blos viele Einzelnheiten ergänzen, sondern auch 
erst Einsicht in den Bau und Entwicklungsgang der Sprache gewinnen, 
wovon auf jener unteren Stufe aus begreiflichen Gründen nicht die Rede 
sein kann. £r bedarf also einer Grammatik, welche die Formenlehre 
auf einer breiteren Grundlage und in einem grösseren Umfange behandelt. 
Diese Grammatik muss mit dem Eleraentarbucho in strenger Ueberein- 
stimmong stehen, wofern man dem Schüler nicht unnöthig die Arbeit 
erschweren will; denn um die Formenlehre vom Anfang bis zu Ende 
durchzunehmen , dazu ist keine Zeit vorhanden. Man sieht, dass Hr. P. 
zuerst jene grössere Grammatik hätte schreiben müssen, bevor er an die 
Ausarbeitung seines Elementar buches gieng, und zwar um so mehr, als 
er in der Anordnung des Stoffes, der Terminologie usw. nicht unerheb- 
liche Neuerungen eingeführt hat. Eine Grammatik, die sich genau an 
jenes Elementarbuch anschlösse, wüssten wir nicht zu nennen. Doch 
selbst wenn die kleine, für den ersten Unterricht bestimmte Grammatik 
and die grössere, für die oberen Classen berechnete genau übereinstim- 
men, ergeben sich ans dem Nacheinandergebrauche zweier Bücher nicht 
inbedeutende Uebelstände, ja es sprechen dieselben Gründe, welche Hr. 
P. (Ür sein Elementarbuch anführt, gegen einen solchen. Der Schüler 



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74 H, Perthes, Zur Reform des lateinischen Unterrichtes. 

hat sich das Gerippe der Formenlehre angeeignet; nun gilt es eine 
Masse von Einzelnheiten hinzuzufügen nnd dann wieder alles zusammen- 
zufassen, in seiner Zusammengehörigkeit und Gliederung zu erkennen, 
damit er den lebendigen Leib sich vor das Auge stellen, seinen Bau, 
sein Wesen verstehen lerne. Wollen wir dies nun dadurch erschweren, 
dass wir dem Schüler ein neues Buch in die Hand gehen, oder wollen 
wir seine Thätigkeit durch die Hilfsmittel, welche das Localgedächtnis 
darbietet, fordern ? Und so drängt denn alles nach unserer Apsicht dazu 
den Gebrauch einer Grammatik für das ganze Gymnasium zu empfehlen. 
Natürlich muss dieselbe verständig eingerichtet sein; der Stoff, welcher 
in den untersten Gassen zu bewältigen ist, muss so behandelt werden, dass 
er für die Fassungskraft des Schülers keine Schwierigkeiten darbietet; 
grösserer und kleinerer Druck muss das für die erste Stufe Bestimmte 
und das später zu Erlernende klar für das Auge scheiden. Die Aufgabe 
eine solche Grammatik für sämmtlicbe Classen in entsprechender Weise 
herzustellen scheint mir keine Unmöglichkeit. Auch haben wir ja mehrere 
Bücher dieser Art, die in ihrer Weise als gute bezeichnet werden kön- 
nen, wie z. B. die Grammatik von Lattmann -Müller, womit natürlich 
nicht gesagt sein soll, dass die darin befolgte Methode nicht noch einer 
weiteren Vervollkommnung fähig ist. Ferner fehlt es bei dem Gebrauche 
dieses Büchleins an einer Syntax, deren der Schüler nach den ersten 
Anfangsstudien nicht entbehren kann. Welches Buch soll nun nach der 
Meinung des Hrn. Verf. gebraucht werden? Dass die mündliche Belehrung 
ausreichen könnte, daran denkt Hr. P. gewiss selbst nicht. Und bedarf 
denn nicht die Syntax gerade so wie die Formenlehre einer Umgestaltung, 
welche sich auf die neuere Sprachforschung gründet? Wird nicht erst 
eine solche Syntax der auf gleicher Grundlage bearbeiteten Formenlehre 
entsprechen? Wird nicht erst durch sie wesentlich die Erreichung des 
angestrebten Zieles dem Schüler seine Arbeit zu erleichtern ermöglicht 
werden? 1 ) 

Doch kehren wir wieder zu der Formenlehre des Hrn. P. zurück. 
Wenn derselbe bemüht war ihr eine wissenschaftliche Grundlage zu 
geben oder mit anderen Worten, wenn er für sie die Resultate der neueren 
Sprachwissenschaft verwerthete, so wird man dies gewiss nur billigen 
können, aber eine Reform des Unterrichtes wird man darin nicht er- 
blicken, da ja der Verf. zahlreiche und tüchtige Vorgänger auf diesem 
Gebiete hatte, welche wir hier nicht anzuführen brauchen. Wie weit 
man in der Verwerthung jener Resultate zu gehen hat, das lässt sich 
nicht durch einen allgemeinen Satz, sondern nur in den einzelnen Fällen 
entscheiden und es wird daher sehr schwer sein in dieser Hinsicht 
eine vollkommene Uebereinstimmung zu erzielen. Wenn wir sagen, dass 
Hr. P., der in einigen Puncten weiter geht als seine Gesinnungsgenossen, 
in anderen aber sich zurückhaltender zeigt, im Grossen und Ganzen das 
richtige Mass getroffen hat, so wird dies hier, wo es auf Einzelnheiten 



*) Vgl. Jenaer Literaturzeitung 1877, Nr. 21, S. 335. 



"X 



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JS. Perthes, Zur Beform des lateinischen Unterrichtes. 75 

lieht ankommt, wol genügen. 1 ) Dass die Formenlehre sorgfältig gear- 
beitet, dass der Stoff zweckmässig gruppiert ist, dass auch der Druck die 
Aefhssung nnd Erlernung geschickt erleichtert, steht ausser allem Zweifel. 
Aach die Hefte, welche den begleitenden Commentar enthalten, bieten 
Treffliches, und zwar mehr an praktischen Bathschlägen als an wissen- 
schaftlichen Ergebnissen; denn was die sprachlichen Erörterungen des 
Hm Verf. anbetrifft, so muss man bei aller Anerkennung des hier Ge- 
leisteten doch hervorheben, dass er sich einerseits viel zu einseitig auf 
dem Boden der lateinischen 8prache hält, ohne die verwandten Sprachen 
paarig in Betracht zu ziehen, und andererseits sich von der früheren 
Äkhtung in der Sprachforschung, der philosophischen Spekulation, nicht 
teTlig los machen kann, welche ihn dazu verleitet Gesichtspuncte in die 
Bfrache hineinzutragen, die bei deren Entwicklung und Bildung sicher- 
lich nicht massgebend waren. 

Was Hr. P. über die Art und Weise, wie man bei der Einübung 
fcr Formenlehre vorzugehen hat , bemerkt, ist allerdings im Ganzen 
richtig und in trefflicher Darstellung entwickelt*), aber neu sind die 
hier vorgetragenen Sätze meistens nicht, sondern längst schon von ge- 
wiegten Schulmännern ausgesprochen worden. Einiges mochten wir be- 
strafen. Wenn z. B. Heft III, 1, S. 6 der Satz aufgestellt wird: 'Auf 
der utersten Stufe des lateinischen Unterrichtes hat der Schüler noch 
sieht sa präparieren, sondern nur das vom Lehrer Vorgelesene und Vor- 
tbersetzte zu repetieren', so ist dies für den Beginn des Unterrichtes 
unzweifelhaft als Begel aufzustellen, wie denn, um ein Wort aus der 
schonen Instruction für den ersten Unterricht im Lateinischen in unse- 
rem Otganisationsentwurfe zu gebrauchen, der Lehrer den Schüler auf 
dieser Stufe durchaus an der Hand führen muss. Warum man aber den 
8chaler nicht allmalich zur Selbsttätigkeit erziehen und ihn zur Prä- 
sarstfcm hinüberleiten soll, ist nicht abzusehen. Der Unterricht soll 
doch eine ruhige und stäte Entwicklung mit allmalich sich steigernden 
Anforderungen an den Schüler offenbaren, jeder Sprung aber in dem- 
•tüben vermieden werden. Auch das können wir nicht billigen, dass der 
Hr. Verf. die Uebungen blos auf das Uebersetzen lateinischer Sätze in's 
Deutsche und das Rückübersetzen in's Lateinische beschränken will. 
Wenn die deutschen Sätze dem Schüler für die Uebertragung in's Latei- 
nische nur ihm schon geläufige Formen und Wörter bieten, warum soll 
man ein Mittel verschmähen, das den Schüler zu einer grösseren Selb- 
ständigkeit zu führen geeignet ist? Die Uebelstände, welche bei diesen 
Uebungen vorkommen und welche Hr. P. (Heft IV, S. 8 ff) hervorhebt, 
thtd doch nicht von der Art, dass sie, wenn solche Uebungsstücke in 
der bezeichneten Weise und natürlich auch im guten Deutsch abgefasst 



■) Wir verweisen auf die Anzeige von E. Dorschel in der Berliner 
Zeitschrift für Gymnasialwesen Jahrg. 1875, S. 225 ff. 

*) Man vgl. die Anzeige Yon G. Richter in der Jenaer Lit Zeit 
1875, Nr. 40, S. 709 ff. 



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76 H. Perthes, Zur Beform des lateinischen Unterrichtes. 

sind und die geschickte Behandlang von Seite des Lehrers hinzutritt, 
die Verwerfung solcher Uehungen motivieren können. 1 ) 

Dass in den Instructionen, welche Hr. P. für den Lehrer gibt, 
im Einzelnen viel Treffliches enthalten ist, darf man schon nach dem 
früher Gesagten erwarten und wird auch jedem hei der Durchsicht des 
dritten und vierten Artikels entgegentreten. Man vergleiche z. B. das, 
was er über die Verbindung der zu memorierenden Substantivs mit 
einem Adjectivum, um dadurch sogleich das Genus ersichtlich zu machen, 
bemerkt, desgleichen über die Behandlung einzelner syntaktischer Formen 
im Elementarunterrichte usw. Man wird darnach nur wünschen können, 
dass ein jeder Lehrer des Latein diese Hefte fleissig studiere und das 
viele Gute, das sie enthalten, sich zu eigen mache. 

Nach diesen Grundsätzen sind nun auch die beiden Lesebücher 
für Sexta und Quinta mit getrennten Vocabularien abgefasst. So sehr 
wir anerkennen, dass diese Bücher mit grosser Sorgfalt und vielem Ge- 
schicke ausgearbeitet sind, so stellen sich doch ihrer Verwerthung im 
Unterrichte mehrfache Bedenken entgegen. Vor Allem scheinen uns die 
Anforderungen, welche an den Schüler gestellt werden, viel zu hoch ge- 
griffen. Dass der Schüler gleich beim Beginne des Unterrichtes mit 
einem Theile der Conjugation, also etwa mit dem Ind. Praes von sum 
und dem Ind. Praes. im Activum der ersten Conjugation ') bekannt wer- 
den muss, unterliegt keinem Zweifel, da man ohne eine solche Kenntnis 
das Verständnis von Sätzen nicht vermitteln kann. Wenn aber Hr. P 
gleich anfangs das ganze Verbum sum und die ganze A — Conjugation 
erlernt wissen will, so steigert er unnöthig die Schwierigkeiten und 
damit die Anforderungen an die Kräfte der Schüler. Allerdings ist es 
so möglich dem Schüler gleich im ersten Unterrichte zusammenhängende 
Lesestücke vorzulegen; ich halte es aber für keinen Schaden, wenn man 
sich bei dem ersten Cursus auf einzelne Sätze beschränkt. Uebrigens 
machen diese Lesestücke mit ihren unverbunden neben einander stehen- 
den Sätzen keinen besonders günstigen Eindruck. Wie weit Hr. P. in 
seinen Anforderungen an die Schüler geht, das zeigen besonders die 
grösseren Lesestücke am Ende des Lesebuches für Sexta (S. 64 ff.), welche 
nach meiner Ansicht zum grössten Theile die Kräfte eines Knaben auf 
dieser Entwicklungsstufe übersteigen. In dem Lesebuche für Quinta 
finden wir nicht Mos einzelne Sentenzen, wogegen gewiss nichts ein- 
zuwenden wäre, sondern grössere Stücke aus Horaz, ja ganze Gedichte, 
wie die Epode Beatue iüe und das üer Brundisimm (natürlich mit 
Unterdrückung einiger Stellen). Wir wollen davon absehen, dass es ent- 
schieden verkehrt ist das Interesse für Horazisohe Diebtungen, wie es 
sich in den obersten Classen regen muss, durch eine solche frühe Be- 
handlang zu schwächen; aber wird der Schüler z. B. Verse, wie Omne 
supervaeuum pleno de pectorc manat, verstehen und wird nicht der 

') Vgl. diese Zeitschrift Jahrg. 1876, S. 273 f. 
') Später mögen immerhin auch das Perf. fui und Formen, wie 
amavi, amor, amatus sum hinzutreten. 



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A Perthes, Zur Reform des lateinischen Unterrichtes. 77 

äcaterische Ausdruck, der doch auch in diesen ausgewählten Stücken her- 
Tartritt, störend und verwirrend auf den Knaben einwirken? Zudem sind 
Gedichte von Horaz, mag man sie auch zurichten, keine Leetüre für Knaben. 
Und was wird nicht alles in den allerdings sehr sorgfältig gearbeiteten 
aad durch die Wiederholung des Stoffes sonst praktisch eingerichteten 
Yocabularien dem Schüler geboten! Redensarten, synonymische Unter- 
scheidungen, Etymologien und dgl. Hr. P. hat freilich das, was zu lernen, 
od das, was blos su lesen ist, durch den Druck kenntlich geschieden; 
aber auch so ist des Guten zu viel gethan, und die Masse des Gebotenen 
wird die Mehrzahl der Schüler eher verwirren als fördern, die besten 
Schüler aber geradezu erdrücken, weil sie, um den Anforderungen des Leb- 
los, der ja gelegentlich auch nach solchen Dingen, die nicht unbedingt 
aufwendig zu lernen sind, fragen wird, zu genügen, alles lernen werden. 
Wie nun bei so hoch gespannten Forderungen in den beiden ersten 
Gassen sechs Stunden ausreichen sollen, lässt sieb allerdings schwer be- 
greifen. Es ist möglich und wir müssen dies einem so erfahrenen Schul- 
sfinne, wie es Hr. P. ist, glauben, dass das von ihm gesteckte Lehrziel 
bei diesem Stondenausmasse erreicht werden kann; er wird ja gewiss 
nicht ohne praktische Erfahrungen zu seinen Vorschlägen gekommen 
sein. Aber gesetzt auch dass das Ziel erreichbar sei, so gehören doch 
aeinwendig dazu gewisse Bedingungen: vorzügliche Lehrer, ein sehr 
gutes 8chülermaterial , eine vollkommen ausreichende Vorbildung der 
Schüler, Bedingungen, wie sie sich doch nur in seltenen Fällen vereinigt 
finden werden. Ein Reformplan muss aber nicht von idealen Anschauungen 
ausgehen, sondern muss die bestehenden Verhältnisse ins Auge fassen 
und mit ihnen rechnen. Und bei aller Achtung vor der Lehrerwelt Deutsch- 
lands, den Leistungen der dortigen Volksschulen, der häuslichen Erzie- 
hung in diesem Lande darf man sich doch nicht allzu grossen Erwar- 
tungen hingeben. Wenn wir uns den Anschauungen des Hrn. P. gegenüber 
ungläubig verhalten und dieselben als ideal bezeichnen, so stehen wir 
mit diesem Urtheile keineswegs vereinzelt da, sondern finden dasselbe in 
aßen Anzeigen des Perthes'schen Werkes mehr oder minder bestätigt. *) 
Aach scheint es nicht sehr glaublich, dass der Mann, welcher gegen- 
wärtig in Preussen an der Spitze des Gymnasialunterrichtes steht und 
den Hr. P. wiederholt als eine Autorität ersten Ranges bezeichnet, ge- 
neigt sein durfte den Reformvorschlag zu adoptieren. Wenn wir darnach 
bei unteren Verhältnissen, wo noch nicht so langjährige, feste Traditionen 
bestehen, wie in Preussen, von der Anwendung dieser Reform uns keinen 
Erfolg versprechen, so ist dies vollkommen gerechtfertigt Eine Herabmin- 
derung der Stundenzahl des lateinischen Unterrichtes in den beiden unter- 
sten Ciaseen müsste bei uns geradezu verderblieh wirken. 

Ausser den eben besprochenen Hilomitteln legt uns Hr. P. noch 
drei andere, für die Quarta und Tertia bestimmte vor, nämlich zuerst 

') Man vergleiche noch die kurze Anzeige des lateinischen I*se- 
baches für die Sexta in den Blättern für das bairische Gymnasial- und 
Bealsebulwesen, Bd. XI, S. 180 von L. Mayer. 



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78 Ä Perthes, Zur Reform des lateinischen Unterrichtes. 

ein Lesebuch für die Quarta, Nepos plenior, eine Umarbeitung der unter 
dem Namen des Cornelius Nepos erhaltenen Biographien, insoweit die- 
selben Griechen betreifen, besorgt von F. Vogel (108 88.), dazu ein ety- 
mologisch-phraseologisches Vocabulariuin (190 SS.) und eine lateinisch- 
deutsche vergleichende Wortkunde im Anschluss an Caesars bellum GaMi- 
cum (482 SS.), beide von Hrn. P. bearbeitet. Wir haben die Seitenzahlen 
schon deshalb ausdrücklich bezeichnet, weil bei der Frage über die Ver- 
wendbarkeit dieser Bücher auch der Umfang derselben in Betracht kom- 
men mu8s. Was nun den Gebrauch dieser Hilfsmittel an unseren Gym- 
nasien anbetrifft, so können wir uns allerdings kurz fassen; denn Hr. P- 
verlangt für den Fall, dass man dieselben im Unterrichte gebraucht, ein 
Ausmass von je acht Stunden für Quarta und Tertia, wobei er um zwei 
Stunden unter das Mass des preussischen Normalplanes (10 Standen) 
herabgeht; bei einer geringeren Stundenzahl, so sagt er ausdrücklich, 
möge man auf die Anwendung dieser Bücher verzichten. Da nun der 
lateinische Unterricht in unserer Tertia und Quarta (wir sagen leider) 
auf je sechs Stunden beschränkt ist, so ergibt sich von selbst, dass wir 
von diesen Büchern auch dann, wenn sie allen Anforderungen entsprä- 
chen, keinen Nutzen ziehen könnten. Doch Bind dieselben von solcher 
Bedeutung, dass eine nähere Betrachtung sehr lohnend ist. Vor 
Allem verdient der Nepos plenior volle Berücksichtigung. Der Gedanke, 
welcher hier ausgeführt ist, kann zwar nicht auf Neuheit Anspruch 
machen, aber die Bearbeitung ist wahrhaft musterhaft. 1 ) Hr. P. bemerkt 
ganz richtig, dass man den Schülern in Quarta nicht einzelne abgeris- 
sene Stücke vorlegen, sondern sie sobald als möglich zur Leetüre eines 
Werkes führen solle. Und wo findet sich etwas in der römischen Lite- 
ratur, das nach seinem Inhalte geeigneter wäre den Lesestoff für diese 
Unterrichtsstufe zu bilden als eben der Cornelius Nepos, zu dem man 
nach allen möglichen Versuchen einen anderen Lesestoff zu finden immer 
und immer wieder zurückkehrt. Biographien sind auf dieser Stufe die 
passendste Leetüre, zumal wenn sie solche Gestalten behandeln, wie jene 
grossen Griechen, die bei der Einfachheit und Klarheit ihres Charakters 
dem Knaben ebenso verständlich, als auch meistens bei dem Beize und 
der Erhabenheit ihres Wesens geeignet sind sein Herz zu gewinnen and 
für das Grosse zu begeistern. Da aber die Biographien des Cornelius 
Nepos, wie sie uns vorliegen, einerseits vielfach dürftig und unvollkom- 
men sind, andererseits grobe Verstösse gegen die geschichtliche Wahrheit 
enthalten und auch im Stile manches Fehlerhafte oder doeh Auffallende 
zeigen, so bedürfen sie, um eine geeignete SchullectQre zu werden, not- 
wendig einer Ueberarbeitung und Erweiterung. Der Nepos plenior würde 
sich daher zur Einführung in unseren Schulen vollkommen eignen, wenn 
er mit einem passenden Commentare und einem knapp gehaltenen Wörter- 
buohe versehen wäre. 2 ) 



') Vgl. den vorigen Jahrgang S. 311 £ 

') Der Nepos plenior ist inzwischen mit Erkss vom 10. Juni L J. 
Z. 9934 zum Lehrgebrauche ah Gjmnasien und Realgymnasien allgemein 
zugelassen worden; vgl. S. 783. 



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H. Perthes, Zur Reform des lateinischen Unterrichtes. 79 

Gehen wir nun zu den Vocabalarien über, so erkennen wir gerne 
au, da« dieselben mit grosser Sorgfalt ausgeführt sind und dass der 
sie begleitende Coromentar (im vierten Artikel) viel Treffliches und Be- 
berrigenswerthes enthält Die Art und Weise, wie durch diese Vokabu- 
larien trotz ihrer gleich zu besprechenden Einrichtung die Selbsttätig- 
keit des Schülers angeregt, die Verbindung des Gleichartigen, die stäte 
Wiederholung und Einübung des Gelernten vermittelt, der Schüler zu 
eiaer guten Uebersetzung angeleitet wird, alles dies ist im hohen Grade 
beachtenswert!). Doch wir brauchen uns hiebei nicht länger aufzuhalten, 
ea wir auf die eingehende Würdigung dieser Bücher von R. Müller in 
der Berliner Zeitschrift für Gymnasialwesen Jahrgang 1875, S. 411 ff. 
verweisen können. Aber wie wir dem Urtheile dieses Schulmannes in 
Betreff der Vorzüge dieser Bücher beistimmen, so theilen wir auch seine 
Bedenken hinsichtlich des Gebrauches derselben. Erwägt man, dass Hr. 
P. den ganze n NepospUnior in der Quarta, das ganse bellum Gdllicum 
ta der Tertia absolviert wissen will, und betrachtet man die umfang- 
reichen Vokabularien , besonders das für die Tertia bestimmte, welches 
für einen Tertianer wahrhaftig eine ingens moUs ist, so muss man sich 
uülig tragen, ob Knaben in diesem Alter wirklich derartige Aufgaben 
bewirtigeo können , und noch dazu in acht 8tunden. Das Vocabular gibt 
dem Schüler die Präparation, für viele Stellen die fertige Uebersetzung, 
und zwar eine vollkommene, die wie ein deutsches Originalwerk zu lesen 
ist. Mit beiden Dingen können wir nicht einverstanden sein« Der Schüler 
soÜ arbeiten lernen , er soll mit seiner Grammatik und seinem Wörter- 
buche leisten , was er zu leisten vermag. Das halten wir trotz der gegen- 
überstehenden Ansichten, die sich jetzt geltend zu machen anfangen, mit 
den alten Meistern im Lebramte noch immer für die beste Schule. Für die 
Leetüre des Nepos wird ein Speciallexikon zu empfehlen sein , während bei 
der Leetüre des beüum Oaüicum der Schüler schon das vollständige Wörter- 
buch gebrauchen soll, das ihm während seiner ganzen Gymnasialstudien zu 
dienen hat Die Uebersetzung aber soll dem Schüler nie fertig vorliegen, son- 
dern sie soll erst in der Schule unter Anleitung des Lehrers und allmälich 
gleichsam heranreifen. Zudem kann man von einem Schüler auf der Stufe 
der Quarta und Tertia nach seiner ganzen geistigen Entwicklung noch keine 
so vollkommene Uebersetzung, wie sie Hr. P. wünscht, verlangen. Es 
genügt völlig, wenn der Schüler eine correcte Uebersetzung seines 
Autors zu geben vermag; dass er den Cäsar so übersetze, wie dies ein 
Köchly gethan, ist eine übermässige und unberechtigte Anforderung. 1 ) 
Und wie wird die Thätigkeit des Lehrers beschränkt, wenn der Schüler 
schon die fertige Uebersetzung in die Schule mitbringt, wenn der Lehrer 
ihm in den meisten Fällen nichts Besseres als was er in seinem Vocabular 
lesen kann , in bieten vermag. Der Lehrer bat dann gar keine andere 
Aufgabe als den Schüler von der wörtlichen Uebersetzung, welche doch 
ta Grunde gelegt werden muss, zu jener vollkommenen hinzuleiten. 



•) VgL zu dieser und den folgenden Bemerkungen Jenaer Lit. Zeit 
1874, Nr. 12, S. 170 f. 



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$9 H. Perthes, Zur Beform des lateinischen Unterrichtes. 

Dann bedenke man, welche geistige Entwicklung hei einem Knaben vor- 
ausgesetzt wird, wenn er von einem solchen Buche einen guten Gebranch 
machen soll. Vir glauben, dass* die Fälle eines schlechten Gebrauches 
viel hanfiger sein werden als die des guten, und so der Nutzen des 
Buches ein sehr problematischer sein dürfte. Und was für Dinge sind 
nicht in das Yocabular hineingetragen, welche Massen von Redensarten 
bei einzelnen Stellen aufgehäuft; oft finden sich lexikalische Samminngen» 
die ganze Seiten füllen, selbst Dichterstellen werden angeführt und mit 
metrischer Uebersetzung begleitet. Allerdings lässt Hr. P. zu, dass der 
Lehrer je nach den Verhältnissen der Schüler von der Leetüre einzelner 
Partien dispensieren könne; aber ein gutes Schulbuch soll nie mehr bieten 
als das, was der Schüler unumgänglich braucht, alles andere muss man 
dem Lehrer überlassen und von dem Buche fern halten, weil es nur mehr 
verwirren als fördern kann. Endlich muss man sich billig fragen, wie 
denn der Lehrer in der Schule und die Schüler zu Qause die Zeit finden 
werden, um den Anforderungen, welche Hr. P. stellt, zu entsprechen. 
Wir erachten dies bei den bestehenden Schulyerhältnissen geradezu für 
eine Unmöglichkeit. Der Vorwurf, den wir den früher besprochenen 
Büchern machen zu müssen glaubten, dass sie auf ideale Anschauungen 
basiert seien, scheint darnach diese Hilfsmittel in noch höherem Masse 
zu treffen. 

Wenn wir nun auch einer Verwendung der meisten dieser Bücher 
an unseren Gymnasien aus verschiedenen Gründen nicht das Wort reden 
konnten, so heben wir doch nochmals nachdrücklich hervor, dass dieselben 
für den Lehrer des Latein von der grössten Bedeutung sind und daher 
in keiner Lehrerbibliothek eines Gymnasiums fehlen dürfen. 



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Erste Abtheilung. 

Abhandinngen. 

Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. 

Bereits vor 15 Jahren machte mich mein hochverehrter 
Lehrer Hr. Begierungsrath Prof. Dr. E. Schenkl gelegentlich darauf 
aufmerksam , dass auf der hiesigen Universitätsbibliothek ein Codex 
der Tragödien des Seneca sich befinde und ob vielleicht ein Einblick 
«ff Benrthailung des Werthes der allerdings jüngeren Handschrift 
dennoch nicht ganz unnütz wäre. Die Sache blieb damals in Folge 
anderer Arbeiten liegen, ich wurde aber dann später auf die Hs. 
noch einmal aufmerksam, als ich nach den von mir publicierten 
OvidbJättera (vgl. meine philolog. Abb. I, 31 ff.) suchte, und be- 
ecMoes, da indes die neue kritische Ausgabe des Seneca trag» 
tob Peiper Siebter die eigentümlichen Verhältnisse der Ueber- 
licfenmg dieser Tragödien und die Notwendigkeit einer mehr- 
fachen Beachtung auch der Codices uolgares, von denen bisher 
keiner über das 14. Jahrh. hinaufreicht, klar gelegt hatte, in 
einigen freien Stunden doch einmal die Probe anzustellen. Diese 
Standen für die im Ganzen wenig lockende kleine Arbeit kamen 
freilich spät, ich glaube aber, dass dieses Intermezzo doch auch 
noch so viel abwarf, um einen kleinen Bericht zu rechtfertigen. 

Die Handschrift, mit Nr. 87 bezeichnet, aus 208 paginierten 
Buttern bestehend l ) und alle Tragödien der Sammlung enthaltend 9 ) 
& *nf Pergament geschrieben, dessen Blatthöhe jetzt, nachdem wol 



*) Davon sind nach der ersten Seite, welche das argumentum zu 
3m. far. und darunter die Aufzählung der Tragödien enthält, 3 Seiten 
od am Ende 2 Blätter unbeschrieben. 

*) In der in cod. uolg. geläufigen Ordnung, wie sie auch gleich 
tie erwähnte Aufzählung am Anfange gibt: „Prima tragedia est Hercules 
fatfts, Secunda Attreus et Thiestes, Tertia Thebays, Quarta Ypolitus, 
<Jrinta Edippus, Sexta Troas, Septima Medea, Octaua Agamenon (so 
«*& im Vindobon. und Lugdun. vgl. PR. praef. p. XXXIII u. XXXVIII), 
Rectaua (sie, bereits hier ein uns dann öfter begegnender Fehler des 
Schreibers durch Abirren zum Folgenden) Octauia, Decima Hercules 

Ittfeekrift t d. fetffr. Gymn. 1878. U. H«fi. 6 

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y* 



82 A. Zingerle, Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicns. 

zum Behufe des späteren etwa aus dem 17. Jahrh. stammenden 
Goldschnitt - Prachteinbandes (mit goldgepresstem Pergamentdeckel) 
eine kleine jedoch nicht schadende Beschneidung stattgefunden, 28 *"-, 
die Breite 20 cm * beträgt, und mit geradezu prachtvollen Miniaturen 
in Gold und Farben am Anfange jeder Tragödie geschmückt, die, 
wie die ebenso schönen Initialen, vortrefflich erhalten sind und 
nach dem Urtheile meines kunsterfahrenen Hrn. Collegen Dr. H. 
Semper aus dent Anfange oder wenigstens der ersten Hälfte des 
15. Jahrh. stammen dürften. Zu dieser Zeit stimmt auch die Schrift 
im Haupttexte, von dem jede Seite 30 Verse enthält; sie stellt 
sich im Ganzen als eine kalligraphische Schrift des 15, Jahrh. 
dai*und zeigt wol viele Spuren von Schreibversehen, aber sonst in 
der Ausführung bedeutende Sorgfalt mit verhältnismässig massigen 
Abkürzungen. (Ich gebe gleich hier beispielshalber ein Paar Proben 
von solchen meist corrigierten Versehen aus Herc. für., die ich 
dann unten in der Collation übergehen kann : 125 nosx, 128 bos- 
forsos, 179 fcata, 184 filia, 251 nee ad omne facin darum facinus, 
270 feciet ei, 410 regono, 576 auaes, 794 caputat, 824 irritea, 
1123 haurundo. — Das andere auch derartige wird aus der folgen- 
den Vergleich ung ersichtlich), ae wird durch blosses e bezeichnet, 
die Assimilation erscheint fast überall. In der Aspiration herrscht 
manchfache Schwankung (z. B. 46 ydra, 145 edus, 640 aurien- 
dum, wo klein h wol erst von a. H. überschrieben, aber 71 hu- 
meros, 325 harenas, 815 herumque u. dgl. 1193 habeant mala st. 
abeant!), die sich besonders öfter auch in den Eigen-, mytholo- 
gischen und geographischen Namen zeigt, für deren Schreibung in 
ein Paar Puncten, die dann in der Collation übergangen werden 
können, auch gleich hier ein üeberblick am besten zu geben sein 
dürfte: 11 athlantides, 106 ethneis, 232 herimanti, 250 termodon- 

i h 

tie, 338 hesmenos, 486 Antheus, 538 sithie, 664 ethna, 690 cociti, 
760 tytius,'874 cocyto, 891 thetios, 907 ligurgi, 982 titius, 989 the- 
siphone, 1170 hismeni, 1231 herebo, 1292 trachis (st. thracis). 
Statt h im Inlaute steht manchmal ch besonders in nichil, z. B. 369, 
1309; hie und da findet sich Consonantenverdoppelung , wo sie ver- 
fehlt ist , und umgekehrt z. B. 5 collenda, 238 occeano, 547 illia 
— 465 solicita, 999 colo (st. collo). Ganz vereinzelt fand ich ph für 
f in nephas 607. Nicht uninteressant könnten vielleicht manche 
Fehler, besonders Auslassungen in der Grundschrift scheinen, die 
aus Abkürzungen in der Mitte eines Archetypus hergeleitet werden 
könnten *), z. B. 416 amo mit erst klein darüber geflicktem ni (animo), 
439 uirtns (wie Ytp) mit erst nachträglich beigefügtem ti (uirtutis). 

*) Solche mit dem von Wattenbach PaL S. 30 ff. Angefahrten 
sich nicht ganz deckende begegnen hie und da in der Hs. auch sonst, 
vgl. die Collation. — Bei dieser Gelegenheit sei auch bemerkt, dass in 
unserem Cod. die unbeschriebenen Blatter auch keine Spur einer Verzie- 
rung zeigen und dass daher ein sonst öfter bei verzierten Hs. dieser 
Zeit vorkommender Fall (Wattenbach 1. c S. 21) die unserige nicht trifft. 



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A. Zingtrle, Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. 83 

Ans dem Gesagten wird zum Theile auch schon ersichtlich 
geworden sein, dass die Hauptschrift mehrfach corrigiert ist, sie 
ist es manchmal sogar ziemlich stark und es dürften im Allge- 
meinen nach Grösse and Form der Buchstaben und Farbe der 
Tinte ausser der ersten Hand hauptsächlich noch zwei zu bemerken 
sein, die aber im Einzelnen öfter, besonders auch wegen der unge- 
mein vielen Rasuren schwor zu unterscheiden sind und eine ein- 
gehendere Beobachtung erheischten, welche aber bei diesen ohnehin 
jüngeren Codices bis ins Einzelnste kaum eine der Mühe entspre- 
chende Bedeutung hätte (vgl. PB. praef. p. XXXV). Ausser den be- 
kannten Puncten und Einflickungen stehen Bemerkungen am Bande 
und über der Zeile, bald Glossen, bald (meist mit der Bezeichnung 
iT) andere Lesearten enthaltend , beide Arten werden jedoch nach 
den zwei ersten Tragödien manchmal viel seltener, so dass dann einige 
Blitter fast ganz frei davon erscheinen. Ich habe von den erwähnten 
anderen Lesearten unten in der Collation, zur Erleichterung des Druckes, 
die am Bande durch vorgesetztes B, die zwischen den Zeilen durch 
Klammern bezeichnet. Die Glossen sind meist gewöhnlichen Schlages, 
besonders kehrt bei einem Eigennamen fast stereotyp „illius uiri tt , 
,ülias regis", „illius fluminis a u. dgl. wieder. Ich notiere sonst bei- 
spielshalber zur Beurtheilung 79 gigantes ober titanas, 222 eo qnod 
oondum ire poterat ober reptauit, 273 uilem ober ignauum, 532 inuo- 
lu&t über inaggeret, 760 ille gigas über tytius, 996 inclinat fber 
inuergit, 1083 ligatnm über deuinetum, 1123 sagitta über haurundo 
usw. 1281 jedoch steht über dem richtigen mouere im Texte die 
Leseart von A als Erklärung „pro mouearis". Manchmal findet sich 
am Schlüsse einer Seite das Anfangswort des ersten Verses der fol- 
genden unten in einer Verzierung antieipiert, z. B. nach 574 Orpheus, 
nach 1159 ubi tela. Die Argumenta stehen in einer kleineren Schrift 
vor den Tragödien. Der Schluss des ersten bereits oben erwähnten 
argumentum , der sich mit einem von PB. praef. p. XXXV Anm. ans 
dem Gothan. mitgetheilten Satze berührt, lautet u. A. : quia causa 
efütiens fnit Seneca causa materialis est furia herculis in qua inter- 
fecit filios et uiorem causa formalis consistit in modo scribe qui est 
dragmaiieus et ordine partium causa fmalis est delectatio populi cet. 
In der Namensbezeichnung des Dichters finden wir in unserer Hs. 
insoferne eine Schwankung, dass am Bilde der zweiten Tragödie 
steht: Publii Anei Senece hercules furens explicit Incipit thiestes 
eitttdem, sonst aber immer Lucii (L. A. S. Thiestes explicit feliciter 
Incipit Thebays eiusdem Edippus Antigone — Explicit Thebays In- 
cipit Tpolitos — L. A. S. Yppolitus explicit feliciter Incipit Edippus 
eiusdem Edippus Iocasta usw.). Bezüglich der Provenienz und ihrer 
Geschichte enthält die Handschrift selbst keine ausdrückliche Be- 
merkung. Die Worte am Schlüsse : Expliciunt tragedie Deo gratias 
Amen erinnern z. B. auch an das Gleiche im Turonens. (PB. praef. 
p. XXXVI) und das Aehnliche im Gothan. (PB. 1. c). Darauf folgen 
die Verse: Finis adest methe mercedem posco diete Quam nisi nunc 



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84 Ä. Zingerle, Ueber einen Innsbrncker Codex des Seneca tragicns. 

dederis cras minus aptus eris. Eine Bedeatung für das diesbezügliche 
Nähere könnten neben den erwähnten Bildern, die aber bei den be- 
kannten Verhältnissen der Miniaturen ein ganz bestimmtes Urtheil 
auf die Provenienz selbst dem erfahrensten Kunstkenner oft erschwe- 
ren *), die Wappen haben, von denen das eine mit Gardinaisabzeichen 
dem, wie bereits bemerkt, späteren Einbände vorne eingeprägt ist, 
das andere, ein Wappenschild in blauem" and silbernem Felde, auf 
der ersten prachtvoll gezierten Seite des Herc. für. unten von vier 
allegorischen Figuren gehalten wird. Leider bin ich auf dem Gebiete 
der Wappenkunde selber nicht Kenner und konnte bisher mit den 
hiesigen Mitteln zu keinem bestimmten Ergebnisse kommen; das 
uns besonders wichtige, aber so schwer näher zu bestimmende in der 
HS. selbst wird ohnehin auch vom Erfahrenen die feinste Beobachtung 
erfordern. Die unten in der Anm. erwähnte kurze von der Bibliothek 
dem Codex beigelegte Beschreibung hat von anderer Hand mit Blei- 
stift beigeschrieben die Bemerkung, dass die Hs. wol von der erzher- 
zogl. Bibliothek im ehemaligen Wappenthunne der Burg herüberge- 
kommen sein dürfte, doch auch hierüber ergab sich nach Bücksprache 
mit dem gelehrten Archivar Hrn. kais. Rath Dr. Schönherr noch kein 
näherer Anhaltspunct und die Vermuthung könnte wol etwa auch nur 
durch eine Beziehung des genannten Cardinalwappens am späteren 
Einbände auf den Cardinal Andreas von Oesterreich , mit dem es je- 
doch nach seinen im hiesigen Archiv vertretenen Siegeln Nichts zu 
thun hat, entstanden sein. Und so nennen wir denn den Codex, der 
nach jener Bibliotheksnotiz in früherer Zeit zum Vorzeigen bereit ge- 
halten wurde, aber trotzdem bisher im Näheren unbeachtet blieb and 
darum auch in der so verdienstvollen Ausgabe von PB. nicht berührt 
ist, obschon er, wie aus dem Folgenden wol ersichtlich, in einigen Ein- 
zelheiten manches Interessantere bieten dürfte als andere von der A 
Classe dort noch genannte, einstweilen den „ Innsbrucker u , bis es mir 
gelungen, auch den Provenienzpunct einigermassen näher festzu- 
stellen. Vielleicht können wir auch eine etwas nähere Besprechung des 
Kunstwerthes aus einer auf solchem Gebiete heimischen Feder gele- 
gentlich hoffen. 

Ich gehe nun zweitens zur Mittheilung der gewissenhaften 
Collation des Hercules furens in unserer Hs. mit der Ausgabe von 
PB. über, wobei ich jedoch noch bemerke, dass ich an solchen Stellen, 
die für die Beurtheilung des Charakters und Werthes des Codex von 
besonderer Wichtigkeit sind, resp. wo er auffallend mit der besseren 
Ueberlieferung und dem Richtigen stimmt, seine Leseart auch da noch 
notierte, wenn dieselbe auch schon nach anderen Quellen bei PR. im 
Texte stand. 



') Die aus unserem Jahrb. stammende, der Hs. beigef&gte, wol 
nicht von einem Kenner abgefasste Bibliotheksnotiz (sie weist die Schrift 
ins 16. Jahrh.) möchte für die Bilder ziemlich bestimmt deutschen Ur- 
sprung vermutben. 



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Ä. Zingerle, Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. 85 

2 est über der Zeilo 8 tepenti 12 fera coma hinc 

eiterret 13 aureas 19 sed uetera sero (in ras.) q. ascendat licet R : 
al' una me dixa ac (ras.) fera 20 Th. nuribus sparsa tellüs i. 21 

fecit cui* ascendit licet 22 locum 36 patrem probauit inde 
qua lucem premit 37 aperitque tbetis qua ferens titan diem 38 

üngit ethiopes 43 violento 49 petit E : al' perit 54 retegit stiga 57 

at ille 65 preripiet 68 robore expeuso (1' labore experto) 72 medius- 

qoe 76 manibus iam ipsa lacera 84 ista. Auf 89 folgt 123 PE. mo- 

?enda cet. 95 imo e regno ditis 96 ueniet dann ras., darin deutlich 

eine Spur von ut und einem 3. Zeichen 100 incite 103 flagrante aber 

danach Spur einer Rasur und übergeschr. die Erkl. ardentem 109 furit 

112 iam odia fuota) mutentur 116 me pariter 117 hie 119 uianum. 

Vor 125 stehen 163 und 164 PR. turbine magno spes sollicite urbi- 

bus errant trepideque metus 127 luce nouata (renata) 130 archades 

132 equis 133 summum Oetam 134 inclita bachis 150 circa 153 car- 

basa uentis credidit dubins Nauita et uitae 162 spes iam magnis ur- 

bibos errant 168 opes am R. von ders. H. 172 aura — uoluit R: al' 

colit 186 sui 207 tardusque senio graditur Aleide parens 215 exeat 

p 
216 datur 217 aprima dazu noch übergeschr. ualde p'ma 222 rep- 

Unit — aerpentum oculos 223 remisso pectore ac placido intuens 

e si 

224 artos seres R : al' ferens 228 cursu est 229 

gemuit lacertis pressus 236 charchesii 237 acta est 240 que 242 
etiam 252 angei 255 terris 263 tremit 270 feciet et 272 atq? ophio- 
nins cinis 273 quo reeidistis — ignauum (erstes u in ras.) 275 per- 
sequitur 276 confregit 277 fieri 279 et penas petet 281 hospes R: 
al* sospes — remees tuis 283 depulsas 284 uetito 285 clausnm 294 
efferens. Auf 301 folgt 303 PR. tibi o deorum cet. Dann 302 redi- 
tosque lentos 805 multa 306 iaetabo 314 et natos 319 amoueri 327 
nesit 332 quem sepe transit casus 339 excelso 340 findens 342 

ignarus 347 tenetur 348 tene 1 ' 355 stat tollere omnem penitus her- 
culeam domum 356 fastum 357 ad inuidiam 359 obtentu 366 agent 
374 sociemus animos 383 patrem 384 patriam 387 ista 389 uictor 
399 übet 401 effrenatas 404 geramque 407 domum R: al' modum 

422 tremisco 427 superna 434 seeptroqz — pocior est famulus tibi 

t 
435 q uot d 437 qä 439 uirtus 442 penetrat 457 quem profuga. 
mater matri (in ras.) errantem dedit (am R. ras.) 458 non — seuas 
464 non — exese 478 uibrare 479 barbaricum 481 hoc Euriti 485 
a«ai8 489 R: al' uultü 490 aut geriones 492 qui (tarnen a. H.) nullo 
stupro 501 ueetro 502 Egisti 505 fehlt quoniam 509 lumina R: al' 
nuia 512 locus 519 rogem 520 proh — statt des zweiten pro dann 
oro 526 sonuit 527 est est 530 regnet 532 inaggeret celiferam m. t 
darüber erkl. inuoluat 533 ferocia 540 multis 547 aureo 550 susci- 
piens 554 i fauonio 565 bella cum peterent 570 tristis et 575 reci- 



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86 A. Zingerle, Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. 

t 
pit 579 niulces 581 treitie ; der Vers steht im Cod. erst nach 604 

d 

zweimal wiederholt; 591 trenari 594 cantibus 598 letis 599 illitum 
601 secreta 604 petes 605 metuens pollui noua 608 qui aduexit et 
que uexit 611 queq? 616 reddii 618 tarn 619 quid. Nach 621 fehlt 
im Personenverzeichnis Megara; 626 et sera 627 verumne cerno cor- 
pus an fallor 1' tua uidens — teneone in auras editum folgt nach 

y 
633 ; 633 possedit locus 636 uidet 639 fiatque summus hostis 641 

m 

snbito 650 lassis 651 uirtutum 658 alto pectore 667 trenarus 668 
inuicti 675 nocte sie mista solet auf Rasur- E: tale non dubie solet 

ena 

683 immenso sinu 684 lethes 687 incerta uagus 688 unda 695 iacet 
701 tenax 709 merore 712 qua sede populos temperat positus leues 
713 secessu 715 imo 716 alter 717 tacentem 726 deo 727 speeim 
730 aspectum 737 auditur 746 animeque 751 uestra 757 abluit 761 
ferunt 767 stupente ubi unda 768 hunc 769 squalidus gestat 771 
lucent 772 conto portitor longo 773 uaeuus 774 undas 780 sedit 
781 titubato 782 tunc 783 fehlt in 788 trina eapita E : al' terna 
794 subieeta 796 sedit 801 a leua ferox 803 clepit 804 uictor 810 
petenti 811 tunc 812 uincit 816 anguinea E: al' anguifera 817 tre- 
nari 818 bonos 819 uinctns 820 uictorem 825 darum ethera 830 
herculea c. a. umbra 838 est 840 silua metuenda nigra 844 currit 
846 quarta — longe noctis 850 scite 851 mixte 853 gradiens 854 
tristis est 870 potuit 871 quid iuuat fatum properare durum 877 
sis licet 878 carpsit 890 alluitur (abluit') 899 ultrice — aduersam 

908 uirenti 915 exundet 917 tentili 919. Vor dem Verse The. wie A 
920 antra cethi uobilis D. aquis 921 colis 928 tuus 929 labores 
933 eterna 937 igni" 942 si qd' etiä n"c 944 diem 946 quis 953 
rutilat 955 frigida 958 huc et illuc 968 ueetante 977 Incelum o lim- 
pns 981 pestifera 985 marcentque 986 horrende 995 hercules sagit- 
tas 996 inuergit 997 uastum 998 stridit 1000 exuat 1001 omniß 
latebras 1002 ciclopea 1004 aula — disiecto 1005 rumpatque — 
columen 1010 dextra precantem 1012 teeta dispersa mandent 1017 
latebras 1018 infesto 1020 parce iam 1023 teneo 1025 auferam 
1026 effundes (ober es "in ras.) 1028 rapuit puer 1037 genitor — 

CM 

obuium morti 1041 ditatum 1043 dabis 1045 etiam 1052 at portus 
manet E: al' mari 1055 motus 1056 grauis 1070 reetam 1080 sq. 
folgen die Verse wie A vgl. PE. 1082 föne 1083 deninetum 1085 lin- 
quat 1090 graui 1103 pstare 1109 sq. uerbera pulsent uictrice mann 
gemitus uastos audiat ether 1111 regina poli 1117 melius 1118 
ether 1124 leues — sera 1132 flectere forti fortes 1134 scytici Co- 
rithi 1144 non per | it* . 1150 prostrata domo 1151 

mundum 1153 oculo — meos 1157 cur leuum latus uacat 1158 tegi- 
men 1164 uictor 1165 incestn 1166 quam (in ras.) nostra 1177 g'e- 
rionis 1180 fehlt cur 1187 potens 1188 mihi st. Lyci 1192 domum 



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A. ZingerU, Ueber einen Innsbrucker Codex des Seneca tragicus. 87 

arcum 

füdit 1194 s^m 1198 cladis ne 1204 quis potuit flectere 

1205 nix recedentem 1215 uagetur 1216 abrutum 1224 cremo 

1226 attonitum caret 1228 dira 1230 et si 1236 ensem 1237 dato 

i 
hoc sagittas von ders. Hand am Bande nachgetragen 1240 lernes 
1242 infausta 1243 telis 1244 unquam — addidit (in ras.) 1247 
furore cessit 1254 sine me auctorem 1258 lumen afflicto 1261 furit 
1264 fructumque 1273 peto 1277 aiolate 1278 effer 1279 patrie 
1281 mouere 1290 ignaue 1291 panidasque matres — dentur 1294 
tote cum domibus 1297 uersa 1298 media R: al r meia — incident 
1300 qno mundus 1304 emisit 1305 Her. hoc nunc ntar 1306 cor- 
posque 1311 Thesen ipse necdum 1316 qnassam 1319 pectus im- 
pressum 1323 herculeos 1326 hanc ego manum 1327 hanc ego 1329 
obruam 1349 crede 1350 restituit — nocat 1351 terra — solet. 

Gehen wir nnn drittens und schliesslich zu einer knappen Be- 
ortheilung Ober, so dürfte zunächst eine kurze übersichtliche Zu- 
sammenstellung meiner Notizen mit Anwendung der bekannten Zei- 
chen bei PE. die Verhältnisse der Lesearten dieser Hs. übersichtlicher 
darthun als viele Worte und dem Zwecke dieses Berichtes am besten 
entsprechen. In der Hauptgrundlage treffen wir allerdings besonders 
Stimmung mit A, so dann auch mit AE, z.B. 54, 339, 340,, 727, 
810. 929, 933, z. Th. 1111 und AV z. B. 13 (vgl. PR. in den Ad- 
denda>, 20, 277, 284, 305, 306 (AV 2 ), 519, 715, 737, 921, 985, 
1118, z. Th. 1291. Zunächst hervortretend ist dann das häufige Zu- 
sammentreffen mit i/; z. B. 38,95, 172, 222 u. 223, 281, 347, 357, 
570, 575, 618, 771, 844, 850, 1132, 1242, z. Th. 1291, so auch 
mit tf V z. B. 215, z. Th. 222, 399, 527, 565, 684, 713, 1264 (eine 
Spur in 1026) und tffE z. B. 359, 633, 751, 1023, z. Th. 1244, 
1254 E*tp 427,434, überraschend aber mit EVip z. B. 117, 
272, 294, 464, 478, 540, 746, 796, 801, 818, 820, 890, 915, 928, 
946, z. Th. 1012, 1018, z. Th. 1037, 1082, 1158, 1224, 1261, 
1281, 1298, z. Th. 1305 und zwar, mit drei einzigen Ausnahmen 
(272, 540, 801), an lauter Stellen, wo PB. nach EVt/> das Richtige 
erkannt und aufgenommen haben. Mit V allein nach PR. notierte ich 
Uebtreinstimmung und Spuren einer solchen 112 ('uota über odia), 
x. TL 457, 490, 627, 1194 (sum — vgl. 1166 wo quam in ras.), 
mit VR. 502, 958. Aber auch für Stellen, wo PR. E allein anführen, 
ist Stimmung in unserer Hs. belegbar, z. B. 252 (vgl. PR. auch in 
den Addend.), 327, 501, 1083, die letzten drei wieder lauter Stellen, 
wo dieoe Leaearten nun in den Text aufgenommen wurden ; Spuren 

o 

scheinen auf E zurückzuweisen 977 (celum o limpus; caelumlympus 
£), 273 (ignauum mit u in ras. ignarum 2s), 1349 (crede; crede E), 
435. EV ist beze i c h n end vertreten 675 (vgl. über die üeberliefe- 
rang dieser Stelle in E und A PR. praef. p. V) und ausser dieser 
wichtigen Stelle z. Th. 920 (nobilis), 1215 (uagetur); vgl. etwa noch 
1247 furore cessit in unserer Hs. (richtig) furor recessit EV (A fü- 



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88 B. Bitschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

rori). «Nach PB. bisher nicht vertretene Varianten fand ich in unse- 
rem Codex an folgenden Stellen, von denen ich hier durch Klammern 
die blos am Bande oder über der Zeile geschriebenen kennzeichne : 
(68), 127, 153, (172), 314, (342), 348, 387, 404, 407, 509, 520, 
532, 547, 605, 608, 668, 701, 712, 773, 812, 854, 871, 942, 
1001, 1028, 1052, 1157, 1164, 1192, 1198, 1327. 

Fassen wir nun Alles zusammen, so ergibt sich, dass zwar 
auch dieser Codex im Ganzen natürlich zur schlechteren Besension 
A gehört , dass er aber ein weiteres uns recht bezeichnendes Bei- 
spiel liefert zu PB. richtigen Behauptungen praef. p. XVIII „non 
pauci generis deterioris libri aucti sunt et emendati lectionibus ex 
meliore recensione in eos translatis uel e pluribus diuersae recensio- 
nis exemplaribus transcripti" . . . „Non nullis libris meliorum lectio- 
numtantaest copia, ut aut ipsi secundum melioris recensionis exem- 
plar dedita opera correcti esse aut e Itbro ita correcto originem 
traxisse uideantur" und dass er bei den eigentümlichen Verhält- 
nissen der kritischen Hilfsmittel für Seneca trag., die hier, nach dem 
oben Bemerkten leicht erklärlich , auch Beachtung dieser Hs. der 
Classe A erfordern, gerade wegen der nachgewiesenen, öfter so über- 
raschend hervortretenden Neigung zum Besseren, wobei die Stimmung 
mit E und dem für Herc. für. wichtigen Vindobon. (PB. praef. p. XX) 
ein Paarmal auch fast einzig genannt werden könnte, wol einen 
Wink und in Zukunft vielleicht auch eine Erwähnung in krit. Aus- 
gaben verdiente. Ich mache schliesslich noch darauf aufmerksam, 
dass ich es , ob wol ich mich hier auf Mittheilung des Herc. für. be- 
schränkte, doch nicht unter! iess ; einstweilen gleich auch nachzusehen, 
ob etwa auch hier wie im Vindob. die Spuren der besseren Becension 
nur in dieser Tragödie sich finden, dass aber das hier nicht der Fall 
ist ; denn ich traf z. B. gleich auch in den 200 ersten Versen der 
Medea ganz ähnliche Erscheinungen wie im Herc. für., z. B. i; 82 
und 83 die Stellung wie in E t Stimmung mit Exp 19, 53, 162, 201, 
ebenso in Troad. mit Elf) gleich 53, 56 u. dgl. Sollte übrigens nach 
diesem wol jedenfalls gerechtfertigten Berichte irgendwie eine nähere 
Vergleichung auch der anderen Tragödien noch wünschenswerth er- 
scheinen, so bin ich gerne bereit, dieselbe, wenn es meine übrigen Ar- 
beiten gestatten, selbst oder sonst durch einen Schüler zu besorgen. 

Innsbruck. Anton Zingerle. 



Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

I. 

Sat. I, 11, 45: cuius etiam de se scripti duo versus feruntur, 
ex quibus aliud latenter intellegas non omni modo dis exosos esse 
qui in hac vita cum aerumnarum varietate luctantur [sed esse arcanas 
causas ad quas paucorum potuit pervenire curiositas] 

tiovlog *E7i(xtrjTog yevojLitjv xat öuiu dvanrjQog, 
xa\ 7T€v(rjv Vpo? xal tpfkog a&avaToig. 



X 



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IL Büschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 89 

So bieten die Handschriften. Die eingeklammerten Worte hat 
Eyssenhardt verdächtigt. Die ganze Stelle findet sich auch, fast 
wörtlich, bei Gellras N. A. II, 18, wo sie Fritz Weiss (S. 129 f. 
seiner üebersetzung) fclgendermassen wiedergiebt: „Zwei über ihn 
noch vorhandene Verse sollen von Epictet selbst herrühren und 
aus ihnen kann man seh Hessen, dass nicht immer alle diejenigen den 
Göttern verbasst sein müssen, die in diesem Leben mit allerhand 
Kummer und Elend zu kämpfen haben; dass dieses (mensch- 
liche Ungemach) vielmehr seine geheime Ursache habe, 
worein die Neugierde nur Weniger dringen könne." Und 
in der That, wenn die letzten Worte den ihnen von Weiss beigelegten 
Sinn hätten , wäre der Verdacht gegen ihre Echtheit wol begründet. 
Allein jene Üebersetzung ist entschieden unrichtig. Deu in ihr aus- 
gesprochenen Gedanken kann man unmöglich aus den angeführten 
Versen entnehmen, er wäre auch ganz überflüssig. Ferner bliebe ar- 
canas causas ohne einen beigesetzten Genetiv auffällig. Hier hat die 
sonst ja ganz zu billigende Gewohnheit des Uebersetzers, durch ein- 
geschaltete Zusätze dunkle Wörter und Stellen zu verdeutlichen (Vor w. 
p. Y.), ein Missverständnis herbeigeführt. Endlich wio so paueorum? 
Man möchte doch vielmehr glauben : nullius unquam. Kurz, jene 
Auffassung ist unhaltbar und eine andere an ihre Stelle zu setzen. Es 
wird sich hauptsächlich darum handeln, die hier allein zulässige und 
einen angemessenen Sinn vermittelnde Bedeutung von causa zu eru- 
ieren. Bekanntlich gehört letzteres zu jener Classe von Wörtern, die 
wie z. B. res, ratio u. a. einen sehr weiten Begriffsunifang haben und 
deren Wiedergabe im Deutschen je nach dem besonderen Falle fast 
immer verschieden ausfallen muss. So heisst causa nicht etwa blos 
Ursache, auf welche Bedeutung man an unserer Stelle allerdings leicht 
verfällt durch den Gedanken an den Gegensatz arcana causa und ma- 
nifettn causa (Comm. II, 7. 17), sondern entsprechend seiner etymo- 
logischen Herleitung (es hängt mit caveo zusammen) überhaupt „die 
mit Obhut versehene, behütete oder vertheidigte Sache, namentlich 
tot Gericht, der Rechtsfall" (Vaniöek, Etym. W. B. S. 187) und dann 
gau allgemein : die Angelegenheit, Sache, der Gegenstand, Vorwurf, 
Stoff u. dgl., und in der zuletzt erwähnten Bedeutung findet es sich 
auch mehrfach bei Macrobius. Einige diesbezügliche Stellen mögen 
hier Platz finden. Sat. I, 23, 11 : dicere supersedi quia sApraesetitem 
son adtinet causam d. h. ich habe es zu sagen unterlassen, weil es 
nicht zu unserem jetzigen Gegenstande gehört; V, 3, 15: a col- 

Latione versuum translatorum facesso ut sermo ad alia non 

»inus praesenti causae apta vertatur ; VI, 7, 4: cum Vergilius anxie 
s«mper diligens fuerit in verbis pro causae merito vel atrocitatc po- 
oendis; VII, 13, 11: in medium profero quae de hoc eadern causa 

legisse memini. (Vgl. noch VII, 4, 13.) Besonders werthvoll 

aber für die Erklärung der Verbindung arcanas causas sind folgende 
xwei Stelleo : Sat. III, 3, 3 : Profanum omnes paene consentiunt id 
Mse qnod extra fanaticam causam sit quasi porro a fano et a religione 



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V* 



90 B. Bitschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

secretum. Jan z. d. St. bemerkt: „Causa idem fere est quod condicio." 
Ich glaube, fanaticus hat hier einen ähnlichen Sinn wie in der Ver- 
bindung pecunia fanatica, die Klotz im Wörterbuch s. v. aus einer In- 
schrift belegt im bullett. deir instit. arch. delP anno 1836 p. 141, 
nämlich : zu einem Tempel oder Heiligthum gehörig, und möchte die 
Worte so übersetzen : Profan nennen fast Alle übereinstimmend das, 
was ausserhalb der (begrifflichen) Sphäre von fanum liegt, 
eine Auffassung, die mir durch den folgenden Beisatz gestützt zu 
werden scheint : quasi porro a fano et a religione secretum. Die andere 
Stelle lautet (Sat. I, 17, 21): eundem deum (seil. Apollinem) prae- 
stantem salubribus causis Ovfaov appellant id est sanitatis auetorem 
d. h. als Beherrscher des Gebietes der Heilkunde nennen 
sie ihn Ovltog d. i. Verleiher der Gesundheit. Wie man sieht, liegt in 
beiden Fällen die Schwierigkeit des Verständnisses und der Ueber- 
setzung in dem Vagen und Unbestimmten des Ausdruckes, das aber 
doch glücklicherweise jedesmal von den unzweideutig klaren Worten 
der Umgebung auf das richtige Mass beschränkt wird : Eine willkom- 
mene Beihilfe der Erklärung, deren sich unsere Stelle eben nicht er- 
freuen kann. Dass indes auch sie hieraus, wenngleich auf indirectem 
Wege, erst ihr rechtes Licht erhält, wird sich gleich zeigen. Zuvor 
ist nur noch über arcanus ein Wort zu sagen. Entsprechend der Natur 
der von Macrobius in seinen beiden Werken behandelten Gegenstände 
findet sich dasselbe ziemlich oft bei ihm. Eine genaue Vergleichung 
von Sat. I, 17, 2: cave aestimes, mi Aviene, poetarum gregem, com 
de dis fabulantur, non ab adytis plerumque philosophiae semina mu- 
tuari mit den Worten (§. 6 desselben Cap.): (dii) ad solem certa et 
arcana ratione referuntur, ferner von I, 24, 1 : adfirmantes hunc esse 
unum arcanae deorum naturae conscium mit (§. 4) : nos quoque 
etiam poetas nostros volumus philosqphari ergiebt als Bedeutung des- 
selben ganz ungezwungen : p h i 1 o s o p h i s c h, so dass dann analog den 
salubres causae die arcanae causae, in prägnantem Sinne genommen, 
nichts Anderes bedeuten als : Gebiet philosophischer Forschung. Der 
fragliche Satz wird demnach deutsch etwa zu lauten haben: sondern 
es gebe ein Gebiet philosophischer Forschung, zndem 
die Wissbegierde weniger (Sklaven) hat durchdringen 
können. Diesen Gedanken nun kann man aus den Worten des grie- 
chischen Distichons ganz leicht herauslesen, steht ja doch gleich zu 
Anfang desselben der Name des Epictet, von dem es unmittelbar vor- 
her (§. 44) geheissen hat : De Epicteto autem philosopho nobili, quod 
is quoque servus fuit, recentior est memoria quam ut possit inter ob- 
litterata nesciri. Er ist aber zugleich nicht nur nicht überflüssig, son- 
dern völlig auf seinem Platze, wo eben dargethan werden soll (vgl. 
§. 41), dass die Naturanlage der Sklaven auch für die philosophische 
Forschung ganz geeignet sei. 

Hiermit schliesse ich den ersten Theil meiner Auseinander- 
setzung ab. Vielleicht ist es mir gelungen, den Sinn der angezwei- 
felten Worte richtig zu erfassen und insoweit den Verdacht gegen ihre 



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R. Bitschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 91 

Echtheit als anbegründet nachzuweisen. Im Folgenden soll nun zur 
weiteren Sicherung der fraglichen Stelle der Nachweis geliefert wer- 
den, dass sie zugleich das entschiedenste Gepräge Makrobianischer 
Diction an sich tragt Vorher ist jedoch noch ein gewichtiges Bedenken 
zu beseitigen, welches meine ganze weitere Argumentation illusorisch 
machen könnte. Die ganze Partie nämlich von De Epicteto (§. 44) an- 
gefangen bis zu den griechischen Versen incl. findet sich, wie erwähnt, 
fast wörtlich bei Gellius a. a. 0., und nachweislich hat Macrobius wie 
aus anderen Schriftstellern so aus Gellius, auch ohne besondere An- 
führung desselben, gar Manches entlehnt. (Vgl. Jan proll. p. XV. und 
index auct. s. v. Gellius, und Bahr B. L. G. 4 III. 393 f.) Wenn also 
jene Worte ursprünglich dem Gellius angehören, wie kann man in 
ihnen nicht nur die Eigentümlichkeit Makrobianischer Ausdrucks- 
weise wieder erkennen, sondern auch weitere Schlüsse darauf bauen 
wollen ? Glücklicher Weise löst sich diese Schwierigkeit ganz zu meinen 
Gunsten. Der um die Kritik des Gellius so hochverdiente Martin Hertz 
hat die ganze Schlusspartie des angeführten Capitels bei Gell, von 
tius Epicteti etiam de se scripti bis xcri cpiXog u&ctydrotg als unecht 
ausgeschieden (vgl. var. lect. Gron. p. X. der Ausgabe), und die fol- 
gende Zusammenstellung sprachlicher Parallelstellen wird daher, weit 
entfernt ihre Beweiskraft zu verlieren, vielmehr zugleich dem kriti- 
schen Verfahren jenes ausgezeichneten Gelliuskenners als treffende in- 
directe Bestätigung dienen. 

Eine jedem Leser gewiss besonders auffallende Eigenheit des 
Macrobius ist also die überaus häufige Anwendung der sog. nqoata- 
TTonoita, die darin besteht, dass einem Abstractum eine Handlung 
logeschrieben wird. Beispiele hiefür zählt Jan auf (Proll. p. XLII. 
ud xb Comm. I, 18, 3), die sich durch zahlreiche andere vermehren 
lieeseo. So steht auch an unserer Stelle paucorum potuit pervenire 
cnrioHias für panci curiositate sna pervenire potuerunt. Wenn ich 
ferner als Belege für die Wortstellung auf folgende, auch in der eben 
erwähnten Beziehung instructive Stellen aufmerksam mache : Sat. I, 
10, 24SigUlariorumadiectace/l&rrta£. . . .extendit; I, 11, 50: com- 
Mrtiorum coepta celebritas Septem occupat dies ; III, 10, 4 : veterum 
noo tacuerü industria, viele andere zu übergehen ; wenn ich als analog 
der Phrase mit pervenire anführe Comm. I, 15, 17 : et quia ad ipsum 
vere finem nonpotest humana acies pervenire; (vgl. die nQOOi07t. 
and Sat I, 11, 6) bezüglich curiositas aber VII, 3, 24: quod tot phi- 
Usopkanthm curam meruit; endlich für die Satzbildung und Gedan- 
kenverbindung überhaupt VII, 16, 22: neque enira omnis calor unius 
est qnalitatifi ut hoc solo a se differat, si maior minorve sit, sed esse 
in igme diversissimas qnalitates nullam secum habentes societatem 
rebus manifeetis probatur, wo der Relativsatz unserer Stelle durch die 
Partieipialconstruction ersetzt ist (vgl. auch Sat. I, 23, 1.), — wird 
im Athetese, abgesehen auch von der äusseren Unwahrscheinlichkeit, 
noch mehr an Halt verlieren. Oder sollte wirklich ein Interpolator dem 
Schriftsteller alle die eben erwähnten Eigentümlichkeiten abgelauscht 



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92 R. Bitschof8ky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

haben? Das wird kein Mensch glauben. Der Zufall aber kann sowei 
sein Spiel nicht getrieben haben. Sollte aber gar Jemand den Singuls 
aliud anstössig finden, da doch im Folgenden mehrere Thatsache 
aufgeführt werden, so sei er verwiesen auf Sat. VII, 7, 17. 

Anknüpfend hieran möchte ich mir zur weiteren Sicherung de 
überlieferten Worte eine Bemerkung über Interpolationen überhaup 
und speciell die im Macrobius erlauben. Man sollte nie welche statu 
ieren ohne sorgfältige Vergleichung sämmtlicher verdächtiger Stellei 
und nur nach genauester Durchforschung des Sprachgebrauches bii 
ins kleinste Detail. In Eyssenhardt's Ausgabe des Macrobius finde ich 
nun ausser dem besprochenen Falle nur noch an folgenden Stellei 
Glosseme (ich meine nur ganze Sätze) notiert : Sat. V, 17, 18, wc 
£ys8enhardt zu den eingeklammerten Worten selbst anmerkt : „sunl 
autem illa verba et per se inepta et codicum auctoritate prorsus de* 
stituta; V, 18, 6 gehören die interpolierten Worte einem griechischen 
Citate aus Ephorus an; VI, 1, 45 sind es die Worte simili de mari, 
die Jan für den Rest eines Glossems hält; endlich Comm. I, 6, 70 
will Eysseuhardt id est septimo tilgen. Es wäre dies nicht nur über- 
haupt das einzige Beispiel eines Zusatzes von fremder Hand in den 
beiden Büchern des Common tarius , sondern auch der einzige Fall, 
wo das bei Macrobius unzählige Male vorkommende id est unecht wäre. 
Die wenigen angeführten Fälle sind also theils zweifelhaft, theils nicht 
beweisend. Dass aber unter solchen Umständen die vorgeschlagene 
Athetese um so mehr an Wahrscheinlichkeit verliert, wird unbestreit- 
bar sein. 

II. 

Sat. I, 17, 6 : virtus solis est quae fructibus, effectus eiusdem 
est qui frugibus praeest. et hinc natae sunt appellationes deorum 
sicut ceterorum qui ad solem certa et arcana ratione referuntur. 

In dieser von den Handschriften gebotenen Fassung können 
die Worte unmöglich von Macrobius herrühren. Dagegen erheben sich 
mehrfache, gegründete Bedenken. Um dies nachzuweisen, müssen wir 
den ganzen Gedankenzusammenhang von §. 4 extr. an verfolgen. Dort 
heisst es, dass die verschiedenen „Kräfte" (virtutes) der Sonne den 
Göttern die Namen gegeben haben, und das wird dann durch Beispiele 
klar gemacht. §. 5 : virtutem igüur solis quae divinationi curationi- 
que praeest Apollinem vocaverunt, quae sermonis auctor est Mercurii 
uomen accepit. nam quia sermo interpretatur cogitationes latentes, 
'Eg/uf/s ano xov eQ/urjveveiv propria appellatione vocitatus est. Nun 
heisst es weiter (§. 6) : virtus solis est quae fructibus, effectus eius- 
dem est qui frugibus praeest, und man möchte nun zunächst eine 
Aufzählung derjenigen Götter or warten, die von diesem Einflüsse der 
Sonne auf das Gedeihen der Früchte aller Art (hinc) ihre Namen er- 
halten haben. Statt dessen liest man, dass die Götter schlechtweg und 
die Uebrigen, qui ad solem certa et arcana ratione referuntur, „daher* 
ihre Namen bekommen haben, und da es dem Leser am nächsten liegt, 



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Ä Büschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 98 

hinc im Sinne von ex hac virtute et ex hoc effectu solis anf die un- 
mittelbar vorangegangenen Worte zn beziehen, entsteht mit der sach- 
ikaen Unrichtigkeit zugleich eine Störung im regelmässigen Gedan- 
keafortgange. Dies ist das eine Bedenken. Ein anderes betrifft ceteri. 
In dem hier verlangten absoluten Sinn und Gebrauch ist das Wort sehr 
uftlUig und für den Leser an dieser Stelle, wo er mit der folgenden 
Darlegung noch nicht bekannt ist, ganz unverstandlich. An wen soll 
dabei gedacht werden? Jan bemerkt: „Haec verba videntur spectare 
ad eos qui commemorantur cap. 21 u und hat mit diesen Worten selbst 
tinen leisen Zweifel ausgedrückt. Allein wollte man auch von der Un- 
deatlichkeit im Ausdrucke absehen, die übrigens leicht durch ein hin- 
zugesetztes Substantivum zu vermeiden war, und bei den neben den 
Gattern genannten „Uebrigen* etwa an die zwölf Sternbilder des Thier- 
kreisee denken (denn sonst köunte Niemand gemeint sein), von denen 
cap. 21, 18 — 27 die Rede ist, so scheint diese Möglichkeit, von allem 
Anderen abgesehen, durch die eigenen Worte des Macrobius an meh- 
reren Stellen ausgeschlossen, wo ausdrücklich nur der Götter Erwäh- 
nung geschieht. 17, 2: nam quod omnes paene deos, dumtaxat qui sab 
cselo sunt, ad solem referunt etc. und gleich darauf (§. 4) : ita di- 
?ersae virtntes solis nomina dis dederunt; 24, 1: adfirmantes hunc 
esse unum arcanae deorum naturae conscium. Zu Gunsten aber einer 
Stornierung der sidera unter dem Begriffe der dii könnte man sich 
vielleicht berufen aufstellen wie 23, 3: nam quod ait &eoi d* of/icc 
n&Yxtc \novxo sidera intelleguntur, und gleich darauf: öeovg 
enim dicunt sidera et Stellas dno tov &ieiv. (Vgl. auch Comm. II, 
10, Jl.) Derartige Erwägungen müssen jedenfalls auch Eyssenhardt 
bestimmt haben, sicut zu tilgen, ! ) um so unter einem die erwähnte 
sachliche Unrichtigkeit zu entfernen und den verlangten Parallelismus 
der Gedanken zu erhalten, der sich uns als naheliegend erwiesen hat. 
Und thatsächlich haben wir jetzt nicht nur entsprechend den drei 
genannten virtutes der Sonne eine dreifache Gliederung darnach be- 
nannter Götter: Apollo, Mercurius und die dii ceteri, sondern letzteres 
Wort steht nun auch nicht mehr absolut. Und doch kann ich den 
Wortlaut so nicht für ursprünglich halten. Hängen denn wirklich die 
Xaaen aller in den folgenden Capiteln behandelten Götter (ausser 
Apollo und Mercurius) mit den Beziehungen der Sonne zu den fructus 
and rrnges zusammen? Um dies als unrichtig zu erweisen, genügt es, 
uf Hercules zu verweisen cap. 20, 6 : quippe Hercules est ea solis 
potaetas quae humano generi virtutem ad sitnüitudinem praesiat 
ieorum, und auf Nemesis cap. 22, 1 : Nemesis .... quid aliud est 
% oam solis potestas , cuius ista natura est ut fulgentia obscuret et 
cons p ectui auferat quaeque sunt in obscuro inluminet offeratque 



') Interpolationen einzelner Worte statuiert Eyss. nur noch sechs, 
nd iwir Sat 1, 14, 13 [error]; 1, 23, 5 Me Timaeol; III, 7, 10 [est]; III, 
äu, 5 [ficoruml in einem lat Citate; V, 18, 20 [[My*t] in einem grie- 
cbwchen; VI, 2, 17 [et] in einem Citate aus Accius. Die letzten drei Fälle 
lind nicht massgebend, von den übrigen mindestens zwei sehr unsicher. 



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94 B. Büsdwfsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

conspectui? Wenn wir ferner die unmittelbar folgenden Worte un- 
serer Stelle betrachten: et, ne tanto secreto nuda praestetur adsertio, 
auctoritates veterum de singulis consulamus, und bedenken, dass im 
Folgenden von den Göttern mit Einschluss der schon genannte u 
Apollo und Mercurius gehandelt wird (vgl. §. 7 ff.), geht daraus nicht 
klar hervor, dass in dem Satze: et hinc natae sunt. . . .referuntur doch 
ganz allgemein die Gesammtheit der Götter gemeint sein musste? Denn 
die singuli kann man logisch und grammatisch nur auf die ceteri be- 
ziehen. Diese Erwägung in Verbindung mit einer anderen, gleich näher 
ins Auge zu fassenden, kann zugleich einen Anhalt bieten, den ur- 
sprünglichen Wortlaut der Stelle zu eruieren. Der Schriftsteller konnte 
nämlich nicht wol von den Göttern sprechen, die ceria et arcana ra- 
tione ad solem referuntur, nachdem diese ratio durch den Hinweis mit 
hinc ja schon des näheren bestimmt war. Er hätte sich sicher, ähnlich 
wie cap. 19, 7; 20, 1; 21, 18 mit dem einfachen: qui ad solem re- 
feruntur begnügt. Diese ünzukömmlichkeit bleibt übrigens auch in dem 
Falle bestehen, dass man sicut beibehält. 

Aus dem Bisherigen hat sich so viel ergeben, dass in den Worten 
von et hinc an nur von allen Göttern, freilich in dem §. 2 angege- 
benen Sinne (omnes paene deos, dumtaxat qui sub caelo sunt) die Bede 
sein kann und dass folglich auch hinc nicht mit speciellem Bezug auf 

virtus solis est praeest vom Schriftsteller gesagt sein konnte. 

Da aber die überlieferte Fassung der Stelle diese Auffassung nicht 
zulässt, mit gewaltsamer Entfernung von sicut auch nicht geholfen 
ist, wird eine Vermuthung, die den ausgesprochenen Forderungen 
Eechnung zu tragen sucht, wol am Platze sein. Schreiben wir anstatt 
qui ad: quia ad und fügen wir, damit das so wie so auffällige, jetzt 
beziehungslose ceterorum sein Correlat habe, vor deorum ein horum 
ein , das an diesem Platze leicht ausfallen konnte (vgl. meine dies- 
bezügliche Zusammenstellung am Schlüsse), so erscheint nun die Stelle 
in ganz anderem Lichte. Auch der an den präcisierenden Worten certa 
et arcana ratione genommene Anstoss ist nun behoben, indem der 
ganze Satz in der neuen Fassung: „et hinc natae sunt appellationes 
horum deorum sicut ceterorum, quia ad solem certa et arcana ra- 
tione referuntur" so zu übersetzen und zu erklären sein wird: „Und 
daher (von dem so vielfach wirksamen Einflüsse der 
Sonne) kommen (überhaupt) die Benennungen dieser 
Götter sowie der übrigon, weil sie (nämlich) in eine be- 
stimmte und geheimnisvolle Beziehung zurSonnege- 
setzt werden/ Dass dieser Sinn in dem hinc liegen könne und 
ausserordentlich häufig ein Aehnliches bei Macrobius vorkommt, werde 
ich gleich an Beispielen zeigen ; dass aber jene allgemeine Bedeutung 
hier in demselben enthalten sein müsse, ist schon daraus ersichtlich, 
weil Macrobius doch unmöglich , nachdem er eben (§. 4) von diversae 
virtutes gesprochen, nachher nur drei derselben anfuhren und von 
ihnen alle Götternamen ableiten kann, was, wie gesagt, auch sachlich 
unrichtig wäre. Wir haben es vielmehr nur mit ein paar herausge- 



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Ä Büsckofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobias. 95 

bobenen Beispielen solcher „Kräfte der Sonne" zu thun. Dies ist nicht 
undeutlich schon aus der ganzen, durch das Asyndeton noch besonders 
charakterisierten Gedankengebung zu entnehmen. Es heisst nicht etwa : 
avirtute solig, quae fructibus, ab effectu eiusdem, qui frugibus praeest , 
natae sunt appellationes etc., sondern, da der Nachdruck auf dem Vor- 
handensein jener Kräfte liegt, sind sie in einem selbständigen Satze 
aufgeführt. Der Schriftsteller scheint in einer Aufzählung begriffen 
xu sein, die er aber abbrechen muss, um nicht der folgenden speci- 
alen Beweisführung vorzugreifen. Mit den Worten : et hinc . . . . re- 
feruntur kehrt er wieder zur allgemeinen Behauptung zurück, von der 
er ausgegangen war (§. 4 extr.), und verspricht nun im Einzelnen den 
Nachweis erbringen zu wollen. Ich weiss, dass man gegen diese Auf- 
fassung die Einwendung erheben und fragen könnte, wodurch es dem 
Leser nahe gelegt werde, hinc in dem verlangten Sinne zu nehmen. 
Darauf ist zu antworten : einmal durch horum und dann ein zweites 
Mal durch quia etc. Die Worte ad solem aber sind mit gutem Grunde 
Torangestellt, da in dem begründenden Satze ein besonderer Ton auf 
sie gelegt werden soll. 

Sehen wir nun, inwieweit sich die Stelle in der vorgeschlagenen 
Fassung der sonstigen Sprache des Macrobius nähert. Ein nur allge- 
mein auf das Vorangegangene hinweisendes hinc, dem erst ein den 
näheren Grund ausführender Satz mit quia (oder quod) nachfolgt, ist 
häufig bei ihm. Zwei wegen ihrer sonstigen Aehnlichkeit mit unserer 
Stelle besonders interessante Beispiele setze ich hieher. Sat. I, 20, 1 : 
Hmc est quod simulacris et Aesculapii et Salutis draco subiungitur, 
quod hi ad solis naturam lunaeque referuntur ; Comm. II, 3, 8 : hinc 
aestimo et Orphei vel Amphionis fabulam. . . .sumpsisse principium 

quia primi forte gentes ad sensum voluptatis traxerunt. Im 

Uebrigen verweise ich noch auf folgende Stellen: Sat. I, 14, 5; 15, 
11; 17, 14; 19, 4; 20, 18; III, 1, 4; VII, 10, 9 ; 11, 9; Comm. I, 
3, 5; 6, 47; 12, 3; 12, 10. Aehnlich wird unde gebraucht, z. B. 
Comm. IL, 3, 2. In den Fällen, wo hinc blos auf das Folgende hin- 
weist, steht mit Ausnahme von Comm. II, 2, 23, wo sich quia 1 ) findet, 
regelmässig guod: Sat. I, 12, 19; 12, 20; 19, 7; 20, 4; V, 13, 35; 
17, 1; VII, 7, 20; 10, 14; 12, 5; 12, 26. 

Bic einem ceteri entsprechend findet sich Sat. II, 8, 12 ; VII, 
3, 22 ; 6, 16 ; 7, 13 ; 14, 3 ; Comm. I, 3, 5 ; 8, 11 ; ceteri durch aiius 
ersetzt: Comm. I, 4, 2; alius in Correlation ist iste: Sat. VII, 13, 21. 

Diese Stellen sprechen für horum, während andrerseits gegen 
die Verbindung deorum sicut ceterorum der Umstand geltend gemacht 
verden kann, dass sicut, abgerechnet die Fälle, wo es einen eigenen 
Satx einleitet oder einem ita entspricht, nnr verwandte, in geläufiger 



') Dass quia hier nicht, wie Jan (z. d. St) will, wenn er auf die 
aot ad Comm. I, 6, 62 verweist, die Constr. des acc. c. inf. vertritt, lehrt 
»cht nur der 8inn, sondern allein schon profecto. Uebrigens hat Jan die 
Stelle ohne das von Eyssenh. mit Recht aufgenommene emm gelesen. 



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96 C. Baeumker, Zu Aristoteles. 

Verbindung stehende Begriffe zu verknüpfen scheint. Sat. VII, 5, 13 : 
in edendo sicut in potondo ; Comm. I, 13, 17 : spes sicut timor. 

Schliesslich mag darauf hingewiesen werden, dass aus der näm- 
lichen Veranlassung, wie ich sie hier voraussetzte, in unseren Hand- 
schriften an mehr als einer Stelle Worte ausgefallen sind. Sat. I, 3, 
9 hat schon Pontanus mit Benutzung von Gell. N. A. III, 2, 12, der 
Quelle des Macrobius, vor lege das nothwendig erforderte legi in den 
Text gesetzt. Ebenso konnten Sat. 1, 11, 43 die Worte emit et, welche 
Meursius einfügte, vor emisit leicht ausfallen. (Vgl. Gell. N. A. I, 
18, 10.) Sat. III, 6, 5 fiel Varro vor Cato wol theilweise aus anderen, 
leicht begreiflichen Gründen weg. VI, 4, 12 hat Bothe, freilich in 
einem Citate, vor malle ans metrischen Gründen mihi aufgenommen. 
VII, 10, 6 ist zwischen unde und capilli auch eine Lücke, die Eys- 
senhardt mit ubi ausfüllt. Auf die nämliche Weise wird sich endlich 
auch der Ausfall von enim vor ammadvertitur in der Handschrift 6 
(Comm. II, 2, 24) erklären. An unserer Stelle aber hat der Verlust 
von horum auch die Umänderung des quia in qui verschuldet, da 
ceter. nun beziehungslos war. 

Stockerau. Rudolf Bitschofsky. 



Zu Aristoteles. 

Im Jahrgang 1877 dieser Zeitschrift, S. 609 f., suchte ich es 
wahrscheinlich zu machen, dass Aristot. de sensu 4, 441 a 6 statt des 
von Bekker aufgenommenen ivüvai mit anderen Handschriften elvai 
zu lesen sei. Stützte ich mich hierbei vorzüglich auf die Worte, mit 
denen Aristoteles die dort berührte Ansicht kurz darauf wiederlegt, 
so kann ich mich jetzt auch auf ein mir mittlerweile zugänglich ge- 
wordenes Zeugnis des Alexander von Aphrodisias berufen, 
der in seinem Commentare (ed. Thurot, Notices et extraits des manu« 
8crits etc. XXV* p. 141, 9) die Stelle so umschreibt: v ut] erstv 
fiev ro töiOQ tovq %vnovg Tjöt) xctv eveQyetctv, eivai de avxo 
vhnv twv xvfAWVy und weiter unten (p. 142, 5): xbv avrbv de 
TQonov q>rjal xal xb vSioq vXtjv rtav %v^iwv slvat. 

Zugleich trage ich noch nach, dass auch in diesem Commentare 
Alexander die betreffende Ansicht auf D e m o k r i t bezieht (p. 143, 4). 
Münster in Westfalen. Dr. Clemens Baeumker. 



"X 



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Zweite Abtheilung. 

Literarische Anzeigen. 

De arte critica Cebetis Tabolae adhibenda, scripsit Dr. Carolas 
Conradus Ma eller. Virceburgi 1877. 82 SS. 8 # . , 

Der Verfasser dieser Schrift, die den Vorläufer einer neuen 
Augabe des Pinax bilden soll , hat zn dem Zwecke ein reiches hand- 
schriftliches Material gesammelt Denn während die früheren Aus- 
gaben höchstens auf Grund von fünf Codd. (Meib. Par. A B C D) 
gemacht waren, hat der Verf. von nicht weniger als 14 Hss. Kennt- 
nis und darunter sind blos 4 (Par. B D und die beiden Veneti) nicht 
vollständig verglichen worden. In Bezug auf das handschriftliche 
Material war als Verf. ausgestattet wie keiner vor ihm ; aber fragt 
man, ob durch die neu hinzugekommenen Hss. eine neue, bessere 
Grundlage für die Emendation dieses Schriftchens gewonnen ist, so 
müssen wir es verneinen. Doch darin sind wir mit Verf. nicht in 
Ueberanstimmung; die Gründe dafür sollen unten erörtert werden. 

Verf. handelt in 6 Abschnitten: 1. Ueber die Hss., die bisher 
ro Herausgabe der Tabula verwendet wurden, sowie über einige 
Ausgaben derselben; im 2. nennt er die Hss., die er verwendet hat; 
stellt im 3. eine Vergleichung derselben unter einander an ; der 
4. bandelt über die editio princeps; mit Recht nimmt er an, dass die 
edxtio Romana ein Abdruck des Cod. Corsinianus sei; der 5. und 
<>. Abschnitt behandelt das Verhältnis der arabischen und lateinischen 
Versionen der Tabula zum Originaltext. 

Das Wesentliche, was die Schrift an Neuem bietet , behandelt 
<ias 3. CapiteL Von p. 16—18 legt Verl dar, dass für den ersten 
Thefl der Schrift (also wol bis Cap. XXIII, 3) der Par. A die Grund- 
lage der Textkritik zu bilden habe: ein Grundsatz, der wol ziemlich 
allgemein anerkannt ist. In §. 2 wird über den Cod. Meibomianus 
*owie über das Verhältnis der übrigen Codd. zu demselben gehandelt. 
In Bezug auf Par. C fallt dem Verf. auf, dass er in dem ersten Theile 
mit den Codd. der schlechteren Classe gehe , während im zweiten 
yUtiiich sein Text mit den von Meibomius mitgetheilten Lesarten 
übereinstimme; nichtsdestoweniger erklärt Verf., C gehöre vom ersten 
Us zum letzten Capitel zur Classe der deteriores (p. 32: in eo igäur 

Itttacknft f. d. feterr. G?mo. 1S78. U. Htft. 7 



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98 C. Mueller, De arte critica Cebetis, ang. v. P Knöll 

stare debemus codicem C a prima ad ultimum usque caput ad idem 
genus pertinere.) Im Folgenden erörtert er das Verhältnis des Cod. 
M zu den übrigen und kommt zu dem auffallenden Schlüsse, Meibo- 
mius (resp. Reland) habe nicht einen eigenen Codex benutzt; 
die Lesarten , die er am Schlüsse des Textes seiner Ausgabe als Fa- 
rians scriptum codicis msti in Cebetis Tabula mittheilt , habe er fünf 
verschiedenen Codd. ( A B C D und einem dem Vaticanus verwandten ) 
entnommen; überdies habe er in ihr die Conjocturen irgend eines 
Gelehrten (als handschriftliche Lesarten) mitgetheilt. So stände es 
mit dem zweiten Theile der Schrift ziemlich übel. Doch Verf. sucht 
uns zu entschädigen, indem er im Vat. den A zunächst stehenden 
Cod. erkennen will. So kommt er denn p. 67 zu dem allerdings neuen 
Schlüsse, für den ersten Theil bilde A die Grundlage der Textkritik, 
für den zweiten habe sie Vat. zu bilden. Dies ist das Re- 
sultat der Forschung des Verf.'s, ein Resultat, mit welchem sich kaum 
Jemand, der mit (Jen handschriftlichen Verhältnissen des Schriftcheos 
bekannt ist, einverstanden erklären wird. 

Was zunächst sein Urtheil über C betrifft, so fällt auf, dass, 
obwol Verf. die Thatsache anerkennen muss, derselbe beginne in 
secunda libelli parte von der Classe der deteriores abzuweichen , er 
doch kurzweg urtheilt, dieser Cod. gehöre vom ersten bis zum letzten 
Capitel dieser einen Classe an. Eine genügende Erklärung für diese 
auffallenden Abweichungen gibt Verf. nicht ; nur einen Erklärungs- 
versuch für seine Uebereinstimmung mit den Lesarten Meiboms 
macht er p. 32 : una est igitur interpretatio — in uariante scriptura 
editioni Meibomianae addita nonnullas certe exhiberi scripturas e 
cod. C adquisitas. Damit aber wäre zum Höchsten blos seine Ueber- 
einstimmung mit Meiboms Lesarten, noch keineswegs aber das Abwei- 
chen von der schlechteren Classe erklärt. Auch über den Punct , wo 
C von der Familie der schlechteren Hss. abzuweichen beginnt, suchen 
wir in der Schrift vergebens eine genauere Angabe ; Vf. sagt blos. 
dass dies in secunda libelli parte der Fall sei. Nun aber bezeichnet 
er regelmässig damit den Theil von dem Puncto, wo Cod. A schliesst 
(Cap. XXIII, 3). Nach den Worten des Verf.'s müssten wir also an- 
nehmen, dass C etwa von Cap. XXIII, 3 oder XXIV an von der 
schlechtem Hss.gattung abweiche. Dies ist jedoch nicht der Fall. 
Ich will versuchen dies hier festzustellen , da es ja in dieser Frage 
nicht ohne Wichtigkeit ist. Dabei will ich mich auf das Notwen- 
digste und auf den zweiten Theil (von Cap. XXIII, 3 an) beschränken, 
da ja für den ersten Theil die Uebereinstimmung mit der schlechteren 
Classe vom Verf. zugestanden ist ; durch Verschreiben entstandene 
Lesarten übergehe ich absichtlich. XXIII , 3 erc fiot eirtk C det. 
itot ewrp eine M — XXIV, 2 xcmwg diaToißovrag wg xaxdg 
ÖKXTQißovüt C det. xaxw£ diaToißovrag wg elxfj öiaxqißovat M — 
ibid. oi de C det. ^eoot de — M XXVI, 1 naa%ovreg C det. xctjuvor- 
teg M — XXVII, 1 ol piv djreyvüxrfjevoi C det. (mit Ausnahme 
des Vat.) Xinvjs xctl taQaxrjg M —XXVIII, 1 otav de ovtoi C det. 



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C. MueUer y De arte critica Cebetis, ang. v. P. Knall M 

ovtoi de ovav M — ibid. 3 tq&nov xai (xcrt om. C) dnoXavaw 
ueyianyy aya&iav yvovrtai (elvai add. C) C det. tQOrtO) xai 
dnolaxar ueyiara aya&a r\yo$vxai eivai M — XXIX, 1 tveqai 
yvpwiug m ixü&ev naqayivoitevcu CDBP ixsi&ev nccQayevo- 
pe*ai fkeqm yi<yal%eg M — XXX, 1 eq>rjv C det. om. M — ibid. 
2 Tta^aJuitfKo C det. dnox^vifKo M — Eine spätere Stelle, die von 
Bedeutung wäie , ist nicbt nachzuweisen ; denn von nun an herrscht 
die offenbarste Uebereinstimmung mit den Lesarten, die Meibom an- 
führt, bei vollständiger Abweichung von der Familie der deteriores; 
eiaige Stellen genügen : XXXI, 1 mareveiv C M vofiiteiv det. — 
ibid. 2 iJTTto C (ijrroi-Q M) i'oovg det. — XXXII, 2 duetaßXtrcog • 
CM dfUTa/uelijtog det. — XXXIII, 4 iavi. nqog de CM. iari 
xQog to ovYtout&teQov ilöeiv, ngog de det. — ibid. 6 axoyrjv 
cnKjHßeareQay ex €i * C M qtovijV eidevcu. dxQißeaxeqav yaq det. 
— XXXVII, 3 to xmuog roivw £f;v ov xaxov loxiv inet (ei C) 
CM to xaxftJ;: roirvv %ijv xav.6v lort, to de trjv ov xaxov. inet ei 
det Diese Stellen Hessen sich nm ein Bedeutendes vermehren ; doch 
gttäge tu bemerken, dass beide überdies an einem Puncto im Cap. XL 
sehliessen. Daraus geht hervor, dass C bis cap. XXX incl. zur 
Classe der schlechteren Codd. gehört; von XXXI an 
weicht er vollständig von ihr ab. Hieraus erhellt zugleich, 
wie willkürlich der Verf. urtheilt , wenn er diesen Cod. vom Anfang 
bis tum Schlüsse derselben Classe einreiht, oder ihn sogar p. 49 in 
seinem ganten Umfange als mittelbare oder unmittelbare Abschrift 
aos den Vit. erklart. Bei Besprechung einer Stelle blos , die dem 
Verf. in C besser gefällt als in den det., macht er (p. 51) einen Er- 
klärungsversuch : die Stelle müsse in C von einem Gelehrten emen- 
diert worden sein ; dass diese Erklärung, die übrigens Verf. mit Vor- 
liebe bei Stellen anwendet, die sich mit seinen Annahmeu nicht 
reisen, nicht genügt, nm die grosse Zahl Abweichungen von Cap. 
XXXI— XL tu erklären, darauf braucht nicht erst aufmerksam ge- 
macht tu werden. 

Im Gegensatze zur Ansicht des Verf.'s werden wir also über C 
artheikn, derselbe gehöre nicht einer Classe an, sondern er sei ein 
Mischcodex ; der Schreiber desselben , oder vielmehr der Schreiber 
der Vorlage , aus der Janu6 Laskaris den Par. C abschrieb, benützte 
fir den Theil bis Cap. XXXI einen Cod. der interpolierten Gattung ; 
tob da ab bis tarn Schluss stand ihm ein von dieser Familie ganz 
abweichender Cod. tur Verfügung. 

Dieses eigentümliche Verhältnis des Par. C war von wesent- 
lichen Einflnss für den Versuch des Verf.'s die Nichtexistenz eines 
Cod. Meibomianus nachzuweisen (p. 32). Stichhältige Beweise für 
diese Behauptung werden nicht vorgebracht; denn der Umstand, dass 
M ts wichtigeren Stellen bis zum Schlüsse von A mit diesem (s. die 
Stelleo p. 19 ff.), von Cap. XXXI an, wie oben gezeigt wurde, mit C 
ftbereinstimmt t beweist blos , dass wir in M einen Cod. der besseren 
Classe vor uns haben; dass dabei Stellen vorkommen, wo er in den 

7* 

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100 C. Muetter, De arte critica Cebetis, ang. v. P. KnÖU. 

genannten Partien nicht vollständig mit ihnen übereinstimmt (siehe 
p. 23 ff.) , muss die Ansicht bestärken , dass wir in ihm es mit einer 
besonderen Handschrift zn thtm haben. Dass unter den von Meibom 
angeführten Lesarten sich einige finden, die mit denen in den schlech- 
teren Codd. übereinstimmen (p. 28 f. 34 f.), beweist nicht viel, wenn 
man diese Stellen selbst ins Auge fasst. Denn unter den pp. 34 f. 
angeführten zwölf Fällen lassen sich fünf auf Schreibfehler zurück- 
führen : XXXVII, 2 (avzai und avro) XXIX , 2 (dvayyeXkovoiv und 
ävayyilovoiv) XXXV, 2 (naQayivofievovg und Tragayiyvofiivovs) 
XL, 1 (rovrwv fnovwv und xoviov fiovov) XXIV , 3 (ixliaac und 
ixkvaai); einer beruht auf unrichtigem Citat; denn XXVI, 1 hat 
Vatic. nicht nov exi mit M, sondern rcot Ire; vier weitere fallen 
in die Partie von Cap. XXIII — XXXI , wo C noch zur schlechteren 
Classe gehört. Es bleiben also 2 Fälle und die beweisen nichts. Fast 
ganz auf Schreibfehlern beruhen die Fälle, die Verf. p. 28 f. anführt. 
Woher nahm ferner Meibomius die Lesarten, die sich weder inA noch 
in C noch in irgend einem der deteriores finden , namentlich in der 
Partie von Schluss der Hs. A bis zu dem Punct, wo C von der 
schlechteren Classe abzuweichen beginnt? Die Person des. unbekannten 
Gelehrten, die als Erklärung für alle Eventualitäten aufbewahrt wird, 
ist doch nur ein Nothnagel. Denn unter den von Meibomius ange- 
führten Lesarten gibt es sehr viele, die für einen Stümper zu schlecht 
sind; man vergleiche die Fälle, die Verf. auf pp. 23, 27, 28 anführt, 
(regen die Annahme des Verf. 's, Meibomius habe die Lesarten meh- 
rerer Codd. unter der Varians scriptura gegeben, spricht das Verfahren 
Meiboms bei der Ausgabe Epictets ; er führt zuerst die abweichenden 
Lesarten des Cod. Havniensis, und zwar diese vollständig an ; hierauf 
folgen erst die des Gerdesianns von Reland. Ueberdies ist es dem 
Verf. nicht gelungen den Vorwurf des Betruges, der auf Meibom 
(resp. Reland) lasten würde, da er ja unter der Aufschrift: Varians 
scriptura codicis msti die Lesarten verschiedener Codices und die 
Conjecturen eines Gelehrten brächte , zu entfernen. Denn das Manu- 
script der Varians scriptura muss doch Reland von Meibom erhalten 
haben. Unter den Gründen , womit die Nichtexistenz eines Cod. M 
nachgewiesen werden soll , kommt auch der vor , dass zum zweiten 
kürzeren Theile blos 4 Seiten abweichender Lesarten angeführt werden, 
zum ersten dagegen sieben (p. 42). Was wird damit bewiesen, als dass 
die Vulgata, nach der Meibom collationiert hat, im 2. Theile (von 
cap. XXXI an) mit der besseren Classe übereinstimmt ? Auch der Um- 
stand, dass dieser Cod. Havniensis jetzt spurlos verschwunden ist, 
beweist doch noch nicht, dass er niemals existiert hat. Die Gründe, 
die gegen die Existenz des M vorgebracht werden , scheinen also un- 
zureichend. 

In §. 3 sucht der Verf. nachzuweisen, dass Vat. und Lau- 
rentianus sich am meisten an Güte A nähern; dies geschieht auf 
Grund von 6 Stellen, die nicht viel beweisen; IV, 1 lässt nämlich 
nach meiner Collation auch B mit AVL das l'qtrjv weg; XIV, 3 hat 



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C. MueUer, De arte critica Cebetia, ang. v. P. £n£tf. 101 

auch C dieselbe Lesart wie AVI»; XIV, 4 haben LV nicht oiziog, 
sondern ovru), und yaq lässt auch aus ; B dagegen hat ovro>£. Die 
Stellen, die Verf. pp. 53, 54, 55 aus Vat. mittheilt, sind ohne Werth ; 
denn unter all den 37 Fällen ist kein einziger, wo nicht dieselbe Les- 
art entweder alle oder einige von der interpolierten Olasse böten. Ueber- 
haupt scheint mir Vat. vom Verf. sehr überschätzt zu sein. Derselbe 
ist ein fluchtig auf Papier geschriebener Cod. der interpolierten 
Gattung, dessen Nachlässigkeiten eine zweite Hand sehr häufig ohne 
Verständnis ausgebessert hat. Er unterscheidet sich von den dete- 
riores nur an einer wichtigeren Stelle C. XXVII, 1, wo er Xvnr t $ 
xcu TtxQaxife mit M bietet. Gegen die Annahme , er sei die Quelle 
aller Codd. der schlechtem Art, sprechen schon äussere Gründe der 
Schrift: so scheinen mir die Schriftzüge des Corsinianus regelmäs- 
siger als die des Vat. Auch in Bezug auf das Abhängigkeitsverhältnis 
der anderen Codd. werden einzelne unmögliche Behauptungen auf- 
gestellt. So soll Cors. aus C abgeschrieben sein (pp. 33 , 70, 79) ; 
und doch gibt Verf. in der Tabelle der Codd. p. 10 an, Cors. gehöre 
ins XV. (?), C ius XVI. Jahrh. Wie ist das möglich? Dass die Zeit- 
angabe für Cors. im Katalog nicht zu hoch ist, zeigt die regelmässig 
schöne Schrift sowie die stete Form des Schlussigmas (a). 

Was die Behandlungsweise des Verf.'s betrifft , so hätte sich 
der grosse Wust von Citaten, durch die man sich nur mit Mühe durch- 
arbeitet, wesentlich vereinfachen lassen, wenn sich Verf. auf das 
Noth wendige und wirklich Beweisende derselben beschränkt hätte ; 
wer, wie Verf., nicht unterscheidet zwischen wirklichen Textes- 
rarianten und solchen Abweichungen , die durch itacistische Schreib- 
fehler, Gemination von Consonanten, Verwechslung von Kürze und 
Länge der Vocale, Accentuationsfehler u. ä. entstanden sind, der wird 
kaum Klarheit in ein verwickelteres Handschriften Verhältnis , wie es 
das der Tabula ist , hineinbringen. Beispiele hierfür hier anzuführen, 
wäre zu weitläufig ; sie finden sich auf jeder Seite der Schrift. 

Im Citieren von handschriftlichen Lesarten kommen einige Ab- 
weichungen von meinen Collationen vor, von denen nur die folgenden 
hier Platz haben sollen 1 ): p. 21. XIX, 1 hat L naqayu)(iivov<i y 
nicht wie die anderen naQayevo/nevovg. XXIII, 1 war zu bemerken : 
ausgenommen L, der vorher schliesst. p. 22. XXI, 3 haben BD nicht 
Ifupaipu ovtiog dvcu, sondern iftq>aiv6i ehai ovttog. Das 
Ciut p. 24. III, 2 toxi yctQ xrX ist ungenau; als wenn A nicht 
ioixtxa hätte. VI, 3 hat DL nicht a^ovaai, sondern av^ovüai. VIII, 
2 hat A edioxe nicht SiÖonu. IX, 3 hat A yctQyaliui. p. 25. X, 4 

*) Die Collationen, nach denen ich citierc, verdanke ich der un- 
vergleichlichen Güte meines Freundes Prof. W. Förster in Bonn, der 
früher die Tabula herauszugeben beabsichtigte und bereits alle Vorarbeiten 
hierfür fertig hatte. Für ihn wurde Par. A und B von Hrn. Charles 
Grauz in Paris, Laur. und Ricard, von Hrn. £. Piccolomini in Florenz 
verglichen; Par. C und D verglich Prof. Förster selbst; alle diese Collationen 
sUd mit grosser Sorgfalt gemacht. Vatic und Corsinianus sind vom Ref. 
collationiert. Eine Ausgabe der Schrift bereitet Ref. vor. 



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102 C Muetter, De arte critica Cebetis, ang. v. P. Knöll. 

hat B nicht tov Xoinbv ßiov, sondern xo lomv toi ßiov. X, 4 
ist die Schreibart von VLBRWDPCK der des M fast ganz gleich ; 
die Stelle war also nicht hier, sondern erst p. 28 anzufahren. XIV, 1 
hat A nicht xcrt ort alhxi, sondern ort fehlt; B dagegen hat xai cu 
äkkai al n& avrdiv. p. 26. XVIII , 4 hat D nicht nore deivov 
Tta&üv h t<£ ßiq), sondern tcotb na&eiv iv %& ßly deivov mit 
W. XX, 4 (vgl % Ss. 40, 60) hat A nicht %q>rp wg iyw ftaliGTa, 
sondern sq>m log iyw jut] /ndlioia und dies ist offenbar Verschrei- 
bung aus eyy/iai , was M hat ; es gehört also diese Stelle nicht 
hierher, sondern auf pp. 19 f. Ebendaselbst hat L nicht syrp xal 
l'ywye xdlkiara, sondern xal fehlt, p. 29. IV, 1 hat B (p&ovoirjg m 1 , 

Ol 

<p&avoi$ m q ; L (p&dvrjg, V (püdvrfi. XII, 3 hat D xaloi (u fehlt), 
nicht olxdioi. XVIII> 1 hat B nicht xexQmaprj, sondern xtxQtftfiivrj. 
XIX, 2 fehlt in D nicht oV. p. 31 Anm. XL, 1 weicht blos K ab; BD 
haben ianv. p. 32. XXXIX, 3 gehört nov 6 nXovzog K doch eher zu MC 
als zu den andern; ebenso XL, 1. p. 34/XXX, 1 hat BD igrjyijo&ai, 
dagegen VK egtjyuo&cu ; die Verwechselung ist durch den Itacismus 
leicht und der Fall war nicht anzuführen, p. 35. XXXVII, 2 hat R 
avrw nicht avzo; dabei ist C zu citieren vergessen. XXVI, 1 hat 
V nicht nov eVi, sondern not evt; K nicht nov, sondern not. p. 36 
XXVI, 3 hat B dvriqxxQxov (sie!) XXVIII, 3 haben BD tqotxov xal 
und in B fehlt uvai. p. 37. XXIV, 2 dkka&veiag (sk!) B. XXV, 2 
hat auch R knenoxu (o in ras). XXXI, 3 haben DV dlla tlxrj mit 
M, nicht dkl* äxrj. XXVI, 1 K xwqvxiov nicht xwqvxuov ; ebenso 

R. p. 38. XXXVII, 2 hat K aivo m. 1 p. 47. XVII, 3 ist bei C Uyetg 
zu citieren vergessen, das ja in ihm nicht fehlt. IV, 1 hat B die Les- 
art mit AVL gemeinschaftlich, nicht mit den andern. V, 3 hat V m 1 

o 
nicht nhiv, sondern nXdv d. i. nldvog; nur hat m a das o mit fri- 
scher Tinte überzogen *). p. 48. XIV, 4 hat LV nicht oitwg, sondern 

Ol 

ovtü). XV, 2 B oUyov m 1 okiyoi m a . IX, 1 hat B naqiX&r^g m 1 und 
eq>rj fehlt nicht, p. 52. XXI, 3 hat V nicht dv&el m 1 , sondern die 
Buchstaben vav in evav&el sind von m* nur mit frischer Tinte über- 
zogen. 

Von Druckfehlern sind mir keine wesentlichen aufgefallen ; ' 
p. 16 ist statt dua genera duo zu lesen; p. 24 &vqiov st. dvQtov. 

Rom im Januar 1878. P. Knöll. 



') Hierbei sei bemerkt, dass Verf. an vielen Stellen v* citiert, wo 
die m 1 nichts weiter gethan hat, als die Schriftzüge der m 1 nochmals 
zu überfahren. Diese m* verstand offenbar die einfachsten Abkürzungen 

6 
nicht; denn wo m* ng schrieb, fügte m* nach ihrem Exemplar noch ein 
s hinzu; ebenso in anderen Fällen. 



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H Bender, Grundriss d. röui. Literaturgesch., ang. v. A. Zingerle. 103 

Orundriss der römischen Literaturgeschichte für Gymnasien von 
Hermann Bender, Prof. am Gymnasium zu Tübingen. Leipzig, 
Teubner 1876. VIII u. 84 S. 

Das vorliegende Werklein ist, wie der Hr. Verf. auf dem Titel 
und im Vorwort ausdrücklich betont, für die Bedürfnisse der Gymna- 
sien berechnet. Und diesem Zwecke hat der Hr. Herausgeber , ein 
Schüler v. Teuffef s, der sich auch des mündlichen Beirathes dieses 
bekannten Gelehrten erfreute, im Ganzen recht besonnen gerecht zu 
werden gewnsst. Natürlich, dass anch des Lehrers verdienstvolle Lite- 
raturgeschichte (vgl. des Ref. Anzeige der 3. Aufl. in dieser Zeitschr. 
1875, S. 668 ff.) fleissig benutzt wnrde, aber das Büchlein ist bei jener 
selbständigen Verfolgung des oben genannten Zweckes nicht etwa ein 
blos mechanischer Auszug jenes Werkes geworden. Den Bedürfnissen 
der im Auge behaltenen Schülerstufe entsprechend wurde eine einfache 
übersichtliche Gesammteintheilung des Stoffes gewählt (I. Die Vorge- 
schichte, bis auf Livius Andronicus, 240 v. Chr. II. Archaistische 
Periode, von Livius Andronicus bis zum Auftreten Ciceros, 240 — 70 
?. Chr. III. Das goldene Zeitalter, 70 v. Chr. — 14 n. Chr. IV. Das 
silberne Zeitalter 14—120 n. Chr. V. Die Zeit des entschiedenen Ver- 
falles 120 n. Chr. bis zum 6. Jahrh.), nach diesen Bedürfnissen auch 
die Auswahl und grössere oder geringere Ausführlichkeit in der Be- 
handlung des Einzelnen bemessen, das Gebotene möglichst allgemein 
verständlich zn fassen gesucht mit meist treffender Charakteristik der 
für den Schüler bedeutendsten Schriftsteller, hie und da eingefloch- 
tenen vergleichenden Gegenüberstellungen (z. B. S. 12. Plautus und 
Ttrem; S. 29 Vergil nnd Horaz, wo aber wol das auf das blosse Aeus- 
wriiebe Bezügliche an der Spitze fast gar zu sehr hervorgehoben) nnd 
Hinweisen auf die Bedeutuug eines Werkes für das Mittelalter nnd auf 
Vergleichbares in der neueren deutschen Literatur (z. B. S. 11 ; 12; 
14; 30 ; 32 n. dgl.). Die bei dem Wichtigsten dem Schüler auch ver- 
mittelten Urtheile der Alten selbst (mit besonderer Berücksichtigung 
der im 10. Buche Quintilian's), sowie die präcisen Inhaltsangaben 
auch der einzelnen Bücher und Stücke bei Schulclassikern (z. B. 
Georgica VergiTs S. 24 f ; Horaz* Satiren S. 27; Caesar 8. 42 f.), die 
übersichtliche Tabelle über das Leben nnd die Schriften Ciceros 
8. 34 ff. und die am Schlüsse beigefügte allgemeine Tabelle können 
auch nur dem Zwecke des Buches entsprechend genannt werden. 

Desgleichen ist es von dem gegebenen Standponcte im Allge- 
meinen nur zn billigen, dass andererseits nähere Berührung von Hypo- 
thesen, neueren unter sich abweichenden Ansichten oder Streitpuncten 
mit wenigen im Grundwesen wol auch dieser Schülerstufe noch mitsn- 
taeüenden Ausnahmen (8. 4 über Niebuhr's Hypothese von einem 
Voiksepos , S. 6 über Mommsens anerkannte Herabsetzung des Han- 
delsvertrages mit Karthago ins Jahr 348 , S. 29 über die Hofman- 
Peerlkamp'sche Richtung in der horaz. Kritik, S. 41 über Drumann's 
ond Mommsens Beurtheilung des Cicero, 8. 61 über Stahr's Behaup- 
tungen zn Tacitns) hier möglichst vermieden und dafür vom Verf. das 



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.104 H. Bender, Grundriss d. röm. Literaturgesch., ang. v. A. Zingerle. 

ihm nach seinem Urtheile Wahrscheinlichste kurzweg oder mit einem 
„ wahrscheinlich ft geboten wird. Ist man dabei im Einzelnen auch 
nicht überall mit ihm ganz einverstanden (so kann sich Ref. z. B. 
mit der auch hier S. 30 als wahrscheinlich bezeichneten Identität der 
catullischen Lesbia mit der Schwester des P. Clodius noch nie recht 
befreunden), so blickt doch fast überall hübsche Kenntnis der Lite- 
ratur durch. Wenn sich der Hr. Verf. S. 24 für die bekannte Ansicht 
von einer Tendenz in den Georgica des Yergil entscheidet, so ist dabei 
nun wenigstens der Gedanke verwerthet, den Ref. den Vertheidigern 
dieser Ansicht als den einzig noch annehmbaren in dieser Zeitschr. 
1875 6. 292 bezeichnet hat. Ganz einverstanden ist Ref. mit der An- 
nahme der Echtheit sämmtlicher Stücke des Seneca tragicus aus- 
schliesslich derOctavia S. 52 (vgl. auch meine Bern, in dieser Zeitschr. 
1878 oben S. 7); bei den Heroiden des Ovid S. 31 möchte er aber, 
obschon er auch der Echtheit der Mehrzahl zuneigt, doch neben der 
wünschenswerthen Ergänzung der Zahlangabe eine wenigstens leichte 
Berührung des vielbesprochenen Fragepunctes hier noch empfehlen 
(die Epistula der Sappho z. B. ist trotz des neuesten Rettungsver- 
suches Comparetti's vgl. Rivista di Filolog. 1877 p. 442 in keinem 
Falle zu halten). Bei Tacitus dialogus S. 60 ist die Echtheitsfrage 
berührt und die Echtheit richtig betont, aber gerade im Anschlüsse 
daran wäre die später folgende Bemerkung über den Entwicklungs- 
gang des taciteischen Stiles für den Schüler wol am passendsten. 

Da andere Wünsche und einige Unebenheiten dem Hrn. Verf. 
bereits M. Hertz mitgetheilt hat (vgl. Zeitschr. f. GW. 1877 S. 574 ff.), 
so reihe ich meinerseits daran nur noch weiter die kleinen Bemer- 
kungen, dass S. 1 1 unter den besseren Stücken des Plautus wol auch 
der Pseudolus genannt werden konnte, den man ja auch geradezu 
schon als Meisterwerk des Plautus bezeichnet hat (vgl. z. B. die 
Ausgabe von Lorenz, Berlin 1876 Vorr. S. VII, die jetzt auch unter 
den Ausgaben S. 12 nachzutragen), dass S. 24 die Behauptungen 
über die allegorischen Personen in den Bucolica des Vergil wol doch 
ein bischen zu mildern wären (vgl. meine Bern, über die 5. Ekl. in 
dieser Zeitschr. 1877 S. 509), S. 36 bei Hervorhebung des Interesses 
der verrin. Reden des Cicero auch die Bedeutung der 4. de signis mit 
einem Schlagworte berührt werden könnte, S. 27 über die Zeit der 
Herausgabe der horaz. Gedichte nun wol Christ's Fastorum Horat. 
Epicrisis München 1877 und S. 55 bei den Angaben über Juvenal 
Friedländers Dissertation de Juvenalis vitae temporibus Königsberg 
1875 zu beachten wären. Einiger Revision bedürfen bei einer zu er- 
wartenden 2. Auflage sicher in manchen Punkten, auch abgesehen 
vod den indes erschienenen neuen Nachträgen, die beigefügten An- 
gaben über die erklärenden Schulausgaben; ein Paar Stellen hat auch 
hierüber Hertz berührt, ich reihe auch hier weiter daran, dass S. 43 
die bekannte Ausgabe Caesar's von Kraner zweimal consequent unter 
dem Namen „Kramer" citiert ist, in der dortigen Literatur gerade 
für Schüler wol auch die Ausg. von Seyffert genannt werden könnte, 



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F. Hintner, Griechisches Eleraentarbuch, ang. v. J. Rappold. 105 

dass bei Ovid die gewiss empfehlenswerte Ausgabe der Fasti von 
H. Peter fehlt (vgl. meine Anz. in dieser Zeitschr. 1875 S. 280 ff.), 
dass die neuen Aufl. der Siebelis'schen Ausgabe des Cornelius Nepos 
Ton Jancovius besorgt sind u. dgl. 

Der Hr. Verf. wird aus der im Verhältnis zum Umfange des 
Werkleins ziemlich eingehenden Anzeige ersehen haben, dass dem im 
Ganzen gewiss verdienstlichen Büchlein Theilnahme entgegengebracht 
and Verbreitung gewünscht wird. Eine zweite Auflage wird dann auch 
die paar Unebenheiten gewiss entfernen. 

Innsbruck. Anton Zingerle. 



Griechisches Elementarbuch, zunächst für die dritte und vierte Classe 
der Gymnasien nach der Grammatik von Curtius, bearbeitet von 
Dr. Valentin Hintner, k. k. Professor am akademischen Gymna- 
sium in Wien. Zweite verbesserte Auflage. Wien 1877. Alfred Holder. 

Die erste Auflage des vorliegenden Uebungsbuches habe ich in 
dieser Zeitschrift Jahrg. 1874 S. 495 — 514 angezeigt Die äussere 
Gestalt und Einrichtung des Buches sowie die Gliederung und An- 
ordnung des Lehrstoffes sind im Grossen und Ganzen dieselben ge- 
blieben. Wenn der Umfang des Buches grösser geworden (268 Seiten 
früher 243), so hat das seinen Grnnd nicht etwa in einer bedeuten- 
den Vermehrung des Lehrstoffes, sondern in einem typographischen 
Umstände (in den Wörterbüchern ist jetzt derselbe grössere Druck 
wie in den Uebungssätzen) sowie zum kleineren Theile darin, dass 
jetzt 8. 264 — 268 ein deutsch - griechisches Verzeichnis von Eigen- 
namen steht (früher die Eigennamen blos im griechisch - deutschen 
Wörterbuch). 

Sehen wir, ob der Verfasser diese Auflage mit Recht eine ver- 
besserte nennt! — Zwei Aenderungen, eine formelle und eine mate- 
rielle haben wir schon oben erwähnt; beide sind vom Standpuncte 
der Schule aus gewiss nur zu billigen. — S. 497 meiner Anzeige 
habe ich es als einen Uebelstand bezeichnet, dass die Zahl der An- 
merkungen oft so gross sei , indem dadurch dem Schäler zu Hause 
und dem Unterrichte in der Schule manche Minute durch das Anf- 
auchen der Noten unnütz verloren gehen dürfte. Der Verfasser ist 
darauf bedacht gewesen diesem Uebelstande nach Möglichkeit abzu- 
helfen. Man sehe besonders die Stöcke 5, 29, 43, 46, 62, 63, 65, 
71 (= 76 der 1. Auflage), 72 (- 77), 74 (= 79), 76 ( •-- 81), 79 
,= 84), 82 (= 87), 87 (= 91) n. a. Diese oft beträchtliche Ver- 
minderung der Anmerkungen ist auf verschiedene Weise erreicht 
worden : Die schwierigsten Sätze, welche die meisten Noten erforder- 
ten, sind gestrichen ; viele Verweisungen auf früher vorgekommene 
Segeln, namentlich auf leichte, sind ausgelassen. Noch ein Punct 
ist speciell zu erwähnen , der früher sehr viele Noten in Anspruch 
nahm, die Anwendung der Participialconstruction ; dafür hat der 
Verfasser jetzt ein Mittel in Anwendung gebracht, welches in den 



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106 V. Hintner, Griechisches Elementar bucb, ang. v. J. Eappold. 

meisten lateinischen und griechischen Uebungsbüchern angewendet 
ist, nämlich die betreffende Coniunction , resp. das Relativ ist ge- 
sperrt gedruckt. Vermehrt ist die Zahl der Anmerkungen nur in we- 
nigen Stücken und zwar so, dass auch jetzt die Zahl der Noten nicht 
gross ist. — Was die Etymologien im griechisch-deutschen Wörter- 
buche betrifft, s. meine Anzeige S. 502—506, so hat der Verfasser 
jetzt bedeutend mehr darauf Rücksicht genommen, für welche Stufe 
des Gymnasiums sein Buch bestimmt ist. Vieles , waa für Tertianer 
und Quartaner unnütz, unverständlich oder verwirrend war, ist weg- 
gelassen; man vgl. z. B. die Wörter: ayctfiai ddsXqtog dei dezog 
aiykrj A\&io\l> dlx^dhocog dxoiio dlet-io ßövg ßQ<x%vg yaarrjQ 
yivog ikaxvg tQXo/uai iwayov l'xw $£Qn6g &iyydvu) laog xa- 
öctQog xqov(u laog largevio kvxog fioxfrygog odog naqd rcuSta 
7tlxo(.iaL mxQog. Freilich sind anderwärts neue Bemerkungen dieser 
Art hinzugefügt worden, z. B. bei dya&og dyavaxriiü al/na xaliio 
xi)7cog xvXlvdw Xdlog Xa/ußdvco jLivQ/urji;, doch einerseits sind 
diese bedeutend weniger zahlreich als die ausgelassenen, andererseits 
ist auch bei diesen auf die Schülerstufe Rücksicht genommen. — 
S. 507 a. a. 0. habe ich gesagt: „Mit den Verweisungen auf die Syn- 
tax scheint mir der Verfasser zu weit zu gehen. Hauptsache ist und 
bleibt die Formenlehre". Der Verweisungen auf Syntax und auf frü- 
her im Buche selbst gegebene Regeln sind jetzt um ein beträchtliches 
weniger, wie sich zum Theile daraus ergibt, dass die Zahl der An- 
merkungen jetzt, wie oben gesagt, oft bedeutend kleiner ist. Man 
sehe z. B. die Stücke 4, 5, 6, 11, 14, 16, 17, 29, 32, 36 (= 34 der 
1. Auflage), 37 (= 35), 41, 42, 44, 46, 49, 52, 53, 54 usw. Diese Ver- 
minderung der Verweisungen auf Syntaktisches wurde der Hauptsache 
nach durch das erreicht, was wir oben für die Verminderung der 
Noten überhaupt angegeben haben. Was die Hereinbeziehung der 
Syntax betrifft, so kommt noch eine glückliche Neuerung zu erwäh- 
nen. In der 1. Auflage hat der Verfasser im Lehrstoff der Quarta 
keine eigenen syntaktischen Regeln mehr geboten, sondern den Schü- 
ler blos auf die Grammatik verwiesen. Durch die Praxis scheint er nun 
zur Einsicht gekommen zu sein , dass auf diese Weise oft zu wenig 
erreicht wird, dass die Schüler die Grammatik häufig nur flüchtig an- 
sehen, dass sie manches übersehen oder unrichtig oder nur halb auf- 
fassen. Daher gibt er, in der Weise wie früher im Lehrstoff der Tertia, 
so jetzt auch in dem der Quarta die wichtigsten Puncto der Syntax 
in eigenen Regeln, aber nur die wichtigsten ; für minder wichtige 
hat er die Verweisung auf die Grammatik beibehalten. — In der 
1. Auflage haben sich sehr viele Unebenheiten, Versehen und Ver- 
stösse gefunden, s. meine Anzeige S. 510 ff. Das ist jetzt zum Theil 
anders geworden. Den Verfasser hat, wie er im Vorworte angibt, 
theils die eigene Praxis manches gelehrt, theils wurde er von vielen 
Collegen auf manches aufmerksam gemacht. In dieser 2. Auflage ist 
mir ausser dem wenigen, was der Verfasser am Schlüsse des Buches 
angibt, nur folgendes aufgestossen : 24b 10 steht schon a6 und ist 



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V. Hintner, Griechisches Elementar buch, ang. v. J. Rappold. 107 

nur „berühmtes" hinzugefügt; 43b 5 „der hundert Köpfe hatte" ist 
entweder bunopcdyatog anzugeben oder nach der jetzigen Methode 
„der" gesperrt zu drucken, weil das Particip anzuwenden ist (der 
Schuler weiss nämlich noch nicht das Augment von e'xco , da dieses 
erst Stuck 47 vorkommt) oder es ist auf „haben* 4 el/ii anzugeben ; 
48 b 2 fehlt ein Comma; 71b 13 ist das Versehen „Muse" statt 
«Müsse * stehen geblieben; 83a 9 bei Homer heisst es: ydioet oe 
%o cov fidvog; 93 a 1 yXdxirß; 93 a 2 soll es doch wol Siaßolwv 
heissen (wegen /rofa/iiW), das Wort fehlt auch im Wörterverzeich- 
nisse; S. 106 Nr. 15 Druckfehler zw; in den syntaktischen Uebun- 
gen 27, 4 soll es heissen „zu Theil werden möge", zwischen Satz 16 
und 18 steht 10; Satz 18 ist „den Jünglingen" stehen geblieben, 
anderwärts der Dativ bei „lehren" corrigiert. — Manche Sätze der 
1. Auflage waren entschieden zu schwierig, s. S. 507 ff. meiner An- 
ttige. Solche Sätze waren besonders 5 a 7, 34 a 10, 42 a 4, 43 a 4 
and 6, b 7, 46a 5, 9, 10 (blO), 58a 7, 60a 10, 63a 11, 78a 10, 
90 a 9. Alle diese Sätze sind in der 2. Auflage durch leichtere er- 
setzt, überdies noch manche andere mehr weniger schwierige. 

Aas obiger Darlegung dürfte zur Genüge hervorgehen, dass der 
Verfasser die 2. Auflage mit vollem Recht eine verbesserte nennt. 

Wir haben bis jetzt schon ziemlich viele bessernde Aenderungen 
constatiert, besonders in den Anmerkungen. Ausser den angegebenen 
finden sich aber noch viele andere. Von Aenderungen in der Schreib- 
weise, namentlich der Eigennamen (Aetna, früher Aitne; Aegypten, 
früher Aigyptos; Nil, früher Neilos usw.) sehe ich ab. Wenn der 
Verfasser im Vorworte bemerkt, „der Lehrstoff ist in dieser Auflage 
nahezu gleich geblieben" , so ist er in dieser Beziehung, wenigstens 
betreffs des Lehrstoffes der Tertia, in einer Selbsttäuschung. Es sind 
tickt blos, wie schon gesagt, die schwierigsten Sätze durch neue und 
leichtere ersetzt, ferner nicht blos manche andere aus mehr weniger 
leicht ersichtlichen Gründen, sondern auch noch manche andere Sätze 
und aus nicht ersichtlichen Gründen gestrichen und durch andere er- 
setzt. Ferners ist bei manchen Stücken die Zahl der Sätze vermehrt, 
die Numerierung der Sätze ist häufig eine andere, manche Sätze sind 
erweitert oder gekürzt, in manchen Sätzen sind einzelne Wörter oder 
die Wortstellung geändert. Besonders zahlreich sind diese Aende- 
rungen im Lehrstoff der Tertia. Selbstverständlich wurden dadurch 
viele Aenderungen in den Noten herbeigeführt. Ferner sind manche 
Hegeln etwas geändert usw. Ich will hier nicht die Zusammenstel- 
lung dieser Aenderungen geben, welche ich zu einem anderen Zwecke 
gewicht habe, da sie den Rahmen der Anzeige einer 2. Auflage viel 
tu weit überschritten würde ; zum Beweise meiner Behauptung führe 
kh blos die Thatsache an, dass das hohe Ministerium bei der Appro- 
bation dieser 2. Auflage den Gebrauch der 1. Auflage neben der 2. 
fir unzulässig erklärt hat. Minist. Eil. 1677, Z. 6793. — Nur drei 
Aenderungen in der Anordnung des Lehrstoffes will ich noch kurz er- 
wähnen. Jetzt hat der Verfasser das Numerale vor das Pronomen ge- 



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108 Lateinische Lehrbücher, ang. v. J. Egger. 

setzt. Die Theile des Perfects sind jetzt in derjenigen Aufeinander 
folge behandelt, welche von mir in der Anzeige vorgeschlagen wurde 
zuerst das mediale Perfect, dann das schwache active, endlich da 
starke active. In den Stücken 65 — 68 der 1. Auflage waren die Bei« 
spiele für die Präpositionen. Diese Stücke sind jetzt unter die syn- 
taktischen eingereiht (und fast ganz umgeändert), aber die skizzen- 
hafte „Uebersicht über das Wichtigste vom Gebrauch der Präpositionen u 
ist stehen geblieben und mit möglichster Beibehaltung der früheren 
Eintheilung etwas erweitert, zugleich mit Phrasen versehen. 
Klagenfurt. J. Rappold. 



UebuDgsstücke zum Uebersetzen aus dem Deutschen ins Latei- 
nische für Quarta und Tertia der Gymnasien zusammengestellt von 
Dr. K. Möller. Berlin, Weidmann 1877. 

Dies neue, aus dreissigj ähriger Praxis entstandene Uebungs- 
buch hat den ausgesprochenen Zweck, nicht so fast durch Neuheit zu 
glänzen, als vielmehr dem ab und zu sich einstellenden Bedürfnisse, 
mit dem Uebungsbuche zu wechseln, entgegenzukommen. Es ist zwar 
vom Verf. für Quarta und Tertia berechnet, enthält aber nur die 
Casuslehre ausführlich , von der Tempus- und Moduslehre aber nur 
das Nöthigste, eigentlich nur eine Wiederholung des Lehrstoffes un- 
serer zweiten Classe ; es würde sich also ein neues Uebungsbuch für 
die vierte Classe daran schliessen müssen. Die Anordnung ist nicht 
systematisch ; um in der Bildung der Sätze nicht gehindert zu sein, 
hat der Verfasser die wichtigsten Arten des Ablativs und Genetivs 
vorweg genommen, womit man sich einverstanden erklären kann, da 
es ja gleichgiltig ist, in welcher Ordnung die Regeln gelernt werden. 
Nicht zu billigen aber ist die Methode, alle Vocabeln unter die Stücke 
zu setzen, in der Voraussetzung, dass der Schüler sie nun ein für alle- 
mal merken werde. Denn eben weil sie unten stehen, wird er sie nicht 
merken, und wenn er sie vergessen hat, wird er sie gar nicht zu 
finden wissen. Ein Wörterverzeichnis wird daher nicht zu umgehen 
sein ; der Zeitverlust, den das Aufschlagen verursacht, ist durchaus 
nicht so unnütz, wie der Verfasser meint. Zudem setzt der Verfasser 
voraus, dass man mit den Stücken wechsle; wann soll denn der 
Schüler die in den ausgelassenen Stücken stehenden Wörter lernen ? 

Eine genaue Inhaltsangabe des Stoffes wäre um so Wünschens- 
werther, als derselbe willkürlich geordnet ist. — 

Hauptregeln der lateinischen Syntax zum Auswendiglernen nebst 
einer Auswahl von Phrasen. Als Anhang zu der Grammatik Ton 
Ellendt-Seyffert zusammengestellt von Dr. P. Harre. Berlin, Weid- 
mann 1877. 

Ein vortreffliches kleines Büchlein, das fast uneingeschränktes 
Lob verdient. Der Verfasser hat sich den Zweck gesetzt, im Anschlags 
an die Grammatik von Ellendt-Seyffert den ganzen die Syntax be- 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 109 

treffenden Memorierstoff übersichtlich geordnet auf wenigen Bogen dem 
Schaler in die Hand zn geben. Der Zweck scheint in der That er- 
reicht ; aof drei Bogen sind nicht nur die wichtigsten Regeln in zweck- 
mässiger Form verzeichnet, sondern es werden in den Anmerkungen 
auch zahlreiche stilistische Winke gegeben, sogar das Griechische wird 
— mit Tollstem Becht — zum leichteren Verständnis in vergleichender 
Weise herangezogen, vgl. p. 39 n. 41, wodurch das Studium beider 
Sprachen nur gewinnen kann. Sehr treffend ist die cons. temp. behan- 
delt Wenn die Anmerkungen noch um einige vermehrt und dem In- 
halte nach vertieft würden, so würde sich das Büchlein zu einem Re- 
petitorram der lat. Syntax für die Schüler der Octava eignen. — Was 
Dan die Fassung der Regeln betrifft, hat der Verfasser die Zahl 
4er gewohnten Memorialverse noch um einige neue eigener Factor 
vermehren zu müssen geglaubt, und wir lesen nun im Löwenritt- 
Xetrum p. 7 : 

Interest muai auf die Frage Wem? den Genitiv regieren; 
Also hat man amicorum interest zu construieren u. 8. w. 

Referent ist mit der neuen „Dichtung 44 nicht einverstanden, 
derlei Verse müssen kurz sein, wenn sie ihren Zweck erreichen sollen. 
Wie viel schöner liest sich p. 9 im Leonoren-Rhythmus: Pax und de 
pace convenit — der Friede kommt zu Stande — regi cum urbe, 
Frieden schlieest — der König mit dem Lande — u. s. w. Schöner 
wire es freilich, wenn es ohne diesen Singsang ginge. — Von p. 49 
an folgt ein doppelter Anhang. Der erste bietet eine Sammlung von 
615 Phrasen, bei deren Aufzählung leider jede Ordnung fehlt ; der 
zweite enthält eine kleine ganz brauchbare Realiensammlung, worin 
das Wichtigste über den röm. Kalender, über Münzen und Masse, 
endlich über die römische Heereseintheilung — allerdings fast zu 
knapp — verzeichnet steht, worauf zum Schluss noch eine kleine 
chronologische Uebersicht vom J. 225—42 v. Chr. folgt. 

Gras. Jos. Egger. 



Schriften zur deutschen Grammatik. 

III 1 ). 

Zur Syntax. 

Auf dem Gebiete der Syntax herrscht seit einiger Zeit grosse 
Regsamkeit. Die Grammatiken der beiden classischen und der semi- 
tischen Sprachen sollen ihr Privilegium verlieren , ausgeführte Dar- 
stellungen der Syntax zu besitzen. Zur Syntax da kommen wir auch 
noch hin* schrieb vor Jahren ein Vertreter der noch um ihre Existenz 
ringenden jungen vergleichenden Sprachwissenschaft Sie sind be- 
reits da. Und zu einer vergleichenden Syntax der arischen Sprachen 

") Artikel l ist im Jahrg. 1873 S. 282-300, Artikel II im Jahrg. 
1875 a 190— 208 erschienen. 



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110 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 

werden fort und fort mehr oder weniger bedeutende Beiträge geliefert 
Franz Miklosich, ein un vergleich licher^Meister überall wo er an 
fasst, hat vom Standpuncte der vergleichenden Grammatik die Verbs 
Impersonalia im Sla vischen (1865), den präpositionslosen Loea 
(1868), die Negation in den slavischen Sprachen (1869), den Accu- 
saüvus cum Infinitivo (1869) und schliesslich im vierten Bande seiner 
vergleichenden Grammatik der slavischen Sprachen (1868 — 1874) 
die gesammte slavische Syntax abgehandelt. Berthold Delbrück 
bearbeitete Theile der Casuslehre (Ablativ Localis Instrumentalis, 
Berlin 1867; De usu dativi in carminibus Rigvedae 1867, deutsch 
in Kunhs Zeitschrift für vergl. Sprachforschung 18, 81 ff.), indem er 
für die Syntax des Veda ältere Anfänge von Schweizer-Sidler (Höfers 
Zeitschr. 2, 444 ff. 3, 348 ff.) und Begnier (Etudes sur l'idiome du 
Veda) fortsetzte und übertraf und so vom Sanskrit aus Licht über 
das Griechische, Lateinische und Deutsche zu verbreiten suchte. Er 
hat ferner den Gobrauch des Conjunctivs und Optativs im Sanskrit 
und Griechischen (Syntaktische Forschungen von Delbrück und Win- 
disch, Band 1, Halle 1871) und die altindische Tempuslehre (Syntakt. 
Forsch. II, Halle 1877) dargestellt; eine Untersuchung über alt- 
indische Wortfolge steht in Aussiebt. Georg Autenrieth lieferte 
einen Beitrag zur Lehre von den Casus und Präpositionen , indem er 
nicht von den Formen , sondern von der Bedeutung ausging und den 
Terminus in quem (Erlangae 1868) durch das Sanskrit, Zend, Alt* 
persische, Griechische, Lateinische und Deutsche verfolgte. Eine Ber- 
liner Dissertation von Ernst Siecke ergänzte die Casuslehre durch 
eine Prüfung des altindischen Genitivs (De genetivi in' lingua sans- 
crita imprimis vedica usu, Berol. 1869) und erörterte von neuem den 
Gebrauch des Ablativs (Beitr. zur vergl. Sprachforschung 8, 377, 
Berlin 1876). Ernst Wind isch gab seine schöne Abhandlung über 
das Relativpronomen (Curtius' Studien Band II, S. 201 ff. Leipzig 1869). 
Diesen Forschern schlössen sich Julius Jolly und H. Hübschmann 
theils mit allgemeineren Abhandlungen theils mit speciellen Beiträgen 
für eine Syntax des Zend an, welche in Spiegels Altbaktrischer Gram- 
matik (1867, vgl. Beitr. zur vergl. Sprachf. 1, 134) nur kurze Be- 
rücksichtigung finden konnte (Jolly: Ein Capitel vergleichender 
Syntax, Conjunctiv und Optativ und die Nebensätze im Zend und Alt- 
persischen im Vergleich mit dem Sanskrit und Griechischen, München 
1872; Geschichte des Infinitivs im Indogermanischen, München 
1873; der Infinitiv im Zendavesta I. Beitr. zur vergl. Sprachf. 7, 
416, Berlin 1873; über die einfachste Form der Hypotaxts im Indo- 
germanischen 1873, Curtius' Studien 6, 215 ff.; zur Geschichte der 
Wortstellung in den indogermanischen Sprachen, 1874, Verhandlungen 
der XXIX. Philologenversammlung S. 209 ff. Zur Lehre vom Particip 
1874, Sprach w. Abhandlungen aus Curtius' gramm. Gesellschaft 
S. 71—94: Hübschmann: Zur Casuslehre, München 1875). Den 
Gebrauch des Infinitivs hatte schon (vor Jolly) Alfred Ludwig im 
Veda (der Infinitiv im Veda, Prag 1871) und Engen Wilhelm 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scfterer. Hl 

durch Sanskrit, Zend, Persisch, Griechisch, Oskisch, ümbrisch, La- 
teinisch, Gothisch hin untersucht (De infinitivi linguarum sanscritae 
. . .goticae forma et usn, Isenaci 1872), vergl. dazu über den letto- 
slaviechen Infinitiv Miller in den Beitr. zur vergl. Sprachf. 8, 156; 
aber den Inf. Fass. im Präkrit S. Goldschmidt, Zeitschr. der Dmg. 
28, 491. Eine kurze aber interessante Charakteristik der indischen 
Syntax überhaupt fügte Theodor Benfey seiner Geschichte der 
Sprachwissenschaft (München 1869) S. 83—87 ein. üeber die Be- 
handlung derselben bei Pänini s. auch Franz Johäntgen Specimen 
syntaxeos linguae sanscritae (Berol. 1858). Nur gelegentlich , aber 
immer mit Geist und umfassender Gelehrsamkeit, hat Pott syntak- 
foehe Fragen erörtert '). 

Diesen Bemühungen für altindische, altbaktrische und verglei- 
chende Syntax kommt die historische Syntax der beiden classischen 
Sprachen mehr und mehr sympathisch entgegen. Die anregenden 
Bemerkungen von Georg Curtius (der wol am frühesten auf den 
Gewinn den die Syntax aus der vergleichenden Sprachforschung ziehen 
kann, hingewiesen) in seinen Erläuterungen zur griech. Schulgrammatik 
sind allgemein bekannt ; die übrige hergehörige gelehrte Thätigkeit 
erschöpfend zu schildern, sind andere mehr berufen als ich. Für die 
romanischen Sprachen liegen Diez , Mätzner und viele Einzelbeiträge 
vor. Der slavischen Syntax ist, wie wir sahen, ein besonders gün- 
stiges Los gefallen. Die littauische hat jetzt Kurschat (Littauisohe 
Grammatik, Halle 1876, S. 356—442) ausführlicher behandelt, als 
früher Schleicher. Kaspar Zeus s' Grammaticaceltica enthält wenig- 
stens ein Buch über die Partikeln und ein Capitel de constructione 
presse oraüonis (vgl. ferner Stokes Beitr. 2, 394. 3, 159; Ebel ibid. 
4. 357). 

Wie verhält sich hierzu die germanische Philologie? 

Jacob Grimm hat bekanntlich im vierten Bande seiner deut- 
schen Grammatik (1837) nur den einfachen Satz behandelt; der mehr- 
fache Satz, die verbindende Conjunction und die Negation, sowie die 
Wortfolge waren dem fünften Theile vorbehalten. Syntaktischen Ein- 
zelheiten konnte er noch (wie schon früher dem ahd. Belativum , Vorr. 
zn den Hymnen 1830) besondere Betrachtung widmen, dem Perso- 
nenwechsel in der Bede (1855, Kl. Schriften 3, 236), einigen Fällen 
d>r Attraction (1857, Kl. Schriften 3, 312 ; Germania 2, 410), einer 



•> Vgl. noch über Wort- und Satzstellung die Ideen zu einer ver- 

? laichenden Syntax von Georg von der Gabelen tz in der Zeitschr. 
Völkerpsychologie 6, 376 ff. 8, 129 ff. 300 ff. Ferner über einige der 
Angeführten und noch anzuführenden und andere syntaktische Schriften 
die Becensionen von M. Holzman in derselben Zeitschr. 6,488. 7, 448. 
8. 40. 57. 361. 478. 9, 153. Zur altind. Syntax vgl. Misteli in der 
Zettschr. für Völkerpsychologie 7. 380; über den Dativ Pischel und 
Weber in ßeuenberffers Beitragen 1, 111. 343. — Endlich sei noch auf 
ein Werk der vergleichenden Syntax im weitesten Sinne, auf die Abhand- 
Ioasj von H. C. von der Gabelentz über das Passivnm (Leipzig 1860/, 
hinge wiesen. 



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112 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. t. W. Scherer. 

Construction des Imperativs (Kuhn's Zeitschr. f. vgl. Sprachforschung 1 , 
144), dem Participium Präseutis für Krankheiten (Germ. 2, 377) ; 
die Zeitschr. f. deutsches Alterthum brachte gelegentlich auch syntak- 
tische Bemerkungen von ihm (Acc. bei Adjectiven 1, 207 ; zu statt des 
zweiten Acc. 1, 208; vorangestellte Genitive 2, 275; zur Syntax der 
Eigennamen 3, 134 usw.). Die Abhandlung über das Gebet enthielt 
eine Betrachtung über den Aorist (Kl. Schriften 2, 451 — 458; vgl. 
zu S. 453 f. schon die Vorrede zu Wuks Serb. Gramm. S. LII f.). 
Aber der fünfte Band der Grammatik blieb ungeschrieben. 

Die gothische Syntax von Gabelentz und Lobe (1846) hatte 
ihre Verdienste, war aber in ein compliciertes System gebracht und 
that wenig Wirkung. Einzelne altere Programme (Vi 1 mar, de Ge- 
nitivi casus syntaxi quam praebeat Harmonia Evangeliorum, saxonica 
dialecto seculo IX conscripta, commentatio, Marburgi 1834; Silber, 
Versuch über den gothischen Dativ, Naumburg 1 845 ; — W e 1 1 in a n n , 
das gothische Adjectivum, Stettin 1835, enthält nur dürftige syntak- 
tische Bemerkungen) , eine Monographie , wie die von G r af f über die 
ahd. Präpositionen (Königsberg 1824) fanden keine Nachfolge. In den 
fünfzehn ersten Bänden von Haupt's Zeitschr. für deutsches Alter- 
thum war Franz Dietrich der einzige neben Jacob Grimm , der 
gelegentlich Syntaktisches , Beiträge zur Oasuslehre (s. unten Alt- 
nordisch; Beste des instrumentalen Accusativs 11, 393: dagegen 
schwach Holtzmann, Germ. 1, 341) und 'syntaktische Funde' (13, 
124: Präteritum für Präsens; blosser Dativ als Ziel der Bewegung; 
Infinitiv statt Conjunctiv; Imperativ statt Conjunctiv ; Imperativ statt 
Präteritum) veröffentlichte. Jetzt aber hat sich dies alles geändert; 
seit anderthalb Jahrzehnten etwa herrscht auch hier rege Thätigkeit. 

Wenn selten ein Problem durch mehrere oder alle germanischen 
Sprachen hin verfolgt wird , so hat dies naheliegende Gründe. Am 
meisten ins Allgemeine gehen die Arbeiten von Ludwig Tob ler: 
Ueber den relativen Gebrauch des deutschen und mit Vergleichung 
verwandter Spracherscheinungen, Kuhn's Zeitschr. 7, 353; Genn. 

13, 91; üebergang zwischen Tempus und Modus, Zeitschr. für Völ- 
kerpsychologie 2, 29 ; über Nomina propria und appellativaibid. 4, 68 ; 
über die Bedeutung des deutschen ge- vor Verben, Kuhn's Zeitschr. 

14, 108; über das Gerundium ibid. 16, 241; über die scheinbare 
Verwechslung von Nominativ und Accusativ, Zeitschr. für deutsche 
Philologie 4, 375 ; über Auslassung und Vertretung des Pronomen 
relativum, Germ. 17, 257; Anzeigen, Zeitschr. für Völkerpsychologie 
7, 333 ; Zeitschr. für deutsche Philologie 6, 243 ; Germ. 18, 243. Unter- 
suchungen über den Ausfall des Relativpronomens in den germani- 
schen Sprachen hat auch Eugen Kölbing (Strassburg 1872) ge- 
liefert; derselbe schrieb Zur Entstehung der Relativsätze in den ger- 
manischen Sprachen, Germ. 21. 28; Enti den Nachsatz einleitend, 
Zeitschr. für deutsche Phil. 4, 347. — P. Piper handelte über den 
Gebrauch des Dativs im ülfilas , Heliand und Otfrid (Osterprogr. der 
Realschule zu Altona 1874 von demselben Recensionen, Germ. 19, 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 113 

437; 22, 375); Otto Apelt über den Accusativus cum infinitivo im 
Gothischen (Germ. 19, 280), Althochdeutschen und Mittelhochdeut- 
schen (Weimarer Progr. 1875). Vgl. C. Albrecht über den homeri- 
schen Acc. c. Inf. mit Vergleichung des goth. und ahd. Sprachgebrau- 
ches, Curtius' Studien 4, 1 — 58. 

Durchgreifende Beobachtungen zum Zweck einer Reconstruc- 
tion der ursprünglichen gemeingermanischen Syntax bringt die 
kleine aber gehaltvolle Schrift von Heinzel über den Stil der alt- 
germanischen Poesie (Quellen und Forschungen, Heft X, Strassburg 
1875). 

Was die Syntax einzelner germanischer Sprachen anlangt, so 
haben die Scandinavier selbst am meisten für die Bearbeitung ihrer 
Sjntax gethan. Sie besitzen eine vollständige altnordische Syntax 
tob Georg F. V. Lund (Oldnordisk ordföjningslaere, Kjöbenh. 1862; 
Tgl. von demselben Verfasser: Om det oldnordiske sprogs Overens- 
gtttnmelse med det grseske og latinske i Ordföjningen, Nykjöbing 
1849 ; To stykker af det oldnordiske sprogs ordföjningslaere, Kjö- 
benh. 1859, Probe), eine Edda-Syntax von M. Nygaard (Eddaspro- 
gets Syntax I. II. Bergen 1865. 1867) und verschiedene kleinere 
Abhandlangen :TheodorWis6nOni ordfogningen i den äldre Eddan 
(Lund 1865); K. F. S öd er wall Om verbets rektion i fornsvenskan 
(Lund 1865). Nicht gesehen habe ich E. Schwartz: Om använd- 
ningen af kasus och prepositioner i Fornsvenskan före är 1400. I. 
(Uppsala 1875); Alb. Vadstein Kasusläran i äldre Vestgötalagen 
(Land 1874); N. Ambrosius Undersökningar om ordfogningen i 
Firöiskan (Lund 1876). Schon R a s k hatte (Vejledning 181 1) syntak- 
tische Bemerkungen gegeben. Unter den Deutschen behandelte Fr an z 
Dietrich den nordischen Dativ (Haupt's Zeitschr. 8,23), Karl 
Hildebrand die Conditionalsätze und ihre Conjunctionen in der 
altem Edda (Leipzig 1871). 

Auf dem Gebiete der gothischen Syntax ist bereits fast üeber- 
ptoduction eingerissen, nachdem Stamm und Heyne das Wesentlichste 
aas Gabelentz-Löbe geschickt dem allgemeinen Gebrauche zugänglich 
gemacht. Es haben sich betheiligt: E. Bernhardt (über den goth. 
Artikel, Erfurter Progr. 1874; die Partikel ga- als Hilfsmittel bei 
derConjngation, Zeitschr. für deutsche Phil. 2, 158; Genit. partit. nach 
transitiven Verben ibid. 2, 292 ; der Optativ 8, 1 ; Recensionen 6, 
483. 8, 352), F. Burckhardt (Der goth. Conjunctiv, Zschopau 
1872), E. Eckhardt (lieber die Syntax des Relativpronomens, Halle 
1875), H. Gering (Participia, Zeitschr. für deutsche Phil. 5, 294. 
393; vgl. auch Zwei Parallelstellen aus Vulfila und Tatian ibid. 6, 1 
nid nachher unter Ahd.), H. Klinghardt (Partikel et, Zeitschr. für 
deutsche Phil. 8, 127. 289), A. Köhler (Dativ, Dresden 1864, 
dann Germ. 11, 261. 12, 63; Infinitiv ibid. 12, 421 ; Optativ, Ger- 
manist. Stud. 1, 77), 0. Lücke (Absolute Participia, Magdeburg 
1876), A. Lichtenheld (schwaches Adjectiv, Haupt's Zeitschr. 
18, 17), C. Marold (Futurum und futurische Ausdrücke, Wissensch. 

Zaitochnfl f. d. ftsterr. Gjmn. 1878. II. Heft 8 



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114 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 

Monatsbl. 1875, S. 169—176), H. Bückert (Absolute Noininativ- 
und Accusativ-Construction, Germ. 11, 415), E. von Sallwürk 
(die Syntax des Vulfila I. Pforzheim 1875: 1. die Fürwörter, 2. der 
Relativsatz, 3. der Inhaltssatz; 36 Seiten), C. Schirmer (Optativ, 
Marburg 1874), B. Schrader (Genitiv, Halle 1874), A. Skladny 
(Passiv, Neisse 1873). 

Die englische Syntax ist von Friedrich Koch (Die Satzlehre 
der englischen Sprache, zweiter Band der historischen Grammatik 
der englischen Sprache, Cassel und Göttingen 1865) und von Eduard 
Mätzner (Englische Grammatik, zweiter Theil, zweite Auflage in 
zwei Hälften, Berlin 1874, 1875) vollständig bearbeitet. Der erstere 
geht überall vom Ags. aus und verfolgt die Sprache in ihrem ge- 
schichtlichen Werden ; der letztere legt das Neuenglische zu Grunde 
und schreitet von da aus zum älteren Gebrauche zurück. Der erstere 
theilt seinen Stoff in zehn Bücher : I. Verb, II. Substantiv, III. Ad- 
jectiv usw. nach den Bedetheilen, IX. Interjectionen, X. Satzformen ; 
unter jedem Bedetheile werden dessen Arten, dessen Formen und ihr 
Gebrauch, dessen Bection abgehandelt. Der zweite dagegen stellt den 
einfachen Satz an die Spitze, die c Wortfügung J wie er sagt, und wen* 
det sich hierauf zur 'Satzfügung*, dem mehrfachen Satze ; stets gibt 
die Bedeutung das Eintheilungsprincip ab, die meisten Casus und die 
Präpositionen muss man unter den adverbialen Satzbestimmungen 
suchen , der Nominativ ist theils in der Lehre vom Subject, theils in 
der Lehre vom Prädicat zu finden usw. Dieser Gegensatz zwischen 
Koch und Mätzner ist äusserst lehrreich. Vortheile und Nachtheile 
der einen wie der anderen Anordnung könnten gar nicht prägnanter 
hervortreten. Ich komme auf den Gegenstand zurück. An Monogra- 
phien zur englischen Syntax ist mir gewiss vieles nicht bekannt ge- 
worden; ich erwähne nur J. Kress Ueber den Gebrauch des In- 
strumentalis in der ags. Poesie (Marburg 1864), Benno Tschisch- 
witz Articuli determinativi anglici historia (Halis 1867) und A. 
Lichtenheld Das schwache Ad jectiv im Ags. Haupt's Zeitachr. 
16, 325. 

Innerhalb des Altsächsischen hat 0. Behaghel die Modi im 
Heliand (Paderborn 1876) untersucht (vgl. von ihm auch die Becen- 
sion, Germ. 22, 229), A. M oller Ueber den Instrumentalis im He- 
liand und das Homerische Suffix cpi (Danzig 1874) gehandelt. Eine 
umfassendere Arbeit zur Casuslehre hat mir in Strassburg vorgelegen 
und wird, wie ich hoffe, in erweiterter Gestalt erscheinen. Sc hm ei- 
le r's Heliand hatte der Syntax nur eine Seite gewidmet (2, 170), 
die einige Seltenheiten enthielt; einen ganz kurzen Grundriss gibt 
Adolf Arndt Versuch einer Zusammenstellung der altsächsischen 
Declination, Conjugation und der wichtigsten Begeln der Syntax 
(Frankfurt a. 0. 1874); und auch Moriz Heyne's Kleine altsäch- 
sische und altniederf raukische Grammatik (Paderborn 1873) enthalt 
S. 110—120 Bemerkungen zur Syntax 5 . 

Für das Althochdeutsche habe ich nur zu nennen die Schriften 
von Oscar Erdmann (Untersuchungen ober die Syntax der Sprache 



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zur deutschen Grammatik, ang. v. TP. Scherer. 115 

L H. Haue 1874. 1876; über got. et und ahd. f*a*, Zeitschr. 
Fall 9 f 43; Becensionen in der Zeitschr. für deutsche 
Sä *. 43o. 5. 212. 6, 120. 239. 7, 244; in den Wissenschaft. 
lenaaaaa^äera 3, 54 ; im Anz. für deutsches Alterthum 3, 79) und 
inci Gering (Die Causalsätze und ihre Partikeln bei den ahd. 
des achten und neunten Jahrhunderts, Halle 1876) 1 ). 
~s Otfridsyntax verlangt nähere Betrachtung; sie steht jetzt 
am Mittelpuncte aller syntaktischen Forschungen; jeder- 
. daran an. 

ix Jahre 1867 (oder 1868?) starb zu Triest ein Mann, der, 

fkm <tis Philotog zu sein, in der Geschichte der deutschen Philo- 

«De «k daakbar genannt zu werden verdient: Paul Hai. Ueber 

am* au.walirara Verhältnisse ist mir leider nichts bekannt. Ver- 

amaäca satte er in Wien bei Pfeiffer gehört nnd sich für altdeutsche 

ftnfea « wänn t. In seinem Testamente bestimmte er eine Summe, 

nkme ätr Wiener Akademie übergeben und zu einer Preisausschrei- 

emg md den Gebiete der deutschen Sprache benutzt werden sollte. 

da Ahaieamie entschied sich , weil die darniederliegenden syntakti- 

tot allem einer äusseren Anregung und Forderung zu 

für ein syntaktisches Thema; und — weil eine 

Sperialsyntax wahrscheinlich eher bearbeitet werden 

als ein allgemeineres ausgebreitetem Lectftre erforderndes 

weil man zunächst Aufschluss wünschen musste über die 

nicht behandelten Partien , — weil endlich unter allen 

iltwui i— Iim liea Schriftstellern keiner so viel Interessantes versprach 

sie Ottid: — für eine Syntax Otfrids. 

Der Preis wurde in der feierlichen Sitzung vom 28. Mai 1869 
■iwhiiikfii (Afaaanach 19, 159). Ueber das Resultat der Bewer- 
bet ist ha Ahaanach von 1871 (Jahrg. 21, 225) berichtet. 

Die gekrönte Arbeit war unvollständig, weil der Verfasser 
4vtk 4m Ausbruch des Krieges von 1870 abgerufen wurde, aber 
sie «Haarte den Preis, weil sie, wie das Gutachten der Akademie sich 
osfeaeki. aaf echtwissenschaftlicher Grundlage aufgeführt und fein 
gwgliid.il war und allenthalben neue, ja überraschende Ergebnisse 
a Tage förderte. Als Verfasser ergab sich : Dr. Oscar Erdmann, 
tyranalleferer in Grand enz. 

Aas dieser Preisschrift sind die seit 1874 und 1876 gedruck- 
ten < U*teracfcnngen' hervorgegangen. 'Hervorgegangen': denn dem 
akademischen Programm einer vollständigen Syntax Otfrids entspre- 
chen me noch nicht, wenn ich auch die Hoffnung festhalte, dass der 
Verfasser die fehlenden Theile nachliefern werde. Bis jetzt hat er 
ur Teaiaas-. Modus- und Casuslehre behandelt oder genauer gesagt 
— wie er selbst es nennt — 'die Formationen des Verbums in ein- 




•> Dan kommt H. Häusel Ueber den Gebrauch der Pronomina 
rtfexiT» hei Kotker (Halle 1876); Heinzel Wortschatz und Sprach- 
feraea der Wiener Notkerhandschrift, C. Zur Syntax, Sitzungaber. 82. 

8* 



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116 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Seliercr. 

fachen und in zusammengesetzten Sätzen' und die 'Formationen des 
Nomens': — letzteres wol nicht ganz richtig, denn die Syntax des 
Adjectivs, die Begrenzung zwischen den starken, schwachen und 
scheinbar flexionslosen Formen, wird vennisst; auch ist gleich im 
§. 1 und dann noch oft nicht von Formationen des Nomens, son- 
dern des Pronomens die Bede. 

Das Erdmann'sche Werk ist so anerkannt, dass es meines Lo- 
bes nicht bedarf; wir alle sind dankbar dafür; Dankbarkeit schliesst 
die Kritik nicht aus ; und dazu möchte ich nachher einige Beiträge 
liefern , jetzt nur hervorheben , dass der Verfasser zwar über Otfrid 
hinaus auf die übrigen ahd. Quellen blickt und ihnen manche Beob- 
achtung abgewinnt, dass er aber ausserhalb des Ahd. gerade die 
Werke von Koch , Mätzner und Lund nicht benutzt und dadurch der 
Perspective seiner Darstellung geschadet hat. 

Indem ich meine Wanderung durch syntaktische Bücher und 
Programme, oder vielmehr an ihnen vorüber, fortsetze, bemerke ich, 
dass mir für das Mittelhochdeutsche und Neuhochdeutsche wahr- 
scheinlich nur ein Theil des Vorhandenen bekannt geworden ist. 
Was in Anmerkungen, was in Monographien über den Stil einzelner 
Dichter verstreut, suche ich hier nicht zu sammeln. A. Reif for- 
sch eid begann lexikalisch - syntaktische Untersuchungen über die 
Partikel ge-, indem er zunächst aus dem alemannischen und baierischen 
Sprachgebiete, der Zeit nach vom Ahd. bis ins sechzehnte Jahrhundert, 
eine reiche Beispielsammlung für das wandelbare ge- bei Infinitiven 
(von Hilfszeitwörtern abhängig, besonders in negativen Sätzen) vor- 
legte : Zeitschr. für deutsche Phil. Ergänzungsband (Halle 1874)S. 319. 
Derselbe Band enthält R. Holtheuer Der deutsche Conjunctiv 
nach seinem Gebrauche in Hartmanns Iwein (S. 140); H. Ditt- 
mar Ueber die altdeutsche Negation ne in abhängigen Sätzen 
(S. 183), worin auch ahd: und alts. Quellen beigezogen werden. Der 
Negation ne hatte Wackernagel schon im J. 1830 eine Mono- 
graphie gewidmet (Fundgruben 1, 269); zur Syntax Hartmanns von 
Aue hatte C. A. Hornig in drei Programmen Beiträge geliefert 
(Form und Gebrauch des mhd. Satzartikels oder der Conjunction daz, 
Brandenburg 1847 ; Form und Gebrauch des bestimmten Artikels, 
Brandenburg 1851 ; die Wörter der diu das in ihrem Gebrauche 
als Pronomen demonstrativum, relativum und determinativum, Trep- 
tow 1854); vgl. auch Mankopff, Germ. 11, 26. Karl Lucae begann 
eine Abhandlung Ueber Bedeutung und Gebrauch der mhd. Verba 
auxiliaria (I. Marburgi 1868). Nöldechen schrieb über den Ge- 
brauch des Genitivs im Mhd. (Quedlinburg 1868); Holtzmann 
über das Adjectiv im Nibelungenliede (Germ. 6, 1); Martens 
über die Verba perfecta in der Nibelungendichtung (Kuhn's Zeitschr. 
12, 31. 321); Lehmann über die Satzstellung im Nibelungen- 
liede (Sprachliche Studien über das Nibelungenlied. Marienwerder I, 
1856, II. 1857); Neu mann über die Stellung des Attributs ohne 
Flexion in der Kudrun (Wien 1866) ; Er be über die Conditionalsätze 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 117 

bei Wolfram (Paul-Braune, Beitr. 5, 1); Zingerle über die bild- 
liche Verstärkung der Negation bei mhd. Dichtern (Sitzungsber. der 
Wiener Akademie 39, 414; vgl. Höfer, Nichts und seine bildliche 
Verstärkung, Genn. 18, 18), über die Partikel ä (Genn. 7, 257), 
über den Gebranch des Comparativs (Genn. 9, 403). Hierzu ist 
neuerdings eine fleissige, sorgsam geordnete und von hohen sprach- 
wissenschaftlichen Tendenzen getragene Arbeit getreten: Ludwig 
Bock Ueber einige Fälle des Conjnnctivs im Mittelhochdeutschen 
(Quellen und Forschungen, Heft XXVH, Strassburg 1878); das Go- 
thische, Altsächsische, Althochdeutsche sind als Hintergrund ge- 
nommen, das Ags. und Altnord, leider wieder nicht berücksichtigt: 
wie leicht war es %. B. für den ersten besprochenen Fall ( c in dem von 
einem Comparativ abhängigen Nebensatze steht Conjunctiv nach affir- 
mativem Hauptsätze , Indicativ nach negativem Hauptsatz*) Grein 's 
Ags. Sprachschatz 2, 563 unter ponne aufzuschlagen und wenigstens 
Belege für den ersten Theil der Regel beizubringen (vgl. Mätzner 
2. 533) : neben dem Conjunctiv taucht allerdings schon der Indicativ 
auf; in der Edda dagegen blos der Conjunctiv (Nygaard 1, 66 : Bei- 
spiele für negativen Hauptsatz scheinen zu fehlen). Dieselbe Regel 
bei Zeitsätzen, die von e, e dan, e das abhängen (Bock S. 25) : sie 
gut auch mit wenigen Ausnahmen in der Edda (Nygaard 1, 80. 81) 
and ist noch in der ags. Poesie erkennbar (Grein 1, 69: die Fälle 
mit Indicativ zum Theil nach negativem Hauptsatze). Vgl. schon 
Becker Gramm. 2, 92. ; auch Erdmann, Wissensch. Monatsbl. 3, 57. 

Lidforss* Beiträge zur Kenntnis von dem Gebrauch des Con- 
juuctirs im Deutschen (Uppsala 1862) nehmen das Gothische zur 
Grundlage und untersuchen dann den mhd. und nhd. Gebrauch. Ebenso 
höh die Deutsche Syntax von TheodorVernaleken (Wien I. 1861, 
IL 1863) ihre Belege aus dem Mhd. und Nhd. Joseph Kehreins 
Grammatik der deutschen Sprache des fünfzehnten bis siebenzehnten 
Jahrhundertes behandelt in ihrem dritten Theile die Syntax des einfa- 
chen und mehrfachen Satzes (Leipzig 1856). Beiträge zur historischen 
Syntax liefern auch die Schriften von August Lehmann: Luthers 
Sprache in seiner Uebersetzung des Neuen Testaments (Halle 1873) ; 
Forschungen Ober Lessings Sprache (Braunschweig 1875) ; Goethe' 8 
Sprache und ihr Geist (Berlin 1852); sowie das Buch von Karl 
Gustav Andresen Ueber die Sprache Jacob Grimms (Leipzig 
1869). Ich erwähne nur noch NÖlting Ueber den Gebrauch der 
deutschen Anredefürwörter in der Poesie (Wismar 1853), Edman 
Ueber den Gebrauch des Artikels im Neuhochdeutschen (Braunschweig 
1862). 

Die Darstellung der Syntax in Friedrich Koch's Deutscher 
Grammatik (fünfte Auflage, Jena 1873) erfüllt nicht die Hoffnungen, 
welch« der Kenner seiner englischen Syntax hegen möchte. Dagegen 
Tfrdient das höchste Lob die Energie, mit welcher Karl Ferdinand 
Becker seiner deutschen Syntax (Ausführliche deutsche Grammatik, 
Band 2 vom J. 1837, in welchem auch Jacob Grimms Syntax er- 



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118 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Seherer. 

schien) durch Auszüge aus mittel- und althochdeutschen Quellen 
sowie durch weitere Blicke auf die übrigen germanischen, und au 
die aussergermauischen verwandten und unverwandten Sprachen 
eine comparative Grundlage zu geben suchte : insbesondere die and 
Schriftsteller sind reichlich ausgebeutet ; für das Sanskrit benutet* 
er die Grammatik von 0. Frank, für das Littauische Mielcke, für da* 
Lettische Stender, für das AI tslo venische Dobrowsky, für das Rus 
sische Gretsch, für das Finnische Strahlmann, für anderes den Mi 
thridates. Seine Auffassung ist freilich immer unhistorisch , aber das 
hindert ihn nicht, einen grossen Reichthuni an historischen That- 
sachen uns vor Augen zu stellen und zu verarbeiten. Wo es daraul 
ankommt die Verwandtschaft der Bedeutungen zu erkennen, da finden 
wir oft überraschende Einsicht. Die Casuslehre z. 6. darf sich noch 
heute mit Ehren sehen lassen. Dass das Buch auf die historischen 
Sprachforscher so gar nicht eingewirkt hat, ist ein sonderbarer und 
nicht ehrenvoller Beweis der hochmüthigen Abschliessung , in der 
sich neue wissenschaftliche Richtungen zuweilen gefallen. 

Die Anordnung ist freilich zum verzweifeln, aber das alphabe- 
tische Register macht vieles gut ; und welches ist denn die richtige 
Anordnung, das allein richtige System der Syntax? 

Die philosophisch-historische Classe der Wiener Akademie hatte 
bei ihrer Preisaufgabe , um möglichst wenig Zweifel über das was sie 
wünschte zu lassen und um dem etwaigen Bearbeiter die Qual der 
Wahl zwischen ihm vielleicht gleich gut scheinenden Systemen zu 
nehmen — sie hatte sich über diesen Punct sehr bestimmt geäussert. 

c Die Classe — biess es in dem Ausschreiben — wünscht, dass 
die Betrachtung nicht auf die Erscheinungen beschränkt bleibe , die 
gewöhnlich unter dem Namen der Syntax begriffen werden , sondern 
dass auch die Lehre von dem Gebrauche der Wortclassen (Adjectiva, 
Substantiva, Pronomina demonstrativa und relativa usw.) einbezogen 
werde. 

c Au8 diesem Gesichtspunct — hiess es weiter — ergibt sich 
von selbst die empfehienswertheste Anordnung des Stoffes: unter 
jeder Wortclasse und jeder Flexionsform wären die Bedeutungen dar- 
zulegen, die ihnen die Sprache beimisst*. 

Der Kenner sieht sofort, dass der Akademie ein Werk für Ot- 
frid vorschwebte , wie Miklosich es für die slavische Syntax geliefert 
hat. Miklosich's Buch ist von einer bewunderungswürdigen Einfach- 
heit im System und verdient daher allen syntaktischen Arbeiten als 
Muster vorgestellt zu werden. Erdmann konnte dieses Muster nicht 
nachahmen, da es nicht fertig vorlag. Aber die Forderung der Aka- 
demie war in sich hinlänglich deutlich, nur liegt es jetzt nahe sie an 
dem Beispiele jenes grossartigen Werkes zu erläutern. 

Die Lehre von den Redetheilen geradezu dem Systeme zu Grunde 
zu legen, wie Koch gethan, empfiehlt sich nicht. Unter jedem Rede- 
theile muss dann erst seine Bedeutung als Wortclasse und hierauf die 
Bedeutung seiner Formen erläutert werden. Aber da die Wortclassen 



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Schriften zur deutschen Grammatik, aog. v. W. Scherer. HO 

in einander schwanken, da es wesentlich ist die Grenzen des Gebrau- 
ches zwischen Appellativum und Eigenname ! ) , zwischen Substantiv 
und Adjectiv , zwischen nominaler und verbaler Natur bei Particip 
und Infinitiv, zwischen Adverbium, Präposition und Conjunction 
osw. zu erkennen: so ist es offenbar besser, diese Grenzschwankungen 
hinter einander abzuhandeln und nicht in verschiedene Capitel, unter- 
brochen durch Casus-, Modus- und Tempuslehre, zu verzetteln. 

Auch diejenigen , welche hierüber einig sind, werden aber noch 
oftmals streiten über den Stoff der nunmehr in die Lehre von den 
Wortdassen einbezogen werden müsse und über die Art wie er zu 
disponieren sei. Wo ist z. B. die Lehre von der Congruenz abzuhan- 
deln? Wo die Lehre vom Satzaccent? Wo die Lehre von der Wort- 
stellung ? Sollte es nicht zweckmässig sein , diese Capitel , welche 
weder mit der Bedeutung der Wortclassen noch mit der Bedeutung 
der Flexionsformen etwas zu thun haben, sondern ein besonderes Ge- 
biet für sich bilden, in einem besonderen, sei es ersten, sei es dritten 
TbeOe zu vereinigen ? Auch Congruenz, Satzaccent, Wortstellung sind 
Mittel der Satzbildung; ihre Bedeutung und ihr Gebrauch muss er- 
wogen werden. 

Dass die Syntax ein Theil der Bedeutungslehre sei , wird man 
leicht zugeben. Aber alle Schwierigkeiten der Lehre von den Wort- 
bedeutungen kehren bei ihr wieder: ist doch nicht einmal eine reine 
Grenze zu ziehen, muss doch die Bedeutung der Form Wörter ebenso im 
Wörterbuch wie in der Syntax abgehandelt werden. 

Für die Lehre von den Wortbedeutungen stehen zwei Wege 
offen. Man kann von den Worten ausgehen : im Wörterbuch. Man 
kann von den Bedeutungen ausgehen : in der Synonymik. Das Wörter- 
bodi kann in historischer und vergleichender Absicht die Schichten 
allmilicher Bildungen aufweisen und die Wurzeln zu Grunde legen , 
die Urkeime der Worte gleichsam , — oder die Worte selbst. Jeder 
dieser Wege hat seine Vortheile ; keiner ist ausschliesslich berech- 
tigt. Sollte es in der Syntax nicht ebenso sein ? 

Auch ftr syntaktische Betrachtung ist es vorteilhaft, die Be- 
deitungen an die Spitze zu stellen , die Zwecke , welche die Sprache 
erreichen will, und zusammenfassend zu erwägen, welche Mittel ihr zur 
Erreichung solcher Zwecke zu Gebote stehen und wie diese Mittel steh 
von einander unterscheiden. Es wäre sehr angenehm, auf einen Bück 
zu übersehen, z. B. welche Bolle die Kategorie der Causalität in einer 
Sprache spiele, wie alt sie sei, aus welchen Unklarheiten sie sich 
ktringe. Andererseits kann die Synonymik nur auf Grund einer ver- 
feinerten Lexikographie gedeihen ; das Wort ist das greifbare , vor 
Augen liegende, wozu wir die Bedeutungen erst suchen müssen ; jede 
andere Beobachtungsmethode wäre verkehrt; erst wenn man die Worte 
kennt , die sich berühren , kann man eigens zum Behuf der Bestim- 

*) Hierzu gehört die Abhandlung von Wackernagel über die 
etettebeo Appellativnamen, El. Schriften 3, 59. 



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120 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 

mung feinerer Unterschiede neue Beobachtungen suchen: — ebenso 
wird syntaktische Forschung vernünftiger Weise von den Formen aus- 
gehen und nach deren Bedeutungen fragen ; die umgekehrte Frage- 
stellung späterer Zusammenfassung vorbehalten. 

Ich halte also auch in der Syntax beide Wege für richtig, not- 
wendig, wünschenswerth , für nebeneinander berechtigt. Aber ich 
glaube dass wir für den Gang der Darstellung zunächst nur den 
scheinbar mechanischen benutzen dürfen, wie es Miklosich gethan hat. 

Aber weiter : Anordnung nach Wurzeln oder Wörtern ? Diese 
Frage lautet bei der Syntax : sollen wir von den altarischen Formen 
ausgehen und nach ihrem Ersätze fragen ? oder sollen wir uns be- 
gnügen mit den Formen der Einzelsprache und nach ihren ursprüng- 
lichen und übernommenen Functionen fragen? 

Hierfür scheint mir die Antwort leicht. Will jemand eine ver- 
gleichende Syntax der arischen Sprachen schreiben, so mag er die 
Syntax der arischen Ursprache reconstruieren und an ihr den Satzbau 
späterer Epochen messen. Doch liegt es dann im Wesen einer wirklich 
historischen Darstellung, dass man nicht von Ersatz und Verlust redet, 
sondern vielmehr untersucht , wie gewisse Constructionen ihre Com- 
petenz erweitern, wie neue schärfere, vielleicht äusserlichere Bezeich- 
nungsmittel gefunden und mit Vorliebe gebraucht werden, so dass 
manche Formen der arischen Ursprache überflüssig scheinen , ausser 
Gebrauch kommen und absterben (s. Zur Gesch. der deutschen Sprache 
S. XI; Bock QF. 27, 74). 

Handelt es sich dagegen um die Syntax einzelner litterarisch 
fixierter Sprachen , vollends um die Syntax vielleicht eines einzelnen 
Schriftstellers : so dürfen nur die historisch gegebenen Formen und 
ihre Bedeutungen in Betracht gezogen werden. Aber allerdings : 
diese Bedeutungen müssen chronologisch angeordnet werden, wie wir 
es vom Wörterbuch verlangen. 

Die letzte Forderung wird vorläufig oft schwer zu erfüllen sein, 
da unsere geschichtliche Erkenntnis noch zu weit zurück ist. Bei 
Erdmann fallt es manchmal auf, dass er sich so viel mit Speculatio- 
nen über die Entstehung der Dinge beschäftigt , wo man nur eine 
reinliche Darlegung von Otfrids Sprachgebrauch erwartet. Aber 
solche Speculationen sind demjenigen zur Pflicht gemacht, welcher das 
ursprüngliche und alte voranstellen, das späte und abgeleitete nach- 
folgen lassen will. 

Betrachte ich nun nach den entwickelten Principien eine ein- 
zelne syntaktische Darstellung — ich wähle wieder die von Erdmann 
— so scheint mir, dass nicht streng ein Gesichtspunct durchgeführt 
wird, sondern sich verschiedene durchkreuzen. 

Da finden wir z. B. bei Erdmann Bd. 1 S. 3 ff. unter der Ueber- 
schrift 'Ind. Präs. in selbständigen Sätzen' in §. 9 die Umschreibun- 
gen des Futurums in selbständigen Sätzen besprochen, in §§. 10. 11 
reihen sich Bemerkungen über den Futurausdruck in abhängigen 
Sätzen an ; es sind also, während uns die Ueberschrift den Indic. Präs. 



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Schriften iqt deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 121 

ankündigte, auch Constructionen behandelt, in denen Hilfsverba mit 
dem Infinitiv auftreten ; es sind, während uns nur Erscheinungen in 
selbständigen Sätzen in Aussicht gestellt werden, auch solche in ab- 
hängigen herbeigezogen. 

Consequenter hatte Grimm 4, 176 unter der Ueberschrift 'Futu- 
rum' alle dahin gehörigen Erscheinungen vereinigt. Zu einer solchen 
Betrachtung war er berechtigt, wenn er entweder die Bedeutung an die 
Spitze stellte und nach den Ausdrucksmitteln suchte, oder wenn er 
die historische Ueberlegung anstellte : ein arisches Futurum sei vor- 
handen gewesen, im germanischen verloren, es müssten daher die Er- 
satzmittel angegeben werden. 

Aber er geht in andern Fällen keineswegs von der Bedeutung 
aus und er fragt in anderen Fällen auch nicht nach dem Ersätze ehe- 
mals vorhandener Formen. Oder welches Privilegium hat die zukünf- 
tige Handlung vor der eintretenden Handlung? Welches Vorrecht 
hat das arische Futurum vor dem arischen Aorist? Die Frage nach 
den Ersatzmitteln des Aorists ist ebenso wichtig und ebenso inter- 
essant, wie die nach den Stellvertretern des Futurums. 

Eine streng formale germanische Syntax wird weder ein Capitel 
über das Futurum noch ein Capitel über den Aorist aufzuweisen 
haben. Dagegen wird sie innerhalb der Lehre vom Verbum (in dem 
Theik von den Wortclassen) die Kategorie der Hilfszeitwörter be- 
bandeln und ins Licht setzen , innerhalb der Lehre von den Wort- 
formen unter den Bedeutungen des Präsens auch die futurische Ver- 
wendung anführen. Ueber den Aorist wird gleichfalls die Lehre von 
den Wortclassen einiges bringen , indem sie die Wirkungen der prä- 
figierten Partikel untersucht. Denn vollkommen richtig hat Miklosich 
gesehen, dass die mit Präfixen versehenen Verba nicht als Composita 
angesehen werden können, dass ihre Behandlung daher in die Syntax 
gebort (Vergl. Gramm. 4, 197). Die Präfixe sind als Proclitica an- 
zusehen , welche mit dem Verbum nach und nach zu unlösbarer Ver- 
htmdung zusammenschmolzen. Das goth. ga ist bekanntlich noch 
nicht unlösbar (Grimm 2, 833). Ueber Aorist und Verba perfectiva 
ausserhalb des Slavischen vgl. Miklosich 4, 287 — 294. Für den ve- 
dischen Aorist stellt Delbrück Forsch. 2, 87 c das soeben Geschehene* 
4b wahrscheinliche Grundbedeutung hin. Wenn ich recht habe , die 
Form des germanischen schwachen Präteritums für einen Aorist der 
Wurtel dka zu halten , wenn also im Germanischen sich Perfectum 
md Aorist vermischten , so muss dafür wol der erzählende Aorist 
(Delbrück 2, 88) und das Perfectum als Vergangenheitstempus (Del- 
brück 2, 107 ff. 112) den Ausgangspunct gebildet haben, vgl. auch 
Miklosich 4, 787 : III. 2. Den Ausdruck der eintretenden Handlung, 
»weit er überhaupt gewünscht wurde , mochten längst präfixierte 
Verba an sich gerissen haben, als der Aorist von den Germanen noch 
ut der Erzählung gebraucht wurde. 

Ich habe versucht, den von Erdmann gebotenen Stoff in drei 
Hauptmassen zu scheiden, je nachdem er in die Lehre von den Wort- 



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122 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scher er. 

classen , in die Lehre von den Flexionsformen oder in die Lehre vo 
der Satzbildung (wenn ich so die Capitel von Congruenz, Wortstellun 
und Satzaccent bezeichnen darf) meiner Ansicht nach gehört, — 
um dann innerhalb jeder Abtheilung auf die Puncto hinzuweise i 
deren Behandlung noch aussteht. Aber ich gab diese schliesslic 
doch unfruchtbare Bemühung auf, weil ein abweichendes Gnmdprinci 
die Gegenstände so durcheinander rüttelt, dass es leichter ist si 
aus freier Hand in ein neues System zu bringen , als sie dort ers 
wieder zusammenzusuchen. 

Was ich meine , wird jetzt vollkommen verständlich sein ; uu< 
meine Gründe finden hoffentlich Anerkennung. Entweder Becker odei 
Miklosich, aber keine Vermischung beider Standpuncte! Entwedei 
Ausgehen vom Innern oder vom Aeusseren, aber consequent iu jedem 
Rathsam ist , um es zu wiederholen , vorläufig nur die letztere , du 
formelle Behandlung. 

Diese Meinung soll mich allerdings nicht hindern , wenn mii 
Zeit und Kraft bleibt, meinen ältesten litterarischen Plan auszuführen 
und die drei von Jacob Grimm noch beabsichtigten Capitel der Syntax 
seiner Grammatik hinzuzufügen. Besser einstweilen eine vollständige 
Syntax nach falschem System, als eine unvollständige. Mag daneben 
etwa ein Lehrbuch den Grundriss zeigen, der mir vorschwebt. 

Wenn ich mich auf Miklosich berufe und allen deutschen Philo- 
logen das Studium seiner slavischen Syntax ans Herz lege, so will 
ich damit natürlich nicht sagen , dass ich alles und jedes für richtig 
und anwendbar auf deutsche Verhältnisse halte. Vermisse ich doch 
z. B. gleich jenen besonderen Theil von der Satzbildnng. Aber zur 
äusserten Bescheidenheit und Vorsicht möchte ich diejenigen mah- 
nen, welche Lust zum Widerspruche haben. Wenn ich in einer Erst- 
lingsschrift lese , durch Erdmanns Buch sei besser als durch Worte 
die Ansicht von Miklosich widerlegt, wornach die getrennte Behand- 
lung des einfachen und des zusammengesetzten Satzes aufzugeben 
wäre: so ist das eine jener unbewussten Frechheiten, welche man der 
Naivetät der Unmündigen so oft nachsehen muss. Dem Verfasser der 
Otfrid-Syntax selbst liegt eine solche Prätention gewiss fern, gleich- 
viel ob er seine Darstellungsweise für richtiger hält oder nicht. 

Ich meinerseits zweifle nicht, mich dem Urtheile von Miklosich 
(4, 769) vollkommen anznschliessen. Die Pronomina, die Conjunc- 
tionen gehören in die Lehre von den Wortclassen ; die Verschiebung 
der Person im abhängigen Satze muss bei den Personalformen des 
Verbums zur Sprache kommen ; die Modi des abhängigen Sattes w- 
theilen sich unter die Betrachtungen über die Bedeutung jedes ein- 
zelnen Modus. 

Weit entfernt, dass Erdmann diese Forderung widerlegt, ist 
sein Buch vielmehr ein sprechender Beweis für die Richtigkeit der- 
selben. Wer Otfrid gelesen hat, dem ist die Häufigkeit des blossen 
Conjunctivs aufgefallen und die Verschiedenartigkeit der Functionen, 
in denen er erscheint. Schlägt er nun Erdmann auf und wünscht 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 123 

sich Aber die Rille zu belehren , in denen der blosse Conjunctiv ver- 
wendet wird, so müss er weit herum suchen, wie ihm Bd. 1, S. 39 
gleich in Aassicht stellt. Er findet also ein Hauptcharacteristicum 
tob Otfrids Syntax nicht als solches in den Vordergrund der Darstel- 
lung geschoben. Das ist nicht blos wissenschaftlich sondern auch 
künstlerisch ein Fehler. 

Ich würde allerdings den germanischen Conjunctiv nicht so ab- 
handeln wie Miklosich den slavischen Conditional (4, 808). Miklosich 
macht sechs verschiedene Bedeutungen desselben namhaft, ohne 
Rücksicht darauf, ob sie in selbständigen oder in unabhängigen 
Sätzen erscheinen, ohne Bücksicht, ob Partikeln daneben stehen oder 
nicht Das ist gewiss nicht unrichtig ; aber ich halte es für zweck- 
mässiger die Eintheilung nach formalen Gesichtspuncten so weit als 
irgend möglich zu treiben. Ich möchte daher auch die Betrachtung 
nach selbständigen und abhängigen Sätzen, die eine vollkommen klare 
und sichere Scheidung an die Hand gibt, nicht vernachlässigen. Ich 
würde etwa den blossen Conjunctiv im selbständigen Satze voran- 
stellen, dann untersuchen, welche Partikeln (Interjectionen) ihm, 
seine Bedeutung erläuternd , zur Seite stehen , wie Miklosich dergl. 
beim Imperativ beobachtet hat. Ich würde ferner den blossen Con- 
junctiv im abhängigen Satze betrachten , dann wieder seine Verbin- 
dungen mit Pronomina und Partikeln, welche die Abhängigkeit näher 
bezeichnen. Dabei wurde ich jede Partikel an äiner Stelle erledigen, 
gleichviel was sie bedeute. Ich würde aber dann zwei Uebersichten 
folgen lassen , die eine worin ich sämmtliche vorher behandelte Ge- 
brauchsweisen auf die Bedeutungen des Conjunctivs zurückführte ; die 
andere wohn ich sämmtliche behandelte Gebrauchsweisen auf das ge- 
wöhnliche System von Cansal-, Conoessiv-, Conditional-, Comparativ-, 
Temporal-, Relativsätzen usw. brachte. Ich würde überhaupt Ver 
wwsmngen nirgends scheuen ; ich würde jede vernünftige Erwartung 
aaderagewöhnter Leser zu errathen und zu befriedigen suchen — aber 
nebenbei , ohne solchen Gewohnheiten und Forderungen Einfluss auf 
den grossen Gang der Darstellung einzuräumen. 

Ich glaube , dass nur auf diesem Wege die Syntax der Einzel- 
sprache den vergleichenden Bemühungen gehörig entgegen kommt, 
was wir doch als beiläufiges Ziel stets im Auge halten wollen. Auf 
lern jetzigen Standpuncte der Forschung sollte es freilich schwer 
werden , die Bedeutungen des deutschen Conjunctivs so zu ordnen, 
dass diejenigen voranstehen, worin die Form ihrer ursprünglichen 
Beratung tuen bleibt und dem alten Optativ entspricht , dass die- 
jenigen folgen, worin sie Functionen des alten Conjunctivs übernahm 
(wenn sie anders solche übernahm: vgl. vielmehr Erdmann, 
Wissensch. Monatsbl. 3, 56), dass sich endlich anschliesst, was viel- 
leicht überhaupt kein Vorbild in der altarischen oder alteuropäiscfceo 
Syntax besitzt. Ohne Lächeln kann ich es nicht lesen , wenn die go- 
thischen Syntaktiker überhaupt nur noch von Optativ reden , als ob 
eine andere Bezeichnung des Modus unwissenschaftlich wäre. Doch 



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124 Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 

ich will meinem Aerger über unnütze neue Terminologien nicht von 
neuem Luft machen. In solchen Aeusserlichkeiten etwas zu suchen, 
ist kein Zeichen grosser Auffassung der Dinge. 

Im historisch vergleichenden Sinne wird wol die Lehre von den 
Hilfsverben ein ganz besonders wichtiges Capitel der germanischen 
Syntax ausmachen. Das Umsichgreifen der Hilfszeitwörter ist ohne 
Zweifel eine der Hauptursachen für die starke Formenreduction des 
germanischen Verbums. Sie boten so viel scharfe Bezeichnungen, so 
mannigfaltige Schattierungen des Sinnes dar , die gemeine Deutlich- 
keit schien oft so sehr dadurch zu gewinnen , 'dass es kein Wunder 
war, wenn bei einem künstlerisch wenig begabten Volke diese prosai- 
schen Ausdrucksmittel mehr und mehr beliebt wurden und die Con- 
junctive, Futura, Aoriste, Imperfecta, Plusquamperfecta , Passiva 
allmälich ausser Ours kamen. 

Es ist derselbe Zug , der sich im germanischen Accentuations- 
princip wirksam erzeigt. Aber die gesteigerte Verwendung der Auxi- 
liaria muss viel älter sein als die Accentuation der Wurzelsilbe. Der 
neue Accent fand in allen ablautenden Verbis die Reduplication nicht 
mehr vor. Die Präterito - präsentia aber unter den Hilfszeitwörtern 
beruhen auf der Ausbildung des altarischen Typus vaida (skr. veda, 
gr. oida), d. h. auf dem Mangel der Reduplication in den präsentisch 
gebrauchten Perfectformen 1 ) ; sie stammen mithin aus einer Zeit, wo 
die Reduplication des Perfects noch in voller gefühlter Kraft be- 
stand ; sie sind ferner aus den germanischen Sprachen in der Regel 
nicht zu erklären, ihre germanischen Verwandten sind von ihnen ab- 
geleitet, sie liegen ihnen nicht voraus — immer ein Zeichen hohen 
Alterthums. 

Erdmann hat einen besonderen Paragraphen über die Vortre- 
tung des Conjunctivs durch Umschreibungen mit Hilfsverben (1, 36), 
er bringt auch sonst gelegentlich werthvolle Beobachtungen über den 
Gebrauch der Auxiliaria. Ihre Stellung in einem syntaktischen System, 
wie es mir vorschwebt, müsste, dünkt mich, folgendermassen geregelt 
werden. Die Lehre von den Wortclassen muss, wie ich schon sagte, 
beim Verbum die Kategorie der Hilfszeitwörter als solche erläutern ; 
sie muss die einzelnen aufführen , die Entwickelung ihrer Bedeutun- 
gen angeben und zeigen , wie sie zur blos auiiliaren Function herab- 



*) Bezzenberger, Beitr. zur Kunde der indogermanischen Sprachen 
2, 159 vermuthet, die ablautenden germanischen Perfecta hätten niemals 
Reduplication gehabt, und verweist dabei auf die vedischen Perfecta 
ohne Reduplication. Dass diese vereinzelt sind (Delbrück Altind. Verbum 
S. 120 f.), will ich nicht zu hoch anschlagen. Aber wenn Bezzenberger 
es absolut unbegreiflich findet, dass sich gar keine Spur der Reduplica- 
tion jener Perfecta in den germanischen Sprachen erhalten habe, so muss ich 
bemerken, dass ich nach wie vor gdbum, ndmum gegenüber tnagum, mu~ 
gum, sculum für recht deutliche Spuren früherer Reduplication halte. 
Für Abfall oder Beibehalten der Reduplication aber war klärlich der Ab- 
laut (Unterschied des Wurzelvocals im Präsens und Präteritum) oder 
Nicht-Ablaut (Gleichheit des Wurzelvocals im Präsens und Präteritum) 
das entscheidende. 



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Schriften zur deutschen Grammatik, ang. v. W. Scherer. 125 

sinken, in dieser Weise hat Lucae die mittelhochdeutschen Hilfs- 
rerba fein behandelt. Dann aber, in der Lehre von den Wortformen, 
kann man zweifelhaft sein, ob der Gebrauch der Auxiliaria nicht 
beim Infinitiv und Particip abzuhandeln sei, aber das hiesse die 
ganze Lehre vom Indicativ und Conjunctiv noch einmal vortragen. 
Es bleibt daher nichts anderes übrig , als den Indicativ der Hilfs- 
verb* beim Indicativ, den Conjunctiv der Hilfsverba beim Conjunctiv 
einzureihen. Die Nachtheile, die sich daraus ergeben, sind nicht 
grösser als die Nachtheile, die überhaupt aus der völligen Trennung 
von Indicativ und Conjunctiv entspringen. Es scheint , als ob das 
geschichtliche Verhältnis verdunkelt würde, wenn man nicht unmittel- 
bar sieht, wie z. B. im Deutschen ältere Constructionen mit dem Con- 
junctiv durch solche mit dem Indicativ verdrängt werden: wofür 
die Schrift von Bock interessante Belege darbietet. Aber das liegt 
nur an der Fragestellung. Bei der von mir vorgeschlagenen Dar- 
stellongs weise wird auch streng historisch gezeigt, wie der Indicativ 
am sich greift, wie der Conjunctiv zurückweicht: denn es ist selbst- 
Terständlich, dass wir für jede Gebrauchsweise nach den chronologi- 
schen Grenzen suchen müssen. Wir haben dann jedesmal ein ein- 
heitliches Snbject unserer Erzählung, einen Helden gleichsam, dessen 
Schicksale wir verfolgen , während bei der gewöhnlichen Betrach- 
tungsweise ein fortwährender Wechsel des Subjectes stattfindet. 

Im Allgemeinen gilt es überhaupt nur, auf Tempus- und Mo- 
duslehre dieselben Piincipien der Darstellung zu übertragen, welche 
für die Casuslohre längst üblich sind. Ich habe daher gegen den 
zweiten Band von Erdmanns Untersuchungen in dieser Hinsicht viel 
weniger einzuwenden, als gegen den ersten ; nur dass alles, was sich 
an/ die Congruenz bezieht, meiner Ansicht nach auszuscheiden wäre. 

Hiermit breche ich diese Bemerkungen ab , welche im wesent- 
lichen nur eine Uebersicht über die vorhandenen Leistungen und eine 
Erörterung über das System geben sollten. Auf die Discussion von 
Einzelheiten muss ich verzichten. Dagegen wollte ich allen , die zu 
syntaktischen Arbeiten geneigt sind, ein Hilfsmittel an die Hand und 
guten Bath für die Anordnung des Stoffes geben. Für Prüfungs- 
arbeiten und Programme eignet sich kaum ein Gegenstand mehr, 
lamcr aber wird es natürlicher sein, die erschöpfende Untersuchung 
eines einzelnen Autors zum Ziel zu nehmen, als weitausgreifende Be- 
obachtungen , deren Vollständigkeit schwer zu garantieren ist. Und 
zwar möchten sich für jetzt ganz besonders die Schriftsteller des elften 
and zwölften Jahrhunderts, die den Uebergang vom Althochdeutschen 
tum Mittelhochdeutschen bilden, zu eingehender Behandlung empfeh- 
len. Solche Untersuchungen würden dem literarhistorischen Interesse, 
das sich seit einiger Zeit dieser Region zugewendet hat , in vorteil- 
hafter Weise entgegenkommen. 

Berlin, 19. Januar 1878. Wi lhelm Scherer. 



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126 Fiedler u. Sachs, Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. Kanrath 

Wissenschaftliche Grammatik der englischen Sprache, von Edi 
Fiedler und Dr. Carl Sachs. Erster Band, Geschichte der englischen 
Sprache, Lautlehre, Wortbildung und Formenlehre- Zweite Auflage 
nach dem Tode des Verfassers besorgt von Eugen Kölbing. Leipzig 
Verlag von Wilhelm Violet, 1877. 

Bei der Beurtheilung des vorliegenden Buches muss man nan 
türlich auseinander halten, was vom ersten Verfasser herrührt, und 
was vom Herausgeber der neuen Auflage dazugekommen ist. Fiedlers 
Werk war der erste Versuch einer wissenschaftlichen Behandlung der 
englischen Sprache, und man thäte gewiss sehr unrecht, sein Verdienst 
darum schmälern zu wollen, weil Koch und Mätzner nach ihm weil 
besseres geleistet haben. Allein die englische Philologie hat eben in 
den 27 Jahren, welche seit dem Erscheinen der 1. Auflage verflossen 
sind, eine bedeutende Veränderung erfahren: die Lautlehre ist völlig 
umgestaltet, die Kenntnis der Formen erweitert und die Erklärung 
derselben in vieler Beziehung gefördert worden; es blieben daher nur 
wenige Partien des alten Buches übrig, welche nicht einer vollstän- 
digen Umarbeitung oder doch einer Berichtigung in einzelnen Puncten 
bedurft hätten. Leider musste sich der Herausgeber, wie er in der 
Vorrede bemerkt, für diesmal mit den Besserungen begnügen, welche 
innerhalb einer verhältnismässig sehr kurzen Frist herstellbar waren; 
und leider, müssen wir hinzufügen, lässt sich der Abstand zwischen 
dem, was stehen geblieben, und was geändert worden, auch gar nicht 
verbergen. 

Am empfindlichsten tritt dies bei der Lautlehre des germa- 
nischen Theiles zu Tage. Dem Vocalismus des NE. hat der Heraus- 
geber eine Uebersicht des angelsächsischen *) Vocalismus im Ver- 
hältnis zum gothischen vorangeschickt. 'Ob diese Anordnung praktisch 
ist', sagt er in der Vorrede, c wird sich ja finden, sie will wenigstens 
historisch sein'. Gewiss wäre sie praktisch, wenn nur der historische 
Weg nach diesem versprechenden Anfange nicht wieder verlassen 
worden wäre. Die Methode aber, welche Fiedler bei der Behandlung 
des ne. Vocalismus (§§. 42 — 49) befolgt, ist die, dass er von den 
Lauten ausgeht, denselben die Lautzeichen unterordnet und sie mit 
den entsprechenden ags. vergleicht. Das mag seine gute Berechtigung 
gehabt haben zu einer Zeit, da es an der Kenntnis der Zwischenstufen 
zwischen dem NE. und Ags. fehlte ; allein ich kann mich der Meinung 
nicht erwehren, dass man heutzutage endlich anfangen müsse, nach 
dem Vorgange von ten Brink und Sweet die Resultate der Erforschung 
ae. und me. Quellen für die ne. Lautlehre nutzbar zu machen. 

Und gerade für diesen Zweck war bereits in der Wörterliste 
§. 26, welche streng nach den Vocalen geordnet ist, ein nicht unbe- 

') Ich gebrauche hier und im folgenden ags. neuags. ae. me. in 
Uebereinstimmung mit dem Buche; im übrigen halte ich mit dem Her- 
ausgeber (S. 34 Anro.) dafür, dass man besser thäte, die von Zupitza 
vorgeschlagene Bezeichnung Altenglisch und Mittelenglisch an- 
zunehmen. 



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Fiedler o. Sachs y Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. KonratK 127 

deutendes Material zusammengestellt, welches hier auf das beste hätte 
verwerthet werden können. Dort sollte diese Wörterliste dem Leser 
die Veränderungen zeigen, welche mit den Wörtern überhaupt, na- 
mentlich aber mit ihren Vocalen vom Ags. bis ins Ne. stattgefunden 
haben. Indessen müsste denn doch eine Erörterung über den Ursprung, 
lieben Laotstand vorangehen, ehe man seine allmähliche Veränderung 
darthut; davon aber war bis zum §. 26 gar keine Rede. 

Schlimmer noch ist es mit dem Consonantismns des germ. 
Theiles bestellt. Es fehlt da schon an einer methodischen Anordnung : 
Fiedler geht bald vom Ags. bald vom NE., bald vom Laut, bald vom 
Zeichen ans. Wenn der Herausgeber anch nicht die nöthige Müsse 
finden konnte, die ganze Partie umzuarbeiten (vgl. Vorrede p. IX), so 
kitte er doch wenigstens im Vorbeigehen einige augenfällige Unrich- 
tigkeiten verbessern sollen. So heisst es, um nur ein paar Beispiele 
anzufahren, am Schlüsse des §. 58: 'Einige ags. bb, entsprechend 
deutschem einfachen b, alts. bh, werden im Engl, zu v: libban: live, 
kabban : have, hebban : heave/ Aber live entspricht dem ags. lifjan ; 
das v in have ist aus den Formen hafast, hafad, häfde, in heave aus 
dem pruet. höf, oder dem p. p. hafen in den infin. gedrungen. Heave 
figuriert sogar noch einmal im §. 59 unter der Rubrik 'Eigentliches 
(ags.) f 3 ! Der §. 59 handelt Aber das f, welches 1. uneigentliches 
(aas nrspr. b entstandenes), 2. eigentliches f ist. Beispiele werden 
angeführt und ans ihnen der Schluss gezogen (S. 143): ( In ihrer Be- 
handlung sind beide f, wie man sieht, einander gleich ; beide bleiben 
am leichtesten auslautend und werden inlautend fast immer zu v\ Da- 
gegen beisBt es wieder im §. 137 bei der Pluralbildung der Substan- 
tiv»: 'Wo im Goth. und Nhd. auslautend b steht, im Ahd. p, so dass 
ags. f för v steht (?), hat sich der auslautend eingedrungene Laut 
»bratend nicht erhalten ; wo dagegen f der eigentliche ags. Laut ist 
ud unser nhd. f för ahd. v. steht (?), da hat sich f in der Begol erhal- 
tan/ Cnd weiter: 'Einige Verwechselungen haben, wie schon bemerkt, 
im E. stattgefunden; so hat auch elf in der Mehrheit bisweilen elfs; 
des Deutsche eine zeigt indessen, dass die gebräuchlichere Mehr- 
heit elves die richtigere ist/ Das wäre also doch eine verschiedene Be- 
aeodlong der beiden f ? Die Thatsache ist, dass sich ags. f im Inlaute 
vor Vocalen schon im Neuags. und Ae. in v verwandelt hat, wie man 
anch ans der Wörterliste §. 26 ersieht (dort heisst es freilich S. 69 
ebne weiteres, c f wird zu v J ). Diese Begel bleibt auch fur's Ne. ; da- 
her wird das f der Substantiva, welche den Plural auf -es bilden, zu 
?, and darum schreibt man z. B. auch gave, drove, shrove u. 3. w. 
Wo im Ne. inlautendes f steht, da war es ursprünglich im Auslaut, 
wie in life, wife, knife. Five (S. 142 und 190 ist fife gedruckt) geht 
auf die flectierte Form fife zurück. Bezüglich des v in vat gegenüber 
ags. fit wird S. 143 die Vermuthung ausgesprochen, dass es vielleicht 
ml dem franz. vase zusammenhange. Das ist gewiss ebensowenig der 
Fall, wie in vane und vixen, und sollte, nachdem wir eine Ausgabe 
das Ayeabite besitzen, nicht mehr niedergeschrieben werden; auch 



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128 Fiedler u. Sachs, Gramm, der engl. Sprache, ang. v M. Konrath. 

das nicht, dass goth. f ahd. v (= bh) entspreche, und dass ags. v 
wieder weiter gerückt und englisches w geworden sei (§. 60). Auch 
hierin haben sich die Ansichten seit Grimm bekanntlich sehr geändert* : 
goth. f bleibt im Ahd. im Anlaut und Auslaut in der Regel f, d. h. 
un verschoben , wenn auch in der Schreibung zuweilen v eintritt; im 
Inlaute steht v häufiger goth. f gegenüber und bedeutet hier ver- 
um thlich, ebenso wie im Ne., den Uebergang von der tonlosen in die 
tönende Spirans ; das ags. v aber, oder vielmehr die Rune p, welche 
Grimm mit v bezeichnete, und das ne. w haben gewiss denselben Laut- 
werth (w 1 nach Brücke). 

Ueber die Lautlehre des französischen Bestandtheiles ist wenig 
zu bemerken ; die Behandlung ist dieselbe, wie die des germanischen 
Bestandtheiles; das Lateinische ist in ausgedehntem Maasse zurVer- 
gleichung herbeigezogen worden. 

Den Schluss der Lautlehre bildet §. 88, "Andeutungen über die 
Geschichte der Aussprache der englischen Laute', eine sehr willkom- 
mene Zugabe der neuen Auflage. Darauf folgt eine etwas mager ge- 
haltene Tonlehre, und dann, als III. Abschnitt, die recht sorgfältig 
und ausführlich bearbeitete Wortbildungslehre. Es fragt sich nur, ob 
es nicht besser wäre, die Formenlehre vorangehen zu lassen, auf 
welche man ja bei der Zusammensetzung öfters verweisen muss. 

In der Formenlehre nun überragt die Darstellung der Conju- 
gation, grösstenteils das Werk des Herausgebers dieser Auflage, 
alles übrige. Nicht nur dass die Eintheilung der starken Verba in 
zweckmässiger Weise nach Müllenhoffs Paradigmen umgeändert, bei 
der Erklärung der Personalendungen und des Ablautes auf die neue- 
sten Forschungen Rücksicht genommen, oder zuweilen eine eigene, 
beachtenswerthe Ansicht aufgestellt worden ist, auch die historische 
Entwicklung der Formen ist hinlänglich klar gelegt. Dabei wurde 
natürlich auf die Paradigmen des I. Abschnittes (Geschichte der eng- 
lischen Sprache) hingewiesen, einzelne, wie die goth. und ags., noch 
einmal hieher gesetzt. Und das bringt mich auf den Gedanken, ob es 
nicht überhaupt viel zweckentsprechender wäre, die ursprüngliche 
Anordnung des Buches dahin zu verändern, dass die ags. neu ags. 7 ae. 
und me. Formenlehre aus dem I. Abschnitte in den IV. übertragen 
würde ; die Thatsache zeigt ja, dass man bei den ne. Formen immer 
wieder auf sie zurückkommen muss, die Trennung kann also nur auf 
Kosten der Uebersichtlichkeit und des noth wendigen Zusammenhanges 
geschehen. Um das Verhältnis des Engl, zum Ags. darzuthun, ge- 
nügten im §.21 einige allgemeine Bemerkungen über die allmähliche 
Abschwächung und den endlichen Verlust der Flexionsendungen ; denn 
eine vollständige Geschichte der Umgestaltungen, welche Laute und 
Formen im Laufe der Zeit erfahren haben, konnte im L Abschnitte 
schon darum nicht wol beabsichtiget sein, weil ja die Lautlehre erst 
im II. Abschnitte, die ne. Formenlehre im IV. Abschnitte behandelt 
wird. Ebenso unnothwendig war die Einschaltung der ausführlichen 
Paradigmen an jener Stelle für die in §§. 27, 28 folgende Unter- 



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Fiedler u. Sachs y Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. Konrath. 120 

Buchung, wie gross der Einfluss des Französischen auf die Verände- 
rungen war, welche das Ags. in seinem Uebergange zum Engl, er- 
litten hat (vgl. S. 69), da ein solcher Einfluss auf die Formenlehre 
nach §.27 überhaupt gar nicht nachweisbar und selbst die eine Spur 
desselben, das Ueberhandnehmen des -s im Plural der Substantiva 
%. 28, 6) mehr als zweifelhaft ist (vgl. Diez Gramm. II. p. 46). 

Bei dieser Gelegenheit will ich zugleich auf einen Widerspruch 
Aufmerksam machen : im §. 27 wird, wie eben erwähnt, der Einfluss 
des Franz. auf die für das spätere Engl, character istischen Formver- 
änderungen geläugnet, indem der Herausgeber mit Recht der Ansicht 
von Price beistimmt, welcher in der Ausgabe von Warton 's History 
4 the English Poetry I, 110 behauptet, es beruhe nichts so sehr auf 
der festen Grundlage vernunftgemässen Schlusses, als dass dieselben 
Wirkungen eingetreten sein wurden, wenn Wilhelm und sein Gefolge 
in ihrem Vaterlande geblieben wären. Im §. 28 aber heisst es wieder : 
'Der Einfluss des Französischen auf die Gestaltung des Englischen 
fird also wol nicht abzuweisen sein; schwer ist es aber, auch nur 
mit einiger Genauigkeit zu bestimmen, wie weit sich dieser Einfluss 
erstreckte. Am nachweisbarsten ist er noch in der Laut- und Form en- 
lehre.' Nach dem Vorausgehenden sollte man doch wenigstens in 
Bezug auf die Formenlehre das gerade Gegentheil erwarten! Den 
Widerspruch hat die angeführte Stelle von Price verschuldet : Fiedler 
erklärte der Ansicht desselben nicht beistimmen zu können, Kölbing 
dagegen nahm sie als richtig an, liess aber das folgende in der ur- 
sprünglichen Fassung stehen. 

Um zur ne. Formenlehre zurückzukehren, so bedürfte meines 
Erachteos namentlich die Declination der Substantiva einiger Nach- 
besserung. So ist es z. B. unrichtig, dass die Mehrheit der starken 
Uasculina 1. und 2. Declination im Ags. durch s gebildet wurde: die 
Endung war as, später es (Im Paradigma S. 34 wird auch os ange- 
fahrt, darüber vergleiche man jedoch Zupitza, Z. f. D. A. neue Folge 
IX, p. 14). In Wörtern, wie clothes, ferner in denen auf f mit voran- 
gehendem langen Vocal (ausgen. oo) und auf lf, ebenso in denen, die 
auf einen Zischlaut endigen, hat sich also die alte Flexionssilbe er- 
halten. 

Warum ist ferner im §. 138 von den Zusammensetzungen mit 
nun, welche den Plural men bilden, nur das einzige woman erwähnt? 

Ich will nun im Anschluss an diese allgemeine Besprechung 
noch einzelnes Besondere nachtragen, was mir beim Durchlesen des 
Buches gerade auffiel. 

S. 54. 'Ganz vereinzelt ist dies Fehlen des (Gen.) s auch auf 
Masculina übertragen, z. B. RG : is uncle deth ; Sh. p. 10 : Ich cristni 
the in the vader name | and sone, and holy ghostes (Ms. |>e und 
Softes). Diese Worte ohne weiteres mit fader und brotner auf eine 
Stufe zu stellen, geht nicht an/ — Dabei scheint übersehen worden 
in sein, dass sich in sone nur die alte Genetivform suna erhalten hat, 
ton einem Fehlen des s also keine Bede sein kann. 

Ztitocknft f. d. fetorr. 67100. 1878. U. Heft. 9 

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180 Fiedler u. Sachs, Gramm, der engl Sprache, ang. v. M. Konrath. 

S. 56. Beim hinzeigenden Fürwort ist für den Nom. Sing. masc. 
nur J>e, für das fem. J>a, J>eo, J>o angegeben. Im Ayenbite finden sich 
noch je einmal die Formen ze für Nom. Sin* masc. (ee, J>et ne he}> 
fise uondinges, he ne may noJ>ing wel conne . 117), und zy als Nom. 
sing. fem. Q>e bene, J>e more J>et hy is common, )>e more hy is worJ> ; 
ase )>e candele is betere bezet, J>et seruej) to ane halle and uol of 
uolk, J>anne ey, J>et ne seruej> böte to onelepy manne.* 102). 

S. 112 ff. (Gothische und angelsächsische Vocale). — Zu diesem 
Abschnitte möchte ich mir einige Bemerkungen erlauben, die zwar 
nichts neues enthalten, aber zur Präcisierung meines Standpunctes 
gegenüber dem hier eingenommenen nothwendig erscheinen. In Bezug 
auf das Verhältnis zwischen a und ä im Ags. hat sich der Verfasser 
der Ansicht Holtzmanns angeschlossen, nach welcher a im allgemeinen 
in offener, ä hingegen in geschlossener Silbe stehen soll. — Ich sehe 
eigentlich keinen triftigen Grund von der bisherigen Fassung der 
Begel abzugehen, dass, abgesehen von consonantischen Einflüssen, 
das a bleibt, wenn die folgende Silbe a, o oder u hat. Holt/mann muss 
zum mindesten ebensoviel Ausnahmen von seinem Gesetze gelten 
lassen, als man es bisher thun musste. Seine Meinung, dass z. B. in 
däges, fager das e stumm sei, ist ganz ungerechtfertigt ; auch bringt 
er weder eine annehmbare physiologische noch akustische *) Begrün- 
dung des Vorganges, während, wenn man das ä mit Scherer GD. 
S. 127 ff. als eine Wirkung ags. Tonerhöhung ansieht, sofort be- 
greiflich wird, dass diese Erhöhung des Tones durch einen folgenden 
Vocal mit tieferm Eigentone gehindert werden konnte. 

Was ferner die Schwächung des aus altar. a entstandenen e zu 
i und des o zu u belangt, so wird hier die Ansicht aufgestellt, dass 
sie schon in der germanischen Ursprache durch ein i der folgenden 
Silbe bewirkt worden sei ; nur vor r-, h-, ztim Theil auch vor 1- Com- 
binationen werde diese zweite Schwächung meist aufgehalten. 

Auf welche Thatsachen die erste Behauptung sich gründet, 
weiss ich nicht anzugeben ; im Gothischen wenigstens erscheint i und u 
ohne Bücksicht auf den Vocal der folgenden Silbe. Wol aber hat in 
den übrigen Zweigen der germanischen Sprachen ein erhaltenes oder 
früheres suffixales a die Macht 1. ein aus ursprünglichem a ge- 
schwächtes e und o der Wurzel vor dem Uebergang in i und u zu 
schützen, 2. ein ursprüngliches u der Wurzel zu o zu erhöhen; Nasal- 
laute hindern diese Wirkung des a. Im Ags. werden dann diese aus a 
geschwächten 8 durch den Einfluss folgender Consonanten, am häufig- 
sten vor r-, h- und 1-Verbindungen zu eo, sowie a in denselben Fällen 
zu ea wird. Den physiologischen Grund dafür gibt Scherer GDS 
p. 140 ff. Vor ht können sowol eo, als ea (über ie?) zu i fortschreiten 



') Man wird nicht etwa das folgende (Gramm, p. 175) dafür nehmen 
wollen : 'Es sollen gewissermassen alle kurzen Silben gleich schwer wiegen ; 
da aber dag um einen Buchstaben schwerer ist als da-, so wird ebenso 
viel_ als s wiegt, von dem Gewicht des a über Bord geworfen, wodurch 
es ä wird, und es sind also da- und dag einander gleich an Schwere.' 



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Fiedler u. Sachs, Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. Konrath. 181 

and vielleicht dürfen wir dabei an ein weiter vorne gebildetes h, etwa 
Brüekes % x denken, welches den an derselben Articulationsstelle ge- 
bildeten i- Laut hervorrief; denn diese i mit Holtzmann für y zu 
nehmen, hindert schon die herrschende Schreibung und ausserdem 
auch der Umstand, dass in der kentischen Mundart an ihrer Stelle 
e erscheinen müsste. — Aber auch ein aus a geschwächtes i, d. i. ein 
ursprüngliches a der Wurzel, welches auf dem Wege zu i nicht durch 
folgendes suffixales a aufgehalten wurde, kann unter denselben Be- 
dingungen zu eo (io) werden, und während jenes aus e entstandene 
eo dem altnord. ia entspricht, so entspricht dieses dem altnord. iö: 
goth. hairus, ags. heoru, an. hiörr; goth. fairhvus, ags. feorh, an. fiör; 
igs. heorot, an. hiörtr, ahd. hiruz; goth. miluks, ags. meolc; goth. 
lilubr, age. seolfor; goth. faihu, ags. feoh u. s. w. 

Die Wirkung des a auf ein vorhergehendes o und wurzelhaftes 
q ist im Ags. durchgreifend, und ausser den Nasalen, von folgenden 
Consonanten unabhängig; höchstens in ful gegenübergoth. falls möchte 
min einen solchen consonantischen Einfluss erkennen, in vulf (d. i. 
wilf) kann das vorausgehende w, in fugol der Hilfsvocal o das u ver- 
anlasst haben. Aus den S. 115 angeführten Beispielen for, vorm, 
hörn. . .darf man nicht schliessen, dass r (und h) im Ags. meist den 
Fortgang von o zu u 'aufgehalten haben ; denn man könnte noch viel 
mehr Beispiele bringen von Wörtern, in denen auf o (= urspr. a) 
weder r noch h folgt. 

Eigentümlich ist auch S. 115 die Zusammenstellung c guld!n, 
golden' verglichen mit ags. 'gelden [neben gylden in alten Hss.]\ 
Golden ist unter dem Einflüsse des Subst. gold entstanden, als man 
den Ursprung des -en aus -In nicht mehr fühlte; in guldln fehlt 
einfach der Umlaut, ein goldin wäre nicht möglich. Allein der Zusatz 
'in alten Hss/ läset fast vermuthen, als ob der Verfasser gelden und 
golden für ältere Formen und das e für den Umlaut eines altern o 
kielte, da er oben gesagt hatte: c goth. u = ags. o, besonders vor 1\ 
Cebrigens scheinen gelden und das ebenfalls angeführte embe (für 
ymbe) kentisch zu sein, und man braucht daher c zu dem sporadisch 
vorkommenden e' nicht das Friesische zu vergleichen, da bekanntlich 
e and G für y und f dem kentischen Dialekte eigentümlich sind 
und schon im 9. Jhd. erscheinen. 

Nach dem Gesagten ist natürlich auch die S. 118 aufgestellte 
Begel zu berichtigen, dass im Ags. ein wurzelhaftes u unter dem 
Einflüsse eines folgenden h zu o werde; denn wo bleibt das h z. B. in 
hlot, Worzel hin; frost, Wurzel frus; loca, Wurzel lue? Dass neben 
dum auch dor vorkommt, hat darin seinen Grund, weil duru ein u- 
Stamm, dor ein a-Stamm ist; vgl. goth. daur, daura-vards u. s. w. 
Was nun den Einfluss des r und h im Gothischen betrifft, so hängt 
derselbe mit der Schwächung des altar. a nicht zusammen, und da 
uch das suffixale a keine Wirkung auf den vorhergehenden Vocal 
ausübt, so werden wir wol annehmen müssen, dass das Goth. in jedem 
Fall bis zu den Extremen der Schwächung i und u vorgeschritten ist ; 



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182 Fiedler u. SacJis, Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. Konrath. 

diese i und u werden dann mit derselben Regelmässigkeit, wie die ur- 
sprünglichen, nicht aus a geschwächten, zu ai und aü gewandelt. 

S. 171. In Betreff der Zeichen 3 und g vergl. man Znpitza, 
Cynewulfs Elene p. VI ff., wornach das hier angegebene zu berich- 
tigen wäre. 

S. 180. c Vracu, Rache, vrsec (vräc?) Verbannung*. — Ein No- 
minativ vräc ist nicht denkbar, da das Wort, wenn es nicht langsilbig 
wäre, u annehmen müsste. 

S. 192. 'find, goth. finpan, send statt senth (goth. sandjan)* — 
Es soll offenbar heissen, und statt ftnth (goth. finjban), denn aus goth. 
sandjan kann man doch nicht auf ein engl, senth schliessen. 

S. 201. Ich zweifle, ob man in handicraft, handiwork u. s. w. 
das i als Rest des Themakennzeichens zu betrachten habe ; es könnte 
ja auch durch Vocalisierung aus ge entstanden sein, wie ags. hand- 
geweorc zu beweisen scheint. 

S. 246. In Bezug auf die Bemerkung, dass seif im Ae. bereits 
indeclinabel geworden sei, und dass die Formen seif, selve, selven 
ohne Unterschied der Bedeutung gebraucht werden, möchte ich er- 
wähnen, dass 2. B. noch im Ayenbite der Gebrauch von zelf und zelue 
völlig geregelt ist. 

Das Wort erscheint: 1. als eigentliches Demonstrativ, a) im 
Nom. Sing, in starker Form seif (god zelf, 93, 149, 248; pe wordle 
zelf, 59), in schwacher Form zelue (pe ilke zelue boc 185, J>et ilke 
zelue hous, pe ilke zelue uader 263). b) in den übrigen Casus und im 
Plur. zelue. 

2. In Verbindung mit Pronominibus. a) Nom. Sing, zelf (p\ 
zelf 90 ; him zelf 5, 6, 34). 6) in den übrigen Casus und im Plur. 
zelue. ( of pe zelue 64, of pi zelue 73, 85, pi zelue acc. 145, 210; 
him zelue acc. 48, 59, of him zelue 126, 142, hare zelue acc. 97, 
by hire zelue 231 ; ine ous zelue, to ous zelue 265 ; kam zelue nom. 
175, acc. 78, 82). Für die I. Sing, und die II. Plur. kommt kein 
Beispiel vor. 

S. 249. Der alte Instr. des Fragepronomens ist in zwei adverb. 
Formen, why und how vorhanden. How erklärt sich aus hü, für hwti, 
indem das 1 in hwl unter dem Einflüsse des w zu ü geworden ist. 

S. 257. Firrest ist ungenaue Schreibung für fyrrest, y Umlaut 
des eo. Further entspricht ags. furdor, comp, vom Adv. ford. (vgl. 
goth. faurj>is, aber mit Suffix is). 

S. 272. c Bei den übrigen Verben findet sich überhaupt keine 
Flexionsendung, sondern nur ein Nominalstamm auf ä ohne das s des 
Nominativs/ — Das ist nicht ganz genau. Aus der Wurzel wird zu- 
nächst ein Nominalstamm auf a gebildet: giba, und dazu tritt noch 
der Pronominalstamm a (a-gham, e-go, i-k). Gibaa gibt gibä und in 
Folge des Auslautgesetzes giba. Im Ahd. hat sich das a zu u ge- 
schwächt, im Ags. kommt noch zuweilen vor (aus Greg. Cura past. 
sind von Sweet 33 Belege angeführt). So erklären sich dann auch 



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Fiedler n. Sachs, Gramm, der engl. Sprache, ang. v. M. Konrath. 188 

Fälle wie bace, fare, in denen man ä erwarten sollte ; es wirkt offen- 
bar das alte o nach. 

Im Praet. ist kein stammbildendes Suffix a, sondern nur die 
redupl. Wurzel ; das a der Endung musste abfallen, daher haihald, 
ans haihald-a. 

S. 273. Die einfachste Erklärung des s der 3. sing, dürfte wol 
sein, dass es ebenso wie das r (für s) im Altn. durch Formübertragung 
aus der 2. in die 3. Person gekommen sei. 

ebendas. Gothisch haldam, haldi]> können nicht unmittelbar 
auf -masi, -tasi zurückgehen; vielmehr liegen die Secundärendungen 
-ma, -ta (-da, geschwächt -di) zu Grunde. Zur Erklärung von hald- 
aima vergl. man Scherer GDS. p. 111. 

Was ferner die ags. Pluralendung a-d anbelangt, so scheint es 
mir doch nicht ganz sicher, dass sie aus a-nti der 3. Person herzu- 
leiten sei; denn so wol das Goth. a-nd, als das ahd. a-nt und das nd 
im ags. sind zeigen, dass hier, wie in andern Fällen, altar. t in die 
Media anstatt in die tonlose Spirans verschoben wurde. Nun stösst 
aber das Ags. gleich dem Alts, und Altfries., welche im Plural mit 
dem Ags. übereinstimmen, das n wol vor der dentalen Spirans, aber 
niemals vor der Media aus, und darum müssen wir annehmen, dass 
die 2., nicht die 3. Plur. die übrigen Formen verdrängt habe. Im 
Praet. drang allerdings die 3. Plur durch. 

S. 282. e und y in hlehhan, hlyhhan (denn das, nicht hlihhan 
ist die richtige Form) sind nur insofern durch das geminderte h ver- 
ursacht, als hh für hj steht und das j den Umlaut des ea (goth. hlahjan, 
ags. * hleahjan) bewirkte. Dieser Umlaut ist ursprünglich ie, dann e, 
spater j. 

ebendas. In teön mischen sich zwei verschiedene Verba : goth. 
taihan, zeihen und tiuhan, ziehen; daher die Formen der i-Klasse 
neben denen der u-Klasse. 

S. 308. Wot ist nicht Praet. sondern Praes. = ags. wät. 

Die Annahme eines Praet. wiss = ags. wisse ist nicht gerecht- 
fertqrt. Das veraltete ne. I wis ist keine Verbalform, wenn auch in 
Wörterbüchern ein Inf. wis angesetzt wird, sondern = ags. Gewis, 
ae. ywi8, sollte also zusammengeschrieben werden. 

Wenn ich nun zum Schlüsse ein Urtheil über die Brauchbarkeit 
des Buches abgeben sollte, so möchte ich sagen, dass ich dieselbe trotz 
mancher Mängel, die es es enthält, nicht gering anschlage. Einen 
Torzug wenigstens wird man ihm unbedenklich zugestehen dürfen : 
es ist klar und leicht verständlich geschrieben, es übergeht keine der 
wichtigern Spracherscheinungen und erdrückt auch den Leser nicht 
durch eine zu üppige Fülle des Stoffes, so dass es dem Studierenden 
zur Einführung in das wissenschaftliche Verständnis der Sprache vor 
allen zu empfehlen ist. Ich meine nicht, dass ihm das Studium des 
viel ausführlichem Mätzner oder Koch erspart bleiben soll ; aber den 
Anfang mag er mit Fiedler machen , weil er das hier Gebotene leichter 



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184 C. Folte, Die Salzburger Bibliotheken, ang. v. 3f. Gitlbauer. 

bewältigt und doch einen festen Grund für seine weitere Aasbildung 
erhält. 

Druck und Ausstattung des Buches lassen nichts zu wünschen 
übrig. 

M. Eonrath. 



Geschichte der Salzburger Bibliotheken von Dr. Carl Polt z. Wien. 
Druck der k. k. Hof- und Staatsdruckerei. Herausgegeben von der 
k. k. Central-CommiBsion für Erforschung und Erhaltung der Kunst- 
und historischen Denkmale. — 119 S. 

In dem Vorworte sagt uns der Verfasser, was er in seiner Schrift 
uns bieten wolle und klärt uns zugleich auch darüber auf, dass die 
Anregung dazu ihm von Professor Sickel geworden. 

Unstreitig der interessanteste Theil der Untersuchung ist gleich 
der erste Abschnitt, in welchem wir die Resultate der Forschung über 
die älteste, also die Entstehungsgeschichte der Salzburgerbibliothek 
bis zu ihrer Theilung zwischen Mönchen (zu St. Peter) und Canonikern 
(zu St. Bupert) niedergelegt finden. Etwa 32 Codices der Arnonischen 
Bibliothek — denn Arno, der erste Erzbischof, ist auch der Gründer 
der Bibliothek — glaubt der Verfasser noch nachweisen zu können, 
eine Zahl, die zusammengehalten mit der Notiz eines Salzburger 
Nekrologs, dass er 150 Bücher habe schreiben lassen, allerdings nur 
zu laut für den Verlust gar mancher Codices spricht. „Die nächsten 
Erzbischöfe wirkten in Arnos Geist fort." So Adalramm (821 — 836) 
und besonders Liuphramm (836 — 859), unter welchem namentlich 
auch ein „Baldo" in gleichem Sinne mit ihm für Anlegung neuer 
Codices besorgt war. Mit Recht legt der Verfasser viel Gewicht auf 
die Ausbildung eines eigenen „ Salzburger Schriftcharakters tf (S. 16 ff.) 
sowie auf eine gewisse Gleichmässigkeit in der ganzen Anlage der 
Codices unter Liuphramm. Obwol er sich nicht apodiktisch über die 
Herkunft dieses Schriftcharakters auszusprechen wagt, so neigt er 
sich doch der Ansicht zu, „dass die Salzburger Schreibschule an eine 
westfränkische (Corbie oder St. Amand) anknüpft und zwar in einer 
Zeit, da die Alcuinischen Reformen noch nicht durchgedrungen waren; 
in den nächsten Jahrzehnten unter Arnos Nachfolgern tritt dann eine 
Festsetzung des Schriftcharakters ein, während man im Westen weiter 
geht ; so zeigt sich eine Schrift aus Salzburg in der Mitte des IX. Jahr- 
hunderts ganz und gar anders , denn eine aus Westfrancien — die 
eine fein, zierlich, elegant, gerundet, die andere derb, hölzern, schwer, 
aber zugleich bestimmt und sicher, dem Auge aus weiter Entfernung 
lesbar." (S. 19.) Auf die Frage, „ob dieser eigenthümliche Schrift- 
charakter auf Salzburg sich beschränkte," getraut sich der Verfasser 
abermals nur mit der Vermuthung zu antworten, dass wol auch in 
Franken, Schwaben und Baiern derselbe zur Geltung gekommen sein 
dürfte. 



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C. FolU, Die Salzbarger Bibliotheken, ang. v. M. Gttlbauer. 135 

Abschnitt n behandelt „die Bibliothek des Stiftes St. Peter." 
Wir erfahren von dem ältesten Katalog aus dem Ende des XII. Jahr- 
hunderts und erhalten ein allerdings etwas dürftiges Bild der äusseren 
und inneren Geschichte der Stiftsbibliothek bis in die neueste Zeit 
herab. 

Mit bedeutend mehr Sorgfalt und, wie es scheint, auch Vorliebe 
hat der Verfasser im III. Abschnitte, nächst dem I. wol dem bedeu- 
tendsten, „die Bibliothek des Domkapitels u seiner Forschung unter- 
zogen. Gewiss mochte auch das hier reicher vorliegende Material dazu 
verlocken. Auch hier werden wir in den uralten Bibliothekssaal — 
XU Jahrh. — gerade so gut hineingeführt, als wir an der Hand der 
ntithigen historischen Notizen von den namentlich grösseren Bücher- 
erwerbungen benachrichtigt werden. Besonders ausführlich ergeht 
sich der Verfasser in der Ausbeutung der beiden ältesten Bücherver- 
zeichnisse aus dem XII. und XIII. Jahrhundert, sowie in der Be- 
sprechung der interessanten Deckblätter. Auch den Katalog Holveld's, 
der den Bestand der Bibliothek von 1433 geben will und der dem 
Verfasser in einer von Prof. Sickel gemachten Abschrift vorlag, ver- 
folgt er auf seinen Wanderungen bis in seine Buhestätte zu Nürnberg. 
Hiedurch sowie durch die noch eingehendere Charakterisierung des 
Desing'schen Kataloges von 1740 „der brauchbarer ist als mancher 
neue/ dürfte besonders der Bibliothekswissenschaft im eigentlichsten 
Sinne ein nicht unlieber Dienst erwiesen sein. 

Damit haben wir wol die interessantesten Partien des Buches 
hinter uns; Abschnitt IV „Jüngere Bibliotheken in Salzburg" kann 
begreiflicherweise des Wichtigen nicht mehr so viel bieten, wenn auch 
z. B. die Biographie F. M. Vierthalers (S. 68 ff.) und F. J. Thanners 
(S. 78) durch die warme Theilnahme, mit der sie geschrieben sind, 
uch auf uns anziehend wirken. Nicht viel mehr aber als — unfrucht- 
bare — Vollständigkeit dürfte mit der Aufzählung der neueren Biblio- 
theken von S. 79 — 82 gewonnen sein. Notizen wie folgende: S. 
Bibliothek des Gymnasiums. Seit 1850, 7500 Bände. T. Bibl. der 
ieabchule. Seit 1867, 3000 Bände. U. Bibl. der Lehrerbildungs- 
anstalt. Seit 1870, 1500 Bände — verdienen wirklich nicht die Baum- 
vtnchwendung einer halben Seite, die ihnen der Verfasser in allzu- 
freigebiger Weise gegönnt hat. 

Der V. Abschnitt schildert uns die grossen Besitzveränderungen 
1801 — 1815, wie Neveu für die Bibliotheque Nationale 103 Manu- 
scripte ans Salzburg requirieren liess und ausserdem Lecourbe seine 
Phvatbibliothek ebendort bereicherte, wie nach der Besitzergreifung 
1806 auch Oesterreich die literarischen Schätze Salzburgs nach Wien 
ausliefern liess und endlich auch Baiern 1815 das Aussaugungssystem 
zu Gunsten der Hofbibliothek in München in Anwendung brachte. 
Hier hätte nach meiner Ansicht der Verfasser erst die Auslieferung 
der Manuscripte von Paris an die Münchner Hofbibliothek auf die 
durch Friedrich Thiersch geführte Unterhandlung hin erwähnen sollen 
unmittelbar vor der Besprechung der erfolglosen Beclamationen, durch 



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186 C. Foltz, Die Salzburger Bibliotheken, ang. v. M. Grülbauer. 

die Oesterreich sich in den Besitz der aus Salzburg direct oder via 
Paris nach München geschleppten Manuscripte zu setzen suchte. 

Mehr als der VI. Abschnitt „Uebersicht des jetzigen Bestandes" 
dürfte der Anhang, eine „Zusammenstellung von datierten Hand- 
schriften und Schreibernamen a dankende Anerkennung finden. 

Aeusserlich ist das Werkchen trefflich ausgestattet und auch 
durch ein beigefügtes Register die Verwerthung der mannigfachen 
darin niedergelegten interessanten Notizen bedeutend erleichtert. 

Wien. Dr. Michael Gitlbauer. 



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Dritte Abtheilung. 



Zar Didaktik und Pädagogik. 

Zur französischen Leotüre. 

Die Frage, in welcher Weise die französische Leetüre in den oberen 
Cl&ssen der Mittelschulen zu betreiben sei, findet noch immer Terschiedene 
Beantwortung, und während die Einen sich für die Benützung einer 
Chrestomathie aussprechen, empfehlen Andere die Leetüre ganzer Werke, 
die sich aus dem reichen Schatz der französischen Literatur nicht unschwer 
auswählen lassen. Referent billigt entschieden die letztere Ansicht Doch 
Wt hier nieht der Platz, die beiden Methoden zu beleuchten, und es sei 
nur dartuf hingewiesen, dass die Einführung der einzelnen Schriftsteller 
in der Schule bisher hauptsächlich durch einen Uebelstand gehemmt war. 
Es fehlte an Schulausgaben der geeigneten Werke, und so begrüssen wir 
freedig den regen Eifer, mit dem eine Reihe tüchtiger Schulmänner 
neuerdings sich der Aufgabe unterzieht, gute französische Schriftsteller 
in wolfeilen Ausgaben für die Schule zu bearbeiten. Bei der Wahl der 
Werke ist zwar mancher Missgriff unterlaufen, und die Bearbeitungen 
■ad nicht alle gleichmässig für den Schulgebrauch zu empfehlen, allein 
die Mannigfaltigkeit der gebotenen Werke muas dabei rühmend hervor- 
gehoben werden. Mit der Zeit wird man an der Hand der gemachten 
Erfahrungen diejenigen Werke der französischen, resp. englischen Literatur 
erkennen, welche sich als besonders passend zur Leetüre in der Schule 
erweisen, wie man ja auch für das Studium der elassischen Sprachen 
einen bestimmten Kreis Ton Autoren gefunden hat, welche mit besonderem 
Nutsen gelesen werden. Bei dem Unterricht in den lebenden Sprachen 
wird sich freilich immer eine besondere Bewegung zeigen, und neben dem 
Ar alle Zeiten feststehenden Kreis claasischer Werke werden öfters moderne 
Schriftsteller in die Schule eingeführt werden, um innerhalb der gegebenen 
Grenzen auch dem Schüler einen Begriff Ton der fortschreitenden Ent- 
riegelung der 8praehe und Literatur zu geben. 

Wir haben heute eine ganze Reihe Ton Schulausgaben französischer 
Antoren zu verzeichnen. An die Spitze stellen wir das verdienstliche 
Unternehmen der W e i d m an n'schen Verlagshandlang in Berlin, welche eine 



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138 Lotheisen, Zur französischen Leetüre. 

Sammlung französischer und englischer Schriftsteller mit deutschen An- 
merkungen herausgibt. Dieselbe weist bereits eine stattliche Eeihe von 
Banden auf und bringt die verschiedensten Werke. So erscheint von 
dramatischen Autoren Corneille in einer Bearbeitung von Fr. Strehlke, 
Racine (bis jetzt nur dessen Iphig6nie) von Ed. Doehler, Moliere (von 
dem schon sieben Lustspiele vorliegen) von Dr. E. Brunnemann, einzelne 
Stücke von Scribe, Delavigne u. a. m. Von geschichtlichen Werken ver- 
zeichnen wir in dieser Sammlung Montesquieu s Considerations, bearbeitet 
von H. Erzgraeber, ßolliii's Histoire d' Alexandre le Grand, herausgegeben 
von 0. Collmann, Voltaire's Charles XII. von E. Pfundheller, Michand, 
Histoire de la troisieme croisade, von H. Vockeradt, Mirabeau's ausgewählte 
Reden von H. Fritsche, Thiers', die Expedition nach Aegypten, von F. 
Koldewey; Villeniain, Histoire de Cromwell, von K. Graeser. Von Erzählern 
sind Saint-Pierre mit Paul et Virginie, Mme. de Stael mit Corinne, G. Sand 
mit ihrer Petite Fadette, Sandeau und Souvestre, in Bearbeitungen der 
HH. J. Kühne, Güth, Knörich, C. Sachs, Wilcke und Schiriner vertreten. 
Neben ihnen finden wir Boileau's Epitres erklärt von Thümen, seine Art 
Po&ique erklärt von Schwalbach. A. Kühne, gibt eine Auswahl der Ge- 
dichte B&anger's und Victor Hugo's. 

Die genannten Bearbeitungen sind nicht alle von gleichem Werth, 
wie sie auch bei ihren Erklärungen nicht das gleiche System befolgen. 
Manche werden sich schwerlich in der Schule einbürgern, dafür aber um 
so passender für die häusliche Leetüre sein. Für die Ausgaben der Claasiker 
fanden die Bearbeiter in der vorzüglichen mit philologischer Genauigkeit 
behandelten französischen Ausgaben eine treffliche Stütze, allein ihre 
Arbeit war dennoch schwierig. Es gehört viel Takt und Verständnis dazu, 
um die richtige Grenze einzuhalten, das Wichtigste anzudeuten, und 
doch auch dem Lehrer Vieles zu überlassen. Unter den Bearbeitern finden 
sich Mehrere, welche sich schon durch frühere Arbeiten auf dem Gebiete 
der modernen Sprachwissenschaft vorteilhaft bekannt gemacht haben, 
und welche auch ihrer neuen Aufgabe gerecht geworden sind. Im Allge- 
meinen wäre vielleicht zu wünschen, dass die Herausgeber die Eigen- 
tümlichkeiten der einzelnen Autoren noch mehr hervorhöben, dass sie 
den Unterschied der Sprache des 17. Jahrhunderts und der heutigen 
schärfer nachwiesen, und auf die Metrik mehr achteten. Einzelne Be- 
arbeiter, wie z. B. Fr. Strehlke in seiner Ausgabe des Corneille haben 
dies allerdings gethan. 

Ganz besonders ist hier auch Adolf Laun mit seiner Ausgabe 
der Lafontaine'schen Fabeln (Heilbronn, Henningen 1878) zu erwähnen, 
denn er hat die Aufgabe, die er sich gegeben, ebenso trefflich gelöst, 
wie er schon früher Moliere bearbeitet hat. 

Eine ähnliche und gleich verdienstliche Sammlung wie bei Weid- 
mann, erscheint bei Teubner in Leipzig. Auch hier finden wir Ausgaben 
von Corneille (Brunnemann), Racine (Laun), Moliere (Lion), Boasuet's 
Oraisons funebres (Völcker), Montesquieu (Wendler), Berauger (Völcker) und 
einige neuere Schriftsteller, die sehr glücklich gewählt sind, wie z. B. 



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Xoftetss*»» Zar französchen Lectüre. 119 

Sefafa Geschichte des Uebergangs über die Beresina, (daa IL Bach aas 
dessen Geschiebte des rassischen Feldiugs) bearbeitet von Schwalbaeh, 
•der Mlgnet*s Revolution francaise herausgegeben von A. Korell. 

Schwieriger als die Wahl eines Autors für die Lectüre in den 
dessen Qassen, ist oft die Bestimmung eines Lesehaches für die Anfänger. 
Sicht ab ob es an solchen Büchern fehlte, es existieren davon nur zuviel 
Aber die meisten erregen ernste Bedenken. Sie würfeln ihre Lesestücke 
kutsrbnnt durcheinander, ohne Bücksicht auf den Stil und stellen nicht 
leiten triviale Stücke neben Abschnitte, die in hoch poetischer Sprache 
geschrieben sind. Häufig muthet ein solches Lesebuch den Anfängern 
■ach einigen Seiten leichter Lectüre schon das Verständnis von Stücken 
a, deren Sprache grosse Schwierigkeiten enthält, oder es bietet allzu- 
kindliche Geschichtchen, wobei es verglast, dass die Lectüre auch bilden 
N&. Ein Fortschritt in der Methode zeigt sich indessen auch hier ganz 
fartüch. Ans der Reihe von neuen Chrestomathien, die uns vorliegen, 
heben wir diejenige von H. Storme (französisches Lesebuch, Hannover 
Hfö, Mayer), das „Methodisch bearbeitete französische Lesebach* von 
Directer Klotzseh, (Berlin, Weidmann 1877) dann Wingerath's Choii de 
kctsres firancaises (Com, Dumont-Schauberg 1876) und A. de la Fontaine's 
Itosatque rraneaise' (Berlin, Langenscheidt 1877) hervor. Die Tier Lese- 
bücher behandeln die ersten für die Anfänger bestimmten Abschnitte mit 
bemderer dankenswerther Aufmerksamkeit, aber jedes in seiner besondern 
Weine. Storme ▼ersucht es mit vielen kleinen Geschichtchen, literarischen 
und historischen Anekdoten. Kleine Irrthümer, wie x. B. 8. 1 die Er- 
klärung des Wortes precieusement mit «schätzbarer Weise*, während es 
doch ,ini Styl der Precieusen« h eiset, werden bei einer nochmaligen 
Durchsicht leicht ausgemerzt werden. Eine Anekdote über die „Precieusen* 
erfordert übrigens Erläuterungen, die für Kinder noch nicht passen. Auch 
sie Geschichte von der Ungnade Racine's (S. 25) sollte wegfallen, da ihre 
Unwahrheit erwiesen ist. 

8ehr empfehlenswertn erscheint Lafontaines „Mosaiqoe", deren 
LsMstücke in trefflicher Auswahl und Anordnung vom Leichten zu» 
Schwereren führen, und von kurzgefaßten praktischen Anmerkungen he- 
gkitet sind. Dass das Buch den verdienten Beifall gefunden hat, beweist 
der Uattand, dass es schon in dritter Auflage vorliegt Hubert Wingerath 
weist auf den Charakter der französischen Kinderliteratur hin, welche so 
grundverschieden von der deutschen sei, dass es schwer falle, passende 
fmzosische Lesestücke für deutsche Kinder von 9—12 Jahren zu finden. 
Wingerath findet einen grossen Theil der französischen Kinderliteratur 
,in religiös oder amoralisch sein sollender Weise angekränkelt.« 8eit einigen 
Jahren geht allerdings ein gesunder Zug auch durch die franzosische 
Dossrliteratur, aber W. glaubt doch, zum Theil deutsche Erzählungen 
in fra nzös is cher, von Franzosen verfassten Uebersetzungen geben zu sollen. 
Di er ferner von der Ansicht ausgeht, dass das französische Lesebuch 
sich, gleich dem deutschen, an die einzelnen Unterrichtsgegenstände an- 
«ealiessen solle, so gibt er nach einer Beihe von Märchen und Fabeln, 
BlUer ans der elassischen Mythologie, christliche Legenden, ferner histo- 



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140 Fr. Strauch, Verein Mittelschule. 

rischc, naturwissenschaftliche und geographische Aufsätze, ja er bringt 
selbst auf einigen Seiten etwas Mathematik und Geometrie. Der Schiuss 
des Lesebuches bietet eine Sammlung Gedichte. 

Uebersieht man diese und so manche andere verdienstliche Arbeit, 
die schon früher erschienen ist, so gelangt man zur Ueberzeugung, dass 
ein frischer Geist den Unterricht in den modernen Sprachen belebt, und 
dass man auf dem besten Wege ist, diese Studien wirklich nutzbringend 
für die Schüler zu gestalten. 

Wien. Lotheissen. 



Verein Mittelschule. 

Der Ende December ausgegebene Jahresbericht des Vereins „Mittel- 
schule" in Wien liefert das beredte Zeugnis, dass innerhalb des Zeit- 
raumes vom October 1876 bis April 1677 in den Vereinsversammlungen 
ein ungemein reges Leben herrschte. Das abgelaufene Jahr war ein Jahr 
der Debatten. Denn mit Ausnahme der Vorträge von Dr. Egger-Möll- 
wald über „Das Wiener Schiller-Denkmal und den Antheil der österr. 
Schulwelt an der Herstellung desselben" und von Prof. Horawitz über 
„Schlosser", welche der Natur der Sache nach keinen Anlass zur Discus- 
sion bieten konnten, gaben die Theorien der Froff. Baumann über „Ein- 
richtung und Verwaltung von Schülerbibliotheken an österr. Mittel- 
schulen", Joh. Kummer über „Das Verhältnis unserer Volksschulen zu 
den Mittelschulen seit dem Jahre 1869", endlich insbesondere Nahrhaft 
über „Ueberbürdung der Gymnasialschüler u reichlich Gelegenheit zu 
Debatten. Diese füllten von 14 Sitzungen allein 9 aus. Gegenstande 
der Debatten waren: Die Herausgabe eines Musterkatalogs für Schüler- 
bibliotheken österr. Mittelschulen, die Aufnahmsprüfungen an Mittel- 
schulen, die sattsam bekannte, sogenannte Ueberbürdungsfrage an Gym- 
nasien und die nicht minder oft ventilierte Frage der Heranbildung der 
Lehramtscandidaten. 

Die erstgenannte Discnssion hatte im natürlichen Gefolge, dass 
der Verein auch nach aussen hin seine Thätigkeit zu entwickeln be- 
strebt war, dadurch, dass er an die Unterstützung der Verlagsbach- 
händler und Fachgenossen, ja aller Literaturfreunde appellierte. Leider 
blieben diese Bemühungen seither erfolglos. — Dagegen fand die Ver- 
einspetition um Preisermässigung zum Eintritt in die histor. Kunstaus- 
stellung, welche am 8. April an das hohe Unterrichtsministerium ge- 
richtet wurde, in dem freundlichen Bescheide des derzeitigen Protectors 
der k. k. Akademie der bildenden Künste das günstige Resultat. So war 
der Verein auch nach dieser Richtung auf die Förderung der Interessen 
des Lehrstandes bedacht. 

Das Vereinsvermögen belief sich am Anfang des Vereinsjahres 
auf 785 fl. 75 kr. — In dem Ausschusse fungierte Prof. Dr. Egger von 
Möllwald als Obmann, als dessen Stellvertreter Prof. Lissner, als Schrift- 



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Fr. Strauch, Verein Mittelschule. 141 

fubrer die Proff. Baumann und Strauch, als Cassier Prof. Riedl und 
&ls Beisitzer die Proff. Schmidt, Seidl, Steyskal und Villicus. 

Die Zahl der Mitglieder beziffert sich auf 214. Dieselben erhielten 
mm Jahresberichte als interessantes Angebinde: Die Chronik der Mittel- 
schule Ton 1861 bis 1877 von Heinrich Picker, ferner die Fachbildung 
und Prüfung der Lehramtscandidaten für Mittelschulen tou Dr. Mathias 
Wretschko und Dr. Thurnwald's Festschrift über den Fürsterzbischof 
Yinctnz Eduard Milde als Pädagogen. 

Dr. Fr. Strauch. 



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Vierte Abtheilung. 



Miscellen. 

(Stiftung.) — Der Hof- und Gerichtsadvocat Herr Dr. Jaques 
und dessen Schwester Frau Louise Beyfus haben der Gesellschaft der 
Musikfreunde den Betrag von 3000 Gulden in österreichischer Goldrente 
zur Errichtung einer Stipendienstiftung übergeben, deren Zinsen für 
würdige Gesangschülerinen des Conservatoriums dieser Gesellschaft be- 
stimmt sind. Das Stipendium soll immer am 25. Februar, dem Geburts- 
tage der Frau Sophie Jaques, gebornen Wertheimstein, Mutter der 
genannten Spender, verlieben werden. Die Stiftung führt den Namen 
„Sophie Jaques-Stiftung u . 

(Kaiserliche Spende.) — Se. Majestät der Kaiser hat geneh- 
migt, dass die aus dem Nachlasse weiland Sr. Majestät des Kaisers Fer- 
dinand überkommenen Doubletten der k. Familien- und Privatbibliothek 
der Universitätsbibliothek zu Czemowitz zugewendet werden. Durch 
diesen hochherzigen Act wird die Bändezahl dieser Bibliothek um mehr 
als 1000 Nummern vermehrt. 



(Schenkung.) — Ihre Excellenz Frau Therese von Pipitz, Frau 
Caroline Savinschegg, geborne von Pipitz, und Herr Ritter von 
Savinschegg, k. k. Truchsess, haben die aus dem Nachlasse Sr. Ex- 
cellenz des Bankgouverneurs Joseph Bitter von Pipitz herrührenden 
Bücher und Broschüren — 1175 an der Zahl — dem Min. für C. und U. 
für die k. k. Universitätsbibliothek in Czernowitz zur Verfügung gestellt. 
(Min.-Erl. v. 11. Februar 1. J., Z. 1552.) 



Literarische Notizen. 

Bector commilitonibus certamina cruditionis propositis praemiis 
in annum MDCCCLXXVIII indicit. Praemissa est Ludovici 
Langii de duelli vocabuli origine et fatis commentatio. Lipsiae. 
Typis A. Edelraanni, typogr. acad. 

Der Verfasser des bekannten Handbuches der Römischen Alter- 
thümer ist auch auf dem Gebiete der vergleichenden und historischen 
Grammatik der griechischen und lateinischen Sprache ein ebenso gelehrter 
und gründlicher als umsichtiger und scharfsinniger Forscher. Die neueste 
Universitätsschrift desselben bringt uns eine höchst beachtenswerthe 
Erklärung des seit alter Zeit vielfach besprochenen Wortes duellum. 

Diese Wortform war in zwei verschiedenen weit aus einander liegen- 
den Sprachperioden mit verschiedener Bedeutung im Gebrauch : zuerst im 



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Mitteilen. 143 

archaischen Latein bis Cicero, wo sie mit der Bedeutung „Krieg" als die 
ursprüngliche Gestalt von bellum stand, alsdann im Latein des Mittel- 
alters, wo sie in dem ausschliesslichen Sinne von „Zweikampf" gebraucht 
ward und spat dann als Fremdwort (Duell) in die modernen Sprachen 
eindrang. Die alte Form duellum für bellum findet sich in dem lateinischen 
Sehriftenthum nach Cicero nicht mehr vor ; sie hat sich aber auch nicht 
im Munde des Volkes forterhalten, da sie sowol den literarischen Denk- 
mälern des Vulgärlateins als auch insbesondere den romanischen Sprachen 
bei deren Entstehen fremd ist. * 

Woher taucht auf einmal das mittelalterliche duellum {dueUium) 
«Zweikampf 11 auf? Es ist zu jener Zeit, in der die Zweikämpfe für ge- 
richtlich nicht entscheidbare Streitigkeiten in Blüthe standen, aus einer 
falsch verstandenen Etymologie des alten Wortes dueüum {bellum) in 
Aufnahme gekommen. Denn Grammatiker führten das altlateinische Wort 
auf duo zurück als eine Derivation mit der Endung -eüum und bezogen 
« auf die zwei kämpfenden Parteien. Die mittelalterlichen Schriftsteuer 
(aasten diese Etymologie dahin falsch auf, dass sie das Wort für eine 
Compositum aus duo und bellum (auch veUum gesprochen?) hielten im 
Sinne von duorum hominum bellum als ursprüngliches *dubellum. Diese 
Auflassung ist nach Loewe bei den Glossatoren deutlich ausgesprochen 
od auf ihrem Grunde beruhen die Glossen, in welchen duellum auch 
üitecundum bellum und das den Alten gänzlich unbekannte Wort dueUio, 
das wol erst dem nach Bildung und Bedeutung missverstandenen per- 
dudbo entnommen ist, als bellator und dann als duplex bellum und rebeüis 
erklart wird. Perdueüis und perduellio sind bekanntlich echte altlateinische 
Wörter *), von denen ersteres in dem Sinne von hostis beüicus gebraucht 
und mit dem neben SVr.paras (alius) zu stellenden und in per-egrinus, 
pcr-fid*$ erscheinenden Praefii gebildet ist zur Bezeichnung desjenigen, 
fui cn« altero beüum habet. 

Dueüum (beüum) aber ist nicht gebildet aus dem Zahlwort duo 
etwa als Diminutivform mit -ello-, wie das Femininum duetta, welches 
das kleine Maas von zwei Sextulae bezeichnet, oder etwa mit Suffix 4o- 
(Corasea) aus einem vorauszusetzenden Dualstamm *duf als *duilum. 
Za verwerfen sind aber auch zunächst alle Erklärungsversuche von beüum, 
welche den ursprünglichen Anlaut du nicht beachten, wie die Ablei- 
tungen von belua, vom assyrischen Belus, vom griechischen A&oc, von 
einer Wurzel nti (vgl. noXepog), die alle an sich haltlos oder lächer- 
lich sind; ferner diejenigen, welche in Hinblick auf bonum xor* avxl- 
f^Mir verstanden sein wollen (weil der Kriey nichts Gutes sei oder 
weil er zum Guten, dem Frieden führe); endlich auch die Herleitung 
von dtveüere, Skr. dvish (hassen) oder von der ohne Grund angenommenen 
Wurzel dvalv. 

Dem Worte liegt vielmehr die aus den Skr. bekannte Wurzel du 
zu Grunde, welche ire t subirc bedeutet. Es ist bereits von Andern das 
Substantivum dux «der Anführer im Krieg" mit seinem durch den 
Guttural determinierten Primitivstamm dü-c- darauf zurückgeführt worden. 
Lange bringt noch die beiden Formen dautia (alt für lautia Fest. ep. 
p. 68) und indütiae mit Steigerung des Wurzelvocales damit in Ver- 
bindung. Darnach wäre dautia dasjenige, was dem von fremden Völkern 
aach Born geschickten Gesandten, dem *dautu$ (nach Skr. dütas, nuntius), 
pfmäss dem Gastrechte zukommt Die zweite herbeigezogene Form, tn- 
me, die zeitweilige Einstellung des Krieges, ist dem be- 
iprochenen Worte dueüum hinsichtlich der Bedeutung näher verwandt. 
I* dieselbe anfänglich auch im Singular gebraucht wurde, so lässt sie 



') Das aus Attius bei Non. 22, 15 in die Wörterbücher (auch For- 
, N. Ausg., IV. p " " * ....... 

Sing t sondern Gen. Pli 



celfini, N. Ausg., IV. p. 584) aufgenommene per dueüum ist nicht Noxn. 
?lur. 



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144 Miscellen. 

sich der Bildung nach vollständig mit im-poli~tia vergleichen, deren der 
Censor den Eques zeiht, wenn das Pferd nicht gut gehalten ist (a non 
poliendo). Dass indutiae mit dem negativen Praefix gebildet ist (wie 
in-fU-iae, in-ed-ta, in-cur-ia), sah schon Gesner im Thesaurus. Das Suffix 
~tia ist dasselbe wie in nup-tiae, ruo-i-tiae t ) von nubere, rumpere. 

Von Anbeginn bedeutet nun auellum nur die incursio exercitus 
ex Urbe egressi in agros hostium ; denn die ältesten Kriege wurden rerum 
rapiendarum oder rerum raptarum recuperandarum causa unternommen*). 
Aus einer der Wurzel du entsprungenen primären Form *du-olu-m, 
welche nach Analogie anderer militärischer Ausdrücke, wie capulum, ein- 
gulum, gebildet wäre, lässt sich du-ellum bei der Vorliebe des alten 
Latein lür Diminutivbildung (man vergleiche auch die auf Kriegswesen 
bezüglichen Wörter trossuli, vexiUum) in der Weise wie macellum aus 
macolum gezogen denken. 

Vor dieser Erklärung treten alle vorgebrachten Versuche natürlich 
in den Hintergrund. Die Abhandlung ruht auf dem Grunde umfassender 
Gelehrsamkeit und bietet eine Menge neuer Gesichtspuncte und neuen 
Materials. 

F. W. 

Kopp (W.), Geschichte der griechischen Literatur für 
höhere Lehranstalten und für das Selbststudium. Zweite durchgesehene 
Auflage. Berlin, J. Springer 1878. 192 SS. 

Es ist sehr fraglich, ob eine Literaturgeschichte von solchem Um- 
fange den Bedürfnissen eines Schülers der obersten Gymnasialclassen 
(und nur für solche kann das Buch berechnet sein) zu entsprechen ver- 
mag. Dem Schüler, der selbst eine Reihe von Autoren gelesen und dabei 
die ausführlichen Einleitungen, wie sie die commentierten Ausgaben der 
Weidmann'schen und Teubner'schen Bibliothek bieten, benützt und auch 
die Artikel im Lübker sehen Reallexikon gelesen hat, kann man schwer- 
lich zumuthen, dass er sich ein Büchlein anschaffe, welches ihm nach 
der reichen Fülle der von ihm benützten Hilfsmittel so dürftige Notizen 
bietet. Wäre das Büchlein nach Art einer Tabelle abgefasst, so Hesse 
sich noch der Grund geltend machen, dass es als bequemes Mittel zum 
Nachschlagen und Memorieren seinen Platz ausfülle. Dies ist aber nicht 
der Fall; das Buch soll ein Lesebuch sein, es ist in einem rhetorischen 
Stile geschrieben, ja es enthält sogar Uebersetzungsproben. Doch sehen 
wir von der Anlage des Buches ab, so kann man sich über die Ausfüh- 
rung keineswegs günstig aussprechen. Der Verf. unterscheidet häufig 
nicht zwischen Wichtigem und Unwichtigem, er zeigt eine entschiedene 
Vorliebe für das, was man den Klatsch der Literaturgeschichte nennt, 
für das Anekdotenhafte, während er bedeutende Momente ausser Acht 
lässt, er ist öfters unklar, ja es fehlt auch nicht an zahlreichen Fehlern 
und Verstössen. Dazu kommt, dass auch der Stil gar oft verschroben 
und phrasenhaft ist. Man lese nur die Einleitung und man wird unse- 
rem Ürtheile beistimmen. In derselben finden sich folgende Sätze, welche 
das Buch charakterisieren mögen: „Die griechische Sprache nach der 
Ansicht der Meisten ihrer einheitlichen und einfacheren (!) Schwester- 
sprache, der lateinischen, am nächsten verwandt, ist die edelste der indo- 
germanischen. Sie hat sich viel früher als jene (gemeint ist die latei- 
nische) erschlossen und überragt dieselbe durch Reichthum, Mannigfal- 
tigkeit, Beweglichkeit, Feinheit und plastische Schönheit, sowie durch 

') Neuerdings geschützt durch Hrn. Geh. Rath SelTs 8chrift: 
Die actio de rupitiis sarciendis der Xu Tafeln und ihre Aufhebung durch 
die Lex Aquilia. Bonn 1877. 

2 ) Der Begriff des Ausziehens liegt auch unserem Herzog und 
Feldzug zu Grunde. 



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Miscellen. > 145 

die Reibe der neben einander hergebenden Dialekte (!) u ... „Von ibrem 
Alphabet hat der Sage nach in uralter Zeit der Königssohn Eadmus 
*as PhÖnizien 16 Buchstaben eingeführt". Will man sich ohne besondere 
Hohe ein Urtheil über das Büchlein bilden, so lese man das, was S. 115 ff. 
über die platonischen Dialoge gesagt ist. Da heisst es z. B. „Kratylus, 
ober das Wesen der Wörter . . . Eutyphron (!), von den sinnlosen Vor- 
stellungen von der Frömmigkeit in den Köpfen der Menge . . . Das Gast- 
mahl enthält eine Beleuchtung der Liebe von verschiedenen Stand puncten 
ans, stellt dann die Liebe zur Tugend als die wahre Schönheit hin und 
endet mit einer Lobpreisung des Sokrates... Menexenus wahrscheinlich 
anseht, eine Leichenrede der Aspasia auf gefallene Athener" usw. Als 
Probe einer der Uebersetzungen vergleiche man das bekannte ifißttr^giov 
des Tyrtaioe S. 51 : »Frisch anf denn zum Streite, ihr Bürger von Sparta | 
Ihr würdigen Söhne der tapferen Väter! | Frisch auf, und erhebet den 
Schild mit der Linken, I Frisch auf mit dem wuchtigen Speer in der 
Rechten | Voll feurigen Muthes! Bedenket: das Leben | Zu schonen war 
niemals in Sparta noch Brauch." Sollte man dies für möglich halten? 



Aesthetische und historische Einleitung nebst fort- 
laufender Erläuterung zu Göthe's Hermann und Dorothea. 
Von Dr. L. Cholevius, Prof. am Kneiphöf sehen Stadtgymnasium zu 
Königsberg i. Pr. Zweite verbesserte Aufl. Leipzig, Teubner 1877. 

Diese Schrift des sehr geschätzten Schulmannes ist zuerst 1863 er- 
schienen : in der neuen Auflage sind einige minder bedeutende Kürzungen, 
bisweilen aber auch kleine Ergänzungen hinzugekommen. Uebrigens ist 
nunmehr der vollständige Text des Gedichtes den Erklärungen beige- 
fügt, was früher nicht der Fall war. Gegen die Vornahme des breiten 
oft ins überflüssige und zerstreuende ablenkenden Commentars dieses 
Buches in der Schule wurden bei Gelegenheit der ersten Auflage in dieser 
Zeitschrift Bedenken geltend gemacht (vgl. Jahrg. 1865, S. 62, 64 f. u. 
©ff). In der Vorrede zur vorlieg. Aufl. (S. XVI) erklärt der Verfasser: 
'manches in der Einleitung oder auch in den Erläuterungen mag über 
das Bedürfnis und das Verständnis der Schüler hinausgehen; ich habe ja 
aber nicht ausschliesslich diese, sondern mehr noch die Lehrer selbst und 
andere Freunde der Literatur im Auge gehabt*. Lehrer und Freunde des 
Gedichtes werden in der That vieles Anregende und Belehrende ans dem 
Bache schöpfen können und jene werden gewiss, ohne gerade der Methode 
des Buches sich anzuschmiegen, manches Brauchbare für ihren eigenen 
Vorgang demselben entnehmen können. Jedem Lehrer des Deutschen in 
den oberen Classen ist die Leetüre des Buches zu empfehlen. Die Mahnung 
kann jedoch nicht genug oft wiederholt werden, dass die Erklärung einer 
Dichtung in der Schule nicht als Zweck für sich sondern in erster Linie 
um der aesthetischen Wirkung willen betrieben werden soll. Für jene 
Bedenken war dies der Hauptgesichtspunct, sofern eben der gegenwärtige 
Commentar den Vorgang in der Schule wiedergibt. In dem Vorw. zur 
2. AufL erklärt der Verf. ferner : 'die noch immer so beliebte Meinung, 
dass es für die Jugend das Beste sei, sie nicht im Genüsse des Stoffes 
durch Erklärungen zu stören , mag ich nicht mehr zu widerlegen suchen.' 
Wir denken, dass die Ansicht, bei der Leetüre eines Gedientes in der 
Schule möglichst alles erklären zu müssen, das Gelesene als Grundlage 
rar Mittheilung von Wissenswürdigem überhaupt behandeln zu sollen, 
leider viel mehr Anspruch hätte, als 'noch immer so beliebte Meinung* 
bezeichnet zu werden. Uebrigens ist es etwas ganz anderes, die Jugend 
nicht im Genüsse des Stoffes durch Erklärungen zu stören und etwas 
ganz anderes, sich nur auf Erklärungen und eine erklärende Methode 
nicht einzulassen, welche die eigentliche Wirkung der Dichtung, den 
aesthetischen Genuas, unmöglich machen oder zum mindesten herabdrücken 
und beeinträchtigen. 

Zcätockrifi f. d. feierr. Gymn. 1878. II. Heft. 10 



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146 Miscellen. 

Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten. Ausge- 
wählte Stücke deutscher Dichtung und Prosa nebst einer hist.-biograph. 
Uebersicht von Otto Roquette, Prof am Polytecbn. zu Darmstaat, 
2 Bde. L Dichtungen, IL Prosa. Berlin, Wiegaudt, Hempel & Parey 1877. 
6 M. 50 Pf. 

Der Zweck dieses Buches ist es, eine Zusammenstellung besonders 
anregender und allgemein bildender Lesestücke aus der deutschen Lite* 
ratur seit dem Anfang des 18. Jahrh. zu bieten, wobei das gemeinsame 
Lesen in der Schule und reifere Schüler höherer jedoch nicht eigentlich 
gelehrter Anstalten ins Auge gefasst sind. Biographische Notizen als 
Anhang des IL Theiles bringen in historischer Folge und Gruppierung 
nur das Notwendigste über die einzelnen der vertretenen Schriftsteller. 
Wie es von dem Herausgeber zu erwarten war, ist die Auswahl mit Ge- 
schmack und feinsinnig getroffen. Ob nicht im I. Theile statt der Frag- 
mente aus den Dramen besser ein vollständiges Ganze wäre zu bieten 
Gewesen, bleibe dahingestellt. Besondere Vorsicht zeigt die Auswahl der 
rosastücke, welche obwol relativ nicht zahlreich (27 Stücke), doch einen 
grossen Reichthum von formellen und stofflichen Bildungselementen ent- 
halten. Dürfte das Werk auch zum Gebrauche an Gymnasien nicht passend 
erscheinen, so wird es doch in den Schülerbibliotheken willkommen sein. 

Theoretisch-praktische Anleitung zur Abfassung deut- 
scher Aufsätze in Kegeln, Musterbeispielen und Dispositionen im An- 
schlags an die Leetüre classischer Werke für die oberen Gassen höherer 
Schulen von Dr. Julius Naumann, Dir. d. Real seh. I. 0. zu Osterode 
a. fl. Dritte Aufl. Leipzig, Teubner 1877. 

Die neue Aufl. dieses brauchbaren Hilfsbuches umfasst 24 Muster- 
aufsätze, welche je nach den Arten der Aufsätze gewählt den Regeln für 
diese Arten angefügt sind und 123 Dispositionen. Die Regeln sowol die 
allgemeinen als die für jede Art der Aufsätze bestimmten erscheinen in 
möglichst kurzer doch klarer Fassung, die Musteraufsätze, dann die The- 
mate und deren Dispositionen stehen zum Schulunterricht überhaupt und 
insbesondere zur Leetüre der classischen Werke in enger Beziehung und 
sind dem Gesichtskreise der Schüler angemessen. Das Buch kann sich 
mit Recht rühmen aus der Schule hervorgegangen zu sein und dem Be- 
dürfnisse der Schule zu entsprechen ; jeder Lehrer des Deutschen an unsern 
Obergymnasien wird darin gewiss einen reichen Quell der Anregung für 
seine Leitung des Unterrichts im deutschen Aufsatze finden und neben 
Gholevius trefflichen 'Dispositionen und Materialien 1 auch dieses Hilfsbuch 
schätzen lernen. 



Dispositionen zu hundert deutschen Aufsätzen. Für 
höhere Lehranstalten bearb. v. Moritz Berndt, Dr. ph. und Prof. am 
k. sächs. Cadettencorps. Halle, Buchh. d. Waisenh. 1878. 



Aus der Schulpraxis hervorgegangen, wird diese Sammlung von 
Themen und kurzen Dispositionen manchem Lehrer willkommen und ihn 
bei der schwierigen Wahl der Aufgaben nicht selten zu unterstützen ge- 
eignet sein. Freilich dürfen dergleichen Hilfsbücher, unter denen die 
vortreffliche Materialiensammlung von Cholevius obenan steht nur zur 
Anregung und Erleichterung beim selbständigen Vorgange des Lehrers 
dienen, da vor allem jene Aufsätze die zweckmässigsten sind, welche aus 
der Leetüre und Arbeit in der Schule selbst erwachsen. Aber indem sie 
wie die vorliegende Sammlung das Verfahren eines tüchtigen Schulmannes 
auf diesem Gebiete vergegenwärtigen , können sie namentlich gewandten 
Lehrern wieder nützlich werden und der nicht selten vorkommenden Takt- 
losigkeit in der Auswahl der Aufgaben steuern helfen. Freilich kommen 



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Mitteilen. 147 

in der vorliegenden Sammlung einige Aufgaben vor, welche Bedenken 
erregen, indem sie den Gesichtskreis von Schülern mittlerer Anstalten zu 
überschreiten scheinen, so z. B. Themate wie 'über die historische Mission 
des deutschen Volkes', 'Einwirkungen fremder Völker auf das deutsche', 
'Bedeutung unserer Gegenwart' u. dgl. ; durch die Begrenzung in der 
beigegebenen Disposition aber sind Anhaltspuncte gegeben, Verstiegenheit 
der Behandlung fern zu halten und die Ausarbeitung auf wirklich vom 
Schüler Gewusstes und denkend Verarbeitetes zu beschränken. 



Geschichtsatlas für Mittelschulen von Carl Keppel, 
Realienlehrer an der k. Gewerbeschule Weissenberg. Billige Quartausgabe. 
Preis 1 Mark. 

Eine Durchsicht der 11 Karten dieses Atlanten, der, wie wir er- 
fahren, durch k. Ministerialentschliessung den kgl. Realschulen Baierns 
zum Gebrauche empfohlen wurde, zeigt, dass der Atlas für die Bedürf- 
nisse des elementaren Unterrichtes an realistischen Anstalten genügt, in- 
dem er das Wesentlichste in derben Umrissen und stark contrastie- 
renden Farbentönen dem Auge vorführt und alles Detail vermei- 
det. Mehr kann auch von einem Atlanten im Preise von 57—58 Kreuzern 
ö.W. nicht gefordert werden. Er rangiert in der Reihe der Concurrenz- 
arbeiten auf diesem Felde, deren Hochflut im Steigen ist. 

Graz. F. Krones. 

Praktische Pflanzenkunde für deutsche Schulen. Bearbeitet 
von J. Löser, Lehrer der Mathematik und Naturgeschichte am Gymna- 
sium zu Baden. Weinheim 1877. Verlag von Fr. Ackermann. 8 f . IV u. 
4* SS. Preis 40 Pf. 

Dieses Büchlein macht sich dadurch bemerkbar, dass es bei sehr 
geringem Umfang die Elemente des Unterrichtes aus der Botanik ent- 
halt; auch über die Nutzanwendung und den Bau der Gewachse, über 
die allgemeinen Bedingungen des Pnanzenlebens, über Systemkunde, end- 
lich über die Anlage eines Herbars wird Einiges mitgetheilt Beigegeben 
sind 145 EÜquetten, welche von den Schülern bei der Zusammenstellung 
eines Herbares verwendet werden sollen. Sie sind im Ganzen richtig ge- 
druckt; nur einzelne Namen wie Periteris aquilina statt Pteris aquihna 
sind incorrect. 

H. Reichardt. 

Von dem von uns bereits angezeigten Werke „Stenographische 
Unterrichtsbriefe für das Selbststudium der Stenographie 
nach Gabelberger's System", von Karl Faulmann (A. Hartieben's 
Vertag in Wien), sind nunmehr 16 Lieferungen (*/ 3 des ganzen Werkes) 
erschienen. 

Mit dem achten Briefe achliesst die stenographische Correspondenz- 
tchhft ab und der Verfasser benützt dies, um im neunten Briefe das 
ganze Material, welches bisher behandelt worden ist, nochmals in wissen- 
schaftlicher Anordnung zu rekapitulieren. Man sieht hieraus , dass es dem 
Verfasser nicht nur um die leichte Erlernbarkeit, sondern um gründlichen 
Unterricht zu thun ist Im sehnten Briefe beginnt die Debattenschrift. 
Nach einer kurzen Einleitung, nach welcher die Phncipien der Satz- 
knrxung erläutert und die verschiedenen Kürzungsformen vorgeführt 
«erden, geht der Verf. sofort zur praktischen Einübung über. Als Grund- 
lage derselben dient der Roman von Verne „Schwarz-Indien«. In einem 
beigem ebenen Commentar werden diese Kürzungen eingehend erläutert 
and dem Lernenden eine Menge praktischer Winke gegeben. Je mehr 
der Lernende vorachreitet, desto kürzer wird der Commentar; mit dem 

10* 



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148 Miscellen. 

zwölften Briefe hört derselbe ganz auf, und an seine Stelle tritt unter 
dem Titel „Copia verborum 44 eine alphabetische Zusammenstellung der 
Kürzungen mit Angabe der Redensarten, in welchen dieselben vorkom- 
men; ferner wechseln von nun an Schreibübungen mit den Leseübungen 
ab. Die „Stenographischen Unterrichtsbriefe" erscheinen in 
24 Lieferungen, von denen jede 25 kr. ö. W. = 50 Pf. kostet. 

Hübl (F.), Handbuch für Directoren, Professoren und 
Lehramtscandidaten der österr. Gymnasien, Realschulen 
und verwandten Anstalten. 2. Aufl. (geschlossen Ende November 
1877), Prag. H. Mercy 1878, gr. 8, VIII und 384 SS. 

Die erste Auflage dieses unter Anregung des leider so früh ge- 
schiedenen Landesschulinspectors in Prag, Michael Achtner, entstandenen 
Buches erschien im Jahre 1875. Wenn nun schon nach zwei Jahren eine 
neue Auflage nothwendig wurde, so liegt darin ein Beweis, dass das 
Buch als brauchbar befunden wurde und eine weite Verbreitung gewon- 
nen hat. Es empfiehlt sich auch durch die geschickte und übersichtliche 
Anordnung und durch seinen reichen Inhalt, hinsichtlich dessen mög- 
lichste Vollständigkeit angestrebt wurde. Sehr nützlich sind auch die 
Auszüge aus dem Gebühren-, Press- und Wehrgesetze, welche unter den 
Nummern XVIII — XX aufgenommen sind, ferner Nummer XXI, welche 
ein ausführliches Verzeichnis der approbierten Lehrmittel und Lehrtexte 
enthält. Hier hätten allerdings hie und da die Jahreszahlen der neuen 
Auflagen genauer angegeben werden können; auch fehlt einiges z. B. in 
dem Abschnitte III die Erwähnung der griechischen Uebungsbücher für 
das Obergymnasium von Böhme und Schenkl. Da die zweite Auflage 
eine in allen Theilen wesentlich verbesserte ist, so kann das Buch mit 
Fug und Recht allgemein empfohlen werden. 



Programmenschau. 

1. Untersuchung über die Echtheit der Doloneia. Von Dr. Adolf 
Nitsche. Programm des k. k. Staatsgymnasiums in Marburg 1877. 
32 S. 

Es ist schwer, in Fragen, bei denen bereits die verschiedensten 
belehrten für das pro und contra in den mannigfachsten Variationen 
ihre Lanze eingelegt haben, zu einem neuen Resultate zu gelangen, so 
löblich an sich auch der Versuch ist, ein bereits gefundenes Ergebnis 
mit neuen Gesichtspuncten zu beleuchten. So gelangt auch der Verf. 
unserer Abhandlung mit Nitzsch zu dem Resultate, dass die Dolonie in 
der Iliade an die Stelle eines anderen Stückes getreten sei: denn zwi- 
schen dem 9. und 11. Gesänge sei eine Lücke; die Dolonie sei geeignet, 
diese Lücke auszufüllen, sie sei mit der Absicht gedichtet, ein Theil 
der Ilias zu sein ; sie enthalte grossentheils ganz homerische Anschauun- 
gen und habe manche Homer eigene dichterische Vorzüge; allein der 
gänzliche Mangel jeder Beziehung der Dolonie auf die Umgebung, un- 
lösbare Widersprüche, ein greller Nachahmerstil und Unreife der Poesie 
machten dieselbe unmöglich. 

Dass wir uns mit den Hauptergebnissen der Untersuchung für 
einverstanden erklären sollen, wird wol der Verf. selbst nicht fordern, da 
er an die Frage mit Voraussetzungen herantritt, die eben nicht aller- 
wärts in der Philologenwelt getheilt werden. Wenn er sich bemüht, 
Argumente für eine Lücke zwischen Buch / und A beizubringen , für 
deren Ausfüllung die Dolonie geeignet sei, so ist dieser Versuch für den- 
jenigen unnütz, der, indem er nicht mit dem Verf. dem Standpuncte 
einer einheitlichen Conception huldigt, auch Buch / als ein selbständig 



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Miscellen. 149 

ges Lied der Iliade betrachtet, jene Verbindung also von vornherein 
gar nicht sucht Das Nämliche gilt gegen K 251 ff. , in welcher 
Stelle der Verf. (S. 12) wol etwas gewaltsam eine Beziehung auf die 
Gesandtschaft in /, also mit ein Argument dafür erblickt, dass die Do- 
lomo wirklich für die Ilias bestimmt gewesen sei. Die Polemik gegen 
Düntzer und der Versuch, der Dolonie so viel als möglich gute Seiten 
abzugewinnen, wiegt in der ganzen Abhandlung vor, nicht gerade 
durchwegs mit bestem Glücke. So scheint mir S. 13 der von Düntzer 
in der Zahl der Wachtfeuer genommene Anstoss vom Verf. nicht wider- 
legt; man müsste denn in G 561 unter Tgdtav Troer und Bundesge- 
nossen, in K 418 blos Troer verstehen. S. 17 ist Lachmanns Bedenken 
ru K 199 iv xa&aQip, o&t, tfij vixvotv duqatvtTo x<ü()og (vgl. Ö 491) 
vom Verf. missverstanden worden. Lachmann glaubt gewiss selbst nicht, 
dass der Dichter die Argeier an dem früher den Troern zugewiesenen 
Platze habe sich setzen lassen, sondern stosst sich (und mit Recht) an 
der Verwendung der gleichen Bezeichnung für verschiedene Locale. 
K 147 einfach zu streichen (S. 20), ist unwahrscheinlich; derartige Un- 
gereimtheiten sind dem wenig befähigten Dichter der Dolonie wol zu- 
zutrauen. Dass ferner ¥' 111 (ov^rjdg r (ütquvs xal dviQag d&'piv vl*iv) 
die Veranlassung sei zu dem seit Wolf nach Aristarchs Vorgang für 
unecht gehaltenen Verse K 84 (ijV xvv ovQr\oiv S^T\atrog ij tiv ha(Q<ov), 
klingt zu gewagt (S. 24}; übrigens wird durch die von Curtius aufge- 
stellte Etymologie {ovgevs von einem mit ogata verwandten Stamm fog) 
die Stelle des Anstössigen entkleidet. ') Nicht minder gekünstelt ist S. 27 
die Beweisführung, dass nach der Intention des Dichters Thrasymedes 
und Meriones auf Kundschaft ausgehen sollten. In diesem Falle hätte 
selbst der ungeschickteste Dichter schliesslich nicht Odysseus und Dio- 
medes ohne Motivierung fortziehen lassen können. Begnügen wir uns 
lieber, Mängel und Ungereimtheiten der Darstellung unmittelbar auf 
Rechnung der unzureichenden poetischen Kraft des Dichters zu setzen, 
als for ein Ungeschick der Darstellung ein neues im Gedichte selbst 
nicht liegendes Ungeschick anzunehmen, um dann schliesslich doch wie- 
der mit dem Verf dem Dichter den Vorwurf zuzuschleudern, dass er 
uns „statt handelnder Menschen Puppen auf Drähten" vorgeführt habe. 
Schliesslich möchten wir dem Verf. rathen, bei Benützung von Ilias- 
»cholien nicht die Bekker'schen, sondern die neuen Dindorf sehen zu be- 
Dfitxen ; so wird es ihm nicht mehr passieren , in K 252 für die durch 
ein Scholion des Venetus, das bei Bekker fehlt, als aristarchisch ver- 
bürgte Leseart na^x ö)Xiv das schlechtere 7iaQ(pxv xfv zu losen. Die 
Ortsbestimmung des &qoxjjuoc ntäioio auf Grund der Forchhammer'- 
sehen Karte von Troia und ähnliche geographische Bestimmungen er- 
weisen sich nach Hercher's Abhandlung (Ueber die homerische Ebene 
ton Troia, Berlin, 1875) als unzulässig. 

Dass übrigens in Nitsche's Abhandlung manche sebätzenswerthe 
Beiträge für Homer sich finden (z. B. S. 6 die Untersuchung der Stellen 
der Dias, in welchen ein Gott auf menschliches Denken Einfluss nimmt, 
oder die eigene Art und Weise, in der der Verf. mehrere Ungereimt- 
heiten der Dolonie aus der Verwendung fremder Formeln und Ausdrücke 
beleuchtet), soll damit nicht in Abrede gestellt werden. 

2. Die formale Technik der homerischen Reden. Von Josef Hef- 
man. Programm des Staats-Real- und Obergyranasiums zu Villach. 
1877. 64 S. 

Vorliegendes Programm liefert eine mit ebensoviel Umsicht als 
Sorgfalt ausgeführte Zusammenstellung dessen, was in den homerischen 

») (Vgl. auch Wilh. Schwartz in Fleckeisen's Jahrb. 1876, S. 848 ff., 
der nach einer Parallele aus Xen. An. II, 2, 20 auch die Uebersetzung 
, Maulesel* sachlich vollständig gerechtfertigt findet.) 



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150 Miscellen. 

Beden oder vielmehr in den Beden der Odyssee (denn nur auf letztere 
beschrankt sich die Untersuchung) vor stereotypen Formel geworden ist. 
Drei Stücke sind es vorzüglich, die in den homerischen Beden am häu- 
figsten zur Anwendung kommen und deshalb vom Verf. besonders ein- 
gehend gewürdigt werden: 1. die Bedeeinführung, 2. die Anrede, 3. der 
fiedeabscnluss. Die in diesen drei Puncten mit möglichster Treue und Ge- 
wissenhaftigkeit ausgeführte und mit manchen treffenden Bemerkungen 
hegleitete Aufzählung der einzelnen Stellen gestaltet die Abhandlung zu 
einem sehr brauchbaren Bepertorium für homerische Bedeformeln. An 
dem letzten Abschnitt der Untersuchung, über die Formen der verschie- 
denen Arten der Bede, vermissen wir wol einigermassen die Sorgfalt 
der Zusammenstellung, die in den ersten drei Abschnitten ihren Ausdruck 
findet. 

Von Berichtigungen wüsste ich nur wenige nachzutragen. Zu §. 8, 
wo der Verf. von den Spuren indirecter Darstellung und dem Ueber- 
springen aus dieser in die oratio recta handelt, vermisse ich die Bei- 
spiele a 374 und q 527. Manchen vom Verf. aus dem homerischen Ge- 
brauche deducierten Gesetzen dürfte von ihrer Allgemeinheit wol etwas 
genommen werden , z. B. dass sich das Einführungswort nach dem Ende 
eines Verses zu drängen pflege (§. 18), oder dass eine den ganzen Vers 
ausfüllende Anrede immer eine feierliche Harangue sei, „die ihren Adres- 
saten ehren will" (§. 44). Wenn Antinoos cp 85 die beiden Hirten an- 
redet mit vrjmot ccyQotwrai, t<pT)[i£Qia (pQovtovreg oder Telemachos « 368 
sich entrüstet an die Freier wendet mit den Worten: firitQog ljj,ijg pvri- 
arrj^es, vniqßiov vßgtv ty° VT *s* s0 kg es w °l gewiss nicht in der In- 
tention des Redners, mit der einen Vers füllenden Anrede die Adressaten 
zu ehren. (In §. 53 sind daher auch wolweislich diese beiden Beispiele 
unter die feierlichen Anreden nicht aufgenommen.) Der Composition 
der Odyssee hätte wol etwas Rechnung getragen werden dürfen ; so kön- 
nen wir in die Panegyris, die dem Buche w vom Verf. (§. 4) zu Theil 
wird, nicht einstimmen; ebenso sollte in §. 9 das elendeste Machwerk 
des Ordners der Odyssee, a 254 — 305, nicht dazu verwendet werden, um 
daraus Gesetze für homerische Beden zu deducieren. Ein Gleiches gilt 
für w 125—190, die der Verf. passend dem bevorstehenden Kampfe vor- 
ausgeschickt nennt. Nach der Bede der Athene (« 80 ff.) ist es durch- 
aus nicht „selbstverständlich", dass ihre Vorschläge angenommen wur- 
den; Hermes wird z. B. noch nicht nach Ithaka geschickt, a 281-292 
ist nicht aus ß 214 — 223 copiert (§. 14), vielmehr findet das Umgekehrte 
statt. 

Trotz dieser kleinen Unebenheiten ist jedoch der Werth dieser 
Untersuchung nicht gering anzuschlagen, und wir können nur wünschen, 
dass der Verf. seinem im Nachwort gegebenen Versprechen, den 2. (die 
Ilias betreffenden) Theil seiner Arbeit nachzuliefern, baldigst nachkomme. 

3. Schliemanns Ausgrabungen und die Frage nach dem homeri- 
schen Troia. Von A. Bar an. Programm des k. k. Obergymnasiums 
in Krems. 1877. 42 S. 

Vorliegende Abhandlung macht nicht den Anspruch auf eine streng 
wissenschaftliche Erörterung, da sie nach des Verf. eigenen Worten aus 
einem zu Gunsten des Gymnasialstudenten -Unterstützungsvereines ge- 
haltenen Vortrage entsprungen, als eine orientierende populär gehaltene 
Darstellung dieser Frage mit Bücksicht auf die Studierenden sowol als 
auch auf die für Fragen des classischen Alterthums sich interessieren- 
den Kreise der Bevölkerung von Krems ab^efasst ist. Als solche entzieht 
sie sich wol jeder höheren wissenschaftlichen Kritik; für denjenigen 
aber, der sich mit der Geschichte und den Besultaten der die archäolo- 
gischen nnd philologischen Kreise so sehr interessierenden Schliemann'- 



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Miscellen. 151 

seken Ausgrabungen schnell vertraut machen will, wird diese Abhand- 
img immer eine willkommene Orientierungsschrift bleiben. 

Nach einem kurzen Ueberblicke über die Geschichte üions, resp. 
Neu-Ilions und über die die topographische Lage des homerischen Troia 
betreffenden Ansichten von Le Chevalier, Forchhammer, Ulrichs, Ecken- 
hreeher und Welcker und nach einem Blick über die jetzige Karte Troias 
gibt der Verf. einen gedrängten Auszug aus Schliemann's Bericht über 
die Ausgrabungen in Troia (Leipzig, Brockhaus 1874). Bei Aufstellung 
der Resultate der Ausgrabungen ist der Verf. in löblicher Weise weit 
draat entfernt, Homer als Topographen oder Historiographen aufzufassen, 
er legt mit Umsicht den geringen historischen Kern der llias blos und 
sondert, was auf poetische Piction und was auf Wirklichkeit beruhen 
därfte; dennoch hält er den bisher lange geführten Streit, ob Bunar- 
beschi oder Hissarlik Anspruch auf das homerische Troia habe, für end- 
fütig entschieden: Das homerische Troia sei auf Hissarlik zu suchen; 
die von Schliemann zu Tage geförderten, ins 13. Jahrhundert zu setzen- 
den Gegenstände seien zwar nicht mit den homerischen Schilderungen 
n identifizieren, gehörten aber doch jener einst in der troischen Ebene 
blühenden und von den Griechen zerstörten Stadt an, die den histori- 
schen Kern für die llias abgegeben habe; doch dürfe bei dem Conserva- 
usmus, den das Volksepos in der Behandlung gewisser Züge in der Sage 
in den Tag lege, nicht jegliche Beziehung zwischen den homerischen 
Gedichten und den aufgefundenen Gegenständen geläugnet werden, was 
besonders für Erklärung des homerischen L4&rjvrj yXavxwTiis, Sinag äp- 
mzxTtiXkov, xalavT« usw. gelte. 

Nach dem jedoch, was L. v. Sybel (Ueber Schliemann's Troia, 
Marburg 1875), Hasper (Zeitschr. f. d. Gw. 1874, S. 89 ff.), Steitz 
(Die Lage des homerischen Troia, Fleckeisens Jahrbb. 1875, S. 258 ff.), 
Coaze (Preuss. Jahrbb. 1874) darüber schreiben, scheinen des Verf. Re- 
sultate etwas zu weit gegriffen. Begnügen wir uns lieber, in den Schlie- 
ma&B'Khen Funden altehrwürdige und kunsthistorisch beachtenswerthe 
Schätze der vorhellenischen Cuiturepoche , der Vorgängerin der uns be- 
reits aus den homerischen Gedichten entgegenstralenden orientalisieren- 
den Epoche, zu erblicken, ohne uns für berechtigt zu halten, als Trägerin 
dieser Schatze gerade jene Stadt hinzustellen, um die spätere Dichtung 
und Sage ihr anmuthiges Gewand gewoben. Für letztere Annahme wenig- 
stens scheint mir auch vom Verf. der Beweis nicht erbracht. Wäre dies 
auch nur der alleinige Wert der Schliemann'schen Entdeckungen, sie wären 
immerhin merkwürdig genug, um im Verein mit anderwärts gemachten 
Fanden uns jene Pfade aufzuhellen, auf der die Kunst von so primitiven 
Anfingen bis zu der uns bereits in Homer entgegentretenden Vollendung 
gewandelt ist. 

Zum besseren Verständnis sind der Abhandlung zwei Karten bei- 
gegeben, wovon die erste die Ebene von Troia nach der von T. Snratt 
aufgenommenen Karte, die zweite einige Abbildungen von den Schlie- 
mann'schen Fundstücken enthält. Die Correctur der Druckbogen lässt 
an Sorgfalt bedeutend zu wünschen übrig ; 54 Druckfehler, die dem Eef. 
aufstießen, sollten in einer Abhandlung von 42 Seiten nicht vorkommen. 

4. Die Irrfahrt des Menelaos, nebst einem Anhange zur Auf- 
klärung über die „Rosenfinger und den Safranmantel der 
Sonne a . Von Anton Krichenbauer. Programm des k. k. Gym- 
nasiums in Znaim. 1877. 32 8. 

Schon einmal hat Krichenbauer in der Irrfahrt des Odysseus als 
einer Umschiffung Afrika's die Philologenwelt mit einem Kinde seiner 
Phantasie beglückt, das übermüthig und keck sich über alle Regeln be- 
tonnener Kritik und Methode hinwegsetzt ; ein zweites nicht minder un- 



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fogle 



152 Miscellen. 

gerathenes Kind hat ihm seine übersprudelnde Phantasie in der durch 
vorliegendes Programm gebotenen Irrfahrt des Menelaos geboren, und 
"wir fürchten nur, es möchte der Aufenthalt im Reiche der Träume dem 
Verf. so wol bekommen, dass wir in kürzester Zeit noch mit zwei ähn- 
lichen Producten seiner ungezügelten Phantasie beschenkt werden ; denn 
auf S. 20 seines Programmes werden bereits auch die Fahrten des Aias 
und Agamemnon als zwei Südpolexpeditionen hingestellt, von denen 
ersterer bei Madagascar (gyräische Felsen), letzterer am Cap der guten 
Hoffnung (Maleia) gescheitert. Dieselben falschen Grundvorstellungen 
über die Natur des Volksepos, dieselben willkürlichen Annahmen wie in 
der „Irrfahrt des Odysseus" treten auch in dieser Abhandlung zu Tage, 
wofür Ref. einfach auf die Besprechung seiner ersteren Schrift in diesen 
Blättern (1877 Heft XI, S. 817 ff.) zu verweisen braucht. 

Wie sich jedoch Krichenbauer die Fahrt des Menelaos im indi- 
schen Ocean zusammengekünstelt hat, soll der Philologenwelt nicht vor- 
enthalten bleiben. Menelaos ist in Unterägypten und trägt sich mit 
dem Plane, im indischen Ocean südwärts zu fahren. Er bleibt hier 
das ganze Frühjahr (denn cf 447 näoav rjoirjv oder tf 407 up rjot yaivo- 
/uh'Tfti heisst ja nicht „Morgen", sondern „Frühjahr"). In der Zeit der 
Sommersonnenwende (denn <F 450 htiiog oder (f 400 r\fxog cT rj&iog ju£- 
oov ovQttvov (t t u(fißeßrixTj dürfen nicht in der Tagesbedeutune aufgefasst 
werden) tritt der Nil aus (denn das will das Erscheinen das Proteus, 
des personificierten Nils, besagen), und Menelaos macht dabei einen Rob- 
benschlag mit. Dann geht er zu Fuss über die Landenge von Suez 
nach der Küste des rothen Meeres, schwerer Pläne voll, seine weite 
Reise anzutreten (571 und 572). Es wird Herbst (denn tf 574 heisst 
fioqnov nicht Abendmal, sondern Herbstopfer), Menelaos verbringt noch 
den Winter in Aegypten (= int r' rjlv&fv nfißqoa(r) vvg); als aber 
zur Zeit der Frühlingsgleiche die Sonne im Ostpuncte stand (= wog 
<T riQiytvHa (f<tvr) äotioödxTvlog rjwg), fuhr er ins rothe Meer (etg äXa 
titctv; denn ölog heisst „tropisch oder südlich*). Hieran reihen sich seine 
Reisen nach Arabien und Libyen, bis er endlich nach der Insel Socotora 
am Ausgange des Golfes von Aden kommt (denn es ist „noch keinem 
Philologen eingefallen", dass das homerische Pharos - Socotora nicht das 
historische Pharos bedeuten könne; denn wie sollte ein Schiff von Pha- 
ros bei Alexandria nach Aegypten einen ganzen Sommer = navtj- 
fiegtr} brauchen?) Menelaos wird nun auf Socotora zurückgehalten {Zv&a 
u tvov &tol 360); wie lange? telxooiv yfjiaxa sagt Homer, was nach 
krichenbauer heissen müsste: 20 Jahre. Ein so langer Zeitraum aber für 
Menelaos' Verweilen auf Socotora ist selbst Krichenbauer zu viel, ein Som- 
mer ist lang genug, es ist also »nachgewiesen", dass v. 360 eine Rha- 
psodenfälschung ist, der Vers nmss ursprünglich gelautet haben: Zv&a 
«T ifik nqonav fi/uctQ (== Sommer) t%ov #eoi, ovö£ 7ioj* ovgot. Also 
einen Sommer wird Menelaos auf Socotora zurückgehalten, weil ihm 
die Götter nicht die meerwarts wehenden Winde, die N.-O.-Moussons, 
schicken. Die Bewohnerschaft Socotoras (denn nur diese kann unter El- 
öo&£ti verstanden werden) kann ihm für seine Zwecke keinen Rath er- 
theilen ; nach Homer nun verweist ihn Eidothea an ihren Vater P-rotens, 
den Meergreisen ; das ergäbe nun eine Schwierigkeit : Menelaos kann mit 
Proteus Nichts mehr zu thun haben, da er sich nicht mehr in Unter- 
ägypten, sondern auf Socotora befindet. Solche Schwierigkeiten bestehen 
jedoch nur für die „unrichtigen Vorstellungen" moderner Philologen; 
„ verstau desmäss ige Arbeit" weiss da zu helfen: die Apposition aX(oio 
ytoovrog hat mit IJQcoTtcos gar nichts zu thun; der nXiog ytQtov (der 
alte Seemann) ist ganz verschieden von Proteus; nur jüngere Rhapsoden- 
dichter haben die Handlungen auf Socotora und in Unterägypten mit 
einander vermengt. Von einem alten Seemann also, der mit Socotora 
Handel treibt (ntoXtlxtu 384), erfährt Menelaos nur Schreckensnachrichten 
über Aias, Agamemnon und Odysseus, weshalb Menelaus seine geplante 



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Miscellen. 158 

Südpolexpedition aufgibt und den ihm vom alten Seemann empfohlenen 
Weg durch das rothe Meer zurücknimmt. 

Natürlich musste Erichen bauer, um diese Ausgeburt der tollkühn- 
sten Phantasie zur Welt zu befördern, die schöne Dichtung Homers 
pässlich secieren. In den Versen J 394 — 461 sind 425 — 134 ganz wegzu- 
lassen, 571—580 an 461 anzureihen, so dass aas 461 und 571 ein einzi- 
ger Vers wird: xal tot iytov inl vr\ag tifi avri&toiq hdooiotv. Auf 
570 folgen 583, 584, 581, 582. VV. 885-388, ebenso 366—381 sind 
junge Zudichtungen ; und so geht es fort, der Willkür ist keine Schranke 
«setzt. — Wie könnte uns die liebliche Erzählung von des Menelaos 
Irrfahrten mit solchem Zauber anmuthen, wenn die Rhapsoden aus diesen 
abgerissenen Fäden ihre Dichtung gewoben hätten. Ich schliesse dieses 
Referat, indem ich die Worte, die Krichenbauer der modernen Philo- 
logie entgegenschleudert, gegen ihn selbst kehre (S. 31): „Es ist die 
Aufgabe der Philologie, durch verstandesmässige Arbeit dem Schwalle 
der Phantasie entgegenzuarbeiten und die Natur wieder in ihre Rechte 
ra setzen.« 

Brunn. Joseph Zechmeister. 



Lehrbücher und Lehrmittel. 

(Fortsetzung vom Jahrgang 1877, Heft XII, S. 950 f.) 

A. Für Mittelschulen. 

Deutsch. 

Schiller Carl, Deutsche Grammatik für Mittelschulen 6. un- 
veränderte Aufl. Wien (ohne Jahreszahl), Holder. Preis, brosch 1 fl. 
20 kr. (allgemein zugelassen; Min.-Erl. v. 15. Jänner L J., Z. 367). 

Wilmann, Dr. W., Deutsche Grammatik für die Unter- und 
Jftttelclassen höherer Lehranstalten, nebst Regeln und Wörterverzeichnis 
für die deutsche Orthographie. Berlin 1877, Wiegan dt, Hempel und 
Parej. Preis, brosch. 2 Mark (allgemein zugelassen; Min.-Erl. v. 23. Jän- 
ner, L J., Z. 866). 

Wall entin, Dr. Franz, Methodisch-geordnete Sammlung von Bei- 
spielen und Aufgaben aus der Algebra und allgemeinen Arithmetik für 
die Mittelschulen etc. 1. Theil 1 fl. 20 kr. , 2. Theil 1 fl. 60 kr. Wien 
1878. Gerold (allgemein zugelassen; Min.-Erl. v. 8. Febr. 1878, Z. 1922). 

Kiepert Heinrich, Wandkarte des deutschen Reiches, zum Schul- 
cebrauche etc. 5. vollständig berichtigte Aufl. 9 Blätter. Massstab: 
1:750.000. Berlin 1878. D.Reimer, unaufgezogen 10 Mark, aufgezogen 
in Mappe 18 Mark, aufgezogen mit Stäben 20 Mark (allgemein zuge- 
li*en; Min.-Erl. v. 12. Febr. 1878, Z. 2092). 

— — Physikalische Wandkarten. Berlin. Dietrich Reimer, 
iL zw.: Nr. 1 und 2. Oestlicher und westlicher Planiglob. 10 Blätter in 
Farbendruck, auf Leinwand in Mappe, Preis 18 Mark, Nr. 3. Europa. 
9 Blätter, auf Leinwand in Mappe, Preis 16 Mark, Nr. 4. Asien. 9 Blätter, 
uf Leinwand in Mappe, Preis 19 Mark, Nr. 5. Afrika. 6 Blätter, auf 
Leinwand in Mappe, Preis 14 Mark, Nr. 6. Nordamerika. 5 Blätter, auf 
Leinwand in Mappe, Preis 12 Mark, Nr. 7. Südamerika. 4 Blätter, auf 
Leinwand in Mappe, Preis 10 Mark, Nr. 8. Der grosse Ocean (Australien 
and Polynesien). 8 Blätter , auf Leinwand in Mappe, Preis 20 Mark (all- 
femein zugelassen; Min.-Erl. v. 22. Dec 1877, Z. 21159). 

Ahles. Dr., Unsere wichtigeren Giftgewächse mit ihren pflanz- 
lichen Zergliederungen und erläuterndem Texte zum Gebrauche in Schule 
and Hans. Esslingen. J. F. Schreiber. 1874 und 1876, I. Theil. Samen- 
pflanzen. 19 Tafeln, IL Theil. Pilze (Schwämme). 30 Tafeln. Preis eines 



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154 Miscellen. 

jeden Tbeiles gebunden mit Text in Folio 5.50 Mark , auf je 3 Tafeln 
auf Leinwand gezogen, lackiert, mit Stäben 10.40 Mark. Text zu den 
Wandtafeln a 1 Mark (allgemein zugelassen; Min*-Erl. v. 27. Jänner 1878, 
Z. 802). 

Cechisch. 

Fischer, Fr. X., Arithmetika pro ntääi tfidy strodnfch §kol. 
II. Theil, 3. Aufl. Prag 1878. Selbstverlag. Preis, brosch. 1 fl. 30 kr. 
(allgemein zugelassen; Min.-Erl. v. 5. Jänner 1878, Z. 103). 

Jahn Jilji V., Strucnä Chemie pro niifii tfidy cesktfch gymnasii 
a reäln^ch gymnasii. Prag 1878. Fr. A. Urbänek. Preis, brosch. 80 kr. 
{allgemein zugelassen; Min.-Erl. v. 18. Februar 1878, Z. 2159). 

B) Für Lehrer- und Lehrerinenbiidungsanstalten. 
Fischer, Dr. Franz, Katholische Religionslehre für höhere Lehr- 
anstalten. 9. Aufl. Wien 1876, Verlag von Mayer und Comp. Preis 50 kr. 
(für die Anstalten innerhalb der Erzdiöcese Wien zugelassen; kann aber 
auch an den Lehranstalten in anderen Diöcesen nach vorhergegangener 
Genehmigung der betreffenden Qrdinariate gebraucht werden; Min.-Erl. 
v. 5. Jänner 1. J., Z. 20340). 

Das Vorlagewerk 'Das polychrome Flachornament* 2. Theil der or- 
namentalen Formenlehre von Prof. Anton And&l, welches 12 Hefte ent- 
halten und im Laufe von 2—3 Jahren vollendet sein wird, kann für 
österr. Lehranstalten gegen Einsendung des ermässigten Preises von 
2 Gulden per Heft bei dem k. k. Österr. Museum für Kunst und Industrie 
in Wien bezogen werden. Bisher ist das 1. und 2. Heft erschienen (Min.- 
Erl. v. 12. Dec. 1877, Z. 17970). 

Von J. Storcks kunstgewerblichen Vorlageblättern ist die 11. Liefe- 
rung erschienen, welche für Österr. Lehranstalten gegen Einsendune des 
ermässigten Preises von 4 Gulden bei dem k. k. österr. Museum für Kunst 
und Industrie bezogen werden kann (Min.-Erl. v. 19. Nov. 1877, Z. 18331). 

Bei der mit h. Verordnung v. 8. März 1877, Z. 2123 eingeführten 
Sammlung plastischer Lehrmittel und Anschauungsbehelfe ist ninsicht- 
lich der in dieser Verordnung angeführten Holzmodelle v. 1. Jänner 1878 
eine Preisermässigung eingetreten, über welche das Verordnungsblatt 
Stück II, S. 8 f. Aufschlug gibt (Min.-Erl. v. 4. Jänner 1878, Z. 147). 



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Fünfte Abtheilung. 

Erlässe, Verordnungen, Personalstatistik. 

Erlässe, Verordnungen. 

Erlass des Min. für C. und ü. v. 31. Dec. 1877, Z. ^TC be " 
tiefmd die Veranschlagung der im J. 1879 zu gewärtigenden besonderen 
Erfordernisse im Titel: Mittelschulen a) Gymnasien uud Realgymnasien 
k) Realschulen und im Titel: Volksschulen §. Lehrer- und Lehrerinen- 
bQdumgsanstalten, s. Verordnungsblatt Stück II, S. 6 f. 

Erlass des Min. für G. und U. v. 24. Jänner 1. J., Z. 19982 be- 
treüead die Anwendung der Vorschriften über die Ueberschreibung der 
Stempelmarken und den Vorgang beim Vorkommen stempelgebrechlicher 
Quittungen, s. Verordnungsblatt Stück I, S. 12 ff. 



Personal- und Schulnotizen. 

Ernennungen (vom Jänner bis 7. März). 

Zum Mitgliede der staatswissenschaftlichen Staatsprüfungscom- 
misoon in Innsbruck der Statthaltereirath Alexander Freih. von Reden. 

Zu Mitgliedern der k. k. Prüfungscommission für das Lehramt 
der Musik an Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten für das Trien- 
nhm 1877/80 in Wien: Zum Vorsitzenden: Landesschulinspector Vincenz 
Adam, sogleich zum Examinator bezüglich der allgemeinen und päda- 
raiichen Bildung, zu Fachexaminatoren: die Proff. am Conservatorium 
Dr. Jeseph Gänsbacher (für Gesang), Carl Jeissler (für Violine), 
Franz Krenn (für Orgel- und Harmonielehre), Joseph Dachs (für Kla- 
ner), ferner für Geschichte der Musik der Univ.-Prof. Regierungsrath, 
Dr. Eduard Hanslik und der Bibliothekar und Archivar des Conserva- 
tODoina, C. F. Pohl; — in Prag: Zum Vorsitzenden: der Statthaltereirath 
Gregor Smolari, zu Fachexaminatoren : für Gesang der Gapellmeister 
a dar Domkirche in Prag, Johann Nep. Skraun; für Violine Eduard 
Witt ich; für Orgel der Prof. am Conservatorium in Prag, Joseph 
Förster; für Ciavier und für Geschichte der Musik der Landesadvocat 
•ad üniveraitätsprof., Dr. Eduard Gundling; für Harmonielehre, dann 
ftr die Lehre vom Contrapunct und von der Fuge der Direotor der Orgel- 
aduüe in Prag, Franz Skuherskf , zugleich zum Examinator bezüglich 
4er allgemeinen und pädagogischen Bildung der Candidaten. 

Zu Mitgliedern der Commission zur Vornahme der Diplomsprüfung 
«s den Gegenständen der Hochbauschule an der Wiener techn. Hoch- 
«bule für aas laufende Studienjahr: die Proff. dieser Lehranstalt: Ober- 
bwrath Anton Beyer; Wilhelm Ritter v. Do derer, derzeit Prorector; 



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156 Personal- und Schulnotizen. 

Oberbaurath Heinrich Ritter v. Ferstel: Hofrath Dr. Ferdinand v. 
Hochstetter; Bergrath Karl Jenny; Karl König; Dr. Karl v. Lüt- 
zow; Johann Radinger; Baurath Dr. Georg Rebhann; Simon 
Spitzer; Dr. Rudolph Staudigl; Dr. Wilhelm Tinter und Moriz 
Wappler, derzeit Decan; ferner die ausser dem Verbände der Hochschule 
stehenden Fachmänner: Hermann Bergmann, Oberbaurath im Mini- 
sterium des Innern, und August Schwendenwein Ritter v. La- 
nauberg, Oberbaurath und Hofarchitekt; zu Mitgliedern der gleichen 
Prüfungscommission für die Maschinenbauschule die Proff. dieser An- 
stalt: Anton Beyer; Wilhelm Ritter v. Doderer, derzeit Prorector; 
Leopold Hauffe, derzeit Decan; Ignaz Heger, derzeit Rector; Karl 
Jenny; Dr. Joseph Kolbe; Dr. Victor Pierre; Johann Radinger; 
Dr. Georg Rebhann; Simon Spitzer; Dr. Rudolph Staudigl; Dr. 
Wilhelm T i n t e r ; Dr. Anton W i n c k 1 e r ; dann die ausser dem Verbände 
der Hochschule stehenden Fachmänner: Ludwig Becker, Centralinspector 
der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, und Adam Freiherr v. Burg, Hofrath 
und Mitglied des Herrenhauses. 

Zu Mitgliedern der Commission zur Vornahme der strengen Prü- 
fungen behufs Erlangung eines Diploms aus den Gegenständen der 
Fachschule für Strassen- und Wasserbau am böhm. polytechn. Institute 
zu Prag für das laufende Studienjahr: die Proff. dieser Lehranstalt: 
Vincenz Haussmann, Wilhelm Bukowski, Franz Tilser , Karl 
Zenger, Johann Krejöi, Franz Müller, Georg Pacold, Dr. Gabriel 
Blazek, Joseph Solin, Eduard Weyr; ferner die ausser dem Verbände 
des Instituts stehenden Fachmänner Johann Poliwka, Oberinspector 
der Busch tiehrader Eisenbahn, und Eduard Bazika, Bauinspector der 
Staatseisenbahngesellschaft. 

Die Zulassung des regulierten Chorherrn zu St. Florian in Ober- 
österreich, Dr. Engelbert Mühlbacher als Privatdocent für historische 
Hilfswissenschaften: Diplomatie, Paläographie und Chronologie an der 
philos. Facultät der Univ. zu Innsbruck wurde genehmigt, desgleichen 
die des Dr. Franz Schubert als Privatdocent für classische Philologie 
an der Univ. in Prag. 

Der absolvierte Zögling des Institutes für österr. Geschichtsforschung, 
Joseph Herbert, zum Amanuensis der Universitätsbibliothek in Inns- 
bruck (7. März L J.). 

Der Universitätsprofessor in Prag, Dr. Otto Willmann, zum 
Mitgliede des Landesscnulrathes für Böhmen für den Rest der gesetz- 
lichen Functionsdauer und der Director des Gymn. in Bozen, Theodor 
Pantke, zum Director des Gymn. in Görz und zum fachmännischen 
Mitgliede des Landesscnulrathes für die geforstete Grafschaft Görz und 
Gradiska (a. h. Entschl. vom 10. und 14. Jänner 1. J.). 

Der Director am Gymn. in Iglau, Dr. Mathias Drbal und der 
Director der Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinen zu Linz, Jo- 
seph Berger, wurden zu Landesschulinspectoren ernannt, u.zw. ersterer 
dem Landeaschulrathe für Mähren mit dem Amtssitze in Brunn, letzterer 
dem Landesschulrathe in Oberösterreich mit dem Amtssitze in Linz zu- 
gewiesen, ersterer vorläufig mit der Inspection der deutschen Mittelschulen 
in Mähren von humanistischer Seite, letzterer mit der Inspection der 
Volksschulen und Lehrerbildungsanstalten in Oberösterreich betraut (a. h. 
Entschl. vom 11. Februar 1. J.). 

Der Prof. am Gymnasium in Feldkirch, Joseph Rohrmoser , zum 
Director des Gymnasiums in Bozen (a. h. Entschl. vom 9. Februar 1. J.). 

Der Religionsprofessor am Brünner deutschen Obergymn., Mathias 
Prohaska, zum Ehrendomherrn des Brünner Capitels (a. h. Entschl. 
vom 27. Jänner 1. J.). 



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Personal- und Schulnotizen. 157 

Der snpplierende Religionslehrer am Untergymn. in Zloczow, Anton 
Hocheker, znm wirkl. Religionslehrer daselbst (11. Jänner 1. J.). 

Der Lehrer am Gymn. in Bozen, Valentin von Aichinger, 
wurde an das Gymn. in Feldkirch, der Lehrer am Gymn. in Feldkirch 
Hermann Kravogl an jenes in Bozen versetzt, desgleichen der Prof. an 
der Staatsrealschule zu Pilsen, Joseph John, an das Staatsrealgymn. 
zu Prachatitz. 

Der Curator der k. k. Theresianischen Akademie hat den Gym- 
Dasialprofessor in Krems, Franz Würzner, zum Prof. und den Gym- 
nasiallehrer in Hernais, Franz Zöchbauer, zum wirkl. Gymnasiallehrer 
am Gymnasium dieser Akademie ernannt, und der Min. für C und U. 
hat diese Ernennungen bestätigt. 

Der Prof. an der höheren Staatsmittelschule in Fiume, Leopold 
Schallmeiner, zum Prof. an der k. k. Marineakademie (a. h. Entschl. 
vom 13. Jänner 1. J.). 



Der Custos der Gemäldesammlung des allerhöchsten Kaiserhauses, 
Wilhelm Riedel, wurde unter dem Ausdrucke der a. h. Zufriedenheit 
in den Ruhestand yersetzt und an seiner Stelle der Oberstlieutenant des 
Ruhestandes Wilhelm Wartenegg von Werthheimstein zum Custos 
ernannt (a. h. Entschl. vom 12. Jänner 1. J.). 



Der prov. Director und Prof. an der Lehrerbildungsanstalt zu 
Komotau, Adam Werner, zum wirkl. Director dieser Anstalt (13. Jän- 
ner L J.). 

DerCatechet an der Bürgerschule zu Raudnitz, Carl Tippmann, 
zum kathot Religionslehrer an der böhm. Lehrerinenbildungsanstalt in 
Prag und der Supplent Alois Müller zum Unterlehrer an der Uebungs- 
schule der Lehrerbildungsanstalt in Troppau. 

Zar Lehrerin für die Uebungsschule an der Lehrerinenbildungs- 
anstalt in Görz die provisorische Uebungsschullehrerin Elodia Rosa Wal- 
ler, zum Unterlehrer für die Uebungsschule an der Lehrerbildungsanstalt 
in Olmütz der Unterlehrer August retyrek. 



Auszeichnungen erhielten: 
Der ordentl. Prof. des römischen Rechtes an der Univ. in Prag, 
Dr. Carl Czyhlarz, in Anerkennung seines verdienstvollen Wirkens 
den Orden der eisernen Krone 3. CL (a. h. Entschl. v. 1. Jänner 1. J.); 
4er Director der Staatsoberrealschule in der Leopoldstadt zu Wien, Dr. 
JuHns Spängier, in Anerkennung vorzüglicher Dienstleistung das Ritter- 
kreuz des Franz Joseph-Ordens (a. h. Entschl. v. 3. Jänner 1. J); der 
ordeotL Prof. des deutschen polytechnischen Institutes zu Prag, Dr. Carl 
Kof istka, in Anerkennung seiner ausgezeichneten Leistungen im Lehr- 
amte und auf wissenschaftlich-praktischem Gebiete den Orden der eisernen 
Krone 3. Claase und der ordentl. Prof. derselben Anstalt, Dr. Adalbert 
Edler von Waltenhofen, in Anerkennung seiner verdienstvollen lehr- 
amtlkhen und wissenschaftlichen Thätigkeit den Titel und Charakter 
eines Regierungsrathes (a. h. Entschl. v. 9. Jänner 1. J.); der ordentl. 
Prot der Botanik an der Univ. Wien, Regierungsrath Dr. Eduard Fenzl, 
bei seinem bevorstehenden Uebertritte in den bleibenden Ruhestand, in 
Aberkennung seiner im Lehramte und auf wissenschaftlichem Gebiete 
erworbenen Verdienste den Titel und Charakter eines Hofrathes (a. h. 
EötechL v. 11. Februar 1. J.). 



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158 Personal- und Schulnotizen. 

Nekrologie (Mitte Jänner bis Anfang März). 

Ende Dec. v. J. in Lagos an der Westküste Afrikas der ehemalige 
Lehrer am Joachimsthaler Gymnasium zu Berlin, Dr. Landien, der sich 
zur Förderung wissenschaftlicher Zwecke dahin begeben hatte. 

Am 5. Jänner 1. J. in Jungbunzlau der Priester des Piaristen- 
ordens und emeritierte Prof. des Obergymn. zu Jungbunzlau in Böhmen, 
P. Idelphons Wawra, 71 J. alt, und in Düsseldorf der ausgezeichnete 
Genremaler Eduard Geselschap. 

Am 6. Jänner 1. J. in Prag Franz Wlasäk, durch seine Schriften 
auf dem Gebiete der Geschichte und Archäologie, welche er in cechischer 
Sprache verfasste, bekannt, 50 J. alt. 

Am 7. Jänner 1. J. in Iserlohn Friedrich Leopold Woeste, durch 
seine lexikalischen Arbeiten über den westphälischen und niederrheini- 
schen Dialekt verdient; in Salzburg der Prof. an der dortigen theologi- 
schen Lehranstalt, Dr. Georg Mösinger, 47 J. alt, und in Mailand 
der Secretär und Prof. an der dortigen Akademie der bildenden Künste, 
Antonio Caimi. 

Am 8. Jänner 1. J. in Paris der Naturforscher Franc, v. Raspail, 
89 J. alt. 

Am 9. Jänner 1. J. in Wien der Privatdocent an der med. Facul- 
tas Dr. Ludwig Fleisch mann, und in Petersburg der russische Dich- 
ter, Nikolai Nekrassow. 

Am 10. Jänner 1. J. in Edinburgh der bekannte Entomologe An- 
drew Murray, 66 J. alt. 

Am 14. Jänner 1. J. in Wien der Architekt und Kalligraph, Karl 
Markus, 42 J. alt. 

Am 15. Jänner 1. J. in Venedig der englische Schriftsteller Sir 
William Stirling-Maxwell, Verf. der Werke über Kaiser Karl des V. 
Klosterleben , über Velasauez und andere spanische Maler, 60 J. alt. 

Am 16. Jänner 1. J. in Ungarisch-Hradisch der Prof. am dortigen 
Gymn., Joseph Indräk, 42 J. alt. 

Am 17. Jänner 1. J. in München der bekannte Aquarellmaler und 
Kupferstecher, Jobst Riegl, 57 J. alt. 

Am 19. Jänner 1. J. in Krakau der ehemalige Prof. der praktischen 
Medicin an der Univ. daselbst, Dr. Joseph Dietl, Bürgermeister von 
Krakau, lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses, 74 J. alt. 

Am 20. Jänner 1. J. in Pest der artistische Director des National- 
theaters, Eduard Szigligeti. als dramatischer Schriftsteller bekannt, 
64 J. alt, und in Iielles in Belgien der bekannte viamische Dichter, 
Franz de Cort, dessen lyrische Gedichte mehrere Auflagen erlebten, 
44 J. alt 

Am 23. Jänner 1. J. in Görz der Prof. am Gymn. auf der Land- 
strasse in Wien, Otto Koren, als tüchtiger Philologe und Kenner des 
Sanskrit bekannt, und in Admont der Stiftsbibliothekar und Capitular im 
Stifte Admont, P. Barnabas Maur, 63 J. alt. 

Am 24. Jänner 1. J. in Wien der Schriftsteller und Journalist, 
Dr. Adolf Stamm, 36 J. alt. 

Am 25. Jänner 1. J. in Selau der Prior des Prämonstratenser- 
stiftes, J. Karl Sindelaf , durch 40 Jahre Prof. und Director am Gymn. 
in Deutschbrod, 78 J. alt; in Bern der tüchtige Maler Ferdinand Krura- 
holz, 1810 in Hof in Mähren geboren, und in Strassburg der Maler 
Theophil Schuler, dessen berühmtes Bild 'Züricher bei einem Schützen- 
feste 1676' während der Beschiessung von Strassburg 1870 verbrannte. 

Am 26. Jänner 1. J. in Leipzig der berühmte Physiolog, geh. Bath. 
Prof. Dr. Ernst Heinrich Weber, 83 J. alt. 

Am 28. Jänner 1. J. in Vicenza der Dichter Jacopo Cabianca. 

Am 29. Jänner 1. J. in Jena der Prof. der Staatswissenschaften an 
der dortigen Univ., Dr. Bruno Hildebrand, 66 J. alt 



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Personal* und Schulnotizen. 150 

Am 80. Jänner 1. J. in Hildburghausen der Gymnasialdirector, 
Hofrath Dr. Albert Doberenz, besonders durch seine Schulausgabe des 
Caesar bekannt, 67 J. alt. 

Am 81. Jänner 1. J. in Freiburg i. 6. der bekannte katholische 
Schriftsteller und Parlamentsredner, Hofrath Fxanz Joseph v. Buss, 
Prof. an der juridischen Facult&t daselbst, besonders durch seine Werke 
Gesehkhte und System der Staatswissenschaften' und 'über den Einfluss 
des Christenthums auf Recht und Staat* bekannt, 75 J. alt 

Im Jänner 1. J. in Wien der Bildhauer Joseph Schönfeld, 56 J. 
alt; ebend. der Historienmaler Karl Fruhwirth, 67 J. alt, und der 
akademische Maler Ferdinand Schulz, 73 J. alt; in Leipnik der emeri- 
tierte Gymnasialprof., P. Vincenz Klug, 75 J. alt; in Auteil Henri Victor 
Regnault, Direktor der Porcellan-Manufactur von Sevres, durch seine 
chemischen und physikalischen Arbeiten rühmlich bekannt, 67 J. alt; in 
Paris der Senator Graf Monier delaSizeranne, als dramatischer Dichter 
bekannt, 85 J. alt; ebend. Edmund 6 ecquerel, Prof. am naturhistorischen 
Mweum su Paris, durch seine Studien über Elektricit&t und Magnetis- 
nis hochrerdient, im Alter von 79 Jahren ; ebend. der Schriftsteller Edgar 
Butaric, Mitglied der Akademie der Inschriften und der schönen Wissen- 
Staaten, durch seine historischen Arbeiten (Frankreich unter Philipp 
dem Schönen, Ludwig der Heilige und Alphons von Poitiers) bekannt, 
41« J. alt; ebend. Dr. flirtz, einer der geschätztesten Professoren an der 
nedkm. Facultat der alten Strassburger Uni?., 69 J. alt, und der talent- 
volle Romanschriftsteller Jules Dautin, in der Blüte seines Alters. 

Am 1. Februar 1. J. in Tübingen der Prof. der französischen Lite- 
ratur an der dortigen Univ., Dr. A. Fe schier, 74 J. alt, und in London 
der berühmte Maler und Meister in der grotesken und satirischen Kunst, 
George Cruikshant, 86 J. alt. 

Am 4. Februar 1. J. in Halle der Prof. an der theolog. Facultät 
der dortigen Univ., Dr. H. E. F. Gueri;cke, 75 J. alt. 

Am 8. Februar 1. J. der Prof. am Gyran. in Salzburg, Ferdinand 
Bargezi, als tüchtiger, eifriger Lehrer im Fache der class. Sprachen 
Terdient, 43 J. alt, und in Gothenburg der bekannte Botaniker Elias 
Magnus Fries, Verf. der Werke : Systema mycologicum und Lichenogra- 
phia europaea, 83 J. alt. 

Am 9. Februar in Leipzig der ausserordentl. Prof. der Philologie, 
Hofrath und Ritter Dr. A. Th. Fritzsche, ein tüchtiger, in der Schule 
G. Hermaiin'8 gebildeter Philologe, 60 J. alt, und in Paris der Kunst- 
Schriftsteller Ernst Vinet, Mitglied der Akademie der bildenden Künste 
in Paris, 74 J. alt 

Am 10. Februar 1. J. in München der Landschaftsmaler, Heinrich 
Freiherr Ton Höfer, 53 J. alt, und in Paris der berühmte Physiologe 
Claude Bernard, Professor der allgemeinen Physiologie im Museum des 
Jardn des plante«, 65 J. alt 

Am 11. Februar 1. J. in München der Landschafts- und Architektur- 
ataler, Emil Theodor Richter, 76 J. alt, 

Am 14. Februar 1. J. in Schöneberg bei Berlin der Schriftsteller 
Dr. Gustav Rasch. 

Am 17. Februar 1. J. in Budweis der Prof. am dortigen Gyran., 
Jacob Wimmer. 

Am 19. Februar 1. J. in Paris der bedeutendste französische Land- 
schaftsmaler dieser Zeit, Charles Daubigny, 61 J. alt 

Am 22. Februar 1. J. in Coblenz der bekannte Pianist und beliebte 
ClaTiercomponist Franz Hunten, 85 J. alt. 

Am 24. Februar 1. J. Dr. Gregor Fuchs, Prof. an der Landesober- 
realschule und dem Landesoberrealgymnasium in Leoben, Capitular des 
Stiftes Admont 57 J. alt 

Am 26. Februar 1. J. in Rom der berühmte Astronom Angelo Sec- 
chi, Director der Sternwarte und Prof. der Physik am Collegio Romano, 



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160 Personal- und Schulnotizen. 

Mitglied des Jesuitenordens, besonders durch seine spectral-analytischen 
Abhandlungen über die Sonne und die Fixsterne hochverdient, am 
29. Juni 1818 in Reggio geboren. 

Am 27. Februar 1. J. in Blois der gelehrte Forscher auf dem Ge- 
biete der Numismatik, de la Saassaye, 76 J. alt. 

Am 28. Februar 1. J. in Freiburg im Breisgau der Prof. an der 
theologischen Facultät der dortigen Universität, Dr. AI zog, der bekannte 
Verf. des in neun Auflagen erschieneneu Handbuches der Kirchengeschichte, 
69 J. alt 

Im Februar 1. J. in Paris der Schriftsteller und Journalist Albert 
de la Fizeliere, 60 J. alt; ebend. der Genremaler Alexander Johann 
Antigna, dessen Hauptwerk 'der Brand 7 im Luxemburg hängt, 60 J. 
alt, und in England Oberst G. Montgomerie, bekannt durch seine 
wissenschaftlichen Durchforschungen Indiens und Centralasiens. 

Am 1. März 1. J. in Wien der emeritierte Prof. des röm. Rechtes 
an der Wiener Univ., Hofrath Dr. Ludwig Arndts Ritter von Arnes- 
berg, der hervorragendste Jurist aus der Schule Savigny's und hoch- 
bedeutende Romanist, als Lehrer und Schriftsteller eine der Zierden der 
Wiener Hochschule, 75 J. alt, und in Stuttgart der emeritierte Oberhof- 
prediger, Prälat Karl von Grüneisen, als kunsthistorischer Schrift- 
steller bekannt. 

Im März 1. J. in Berlin der bekannte naturwissenschaftliche 
Schriftsteller, Dr. Karl Nissle, 39 J. alt; ebend. der Privatdocent an 
der medicin. Facultät der dortigen Universität, Sanitätsrath F. W. Th. 
Ravoth, 62 J. alt, und zu Wimbledon Park bei London der bekannte 
Aegyptologe, Joseph Bonomi. 



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Erste Abtheilung. 

Abhandlungen. 

Beiträge zur Kritik und Erklärung des Thukydides. 



Es ist bekannt, dass nach Abschluss des Friedens des Nikias 
und des Bündnisses zwischen Athen und Lakedaimon die mit dieser 
Wendung der Dinge unzufriedenen Korinthier den Plan fassten , ein 
antupartanisches Bündnis (griechischer und namentlich) peloponne- 
eischer Mittelstaaten zu Stande zu bringen und dass zu diesem 
Zwecke gleich bei der Rückkehr von der Bundesversammlung zu 
Sparta, welcher die Lakedaimonier das athenische Bündnis zur An- 
nahme, freilich zum Theil ohne Erfolg, vorgelegt hatten V 22, 1, 
die Gesandten der Korinthier sich nach Argos wandten. Sie theilten 
ihren Plan nur einigen argeiischen Beamten mit und kehrten hierauf 
nach Hause zurück, V 37, 1 — 3. Diese Beamten tragen darüber in 
der Volksversammlung vor und der argeiische Demos ging auf den 
Vorschlag der Korinthier ein; was den Demos dazu vermochte, wird 
V 28 auseinandergesetzt. Es wurden zwölf Männer erwählt , welche 
in Kamen des Staates mit allen Hellenen, die Athener und Lakedai- 
monier ausgenommen, Bündnis zu machen befugt waren V 28, 1. 
Zuerst, heisst es V 29, 1, traten die Mantineer dem neuen Bunde bei. 
Anwnavtiav de räv Mavctviiov — so lautet V, 29, 2 — xal 
r aXhq Iltfuoiiowrjpog lg &qovv xa^iarazo, atg xal awiac 
JKHrjvioy tovTO, vofuaavreg nXiov T£ ti elöorag fieraOTrjvai 
frvtovg xal tovg jiaxeöaitioviovg a/ia v dt* oQyijg e'xovteg , lv 
ailotg t€ xal ort iv Talg anovdaig raig *A%Tixaig lyiyqanxo 
ttOQju» dvcu itQood'eivai xal aweXelv oti av ajticpolv rölv 
tojUW doxij, Jtaxedaifiovioig xal Aörpaloig. (§. 3) tovro yaq 
fo YQanfia fiahaza trjv IleXojrowijOov dw&OQvßu xal lg 
vnoipiav xa^iatr^ ftt] gieret ji&rpaiiov aepag ßovfoovxai Aaxe- 
kunonot öovkboao$ai. dlxatov yao elvai näoi röig &mta%otg 
Ttftaipdai t^v inerd&eoiv. (§. 4) oiare yoßoifievoi dt noXkol 
**tytrprvo nQog tovg 'Aqryuovg xal avxol ¥xaozot ^v^axiav 
x<Hüo9ai. 



ZtitockriA t d. fetorr. Gymn. 1878. III. Heft. 1 1 

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£, 



162 L. Cwiklviski, Beitrage zur Kritik und Erklärung des Thukydides. 

Offenbar gehört der Satz öUawv yctQ xtL unmittelbar hinter 
die Schlussworte von §. 2 und der Satz §. 3 : tovto yctQ %b yQafifta 
— öovliiaaa&ai gehört nicht hieher und ist theilweise ein späterer 
Zusatz fremder Hand. Zunächst muss das yaQ in den beiden auf- 
einanderfolgenden Sätzen als auffallend bezeichnet werden. Nur das 
im zweiten Satze stehende ist am richtigen Orte. Der erste von den 
beiden Sätzen dagegen begründet durchaus nicht das im §. 2 Ge- 
sagte ; er wiederholt dasselbe nur mit etwas anderen Worten. Denn 
wir lasen im §. 2 : die Peloponnesier zürnten den Lakedaimoniern 
sowol anderer Dinge wegen, als auch deswegen, weil in dem attischen 
Bündnisse der bewusste Artikel stand. Wie soll diese Aussage der 
Satz begründen : denn dieser Artikel setzte die Halbinsel weit und 
breit in Unruhe ? Und wozu, selbst wenn yaq zu tilgen oder zu ändern 
wäre, was nicht angeht, die Wiederholung des Gesagten überhaupt? 
Unser Satz verräth übrigens seinen Ursprung ganz deutlich. Dass %b 
yQctfi^a in der seltenen Bedeutung eines Artikels vorkommt, beweist 
freilich Nichts für oder gegen den Thukydideischen Ursprung des 
Satzes. Hingegen erweist sich der Ausdruck ig xmotyiav xad-lav^ 
als Nachbildung des fast unmittelbar voraufgehenden ig %}qovv xa- 
&ioxa%o und dia&OQvßeco ist demselben Bilde entlehnt, wie ig 
&qovv xa^/arorro. *) Sollte es Thukydides wirklich nicht vermocht 
haben abwechselnde Ausdrücke in seinem Wortschatze herauszu- 
finden? Und was nicht minder wichtig ist, ocpäg im §. 3 geht ebenso 
auf Tfjv Hüjonovvrfiov zurück, wie im §. 2 oyioi auf rj aXh] 
neXonowrflog. 

Man könnte mir einwerfen, dass die zweite Hälfte des behan- 
delten Satzes Etwas enthält, das sonst in unserem Capitel nicht zur 
Sprache kommt; es ist der Inhalt der argwöhnischen Befürchtung, 
dass die Lakedaimonier die Unterwerfung der Symmachoi mit Hilfe 
der Athener im Schilde führten , da sie den bewussten Artikel in 
die Bündnisurkunde hineingesetzt haben. Wesentlich neu , d. h. so 
etwas, was man ohne den Satz xal eg vTtoxplav xa&lüTt] xxvL 
nicht erfahren würde, ist dies jedoch nicht. Die Natur der Clausel, 
dass nur die Athener und Lakedaimonier befugt sein sollten , neue 
Artikel hinzuzusetzen, und bisherige zu streichen , führt von selbst 
darauf, dass die Clausel nur zu Gunsten dieser beiden und zu Un- 
gunsten der anderen zu dem Bündnisse beitretenden Mitglieder ab- 
gefasst ist. Ich will indessen annehmen, dass Thukydides diesen 
Schluss nicht blos für sich gemacht, sondern auch noch ausdrücklich 
in unserem Capitel ausgesprochen hat, und gedenke nicht in Abrede 
zu stellen, dass auch hinsichtlich der Form die zweite Hälfte unseres 
Satzes: (xai ig v7toxpiav na&iaTtj) ^iyj jtuza !<4&rjvauov acpag 
ßovfajvrai Aanedainovioi dovhloao&at, völlig ohne Anstoss ist. 
Ich halte darum diese zweite Hälfte des Satzes für Thukydideisch, 



*) Der Scholiast erklärt dte&oQvßu : dux ndorjs rrjs IItXo7iovvrjoov 

d-OQVßOV XCC&fOTTJ. 



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L Öcüdinski, Beitrage zur Kritik und Erklärung des Thukydides. 163 

fahrend das die erste Hälfte nicht ist. Nur ist jene zweite Hälfte 
an einen unrechten Ort gerathen. §. 4 steht yoßov/uevoi absolut, 
L L ohne dass hinzugefügt wäre, was die Bundesgenossen fürchteten. 
Es steht nicht einmal ein h.eivo, welches, wie ich meine, doch zum 
Modesten erforderlich wäre, wenn sich q>oßovju€vot auf den Satz 
iiij wrJL beziehen sollte. Ein allgemeines „fürchtend" ist nicht blos 
matt, sondern geradezu doppelsinnig; es könnte leicht Jemand an- 
nehmen , dass die Bundesgenossen sich vor der Uebermacht der Ar- 
frier fürchtend d. h. durch die Furcht vor denselben veranlasst, an 
die Verbindung mit den Argeiern herantraten, woran natürlich nicht 
xa denken ist. — So hat also yoßoiftevoi einen abhängigen Satz 
lothig; dieser lautete in dem ursprünglichen Texte: jit} pexa A9r\- 
wquoy a<pag ßovXtavxai ytax€dcuf.wvioi dovXujocto&ai, das hinter 
oi TtolXoi stand. 

Ich denke, die Entstehung der Interpolation und Verschreibung 
erklärt sich leicht. Der Inhalt von §. 2 war in einem Scholion am 
Bande angemerkt: xovxo {yotq) xb yQa/u(na juahaxa xrjv flelo- 
wrrrpov die&OQvßu. Zu gleicher Zeit mochte am Bande der Satz 
OT x. x. X. geschrieben gewesen sein (vielleicht mit einem Zeichen 
versehen, wo er eigentlich hingehörte), da ihn der Abschreiber hinter 
ipoßovfievoi oi nollol ausgelassen hatte. Ein Späterer vereinigte 
beide Notizen durch ein xal ig vnoxpiav xa&loxtj , und es konnte 
noch später — namentlich wenn ein Zeichen wirkllich da war — ein 
Abschreiber die Meinung gewinnen, dass der ganze Satz zum Thuky- 
dideischen Texte gehöre und hat ihn an die jetzige Stelle , vielleicht 
um das einleitende yctQ vermehrt , gestellt , wo er zweifelsohne ganz 
verkehrt ist. 

II. 

Einer der misslichsten Abschnitte ist V 36. Fast in jedem 
8atze kommen kritische Schwierigkeiten vor. Zunächst sofort das 
una Bouaxwv, wofür man /ie& ectvrwv erwartet. Ganz beson- 
deren Schwierigkeiten unterliegt aber die Erklärung des Satzes: 
lito9cu yaQ AcrAedai^oviovg 71QO xfjg A&rjvaiwv e'x&Qag xai 
iiaiio&og xcjv anovöiav liqyeiovg acpiai (piXovg x<m Svmiaxovg 
fttio&ai. Ai(mo&ai heisst „für sich nehmen", „wählen" ; ttqooii- 
ouo&aixi xivog, oder aiQelo&ai xi ttqö xivog, kann demgemäss 
nur heissen „von zwei Dingen das eine für sich nehmen , das eine 
wählen, das eine vorziehen." Es sind also, wo nQoaiQÜa&ai ge- 
braucht wird , immer zwei Möglichkeiten vorhanden. Indessen ver- 
mögen wir dem entsprechend unseren Satz nicht zu erklären. Die 
Lakedaimonier zogen nicht die Freundschaft der Argeier der e%9(>a 
tw lA&rpraiiov und der dialvoig xüv gtzöv&üv vor , sondern der 
Freundschaft mit den Athenern. Man ist also geneigt statt l'x&Qa 
gerade das entgegengesetzte qtiXia an unserer Stelle zu suchen. Ein- 
facher wäre noch nqb xwv ji&rpaitov. Da dies leider nicht im 
Tlrakjdideischen Texte steht, so hat man theilweise auf jede Er- 

11* 



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164 L. ÖunkUhski, Beiträge zur Kritik und Erklärung des Thukydides. 

klärung verzichtet, theilweise eine andere Erklärung oder eine Emen- 
dation versucht. So haben namentlich Einige das tiqo zeitlich gefasst 
z. B. Heilmann, Dukas, Haacke in der ersten Ausgabe, wie es Poppo 
III, 3 p. 534 bezeugt. Neuerdings ist Classen zu dieser Erklärung 
zurückgekehrt. Er übersetzt also unseren Satz: „Die Lakedaimonier 
würden es gern sehen , wenn die Argeier ^Aqyüovg nachdrücklich 
vorangestellt] zu ihnen in Freundschaft und Bündnis träten , ehe sie 
den Athenern offene Feindschaft und Aufhebung des Friedens er- 
klärten." Abgesehen davon, dass aiQelo&cu in der absoluten Bedeu- 
tung: „sich wozu entschliessen , etwas gern sehen", ohne dass 
zugleich angedeutet wäre , dass einer Sache der Vorzug vor einer 
anderen gegönnt wird, kaum vorkömmt, abgesehen ferner davon, dass 
das fast unmittelbar auf aiQeio&cu folgende tcqo die gewöhnliche 
Bedeutung nahe legt , indem man mit Recht erwartet, dass zur Be- 
zeichnung einer zeitlichen Folge der Schriftsteller Ausdrücke gewählt 
hätte , wie z. B. einen Satz mit tiqlv , der nicht zweideutig und un- 
klar wäre, abgesehen davon ist die angegebene Erklärungsweise aus 
dem Grunde unstatthaft, weil in solchem Falle der Satz elio&ai yaq 
xtL nicht mehr den voraufgehenden begründet , was seine Aufgabe 
ist. Dieser voraufgehende Satz besagt, dass falls die Boioter die 
Argeier zu den Lakedaimoniern hinüberzuziehen vermöchten, die- 
selben d. h. Boioter nicht mehr in die Lage gerathen würden, die 
verhassten Attischen onovöai (d, h. den Frieden, den sie bisher 
nicht acceptiert hatten) anerkennen zu müssen. Denn dies müsste 
der Inhalt des begründenden Satzes sein — die Lakedaimonier wären 
ihrerseits geneigt, für den Preis des Beitritts der Argeier das attische 
Bündnis und den Frieden fahren zu lassen, so dass also auch die 
Boioter nicht mehr dazu angehalten würden, jenem Frieden ebenfalls 
beizutreten, während anderenfalls die Boioter isoliert verbleiben und 
dann — über kurz oder lang — sich der Uebermacht der verbündeten 
Mächte fügen, dem sogenannten Attischen Bündnisse sich anschlies- 
sen möchten ; so sehr schätzten also die Lakedaimonier die §vmia%la 
mit den Argeiern, dass sie ihretwegen die Athenische \v^(ia%ia 
preizugeben bereit waren. Wollten wir ttqo zeitlich auffassen, so 
würde unser Satz nur etwas Neues bringen, dies nämlich, dass die 
Lakedaimonier sich der Argeier vor Allem sichern wollten , bevor es 
zu dem (ersehnten ?) Bruche mit den Athenern käme, aber keine Er- 
klärung des Umstandes, warum die Boioter ausser Gefahr treten, den 
attisch-spartanischen Frieden annehmen zu müssen. Wäre der Bruch 
der Lakedaimonier mit den Athenern , wie bei der von Classen ge- 
billigten Interpretation angenommen werden muss, eine beschlossene 
Sache und ein nahes Ereignis, so hätten ja die Boioter keinen 
Grund zu fürchten, zur Anerkennung des athenisch- 
lakedaimonischen Bündnisses gezwungen zu werden, 
und es wäre Unsinn von Seiten der Lakedaimonier gewesen, die 
Boioter mit Aussichten auf einen Gewinn zu ködern , der nicht erst 
in Folge des Beitrittes der Argeier an die Lakedaimonier, welchen 



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L CvMinski, Beitrage zur kritik and Erklärung des Thukydides. 165 

die Boioter veranlassen sollten , sich ergeben sollte, sondern, da der 
Friedensbmch — Classen zufolge — unmittelbar bevorstand , ohne 
irgendwelches Zuthun der Boioter ihnen mit diesem Friedensbruche 
Ton selbst zufallen musste. ') 

Es ist klar, dass das Aufgeben des athenischen Friedens als 
das Opfer, welches die Lakedaimonier zum Zwecke der Heranziehung 
der Argeier mittelst der Boioter zu bringen entschlossen waren , in 
dem Satze ileo&ai yaQ xtA. dargestellt werden muss , wenn er dem 
Inhalte und der Form nach in den Zusammenhang passen soll. Eben 
deswegen kann man auch die Emendation Stahl's nicht billigen, der 
AdrpHxiütv streicht und die e'z&Qa aal öidlvoig twv onovöüv auf 
die Argeier bezieht. Ich denke wenigstens, dass der Umstand allein, 
dies die Lakedaimonier die Argeier zu gewinnen trachteten . keine 
Erklärung gibt, wie so die Boioter ovx av avayxao&euv ig xag'Ax- 
uxag onovdag IgeX&elv. Es erklärt dies , um es noch einmal zu 
wiederholen, nur das Preisgeben der Athener für die Argeier 
toh Seiten der Lakedaimonier. Uebrigens widerspricht der Stahl- 
sehen Emendation die ganze Ausdrucksweise ; wenn man li&tjvaiwv 
streicht, wird sie künstlich und verschroben; es entsteht ein ganz 
unerträglicher Pleonasmus. Ganz besonders auffallend ist in solchem 
FiUe 'AQyeiovg , das „nachdrücklich vorangestellt a einen Gegensatz 
oothwendig voraufhaben muss. jiSrpaiiav also ist unentbehrlich. 
An eine Interpolation, die leider nur zu oft als der leichteste Ausweg 
ingenommen wird, kann durchaus nicht gedacht werden. Der Satz 
ist zur Erklärung des voraufgehenden ovtio yctQ rjxiov av xtA. 
unumgänglich noth wendig. Vielleicht darf man ihn aber so verstehen, 
dass man annimmt, jtqo rfjg si&qvaicov e'x^Qag xal dtaXvotiog 
sei, um so zu sagen, proleptisch gebraucht. Das nothwendige Er- 
gebnis davon, wenn die Lakedaimonier ein Bündnis mit den Argeiem 
angingen, war die dtdlivig tä>v anovdtiv und die ji^^vaitov 
*I^^a. Um dieses Ergebnis war es vor allem dem Schriftsteller 
in thun; er wollte dieses die lakedaimonischen Ephoren hervor- 
heben lassen , um die Grösse ihres Opfers nachdrücklich zu kenn- 
zeichnen. Der Satz konnte jedoch nicht so geschlossen werden , wie 
er angefangen wurde. Denn nicht waren dies coordinierte Dinge die 
Ajhpxuwv ix&Q Dn( * die Hfyyeuav yilia, von denen nach Belieben 
das eine oder das andere gewählt werden konnte. Der ji$rp>amv 
iX$qa konnte nur die liQysiwv %%$Qa entsprechen. Es handelte 
sich aber um die 'A^ydiov yiXict. Das Unlogische liegt also vor- 
nehmlich in dem Ausdrucke nQoeUa&ai. 

') Bereits Poppo bemerkte gegen die zeitliche Auffassung des kqo 
treffend, waa folgt: „Deinde nee sententia apta est, nam causa cur Boeo- 
tn, ti Argivorum societatem Lacedaemoniis conciliassent , non verendum 
erat ne foedera intra Atheniensee et Lacedaemonios inita aeeipere cogeren- 
Ur, non potuit haec esse, quia Lacedaemonii, antequam haec rumperent, 
com Argiri* amicitia et societate iungi cuperent, sed quia, postquam 
biac amicitiam et societatem sibi parassent, illa foedera non dubitarent 
diMolvere." 



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100 Ph. Klimcha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Salluat. 

Wir müssen den Ausdruck in der Bedeutung des Höherschätzens 
auffassen. Seine Grundbedeutung ist, wie eben bemerkt wurde: von 
zwei Dingen entweder das eine oder das andere wählen , aber nur 
eins nehmen, und das andere fallen lassen. Sodann kann es aber 
heissen : einem Dinge den Vorzug geben vor einem anderen, es höher 
schätzen , achten. Allerdings ist es logischer und vielleicht allein 
richtig zu sagen: ich schätze höher die Freundschaft der Athener. 
Aber auch die Ausdrucksweise: ich schätze höher die Freundschaft 
der Argeier als die Feindschaft mit den Athenern ist erträglich ; sie 
ist sinnlicher und der Umgangssprache näher. In solchem Falle wird 
angedeutet, dass die Feindschaft derEinen ein geringeres 
Uebel ist im Verhältnis zu dem grösseren Glücke der 
Freundschaft mit den Anderen. Man kann diejenigen Sitze 
zum Vergleiche heranziehen, in denen zwei Comparative mit einander 
verglichen werden. Der Sinn der Stelle ist demnach : Die Vortheile, 
die sich die Lakedaimonier von dem Bundnisse der Argeier verspra- 
chen , waren grösser , als die Nachtheile , die sie von der dtdkvaig 
twv anovdwv mit don Athenern erwarten durften. 

Lemberg. Dr. L. Öwiklinski. 



Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 

Cat. 13, 1. Nam quid ea memorem, quae nisi eis qui videre 
nemini credibilia sunt, a privatis conpluribus subvorsos montis, 
maria constrata esse. Obgleich diese Stelle eine vielfache Behand- 
lung erfahren hat, so glaube ich sie dennoch, da sie mir eine allseits 
genügende Erklärung noch nicht gefunden zu haben scheint, einer 
nochmaligen Besprechung unterziehen zu dürfen. Ausser der Lesart 
der besten Handschriften constrata findet sich auch constructa und 
contractu. Ueber den Sinn der Stelle sind die Ansichten der Erklärer 
getheilt : die einen verstehen darunter das Bebauen oder Ueberbauen 
des Meeres, die andern die Anlegung künstlicher Meerwasserbassins 
im Lande und geben demgemäss dieser oder jener Lesart den Vorzug. 
Beide Ansichten finden ihre Stütze in den Nachrichten der Alten; 
im Meere und in Seen wurden Dämme aufgeworfen, auf welchen Häu- 
ser errichtet wurden ; anderseits leitete man das Meerwasser in Ka- 
nälen in das Land und legte grossartige piscinae an *) (vgl. Becker- 
Bein, Gallus III, S. 36 ff.). Den richtigen Weg scheinen mir nun 



■) Seneca ep. 89 quousque nullus erit lacus, cui non villarum ve- 
strarum fastigia immineant? nulluni flumen, cuius non ripas aedificia 
vestra praetexant? - Ubicunque in aliquem sinum littus curvabitur, 
vos nrotinas fundamenta iacietis, nee contenti solo, nisi quod manu fe- 
ceritis, maria agetis introraus. — Sen. contr. II, 1(9) ex hoc littoribua 
quoque moles invehuntur congestisque in alto terris exaggerant sin vis. 
alii fossis indueunt mare : adeo nulhs gaudere veris sciunt, sed adversum 
naturam aliena loco, aut terra aut mare mutata, aegris oblectamento sunt 



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Pk. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust 107 

diejenigen einzuschlagen, welche zur Erklärung dieser Stelle, die in 
(it 20, 11 etenim quis mortalium cui virile ingenium est, tolerare 
potest, Ulis divitias snperare, quas profundant in extruendo mari et 
montibus coaequandis heranziehen und auf den augenscheinlichen 
Gegensatz, in welchem die beiderseitigen Worte stehen, hinweisen. 
Dus nämlich an beiden Stellen der nämliche Gedanke ausgesprochen 
ist, diese üeberzeugung drängt sich dem unbefangenen Leser auf, 
auch wenn er die Gewohnheit Sallust's , namentlich allgemeine Sen- 
tenzen in veränderter Form zu wiederholen, nicht in Betracht ziehen 
sollte (vgl. Eossner, Exercitationes Sallustianae, im Festgruss der 
philologischen Gesellschaft zu Würzburg, 1868 , S. 179 ff.). Was 
aber den durch die beiden Wortpaare gebildeten Gegensatz anbe- 
langt, so kann er von zweierlei Art sein : entweder wurden einerseits 
Erhöhungen abgetragen, anderseits Vertiefungen gebildet, oder hier 
Erhöhungen abgetragen, dort Vertiefungen ausgefüllt. Da nun für 
ton Sinn unserer Stelle der eine Gegensatz an und für sich ebenso gut 
möglich ist, als der andere, so will ich zu erweisen versuchen, für 
fliehen der zwei Gegensätze allein sich mit Berücksichtigung der 
gebotenen Lesarten die deckenden Begriffe in dem Wortlaut beider 
Stellen finden lassen. 

Zur Annahme des ersten Gegensatzes führt die Lesart subvor- 
sos mortis, maria construeta esse „Berge wurden abgetragen, Meere 
gebildet". Maria wäre dann in der Bedeutung von piscinae maritimae 
wie hei Valerius Maximus ') und Seneca 2 ) zu fassen, und der Aus- 
dnick maria construere „Meere bilden" fände eine schützende Ana- 
logie bei Tac. Ann. XII, 56 strueto trans Tiberim stagno und Colu- 
wU» de re rust. VIII, 16 piscinas, quas ipsi construxerant; VIII, 
17 stagnum vel exciditur in petra. . . . , vel in litore construitur. Da- 
gtgen lassen die parallelen Worte der zweiten Stelle in extruendo 
atri — abgesehen davon, dass der Singular mare nicht leicht in 
den Sinne von piscinae maritimae gebraucht werden kann — die ge- 
forderte Auffassung, wie gezeigt werden wird, nicht zu, und ist dem- 
uch die Voraussetzung , es sei an beiden Stellen an den Gegensatz 
»Berge wurden abgetragen, Meere gebildet" zu denken, ausgeschlos- 
9*. 8omit kann der Sinn beider Stellen nur der sein , dass hier 
fcfgeserhöhungen abgetragen, dort Meeresvertiefungen ausgefüllt 
*ttden. Wir wollen nun untersuchen, welche von den vorhandenen 
harten dieser Forderung entspricht , und zunächst die Bedeutung 
des Ausdruckes mare extruere feststellen. Nach der Analogie von 
fcum lignis (Hör. Epod. 2, 43) oder dem bekannten mensas dapibus 

') IX, 1, 1 idem (C. Sergius Orata), videlicet ne gulam Neptuni 
j^jWo wbieetam haberet, peculiaria sibi maria exeogitavit, aestuariis 
JJkjripiendo Üuctus, pisciuraque diversos greges separatis molibus inclu- 
todo, ut nulla tarn saeva tempestas ineideret, qua non Üratae mensae 
fetale ferculorum abundarent 

*) De ira 1,* 16 ebore sustineri vult, purpura vestiri, auro tegi, 
ten * 1 tnmsferre, maria concludere, flumina praeeipitare , nemora sus- 
powere. j^ ^ 



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168 Ph. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 

eztruere heisst mare extruere sc. molibus iniectis „das Meer erhöhen, 
d. h. die Meeresvertiefung auffüllen"; letztere Bedeutung tritt deut- 
lich hervor bei hohlen Gegenstanden, vgl. Hör. Sat. II, 6, 105 quae 
(fercula) procul exstructis inerant hesterna canistris. Wenn nun 
für die parallelen Worte des 13. Kapitels derselbe Sinn sich ergeben 
muss, so hat dort die Lesart maria constrata esse keine Berechti- 
gung; denn die Bedenken, welche Dietsch in der Ausgabe des Sal- 
lust 1864 gegen consternere äussert, welches immer ein solches Be- 
decken bedeute, dass dasjenige, was darunter sei, unverändert oder 
leerer Baum bleibe, scheinen mir, mag er sie auch aufgegeben und in 
der Ausgabe von 1872 constrata geschrieben haben, vollkommen ge- 
rechtfertigt und werden durch Ott in den Jahrbüchern für Philologie 
und Pädagogik 1876, S. 242 nicht behoben, da die von diesem aus 
Hieronymus Epist. 60, 18 Vall. angeführte Stelle: Xerxes rex poten- 
tissimus, qui subvertit montes, maria constravit offenbar vom Ueb er- 
brück en des Hellespontes zu verstehen ist; auch Kvicala findet, 
obgleich er diese Lesart in dieser Zeitschrift (14. Jahrgang 1863) in 
der eingehendsten Weise vertheidigt, den Ausdruck maria conster- 
nere in der Bedeutung „Meere mit Bauten bedecken" auffallend und 
räumt ein , dass mit den von Fabri beigebrachten Parallelstellen l ) 
nicht viel gewonnen ist. 

Indem wir uns daher der Lesart maria constructa esse wieder 
zuwenden, wollen wir sehen, ob sie ausser der oben angegebenen 
Bedeutung „Meere bilden" noch eine andere Auffassung zulässt. Con- 
struere aliquid heisst eigentlich „etwas aufeinander schichten" und fällt 
oft in der Bedeutung mit exstruere aliquid zusammen, wie man ja 
acervum construere (Cic. Phil. II, 38, 97) und exstruere (Cic. ad 
Att. II, 2, 2), rogum construere (Plin. n. h.X, 43, 122) und exstruere 
(Cic. de fin. III, 22, 76), sepulcrum construere (Liv. I, 26, 14) und 
exstruere (Cic. de leg. II, 27, 68 ; Tac. Hist. II, 49) sagen kann. 
Beiden Wörtern in ihrer ursprünglichen Bedeutung lässt sich cumu- 
lare aliquid an die Seite stellen , vgl. mit rogum construere und ex- 
struere : Tac. Germ. 27 struem rogi nee vestibus nee odoribus cumu- 
lant; Statins Theb. VI, 85 aeriam truncis nemorumque ruina montis 
onus cumulare pyram, und entsprechend dem genannten mensae da- 
pibus exstruetae und dem Catull'schen (64, 304) large multiplici con- 
struetae sunt dape mensae sagt Vergil Aen. VIII, 284 (XII, 215) 
cumulantque oneratis laneibus aras. Wie es nun ferner analog mit 
dem oben angeführten canistra exstrueta bei Ovid fast. IV, 451 cu- 
mulatis flore canistris heisst und cumulare geradezu in der Bedeutung 
„auffüllen" gebraucht wird (Tac. Hist. IV, 20 cumulatae corporibus 
fossae ; Ovid Met. XV, 462 neve Thyesteis cumulemus viscera men- 
sis; Trist. III, 10, 72 nee cumulant altos fervida musta lacus), so 



*) Cä8. b. G. VIII, 14 pontibus palude constrata; Liv. XXXV, 
49, 5 con8ternit maria classibus (vgl. Curt. IX, 6, 7>; Cic. Verr. V, 40, 
104 constratae naves (vgl. Liv. XXXV, 46, 3); Curt. IX, 10, 25 vehicula 
constrata. 



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PK Klimscha, Kritisch- exegetische Bemerkungen zu Sallust. 100 

durfte auch der Schlags gestattet sein, dass Sallust, welcher nach 
dem Zeugnisse des Gellius N. A. X, 20, 10 proprietatum in verbis 
reünentissimus war, analog mit mare extmere auch maria construere 
sc molibuß iniectis in der eigentlichen Bedeutung „Meere durch hin- 
eingeworfene Massen aufschichten, d. h. auffüllen" angewendet habe, 
and demgemäss zu lesen sei: subvorsos montis, maria construda 
esse. Auf einem andern Wege gelangt Kvicala a. a. 0. zu dem Resul- 
tate, dass der Ausdruck construere maria aedificiis nicht zu den gram- 
matischen Unmöglichkeiten gehöre. Was jedoch die letzte Lesart 
laaria contracta esse betrifft, so scheint dieselbe lediglich aus einer 
Beminiscenz an Hör. Od. III, 1, 33 hervorgegangen zu sein. 

Es erübrigt nur noch die Frage nach dem Zweck des montes 
subvortere (coaequare). Kvicala a. a. 0. glaubt, es sei an ein Pla- 
nieren der Berge behufs Auffuhrung von Bauwerken zu denken. Das 
halte ich nicht für wahrscheinlich. Fürs erste nämlich bauten die 
Römer ihre Häuser der Fernsicht wegen gern auf Anhöhen *) ; dann 
aber wird, wenn ich nicht irre, des völligen Abtragens der Berge zu 
irgend einem Zwecke nirgends gedacht. Wenn man dagegen erwägt, 
wie sich die masslose Verschwendung der Römer ausser den im Meere 
aufgeführten Bauten auch insbesondere in der Anlage kunstlicher 
Fischteiche äusserte, so dass Cicero den Lucullus, Philippus und Hör- 
fensius geradezu piscinarii nennt (vgl. Baiter-Kayser adn. crit. ad Cic. 
ep. ad Att. I, 19, 6), und wie namentlich Lucullus die Bewunderung 
der Mit- und Nachwelt dadurch erregte, dass er, um das Meerwasser 
in den Fischteich zu leiten, sogar einen Berg durchgraben liess *) : 
so liegt die Vermuthung nahe, dass auch Sallust hier den Lucullus 
vor Augen hatte, und dass die Ausdrucke subvortere und coaequare 
•ootes hyperbolisch für perf ödere, suffodere oder excidere montes 
gebraucht sind (vgl. Cless zu Sallust. Cat. 13, 1). Den Zeitgenossen 
des Saunst war die Beziehung der Ausdrucke subvortere und coae- 
quare montes ebenso wenig dunkel , als es für Jemand zweifelhaft 
seto kann , dass Hieronymus in der o. a. Stelle unter dem montes 
wbTortere nicht das Planieren eines Berges, sondern den Durchstich 
des Athos gemeint hat. 

Cat 59, 2. Nam uti planities erat inter sinistros montis et ab 
dtiltra rupe aspera , octo cohortis in fronte constituit, reliquaruin 

') Seneca Epist. 89 omnibus licet locis tecta vestra splendeant, 
ihcnbi impoeita montibus in vastam terrarum marisque prospectura, 
alkubi ex piano in altitudinem montium educta, cum roulta aeaificave- 
ntk t cum ingentia, tarnen et sineula corpora estis et parvula. 

*) Varro de re rust III, lf contra ad Neapolim L. Lucullus, po- 
rteaqmam perfodissH moniem ac maritima flumina immisisset in pisci- 
iu, quae reciprocae fluerent, ipse Neptuno non cederet de piscatu. — 
Velleius H 33 quem (Lucullum) ob iniectas molis rnari et receptum 
*#msü wumtibus in terras mare haud infacete Magnus Pompeius Xer- 
um togatum vocare adsueverat. — Plinius n. h. IX, 54, 80 Lucullus 
orüo etiam wumU iuzta Neapolim maiore inpendio quam villam exaedi- 
fctverat euripum et maria admisit, qua de causa Magnus Pompeius 
Itrxem togatum eum appellabat. Vgl. Plutarch. Lucullus 39. 



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170 Ph. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust 

signa in subsidio artius conlocat. Unter den vielen Vorschlägen zur 
Erklärung, resp. Emendation dieser Stelle, welche von Kvicala a. a. 
0. erschöpfend gewürdigt wurden, fand der von Fabri gemachte, wo« 
nach aspera als Acc. Plur. für loca aspera, abhängig von inter, und 
rupe als dazu gehörige Bestimmung zu fassen ist, die meiste Zustim- 
mung und entspricht auch der durch die Schilderung der Situation 
bedingten Auffassung, dass der Kampf in einem engen, links von Ber- 
gen, rechts von felsigen Erhöhungen eingeschlossenen Thale stattfand. 
Nicht blos kühn jedoch, wie Kvicala bemerkt, sondern geradezu hart 
ist die Trennung des aspera von der regierenden Praeposition durch 
die zwei eingeschobenen ungleichartigen Bestimmungen ab dextera 
und rupe, und die Stellen in Cic. Brutus 21, 85 erat omnino tum 
mos, ut in reliquis rebus melior, sie in hoc ipso humanior, ut faciles 
essent in suum cuique tribuendo oder Liv. XXXIX, 25, 8 neun prae- 
ter belli casibus amissos quingentos prineipes iuventutis in Macedo- 
niam abduxisse; XL, 4, 13 ferox interim femina ad multo ante prae- 
cogitatum revoluta facinus venenum diluit , die man als Beleg für 
diesen Gebrauch anführen könnte , sind wesentlich anderer Art , da 
dort die beiden eingeschobenen Wörter unter sich eng zusammen- 
hängen , was man hier von ab dextera und rupe nicht sagen kann ; 
vgl. Schultz, Lat. Sprachl. §.441 und Weissenborn zu Liv. XXVII, 
36, 2 ad mercede auxilia conducenda. Ich glaube daher, es sei dex- 
tera Attribut zu rupe und ab dextera rupe von aspera abhängig. Mit 
ab „von Seiten" vgl. die von Kritz zu Jug. 48, 3 mons. . . .vastus 
ab natura et human o eultu angeführten Beispiele. 

Cat. 59, 3 wird von Dietsch, dem Jordan und Jacobs (6. Aufl.) 
folgen, geschrieben: ipse cum libertis et calonibus propter aquilam 
adsistit, während die beiden Pariser PP l colonibus, die andern Hand- 
schriften aber coloniis aufweisen. Nun ist zwar in den Sallustiani- 
schen Handschriften eine Verwechslung des a und o nicht ungewöhn- 
lich, immerhin aber bliebe es auffällig, wenn sich, wie es scheint *), 
alle Abschreiber des gleichen Versehens schuldig gemacht hätten. 
Ich glaube daher, dass mit den andern Herausgebern des Sallust co- 
lonis zu lesen ist; daraus ist in P und P l ebenso colonibus, wie Jug. 
85, 48 omnibus aus omnis (P 1 ) 2 ) 102, 6 coactibus aus coactis (P) 
entstanden ; die andern Abschreiber aber sahen colonis für die ältere 
Form = coloniis an (s. unten zu Jug. 92, 7 und Wirz, der a. a. 0. 
S. 6 der Lesart des P 1 in Cat. 28, 4 nonnullos ex Sullanis colonis 
vor der der übrigen Codices coloniis den Vorzug gibt). Da hingegen 
der Ausgang — ibus sonst zu — is verschrieben wurde (P hat ur- 
sprünglich Cat. 46, 2 civis statt civibus ; 52, 28 inmortalis statt in- 
mortalibus; Jug. 5, 4 Carthaginiensis statt Carthaginiensibus), so 



*) Nur in einem Codex (Cuiacianus) soll calonibus gefunden wor- 
den sein. 

*) Nach Wirz (De fide atque auetoritate codicis Sallustiani (P*) 
etc., Aarau 1867, S. 4) hatte auch P ursprünglich omnibus. Auf seine 
Collation ist auch im Nachfolgenden Rücksicht genommen worden. 



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PA. Klim&cha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 171 

wäre , würde calonibus die richtige Lesart sein , bei der Annahme 
einer Verwechslung des a und o die Entstehung von colonibus er- 
klärlich, befremden müsste es aber , dass keiner der Abschreiber co- 
lonis geschrieben hat. Unter den coloni sind aber entweder die Cat. 
28, 4 erwähnten Sullanischen Veteranen (vgl. Kvicala a. a. 0.) oder, 
wenn die Vereinigung derselben mit Freigelassenen anstössig sein 
sollte, Landleute zu verstehen; denn dass auch letztere Catilina's 
Plane begünstigten , ersieht man aus Cat. 37, 7 und Cic. Cat. II, 9, 
20 qui etiam nonnullos agrestes homines tenues atque egentes in 
eandem illam spem rapinarum veterum impulerunt; ferner hatte 
Manlius auch das Landvolk aufgeboten , Cat. 28, 4 interea Manlius 
in Etrnria plebem sollicitare; vgl. Mommsen R. 6. 2. Aufl., 3. Bd., 
S. 172. Die Lesart ipse cum libertis et colonis propter aquilam ad- 
sstit widerspricht demnach nicht einer historischen Thatsache und 
ttsst die einfachste Erklärung der in den Handschriften vorkommen- 
den Varianten zu. 

Jug. 18, 2 vagi palantes quas nox coegerat sedes habebant. 
Statt quas haben einige Herausgeber das von jüngeren Handschrif- 
ten gebotene qua aufgenommen ; die letztere Lesart gibt einen an 
und für sich ganz passenden Sinn.: „Die Gätuler und Libyer hielten 
sich nur da auf, wo die Nacht sie dazu zwang 14 und entspricht auch 
vollkommen der durch vagi palantes gegebenen Charakteristik dieser 
Völkerschaften. Denncch lässt die Rücksicht auf den Gedankengang 
der ganzen Episode über die ältesten Bewohner Afrikas nur die erste 
Lesart zu ; den Grad der Cultur derselben bemisst nämlich Sallust 
nach der Beschaffenheit ihrer Wohnstätten. Die Ureinwohner, die 
Gätuler und Libyer, hatten nur solche Wohnsitze, wie sie der 
Schutz vor der Nacht erzwang — quas nox coegerat sedes 
habebant ; im Gegensatz zu diesen primitiven Lagerstätten, die etwa 
ein mit Palisaden umgebener, im günstigsten Falle mit Aesten und 
Laub überdeckter Platz bilden mochte, bedienten sich unter den Ein- 
wanderern die Perser der umgestürzten Schiffskiele als 
Hütten (§. 5), die Meder und Armenier aber gründeten sogar 

Städte (§. 9). Vgl. Tacit. Germ. 46 (Veneti) domos figunt 

Feoais mira feritas. . . .cubile humus. 

Jng. 38, 2. Zwei Eigenschaften hebt Sallust an dem Legaten 
Aulus Postumius Albinus , der in Abwesenheit seines Bruders den 
Oberbefehl führte, hervor: seine blinde Geldgier (37, 3 f.), durch 
welche er alle früher von Jugurtha bestochenen Römer übertraf, und 
•eine Hohlköpfigkeit (38, 1). Erste re trieb ihn an, die an und für 
ach schwer einnehmbare Festung Snthul, wo sich die Schatzkammer 
Jugurtha's befand , mitten im strengen Winter zu belagern ; diese 
Verblendung nützte Jugurtha aus, heuchelte grosse Besorgnis wegen 
Sathul und stellte ihm eine Abfindung in Aussicht, wenn er von 
in Belagerung abstehe; die Aufhebung derselben sollte er dadurch 
bemänteln, dass er ihn, den scheinbar Fliehenden, in abgelegene 
Gegenden verfolge. Aus der Bedeutung von pactio (vgl. Jug. 67, 



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172 Ph. Klim8cha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust 

3) geht hervor, dass Aulus im Einverständnis mit Jugurtha handelt. 
Die nun folgenden Worte ita delicta etc. haben in mehrfacher Hin- 
sicht Anstoss erregt ; es fragt sich, ob dieselben als Ansicht des Ju- 
gurtha öder des Schriftstellers aufzufassen oder als überflüssiges 
Glossem auszuscheiden sind. — Wenn die Worte in abditas regiones 
fehlen würden , so könnte unbeschadet des Zusammenhanges die Er- 
zählung mit interea per homines callidos etc. fortgeführt werden ; so 
aber drängt sich unwillkürlich die Frage auf, warum Aulus gerade 
in abgelegene Gegenden dem Jugurtha folgen solle. Die zunächst fol- 
genden Worte sind daher als Antwort auf diese Frage unentbehrlich ; 
in der vom P und vielen andern Codices überlieferten Fassung: ita 
delicta occultiora fuere aber sind dieselben unhaltbar ; sie würden 
ein Urtheil des Historikers selbst über den Grund des Marsches in 
abgelegene Gegenden ausdrücken, ein Urtheil, dem Niemand bei- 
pflichten könnte; denn warum sollte das Vergehen des Aulus bei 
einer verabredeten Verfolgung des Feindes in abgelegene Gegen- 
den eher verborgen bleiben, als im entgegengesetzten Falle? Den 
allein richtigen Sinn gibt nur die von einigen geringeren Handschrif- 
ten gebrachte Lesart: ita delicta occultiora fore; sie passt vortreff- 
lich zur Charakteristik des Aulus und beleuchtet seine vanitas inpe- 
ritia amentia, denen zufolge ihm der von Jugurtha augegebene Grund 
des Zuges in abgelegene Gegenden plausibel erschien. Was aber die 
Varianten fore , fuere und (delicto occultiore) fuit (P 1 ) betrifft, so 
zeigt sich bei ähnlichen Formen von esse nicht selten eine Unsicher- 
heit der Abschreiber; so findet sich Cat. 25, 3 fuere, fuerant statt 
fuit; 51, 34 fuit statt fuerat; Jug. 39, 1 fuerint, fuerunt, fuere statt 
fuerant; 41, 4 fuere, fit statt fuit; 73, 4 fuerat statt fuit; und 75, 
5 schreibt Kritz mit grösster Wahrscheinlichkeit forent statt fuerit, 
fuerint, fuit, foret. 

Schliesslich ist noch am Ende dieses Capitels die Eigenthüm- 
lichkeit in der Darstellung Sallust's zu bemerken, welcher, indem er 
nur das Endresultat einer Begebenheit mit Uebergehung mancher 
den Leser interessierenden Umstände kurz angibt, der Reflexion 
desselben einen weiten Spielraum gestattet; vgl. im Jug. den 
Schluss der Capitel 12, 22, 26 und 29 ; den Schluss des Catilina 
und Jugurtha selbst und Dietsch (1864), Einleitung zu Cat. S. 31. 

Zu der von P und fast allen besseren Handschriften überlie- 
ferten , von Jordan aufgenommenen Lesart Jug. 47, 2 huc consul 
simul temptandi gratia et si paterentur opportunitates loci praesi- 
dium inposuit bemerkt Wirz a. a. 0. S. 10: quae quid sibi velint, 
equidem non perspicio" und empfiehlt mit Umstellung des et auf 
Grundlage des P 1 : simul temptandi gratia si paterentur et opportu- 
nitatis loci; Dietsch schreibt: simul temptandi gratia si paterentur, 
et ob opportunitates loci ; Linker : simul temptandi gratia [si pate- 
rentur] et oportunitatis loci; Kritz und Gerlach: simul tentandi gra- 
tia, et, si paterentur, opportunitate loci; Fabri: simul tentandi gra- 
tia, et, si paterentur , opportunitatis loci. Wie es mir nun scheint, 



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Ph. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 173 

liegt der Fehler weder in der Stellung des et noch in opportunitates, 
sondern in paterentur; bei dem Umstände nämlich, dass das Activum 
und Passivum der Verba nicht selten von den Abschreibern verwech- 
selt wurde (P Jug. 25, 7 rapiebat = rapiebatur; 73, 6 frequenta- 
rentur = frequentarent; 79, 8 peterentur = peterent; P 1 Jug. 13, 
2 armatur = armat) 1 ), glaube ich, dass zu lesen ist: huc consul 
simul temptandi gratia et si paterent opportunitates loci praesidium 
inposuit, wie schon Körte , freilich mit Auslassung des et , vorge- 
schlagen hat. Aus zwei Gründen legt Metellus eine Besatzung nach 
Vaga: Um den Versuch zu machen, die Einwohner für sich zu ge- 
winnen , und nm zu sehen , ob die durch die Oertlichkeit gebotenen 
Vortheile sich ihm erschlössen. Mit dem absolut gesetzten temptare 
rgl. Jug. 29, 1 ; mit patere Cat. 10, 1 ; 58, 9 und mit dem Wechsel 
der Construction Jug. 94, 1 ponderis gratia simul et ofifensa quo le- 
no8 streperent. 

Jug. 53, 7. Ac primo obscura nocte, postquam haud procul 
inter se erant, strepitu velut hostes adventare, alteri apud al- 
tere« formidinem simul ei tumultum facere et paene inprudentia ad- 
missum facinus miserabile, ni utrimque praemissi equites rem explo- 
ravissent. An dem Infinitiv adventare nehmen die Erklärer Anstoss ; 
Körte, Linker und Madvig (Adversaria crit. II, S. 292) streichen 
ihn, Diet8ch und Jacobs schreiben adventarent. In den Handschrif- 
ten nun wird zwar der Infinitiv Präs. und der Conjunctiv Impf, nicht 
sehen verwechselt 3 ), dennoch aber glaube ich, dass sowol durch den 
Conjunctiv adventarent als durch die Auslassung des Infinitivs ad- 
ventare die Concinnität der Periode gestört würde; denn aus der 
Yergleichung mit ähnlich gebauten Perioden (Jug. 53, 1 et primo 

post ubi; 71, 5 primo postquam) geht hervor, dass post- 

qoam band procul inter se erant zu primo den Gegensatz bildet; fer- 
ner fasse ich obscura nocte und strepitu als Abi. des Grundes (vgl. 
Jag. 99, 3), velut hostes = velut si hostes essent und adventare 
alt hist Inf. parallel mit facere. Der Sinn der Stelle ist dann fol- 
gender: Kutilius und Metellus rücken gegen einander — nicht etwa 
sorglos, sondern da der eine von dem Entgegenkommen des andern keine 
Ahnung hat — wie Feinde, d. h. instrueti intentique vor, und zwar 
Anfangs wegen der schon eingebrochenen Nacht, dann auch bei ge- 
genseitiger Annäherung wegen des vernommenen Getöses. 

Jag. 58, 4. Interim Metellus cum acerrume rem gereret, da- 
mortm rW tumultum hostilem a tergo aeeepit , dein convorso equo 
snimadvortit fugam ad se vorsum fieri: quae res indicabat popularis 



') Vgl. Madfig, Emend. Liv. zu Liv. XXXXV, 5, 12. 

*) So in P Cat. 47, 2 foret = fore; Jug. 6, 1 esset = esse; 32, 
3 venderent = vendere ; 63, 1 agere = ageret; 94, 3 terreret = terrere. 
P* Jug. 82, 3 venderent = vendere; 36, 2 diffidere = diffiderent; 55, 7 
crescere = cresceret; 58, 4 gerere = gereret; 75, 6 und 83, 1 esset = 
e«e; 77, 1 festinare = festinaret; 96, 3 adesset = adesse. Vgl. Madvig, 
Emend. Liv. zu XLIJ, 24, 1 und XLV, 44, 19. 



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174 i%. Klimßclia, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 

esse. Das ist die Lesart der meisten und besten Handschriften. Fast 
alle Herausgeber des Sallust sehen entweder tumultum oder clamorem 
als Glossem an und schreiben clamorem hostilem oder tumultum hosti- 
lem a tergo accepit. Dabei müsste man nun von der Annahme aus- 
gehen , dass schon ein alter Glossator entweder das eine der beiden 
Wörter durch das andere seiner Bedeutung nach erklären, oder, falls 
dieses Wort schwer lesbar war, eine Variante hinzufügen wollte 1 ); 
es ist jedoch weder glaublich , dass derselbe es für nöthig gefunden 
haben sollte , zu so klaren Ausdrücken , wie es clamor oder tumultus 
sind, einen erklärenden Zusatz zu machen, noch gestatten die Schrift- 
züge der beiden Wörter ihrer Aehnlichkeit nach die zweite Vennu- 
thung. Abgesehen hievon entspricht ferner weder clamorem hostilem 
noch tumultum hostilem der Situation. Als Metellus das Geschrei im 
Rücken vernahm , konnte er ja nicht wissen , von wem es herrühre 
(Linker schreibt: clamorem [hostilem] ab tergo accepit); erst aus 
dem Umstände, dass Leute auf ihn zueilen , erkennt er die Sachlage ; 
daher kann der Lärm nicht von vorneherein als ein von Feinden 
erregter bezeichnet, sondern nur die Verinuthung des Metellus dar- 
über ausgedrückt werden (Herzog : Metellus vernimmt nicht das Ge- 
schrei der Feinde, sondern clamorem tumultuosum veluti ab hostibus 
sublatum); ähnlich ist die Lage des Metellus Jug. 49, 4 dargestellt: 
cum interim Metellus, ignarus hostium, monte degrediens cum exer- 
citu conspicatur, primo dubius quidnam insolita facies ostenderet 
etc.; s. dort Jacobs. Sinnentsprechend schreibt daher Fabri: clamo- 
rem veluti tumultum hostilem ab tergo accepit. Mit Bücksicht auf 
das überlieferte vel möchte ich jedoch lesen : clamorem ut tumultum 
hostilem a tergo accepit; ich vermuthe nämlich, dass ut von den Ab- 
schreibern mit der Abbreviatur ut = vel , von einigen mit et ver- 
wechselt wurde; zu letzterem s. Jug. 14, 11 und 24, 10, wo der V 
et statt ut briugt; mit ut = velut vgl. Frg. IV, 26 (Dietsch): qui 
quidem mos ut tabes in urbem coierit und Nipperdey im Rhein. Mu- 
seum 1874, S. 205, welcher in Cat. 36, 5 das handschriftliche atque 
uti unter Hinweisung auf Tac. Hist. I, 46 gregarius miles ut tribu- 
tum annuum pendebat und II, 94 liberti principum conferre pro nu- 
raero mancipiorum ut tributum iussi beibehalten wissen will. 

Jug. 74, 3 schreiben die neueren Herausgeber nach P : nam 
ferme Numidis in omnibus proeliis magis pedes quam arma tuta 
sunt und nehmen tutus im activen Sinne „ Sicherheit gewährend". 



") In dem an Glossen reichen Codex P 1 finden sich nicht wenige 
von letzterer Art mit vel eingeleitet: Cat. 10, 6 contagio vel contagium 
(2. Hd.); 51, 15 hominibus vel omnibus; 51, 35 atqui vel atque; 52, 8 
delicti vel dilecti; Jug. 7, 7 familiari vel familiäres; 14, 9 versabimur 
vel versabitur; 14, 10 patiebamur vel patiebatur; 24, 2 subicit vel su- 
bigit; 29, 7 agebatur vel agitabatur; 42, 4 omnis civitatis mores vel 
omnibus civitatis moribus; 44, 4 stativis vel statutos; 58, 5 Victore vel 
victoriae; 73, 2 invitum vel invictum; 73, 5 in maius vel immanius; 
76, 1 captat vel capi at ; 80, 5 ceti vel ceci ; 85, 29 triumphos vel trium- 
phales ; 85, 40 mundicias vel medicis. 



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Ph. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 175 

Win jedoch bestreitet a. a. 0. S. 10 die active Bedeutung von tutus 
and indem er Jug. 52, 4 plerosque velocitas et regio hostibus ignara 
tatata sunt vergleicht, conjiciert er auf Grundlage des P 1 , welcher 
Kmnid&s .... tuta sunt hat : nam ferme Numidas in omnibus proeliis 
sagte pedes quam arma tutaia sunt. Wiewol nun die active Bedeu- 
tung von tutus an den zur Vergleichung herangezogenen Stellen Cat. 
41, 2 und 58, 9 in Frage gestellt werden kann, so ist dieselbe doch 
durch Or. Lep. 8; Liv. I, 53, 7 se quidem inter tela et gladios patris 
elapsum nihil usquam sibi tutum nisi apud hostes L. Tarquini credi- 
disse; EX, 12, 8 tutiorque eis audacia fuit; Tac. Hist. II, 76 etiam 
d tibi quam inhonesta, tarn tuta servitus esset hinlänglich geschützt, 
und was die Lesarten der beiden Pariser Codices P und P 1 Numidis 
m*r Numidas betrifft , so ist bei dem Umstände , als die Mehrzahl 
ihrer ursprünglich falschen Lesarten auf die unrichtigen Ausgänge 
der Nomina fallt , *) eine lediglich auf die Autorität der einen oder 
der anderen Handschrift gestützte Entscheidung sehr misslich. Eben- 
sowenig lässt sich mit Bestimmtheit etwas daraus folgern, dass Jug. 
52, 4 und 85, 45 tutata in einigen Handschriften zu tuta verstümmelt 
wurde, da sich ähnliche Fälle von Verkürzungen und Erweiterungen 
eines und desselben Wortes auch sonst finden; vgl. den Wechsel 
zwischen paulum und paululum in Cat. 52, 18 und Jug. 65, 1; 
femer hat P Jug. 40, 5 excita statt exercita und 72, 2 exercitus 
statt eicitus; P l Cat. 15, 4 excitatam statt excitam. Ungeachtet 
dessen möchte ich aber dem Vorschlage Wirz's aus dem Grunde 
beistimmen, weil der ganze Satz eine Erfahrung enthält, die nur aus 
dem Verbalten der Numider in den bisherigen Schlachten (in omnibus 
proeliis) genommen werden konnte, und demnach das Perfectum dem 
Sprachgebrauch Sallust's angemessener ist; vgl. Cat. 51, 27 orania 
nala exempla ex rebus bonis orta sunt. Ueber das Perf. des Erfah- 
nmgssatzes 8. Jacobs zu Cat. 11, 3; Salling, Emend. Sallust. S. 20. 
Jug. 85, 10. Quaeso, reputate cum animis vostris, num id 
moUre melius sit, si quem ex illo globo nobilitatis ad hoc aut aliud 



') Dieselben scheinen oft durch die Ausgänge benachbarter Wörter 
veranlasst zn sein, wie folgende Beispiele zeigen: P Cat. 7, 7 maxumas 
boatias copias = ra. hostium c.; 18, 5 nonas decembras = n. Decembres; 
23, 4 Pulria insolentia = F. insolentiae (mit P 1 and andere Hdsch.); 
52, 11 vocabnlnm rerum = vocabula r.; Jag. 40, 5 excita aspera = exer- 
äta aspere; 48, 2 occultum exercitum = occultos e. (m. P 1 ); 50, 3 saos 
praetereressos = s. praetergressum (m. P 1 u. a. H.); 63, 2 omnia abunda 
= o. aCbunde; 65, 3 animum parum = animo p.; 66, 3 domos suos = 
i roas (m. a. H.); 69, 1 gandio obvio = g. obvii; 69, 2 irae atque prae- 
4at spes = ira a, p. s. (mit P' u. a. H.); 78, 3 marum magnum = 
Bare m.; 101, 11 humas infectus =• h. infecta. 

P 1 Cat. 1, 3 quam raaxumam longam = q. maxume L ; 26, 1 rebus 
coaparatus = r. conparatis ; 37, 3 vetere ödere = vetera o. ; 52, 18 nau- 
lom modora = p. modo; Jug. 15, 2 flagitio suo = f., sua (m. a. H.); 
19, 3 Aegyptum versum = A. vorsus ; 43, 5 magne spe = magna s.; 
79, 6 nuda gignantia = n. gignentium; 85, 33 üla multa optuma = 
i. milto o (ni. a. H ) und turpam famara = turpem f. (m. a. H.); 89, 
7 f«rine carne = fenna c; lOl, 6 Numida cognita = N. cognito; 102, 
7 vero nullo = v. nalla; 102, 8 multa plura = multo p. 



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176 Ph. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Saunst. 

tale negotium mittatis, hominem veteris prosapiae ac multarum ima- 
ginnm et nullius stipendi: scihcet ut in tanta re ignarus omnium 
trepidet festinet sumat aliquem ex populo monitorem offici sui. Von 
den Erklärern wird der Satz si quem .... mittatis als Epexegese zum 
vorhergehenden id angesehen, obwol bisher kein Beispiel eines ein 
Fronomen epexegetisch erklärenden Gonditionalsatzes beigebracht 
ist. Madyig (Adv. er. II, S. 292) interpungiert nun nach dem Vor- 
gange Gerlach's : Quaeso, reputate cum animis vestris, num id mutari 
melius sit. Si quem ex illo globo nobilitätis .... mittatis . . . , 
scilicet, ut in tanta re, ignarus omnium trepidet, festinet, sumat 
aliquem ex populo monitorem officii sui; ita plerumque evenit, cet. 
Der potentiale Conjunctiv stimmt jedoch dann wenig zu der sonst so 
entschiedenen Sprache des Marius (vgl. überdies Wirz, Berliner Zeit- 
schrift f. d. Gymnasialwesen 1877, S. 282). Was die handschriftliche 
Ueberlieferung anbelangt, so findet sich statt id mutare auch mutare 
(mutari) id; ich glaube nun, es sei hier ein ita ausgefallen, und 
möchte demnach die Stelle so lesen und interpungieren : Quaeso, re- 
putate cum animis vostris , num id mutare ita melius sit , si quem 
ex illo globo nobilitätis ad hoc aut aliud tale negotium mittatis , ho- 
minem .... stipendi , scilicet ut in tanta re ignarus omnium trepidet 
festinet sumat aliquem ex populo monitorem offici sui. Mit ita si 
„in dem Falle, unter der Bedingung, dass" vgl. Liv. XXI, 17, 6 cum 
his terrestribus inaritimjsque copiis Ti. Sempronius missus in Sici- 
liam , ita in Africam transmissurus , si ad arcendum Italia Poenum 
consul alter satis esset; Cic. p. Mil. §. 79 si possim efficere, ut Milo- 
nem absolvatis, sed ita, si P. Clodius revixerit — quid vultu extimu- 
istis ? Das den Finalsatz einleitende ironische scilicet passt trefflich 
zu dem Ton der an Ausfallen gegen die Nobilität reichen Bede. 

Jug. 92, 7 ist zu lesen : aggeribus turribusque et aliis machi- 
nationibus locus inportunus , während Jordan mit P altis schreibt. 
Der allgemeine Begriff (machinationibus) ist durch et alias ebenso an 
zwei durch que verbundene specielle (aggeribus turribusque) gefügt., 
wie Frg. III, 67, Col. 2 (Dietsch) vigilias stationesque et alia munia. 
Die Varianten altis, talis, talibus sind darauf zurückzuführen, dass 
im Archetypus etalis = et aliis l ) stand. Sobald dann aliis sich vor- 
fand, konnte es leicht von den Abschreibern für altis gelesen werden ; 
talis aber, wofür der Schreiber des Cod. Mon. (m) talibus las (vgl. 
oben zu Cat. 59, 3), ist aus dem Gebrauche, beim Zusammenstossen 
zweier Wörter mit gleichem aus- resp. anlautenden Consonanten 
diesen nur einmal zu setzen 2 ) entstanden; der Schreiber desP 1 nahm 
nämlich etalis = et talis. 



*) Solche Formen hat noch erhalten der V allein : Cat. 52, 29 sup- 
plicis = supplieiis; Jug. 14, 14 beneficis = benefieiis ; mit P*T Jag. 85, 
41 convivis = conviviis. P mit andern Jug. 18, 9 Armenis = Armeniis; 
75, 4 tuguri8 = tuguriis; 78, 1 Sidonis = Sidoniis. P 1 allein Cat. 54, 
2 beneficis = benefieiis; mit andern Cat. 27, 2 insomnis = insomniis. 

*) Cat. 52, 15 hat P minoresunt = minores sunt; vgl. Watten- 
bach, Anleitung zur lat. Paläographie S. 35. 



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PH. Klimseha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 177 

Jug. 97, 5. Deniqtte Romani veteres novique et oh ea scientes 
belli , si quos locus aut casus coniunxerat , orbis facere atque ita ab 
omnibus partibas simul tecti et instructi hostium vim sustentabant. 
Da es nicht gelungen ist, die Worte et oh ea scientes belli mit novi- 
que in Einklang zu bringen , so haben fast alle Erklärer des Sallust 
entweder novique oder et oh ea scientes belli als Glossem erklärt, 
während Jordan (2. Aufl.) vor et ob ea scientes belli eine Lücke ver- 
muthet , die willkürlich mit veteres novique ausgefüllt worden wäre. 
Schon aus dem Umstand , dass die Ansichten darüber , was ausge- 
schieden werden soll, auseinander gehen, kann man den Schluss 
liehen, dass keine derselben überzeugend ist. Von den Verbesserungs- 
Torschlägen ist wegen der leichten Textesänderung erwähnenswert 
der von Weinhold (Quaestiones Sallustianae maxime ad librum Vat. 
3864 spectantes in : Acta soc. phil. Lips. 1. 1. fasc. 2 , 1872) S. 236 ff. : 
denique Romani veteres novique ob ea scientes belli etc. ; derselbe 
entspricht jedoch nicht dem Sinn der Stelle ; denn überfallen und 
umzingelt werden , konnte für römische Veteranen kein neuer , un- 
gewöhnlicher Kampf sein. Wenn es aber feststeht, dass et ob ea 
scientes belli nur auf Veteranen Bezug haben kann, so muss in novi- 
que ein Begriff stecken , der nicht eine zweite Gattung von Soldaten 
bezeichnet, sondern die altgedienten nach einer andern Seite charak- 
terisiert. Wie nun Sallust von einem neu ausgehobenen Heere Frg. 
III, 67, Col. 4 (Dietsch) Qua Varinius contra spectatam rem incaute 
motus novo8 incognitosque et aliorum casibus perculsos milites ducit 
tarnen ad castra fugitivorum berichtet , wozu man Liv. XXXV, 3, 3 
inde levibus proeliis a populatiouibus agrum sociorum tutabatur; in 
ariem exire non audebat novo müite et ex multis generibus hominum 
coUecto necdum noto satis inter se, ut fidere alii aliis possent 
füglich als Erklärung ansehen kann : ebenso hat er , glaube ich , im 
Gegensätze zu jungen Soldaten an unserer Stelle geschrieben : deni- 
que Romani veteres notique et ob ea scientes belli etc. Mit noti sc. 
inter se vgl. Horat. Epist. I, 10, 5 vetuli notique columbi. Weil die 
alten Soldaten einander kannten , wusste der einzelne , ohne dass es 
eines Commando bedurfte, aus Erfahrung, was sowol er als auch 
jeder andere in einer so kritischen Lage zu thun hatte. 

Ich zweifle nicht, dass Jug. 100, 4 das von den besten Hand- 
schriften gebrachte futttri in factum tri zu ändern ist, wie schon 
Jordan (2. Aufl.) vermuthet. Wie häufig nämlich in den beiden älte- 
sten Pariser Handschriften zwei Wörter in eines zusammengezogen 
worden, mögen folgende Beispiele veranschaulichen: P Cat. 7, 4 
simulachelli = simnl ac belli; 18, 4 nobilissimae = nobilis summae 
(mit andern Hdsch.); 28, 4 exulanas — ex Sullanis; 30, 6 remper- 
fecta = remp. facta; 37, 11 ideo = id adeo (mit P l u. a. H.); 40, 3 
adeo = at ego; 41, 1 divini (incerto) = diu in (incerto); 45, 4 ve- 
ludostibus = velut hostibus; 55, 1 und 57, 5 (m. P 1 ) facturus = 
fcctu ratus; 60, 3 virtute = vi certatur; Jug. 4, 8 quia = qui ea; 
5,1 obviatum = obviam itum; 14, 2 praeceptarem = praecepta 

Zcitocknft f. d. feterr. Oymn. 1878. III. Heft 1 2 



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178 PÄ. Klimscha, Kritisch-exegetische Bemerkungen zu Sallust. 

parentis; 14, 15 nocessaerant = necesse erat; 20, 1 antemaneribus 
= ante muneribus; 25, 11 gravissime. = graves minae: 28, 1 ve- 
nire = venum ire (m. P 1 u. a. H.) ; 35, 2 extirpe = ex stirpe; 35, 

4 praesidiae = praesidi est; 35, 10 sumpturam = si emptorem; 43, 

5 magnas pecui = magna spe civium; 49, 2 deinsulas = dein sin- 
gulas; 72, 2 auttempore = aut tempori; 73, 7 consulatumundatü 
= consulatus mandatur; 79, 6 oraculosque = ora oculosque; 79, 8 
poeniliam = Poeni aliam ; 82, 3 quodam = quod iam ; 90, 1 diffre- 
tus = dis fretus-, 95, 2 dicturiinus = dicturi sumus; 97, 2 sicut 
= si aut. 

P l Cat. 8, 3 proxumis = pro maxumis; 10, 1 dominationes 
= domiti , nationes ; 23, 3 coepitoe = coepit et ; nisi = ni sibi ; 
35, 1 recognita = re cognita (m. a. H.); 47, 1 predicere = p. 
(publica) dicere; 51, 7 magistratui = magis irae; 52, 35 simile 
hercule = si mehercule; 57, 2 atque = at Q. (Metellus) (m. a. H.) ; 
Jug. 4, 3 tantumque = tanto tamque; 17, 6 plurimalia = pluruma 
animalia (m. a. H.); 66, 2 magisque = magis quam; 75, 3 aliaque 
= alia aquae; 76, 1 nihilam = nihil iam; captat = capi at; 80, 
4 ideo = id ea; 101, 11 constrateris = constrata telis. 

Jug. 102, 8 schreiben, so viel ich weiss, alle Herausgeber: 
profecto ex populo Romano ad hoc tempus multo plura bona accepis- 
ses ; die Lesart des V dagegen bona cepisses, welche selbst Weinhold 
a. a. 0. S. 226 unter die unrichtigen reiht, fand erst an Dieck (De 
ratione, quae inter Sallustianos Codices Vaticanum no. 3864 et Pari- 
sinum no. 500 intercedat, commentatio, Halle 1872, S. 32 f.) und 
' Wirz (philolog. Anzeiger V, S. 362) ihre Vertheidiger, und wie ich 
glaube mit Recht; denn vergleicht man Jug. 89, 6, wo der Schreiber 
des P aus gloriaceperat bildete gloria acceperat ; 99, 3, wo aus ve- 
cordiaceperat entstand vecordia acceperat oder Cat. 54, 6, wo illa 
sequebatur (oder illüsequebatur) als illum (oder illam oder illa) asse- 
quebatur gelesen wurde, so lässt sich schliessen , dass auch hier aus 
bonacepisses entstanden ist bona accepisses. 

Salzburg. Ph. Klimscha. 



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Zweite Abtheilung. 

Literarische Anzeigen. 

Homers Iliade. Erklärt von J. ü. Fäsi. Dritter Band. Gesang XIII 
bis XVIII. Fünfte Auflage. Besorgt von F. R. Franke. Berlin. Weid- 
mann. 1877. S. 260. 8°. 

Einen wie glücklichen Griff die für Philologie rühmlichst be- 
kannte Firma Weidmann gethan, indem sie nach dem Ableben des 
for Homer hochverdienten Fäsi die weitere Bearbeitung seiner Uias- 
aosgabe in die Hände des Herrn F. E. Franke gelegt hat, ist wol 
für jeden ersichtlich, der einen auch nur oberflächlichen Blick in die 
in den Jahren 1871 und 1872 in fünfter Auflage erschienenen bei- 
den ersten Bände der Ilias geworfen hat. Wer weiss, wie gewaltsam 
manchmal der dem Unionsstandpuncte nur allzu getreu huldigende 
Fäsi an Klippen vorbeigeschifft ist, die die Conception der home- 
rischen Gedichte bieten, der konnte nur mit Freuden die rühm- 
liche Offenheit anerkennen, mit der Franke sich vom Conservatis- 
mns seines Vorgängers losgesagt und den Vertretern der Lach- 
mann 'sehen Theorie Rechnung getragen hat. Mit Dank darf daher 
Ton der Philologenwelt auch der nunmehr in fünfter Auflage aus 
den Händen jenes bewährten Mannes hervorgegangene dritte Band 
der Fäsi'schen Ilias begrüsst werden. 

Das Hauptverdienst der neuen Auflage besteht auch hier wie- 
derum in der glücklichen Beseitigung der naiven Erklärungsversuche, 
mit denen Fäsi ursprüngliche Störungen des Zusammenhanges über- 
tüncht hatte. In welch' ausgedehntem Masse das Buch in dieser Be- 
ziehung von unerlaubten Mitteln der Erklärung gesäubert und durch 
freimnthige Anerkennung der gegnerischen, vorzüglich der Lach- 
mann'schen Erklärungsweise gefördert ist, das im Einzelnen darzu- 
thun würde zu weit führen. Ich beschränke mich daher auf folgendes 
kurze Verzeichnis der Stellen, bei denen der Verfasser in den be- 
treffenden Koten im Gegensatz zu Fäsi bestehende Schwierigkeiten 
de« Zusammenhanges vorzüglich mit Berücksichtigung der Lach- 
mann'schen Gesichtspuncte anerkennt, woraus jeder Kundige leicht 
den richtigen Takt des Verfassers erkennen wird: A 83. 216. 352. 
396. 478. 636—639. 747. 752 f. 784 ff. 791. — S 6. 43. 45. 



12* 



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180 J Fäsi, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister. 

151 f. 371—377. 379 f. 402. 433 (nach Hereber, hom. Ebene 
von Troia). 508—522. — Ueberschrift von 0. 69. 77. 231. 
234. 352. 367—369. 378. 498 f. 515 ff. 593. 610—614. 668. 
729. 731. — n 12. 23 f. 28. 62. 72 f. 84 ff. 93 f. 97- 100. 
102—113. 140-144. 369. 393. 411. 432—458. 467. 494. 
555. 558. 666. 726. 777. 793 ff. — P 13. 125. 150. 187. 
205 f. 347—349. 366—423 (mit Lachmann als Interpolation an- 
erkannt und in den Noten zu 377. 381. 382. 384. 385. 387. 
404. 411. 423 genügend erhärtet). 612. 644. 723—736. 735. 
- 2 9 f. 14. 155. 157. 259. 356—368. 397. 453. 

Hie und da hätten wir wol gewünscht, dass der Verfasser dem 
Säuberungsprocesse noch grössere Ausdehnung verliehen hätte. So 
hätte 599 Lachmanns Bedenken (Betrachtungen S. 66) statt der 
Fäsi'schen Note-aufgenommen worden können, nicht minder zu 71 283 
die Lachmann'sche Ansicht (a. a. 0. S. 72), dass der Vers hier un- 
passend sei. Die in vielfacher Beziehung äusserst bedenkliche Stelle 
#681— 700 hat in den Noten zu 681. 684. 693. 700 und 721 
eine gerechte Würdigung erfahren. Nur hätten wir es nicht ungern 
gesehen, wenn noch eine oder die andere Schwierigkeit gerade dieser 
Stelle nicht durch Interpretation verdeckt worden wäre. So kann 
V. 687 07tovdij ebensowol mit Fjtottöaovta wie mit \%ov verbunden 
werden ; ebenso undeutlich ist vetov gestellt, so dass es ebenfalls zu 
e'zov, nicht blos zu €7tataaovra bezogen werden kann. Die Fassung 
wie grammatische Fügung des ol /ttev 'A&r^aliov TtQoleleypevoi 
689 ist auch nicht so einfach, als man nach Fäsi - Franke's Note zu 
N6S9 meinen möchte. Vgl. über diese Verse H. K. Benicken in 
Fleckeisens Jahrbüchern 1877, S. 111 — 116, wo auch der früheren 
Literatur zu dieser Stelle entsprechend gedacht wird. — Dass aber 
71698—711 in Klammern gesetzt ist, scheint mir insofern nicht 
consequent, als TZ 432— 458 oder JT 666— 683 u. a. Stellen, in 
denen des Bedenklichen nicht weniger geboten ist, ohne Klammern 
im Texte erscheinen. 

Indem wir uns nun vom Gebiete der höheren Kritik zu dem 
der niedern wenden, können wir unumwunden constatieren, dass auch 
in dieser Beziehung die fünfte Auflage im Gegensatze zur vierten 
einen Fortschritt bekuudet; vgl. 2V114 und 115 (in Klammern). 
141 == 539 = P 106 = 2 15 (dog für fag). #191 (xQik 
f. XQ°°9)- 2 5E> (in Klammern). 285 (inei xev t Inudav). 421 bfe 
423 (in Klammern). 829 (nach pal' Komma für Kolon). 5 114 
(nicht mehr wie früher in Klammern). 18 (re xq6/mo f. % IxQt- 
/«w). 82 (ei'rp> f. Jfjjv). 90 (nach ßißrpuxg Fragezeichen f. Komma 
und nach i'oixag Kolon f. Fragezeichen). 179 (nolepi^iov f. tvoXb- 
/<i£w). 199 (e&ev f. F#ev). 214 (in Klammern). 307 (ßißwv f. 
ßißag). 626 (arjTtj f. drjrrjg). 77 41 (at xe [i€ f. <u x* ifu). 
127 (durch Interpunction parenthetisch gefasst). 177 (vli f. vif). 
227 (ort fiy f. ort uri). 397 (in Klammern). 509 (o t f. oV). 
515 = 538 (elg f. dg). 633 (oqcoqj] f. oqwqu). 736 (ovdi dry 



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J. Fäsi, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister. 181 

fuCpzo qHüTog in Parenthese). P 95 neqtoxemo f. nßQioryaMj'). 
P 127 = 255. 273. 2 179 (Tq^atv f. Tq^oiv). 181 (davaüv, 
alxiJQ ftala f. Javawv dkxijg, /aa'Aa). 214 (ficya$i[i<ti Ilrjleiam 
t fieya$vfiov nylMwvog). 488 (™J x** f. t<£ x«v). 489 (i&iloig f. 




39 
, . _, , ß). 

435 (nach «AAa de poi vvv Kolon statt Komma). 518 (nach (as- 
ycüUo Komma). 519 (in oliCoveg f. vnoUtpveg). 549 (neqi f. 
fi^c). — An manchen Stellen hinwiederum, an denen der Verf. 
sich scheut, vom Fäsi'schen Texte abzuweichen, sind bemerkens- 
werte Conjecturen anderer Gelehrter in den Noten mit Umsicht 
zw Geltung gekommen. Vgl. zu iV<336 (Friedländer's Vermutung). 
N 573 (Lehre da^iug f. xvneig). 5 32 (Krates nQVfivfjoi f. 
nqifivtfGt). 484 (Hermann x(p xai vi xig e^xerat f. xtf xai 
tu zig evxetai). 290 (Bekker ydi odtooev f. xcri iodoxrev). 
395 (Nitzsch vijag f. raxo?). 417 (Aristarch vrja f. v^ag). 562 
(too Bekker als interpoliert betrachtet). 578 (Bekker dgdßrjoe de 
%*£%€* in ccvtip f. %6v de axoxog oooe xdlvipev). FL 263 f. 
(zwei Varianten desselben Gleichnisses). 296 (von Bekker für inter- 
poliert gehalten). 364 f. (Lehrs alykrfivtog f. ovqavbv slow und 
cupdog f. al&eQog). 371 (Bekker aQfia f. aQfiar). 405 (Bekker 
aviüv f. ainov). 543 (Döderlein JlavQoxlov f. nargoxkq)). 548 
(Bekker xcrr' axQti&ev f. xorra xfljjvte*). 830 (Bekker xegai^ifiev f. 
aupzi&iev). 857 (adqatrfta od. agerrjra f. avd^or^ra). P 89 (Bar- 
nes ovd via lad? Axqiog f.oid* viov Xd&ev IdtQeog). 192 (Bekker 
nokvdaxqiov f. noXvdaxqvxov ; ersteres hätte vom Verf. zur Ver- 
meidung der anstößigen Synizese, da es durch die zwei besten Hias- 
handschriften , den Venetus A und don Laurentianus D nach La Boche, 
bezeugt ist, wol unbedenklich in den Text aufgenommen werden kön- 
nen). 249 (Lehrs «auf. tjOccv). 192 (Krüger olöa zov od. old* oiev 
l cida Ttv). 201 (in mehreren Handschriften fehlend). 272 (von 
Bekker verdächtigt). 381 (anstössig und in mehreren Handschriften 
fehlend). 399 (von Bekker athetiert). 460 (Döderlein a f. o). 499 
(Bekker und Zenodot dnoxxa^evov f. dnocf&ifievov). 518 (von 
Bekker athetiert). 525 (Bekker ai de f. oi de). 584 (Autenrieth 
tdiecav f. tvduoav). — Auch begegnen wir in der neuen Auflage 
in Gegensatze zur früheren bei den von Wörtern auf eig hergeleite- 
ten Patronymicis durchwegs offenen Formen (Arqeldr^, Ilavdot- 
dtß, Tvöttdqg. IJtjXitör^ nrjUtwv usw.), wie dies wegen des in 
homerischer Zeit bei diesen Wörtern noch gehörten Digammas von 
Bekker in seiner zweiten Homerausgabe geschehen und neuerdings 
auch von Nauck (Mllanges Greco - Romains, tome III, p. 224 ff.) be- 
beftrwortet worden ist. — Anstatt r^oi ist in der neuen Auflage 
die Schreibweise rj xoi befolgt: 333. 634. JZ 61. 253. 399. 451. 
463. />193. 509. 514. 2 237. 378. 585. In den beiden ersten Bü- 
chern wnrde durch ein Versehen noch die frühere Schreibweise rjzoi 



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182 t/. Fä&i, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister. 

beibehalten, was aber in den Berichtigungen nachgetragen ist. Ueber- 
sehen blieben nur noch zwei Stellen mit r^toi: 190 und 211. 

Dass wir uns mit den meisten von Pranke getroffenen Textes- 
änderungen, in denen grossentheils die bessere Ueberlieferung zu 
ihrem Rechte kommt, nur für vollkommen einverstanden erklären 
können, brauchen wir nicht erst zu versichern ; nur zu einigen Stel- 
len mögen einige Beobachtungen nicht verschwiegen bleiben. Kaum 
richtig hat Franke N 191 (diX ov ny %QOog eiaaro) die von Ari- 
starch mit feinem Sinn aufgenommene Leseart XQ°OQ verdrängt und 
mit Bekker dem Zenodotischen %Qcog den Vorzug gegeben. Fasst man 
el'aazo in Aoristbedeutung: „Nicht wurde die Haut sichtbar", d. h. 
„Nicht wurde der Panzer vom Speere durchbohrt, so dass die Haut 
sichtbar werden konnte", so ist die unmittelbar darauf folgende Er- 
klärung oder Begründung nag d' ccq(x x a &*V OfieoäccXety xsxa- 
Xvcp& y kaum verständlich. Die Worte aber zu fassen: „Nicht konnte 
man die Haut sehen", nämlich vor dem Speerwurf, verbietet das bei 
Homer nur in Aoristbedeutung vorkommende eujavo (ß 319. £ 281. 
283. v 352), sowie atä, durch welches der Erfolg des Speerwurfes 
eingeleitet wird. Bedenkt man ferner, dass eiaaxo auch sonst vom 
Eindringen der Lanze in den Leib gebraucht wird (J 138. E 538. 
P518. a>523), während elaaro nie mit XQ^G verbunden ist, so wird 
sich mit Zuhilfenahme der von Fäsi angezogenen Parallelen F 400 
und a 425 auch der Genetiv XQ°°S zu Genüge rechtfertigen lassen. 
— Mit der Note zu S 165 v %ivy ( m ^ Wechsel des Modus) : sie aber 
ihm dann — ausgiessen könne" ist das Verständnis wenig gefördert, 
da unsere Stelle das einzige Beispiel wäre, wo ei ohne xev mit Con- 
junctiv in postpositiven Erwartungssätzen nach einem historischen 
Tempus stehen wurde ; es wird mit Bäumlein und Döderlein getW 
(vgl. cod. Vind. L #€t'ei bei La Roche) zu lesen sein. — II 227 
scheint oti ^irj statt des sonst bei Homer immer mit einem Verb ver- 
bundenen ore (xri (vgl. 2V319. £248. n 197. xplSb) nur Conjectur 
Aristarchs zu sein. Allein das Herodoteische oti jutj ist für Homer 
ebenso singulär. Dass aber ore /utj an die Seite zu stellen ist dem bei 
Homer fünfmal (P 475. 2 192. «F 790. /i 325. q 382) ebenfalls ohne 
Verb vorkommenden ei jurj und für homerische Sprechweise wenig Be- 
denkliches bietet , dafür verweise ich auf Lange , der homerische Ge- 
brauch der Partikel ei , S. 161 ff . — 12 507 hätte sich wol der Verf. 
nicht scheuen sollen, die durch die besten Handschriften gebotene, 
allein dem Sinne genügende Aristarchische Leseart linev anstatt 
des Zenodotischen kinov in den Text aufzunehmen, statt nur in der 
Note Aristarchs Leseart anzuführen. — P 571 ist der besseren Ueber- 
lieferung gemäss iQyopivrj f. eiqyo^ivrj zu schreiben. — P 127 (== 
255. 273. 2*179) wird der einstimmigen Ueberlieferung gemäss 
Tqffiyatv trotz der entgegenstehenden Ableitung (aus Tqtairjatv) zu 
schreiben sein; vgl. 71827, wo der Verf. mit Aristarch und Hero- 
dian, obwol unregelmässig, ititfvovxa schreibt. — Ob P681 die 
Leseart idoiro (mit dem Subject rw oaae) die richtige ist, ist sehr 



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J. Fäsi, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister. 188 

zweifelhaft; jedenfalls hätte Lange's Auseinandersetzung (a. a. 0. 
S. 100 ff.), der Xdoio aus den Schotten als Aristarchische Leseart de- 
duciert, eine Berücksichtigung finden dürfen. 

Auch das grammatische, lexicalische und etymologische Gebiet 
bat in der neuen Auflage eine entschiedene Förderung erfahren. 
Viele veraltete Erklärungen Fäsi's sind von der taktvollen Hand 
des Verf.'s durch bessere, dem jetzigen Standpuncte der gram- 
matischen Forschung entsprechendere ersetzt, andere Noten Fäsi's 
sind wesentlich ergänzt, an anderen einer grammatischen Erklärung 
bedürftigen Stellen ist eine solche neu hinzugekommen. Besondere 
Berücksichtigung fanden Classen's Beobachtungen über den home- 
rischen Sprachgebrauch, Frankfurt 1867. Ein wie reichhaltiges, das 
tiefere Verständnis der Gedichte förderndes Material in dieser Be- 
ziehung neu vom Verf. geboten wird, ist für jeden leicht ersichtlich, 
der die Noten vergleicht zu N 41. 543. 622. 799. — £30. 34 bis 
36. 78. 173. 267. 268. 271. 314. 371 f. 422. — 10. 72. 
97 ff. 224. 309. 517. 580. 625. 626. 713. 730. — JZ2. 31. 
34. 47. 71. 80. 106. 113. 162 f. 390. 637. 660. 742. 757. 
803. 861. — P37. 126. 156. 158. 170. 210. 226. 240. 273. 
283. 327. 331. 353. 391 f. 440. 452. 599. 675. 699. 705. 
709. 716. 717. 723. 755 f. — 2 23. 92. 93. 167. 180. 215. 
300. 309. 357. 870. 872 f. 375. 392. 401. 472 f. 520. 

Auch nach der sachlichen Seite ist die Erklärung mit Bezug- 
nahme auf die einschlägige neuere Literatur in jeder Beziehung ver- 
bessert; vgl. die Noten zu 2V474. 490. 523. 546. 555. — £55. 
258. 363. — 17. 18. 95. 295. 388. 389. 521 f. 629. 653 f. 
662. 672 f. — 7169. 143. 152. 234. 259. 364. 393. 636. 641. 
656. 723. 752 f. 779. 780. 808. — P88. 250. 427 f. 454 f. 
464 f. 531. 551. 558. 583. 589. 620. —229. 85. 108. 245. 
269. 314. 326. 374. 502. 504. 507 f. 591. 596. 

Hie und da zeigen sich wol noch kleine Mängel, die aber unter 
der Masse des Wertvollen, das da geboten wird, fast verschwinden. 
Etwas antiquiert erscheint zum Beispiel die Behandlung der Partikel 
fit;; vgl. die Note zu 41: „Einzig /tirj deutet die Abhängigkeit 
von der Schwurformel an; sonst müsste ov stehen; vgl. zu K 330. tt 
So lange man sich in manchen Fällen begnügt, in jut) ein blos durch 
die Subjectivität des Gedankens etwas modificiertes ov zu erblicken, 
wird man vielleicht die Erscheinungen des späteren attischen Sprach- 
gebrauches leidlich zu erklären im Stande sein, läuft aber dadurch Ge- 
fahr, sieh wertvoller in den homerischen Gedichten liegender Indizien 
für die Gebrauchsweise dieser Partikel zu berauben, fxr) ist mehr als 
blosse Negation ; es ist eine Prohibitivpartikel und drückt eine kräftige 
Abwehr ans, ohne in sich die Befähigung zu tragen, auf den Modus 
Einfluss zu nehmen. Wie jtirj cum coniunct. die Abwehr einer Erwar- 
tung, fdrj c opt. die Abwehr eines Gedankens oder gesetzten Falles 
bezeichnet, ohne dass der Modus von //?; influenziert würde, so steht 
hier und in dem analogen Falle K 330 der Indicativ mit ftirj (Ab- 



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184 J. Fäsi, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister. 

wehr einer bestimmten Aussage, kräftiger als ov und eben desshmlb 
für Schwurformeln besonders geeignet) ebenso unabhängig wie der* 
Indicativ ohne firj nach einer Schwurformel (vgl. £ 160). Dass der 
spätere Sprachgebrauch diese Verwendung des f.ir) fallen liess und es 
vorzog, nach der Schwurformel das Verb im Infinitiv mit firj folgen 
zu lassen — was bereits bei Homer angebahnt ist, vgl. T127: 
cifuooe . KaQveqbv oqxov firj nov . . . elevoea&cu — , berechtigt 
uns nicht, über historisch merkwürdige syntaktische Thatsachen 
bei Homer an der Hand des späteren Atticismus abzuurtheilen. — 
N 48 steht itrjde statt ovde nicht wegen des hypothetischen Sinnes 
des Particips fivrjoaftevtoy sondern weil es, stärker als otde, die Ab- 
wehr des /.Qveqoio qoftoio bezeichnet. — Ungenügend ist P 93 die 
Erklärung des firj zig (hol Javacov ve/ueorjoercu: „Dann ist zu be- 
sorgen, dass mir mancher der Danaer grolle." Man lasse einmal von 
der allgemein beliebten Erklärung , in ähnlichen Sätzen vor pr) ein 
dal diu od. dgl. zu ergänzen: firj mit dem Conjunctiv ist ein un- 
abhängiger prohibitiver und daher mit Furcht verbundener Aus- 
druck der Erwartung , ohne dass dabei die homerische Sprache sich 
einer Ellipse bewusst gewesen wäre. 

Weiter würde noch die syntaktische Seite der Erklärung ge- 
fördert werden, wenn Lange's Forschungen über den homerischen 
Gebrauch der Partikel ü Verwertung fänden. So wäre 49 (nach 
Lange S. 51) nach xa&i&ig Kolon, nicht Komma zu setzen, was sich 
hier um so mehr empfiehlt, als auf die parataktische Protasis el juiv 
— xa&i£oig (parataktischer Wunschsatz) eine zweite nachgestellte 
Protasis xat ei (nala ßovlerai ixXkrf) folgt. — O 571 ist nur Wunsch- 
satz, kein wünschender Bedingungssatz. — P 102 ei de Ttov — izv* 
&oifxrjv ist Wunschsatz (parataktisch, präpositiv) ; durch Fäsi's Ueber- 
setzung: „Wenn ich irgendwo entdecken, wahrnehmen könnte* 4 , 
darf nicht die Vorstellung eines Bedingungssatzes erweckt werden 
(Lauge 53). Ebenso unrichtig ist es, P 104 vor ei rtwg eQvaaifte&a 
vexQOv mit Fäsi-Franke ein TteiQio^evot zu ergänzen (Lange 81). — 
2 322 beruht Fäsi's Anmerkung auf einem doppelten Miss verstand nisi 
insofern einmal der präteritale Charakter des gnomischen Aorists 
geleugnet wird, zweitens, indem vorausgesetzt wird, dass der Optativ 
nach einem historischen Tempus den Conjunctiv mit av vertrete. Man 
gebe endlich einmal die landläufige Ansicht auf, dass der sog. gno- 
mische Aorist, der nur für unser deutsches Sprachgefühl Präsensbe- 
deutung annimmt , dieselbe Wirkung auch auf ein griechisches Ohr 
ausgeübt habo; im Griechischen war der gnomische Aorist so gut 
wie jeder andere eine historische Zeitform. Wie verkehrt es ferner 
ist, in dem Opt. nach einem historischen Tempus den Vertreter des 
Conj. mit av zu erkennen, was fast in allen Grammatiken noch zu 
lesen ist — selbst bei Delbrück und Windisch (synt. Forschungen) 
findet sich noch die dem Begriffe der Modi als Ausdrucksweisen der 
tpv%ixi] dia&eaig vollkommen widersprechende Annahme einer Mo- 
dusverschiebung — , darüber vergleiche man die gediegene Ausein- 



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J. Fast, Homers Iliade, ang. v. J. Zechmeister, 185 

Übersetzung bei Lange S. 88 ff. In unserm Falle behält der Opt. 
mit e* noch deutlich den Wunschcharakter. — 77 559 ist nicht mit ' 
Aristarch, der r.alwg av s%oi ergänzt, ein xaXdig av ykvoixo zu 
ergänzen. Ebenso unrichtig sind die von Franke angenommenen 
EHipeen H 125 («e ireov ji&q) und 2 193 (d fAtj AXavvog ye oa- 
tog; Tgl. Lange S. 253). Der Annahme einer Ellipse ist auch sonst 
noch ein etwas zu weiter Spielraum gegönnt ; vgl. die Noten zu 77 433 
(fifHMx erg. imi). 17 620 (xatenov erg. fori). P588 (alxfirjTrig 
erg. lern). P 689 (wxjj de Tqwiov erg. imi). 2 180 (aoi hißr\ 
erg. Am od. eoTai). Derlei Erklärungen sind für Homer wenigstens 
insofern unrichtig, als die homerische Sprache eine derartige Ellipse 
meht gefühlt und die ältere Sprachperiode überhaupt keine Copula 
bei einem Prädicatssubstantiv oder Adjectiv nöthig gehabt hat. 

Kaum richtig ist wol des Verf.'s Bemerkung zu 2V471: »wg 
OT€ — og t€ fiev€i. Ein doppeltes oder sogar dreifaches Rela- 
tivum, wo im Grunde Eines genügte"; denn oze ist in Verglei- 
ehungssätzen ohne Verb nicht relativ , sondern indefinit zu fassen. 
— 7789 nokttiCeiv in prägnanter Bedeutung „ weiter kämpfen u zu 
fassen ist durchaus unnötig ; denn das Hauptgewicht des Verbotes 
liegt in avcv$&> ipieio: Wenn du die Troer von den Schiffen getrie- 
ben hast, so strebe nicht ohne mich mit ihnen zu kämpfen. — P 399 
ist luv nicht auf Athene allein, sondern auf beide Gottheiten , Ares 
und Athene, zu beziehen, nur nicht in collectivem, sondern in distri- 
butivem Sinne: „Nicht einmal (der den Achäern feindliche) Ares 
noch (die den Troern feindliche) Athene würde den Kampf um Patro- 
kkw tadeln, selbst wenn grosser Zorn (über die Gegenpartei) ihn, 
reep. sie erfasste. — 2 231 scheint die beliebte Erkläruug (a^qi 
durch ein Zengma mit oxteooi verbunden) nicht richtig. Denken wir 
qbs, dass in der durch Achill's Erscheinen unter den Troern ent- 
standenen Verwirrung die zwischen die Wagen gepressten Troer 
durch dieselben zerquetscht wurden, so kann immerhin afiqd in sei- 
ner eigentlichen Bedeutung gefasst werden. 

Eine recht praktische Veränderung ist in der neuen Auflage 
darin getroffen, dass nach der jetzt allgemein üblichen Sitte die Bü- 
cher der IUas mit den grossen Anfangsbuchstaben des griechischen 
Alphabetes, die der Odyssee mit den kleinen bezeichnet sind. Zu be- 
dauern ist jedoch, dass die neue Auflage durch eine Masse sinn- 
störender Druckfehler entstellt ist. 

Wir schliefen unser Referat mit der Versicherung, dass wir 
durch unsere Bemerkungen die wertvollen in dem Buche niederge- 
legten Schatte, die dem Verf. seine vielfache Beschäftigung mit 
Homer an die Hand gaben, nicht in den Schatten stellen wollten, 
tnd können das Buch jedem Philologen , der sich mit Homer einge- 

beschäftigen will, auf das wärmste empfehlen. 

Brunn. Josef Zechmeister. 



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186 E. Escher, Der Accusativ bei Sophokles, ang. v. J. GoUing. 

Der Accusativ bei Sophokles unter Zuziehung desjenigen bei Homer 
Aeschylus, Euripides, Aristophanes , Thukydides und Xenophon. 
Doctor- Dissertation von Eduard Es eher. Zürich, Druck von Zürcher 
und Furrer; Leipzig, Verlag von S. Hirzel 1876. IV, 180 S. 8 Ö . 2 M. 

Von einer für die historische Grammatik verwerthbaren Mono- 
graphie dürfte vor allem zweierlei zu fordern sein, vollständige 
Sammlung des einschlägigen Stellenmaterials , dann ein möglichst 
genauer Nachweis über die Eigentümlichkeiten der angezogenen 
Schriftsteller in dem behandelten Sprachgebrauch. 

Was die erste Forderung betrifft, so beruht auf deren ge- 
wissenhafter Erfüllung der eigentliche Werth der vorliegenden Ar- 
. beit. Im Mittelpuncte der durchgearbeiteten Schriftsteller steht 
Sophokles, dessen Eigenthümlichkeiten in Anwendung des Accusativs, 
und speciell des sogen, inneren Objectes c in übersichtlicher und er- 
schöpfender Weise zu behandeln E. als den Zweck seiner Arbeit 
bezeichnet. Hinsichtlich dieses Schriftstellers können wir denn auch 
für fast absolute Vollständigkeit der Sammlung bürgen. ] ) Ob E. bei 
den anderen Schriftstellern mit gleicher Gewissenhaftigkeit verfuhr, 
können wir nicht so unmittelbar behaupten ; aber aus der wesentlichen 
Ergänzung, welche La Roche's Arbeit (Homerische Studien, Der Ac- 
cus, bei Hom. Wien 1861), worin doch auch auf Vollständigkeit 
Anspruch gemacht wird, erfahrt, lässt es sich schliessen. — Um nun 
die Eigenthümlichkeiten des Sophokleischen Sprachgebrauches ins 
rechte Licht zu setzen , hielt E. mit Recht eine Vergleichung mit 
andern Schriftstellern für unbedingt nothwendig. Mit dem Vf. nun 
rechten zu wollen wegen seiner Wahl der zur Vergleichung heran- 
gezogenen Schriftsteller, hiesse für das gebotene undankbar sein; 
wir wollen daher einen diesbezüglichen Wunsch unterdrücken. Nur 
Euripides- hätte ganz ausgenützt werden sollen (E. hat nur drei Tra- 
gödien verglichen) , weil gerade durch Vergleich mit seines Gleichen 
die Eigenart eines Schriftstellers um so heller ans Licht tritt und ein 
Schluss von jenem Bruchtheile aus auf Euripides 1 Sprachgebrauch 
keineswegs so unbedenklich ist, wie E. behauptet (S. 88), was ihn Ge. 
Günther's Arbeit (die E. nicht kennt), De öbiecti quod dicitur inter- 
ioris usu Euripideo. Lipsiae 1868 lehren mag. 2 ) — Für Kenntnis des 
Sprachgebrauches der einzelnen Schriftsteller sorgt E. weiter da- 
durch, dass er nicht engherzig sich auf den Gebrauch des Accusativs 
beschränkt , sondern das Variieren des Schriftstellers in Ausdruck 
und Construction nachweist, dass er ferner uns nach der negativen 
Seite hin nicht im unklaren lässt , über das nämlich , was bei einem 
Schriftsteller sich nicht findet, und dass er schliesslich in der ( ße- 



a ) Nur S. 26 vermissten wir Ai. 1058 Ti}r<f* rvyijv &avovtts, welche 
Stelle wegen Hartung's und Nauck's grundloser Verdächtigung besondere 
Erwähnung verdiente. 

*) Noch manches andere hätte E. von Günther lernen können, so 
z. B. dass (dd&T]ua und /ua&Tjöig als Objecte von ^av&aveiv auseinander- 
zuhalten sind. S. Günther S. 8 vgl. E. S. 26. 



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E. Eicher, Der Accusativ bei Sophokles, ang. v. J. Ootting. 187 

capitulation' (S. 162 — 174) durch Zahlen einen bequemen Ueberblick 
iber das jedem Schriftsteller eigenthümliche bietet. 

In der Auffassung des Accusativs ist E. Rumpelt (Hübsch- 
namVs, Delbrück^) Ansicht, wonach der Accusativ allgemeiner Be- 
stimmungscasus des Verbums ist, dio Meinung also, als ob dieser 
Casus verschiedene Beziehungen ausdrücke, zurückgewiesen. Diesen 
Staodpnnct hält £. im einzelnen nicht fest. Indem er Hübsch- 
mnn in der Theilung des 'notwendigen' (der die transitiven Objecte 
amfas8t) und 'freiwilligen* Accusativs (der die übrigen Accusative 
unfasst) folgt, gliedert er letzteren (wieder Kühner folgend) nach der 
Bedeutung der Verba, und doch hatte Hübschmann bemerkt (Zur 
Casuslehre S. 161 f.): 'Für die Eintheilung der Objectaccusative finde 
ich keinen andern — äusserlichen , einen inneren gibt es nicht — 
Grund als die Verba, bei denen er steht. Da aber für den Accusativ 
die materielle Bedeutung dieser Verba vollkommen gleichgiltig ist', 
so ordne er sie alphabetisch. Vgl. Kumpel Casuslehre, S. 134. Doch 
mag das noch einige Berechtigung haben ; unberechtigt aber und ge- 
künstelt ist die Categorie innerhalb des freiwilligen Accusativs: 'Das 
Attribut des verbalen Accusativs [d. i. des sonst sogen, inneren Ob- 
jectes] war ein Substantiv im Genitiv, welches nach Abfall des erste- 
ren selbst Accusativ wurde/ Die von E. hieher gerechneten Fälle sind 
tbeil weise, z. B. a/naQrdveiv eVriy, einfach und natürlich in Rumpers 
Sinne zu erklären , wio nlüv Oalaoaav y Tirfiav nedia (s. Escher 
S. 13).») 

Nun nur noch einige Einzelheiten. 

Als reinen attributlosen mit dem Verbum gleichstämmigen 
Accusativ führt E. an S. 23: *OC 477 %oag xlao&ai eine solenne 
Formel, wie dvaiag frvuv, 07tovdag OTtivdeiv (Schneide win)/ Er- 
wähnung hätte verdient, dass der Plural die Tautologie aufhebt. — 
IM.: 'Um eine Tautologie zu vermeiden, fehlt das Verb. Ant. 577 
H x Q*ß&G &i sc. TQtßere. Ant. 1247 ig ttoIiv yoovg oix a^ioi- 
QU9 sc. yoao&cu.' Hier folgt E. wieder Kolster, wiewol Schwarz 
(Acc d. Inhalts bei Soph. S. 9) mit Recht gegen Kolster's Auffas- 
Dung auftritt Wenigstens sind an erster Stelle Kolster und E. ent- 
schieden im Unrecht, wie schon aus den analogen Fällen hervorgeht 
bei Kühner AG. 1 II, §. 598 (Eur. Jon. 1331 w Tatra — Arist. 
Ach. 345 aXXa jurj /uoi nQO(faotv) , wo E.'s Auffasung unmöglich 
»t. — S. 31 kommt E. auf die Fälle zu sprechen, wo nach Abfall des 
Accusativs das Attribut und zwar das Adj. und Prouom. Genus und 
Sumerus des Accusativs bewahrt: OT 810 ov juijv ioriv (sc. xiaiv) 
luvt». Aber auf gleicher Linie steht der Fall, wo nach Abfall des 

*) Das ungehörige seiner Erklärung scheint E. selbst zu merken, 
»tnn er Soph. Phil. 129 ito$<fr)v Jolt6o€t$ nicht nur unter der erwähnten 
Cttegorie aufführt, sondern auch unter dem 'Accusativ des erklärenden 
Object« (S. 65;. So findet sich auch Honi. v 170 Xwßrjv r]v oW vß$(- 
•on«f zweimal, d*s erste Mal richtig unter der figura synonymica (S. 96), 
wohin auch V84 tlmiXal «c .. vn{ax%o (S. 124) gehört hätte. 



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188 H. Stein, Herodot, ang. v. A. Scheindler. 

Accusativs das Attribut abhängig vom Artikel zurückbleibt. Bei Soph. 
wol nur El. 1075 f. 'HXtMqa %ov du jtcctqoq | deilaia OTevdxovo' 
sc. OTtvayfiov. Vgl. M. Haupt Opusc. II, 299 ff. Darum ist die Auf- 
fassung, welche E. S. 53 nach Kolster von OT 233 xai vig rj (fllov 
deioag anwoet xovrcog t} %avrov rode gibt , wonach cpilov delaag 
= q>ilov diog deiaag wäre, kaum richtig; es müsste wenigstens vo 
q>ilov deiaag heissen. In der S. 54 und S. 78 angeführten Stelle 
EL 124 xiv dal tdxeig iotf dxoQtorov oljiicoydv rov !AyafÄif.tvova 
ist die Lesart olptoydv völlig unsicher. — S. 58 : 'Oft tritt odov als 
verbaler Accusativ in der Bedeutung 'Gang* zu einem Verbum der 
Bewegung und ist dann genau zu scheiden von den Beispielen , wo 
odov die Strecke bezeichnet ; La Boche scheide richtig, Kühner kenne 
nur eine Categorie. Aber die von E. hier sowie unter dem freieren 
Accusativ (S. 61) aufgeführten Beispiele lassen sich meist in 
dieser doppelten Weise erklären. Jedenfalls waren nicht zu tren- 
nen Ant. 801 ooctT efii rdv^ vadrctv odov axaixovoctv und Frgm. 
233 dg tzoiqclkxiclv araixiov avy/Lteoütoa xvioddfoov odov. Das Attri- 
but 7iaoaxziav ändert an der Art des Accusativs nichts. — S. 102. 
In Fällen wie xvxpov a%edir t v, nXr£ avrooxadlrp> wäre an die 
substantivische Kraft des Femininums zu erinnern (worüber Lobeck 
Paralipp. diss. V. und Ameis zu a97); was hier um so notwendiger 
ist als aus 510 (avzooxadifl n~i%ai) hervorgeht, dass wenigstens 
dieser Accusativ avrooxedirjv nur als substantiviertes Femininum 
anzusehen ist. Nur als solches sind zu erklären die Adverbia dfiqtcc- 
dirjv, ditoidxrp, dvxißlr[v. — S. 158 weiss E. ausser einem Beispiel 
aus Aristophanes über den \Accusativ des Objects und Praedicats* 
nichts weiter anzuführen. Aber hieher gehört xi&evai mit solchen 
Accusativen verbunden 'als ein Specifisch homerischer und dichteri- 
scher Gebrauch' (L. Lange in der sehr lesenswerthen Eecension von 
Krüger 's poet.-dialect. Syntax in dieser Zeitschrift 1856, S. 43). 
Auch La Boche (Hom. Stud. S. 250) ignoriert diesen Gebranch. 

Formell auffällig ist anerkenn t als 3. praes. (z. B. La Boche 
selbst anerkennt S. 104). Weiter S. 67: c Auf eine nähere Erklä- 
rung treten wir bei Hom. ein.' — S. 38 Z. 1 v. u. lies S. 108. — 
S. 64 Z. 1 v. u. lies S. 80 ; sonst ist der Druck correct. 

Noch in manch* anderem Puncto wären wir anderer Meinung 
als E., müssen aber gleichwol seine Arbeit als eine recht empfehle ns- 
werthe bezeichnen. 

Olmntz. J. Golling. 



Herodot erklärt von H. Stein. II. Bd., I. Heft, III. Buch. 3. verb. 
Aufl. Berlin, Weidmännische Buchhandlung. 1877. 

Wie bekannt, lässt H. Stein seine Herodotausgabe in 
der Sammlung griechischer und lateinischer Schriftsteller mit deut- 
schen Anmerkungen in neuer (dritter) Auflage erscheinen. Dieselbe 
ist nothwendig geworden durch die neue Textesrecension , welche 



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E. Stein, Herodot, ang. v. A. ScheindUr. 189 ' 

derselbe Vf. in seiner kritischen Ausgabe (Berlin , Weidmann 1869 
&§ 71) vorgenommen hat. Durch eindringenderes Studium der 
Handschriften, deren mehrere neu verglichen wurden, ist nämlich 
zwch Stein zn der Einsicht gekommen, das? der Text der beiden 
ersten Auflagen dieser Ausgabe, der sich wesentlich an Gaisford an- 
schloss , durch zahlreiche Interpolationen verderbt und entstellt von 
2er reinen und unverfälschten Ueberlieferung weit abliege, dass 
üese reine und unverfälschte Ueberlieferung in den italienischen 
Handschriften vorhanden sei, dass er demnach seinen Cultus des 
S&neroftianns und Vindobonensis , die er noch in seiner Schrift „vindi- 
d&nnn herodot. spec. Danzig 1859" mit den Worten pries „Sancrof- 
äanum et Vindobonensem gern eil os libros quique ab illis propius 
abessent Parisienses duo si minus chartarum literarumque vetustate 
xt lectionum mirifica saepe bonitate reliquos antecedere" — aufgeben 
od sich an die italienischen Handschriften halten müsse. — Was nun 
ien Text deT vorliegenden Auflage betrifft, so stimmt er, wie zu er- 
warten ist , im Ganzen und Grossen mit dem der kritischen Ausgabe 
«heran. Ehe ich jedoch auf dieses Verhältnis näher eingehe , will 
ich die Hanptpuncte , durch die sich diese Auflage von der vorher- 
gehenden unterscheidet, charakterisieren , damit der Leser an einem 
recht auffälligen Beispiele ersehe , was für Fortschritte die Herodot- 
kritik in den letzten Jahren gemacht habe. Im Ganzen sind es mehr 
als 200 Aenderungen , die Stein im dritten Buche vorgenommen hat. 
Da es aber zu weit führen würde, sie alle zu besprechen, begnüge ich 
mich folgende anzuführen: 1. Aenderungen den Dialect betreffend: 
o(*k an allen Stellen , wo früher das epische ovqog gelesen wurde. 
— orofiaori 14, 30, früher oi;vo/*cr<m' ; ebenso 136, 7 ovo/Liaara fr. 
OYTOfiaora; ferner hat der Vf. 8, 17; 26, 7; 33, 5 statt des epischen 
QVTOfia^ovai das von den Handschriften geforderte ovofidtovoi ein- 
pesetzt, so dass also nur ovvofxa bei Herodot handschriftlich bezeugt 
ist. — 58, 2; 11 ddvg fr. l&vg (dagegen idiwg 73, 11). — 10, 2 
Z&rxa fr. Ijuovra ; für die Verba auf 6w stellt sich nämlich als sicher 
nach den Codd. heraus, dass sie stets Contraction erlitten, ein Re- 
sultat zn dem auch Merzdorf in seiner bekannten Abhandlung „De 
vocahum in dialecto herodotea concursu modo admisso modo evitato" 
in Curtius Studien VIII B. 1875 gekommen ist. — 13, 9 7iofaoQ- 
xtouevoi fr. nohoqyLevfxevoi. Wie Merzdorf a. a. 0. p. 165 auf Gruud 
ier handschriftlichen und inschriftlichen Zeugnisse erwiesen hat, wurde 
bei den Joniern owie ü gesprochen, daher kein Unterschied ist zwischen 
«ound «?. — 21, 6 ferner 77,5—79,5—82,8 — 99,9 — 104, 2 — 
111, 4 — 119, 28 — 130, 9 — 139, 15 xqet^ievog früher %qbo^ 
wog; desgleichen, 48, 15 — 97, 9 — 106, 14 — 117, 18 %Qkoviai, 
fr' Xq£ovtcu und 57, 11 — 66, 3 kxqitDvto fr. ixqeovto. Die For- 
men auf iw von X0^°l iat s * n d so consequent überliefert , dass man 
nicht zweifeln kann, dass sie allein im herod. Texte berechtigt sind ; vgl. 
Merzdorf a. a. 0. p. 200. Sie gehen zurück auf * XQ^o^evog, *XW° V ' 
tcu etc. Von der famosen „Zerdehnuug" ist Stein leider auch in 



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190 H. Stein, Herodot, ang. ?. A. Scheindler. 

der Einleitung zu dieser Auflage noch nicht abgekommen. — 21, 9 
7iQOTifAüiv fr. twv. Auch Merzdorf ist zu dem Eesultate gekommen, 
dass bei a mit folgendem o w ov Contraction eingetreten sei , wenn 
er auch zugibt, dass dieses Resultat kein absolut sicheres sei. — 65 
29 — 73, 7 — 75, 7 ztUvxüv fr. eiov — 73, 7 TteiQWfiivoun fr. 
7teiQ£0/u6voioi — 85,7 {iiftavio fr. urftaveo — 113,4 avrdiv fr. av- 
xicov — 118, 8 idixaiov fr. idixalev Die Contraction in ev bei den 
Verben auf 6w ist entschieden als ungriechisch zu verwerfen. Merz- 
dorf, p. 220. — 128, 12 iniTteiQiiiiievog fr. eo. — 145, 8 ax&r t 
fr. fjx&V' vgl.Lhardyquaest. dedial. herod. cap.I de augm. p. 31. — 
154, 8 TifuwvTai fr. Tifitovtai. — Hiezu kommen 2. zahlreiche text- 
kritische Aenderungen ; ich hebe nur einige der wichtigsten hervor : 12, 
18 schreibt jetzt der Vf. mit der kritischen Ausgabe xavxa (tuv vvv 
coiavxa* elöov de Kai. . .Dies bieten die besten Handschriften. — 
S, V dagegen und Steins R haben xavxa fttiv vvv xoiavxa Iowa \6ov • 
l'dov di xai ( — eine offenbare Interpolation, an denen diese Hdschr. 
reich sind — ) und so stand in den früheren Auflagen. — 23, 7 jetzt 
mit den besten Hdschr. hn Y.(njvijv acpi . . , froher mit S u. V iiri 
y^tjvrjv xiva ocpi. .(Steins R bietet xQr/vrjV xivdgq>rjOiv); vgl. Abicht 
Philol. XXI, p. 92. — 26, 16. yevto&at xe avxovg f.iexa^v xor fia- 
haxa avxwv xe y.al xijg 'Oaoiog, olqkjcov aigeo/utvoioi .... früher 
war nach 'Odaiog gegen die Handschriften xa£ eingeschoben; auch 
in der krit. Ausgabe bemerkt Stein r fortasse xai aQioxov", mit Un- 
recht, denn hier in der Schilderung ist das Asyndeton recht passend. 
— 31, 23 hat der Vf. die Leseart der schlechten Hdschr. eiQijfiivvjv 
entfernt und schreibt jetzt mit den besten Hdschr. igtü^evt]*", vgl. über 
diese willkürliche Aenderung des Su. V Abicht a. a.O. p. 92. — 35, 19 
lesen wir nun ixiqtad'i, das allgemein tiberliefert ist, obwol auch jetzt 
noch (siehe die Note) das früher im Texte befindliche exeQwze dem 
Verf. nothwendig erscheint. eztQio&i de entspricht dem vorausgegan- 
genen tüte f.i£v, ist also temporal zu fassen, wie schon Schweighäuser 
in seinem Lexikon erklärt. — 91, 12 Moigiog Xlpvrjg fr. MvQiogkifivrfi 
Stein hatte in der oben erwähnten Schrift auf Grund der Schreibung 
in S V, die fast durchgängig MvQig etc. bieten, und des Schwankens 
derUeberlieferungbei anderen Schriftstellern, Diodor Strabo etc. nach- 
zuweisen versucht, dass der See Myris heisse und daher MtQig zu 
schreiben sei ; doch ist er nun hievon abgekommen praef. XXX. — 127, 
11 jetzt mit den besten Hdschr. doxt/tuoxdxovg; früher mit S V n. R 
Xoyi{uoxdxovg, vgl. Abicht a. a. 0. — Diese und noch zahlreiche 
andere Aenderungen , die ich übergehe , unterscheiden den Text der 
dritten Auflage von dem der zweiten, also gewiss ein sehr erheblicher 
Fortschritt. l ) Derselbe ward aber bewirkt durch das Erscheinen der 
grossen kritischen Ausgabe, in der Stein alle diese Aenderungen bereits 

') Ref. kann an dieser Stelle nicht umhin, den Wunsch auszuspre- 
chen, dass auch unseren Gymnasien ein besserer Text des herod. Ge- 
schichtswerkes zugeführt werden möge. Der der allgemein eingeführten 
Ausgabe von A. Wilhelm genügt nicht mehr. 



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H. Stein, Herodot, ang. v. A. Schindler. 191 

vorgenommen hat. Ich komme nun auf das Verhältnis des Textes der 
Torliegenden Auflage zu dem der krit. Ausgabe zu sprechen. Schon 
oben bemerkte ich , dass er im Ganzen und Grossen derselbe sei wie 
in jener. Doch sah sich der Vf. zu mehreren Abweichungen ver- 
anlasst, die ich eingehender beleuchten will, da wir in ihnen des Vf.'s 
Urtheil über sein eigenes Werk erkennen müssen. 14, 39 frifirjoag 
tovtoioi. In der krit. Ausgabe fehlte tovtoioi, das schon längst als 
Glonexn erkannt wurde; vgl. Abicht a. a. 0. Von den Handschr. bieten 
es nämlich nur S u. V (die Stein mit s u. v bezeichnet ') , ferner der 
von Stein zuerst verglichene Cod. Vaticanus (R 123. saec. XIV). 
der auch zur interpolierten Handschr. Classe gehört (vgl. praef. XXVII 
seqq.). Da nun diese Handschr. von Interpolationen und Correcturen 
strotzen, wie Abicht im Philologus XXI. Bd. zuerst gezeigt und auch 
Stein in der praefatio auseinandergesetzt hat , so gibt es nur zwei 
Möglichkeiten : entweder ist tovtoioi eine Interpolation, dann ist es 
nicht in den Text zu nehmen , oder es erweist sich als eine auf den 
Archetypus zurückgehende Correctur, dann ist es entschieden aufzu- 
nehmen. Stein hat nun darüber zweimal seine Ansicht gewechselt. In 
den ersten Autlagen der kleinen Ausgabe schrieb er tovtoioi, in der 
krit Hess er es aus dem Texte, und nun führt er es abermals wieder in 
denselben ein. Nach welchem Kriterium sollon wir aber in diesem Falle 
entscheiden ? Da es durch zahlreiche Beispiele erwiesen ist , dass 
8 V n. R durch und durch interpoliert sind, so kann eine nur von 
diesen Codd. gebotene Leseart nur dann Anspruch auf Echtheit ma- 
chen , wenn sie durch die Stelle oder durch den herod. Gebrauch ge- 
fordert ist, also wenn sie nothwendig ist. Ist nun tovtoioi an 
unserer Stelle nothwendig? Nein. Im Gegentheil es ist ohne 
rechten grammatischen Bezug, indem es nur auf die in dveßiooag und 
artxXavoag steckenden Begriffe „Weinen" und „ Klagen u gehen kann. 
Also hat Stein , wie ich glaube , mit Unrecht es abermals in den Text ge- 
nommen. — 15, 8 tvjv, r]v xai owiwv dnooTeoHii, o{i(og toIoi ye naiol 
avtüv dnodidovoi ty)v doxyv. In der krit. Ausgabe steht d xai 
und so haben nach Gaisford") der Mediceus (A bei Stein), Florentinus 
(C u also die besten Handschr., die übrigen, nämlich die Pariser und 
S V haben rv, Steins R hat r)v (!). Die Frage, ob hier mit den guten 
Handschr. ei mit dem Coni. Aor. zu schreiben sei oder rjv mit den 
interpolierten, ist von principieller Bedeutung, indem in gleicher 
Weise VIII. 49 tag ei vmrftitaoi tij vavfiaxij] iv Sala/tun piv 
torreg noho^xrjooyrat von den guten Codd. überliefert ist und 
ebenso wie an unserer Stelle rjv von PR. Ueber ei mit dem Coniunctiv 
kann kein Zweifel sein. Ich führe nur folgende Beispiele an : Homer 



■) Steins neue Bezeichnung der Hdschr. und seine neuen Cora- 
t<ndien derselben waren ebenso unnöthig als unpraktisch. Der Herodot- 
knUker Ut dadurch genöthigt, neben den neuen auch oft die altherge* 
beichten Siglen anführen zu müssen, an Stellen wo Steins Apparat nicht 
gtnügt, und er auf Gaisford zurückgehen muss. 

*) Stein gibt die Varianten nicht vollständig. 



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192 H. Stein, Herodot, ang. v. A. Schindler. 

A. 340 reo cF avtto juccqtvqol tovcov, ei' noxe üj avie Xßeua 
ijuelo yevrjrai . . . E 258 tovtiü <J' ov naXiv avrig anoioezov 
dxieg %nnoi afnwio iq? rj^eicov, et y ovv ZveQog ye (pvyyotv 
(wo aber auch ei x überliefert ist) etc. Sophokles Oed. tyr/874 
vßqiq, ei noXkwv VTieQnXriodff fiaxav — ib. 198 xekei yccQ ä 
%i w§ dipii %ow in wtccQ eQ%etai. Oed. Col. 1443 dvordlaiva 
%aq iyw ei aov axeQrftio. Antig. 710 ixvöqa xeX zig f t ooapog %6 
liavd-aveiv nolX alaxQov oidiv. Auch Stein ist darüber nicht 
im Unklaren, denn 3, 36, 25 hat er jetzt im Einklänge mit der kri- 
tischen Ausgabe : ei fiiv /tterafielrjar] t<$ Kafißvarj xal inilQrpcir^ 
tbv Kqoloov. . . , wo ABC (uerafieltjo^i und imtyjTfji bieten, d im 
trjrdi, P iniCflxei, JR im^rprjoei (als analog unserer Stelle). Ohne 
Zweifel ist auch an unserer Stelle die Ueberlieferung der guten 
Handschr. beizubehalten ; rjv in den angeführten Codd. erweist sich 
als willkürliche Aenderung des Correctors, dem die seltene Construc- 
tion ei mit dem Coniunctiv auffiel und unrichtig erschien, weshalb er 
sie nach seiner Gewohnheit änderte. — Anders verhalt sich die Sache 
16, 25. Xeyovot yctQ dg Ttv&onevog ix fxawr^ov 6 ^A^iaoig %a 

Tteqi ecovrov ä/roxtavovra {lekkoi yivea&ai In der krit. 

Ausg. las Stein {lilXovra, was die besten Codd. bieten, während 
juiXXoi yiveo&ai die Leseart des Vindobonensis ist (Sancr. hat LiiXkei 
aTto&avovva yiveo&ai. R bei Stein hat uiXkoi dno9avovva), die 
schon Schäfer Qaisford u. a. in den Text nahmen. Da die beiden 
Participien drto&ctvovTCt nsXkovzcu entschieden anstössig sind, 
während ano&avovra jitilXoi dem Sprachgebrauche des Herodot 
vollständig entspricht, bei dem fast immer der Artikel auch 
Relativum , da, wir ferner nicht einsehen können , wie aus arto&a- 
vovrct fiteXlovra, wenn es im Archetypus gestanden hätte, cJtto- 
\>av6vra /ueXXoi werden konnte , indem es auch nicht eine absicht- 
liche Aenderung des Correctors sein kann, dem man doch viel eher 
wegen des vorangegangenen Artikels das Particip als eine solche 
Kenntnis des herod. Dialectes zutrauen darf, dass er gewusst, dass 
hier %d Relativum sei, während wir zugeben müssen, dass, wenn 
dno&avovra fiekXoi im Archetypus stand, daraus sehr leicht durch 
ein Abschreibervereehen dicov&avovza (ueXXovva werden konnte, 
ist es nach alledem nicht richtiger , die gute Leseart der schlechten 
Codd. , die aber doch hie und da ein Körnchen Wahrheit enthalten, 
als die ursprüngliche anzusehen, denn die schlechte der guten Codd., 
deren Entstehung noch dazu so klar zu Tage liegt ? So hat also hier 
nach meinem Dafürhalten der Herausgeber Recht gehabt zur Leseart 
des Vind. wieder zurückzukehren. — Dagegen hätte Stein 19, 8 bei 
der Ueberlieferung der besten Handschr. bleiben sollen, die er in die 
krit. Ausgabe aufgenommen hatte ; die Leseart des SV und R, die aller- 
dings in den meisten Texten steht, trägt zu sehr den Stempel der 
Interpolation an sich. — 30, 10 ist der Herausgb. wieder zur vul- 
gata 3'do|e oi zurückgekehrt, während er in der krit. Ausg. idoxei ol 
schrieb nur auf die Autorität des Schol. Aristid. p. 682 Dind. hin. — 



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R. Stein, Herodot, ang. t. A. Scheindler. 193 

35, 13 schreibt der Herausgb. jetzt iywye, in der krit. eyioye. Do- 
bree Termuthet iyto T€. — 37, 4 lesen wir jetzt vielleicht nur durch 
ein Versehen *) rcoydl/nari und 37, 5 zb dyal/na. während in der 
krit. Ausg. gerade umgekehrt an der ersteren Stelle die offene Form, an 
der letzteren die mit Krasis gebildete steht, der Ueberlieferung entspre- 
chend. Ueber die Krasis bei Herodot herrscht in den Ausgaben auch jetzt 
noch grosses Schwanken, doch bedarf die Sache wol einer zusammen- 
hingenden Untersuchung. So viel ich überblicke , bieten die besten 
codd. meist die Form mit der Krasis , während Steins R die offene 
Form hat; daher war es 4, 16 kaum richtig ?a aUxx die offene Form 
einzusetzen, wo A BPD rakhx bieten, vgl. 3, 28, 3—78, 14—81, 
2 — 92, 7, wo überall die besten codd. die Krasis, R die offenen For- 
men bietet. — 69, 14 hatte der Herausgb. in der krit. Ausg. r t v — 
ny/wj (nach Gaisford) , nun schreibt er et — rvyyavu^ was auch 
handschriftlich besser beglaubigt ist. Denn nicht nurSVP (Gais- 
ford) und Steins R haben d — Tvy%av£i, sondern auch der Medi- 
cens und Passioneus und der von Stein zuerst verglichene fiorentinus 
d haben zwar rjv , aber ivyxavEi, was somit auf ursprüngliches el 
— wyxavei hinweist. — 72, 22 bieten die besten codd. (MPKF 
Gaisf.) -tat xi näXlbv 0(pi intTQi(7ir^at t dagegen S, der Parisinus a 
(P bei Stein) e correct. und Steins R Tic;. Nun sind allerdings 
beide Lesearten möglich; liest man ti, so ist iniTQan r/rai passivisch, 
womit man vergleichen kann VI, 26 TTgr^ftata hnxqctnei Btaalrrj ; 
liest man aber zig, so wird man dem Vf. beistimmen, der in der 
Note zu unserer Stelle sagt: v e7ritQa7rr^ai Vertrauen schenke. Das 



') Der Druck ist überhaupt im vorliegenden Hefte geradezu nach- 
lässig zu nennen. Denn, abgesehen davon, das« die zahlreichen gebro- 
chenen r t tu a o v den Leser sehr stören, wimmelt es auch von Druck- 
fehlern; ich lasse ein Verzeichnis derjenigen folgen, die mir aufgefallen: 
6. 1 foyouat ohne Accent. — 7, 7 statt öov; rt 1. «W; t*. — 8, 8 xqo- 
*vSa ohne Acc — 9, 3 xw^lwr. — 14, 10 n(tof\iO€tr schlecht abgetheilt — 
14, 42 ixntatar ohne Acc., ebenso 20, 4 tfun. — 22, 22 ror. — 25, 6 
<*c. - 40, 10 ro. — 56, 1 ror. — GS, 8 ro. — 63, 14 ota — (tya&o; 

— 66, 11 ovrog fehlt Accent und Spiritus. — 73, 3 olo(. — 75, 5 ixtor. 

- 88, 2 t«. — 87, 2 yan. — 89, 8 xtnn. - 93, 3 rojioc — 111, 13 
f«. - 117, 11 rag. — 117, 18 &to$. — 119, 9 /<*r«. — 125, 8 ^ij. — 
143. 3 imßirr. — 160, 9 rttvra; ferner 25, 17 juadwr st. /utt&tov. 30, 2 
ttid 3 sind die ersten Worte verhoben. — 33, 1 ist der Accent über 
o« in oixrjovs zu tilgen. — 36, 1 KooTaog. — 37, 1 roiavra. —52, 7 fehlt das 
Icrta subscr. in oroijoi. — 57, 14 novrarriitt. — 58, 13 st. anrwv 1. av- 
f«r. — 64, 16 7tQOT€Qor. — 65, 6 tx Atyvnrt^ (blieb aus der zweiten 
Ansage stehen). — 65, 14 ist roaovrov «Otto? zu trennen. — 69. 8 fehlt 
neb toSt das Kolon. — - 72, 9 lies olet statt oia — 75, 5 £/r«Aij#<ro. 
30, 4 ioyoi statt Xoqo* zu lesen. — 1U7, 12 5 fehlt der Spiritus. — 
«f. 136 lehlt die Capitelnummer. — 139, 8 lies roiror st. ravroy. — 147, 
* lies txoJuopxtoY st .tnilwoxtor (blieb aus der früheren Auflage stehen). 

— 10, 7 lies rwfijai st. rayinar. — 156, 11 lies Cotje st. roijc — 160, 5 
Uymrttu ist der Accent auf dem <w zu tilgen. — 156, 14 <T fehlt der 
Apostroph. — 146, 15 Note lies ovußeßarai. — 155, 87 lies ^fJtijW 

- 83, f ar. — 89, 8 xttra. — 106, 11 ra fehlen die Accente. — 135, 9 
Set riyr oi st. rijr ol. — 156, 14 «Jij fehlt der Accent. 

IMXmkiifi f. d. ÄtUrr. Qjmn. 1878. III. Heft. 13 



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194 H. Stein, Herodot, ang. v. A. Scheindler. 

Wort ist besonders von streitenden Parteien üblich , die ihre Sache 
dem Sprache eines Schiedsrichters anheim stellen, vgl. ... Aber 
öfter im Activ. — " Da nun beide Lesearten möglich sind, welche 
ist die echte ? Offenbar die am besten überlieferte. Daher glanbe ich, 
hätte der Heransgb. tl im Texte behalten sollen. — 108, 19 hat 
nun der Vf., waserinder praef. p. LXVIII schon comgierte, igixveerai 
die handschr. Leseart statt der der Aldina emxvierat, eingesetzt. — 
119, 27 dürfte /tioc wol nur Druckfehler für (xbv sein, welches in der 
krit. Ausg. steht, handschr. allein überliefert ist, und welches zu än- 
dern kein Grund vorhanden ist. Hiezu kommen noch zwei diabetische 
Aenderungen. 3, 127, 13 schrieb Stein in der krit. Ausg. diu (ob- 
wol er 3, 9 del schrieb) , jetzt hat er es in öei geändert , wodurch 
wenigstens Gleichförmigkeit gewonnen ist; denn ob die contrahierte 
Form richtig ist, bleibt zweifelhaft; Herodot hat sonst stets die 
offene Form eei ; doch gibt auch Merzdorf a. a. 0. p. 157 zu, dass da, 
vielleicht eine Ausnahmsstellung hat; er sagt, v dei autem et delv, 
eam habet explicationem quod verbum tarn frequentatum facillime con- 
tractionem patitur, quare equidem formam contraetam non sollicito." 

— Anders verhält es sich mit der Aenderung 80, 18 edei, wofür der 
Vf. in der krit. Ausg. Idee schrieb. Die Analogie spricht für die 
offene Form, die auch ffredov, Dindorf und Merzdorf vorziehen. Dass 
sich jetzt erst der Vf. für die contrahierte Form entschied , gereicht 
der 3. Auflage kaum zum Vortheile, da in den zwei ersten Büchern 
durchwegs die offenen Formen im Texte stehen; vgl. I, 12, 3 — 31, 9 

— II, 161, 7—179, 6. — 

Hiermit hätte ich nun das Verhältnis des Textes der vorliegen- 
den Ausgabe zu dem der kritischen beleuchtet. Nicht immer sind, 
wie ich gezeigt habe, die neuesten Aenderungen Steins zu billigen, 
und sie bezeichnen eher einen Rückschritt , denn einen Fortschritt, 
der allein möglich ist durch den innigsten Anschluss an die besten 
Handschr. , wie Stein ja selbst in der praef. zur krit. Ausg. gelehrt 
hat. — 

Doch auch wo der vorliegende Text mit dem der krit. Ausg. 
übereinstimmt, bleibt noch manches zu wünschen übrig. Ich über- 
gehe , dass Stein noch immer nicht sich von den Interpolationen des 
V in c 44 und c 111 hat trennen können; auch was den Dialect 
betrifft , bleibt noch manches zu verbessern. So schreibt der Vf. 3, 
34 enaivhai, das wie Merzdorf a. a. 0. p. 145 nachgewiesen hat, 
unrichtig ist ; vielmehr muss die Form lauten litaiviai ; über diese 
Hyphaeresis handelte Fritsch Curtius Stud. Bd. 6. Warum sträubt 
sich da Stein gegen die Hyphaeresis, während auch er Formen wie a%io 
3, 40 — i^rjyio 72 in den Text genommen hat. — Ebenso hat der 
Vf. stets die offenen Formen auf iei von izouw ; allerdings schützt 
sie auch Merzdorf, doch hat A. Fritsch in der Anzeige der Schrift 
von Merzdorf Neue Jahrb. 1876 p. 108 mit Recht sich gegen Merz- 
dorfs Inconsequenz ausgesprochen. Wenn nämlich , sagt Merzdorf, 
dem €£ ein Vocal vorhergeht u. zw. i v r t oder o , so wird ee zu u 



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H. Stein, Herodot, ang. v. A. Scheindler. 105 

coDtrabiert; nur soll es uncontrahiert bleiben, wenn 01 vorhergeht. 
,Man fragt sich, indess vergebens ; warum soll den Joniern die Laut- 
gmppe oue erträglicher, sprechbarer gewesen sein als ua oder vae. u 
Fritsch a. a. 0. — 42, 10 dmVfi (fr. duiXorj), wogegen Bredov und 
Merzdorf (p. 217) sich für die offene Form entscheiden. — Ferner 
ist der Vf. inconseqnent in der Augmentation; c 69, 23 schreibt er 
mit der krit. Ausg. rZöov (I, 211 steht in der Krit. evdov, in unse- 
rer aber auch tjvööv.) Nun sind aber alle mit ev anfangenden Verba 
bei Herodot augmentlos (vgl. auch Steins Uebersicht des her. D. 
p. LV c 69). Warum sollte nun gerade evdeiv , das nur zweimal in 
der fraglichen Form sich bei Herod. findet, und bei dem keineswegs 
die Ueber lieferung einstimmig ist, sich einer Regel nicht fügen dür- 
fen, die durch mehr als 30 Stellen gesichert ist. — Ebenso halte ich 
Steins Aenderung 135, 15 — 30 i7iayyilleT0 (fr. inrjyyillevo) 
und 142, 22 aTtayyilkeio (fr. dntjyyiklero) für ungerechtfertigt, 
und ich stimme Lhardy (a. a. 0. p. 30) bei, der an allen Stellen die 
augmentierten Formen in mit a beginnenden Verben hergestellt 
wissen will. — Ferner ist es wol inconsequent I, 127 mit der ein- 
stimmigen Ueberlieferung avro^okeov zu schreiben , dagegen III, 
160, 14 allerdiugs nur gegen R die augmentierte Form t]vvo(i6Xrjoe 
einzuführen. Ebenso schwankend verhält sich Stein den Formen von 
aiiavu) gegenüber. III, 39, 10 hat er nun wol rföeto (fr. at'^ero), 
Doch I, 58 steht dv^rpcu, im Texte. Bei aigavio ist die Entschei- 
dung nicht so überaus schwierig. Es findet sich an 8 Stellen , an 7 
ist die augmentierte Form überliefert, u. zw. 3 mal einstimmig ; die 
angmentlose ist nur an einer Stelle (VI, 132) einstimmig überlie- 
fert. Es ist daher überall die augmentierte Form zu nehmen. Oder 
sollen wir wirklich ein solches Gemisch von Formen dem Herodot 
zutrauen dürfen ? — Ob ferner die Accentuation ofxoiog und dgio- 
ZQtof, wie sie Stein durchaus eingeführt hat, richtig ist, will ich nicht 
entscheiden; richtig sind durchgehends igr^og, froifiiog, roioide 
gebessert. — Doch nun genug. Ich habe bei der Charakterisierung 
der Textesrecension länger verweilt, weil in ihr das eigentliche Ver- 
dienst dieser neuen Auflage liegt. Denn was die deutschen An- 
merkungen betrifft, so ist wol auch in 'dieser Auflage die feilende 
und berichtigende Hand des Vf. 's nicht zu verkennen. Dies zeigt 
sich einerseits darin, dass er, was wir nur loben können, viele un- 
nOthige und manchmal auch unrichtige Bemerkungen getilgt hat ; so 
19, 5 _ 8—23, 6—23, 9—38, 9—14—40, 10—41, 9—41, 10 
—47, 10—49, 3—53, 10—28—31—55, 9—62, 9—19—64, 
23-73, 11—75, 5—16—78, 19—23—81, 7-82, 17—09, 7— 
H)6, 7—107, 9 — 108, 19 etc. Andererseits sind auch neue richtige 
Bemerkungen hinzugekommen; so zu 8, 9 — 10, 10 — 15, 10—15, 11 
— 1 6, 1 , wo die hieroglyphische Inschrift einer jetzt im Vatican befindli- 
chen Bildsäule nach Brugsch, Gesch. Aeg.748 f. genauer und richtiger 
mitgetheilt ist. — 26, 5 ff. über das Wort "Oaoig und die 7 nach 
den Denkmälern den Aegyptern unterwürfigen Oasen sind Brugsch 's 

13» 

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196 Ä Steint Herodot, ang. v. A. ScJuindler. 

Worte angefahrt. — 36, 8 wird die Auslassung des Artikels 
begründet. — 36, 25 Coni. Aor. gerechtfertigt — 37, 5 Bru'gsch 
über Ptah und die Etymologie des Namens. — 41, 2 ist das 
Imperf. statt des Optat. gerechtfertigt. Doch findet sich auch in den 
Anmerkungen manches, womit ich nicht einverstanden sein kann; 
so z. B. die Bemerkungen zu 11, 6—14, 39—13, 16—14, 21 etc. 
Ich hebe ein eclatantes Beispiel heraus. 4, 16 erklärt nach altem 
Herkommen Stein öiey-tieq^ als anomal contrahierte Form für diev.- 
TteqrjOeu Diese Erklärung entbehrt, wie ich meine, vollständig der 
Begründung. Betrachten wir den Satz näher : dnoQtovri Tt]V ehz- 
olv, oxwg zrjv avvÖQOv dux7i£Q(ji iTveX&tov q>Q&£u . . .Unabhängig 
und direct rausste es heissen : nüg trjv avvÖQOv öuy.neQio. Abhängig 
von aiioqeovTi konnte der Coni. delib. gewiss stehen bleiben. So lehrt 
schon die Schulgrammatik. Wie sehr nun gerade in indirecten Frage- 
sätzen Herodot die unabhängige Ausdrucksform liebte, beweisen 
Stellen wie 3, 22, 5—3, 31, 8—3, 32, 10-3, 34, 13—3, 57, 11 
etc. , wo überall nach einem historischen Tempus der Indicativ ge- 
braucht ist, d. h. der Modus der unabhängigen Eede weise. Nun muss 
man überhaupt gegen das sog. fut. atticum argwöhnisch sein, denn wie . 
Buttmann I 2 391, dem auch Curtius, griech. Verbum II, 308 bei- 
stimmt, bemerkt, „war das fut. att. überhaupt und auch beiden Verben 
auf äCco stets nur eine c Nebenform > der gewöhnlichen sigmatischen 
Bildung und ist von vielen Verben entweder vollständig verschmäht 
worden oder erst in hellenistischer Zeit ausserhalb der correcten Prosa 
aufgetaucht." Es ist also gewiss nicht zu billigen, aus unserer Stelle ein 
sonst unerhörtes fut. att. constatieren zu wollen. Denn die Stelle, die 
Stein aus Aesch. Pers. 799 anführt, beweist nichts, und ebenso un- 
glücklich ist der Hinweis auf V, 43, 6 6 de äxovaag zavza ig 
Jehpovg olyßxo xq^ao^evog %($ XQ r J aT1 ]Q^ l l J * €t ^igeei f in r.v 
ozellercu, yioQt]v und VI, 82, 12 (Aa&eiv dr) avzog ovzio zr\v 
dzQexeirjV, im ovy. diqtei zb ^'Aqyog. Stein will an beiden Stellen 
in aiQtei ein Futurum erkennen, das er durch eine Menge von ana- 
logen Bildungen zu rechtfertigen sucht. Die Analogie würde zwar 
zutreffend sein, wenn atQiei als unzweifelhaftes Futurum überliefert 
wäre ; da wäre es ganz gut zu sagen , es sei gebildet wie alvyatö im 
Vergleiche zu alveaw etc. Allein was zwingt uns an beiden Stellen 
aiQeu als Futurum zu nehmen? Warum könnte es nicht Präsens 
sein ? Weist nicht vielmehr an der 1. Stelle das folgende in* iqv 
ozekferai entschieden darauf hin, dass hier wieder die nachlässigere 
Form der unabhängigen Redeweise vorliegt, dass demnach aigiei 
Präsens ist? — 111, 7. 7Ltva(.t(x)fxov l ) der semitische Ursprung ist 
nicht ausgemacht; vgl. A. Müller „Semit. Lehnwörter im älteren 
Griechisch", Beitr. zur Kunde der indog. Spr. von A. Bezzenberger, 
I, p. 273 ff. — 

Brunn. A. Scheindler. 



') Die Schreibung xivapto/uov mit einem v ist gegen die Hdschr. 
ABR bieten xirvc't/uajuov. 



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C Peter, Tacitus' Agricola, ang. v. Ig. Prammer. 197 

Cornelii Taciti Agricola. Erklärende und kritische Schulausgabe von 
Dr. Carl Peter, Consistorialrath und Rector der Landesschule 
Pforte (Pforta) a. D. Jena, Verlag von Hermann Dufft, 1876. VI 
and 126 S. 2 Mark 40 Pf. 

Cornelius Tacitus, a Carolo Nipperdeio recognitus. Pars quarta 
Agricolam, Germaniam, dialogum de oratoribus continens. Accedit 
index Dominum. Berolini apud Weidmannos MDCCCLXXVI (Juni). V 
und 132 S. 1 Mark 20 Pf. 

Die letzten Jahre haben den Freunden des Tacitus mehrere 
Schriften über Agricola gebracht , die Zeugnis ablegen von dem ein- 
gehenden und genauen Studium , das die Verfasser diesem Werkchen 
in jeder Einzelnheit gewidmet haben. So wurde vor kurzem in diesen 
Blättern die interessante Ausgabe des Agricola von Urlichs (1876 
S. 653 —655) besprochen. Zu ihr gesellt sich nun nach kurzem 
Zwischenräume die commentierte Schulausgabe von Carl Peter. Der 
verdiente Verfasser der „ Geschieh teßom's in drei Bänden a , der trotz 
seines hohen Alters noch immer rastlos thätig ist, fühlt sich nämlich 
gedrangt, der studierenden Jugend von den Fruchten seiner langjährigen 
Beschäftigung mit Tacitus etwas mitzutheilen. Dass derselbe ein gründ- 
licher Kenner der Schriften des Tacitus ist, das bewiesen schon früher 
nkht wenige Stellen seiner Geschichte Rom's in den beiden Abtheilungen 
des dritten Bandes. Aus denselben geht zugleich hervor, dass er auch 
für die unleugbaren Mängel seines Lieblingsschriftstellers ein offenes 
Auge hat. Das Vorwort (S. III— VI) ist seinem ganzen Inhalte nach 
eigentlich mehr eine Einleitung zum Agricola, dessen Lichtseiten darin 
auseinander gesetzt werden. Auf die Streitfrage bezüglich der Tendenz 
des Agricola ist in der Einleitung nirgends eingegangen, was jedenfalls 
Absicht von Seite des Herausgebers war. Wir hätten jedoch in einer 
.kritischen Schulausgabe" wenigstens eine Anmerkung darüber, ver- 
bunden mit einer Zusammenstellung der einschlägigen Schriften, er- 
wartet. Doch wollen wir mit dem Herausgeber über diese kleine Unter- 
lassungssünde nicht weiter rechten. l ) Seite VI sagt der Verfasser, dass 
er gerne noch den von Urlichs im Vorworte seiner Ausgabe bereits für 
das Jahr 1875 verheissenen ausführlichen Commentar abgewartet 
hätte. Derselbe ist aber bis nun nicht erschienen. Die Stelle desselben 
scheinen die erläuternden Bemerkungen vertreten zu sollen , welche 
Urlichs im Rheinischen Museum 1876 S. 515 ff. veröffentlicht hat. 
Was den Commentar der Peter 'sehen Ausgabe anbelangt, so ist der- 
selbe mit grosser Sorgfalt gearbeitet, die sich allenthalben in den 
Noten zeigt. Selbstverständlich ist, dass die Arbeiten Anderer gebüh- 
rend benützt wurden, wo sie nach dem Urtheile P.'s eine Berücksich- 



*) S. 5 ist in der Note zu quam non petissem ineusaturus gesagt, 
dass „in der That fast die ganze Schrift explicite oder iraplicite eine An- 
klage des Domitian ist". Es ist dies nur vom Anfange und Schlüsse des 
A^ncola richtig. Ob übrigens der Verfasser mit den citierten Worten 
jeine Ansicht von der Tendenz des Agricola gegenüber der erhobenen 
Streitfrage bezeichnen wollte, wissen wir nicht. 



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198 C. Peter, Tacitus' Agricola, aog. v. Ig. Prammer. 

tigung verdienten. Da der Herausgeber eine erklärende und kritische 
Schulausgabe ' bieten wollte , so kann es nicht Wunder nehmen, dass 
sein Commentar zum Agricola ausführlich, nach unserem Gefühle 
nicht selten zu ausfuhrlich ist. Er sticht sehr ab von der Kürze und 
Knappheit des Dräger'schen und Tücking'schen Commentar 's, und 
erinnert mehr an den umfangreichen Commentar der Kritz'schen und 
Peerlkamp'schen Ausgabe. In Bezug auf die Constitution des Textes 
ist der Herausgeber möglichst conservativ, was wir für eine Schul- 
ausgabe nur billigen können. Doch sah er sich trotzdem bei dem 
vielfach corrupten Zustande der handschriftlichen Ueberlieferung zur 
Aufnahme vieler Aenderungen gezwungen. Wir gehen nun zur Be- 
sprechung von Einzelnheiten des Commentars über. 

Der Schluss des ersten Capitels ist bekanntlich eine schwierige 
und vielfach besprochene Stelle. Es kann daher Niemanden Wunder 
nehmen, wenn wir Peter's Auffassung des nunc vor narraturo, weiters 
die Erklärung von opus fuit und von incusaturus als zweifelhaft be- 
zeichnen. Er belässt passend die Worte tarn saeva et infesta virtutibus 
tempora als Object zu incusaturus, während Nipperdey sie durch Inter- 
punction von incusaturus abtrennt. Allein dann möchte man statt tarn 
lieber adeo erwarten. ') Die lange Schlussnote zu Z. 14 ist gegen die 
Ansicht E. Hoffmann's gerichtet, der im Agricola wesentlich eine 
Apologie , eine Ehrenrettung dieses Mannes findet. — cap. 5 Z. 10 
ist mit Nipperdey und Halm die Aenderung des Puteolanus intercepti 
statt des überlieferten intersepti aufgenommen. Die dazu gegebene 
Anmerkung, die allerdings auch den Plural coloniae und exercitus 
bespricht, ist ein förmlicher Eicurs. In demselben istS. 16 ein falsches 
Citat, denn legionum agmen steht Eist. I, 70 fin. (nicht 71). Auch 
bestand das 30.000 Mann starke Heer desCäcina nicht blos aus einer 
Legion. Der Kern desselben war nach Hist. I, 61 allerdings die 
21. Legion. — cap. 8, Z. 3 ist in der Note zu ne incresceret aus Ver- 
sehen rumor statt ardor geschrieben. Die gegebene Erklärung ist die 
Peerlkamp'sche. — ibid. Z. 9 ist es uns nicht glaublich , dass gestis 
einen Gegensatz zu dem nachfolgenden fortunam bilden soll. Es ist 
übrigens die Erklärung der ganzen Stelle in Folge des angenommenen 
Gegensatzes eine erkünstelte. — cap. 11, Z. 12 ist es wol vergebliche 
Mühe, die Ueberlieferung superstitionumpersuasionezu halten. Nipper- 
dey klammert die Worte als unecht ein. Dieses drastische Mittel wendet 
er überhaupt im Agricola verhältnismässig oft an, da er diese Schrift 
für stark interpoliert hält. — cap. 12, Z. 3 behält P. die Ueberlieferung 
factionibus et studiis trahuntur. Vorzuziehen ist die leichte Aenderung 
von Heinsius : distrahuntur. — Dagegen ist Z. 7 passend das über- 
lieferte conventus beibehalten und die scharfsinnige Aenderung von 
Lipsius (consensus) ignoriert, eben so von Urlichs. Nipperdey hingegen 
hat consensus aufgenommen. — ibid. Z. 12 scheint es uns doch misslich 



') Aehnlich fasst Wei die Worte tarn saeva.. . .tempora als 
selbstständigen Satz und Ausruf. 



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C. Peter, Tacitus' Agricola, ang. v. Ig. Prammcr. 109 

m sein , bei nee oeeidere et exsurgere sed transire als Subject nicht 
«lern zu nehmen, sondern solis fulgorem als Subject fortgelten zu 
lassen. Man kann doch vom Glänze der Sonne nicht sagen , dass er 
aufgeht und untergeht. — ibid. ist in der Note zu Z. 13 rechts der 
Druckfehler umbrae in tenebrae zu corrigieren. — ibid. Z. 16 schiebt P. 
pabuli vor feenndnm ein, weil ihm das Asyndeton patiens frugum, 
feeundum ohne einen solchen Genetiv unerträglich erscheint. Aehnlich 
hat Sitter in seiner Ausgabe pomorum patiens, frugum feeundum ge- 
schrieben. Gegen die Peter'sche Einschiebung von pabuli spricht das 
unmittelbar folgende tarde miteseunt, cito proveniunt, das wol von 
Feldfrüchten, aber nicht von Futterpflanzen (pabulum) gesagt werden 
kann. Da P. dies selbst in der Note zu Z. 17 unumwunden anerkennt, 
to müssen wir uns billig darüber verwundern, dass er nicht einfach 
die Einschiebung Ritter 's aeeeptiert hat, gegen die jener Einwand nicht 
erhoben werden kann, und die zugleich eine schöne doppelte Alliteration 
bietet. Noch besser ist es vielleicht, feeundum mit Scheffer als unecht 
einzuklammern. — cap.l3,Z. 11 wird mit Unrecht die üeberlieferung 
des Tat. A. velox ingenio mobili poenitentiae behalten , eben so von 
Nipperdey. Es ist wol mit Urlichs nach dem Vat. B mobilis zu schreiben, 
und nach ingenio (das nicht in ingenii geändert zu werden braucht) 
xn interpurj gieren. — cap. 14, Z. 13. In der Note zu firmatis praesidiis 
ist der Druckfehler propere facere in properare zu corrigieren. — 
cap. 15, Z. 7 schreibt P. wie Nipperdey: alterius manus centuriones, 
atterius servos vim et contumelias miscere. Ueberliefert ist manum. 
P. erklärt manus mit : Werkzeuge = ministros. Halm belässt manum in 
der Bedeutung: Schaar. manum ist wol zu streichen. — cap. 16, Z. 24 
verdient agitavit eine Bemerkung. Beachtenswert ist übrigens Mad- 
vig's eben so leise als scharfsinnige Aenderung fatigavit. — cap. 17, 7 
ist soccessoris wol mit Nipperdey als störende Glosse zu alterius ein- 
xnklammern. In der folgenden Zeile würden wir es vorziehen , vor 
sustinuitque einfach die Lücke zu bezeichnen , statt (wie Peter) sed 
snstinuit zu schreiben. Die Note zu dieser Stelle enthält zugleich ein 
Versehen , indem einmal Frontin statt Cerialis geschrieben ist. — cap. 
18, Z. 21 ist es wol zweifelhaft, ob unter lectissimos auxiliarium die 
Bataver gemeint sind , und nicht vielmehr eingeborne, ortskundige 
Britannien — ibid. Z. 28 erklärt P. per officiorum ambitum: unter 
Schaustellung von Ehrenbezeigungen — während Dräger es wol 
richtiger mit „Haschen nach Huldigungen" erklärt. — ibid. Z. 32 
ist das Polyptoton famae famam ohne Bemerkung und ohne Citate ge- 
blieben. — cap. 19, Z. 17 ist statt des überlieferten ludere nach dem 
Vorschlage Hutter's, den auch Nipperdey aeeeptiert, recludere ge- 
schrieben. Die Stelle ist vielfach besprochen und geändert. Wir können 
leider nicht glauben, dass sie mit der Aenderung recludere geheilt ist. 
— cap. 20, Z. 12 behält P. die üeberlieferung illacessita transierit, 
and schiebt nur mit Fröhlich ') pariter davor ein. — cap* 22, Z. 8 



a ) Dies ist die Angabe von Urlichs. Halm schreibt mit Nipperdey 
die Einschiebung Weissenborn zu, Ritter beiden. 



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200 C. Peter, Tacitus' Agricola, ang. v. Ig. Prammer. 

ist die Erklärung von nam nach crebrae eruptiones, das P. an seiner 
Stelle belässt, wol fraglich. Der lange Excurs über die angenommene 
praeteritio soll eben dazu dienen , crebrae eruptiones an seiner über- 
lieferten Stelle zu schützen. — ibid. Z. 17 will P., was schwerlich 
richtig ist , in secretum et silentium eine versteckte Beziehung auf 
Domitian finden. Diese müsste denn doch deutlicher ausgedrückt sein. 
Und was wäre mit einer solchen Beziehung für die Stelle gewonnen ? 

— cap. 25, Z. 20 verdiente die Stellung des et ipse zwischen den 
Ablativis absol. eine Erwähnung. — cap. 29, Z. 13 ist die Note zu 
triginta milia gegen Urlichs und Nipperdey gerichtet. Urlichs schiebt 
jetzt centum vor triginta ein, und Nipperdeyschreibtoctoginta.P. findet 
in diesen höheren Zahlansätzen „eine kaum zu rechtfertigende Will- 
kür." Auch wir halten mit P. und Halm eine Aenderung für unnöthig. 

— ibid. Z. 14 hat es der Herausgeber für unnöthig erachtet, zu cruda 
ac viridis senectus das bekannte Citat aus Vergil zu bringen. — cap. 30, 
Z. 13 ist es wol misslich, sinus fainae zu fassen: die Verborgenheit 
vor dem Rufe. Warum nicht : die Verborgenheit unseres Bufes ? So 
erklärt richtig Dräger. — cap. 31, Z. 20 ist statt des überlieferten 
latnri geschrieben : bellaturis. Man soll darunter die Römer verstehen! 
Es wird schwerlich Jemand die Erklärung Peter's acceptieren. Nipper- 
dey schreibt in seiner Ausgabe : et in übertäte , non in poenitentia 
bellaturi. P. billigt diese Aenderung, die uns jedoch in ihrem zweiten 
Theile geschraubt und gezwungen vorkommt. Auf solche Weise wird 
der corrupten Stelle unserer Meinung nach nicht geholfen. — cap. 34, 
Z. 7 und 8 nimmt es uns Wunder, dass Peter, der doch unmittelbar 
darauf eine corrupte Stelle kühn und entschlossen ändert, das wider- 
sinnige Imperfectum pellebantur behält und ruere als Perfect nimmt, 
statt einfach Wex's pelli solent aufzunehmen. — ibid Z. 11 ist mit 
dreifacher Aenderung der verderbten Ueberlieferung geschrieben: 
novissimi nimirumetextremo metu torpidi defixere aciem inhisvestigiis. 
Die Aenderung gibt wenigstens einen lesbaren Text. Neu ist an ihr, 
soviel wir finden konnten, die Einschiebung des nimirum statt des über- 
lieferten res. — cap. 36, Z. 10 ist in der Note zu in arto Z. 5 statt 
apto zu schreiben: apto. — cap. 37, Z. 16 ist das überlieferte nntem 
(Vat. B hat item) nach Hutter's Vorschlag in identidem geändert. 
Allein dies Wort steht hier ziemlich müssig. Besser scheint uns hier 
Nipperdey zu verfahren, der die überlieferten Buchstaben einfach 
streicht. Man vermisst wenigstens an der Stelle nichts. — Den Schluss 
von cap. 38 , der grammatisch nicht ohne schweres Bedenken ist, 
lässt der Herausgeber ungeändert. Nipperdey hat die scharfsinnige 
(doppelte) Aenderung Madvig's und ausserdem litore statt latere mit 
der editio Puteolani aufgenommen , wodurch die Stelle ohne Anstoss 
lesbar wird. — cap. 40, Z. 20 sollte bemerkt sein, dass auch Cicero 
das Particip comitatus mit blossem Ablativ der Person hat, wenn beim 
Ablativ ein Attribut steht, so pro M. Coelio XIV, §. 34 fin. tu alieniß 
viris comitata und Tusc. V, 39 §. 113 puero ut uno esset comitatior. 
Darnach ist das in der Note Gesagte zu berichtigen. — cap. 41, Z. 8 



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C. Peter, Tacitus' Agricola, äug. v. Ig. Prammer. 201 

ist die Erklärung von militares viri, wie sie in der Note gegeben wird, 
schwerlich richtig. — ibid. ist das Citat zu expugnati Ann. I, 67 
eipugnandi hostes spe zu streichen. Denn daselbst ist eine Wortver- 
schiebung anzunehmen, und hostes ist Subject zu succederent. — 
Passend ist cap.42, 19 die Note P.'s zu famam fatumque provocabat, 
die zunächst gegen Drager sich richtet, der hier unnöthig ein Zeugma 
annimmt. Tucking ahmt die Alliteration durch die deutsche Ueber- 
setzong in gelungener Weise nach: Ruhm und Ruin erstreben. — 
etp. 43, Z. 6 ist eine vielbesprochene und vielfach geänderte Stelle. 
Peter schreibt hier, wie es scheint, nach eigener Vermuthung statt des 
überlieferten nobis oder vobis: quamvis. Die Aenderung ist zweifelhaft, 
wie die andern. — ibid. Z. 13 steht im Texte aus Versehen die Aende- 
rung Ernesti's habitu (statt des überlieferten animo). In der Note 
jedoch vertheidigt P. die auch von Nipperdey aufgenommene Aenderung 
Mohr's sermone. — cap. 45, Z. 7 hat Urlichs die Marginalnoto des 
Tat A noe Mauricum Busticumque divisimus in den Text aufgenommen. 
Mit Recht sagt P. in der Note zu der Stelle, dass diese Worte einen 
überaus matten Sinn geben. Er hätte noch hinzufügen können , dass 
Mich durch den Casuswechsel bei nos — nos die Wirkung der Anaphora 
beeinträchtigt wird. — ibid. Z. 20 verdiente contigit mit dem Infinitiv 
wol eine kurze Note. Vgl. in dieser Zeitschrift 1876, S. 656. — In 
den letzten Capiteln (43—45) ist wiederholt hervorgehoben, dass der 
darin enthaltene Nachruf an Agricola mehrfach an den Nachruf er- 
innert, welchen Cicero dem von ihm übermässig gefeierten Redner 
L. Crtasus gewidmet hat. S. 105 ist in der Note zu non vidit aus 
Versehen M. Crassus geschrieben, was der Triumvir wäre. 

S. 112 — 119 ist ein Anhang über einige Eigentümlichkeiten 
des Taciteischen Stils beigegeben. Darin ist S. 118, Z. 14 hae statt hi 
m schreiben. S. 121 und 122 enthalten das Namenregister, und S. 123 
bis 126 das sprachliche Register zu den Anmerkungen. Ein Druck- 
fehlerverzeichnis ist dem von Seite der Verlagshandlung anständig 
aasgettatteten Werkchen nicht beigegeben, wäre jedoch wünschens- 
werte gewesen, da eine hinlängliche Anzahl vou Druckfehlem sich vor- 
findet, darunter auch sinnstörende. Einige sind bereits angeführt 
worden. Wir erwähnen noch folgende: S. 5 i d. N. r. Z. 24 v. u. 
schreibe 'einen'; S. 7 i. d. N. 1. Z. 13 v. o. streiche die Worte „die 
Vollziehung von" ; ibid. i. d. N. r. Z. 12 v. o. schreibe „verbrannten" 
»d schiebe Z. 16 nach Standponct „ein" ein; S. 11 i. d. N. 1. Z. 11 
t. o. streiche „in - ; S. 14 i. d. N. r. Z. 13 v. o. schreibe „einem" und 
Z. 15 v. u. .Militärtribunen" und „hatten" ; S. 17 i. T. Z. 4 schreibe 
peconfolem ; S. 20 i. d. N. 1. Z. 8 v. u. „eroberte« ; S. 41 i. d. N. r. 
Z. 18 v. o. schreibe ndass u ; S. 72 i. d. N. 1. Z. 18 v. o. „keinem«; 
8. 73 i. d. N. L Z. 17 v. o. hostis ; S. 74 i. d. N. 1. Z. 13 v. o. streiche 
aar-; 8. 77 i. d. N. 1. Z. 22 v. o. schreibe suam ; S. 80 i. d. N. L 
1 92 v. o. schreibe vereis oder pugnantibus und Z. 23 schiebe „zu* 
vor »erklären** ein ; S. 82 i. d. N. 1. Z. 12 v. u. schreibe corpora; 



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202 Nipperdey Cornelius Tacitus, ang. v. Ig. Prammer. 

S. 84 i. d. N. 1. Z. 9 v. o. „des ersten"; S. 97 i. d. N. r. Z. 2 v. o. 
„dieses" und S. 99 i. d. N. 1. Z. 1 v. o. quo. 

Das vierte Bändchen der Nipperdey'schen Textausgabe des Ta- 
citus, das die kleineren Schriften enthält , ist bezüglich des Agricola 
bei Besprechung der Peter'schen Ausgabe oft erwähnt worden. Die 
praefatio des Werkchens ist, nachdem'Nipperdey am 2. Januar 1875 
gestorben, von seinem Collegen Dr. Rudolf Scholl verfasst, der auch 
dem verewigten Kritiker zu Ehren eine akademische Gelegenheitsrede 
gehalten und im Drucke herausgegeben hat. Die beiden ersten Schriften, 
Agricola und Germania, waren beim Tode Nipperdey's bereits druck- 
fertig, eben so die ersten 13 Capitel des Dialogus. Den Rest musste 
Scholl erst nach den vom Verstorbenen im Phiiologus und im Rheini- 
schen Museum veröffentlichten Abhandlungen über den Dialogus zu- 
sammenstellen. Die Ausgabe des Agricola von Urlichs ist noch theil- 
weise benützt worden, manches von U. Gebotene hat der Herausgeber 
absichtlich ignoriert. Bei der Textesconstituierung für die Germania 
und den Dialogus stützt sich N. auf die kritischen Arbeiten von Müllen- 
hoff und Michaelis, theilweise auch von Meiser. Der index nominum, 
der zu allen vier Bändchen gehört und von S. 79 — 132 reicht , ist 
von Elimar Elebs verfasst. Mit Recht hebt R. Scholl sowol am An- 
fange als am Ende der praefatio die grossen Verdienste Nipperdey 's 
um die Texteskritik und Erklärung des Tacitus hervor, und empfiehlt 
das vorliegende Bändchen als opus postumum dieses eminent kritischen 
Geistes der Pietät und der dankbaren Erinnerung seiner Leser. In der 
That wird Niemand, der sich mit Tacitus und der einschlägigen Lite- 
ratur beschäftigt, den Namen Nipperdey's jemals vergessen können. 
Im Folgenden beschränken wir uns auf die beiden ersten Schriften, 
um das Referat nicht allzusehr auszudehnen. 

Agric. cap. 5, Z. 15 ist in der kritischen Note nicht angege- 
ben, dass die Aenderung intercepti von Puteolanns herrührt. — 
Dem Schlüsse von cap. 10 ist angereiht, was cap. 12 nach uni- 
versi vincuntur vom Clima und von den Producten Britanniens über- 
liefert ist, und der erste Satz von cap, 13. Dieser Transpositionsvor- 
schlag, dem Nipperdey beipflichtet, rührt von Wex her. Befremdlich 
ist dabei jedoch der letzte Satz, der bereits die Bewohner charakteri- 
siert, und zu dem Anfange von cap. 1 1 ceterum Britanniam qui mor- 
tales initio coluerint nur schlecht passt. — cap. 14, Z. 35 ist passend 
mit Ritter Q. Veranius geschrieben , wo nur Veranius überliefert ist. 
Die andern Statthalter Britanniens werden eben auch mit zwei Namen 
genannt. — cap. 20, Z. 10 hat N. nach dem Vorschlage von Lipsius 
invitamenta aufgenommen. Urlichs schreibt die Aenderung dem Aci- 
dalius zu, eben so Halm. — cap. 33, Z. 6 ist das zwischen virtute 
und auspiciis überlieferte et sehr passend in vestra geändert, indem 
damit die widersinnige Verbindung virtute et auspiciis imperii Romani 
beseitigt wird. — cap. 35 (S. 17, Z. 34) ist die üeberlieferung convexi 
beibehalten, welches Adjectivum wir uns von Personen gesagt nicht 
denken können. Das darauf folgende velut wird von N. eingeklammert. 



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Nipperdey Cornelius Tacitus, ang. v. Ig. Prammer. 203 

Xan vermisst es allerdings nicht. Aach Hist. II, 14 med. steht pars 

dassicorum in colles exsurgeret ohne velut. — cap. 36, Z. 22 

ist die unsinnige Ueberlieferung egra diu nach eigener Vermuthung 
m aegre ac diu geändert. Die Conjectur ist dem Buchstaben nach 
«ne leichte und gelungene , aber zweifelhaft, da auch die beiden in 
4er Handschrift folgenden Worte gänzlich corrupt sind. — cap. 39, 
L 16 wird der Satz nam etiam tum Agricola Britanniam obtinebat 
als unecht eingeklammert Der Satz ist allerdings nicht nothwendig, 
allein dies ist noch kein Grund, ihn zu verdächtigen. 

Genn. 3 mit. sunt illis haec quoque carmina. N. lässt, was uns 
Wander nimmt , das unverständliche haec unbeanstandet. — cap. 10 
(8. 29. Z. 11) lässt N. sed ganz weg. Wir möchten es mit Thomas 
vor apnd sacerdotes gestellt sehen. — cap. 13. med. klammert N. den 
überlieferten Satz ceteris (wir ziehen ceteri vor) robustioribus ac iam 
pridem probatis aggregantur als unecht ein. Man vermisst jedoch den 
Satz im Zusammenhange. — cap. 14 med. ist das überlieferte tuentur 
nach einer geringeren Handschrift in tueare geändert, was zu all- 
gemein ist. — cap. 22 fin. ist vor retractatur nach Meiser 's Vorschlag 
res eingeschoben. Wir halten diese Einschiebung für eine gelungene. 
Die darauf folgenden Sätze deliberant. . . .possunt, die eine Erklä- 
rung des Vorausgehenden enthalten, werden wol mit Unrecht einge- 
klammert. — cap. 26 init. werden in gewagter Weise die Sätze fenus 

agitare vetitum esset nach dem Vorschlage Anton 's als unecht 

eingeklammert. In der nächsten Zeile ist das überlieferte in vices nach 
Ritter in in vicos geändert , welches die Bedeutung von vicatim haben 
soll. Nicht minder zweifelhaft ist cap. 27 fin. die Einschiebung von e 
Galliis in Germaniam nach nationes. — cap. 38 med. ist eine cor- 
rvpte Stelle , die iu Folge der zahlreichen Aenderungs- und Ausle- 
gungsversnche bereits eine ganze Literatur aufzuweisen hat. N. 
ändert blos das überlieferte vertice in cortice und religatur in religant. 
Wir gestehen offen, dass wir auch mit diesen Aenderungen die Stelle 
nicht recht verstehen. — cap. 45 init ist überliefert: illuc usque et 
fama vera tantum natura. Unnöthig ändert N. vera in ultra und inter- 
pnagiert nach fama. Warum wurde nicht auch et vor fama gestri- 
chen ? — ibid. Z. 20 ist statt omniumque tutela geschrieben : omnique 
tutela, welche Aenderung wir passend finden. Es ist jedoch weder in 
der kritischen Note von N. noch von Scholl in der Bubrik addenda 
et corrigenda S. VI angegeben, von wem sie herrührt. Nach Halm's 
Angabe, der sie ebenfalls in den Text aufnimmt, ist sie Leseart gerin- 
gerer Handschriften und zugleich Conjectur von Lipsius. Noch besser 
dftrfte es sein, mit Baumstark und Urlichs hominnmque tutela 
a schreiben. — ibid. Z. 34 ist überliefert quae vicini solis radiis. . . . 
labuntur, wobei qnae grammatisch und vicini sachlich zu beanständen 
ist Nipperdey schreibt quibus sucina solis radiis . . . labuntur, wovon 
sarina bereits anderwärts aufgestellt ist. Dadurch wird die Stelle wenig- 



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204 C. Jirecek, Die Heerstrasse von Belgrad n. C, ang. v. W. Tomaschek 

stens lesbar und zugleich, der sachliche Irrthum von vicini solis *) be- 
seitigt. 

Die Ausstattung des Werkchens ist anständig, der Druck sorg- 
fältig. 

Wien. Ig. Prammer. 



Die Heerstrasse von Belgrad nach Constantinopel und die 
Balkanpässe. Eine historisch-geographische Studie von Dr. Con- 
stantin Jireöek. Prag 1877. Tempsky. 

In dieser fleissigen Arbeit hat der kundige Verfasser der „Ge- 
schichte der Bulgaren" von neuem dargethan, dass er zu den besten 
Führern in der Geschichte und Topographie der Balkanländer ge- 
hört, indem er die einschlägigen Quellenwerke aller Zeiten einem 
umfassenden und eindringlichen Studium unterworfen und zugleich 
die neueste archaeologische und geographische Literatur ausreichend 
verwerthet hat. Es ist in der That keine leichte Arbeit sich in dem 
allwärts zerstreuten und oft sehr entlegenen Materiale zurecht zu 
linden und den wüsten ungeniessbaren Stoff in den Rahmen eines 
hübsch geschriebenen und auch dem Laien verständlichen Büchleins 
hineinzubringen. Wir bieten nun in Folgendem einige sachliche Er- 
gänzungen, und zwar in gedrängtester Kürze, um nicht gegen die In- 
tentionen der Zeitschrift zu Verstössen. 

Bei Viminacium (S. 16) konnte bemerkt werden, dass durch 
die Münzen eine 16jährige Blütheepoche dieser Colonie bezeugt ist, 
die mit Gordianus III. beginnt und mit Gallienus aufbort. Wie es 
scheint , war Viminac. der Vorort und Sammelplatz der moesisch- 
pannonischen Provincialen , die dem Ingennuus huldigten und später 
die Bachsucht des Gallienus erfuhren, „qui Ingenuo occiso in omnes 
Moesiacos asperrime saevit, ut plerasque civitates vacuas a virili sexu 
relinqueret". — Bei Gelegenheit der Gleichstellung von ^Aqaeva mit 
Raian (S. 19) bemerke ich, dass ebenso auch Rasa oder Ras" zurück- 
geführt werden darf auf ™Aqool bei Procop. de aedif. p. 281, 48; die 
wol erhaltenen Thermen von Nowi-Pazar bezeugen, dass daselbst zur 
Römerzeit ein Ort von Bedeutung existirt haben niuss. — Was Nafseus 
oder Nlä betrifft (S. 21), so halte ich den Namen für keltisch, da 
zwischen Nalssus und Serdica keltische Stämme nachweisbar sind; 
in der gallischen Heimat erscheint der Flussname Nava , die erwei- 
terte Form Navissus ist bezeugt bei Consentius (Ars p. 2027 P.) vgl. 
Zonaras & Theognostus (Cram. An. Ox. II p. 72, 24): Naiaog' na- 
ta^iog. Deshalb muss wol bei Priscus in der corrupten Stelle ttohg 



') Freilich wird noch von einem neueren Herausgeber erklärt: 
vicini , wenn sie (im Sommer) nahe steht. Baumstark hat in seiner Ausgabe 
Regen die Handschriften vicini weggelassen, ohne in der Note etwas 
darüber zu sagen. Dagegen spricht er daselbst von „selbst in das När- 
rische gehenden Versuchen der Kritiker." 



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C. Jirecek, Die Heerstrasse von Belgrad n. C, ang. y. W. Tomaschek. 205 

& atTTj ttüv 'iJlAvQtlüv ini * davovßa xeifuvr] noxa^ gelesen 
werden ini Naovioq* oder iq? OftiovifAy. Unter den von Procopius 
im nalssitanischen Gebiet angeführten Castellen befindet sich auch 
(p. 284 f 5) Jovapaveg, ein thrakischer Name, der aus neupers. dus- 
man „Feind* baktr. dus-mana övofievrfi seine Erklärung findet. — 
Die von Jirecek (S. 23) übergangene mut. ülmo suche ich bei den 
Rainen der von Stefan Nemauja eroberten Bulgarenveste KozT öst- 
lich von Topolnica. — In den Namensformen von Remesiana ist eine 
fortschreitende Anlehnnng an die ewige Roma ersichtlich , obwol die 
keltischen Remi dem Orte den Ursprung gaben. — Die in der %ioQq 
'Ptfuoiaveotq gelegene Ortschaft 2xov{ißQO (Procop. p. 284, 47) 
erinnert an das Skombrosgebirge so wie an 2x6[tßQ0i m Qq^kiov 
ifhog, Hesych.; Namen aber, wie TovtooßovQyo u. jQaoif.iaQY.ct 
hiben gotischen Klang. — Die Vermuthuug (S. 90) , das Idrisf s 
Atrowa (d. i. Betrowa) mit Pirot zusammenfalle, hat viel für sich. 
Ich lese in einem Italien. Itinerar vom J. 1534: ^passamo Pirot, che 
era gia castello murato nella forma antica dei marmi grossissimi, 
cosi chiamato perche il signore di esso era nominato Pietro u ; auch 
heisst es (Glasnik V p. 52) : „do Moraine klisure , po Petrowa polja, 
iipof Sofie — So wie Mediana als eine villa suburbana von Natssus 
erscheint, so möchte ich auch für Serdica eine ahnliche villa Caesa- 
riana statuieren in dem echtthrakischen Gerasto oder Generasto im 
Cod. Theodos. I, XVI, 5 a. 326 vgl. 4, IV, 11. — Die mansio Bu- 
garaca (S. 29) finde ich auch in der entstellten Schreibweise Bovya- 
Qafia BovyaQfta bei Procop. p. 282, 32. — Die folg. mut. Sparata 
(Gfiav. Sparte), oberhalb des heutigen Wakarewo oder Wakarel , er- 
innert au den historisch berühmten Spartacus, der nach Plut. Crass. 
8 ein aviQ @Qq£ rov vofiaöi'Aov ytvovg war; auch eine nohg 
ö^rzr ^ soll nach Erastosthenes bei Steph. Byz. ^naQxaYog geheis- 
sen haben. Deutung aus iranischem Sprachgut ist auch hier nicht 
tfhwer, sei es von baktr. ^pära „Schild - oder von q>ar „sich sper- 
ren* fpard y, aufbrausen". — Ptolemaeus verlegt in den westlichen 
Balkan, also in die Defil£'s von Ichtiman, Zlatica, Etropol und Tete- 
wen t die den Bessen benachbarte OTQavijyia OvodixiftrAr} , und 
dieser Name hat jüngst eine schöne Bestätigung gefunden in den 
1875 auf dem Esquilin gefundenen Inschriften, worin u. a. CIVES 
VSDICENSIS (regionis) genannt erscheinen, aus dem echt hessisch 
klingenden VICVS ACATA-PARA; vielleicht gehören auch manche 
andere der darin erwähnten Oertlichkeiten, wie CVNTIE-GERO (vgl. 
Tngn-gero It. Hieros.) , VEVOCASA (vgl. ponte Ucasi, ibid.), 
STELVGERMANE, TIVTIAMA (für Cucama), ZBVRVLO, ARDILA 
*tc., in dieselbe Strategie. Der Name VICO LISENON gemahnt an 
<üe hessische mansio Lissas oder die spätere Bonamansio. 

Das Qnellenmateriale über Philippopolis (S. 41 — 44) hätte für 
das Alterthum etwas vollständiger dargelegt werden können; so 
hatt«i z. B. die KevÖQeiosa Ilv&ia und die (pvltj KevÖQiotiöv so- 
wie die"f/^a yiQTax^rrj eine Erörterung verdient. Bei Jord. de succ. 



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tOß C. Jirecek, Die Heerstrasse von Belgrad n. C, ang. v. W. Tomaschek. 

begegnet die Namensform Pulpudena (Var. -deva) ; lässt sich daraus 
etwa gar ein Uebergang zu dem bulg. Plowdin Plowdiw entnehmen? 

— Ob dem alten Flussnamen Syrmas Sermius gerade der Fluss von 
Stanimak (S. 44) entspricht, kann bezweifelt werden ; ich denke eher 
an die Gjopsa oder den Fluss von Koipig, der im Unterlauf auch 
Strema heisst. Ein anderer Nebenfluss des Hebrös war der^Qtaßog, 
an dessen Ufern die KeßQrjvwi QQqxeg sassen (StraboXIII p. 590c); 
merkwürdig anklingend ist der heutige Bergname Ariswanica im 
Orbelossystem. — Hinter Philippopel, etwa in die Nähe von Ciilis, 
ist die romantisch gelegene Ortschaft , die den lat. Namen SALTVS 
führte und die in den Acta SS. die XV. Sept. erwähnt wird, anzusetzen. 

— In den thrakischen Namen auf -sura, wie Carasura (S. 45) oder 
DIIESVßE (inscr. Esquilin.), bin ich versucht baktr. cura „stark" 
zu erblicken. — Die Form Opizo (S. 46) hat weniger Gewähr als 
Pizo, zumal der cod. Escorial. des Itin. Ant., der auch sonst ganz 
allein die richtige Lesart bewahrt hat, die letztere Form bietet und 
Procop. de aedif. p. 305, 41 iUvtyg schreibt, worin vielleicht thrak. 
pinza „rothbraun, falb* 4 steckt; die Subscript. im Cod. Theodos. 4, 
VI, 10 & 8, VI, 22 hat schon Wesseling als für die Frage wenig 
entscheidend dargethan. Im Itin. Hieros. ist mans. Pizo m. XI hinter 
Carasura zu ergänzen ; die hierauf ausgefallene mut. supplire ich 
mit dem zwischen ILivtpg und ^'AqCpv bei Procop. de aedif. p. 305, 
32 angeführten Tovteovg, wobei an Tvfog und die keltischen Tyleni 
zu erinnern , mit der Distanz m. VII ; endlich folgte die mans. Arzo 
m. VI, auf die das Auge des Copisten fiel, als derselbe die mans. Pizo 
einzutragen hatte. — Nach den Acta S. Alexandri lag von Carasura 
m. p. XVIII entfernt die alte makedonische Colonie Beroa, bis wohin 
nach dem Itin. Ant. p. 231 von Castrazarba aus m. p. XXX gezählt 
wurden; Ansbert zählt von Philippopolis nach Veroi (Begor-j) zehn 
deutsche Meilen. Letztere Angabe passt vortrefflich für das heutige 
Eski-Zagra, woselbst Skordelis mehrere griech. Inschriften und alte 
Ueberreste vorgefunden bat, während die Distanzen der Itinerarien 
eher nach dem südwestlicher gelegenen Gübät am Ak-dere oder nach 
Iskenderly am Sögüdlü-dere zu führen scheinen. Beroe führt in dem 
Handelsdiplom Asen's II. den Namen Borui, vgl. Luccari p. 64: Fi- 
lopopoli Borui-grad & Iambol. — Für das bulg. Klokot'nica (S. 98), 
j. Semidze, finde ich ein älteres Zeugnis bei Eustath. ad Dion. Per. 
298 : rj 'Podonri , onov xal fj vvv ovo^ial^Ofiivrj KloxoTivizta. — 
Jirecek's Vennuthung (S. 97) dass Bandoucy des Ansberts das heu- 
tige Vodina bei Stanimak sei, theile ich nicht. Ich ziehe die Leseart 
Brandovey Brandevoi (Canisii Lectiones III, 2, p. 511) vor, d. h. 
Branjewo, und erblicke darin den bulgaro-slowen. Namen von lim- 
fidxog selbst. Auch Mtziadvog des Kantakuzenos (II, p. 406) ist 
nicht Vodina, sondern irgend eine andere , schwer zugängliche Posi- 
tion der Ehodope, dem bulgar. bednobed'nü („schwierig, dvoxoJLog") 
entsprechend. Koovixog dagegen kann Eosnica an der oberen Arda 
sein. — Ansbert's urbs Pernis scheint versetzt für Persin , bulg. 



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C Jirccek, Die Heerstrasse von Belgrad n. C, ang. v. W. Tomaschek. 207 

Pnisin\ IlQovaijvog bei Nicet. Chon., unbekannter Lage. — Das von 
J. (S. 97) angeführte neroitfyg kenne ich nicht; es scheint da eine 
Verwechslung mit üeQix^og (Anna Comnena I p. 442 Schop. & 
p. 449 Poss.), das zwischen- Nis und Sofia, etwa bei Praöa an der 
Nisawa Lukawicka, anzusetzen ist, zu obwalten. — Die Gleichstel- 
lung von Ansbert's Scibention mit Backowo hat manches für sich ; 
der Name mag bulg. Skriwenica gelautet haben , wie noch heute ein 
Ort nö. von Trn heisst. — M'niak ist wol das heutige 7takcuoxao- 
xqoy oder hisarlyk bei Ilidza am rechten Ardaufer , wo viele Ruinen 
aus der röm. Zeit zu finden. — Der Episkopalsitz ^ievxtj (S. 73) ist 
anzweifelhaft das nw. von Adrianopel am Westabhang des Mandra- 
balr gelegene Lewki. 

Bei der Darlegung der Alterthümer von Hadrianopolis ver- 
dient« eine Erwägung die Notiz bei Steph. Byz. v. rovelg (Eust. ad 
B 573 p. 291, 43 rovvüg) nokig QQqxifi * ol xazoixovvTeg dfioiiog • 
oi di lA8qi(xvon6kixag zovvovg sxaleoav. Ob eine Vorstadt, ein 
Anort der makedonischen Colonie 'OQtOTidg so hiess, weil neben den 
Oqbotcu anch Thessaler aus Fovvoi hierher waren verpflanzt wor- 
den? Zu dem hessischen Namen Uscudama vergleicht der Verf. 
(S. 48 n. 125) das iazygische Ovoxcuvov; zu beiden vergleiche ich 
bartr. u$ka „ragend, hoch." — Bemerkenswerth ist der Irrthum der 
byz. Chronisten (Leontius p. 387, Synieon p. 686 etc.), welche die 
Arda mit dem AQCpg verwechseln ; denn dass der ^Liqxaßog oder 
"Aqicmog auf die Tundza bezogen werden muss, erhellt aus Herodot's 
IV, 92 jiQuoxag und aus ARTACIA (Tab.Peut. GZ. 1867, S. 705), 
dem Gebiet an der oberen Tundza zwischen Kezanlyk und Sliwen, wo 
die yigtaTuoi oder ld(naxoi sassen. Die Arda dagegen heisst bei 
Appian. B. C. IV, 103 yiQTirfJOog und findet sich erst bei Kantaku- 
lenos a.1329 (Ip. 398 falsch *!AÖQa) der spätere bulg. Name^^da 
nach einem noch jetzt an der Quelle gelegenen Bulgarendorfe ; vgl. 
P. Lucas (I p. 197 a. 1705) : „nous passämes la montagne de Tou- 
ranne; au pied est le village de Tos-bouroun, et trois heures apres 
Ion urouve celui de Hardes, d'oü prend son nom laHardeme riviere. - 
— Zu S. 99 tragen wir die Bemerkung nach , dass sich das Gebiet 
von Adrianopel in byz. Zeit nach SO. bis zum Fl. von Taurokomos 
d. L dem Unterlauf des Ergine vom Einfluss des Kutelydere an er- 
streckt« ; vgl. Pactum Adrianopol. a. 1206: „nos Marinus Zeno Ve- 
netorum Potestas concedimus (Theodoro Vranae) pertinentiam Adria- 
Dopoli cum omnibus suis pertinentiis usque ad ipsum fluviuin de Tau- 
rocomo tt ; vgl. TavQOxw/^ovy Castell neben A t /xij, bei Procop. de 
aedtf. p. 306, Aujia Comn. p. 279 Poss. & I p. 358 Schop., Nicet. 
p. 516 und bei Sathas Ip. 80: xxrpudiov rj sikkayi] xcctcc xr\v 
B^fKTjy Tuiithvov naqaQQU de avrij Ttoza^ibg TavQOxio^tog 
owofiCL — Weiter gegen XaQtovrtofag (Khalreboli) lagen mehrere 
Tuufionokug. das feste Castell napyvkoc,, dann Koih] (*; ini- 
<nuüMg Kovkrfi Parti tio Bomaniae a. 1204, i] xov Koikrj notix- 
no* Anna Comn., civitas Culos dicta b. Ansbertus), ferner Sxovei- 



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208 C. Jirecek, Die Heerstrasso von Belgrad n. C, ang. v. W. Tomaschek. 

vog (j- Iskadin) und Ko7TQivog, und au der Mündung des Poudza- 
dere das Castell JflovrKa {tcoUxviov tl novrtrjg AnnaComn. p. 278, 
279 Poss., Nicet. p. 73, 74, pertinentia Putzis et Nicodemi in der 
Partitio Romaniae). Das Territorium südlich von Uzun-köprü am Er- 
gine bis Malghara (Meyakrj KctQva) und Kesan (Kiooov) ist übri- 
gens bis heute noch nicht genügend durchforscht. — tt Die Endung 
-dizus (Var. — dl^iov), sagt Jir. (S. 49), kommt in Thrakien 
sehr oft vor, ihre Bodeutuug ist aber bis jetzt nicht aufgehellt"; auch 
Roesler (GZ. 1873 S. 112) weiss keine Erklärung. Und doch ist ge- 
rade dieses Appellativum aus iranischem Sprachgut vortrefflich zu 
deuten — ein neuer, unzweifelhafter Beleg für die auch von mir mit 
Thatsachen verfochtene Ansicht , dass das Thrakische ein specifisch 
iranischer Dialect gewesen sein musste! Ich verweise auf neupers. dlz 
„Veste, Burg, Schloss a (altpers. didä, aus dizä, baktr. daeza „Auf- 
wurf, Umwall ung, Deich", skr. dehl rsl/os, toixog, Wz. dih baktr. 
diz „aufwerfen"), das in der topographischen Nomenclatur Iran's so 
häufig vorkommt , und mache auf das charakterische z aufmerksam, 
das in den iran. Dialecten regelrecht für skr. h gr. % auftritt. — In 
dem heutigen Bunar-hisar findet J. (S. 50) mit Recht das byz. Bqv- 
oig, — eigentlich Bgioig tj ^ieyaXr h zum Unterschied von dem wei- 
ter nach SW. an der grossen Strasse gelegenen BQvaig r t fmxQCt. 
Ich füge hinzu, dass das heutige Jena zwischen Bunur-hisar und 
dem Monastirdere, in der Partitio Romaniae a. 1204 als eine zu dem 
d'ifia BQvaetog gehörige imaxexpig erscheint, unter dem biblischen 
Namen Ihvva „Höllenthal" (hehr, gehinnöm „Thal des Wimmern s tf , 
wo dem Moloch Kinder geopfert wurden). Das in der Richtung auf 
Wlza (Bttvt]) gelegene Sarai* muss das byz. QsodioQov/ioXig sein; 
der nahe gelegene Ort Karabiöik ist vielleicht das Bisthum KocQaßi- 
üy. Gegen Adrianopel hin lag TQaTto-ßiti)] , vgl. Tarpo-dizo der 
Itinerarien. — Das heutige Kirk-kilisse „Vierzig-Kirchen" halte ich 
für IlQoßaTOv y.aoiQOv (Not. episc. 3, 588, 10, 672, vgl. Ma- 
vovt]l 6 TTgoßatov a. 880 Harduin. VI, 1 p. 216), das von Theo- 
phanes p. 772 mit Nixaia zusammen erwähnt wird, mit 2y.6n&og 
in der Vita Euaresti a. 844 (nokiyviov ti Qq^iytov ITgoßarov ke- 
yofusvov. . .h Ttmt) Xeyoftevq) Sytonefot) etc.), und nicht verwech- 
selt werden darf, wie dies u. a. von Golubinski geschehen, mit / 
IlQoßaTOvg od. Prawady, dem alten Marcianopolis. Der Fluss Teke- 
dere scheint xo rot aylov r&OQyiov Qvdyuov bei Theophan. p. 723 
zu sein. — ^eqyivrtiov des Kantakuzenos findet Jir. (S. 102) in 
dem heutigen Istrandza wieder. Ich füge hinzu, dass das älteste 
Zeugnis für diese abgelegene Position in der so merkwürdigen Mär- 
tyrerlegende des Philippos, Bischofs von Heraklea, vorliegt, worin 
es heisst (Acta SS. die XXII. Octobr., tom. IX, p. 548 nota ccc): 
sed paulo post ad oppidum (montem?) SERAGENTIVM latitandi 
causa se contulerant. In ein noch viel höheres Alterthum könnten 
wir die Geschichte des Ortes versetzen , wenn wir mit dem Schol. zu 
Demosth. XVIII, §. 27 in SeQyivttiv das alte thrakische 'Egylaxt} 



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C/ira-rt Die Heerstrasae tod Belgrad n. C, auf . ▼. W. Tomaschek. 269 



dirften. Allerdings mochte das an Schiffbauholz ergiebige 
Berggebiet schon in der makedon. Zeit Wichtigkeit besitzen; auch 
aagegMt für das sikelische *E(r/d%iOv die parallele Form Sejyyevtiov ; 
•dfich ist za beachten , dass auf der höchsten Koppe des Istrandia- 
iagh der altberühmte Strom Idyinavrfi oder ^Eqylvog entspringt, wo- 
wa *EyQunu} lautlich zusammenhängt. Gleichwol scheint die Notiz 
4ai Scholiasten auf keiner alten Autorität zu beruhen , und scheint 
Ecpske vielmehr weiter an der Propontisküste gesucht werden zu 
■aasen. — Das nach Zerstörung von Druzi-para entstandene ifcfe- 
wtpnq oder Mtovrr] (S. 100) existiert noch heute unter dem Namen 
Xasaini östlich von Karidtiran ; Dukas p. 313 nennt den Ort zum letz- 
tauMiale. Die folgende mut. Tipso des Itin. Hieros. (S. 51) erhalt 
4»e schöne Bestätigung durch ein auf Herodianos zurückgehendes 
Zeagnis in Theognosti Ganones (Cram. An. Ox. II, p. 77, 1) : Tl\pog % 
r noJug. Eine ähnliche Bildung ist xa Nixfxx (vgl. T(>a-vitpai Xen. 
luab. VII 2, 32) und der Volksname Aadexpoi Theopomp. b. Steph. 
Bjn. — Bei Tzurullus (S. 51), j. Corlu, einem uralten Thrakersitz, 
ist die Nebenform mit dem o-Charakter ans dem Itin. Hieros. zu er- 
äcabessen, wo des cod. Veron. Tunurollo, d. i. Tzorollo bietet; vgl. 
Saidas s. TtpqolXoq' noXtg G(Hpuxrj, fj naqa noXXoig T%ov- 
(m&iog teyopevt], & Acta S. Alexandri : „mater ad eum locum venit, 
qai ZOBOLVS dicebatur." üeberseben wird meist auch das Zeugnis 
i« Procop. B. Got. III, 38: xwv \71nvmv xataXoywv 6i iv TCpv 
QOihi tq> iv @Q(jntr] (pqovqitj) he naXaiov XÖQVvxai noXXol xe 
xai ofMTroi ovreg. Byz. Formen sind 1%ovQovX6r] J%ovQOvhx) 
Tuotyovlrj. Zu Grunde liegt, wie es scheint, ein Flussname, obwol 
in spater Zeit der Name SrjQoyvxpog für den Corlu-sü auftritt; vgl. 
Marcellinus (Boncalli II, p. 305) : „bellum contra Bulgares Thra- 
oam devastantes iuxta Zurlam fluvium consertum" & Iordan. de 
sacc. (p. 240 b Murat.) : „cum Aristo ad Zorlam" a. 499. Dazu stimmt 
fa- Flusename Zyras bei Krunos , Plin. IV, §. 44, vgl. §. 45 Zuras. 
— Bei Beodizo (S. 51) wage ich die Deutung -Wasserburg*, indem 
beo- recht wol aus thrak phryg. ßidv xb vöwq entstanden sein 
kaaa t gerade so wie im gilanischen Dialect ein ursprüngliches vada 
snr. uda) sich zu bayah byah bai „Strom" umgewandelt hat. — Kä- 
lörryi schreibt und deutet Jir. (S. 101) als „schöne Quelle* 4 , nach 
Zmara's 18, 19 Vorgange; auch ist in der That eine dorische Form 
toAa ÖQva auf diesem Gebiete recht wol möglich , wie auch in Ja- 
uozQarua eine solche begegnet. Da jedoch das Chron. Pasch. 
p. 337 a. 532 KaXaßgia schreibt, was wie das benachbarte 2t]Xv^ 
fyia das thrak. Appellativum — ßqia „Stadt, Veste" enthält, und 
da in Dardanien ein paionischer Stamm laXaßqiot begegnet (Strab. 
VII, p. 316), so darf der Name für thrakisch gelten. Die Schreib- 
vüe laXaßgvr] bei Michael Attaliota p. 289 führt uns auf den 
heutigen Ort Geliwre, nw. von Siliwri, woselbst der UXftvQog nora- 
uog unter dem Namen Küitemür vorüberfliesst. — Jaoviov (S. 101) 
wird nicht erst unter K. Maurikios erwfchnt, sondern kommt achon 

Z«ttckiift f. d. ö«Wrr. Oymn. 1878. Ol. B>ft. 1^ 



chon ^^^^"~ 

GÄgle 



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210 C Jireöek, Die Heerstrasse von Belgrad n. C, ang. v. W. Tomaschek. 

bei dem sogen. Skylai §. 67 vor, wo Ja^iivbv %ei%og nach Steph. 
Byz. in Javviov zü%og zu corrigieren ist; bei den Byz. finden 
sich auch die Formen daumov und Javeiov. Ich suche den Ort 
bei Eski-Erekli-öiftlik an der Halmyrosmündung. — Die mittelalter- 
liche Form Salembrie (S. 101) schliesst sich an Salambria des Itin. 
Hieros. an, auch im Cod. Theodos. 103, XII, 1 a. 383 ist Salam- 
briae zu lesen für Salamariae, da 11, XVI, 5 in Constantinopel da- 
tiert ist. Die italien. Seekarten bieten überdies Solumbria, Silunbria. 
— Für das spätere Dasein der mans. Melantiada Melavridg (S. 53) 
ist von Belang die Bemerkung des Suidas: Mehxrtuxg' rj m 
Ttaqa noXkotg leyoftivr] Mehtiag; daher ist Melintiana der Tab. 
Peut. nicht ganz zu verwerfen. Eantakuzenos (a. 1355) fand die 
Gegend am Mehzg noxa^og und am si&vQag voll Buinen (ßqeima 
TioXkct xffi 7tQtorjV avvoi7uag)\ er erwähnt Mhqag, eine xrifif} 
%evu%ioiievrii das jetzt so oft genannte Cataldza, worin wir eine 
Spur der alten Villa Caesariana Melantias erblicken dürften, wenn 
nicht schon a. 787. 880 ein imoxonog MerQwv bezeugt wäre. Für 
den A4hyrasflus3 ist die Erwähnung des alexandrin. Dichters Eu- 
phorion (Steph. Byz. p. 35 Mein.) von classischem Werthe: vdava 
öivrjevtog a/usvoa/uevog si&vQao. Die abendländ. Namensform Na- 
tura (S. 102; auch bei Albertus Aquensis VIII, p. 316 & Innocentii 
Papae. epp.) entsprang aus dem vulgaren Ausdruck ßv l4&v<>q, v 
jidvgq; bei Idrisi ist Batura gleichfalls aus Natura verschrieben. 
Dewno hält Jir. (S. 146) mit Blaramberg für Marcianopolis ; 
ich selbst habe die Buinen von Prawady dafür gehalten und mochte 
Dewno, was von slav. dewa naqd^ivog abzuleiten (vgl. „il fiume De- 
vina" Luccari p. 94), für das alte Tlaq^evonoXig, das Lucullus 73 
v. Chr. einnahm, erklären. Für den altthrakischen Namen von Mar- 
cianopolis halte ich das beiEutropius genannte Burziavo (BovQ^iaciy), 
was mit pers. burz n Anhöhe" zusammenhängt. Plinius IV, §. 44 
kennt ausser Parthenopolis in dieser Gegend noch Gerania (byz. /V 
Qavia) Eumenia Libystos (vgl. c PovßovOTa Procop. d. aedif. p. 308, 
4) u. a. — Was den dritten und vierten Pass betrifft, so dürften die 
Routen, die sich bei Idrisi finden, nicht übersehen werden, da sie die 
Angaben der Byzantiner über den östl. Haemus ergänzen. Wie auch Jir. 
(S. 151) bemerkt, entspricht Stlifanos bei Idrisi dem byz. ^TiXßvog 
oder dem heutigen Sliwen. Eine Tagreise davon setzt der Araber den Ort 
Afll (Jaubert Aqll), wo Eisen verarbeitet wurde, offenbar das q>Qovqiov 
rj AvXtj Hetzet Tag vd-TtcoQeiag ASfiOv xsLfievov Cedren. II, p. 596 
a. 1049 und die avXrj (türk. aghul, aül) des Bulgarenchan's Krum ; 
wir suchen den Ort der nvXcu ci 2idrjQat 9 etwa bei dem heutigen Bur- 
gudiuk. Dann folgte Bastras (var.Basqa), vielleicht Baazi^vag bei Ni- 
kelas p.518 (Sathas I, p. 80) und bei Procop. de p. 307, eineReminis- 
cenz, wie es scheint , an die von Probus in den Haemus verpflanzten 
germano-keltischen Baa%&ipcu (Zeuss 442) ; etwa das heutige Sun- 
gurlar. Hierauf nennt Idrisi Gholol, d. i. roXorj. das auch nach byz. 
Berichten nördlich von Jia/n7toXig f fte$l ttjp cntQoXoqdar Ttjg 2*- 



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Ä Suhle, Vollständiges Schulwörterbuch, ang. v. J. .E^er. 211 

4#C5 xÄetoovQCig lag, Anna Comn. p. 281 Poss.; Alexios hielt Bast 
inGoloe, als er von Silistria nach Beroe flüchtete (1 p. 350 Schop.), 
Zwischen Goloe und Diampolis (j. Yamboli) lag das feste AaQÖea 
tl p. 333) oder ^iaQdaia (Pachymeres 11 p. 559) und das ans den 
Kriegen mit Kram so berühmt gewordene Castell MctQxslkai (Anna 
Comn. 1 p. 355), das heutige Maras. Eine halbe Tagreise von Gholol 
Jetlkh nennt Idrisi als Centralpunct des Handels und Verkehrs , als 
wichtigen Strassenknoten Aetro-qastro, byz. Lietog, j. Aldo ; -J- Tag- 
aarsch so. Mighali-Thermeh, Aquae calidae der Römer, j. Ilidza, eine 
Position , die Jir. (S, 148) ausreichend erläutert, obwol sich noch 
»uge Zeugnisse nachtragen Hessen z. B. Marcellinus (Roncalli 11 
0.287). „ Attila rex usque ad Thermopolim infestus advenit" & Leon- 
fcw p. 400 a. 922 : fiixQ 1 Q^Q^Oftolewg. Endlich wendet sich Idrisi 
st. nach Roso-qastro. — Dieses Itinerar wird von einem anderen in 
ier Bichtung von N. nach S. durchschnitten. Es beginnt bei Meslnos, 
i i. 2vfi€*Zvog, j. Sumeu, wendet sich nach Dhinyaboli, d. i. Jivsia 
nahs, und erreicht über Maniyal — vgl. 2aßovlivzi Mavafav 
-Äeselsand* bei Theophylakt. , j. Caly-qawaq, womit C ABS ALEO 
dir röm. Itiner. nichts zu thun hat — und über al-Mas, j. Dobrol, 
das Territorium Karnowa (falsch Beknowa), byz. Kqtjvoq (Nicet.) 
oder Kqowog (Pachym.) oder f} KctQvaßa (cod. Marcian.), j. Karin- 
abad, das Jir. Gesch. der Bulgaren 378 erläutert; es endet, wie das 
erste, mit Roso-qastro. Zwischen lAexog und ^(oooxctOTQov nennen 
Pachym. U p. 445 und Kantakuz. I p. 431 noch das feste Ktivia. 
— Wir würden auch noch die anderen Bulkanübergänge genauer be- 
sprechen zumal den sechsten (S. 152) und den achten (S. 161), 
schon wegen der so bekannt gewordenen Namen Sipka und Etropol-Or- 
hanie, wenn uns nicht der beschränkte Baum Einhalt geböte und der 
Leser, der sich dafür interessiert, aus Jireöek's Buch selbst eine 
ohnehin ausreichende Belehrung schöpfen könnte. 

Graz. Wilhelm Tomaschek. 



Vollständiges Schulwörterbuch zu Xenophons Anabasis, ?on ir 
Berthold Suhle. Mit einer Karte zur Orientierung. Breslau, Eol- 
Verlag (Max Müller). 1876. Pr. 1 Mark 50 Pf. 

Wir haben bekanntlich zu Xenophons Anabasis heran« *z 
treffliche Speciallexika, von denen das K 
Theiss'sche, neu bearbeitet von H. Strack, in 
in drei Auflagen verbreitet ist. Die beidei 
ihrer Verweisungen , einerseits auf Krüger 
uf die Anmerkungen von Kühner, Krüger, 
zahlreicheren Citate mehr dem Lehrer, d 
nner lehrreichen Illustrationen mehr dem 
Verfasser bewegen konnte, die Zahl dieser j 
Bücher noch um eines zu vermeh 



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212 B. Suhlt, Vollständiges Schulwörterbuch, ang. v. J. Egger. 

dieser Arbeit seinem eigenen Verleger Concurrenz zu machen, ist 
dem Referenten ganz unerfindlich. Dass es im Ganzen gut und eiact 
gearbeitet und ein recht brauchbares Hilfsbuch sein würde, war bei 
dem Verfasser nach seinen bisherigen Leistungen vorauszusetzen; 
dennoch bietet es weniger als Theiss, und für den Schaler viel weniger 
als Vollbrecht. Sollte es die Concurrenz siegreich bestehen — es kostet 
30 Pf. mehr als das von Theiss und nur 30 Pf. weniger als das von 
Vollbrecht — so hatte es der Verfasser nach Art seines Homerlexi- 
kons auf wenige Bogen zusammendrängen müssen. Und dies wäre in 
der That nicht schwer gewesen , wenn der Verfasser alles Ueberflüs- 
sige weggelassen hätte. Ueberflüssig ist es , ja schädlich, alle ein- 
zelnen Formen der unregelmässigen Verba alphabetisch anzuführen, 
der Schüler muss sie schon kennen; vgl. z. B. p. 15, wo der Beine 
nachstehen: aitr<yyakXoy , infoi, ä7rijl&ov, a7rr]llayr]v , any- 
[iei(p&rp>, änrjvrrjaa , anr$a, dnrjTOW, dnrjxS'O/jrjr , an ihm. 
Ebenso überflüssig ist es , dass bei den einzelnen unregelmässigen 
Zeitwörtern selbst abermals alle Formen hingesetzt werden; sie neh- 
men bei didwfM acht, bei irj/di neun, bei oiöct, cptQü), cprjfd je zehn 
Zeilen in Anspruch, ueberflüssig ist ferner die Anführung einer so 
grossen Zahl von Synonymen, wie sie dem Verfasser auch hier be- 
liebte. Während Theiss und Vollbrecht z. B. bei fiuxvcuog sich mit je 
fünf Bedeutungen begnügten, bringt der Verfasser nicht weniger als 
sechzehn bei und verweist ausserdem noch auf sein Handwörterbuch. 
Ueberflüssig endlich, ja lästig sind die zahlreichen Verweisungen auf 
das ebengenannte Wörterbuch. Wozu? Der Schüler besitzt es ja 
nicht, der Lehrer braucht nicht erst verwiesen zu werden. Uebrigens 
wird letzterem auch bald die Lust vergehen, wenn er neugierig z. B. 
i^oöog, €7taivog, eraiQoi, povctxjj, f-iovrj, 7V€QinYjyyvfii aufschlägt 
und um nichts mehr, bei tjjkuyiog und imOTrjfttov sogar weniger 
findet, denn bei ersterem fehlt die Construction mit dem Dat., bei 
letzterem die Bedeutung „sachverständig." Uebrigens sind auf den 
ersten Seiten diese Verweisungen selten , fehlen auch ganz , p. 44 
sind erst 3, aber schon p. 62 finden sich 11, p. 79 17 p. 97 20, 
p. 104 23; bei einzelnen Wörtern steht die Aufforderung, doch ja 
das Hw. zu consultieren , zu wiederholten Malen, so bei neu fünf-, 
bei xara vier-, bei ttqoq zehn-, bei dg eilfmal. 

Der Construction des Textes gegenüber wäre etwas mehr 
wissenschaftliche Haltung zu wünschen gewesen. Wenn die verschie- 
denen Lesarten alle einfach mit v. 1. abgethan werden, so mag das dem 
Schüler gegenüber genügen ; aber es geht doch wol heute nicht mehr 
an , einfach zu lehren , dass av an den beiden bekannten Stellen II, 
5, 13 u. V, 6, 32 mit dem Ind. fut. construiert wird. Und was dann, 
wenn der Schüler bei Dindorf , Rehdantz, Schenkl diesen Ind. nicht 
findet? 

Dass der Verf. die Specialwörterbücher vertheidigt , ist natür- 
lich ; wenn er sich aber über die Verfolgung derselben ereifert und 
meint, dies „grausame Verbot" komme nur den lieben „Freunden 4 



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I Lehmann, Sprachl. Sünden d. Gegenwart, ang. v. H. Lambel. 218 

aGite, so irrt er gewaltig: dieses längstgesuchte Arcanum ist auch 
sit dem neuen Wörterbuche noch nicht gefunden. — Was uns ab- 
geht, ist nicht ein neues Schulwörterbuch, sondern ein auf der Höhe 
är Wissenschaft stehendes Lexikon Xenophonteum, das auf alle Aus- 
gaben und Handschriften Rücksicht nehmend eine Uebersicht des 
wirklich Xenophontischen Sprachschatzes ermöglichte. Möge sich der 
Verf. dazu entschliessen ! 

Graz. Jos. Egger. 



Sprachliche Sunden der Gegenwart. Von Prof. Dr. August Leh- 
mann. Braunschweig. Verlag von Friedrich Wreden 1877. 3. IX u. 
182 SS. 

Es ist leider eine nicht wegzuläugnende Thatsache, dass unsere 
deutsche Sprache in der Gegenwart — einige höchst rühmliche Aus- 
nahmen abgerechnet — auch von denjenigen Kreisen, welche sich 
recht eigentlich die gebildeten nennen , selbst von Schriftstellern, 
und nicht etwa ausschliesslich oder auch nur vorwiegend von gelehr- 
ten, im Allgemeinen mit sehr wenig Sorgfalt behandelt, ja nicht 
selten ganz unverantwortlich vernachlässigt und mishandelt wird. Es 
ist hier nicht der Ort die Ursachen dieser Erscheinung zu erforschen, 
genug die unerfreuliche Erscheinung ist leider da, und 'Warnungs- 
tafeln wird auch derjenige für berechtigt erklären müssen, welcher 
4er Sprache auch in der Gegenwart das Recht nicht bestreitet sich 
weit«* zu entwickeln. 

Solche c Warnungstafeln' will der Verfasser der Bücher über 
die Sprache Luthers, Goethes und Lessings, August Lehmann in vor- 
liegender Arbeit aufstellen. Sie theilt sich in drei Abtheilungen. In 
der ersten behandelt er die 'Begleiter' einfacher und zusammenge- 
setzter Substantiva und Adjectiva (Adverbia , adverbiale Ausdrücke, 
Adjectiva, abhängige Casus, Infinitivconstructionen und dgl.) und 
nacht auf geläufige Verstösse gegen die richtige Stellung und Be- 
»ehung derselben aufmerksam. Im zweiten Abschnitt zieht der Verf. 
gegen die namentlich in der Gegenwart überhand nehmende Nach- 
stellung des Subjectes hinter das Verbum im zweiten mit und an- 
geknüpften Hauptsatze und gegen Fehler in der Anwendung dieser 
Conjunction zur Verbindung von Nebensätzen zu Felde. Im dritten 
erörtert er die Participia und ihren Gebrauch , namentlich auch die 
Fehler der absoluten Participialconstructionen. Eine vierte endlich 
fasst 'Mannigfaltiges* wie Periodenbau, Apposition, Pleonasmus, 
Stellung des Verbums, Adjectiva auf — weise und Verschmelzung 
der Präposition mit dem Artikel zusammen, überall nach den Sünden 
der Gegenwart' gegen die Sprachrichtigkeit spähend. Die erste Ab- 
theilung wurde schon 1874 in Herrigs 'Archiv' veröffentlicht , *•> 
scheint aber hier nicht ganz unverändert wieder. Die SündeD bmt 
durchweg an sehr zahlreichen thatsächlich vorkommende Ü^pu;- 




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214 A. Lehmann, Sprachl. Sünden d. Gegenwart, ang. v. H. Lambel. 

len, welche der Verf. aus Schriften der verschiedensten Richtungen 
gesammelt hat, nachgewiesen. 

Im Allgemeinen wird man sich wol mit dem Verf. einverstan- 
den erklären und sein Bestreben als ein durchaus löbliches und 
dankenswerthes anerkennen müssen. Im einzelnen aber geht sein 
Eifer für Correctheit doch zu weit und empört sich pedantisch gegen 
Fügungen, welche der Usus geheiligt hat, der usus quem penes arW- 
Hum est et ius et norma loquendi. So zweifle ich dass der Usus 
durch Erwägungen wie die S. 17 angestellten sich die c Armen im 
Geiste 3 werde nehmen lassen , und dass auf die etwas spitzfindige 
Unterscheidung S. 19 f. hin Ausdrücke wie Vier Erlöser aus Ketten*, 
c ein Verbrecher aus Ehrsucht* und dgl. *), die Lehmann selbst aus 
unsern classischen Schriftstellern belegt, unbedingt verpönt sein 
sollen. Und wohin kommen wir mit der Erklärung unserer Classiker, 
wenn folgende Construction Herders c Er band jede Kugel mit noch 
feineren als Strahlenbanden an die grosse Sonne" (S. 29) ich 
weiss nicht ob eigentlich unter den „ Sünden" jedenfalls aber im 
Gegensatze zu loyaler Redeweise' aufgeführt wird? Vollends aber 
wenn für eine Construction , wie die Anknüpfung eines Satzes mit 
und, wobei ein Personal- oder Demonstrativpronomen die Stelle des 
Relativums vertritt, nicht nur die Analogie mit den classischen Spra- 
chen, sondern, wie der Verf. selbst S. 117 anmerkt, die Geschichte 
der deutschen Syntax bis auf Luther und viel weiter zurück (vgl.mhd. 
Wb. I, 435 b , 27 ff. III, 183 b , 24 ff.) in die Schranken tritt, dürfen 
wir da noch ohne weiters von einem c bösen Usus* und von Bünden' 
reden ? Der Verf. ist bei manchen Fügungen wie 'Römische Alter- 
thumskunde 3 und dgl. zu Gunsten des Sprachgebrauchs und des bösen 
Beispiels der Classiker , den Forderungen der strengen Grammatiker 
zum Trotz, zur Milde und zum Gewährenlassen geneigt (S. 26, vgl. 39. 
41). Wir werden solche Milde wol unbedingt weiter ausdehnen müs- 
sen, um nicht wieder dem schon einmal überwundenen Irrthum zu 
verfallen, grammatische Regeln machen zu wollen, statt sie aus dem 
Gebrauch zu abstrahieren. In diesen Fehler verfällt der Verf. aber 
noch öfter. So wenn er den durch Jahrhunderte unserer Sprach- 
geschichte geheiligten Gebrauch des Part, praesentis in Ausdrücken 
wie c die fallende Sucht', 'die fahrende Habe 9 als fehlerhaft bezeich- 
net (S. 135), wobei es noch dazu nur sein Irrthum ist, wenn er fah- 
rend c in passiver Bedeutung' versteht, oder wenn ein ebenfalls 
uralter syntaktischer Gebrauch , die Voranstellung eines hervorzuhe- 
benden Begriffes , der dann im folgenden Hauptsatz durch ein Pro- 
nomen personale oder demonstrativum wieder aufgenommen wird 
(J. Grimm, Kleine Schriften 3, 333 ff.), recht gnädig pardonniert 
wird um schlimmeres zu verhüten (S. 172), Und der Begriff der Ap- 
position, unter welchem diese Erscheinung abgehandelt wird,, ist 



*) Hieher gehörte auch der Buchtitel 'Der Erlöser von der Sünde* 
der bei Lehmann S. 12 am unrechten Platze steht. 



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J Imelmann, Die siebziger Jahre etc., ang. v. B. Werner. 215 

dafür sowenig passend wie für die allerdings häufig genug fehler- 
haft construierten Prädicate mit als (S. 170). 

Abgesehen von diesen Mängeln kann Lehmanns Buch ganz 
nützlich wirken, und ich bin der letzte der ihm eine solche Wirkung 
durch Hervorhebung derselben schmälern möchte. 

Prag. H. Lambel. 



Die siebziger Jahre in der Geschichte der deutschen Literatur. 
Vortrag zum Bestes eines Leherinnen-Freiabendhauses im Bürger- 
sale des Berliner Bathhauses von Dr. J. Imelmann, Professor 
am Joachimsthalschen Gymnasium und Lehrer an der Kriegsaka- 
demie. Berlin, Weidmannsche Buchhdlg. 1877. 52 SS. 0.80 M. 

..siben. 
Disiu zal ist so here, 
swie der tiufel daz verchöre, 
der chuit daz der gelogen habe 
der dir von siben iuweht sage 
(so vient ist er dirre zale) : 
8i verjaget in üzem gotes aale.. 

So sang einst der Dichter von der Siebenzahl (MSD XLIV. 2, 
4), und jeder weiss welche Bedeutung derselben beigelegt wurde. Eine 
interessante Nachwirkung von solchen mittelalterlichen Ansichten ist 
das vorliegende Heft, das aber nur dankbare Lehrerinnen ernst nehmen 
können. Pomphaft beginnt Herr Doctor Imelmann seinen Vortrag, der 
überhaupt ein sehr schwungvolles Stück blühender Abiturientenrhetorik 
ist, mit der Behauptung: Das Jahrzehnt, in welchem wir leben, darf 
skh an historischem Gehalt neben die denkwürdigsten stellen , von 
denen wir wissen'; und weil nun dieses Jahrzent, in dem auch Doctor 
Imelmann lebt, von so eminent historischem Gehalt ist, dass wir 'noch 
in viel umfassenderem Sinn als wir es thun, Veranlassung hätten, lite- 
raturgeschichtliche Erinnerungsfeiern zu begehen ,' so durchwandert 
der Verl das weite Gebiet der deutschen Literaturgeschichte', etwa 
aa der Hand der synchronistischen Tabellen Werner Hahns , und da 
ergibt sich ihm die weltbewegende Entdeckung, c dass mehr als ein- 
mal gerade auf dem Beginn des dritten Drittels der Jahrhunderte 
eine besondere Weihe liegt , dass Höhe- oder Wendepuncte des gei- 
stigen Lebens oder doch denkwürdige Erscheinungen und Begeben- 
heiten in die siebziger Jahre und die von beiden Seiten zunächst an 
sie angrenzende Zeit fallen/ 

Nach dem Satze, suche treu, so findest du, gelingt es mit 
einiger, bei der alteren Litteratur besonders nötigen Nachhilfe, mit 
einigen Taschenspielerkünsten nachzuweisen, dass alle berühmten 
ind bedeutenden Leute entweder in den siebziger Jahren geboren 
wurden, oder wirkten, oder (möchte man hinzusetzen) schon tot 
viren, was freilich bei der Tatsache, dass selbst das Leben be- 
rühmter Schriftsteller eine gewisse Ausdehnung haben muss, von der 



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216 J* Imelmann, Die siebziger Jahre etc., ang. v. ü. Werner. 

unberechenbarsten Wichtigkeit ist. Was soll nun aber mit dieser Zu- 
sammenstellung gewonnen sein ? 'Nichts weniger als etwa ein Ent- 
wicklungsgesetz , . . . aber eine dem Bedürfnis bequemer Ueberschau 
über die langen und vielverschlungenen Wege unserer literarischen 
Entwickelung gleichsam entgegenkommende Tatsache' wird darin 
darzustellen 'versucht*. Herr Doctor Imelmann greift einige bedeu- 
tendere Persönlichkeiten zu ausführlicher Charakterisierung her- 
aus, wenn sie auch mit den siebziger Jahren nur wenig zu tun 
haben : so Karl den Grossen, für den aber Scherers bedeutsamer Auf- 
satz nicht benutzt scheint, Otfrid 1 ), Eckehart I., den Dichter des 
Waltharius; zugleich aber, Scheffels wegen, Eckehart II, der gar 
nicht in diesen Zusammenhang gehört, ebensowenig wie Roswitha, 
u. A. Veldegge , weil Eilhart von Oberge aus der Entwickelung der 
Litteratur ganz gestrichen wird, Hans Sachs, weil er 1576 starb, 
1776 von Goethe durch ein Gedicht und 1874 von der Stadt Nürn- 
berg durch ein Denkmal geehrt wurde [sie!], Fischart und Grimmeis- 
hausen etc. Ulfilas wird nicht erwähnt. 

Manche Unrichtigkeiten wären wol leicht zu vermeiden ge- 
wesen : so S. 9 die Behauptung , das Rolandslied des Pfaffen Eonrad 
sei, c wenn die neueste Forschung Recht hat, im Jahre 1170 oder 
seiner nächsten Nähe 5 entstanden; S. 20 spricht Hr. Dr. Imelmann 
von einem mhd. Gedichte f Graf Hugo': meinen kann er nur den 
Grafen Rudolf; S. 39 heissen Spachs dramatische: dramatur- 
gische Bilder aus Strassburgs Vergangenheit. 

Vieles wäre zu streichen gewesen, so S. 10. 26 f. 28. 30. 37; 
ferner der sonst richtige Vergleich einiger Goethescher Eigenheiten 
mit solchen von Hans Sachs, welcher mit dem ganzen nichts zu 
schaffen hat, endlich S. 43 bes. die Anm. , die geradezu albern ge- 
nannt werden muss usw. Der Schluss , welcher die neuere Litteratur 
behandelt, ist sehr kurz gehalten. 

Immelmann hat aber nicht einmal alles angeführt, was für seine 
Ansicht sprach, es wäre manches nachzutragen z. ß. der um 1170 
anzusetzende Reinhart Fuchs von Heinrich dem Glichezaere, wenn die 
Spielerei weiter getrieben werden sollte ; übrigens könnte man den- 
selben Plan auch für andere Decennien der Jahrhunderte mit ganz 
eben solcher Leichtigkeit und eben so grosser Berechtigung durch- 
fuhren. 

Imelmanns Vortrag mag immerhin bei seinem Publikum Bei- 
fall gefunden haben ; muss denn aber jede solche Vorlesung , zumal 
wenn sie gar nichts neues an Tatsächlichem ergibt und der Ver- 
fasser selbst eingestehen muss, dass er öfter auf Gebiete kommt , die 
ihm weniger vertraut sind, gleich gedruckt erscheinen ? 

Wetterhöfel bei Iglau, Aug. 1877. Dr. R. M. Werner. 



») In dem kurzen Citate aus Otfrid (S. 12) stören 16, in dem aus 
Ezzo 7, aus dem Arasteiner Marienieich 3 Druckfehler, welche von grosser 
Flüchtigkeit der Correctur [?] zeugen. 



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C. Arendts, Frankreich, ang. t. F. Grass autr. 211 

Arendts, C. Dr., Frankreich. Miltenberg, Verlag und Eigenthum 
Ton F. Halbig 1878. 

Diese Wandkarte, im Massstabe von 1 : 1,280.000 ausgeführt, 
von C Hoffman in München lithographiert, besteht aus vier Blättern, 
welche an einander gefügt eine Breite von 0* 80 m und eine Höhe von 
r05" haben. Von letzterer entfallen 10 m am unteren Karten- 
r&nde auf eine Höhenübersicht. Sie scheint für den Schulgebrauch 
bestimmt zu sein. Aus dem angeführten Massstabe und der angege- 
benen Grösse der Karte erhellt bereits, dass auf der Karte noch 
Baum für Theile angrenzender Länder erübrigt. Das Meer ist in 
blaaem Colohte dargestellt. Der unteren rechten Ecke ist ein Kart- 
eten von Corsica eingeschaltet. Der Grundton der Karte ist weiss, 
die Seichs- und Provinzialgrenzen roth. Als erster Meridian ist der 
von Ferro genommen und es ist von den Längen- und Breitengraden 
jeder zweite eingetragen. 

Es ist für den Kartographen eine grosse Schwierigkeit auf 
Einer Karte die physisch- und politisch-geographischen Verhältnisse 
zugleich auf deutliche Weise zur Anschauung zu bringen, und es sind 
ton allen derartigen Versuchen bisher nicht viele gelungen. Meist 
verschwimmen beide Bilder derart ineinander, dass keines von beiden 
mehr gehörig hervortritt. 

Auf unserer Karte ist das Tiefland weiss gelassen , die Boden- 
erbebung braun geschummert. Wenn sich auch gegen die Richtigkeit 
der Darstellung letzterer im Allgemeinen nichts Wesentliches sagen 
läset, so bleibt doch im südfranzöschen Berglande ein stärkeres Her- 
vortreten der Centralmasse nämlich des Hochlandes von Gevaudan 
and Vivarais sehr wünschenswerth , um in denselben leichter den 
Ausgnngspunct der Gebirge von Lyonnais und Charollais, Forez, des 
Hochlandes von Auvergne und der eigentlichen Sevennen zu erken- 
nen. Auch die Platten der Picardie treten zu wenig deutlich hervor, 
wahrend die flandrischen Grenzhöhen in unrichtiger Weise wie ein 
bedeutender Gebirgszug, etwa wie die Cöte d6r dargestellt sind. Auf 
den Kärtchen von Corsica hätte statt des Monte Rotondo und des M. 
d'Oro der Monte Cinto als höchster Gipfel eingetragen werden 
sollen. Die grösseren Bergketten und Plateaux sind mit ihrem Cul- 
ttnationspuncten namentlich angeführt. 

Es ist selbstverständlich und dem Zwecke der Karte entspre- 
chend, dass die Bodenerhebung nur in Umrissen dargestellt ist. 
Mehr in's Detail ist das Flussnetz gearbeitet; die Haupt- und Neben- 
fassläofe sind richtig und deutlich angegeben und mit ihren Namen 
bezeichnet. Wol aber hätten die kleineren Nebenflüsse wegbleiben 
ktanen, da sie ganz zwecklos nur die Karte überladen, indem letztere 
Ar ein Detailstudium ohnehin nicht bestimmt ist. Es sind hiemit 
jene Flüsschen gemeint, zu welchen der Herausgeber den Namen 
nicht beigefügt hat. Ich glaube , dass sich durch die Weglassung 
derselben die Bodenflguration deutlicher hervorheben würde. Bei dem 
Lac de Grand Lieu ist das blaue Colorit weggeblieben , so dass er 
einer Flussinsel gleich sieht. 



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yjSoCK 



218 A. Andel, Das polychrome Flachornament, ang. v. X VFcwt/tfr. 

Da bei Frankreich die alte Eintheilung nach Provinzen nocr 
vielfach in Gebrauch ist , so erscheint auf der Karte die alte histo- 
rische Eintheilung mit gutem Grunde dargestellt. Diese Provincial- 
eintheilung ist roth coloriert. Zugleich ist die gesetzlich bestehende 
politische Gliederung des Landes nach Departements durch schwan 
punetierte Linien zur Anschauung gebracht. Während in den Pro- 
vinzen deren Namen mit hervortretender Schrift eingetragen sind, 
wird in den Departements durch Zahlen auf ein neben stehendes 
Namensverzeichnis verwiesen. Von den Wohnorten sind alle wichti- 
geren Städte , die Hauptorte der Departements und auch die hervor- 
ragenderen Orte der Arrondissements mit deutlich lesbarer Schrift 
eingetragen. Durch die Grösse der Schrift oder durch die stehende 
oder liegende Form der Buchstaben ist bei den grösseren Wohnorten 
auf die Bevölkerungszahl Rücksicht genommen worden. Hiebei kann 
nicht unbemerkt bleiben , dass Toulon , Hauptort eines Arrondisse- 
ments mit über 69.000 E. mit derselben stehenden Schrift darge- 
stellt ist , wie der Departements-Hauptort Nevers welcher blos über 
20.000 E. zählt. Noch weniger consequent erscheint die Wahl der 
Schrift und der Städtezeichen bei den kleineren Orten durchgeführt. 
Arles mit über 26.000 E. ist mit kleinerer Schrift gedruckt als Auril- 
lac mit 11.000 E.; und Alais mit nicht ganz 20.000 E. ist mit 
grösserer Schrift gedruckt als Arles. Digne die Hauptstadt des Depar- 
tements Nieder- Alpen mit 7.000 E. ist mit denselben Lettern gedruckt 
wie Avignon, der Hauptort des Departement Vaucluse, welcher über 
38.000 E. zählt, und wie Nizza mit mehr als 52.000 E. Der Arron- 
dissements-Hauptort Fontainebleau mit über 12.000 E. hat das 
Ortszeichen O» während ein anderer Arrondissements - Hauptort, 
Montbrison mit wenig über 6000 E. mit dem Zeichen O ausgezeich- 
net ist, welches auch bei Vienne mit fast 25.000 E. steht. 

Die Festungen sind durch die üblichen Festungszeichen ersicht- 
lich gemacht. Von den Verkehrswegen sind die Strassen nicht an- 
geführt. Vom Eisenbahnnetze sind die Hauptlinien aufgenommen. 
Die Canäle sind eingezeichnet. 

Wenn demnach diese Karte wol nicht allen strengen Anforde- 
rungen der Kartographie entspricht, so kann sie doch noch als ein 
brauchbares Lehrmittel für den Elementarunterricht in der Geogra- 
phie angesehen werden. 

Wien. Dr. F. Grassauer. 



Das polychrome Flachornament. Ein Lehrmittel für den elemen- 
taren Zeichenunterricht an Real- und Gewerbeschulen. Entworfen 
und mit Unterstützung des k. k. Ministeriums für Cultus und Unter- 
richt herausgegeben von Prof. Anton Andgl. 1. u. 2. Lieferung. 
1877. Verlag von Waldheim. 

Das „ polychrome Flachornament a bildet den zweiten Band 
einer im Auftrage des genannten Ministeriums verfassten Orna- 
mentalen Formenlehre, deren erster Band unter dem Titel 



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A. Andtl, Das polychrome Flachornament, ang. v. J. Wastler. 219 

geometrisches Linien Ornament" bereits erschienen ist. Soviel wir ans 
in ersten 17 Tafeln und dem beigefügten Prospecte erseHen, geben 
ie beiden ersten Lieferungen die Elemente derjenigen Flächen- 
TCTermigen , denen die vegetabilischen Formen der Natur als Vor- 
bilder dienen. Diesen sollen dann die besten Beispiele der helleni- 
schen, pompejanischen , der islamitischen und der Renaissance ver- 
Bernngen folgen. Ein das Ganze umfassender Text ist in Aussicht 
rtfteilt. 

Der Verfasser geht der Sache gründlich an den Leib. Sowie er 
m ^geometrischen Linienornament u von der geraden Linie ausgeht 
mi successive zu den in der Ornamentik verwendeten geometrischen 
Gebilden gelangt , dabei stets die Eigentümlichkeiten der schönen 
Fenn, Rhythmus, Symmetrie und Proportionalität berücksichtigend, 
90 bringt er auch in den ersten sechs Tafeln des polychrom. Flach- 
«namentes gewissermassen einen Entwicklungsgang jener krummen 
Linien, welche in den Blattformen, in Ranken und Voluten vorwalten. 
Dann folgen sieben Tafeln mit Pflanzenblättern, gerwissermassen im 
ersten Stadium der Stylisierung , wo die Naturformen noch deutlich 
hervortreten, aber in der Auscheidung alles Zufälligen, Unregelmäs- 
ägn. in der Betonung der Symmetrie und der Rhythmik bereits die 
Hand der Kunst zu erkennen ist. Die weiteren vier Tafeln enthalten 
vorwiegend Blumenformen, an denen bereits eine strammere Stylisie- 
rung bemerkbar. Da letztere einer erläuternden Besprechung be- 
sonders bedürfen , so wäre zu wünschen , dass für den Fall , als der 
Abschlags des umfangreichen Werkes nicht in sehr naher Aussicht 
steht, mit der nächsten Lieferung von Tafeln auch die Ausgabe des 
Textes beginnen würde. 

Es ist nicht möglich, aus zwei Lieferungen auf den Werth des 
ganzen Werkes zu schliessen, allein soviel können wir mit gutem 
Gewissen constatieren , dass die Arbeit auf uns den besten Eindruck 
macht und dass , wenn die Gründlichkeit , mit der das bisherige be- 
handelt wurde , sich auch auf die folgenden Lieferungen erstreckt, 
wir in dieser „ornamentalen Formenlehre" ein Werk erhalten, das, 
rar Lehrer und Lernende gleich wichtig, berufen scheint, eine längst 
gefühlte Lücke in den Werken zum Studium der Ornamentik sowol, 
wie in den eigentlichen Zeichenvorlagen auszufüllen. 

Verständige Zeichenlehrer finden schon in den Tafeln der 
beiden ersten Lieferungen ein reiches Material, um durch entspre- 
chende Combinationen, z. B. der verschiedenen stylisierten Blätter 
mit den in Tafel 5 gegebenen wellenförmigen Ranken die Schüler zur 
künstlerischen Verwendung gegebener Motive anzuregen und dadurch 
den Boden zum Selbsterfinden vorzubereiten. Die Zeichnungen sind 
durchwegs präcis und correct, die Ausstattung eine splendide. Und 
te sei denn Prof. AndeTs ebenso fleissige als tüchtige Arbeit allen 
Zeichenlehrern an Mittelschulen (natürlich Gymnasien nicht ausge- 
aommen) aufs Beste empfohlen. 

Graz. Jos. Wastler. 



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220 F. Hochstetter, Angewandte Botanik, ang. v. H. Reichardt 

Angewandte Botanik von Ch. F. Hochstetter. Vierte vielfach ver 
mehrte nnd verh. Aufl. Neu bearbeitet von Wilh. Hochstetter 
k. Univerei tatsgar tner in Tübingen. Stuttgart, Verlag von Schick- 
hardt und Ebner. 8°. 525 S. und 7 Taf. mit 84 Abbildungen. 

Der vorliegende Band ist der dritte Theil von Hochstetter'* 
populärer Botanik und schliesst dieses in Süddeutschland allgemek 
verbreitete, mit Recht beliebte Handbuch ab. Er behandelt die tech- 
nisch, ökonomisch, hortical und medicinisch wichtigen Holzpflanzen, 
Kräuter, Gräser und Farne. Nicht nur die einheimischen , sondern 
auch die exotischen Arten werden entsprechend berücksichtigt, so 
dass sich in H.'s angewandter Botanik ein reiches, mit vielem Fleisse 
gesammeltes Material zusammengetragen finden. 

Beiden einzelnen Arten werden die charakteristischen Merkmale 
gut hervorgehoben , die Angaben über ihre Verwendung sind aus- 
führlich und beinahe durchgängig correct. 

Lehrer an Mittelschulen, welchen keine grössere botanische 
Bibliothek zur Verfügung steht, werden im vorliegenden Buche viele 
ihnen erwünschte Daten finden und dieselben mit Vortheil benutzen 
können. 

Die Abbildungen sind , so weit es der den einzelnen Species 
zugemessene sehr beschränkte Baum gestattet, gut ausgeführt; sie 
könnten bei einer neuen Auflage mit Vortheil durch dem Texte ein- 
gefügte Holzschnitte ersetzt werden. 

Wien. Reichardt. 



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Dritte Abtheilung. 



Zur Didaktik und Pädagogik. 

Ellendt, Dr. G., Entwurf eines nach Stufen geordneten Kata- 
logs für die Schülerbibliotheken höherer Lehranstalten (besonders 
der Gjmnasien), Progr. des k. Friedrichs-Collegiums zu Königsberg 
ia P. 1875. 

Katalog für die Schülerbibliotheken höherer Lehr- 
anstalten nach Stufen und nach Wissenschaften geordnet, 2. be- 
riehtigte und vermehrte Aasgabe. Halle, Buchhandlung des Waisen- 
hauses 1878. — 1 M. 60 Pf 

Die Frage Aber die zweckmässige Einrichtung von Schülerbiblio- 
ibtaa ist in der letzteren Zeit in Deutschland vielfach und lebnaft er- 
^rtert worden, theils in Gymnasialprogrammen und Artikeln von Eney- 
cfepidjei, theils in Lehrerconferenzen. Und allerdings verdient diese 
fc*f* ene gründliche Erörterung. In unserer Zeit handelt es sich nicht 
wol daran, die Leselust bei den Schülern zu wecken als dafür zu 
*xge&, da« ihnen von dem Gymnasium aus eine gute geistige Nahrung 
$bte werde und sie durch diese gefesselt anderweitige Leetüre fliehen, 
& aear geeignet ist abzustumpfen als anzuregen, den Geist verflacht 
ud vielfach die Keime edler Sittlichkeit erstickt. Darum ist es noth- 
**dig, dass man für die Anschaffungen an Schülerbibliotheken einen 
bto austeile und von Seite der Schulbehörden auf die fierücksichti- 
P*t desselben dringe , dass man die vorhandenen Sammlungen dieser 
Art revidiere, das Ungeeignete ausscheide und durch Passendes zu er- 
*fe& lache. Auch an unseren Mittelschulen macht sich dieses Bedürfnis 
$tad. Der Verein Mittelschule in Wien hat in dem vergangenen Jahre 
to* Frage erörtert und eine Commission zur Entwerfung eines Kata- 
rs« ftr Schülerbibliotheken niedergesetzt, deren Elaborat wir mit Span- 
0Q f erwarten. Da diese Commission alle diejenigen, welche sich für die 
AfcÄhnmg dieses Planes interessieren, aufgefordert hat, ihre Wünsche 
^ w geben, damit dieselben bei der Ausarbeitung des Kataloges be- 
r * k «drägt werden können, so halten wir es für zweckmässig die ge- 
e toea Herrn Collegen auf zwei Schriftchen hinzuweisen, die uns die 
P*Kte Beachtung zu verdienen scheinen, nämlich die oben verzeichneten 
Steten KUendfs. 




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222 G. Eliendt, Entwurf eines Kataloges für Schülerbibliotheken. 

Dieser Musterkatalog ist für die Schülerbibliotheken höherer Lehr- 
anstalten berechnet; es soll daher, wenn auch zunächst die Gymnasien 
ins Auge gefasst sind, der Katalog doch auch für die Realschulen gelten. 
Die Realschulen der ersten Ordnung in Preussen, an welchen Latein ge- 
lehrt wird, sind allerdings den Gymnasien so sehr verwandt, dass die 
Leetüre, die man den Schülern empfehlen soll, gewiss für beide Arten 
von Schulen dieselbe sein wird. Etwas anders stellt sich die Sache bei 
den Realschulen zweiter Ordnung, die unseren Realschulen gleichen. Da 
wird sich natürlich eine grössere Verschiedenheit herausstellen Für 
Realschüler werden sich Bücher mancher Art, z. B. Stolls 'Handbuch 
der Religion und Mythologie der Griechen und Römer' oder dessen 
'Sagen des classischen Alterthuras' weniger eignen und man wird dafür 
andere Handbücher, z. B. Seemann'« 'Götter und Heroen der Griechen 1 
empfehlen. Auch müssen in einer solchen Bibliothek Reisebeschreibungen, 
geographische Bilder, technologische Bücher (wie z. B. sich deren ganz 
treffliche in der Spamer'schen Sammlung von Jugendscbriften finden), 
Biographien berühmter Erfinder u. dgl. in grösserer Zahl und Auswahl 
vertreten sein. Es dürfte sich daher empfehlen für die Schülerbibliotheken 
' solcher Anstalten einen eigenen Normalkatalog auszuarbeiten. 

Der Katalog ist in sechs Stufen geordnet, welche den sechs am 
Gymnasium bestehenden Lehrstufen (Sexta bis Prima) entsprechen. Jede 
Stufe bildet für sich ein abgeschlossenes Ganze , wenigstens dem Kata- 
loge nach; doch können auch die Sammlungen für die einzelnen Lehr- 
stufen in eigenen Schränken vereinigt und auch in einem eigenen Locale, 
z. B. im Lehrzimmer der betreffenden Classe aufgestellt werden. 

Die Sorge für die Privatlectüre der Schüler jeder Stufe übernimmt 
ein Lehrer der betreffenden Classe, der mit Rücksicht auf Alter und 
specielle Neigung jedem einzelnen Schüler eine Leetüre auswählt und 
zutheilt. Es ist klar, dass die Mühewaltung, so unter Mehrere ver- 
theilt, die am meisten entsprechende Yerwerthung des Bücherschatzes 
erzielen muss. Wird sie einem einzigen Lehrer übertragen, so bürdet sie 
diesem eine übergrosse Last auf; auch wird er, weil er die Schüler viel- 
fach nicht genau kennt, selbst bei dem besten Willen nicht im Stande 
sein den Anforderungen zu entsprechen. Ganz vortrefflich ist der Vor- 
schlag Sextanern und Quintanern mit wenigen Ausnahmen die Benützung 
der Bibliothek nur während des Wintersemesters zu gestatten. 

Die drei ersten Stufen enthalten je drei Abtheilungen, nämlich 
I: 1) Alte Sage, 2) Geographische und Naturbilder, 3) Märchen, Fabeln, 
Gedichte, Erzählungen, II: 1) Alte Sage, Biographische Erzählungen, 
2) Geographie und Naturkunde, 3) Märchen, Fabeln, Gedichte, Erzäh- 
lungen, III: 1) Sage und Geschichte, Biographische Erzählungen, 2) Geo- 
graphie und Naturkunde, 3) Märchen, Gedichte, Erzählungen. Die drei 
höheren Stufen umfassen je vier Gruppen, nämlich IV: 1) Sage und 
Geschichte, Biographion, 2) Länder- und Völkerkunde, Reisebeschreibun- 
gen, 3) Naturkunde, 4) Dichterwerke, Märchen, Erzählungen, Schilde- 
rungen, V: 1) Geschichte und Alterthumskunde, Biographien, 2) Länder- 
und Völkerkunde, Reisebeschreibungen, 3) Naturwissenschaft, 4) Schöne 



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G. Ellendt, Entwurf eines Kataloges für Schalerbibliotheken. 223 

Literatur, endlich VI mit V übereinstimmend, nur dass die erste Gruppe 
in xwei Abtheilungen 1») Alterthumskunde, l b ) Geschichte, Biographien 
lerfallt 

Die Bücher, deren Anschaffung in mehreren Exemplaren wünschens- 
werth ist, sind mit einem Kreuze, die welche mehreren Stufen gemeinsam 
nnd, mit einem Sternchen bezeichnet. Die Nummern, welche den Kanon 
bilden, also als unumgänglich nothwendig bezeichnet werden, sind durch 
grösseren Druck hervorgehoben. 

Die Zahl der ausgewählten Bücher ist nicht gross, besonders auf 
den ersten Tier Stufen. Der Verf. betont mit Recht den Ausspruch Hei- 
lands: 'Wir brauchen viel weniger Bücher, als wir meistens in unseren 
Schalerbibliotheken haben , aber wir brauchen die guten Bücher in mehr 
Ab einem Exemplar/ Für die erste Stufe entfallen 39 Nummern (48 Bde.), 
ftr die zweite 41 N. (48 Bde.), wovon aber schon 11 N. (15 Bde.) in der 
ersten Stufe erscheinen, für die dritte 55 Nummern (66 Bde.), wovon 
aber 10 N. (15 Bde.) schon in den früheren Gruppen verkommen, für 
die vierte 110 N. (200 Bde.), davon ab 8 N. 12 Bde., für die fünfte 135 N. 
(219 Bde.), ab 16 N. 40 Bde., endlich für die sechste 312 N. (571 Bde.), 
ab 37 N. 76 Bde. , was eine Summe von 610 Werken in 993 oder in 
runder Summe 1000 Bänden ergibt 

Man sieht, dass die Zahl der verwendbaren Bücher für die ober- 
sten Classen reichlich bemessen ist, während für die unteren Classen, 
wo das Lesebedürfnis noch nicht so gross ist, die Auswahl knapp be- 
messen ist. Freilich muss man hier in Betracht ziehen, dass ein ziem- 
licher Tbeil der für die beiden ersten Stufen bestimmten Nummern in 
mehreren Exemplaren vorhanden sein soll 

Der Art der Werke nach (ganz allgemein aufgefasst) zerfallt die 
Bibliothek in zwei Hauptabtheilungen, von welchen die erste weitaus 
die grössere. Lese werke d. i. Leetüre im eigentlichen Sinne enthält, die 
andere aber Bildwerke mit oder ohne Text oder Werke, in denen Zeich- 
nag und Bild dem gedruckten Inhalte das Gleichgewicht halten oder 
nicht selten bedeutsamer sind als jener. 

Der Verl ist sich des Werthes der letzteren Abtheilung, welche 
»ehr als hundert Werke mit vielen tausend Abbildungen, Karten und 
dgi amfasst, wol bewusst und nicht mit Unrecht betont er gerade diese 
Partie seiner Sammlung; denn hier ist durch Anschauung, die mühelos 
tad so voll des Reizes ist, der reichste Schatz zur Belehrung geboten. 

Was die Auswahl anbetrifft, so wird man sich in sehr vielen 
Pillen mit dem Verf. einverstanden erklären müssen. Reiche Belesenheit 
lad, was ganz besonders ins Gewicht fallt, ein feiner Takt und eine 
grosse pädagogische Erfahrung befähigen ihn zu einer solchen Arbeit in 
hohem Grade. Wenn man manches vermisst, so muss man allerdings in 
Betracht ziehen, dass bei einer solchen Auswahl ein grosser Spielraum 
ftr die Subjektivität bleibt Dies tritt auch in der trefflichen Recension 
des an erster Stelle genannten Programroes in der Zeitschrift für Gym- 
atsalwesen 1871, S. 103 ff. von Dr. 0. Frick hervor, der sich, wie das 
Programm des Gymnasium zu Potsdam 1869 bezeugt, mit dieser Frage 



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224 G. Ellendt, Entwarf eines Kataloges für Schülerbibliotheken. 

eingehend befasst hat. JVir empfehlen diese gründliche Anzeige allen, 
die sich für diese Frage interessieren. In einem Puncto stimmen wir 
Frick vollkommen bei, wenn er nämlich (S. 114) eine grössere Vertre- 
tung der Kunstgeschichte fordert. Zwar erklärt sich Ellendt in der 
Vorrede zur zweiten Auflage des Kataloges (S. XI) gegen eine Vermeh- 
rung der Bücher dieser Art, indem er gelegenheitlich einmal seine 
ketzerischen Ansichten über diesen und andere Puncto darzulegen ver- 
spricht. Warum aber soll man nicht, dem gewiss berechtigten Verlangen 
der Jugend entgegenkommen und ihnen die Mittel bieten sich in diesem 
Fache, das am Gymnasium leider nicht vertreten sein kann, einiger- 
maßen auszubilden. Und dazu eignen sich die Bücher von Lübke, 
Schnaase's Geschichte der bildenden Künste, namentlich die beiden ersten 
Bände, Rabers Baukunst im Alterthume, die Ruinen Roms, Overbeck 
Geschichte der griechischen Plastik, die Bildwerke zum thebischen und 
troischen Heldenkreis u. dgl. vortrefflich. Was die schöne Literatur an- 
betrifft, so war es uns auffallig, Grillparzer's Sappho und das goldene 
Vliess nicht vertreten zu finden, ebenso den letzten Ritter von Ana- 
stasius Grün, der, wie wir doch hoffen, nicht gegen das streng eingehal- 
tene patriotische Programm verstösst. Für die oberste Classe würde es 
sich auch empfehlen eine Auswahl von Reden berühmter Männer der 
Neuzeit in Betracht zu ziehen, theils Originale, theils Uebersetzungen. 
Dadurch könnte auch die Anregung gegeben werden solche ausgewählte 
Reden in kleinen Heften herauszugeben und dadurch einem wirklichen 
Bedürfnisse zu entsprechen. 

Wenn nun auch für die österreichischen Mittelschulen ein solcher 
Katalog oder vielmehr zwei getrennte Kataloge für Gymnasien und Real- 
schulen bearbeitet werden sollen, so wird man sich des Kataloges von 
Ellendt als einer willkommenen Grundlage bedienen können. Die Werke 
von allgemeinem Culturwerthe und allgemeiner Bedeutung, welche El- 
lendt verzeichnet, wird man nach vorhergegangener Prüfung meist bei- 
behalten können; die von speciell patriotischem Interesse müssen natür- 
lich durch andere ersetzt werden. So sehr wir übrigens alles, was zur 
Erweckung und Belebung der Vaterlandsliebe dienen kann, schätzen und 
ehren, so wünschen wir doch nicht, dass in dieser Beziehung etwa des 
Guten zu viel gethan werde, ein Vorwurf, der Eilendes Katalog nicht 
mit Unrecht trifft. 

Uebrigens würde sich es sehr empfehlen, wenn dem Kataloge auch 
eine Anweisung beigefügt würde, wie an den einzelnen Schulen das 
Interesse für die nächste Umgebung, das engere Land, welchem man 
angehört, seine Geographie, Topographie, Geschichte, Denkmäler usw. 
angeregt werden könnte. Vielleicht könnte man dem Kataloge einen 
Anhang beifügen, in welchem beispielsweise die Bedürfhisse eines nieder- 
österreichischen Gymnasiums in dieser Richtung dargelegt und darnach 
eine Auswahl für die Schülerbibliothek getroffen wäre. 

Um eine leichtere Uebersicht über den Inhalt der Schülerbliblio- 
thek zu verschaffen, hat Ellendt seinem Kataloge zwei Anhänge bei- 
gefügt, erstlich ein nach Wissenschaften geordnetes Verzeichnis, in 



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S. Bitter, Umschau in den Unterrichtsräumen der Schale. 225 

welchem die einzelnen Werke nach folgenden Rubriken aufgeführt sind: 
A. Geschichte: I. Mythologie und Religionsgeschichte: a) Griech. und 
Born, b) Deutsche, II. Literaturgesch., III. Allg. Gesch., IV. Alte Gesch. 
and Antiquitäten, Y. Gesch. des Mittelalters, VL Neuere und neueste 
Gesch., VII. Biographien: a) Schriftsteller, Gelehrte, Künstler, b) Re- 
genten, Staatsmänner, Helden, VIIL Bildwerke , B. Geographie: I. Samm- 
hingen zur Lander- und Völkerkunde : a) Deutschland, b) Europa, c) Asien, 
4) Afrika, e) Amerika, f) Australien, g) Polarzonen, IL Reisebeschreibun- 
gen f C. Naturwissenschaft: I. Naturbeschreibung, IL Astronomie, Physik, 
Chemie, D. Schöne Literatur: I. Märchen, IL Fabeln, Gedichte, Erzäh- 
lingen (Torzugsweise für das frühere Jugendalter), III. Novellen und 
Romane, IV. Deutsche Dichtungen des Mittelalters und des 16. Jahr- 
hinderts, V. a) Einzel- und Gesammtwerke deutscher Dichter des 18. 
osd 19. Jahrhunderts, b) Uebersetzungen ausländischer Dichtungen, 
c) Mustersammlungen, d) Briefwechsel und Erläuterungsschriften [die 
Stnfen, für welche die Werke bestimmt sind, hat der Verf. sehr passend 
bei den einzelnen Schriften am Rande durch beigesetzte Zahlen bezeich- 
net], zweitens ein alphabetisches Register. 

Wir schliessen diese Anzeige mit dem Wunsche, dass es uns bald 
vergönnt sein möge einen ähnlichen Katalog zunächst für die österrei- 
chischen Gymnasien in diesem Blatte besprechen zu können. 

Wien. Eduard Ott. 



Umschau in den Unterrichtsräumen der Schule tmd des Hauses. 
Bede, gehalten auf dem Schulaktus im Gymnasium zu Arensburg 
am 18. December 1876. Von Oberlehrer J. B. Holzmayer. Heraus- 
gegeben von Med. Dr. S. Ritter. Buchhandlung Aug. Deubner. 
St Petersburg. 55 S. Octav. „Von der Zensur erlaubt.* 1 

Arensburg ist ein im Süden der zur Provinz Lievland gehörigen 
Intel Oesel gelegenes Küstenstädtchen mit ungefähr 3000 Einwohnern. 
E* ist überraschend , welche klaren, gründlichen Kenntnisse über Schul- 
hygiene ein Lehrer in einer so kleinen Gemeinde auf russischem Boden 
entwickelt; man glaubt stellenweise einen Arzt, nicht einen Laien zu 
hören. Referent gehört zu jenen unverbesserlichen Idealisten, welche 
die körperliche Erziehung der Schüler zu Gesundheit und Kraft, An- 
motfc und Schönheit genau so hoch anschlagen, als deren geistige Er- 
hebung und Charakterbildung. Es thut geradezu wol, eine Stimme zu 
fceren, welche von dem Boden der Erfahrung ausgehend, harmonische 
Ausbildung der studierenden Jugend mit Einsicht und Entschiedenheit 
Wgehrt. 

Das vorliegende Schriftchen , welches sich auf 28 ziemlich gross 
gedruckten Seiten über seinen Gegenstand ausspricht, behandelt manche 
sjeaer gehörige Gegenstände nicht, oder streift dieselben nur, — das 
gebrochene Wort war ja an das Elternhaus, nicht an die Lehrerschaft 
gerichtet — ; allein was der Verfasser sagt, zeigt, dass er gut unter- 
richtet ist, viel gedacht hat und eine ideale Auflassung von der Schule 
Wctxt — Vergleicht man die richtigen und ausgebreiteten Anschauun- 

Z«ti«ckrift f. d. feterr. Oymn. 1878. UI. Heft. 15 



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226 8. Ritter , Umschau in den Unterrichtsräumen der Schule. 

gen, welche Holzmayer über Schulgesundheitspflege hat, mit den durch- 
schnittlichen Kenntnissen, welche über denselben Gegenstand bei dem 
österreichischen Mittelschul - Lehrerstande in Theorie und Praxis gefun- 
den werden, dann fallt der Vergleich zu unseren Ungunsten aus. Wie 
häufig versündigen sich in unseren Mittelschulen auch solche Lehrer, 
die man gescheidt, eifrig, wolwollend, human nennen muss, ja sogar 
solche, die Familienväter sind, an der Gesundheit ihrer Schüler, — frei- 
lich ohne es zu wollen, freilich ohne es zu wissen. Gerade die in ihrem 
Fache eifrigsten versündigen sich mitunter am schwersten. Woran liegt 
die Schuld? Einmal daran, dass das Unterrichtsgesetz die körperliche 
Erziehung des Gymnasiasten thatsächlich ignoriert und zweitens daran, 
dass — in der Consequenz des genannten Uebels — unsere Mittelschul- 
Lehramtscandidaten, welche doch auf der Schulbank manche anato- 
mische und physiologische Kenntnisse sich holen mussten, die das 
Mass des an ausserösterreichischen Gymnasien Gebotenen überschreiten, 
während der Vorbereitungszeit auf ihr Lehramt nicht verpflichtet sind 
Vorträge über Schulhygiene zu hören und nachmal über diesen Gegen- 
stand eine Prüfung abzulegen, ja dass ihnen, — den guten Willen vor- 
ausgesetzt — , an den meisten Universitäten gar keine Gelegenheit ge- 
boten ist, sich über dieses wichtige Stück des künftigen Schuldienstes 
zu unterrichten 1 ). 

An den österreichischen Gymnasien soll nach dem Gesetze die 
Entwickelung eines gebildeten, edlen Charakters das. letzte Ziel 
sein, wie bei aller Jugendbildung. Das ist aber in der Schulpraxis kei- 
neswegs überall der Fall. Man kann nur aussprechen: Es gibt Mittel- 
schulen, es gibt Lehrer an Mittelschulen, welche erziehend zu wirken 
sich bemühen und es auch verstehen. Allein in Folge von Ursachen, 
welche meist in der Periode der Umgestaltung unserer Mittelschulen lie- 
gen (1850—1860) begnügen sich manche Mittelschulen noch heute damit 
ihre Zöglinge zu unterrichten. Ganz unläugbar ist heute bei uns die 
geistige Entwickelung, d. h. die Beibringung von Kenntnissen 
einseitig in den Vordergrund gestellt. Die körperliche Entwicke- 
lung tritt am Gymnasium, entsprechend dem heutigen Standpuncte 
unserer Gesetzgebung, ganz zurück. Das ist ein grosses Uebel, und die 
Gesetzgebung wird sich bald bemühen müssen, diese böse Lücke auszu- 
füllen. Schon in der Enquete - Commission von 1870 wurde der Antrag 
auf Einführung des obligaten Turnunterrichtes an den Gymnasien mit 
freudiger Zustimmung einhellig angenommen. Durch die Erfüllung 
dieser Forderung wird allerdings die Fürsorge des Staates um das kör- 

') Es steht in Deutschland mit den schulhygienischen Kenntnissen 
unserer Standesgenossen nicht besser, als in Oesterreich. Die Debatten 
auf dem anfangs November 1877 abgehaltenen Nürnberger hygienischen 
Congresse haben dies für jeden dargethan, welcher das nicht bereits ge- 
wusst hätte und eben nur den Verhandlungen aufmerksam gefolgt ist. 
Bei solchen Gelegenheiten muss man überdies zwischen den Zeilen zu 
lesen verstehen. 



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& Ritter, Umschau in den Unterrichtsräumen der Schale. 227 

peiüche Wohl jenes T heiles seiner Jugend, welcher einmal zu der edel- 
sten Bifite des österreichischen Volksheeres gerechnet werden rauss, eben 
•o wenig erschöpft werden, als durch den Bau guter Schulhäuser und 
deren zweckmässige Einrichtung, worin Oesterreich heute allerdings vieler- 
crten Mustergilt ig es leistet. Allein ein bedeutsamer Anfang wird damit 
geschehen, nnd die gesetzgebende Gewalt wird ' damit eine Schuld an 
insere Jugend abtragen. 

Disraeli sprach in einer grossen politischen Rede auf einem Mee- 
ting in Manchester nachstehende Worte: „Ich muss darum nachdrück- 
lich wiederholen und möchte es allen meinen Hörern einprägen, dass die 
hygienischen Fragen weit über allen Fragen stehen, welche das Staats- 
interesse zum Gegenstande haben; sie stehen nicht nur höher, als jene 
•ft principiellen Fragen, welche die Parteien scheiden, sie überragen 
leibst alle andern Fragen, welche wegen ihrer grossen Bedeutung die 
Parteiunterschiede verwischen. Sie müssen bedenken, dass die Grösse 
dieses Landes in erster Reihe von der physischen Entwicklung seiner 
Bewohner abhangt, und dass Alles, was zur Verbesserung des Gesund- 
heitszustandes geschieht, auch zur Grundlage wird für die Grösse und 
für den Glanz unserer Nation.* Viele unserer Gymnasiasten werden 
einmal berufen sein, direct oder indirect auf die Entwicklung unseres 
Gesaamtlebens im Staate massgebenden Einfluss zu nehmen. Woher 
•ollen ihnen einmal Anschauungen kommen, wie der geuannte Redner 
sie hier ausgesprochen? Woher soll das Elternhaus, welches in grösseren 
Städten durch seine Forderungen an die Söhne nicht selten an der 
menschlichen Natur geradezu frevelt, zu gesunden Ansichten kommen, 
wenn nicht die Staatsgewalt auf dem Gebiete der Schule entschieden 
vorangeht und das Turnen nicht wenigstens als Gegengewicht gegen 
die viele einseitige Geistesarbeit unseren vielgeplagten Gymnasiasten vor- 
schreibt 

Wir haben in Wien genug Schüler, welche kaum wissen, was 
spazieren gehen heisst, — genug Eltern, welche die Söhne nicht turnen 
lassen, weil diese wegen gehäuften häuslichen Unterrichtes in Musik, 
Speichen usw. — „nicht Zeit haben" zu turnen, genug Gymnasiallehrer 
im Oesterreich, die selbst nie geturnt und darum keine Ahnung von der 
Rftckwirkung des Turnens auf das geistige Leben des Schülers haben 
und au eh hierin von ihrem College n in Arensburg lernen könnten '). 



a ) Ueber den geistigen Gewinn, welcher von den nach harmonischen 
mä rhythmischen Gesetzen geordneten Gemeinübungen ausgeht, spricht 
«eh IL folgeodermassenaus: „Die innere Sammlung und stete Wach- 
keit, welebe dem leise gesprochenen Befehlsworte unmittelbare Folge 
n leisten bat; das Gefühl der Ordnung und Zusammengehö- 
rigkeit, da jede fahrlässige Abweichung oder Zerstreutheit des ein- 
■ben sofort Verwirrung in dem Ganzen anrichtet; der ästhetische 
Sinn, da jede unschöne Bewegung inmitten der Harmonie der Ge- 
ttsustbeit bemerkt wird nnd sich lächerlich macht; der Sinn des 
isichliessens nnd der Unterordnung, indem hier das sich dar- 

15* 



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(Sc 



228 S. Ritter, Umschau in den Unterrichtsräumen der Schule. 

Und doch ist das Interesse unserer Mittelschullehrer an allem, 
was Schulhygiene heisst, nicht schwer zu wecken, wenn dies auf die 
rechte Art geschieht. Referent hat vor einigen Jahren den ersten Vor- 
trag über Schulhygiene im Kreise von Mittelschulprofessoren gehalten 
und grosse Theilnahme an der Sache gefunden, allein sich auch über- 
zeugt, da8s selbst sehr kenntnisreiche Lehrer überrascht waren von der 
Fülle dessen, was zum Umfange der Schulhygiene gehört In Oesterreich 
lebt ein braves, liebenswürdiges, begabtes Volk, bereit zu lernen und 
geeignet rascher, leichter, frischer zu lernen als viele andere Völker. 
Dem entsprechend steckt in unseren Mittelschullehrern eine ausgiebige 
Zahl begabter Naturen, die auch auf dem Felde der Schulhygiene mit 
Erfolg wirken würden, wenn sie zur rechten Zeit die richtige Anregung 
erhalten hätten, und sich nicht bei uns bis zur Schaffung des neuen 
Reichs -Volksschulgesetzes in so vielem, was zur Schule gehört, ein so 
arger Schlendrian festgesetzt hätte. Thatsache ist, dass heute bei uns 
nicht blos der Zahl, sondern auch dem Perzentsatze nach weitaus mehr 
Volksschullehrer über die wichtigsten Forderungen der Schulhygiene 
besser unterrichtet sind und dieselben besser anwenden, als Mittelschul- 
professoren. Und wenn der Staat nicht bald eingreift, wird dies auch 
weiterhin so bleiben. 

Referent kann schon aus räumlichen Rücksichten nur Stichproben 
aus dem interessanten Schriftchen bringen, und so wählt er denn ein 
jedem Gymnasiallehrer naheliegendes Capitel, die Dauer der Unterrichts- 
zeit. Die Ermattung unserer Schüler bei 4— östündigem Un- 
terrichte ist zugleich eine elementare Erschöpfung der 
Gehirnsubstanz an Sauerstoff, — eine Wahrheit, die leider vie- 
len Lehrern unbekannt ist. Referent hat in seinem Vortrag in der Mit- 
telschule erklärt, er sei mit dem fünfstündigen Vormittagsunterrichte 
einverstanden, vorausgesetzt, dass eine mindestens viertelstündige Pause 



aus ergebende Resultat, die Gemeinschaft, dem Schüler unmittelbar in 
die Sinne fällt; besonders aber sinnliche Klarheit und rasches 
Auffassungsvermögen, da der Schüler die körperlichen Abstrac- 
tionen links und rechts , die rhythmische Zeitbewegung, das Raumgefühl 
usw. durch die Bewegungen seines eigenen Körpers fortwährend und 
mit Bewusstsein zur Anwendung zu bringen hat : alles dies sind Ergeb- 
nisse von dem grössten pädagogischen Werte, welche diese Uebnngen 
zu der vortrefflichsten Vorschule für jeden geistigen Unterricht und 
später zur auffrischenden, das sinnliche Leben bewahrenden und erneu- 
ernden Mitwirkung in dem allgemeinen Unterrichtsplane be- 
rufen, dessen Aufgabe es ist, statt siecher, unter der Last des 
todten Wissens erliegender Schwächlinge, frische, kör- 
perlich und geistig wache und von dem Frohgefühl inne- 
rer Kraft beseelte Jünglinge heranzubilden?" — Wie viele 
österreichische Gymnasial - Directoren haben sich mit Ad. Spiess so ver- 
traut gemacht, dass sie im Stande wären aus Ueberzeugung in ähnlicher 
Weise zu sprechen? 



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S. Bitter, Umschau in den Unterrichtsräumen der Schule. 229 

nach der 2. und 4. Stunde, und ein kürzeres Respirium nach der 1. und 
3. Stunde eintrete, welche Zwischenpausen in der guten Jahreszeit und 
bei günstiger Witterung im Schulgarten, oder bepflanztem Hofe, im 
Winter und bei ungünstiger Witterung in einem erwärmten Corridor 
zuzubringen seien und zur körperlichen Bewegung dienen müssen 1 ). An 
dem Gymnasium in Arensburg wird ein solcher Vorgang genau einge- 
halten. Das Turnen, wie das Herumtummeln der Schüler in den Ober- 
wie in den Unterlassen während dieser Respirien ist sehr verständig 
eingerichtet. Die Sorge für die körperliche Gesundheit geht so weit, dass 
in den untersten Classen — so wie bei uns in Unterclassen der Volks- 
schule — auch während der Schulstunden nach Bedürfnis z. B. nach 
anstrengendem Schreiben ganz kurze Zeit (z. B. 1, 2 Minuten lang) ge- 
geregelte Körperbewegungen in der Schulbank ausgeführt werden. — 
Ein Anhang bringt auf S. 30—55 eine sehr gute Anweisung 
rar Leitung von der Zimraergymnastik entnommenen Leibesbewegungen 
bei einer grösseren Anzahl von Zöglingen, ferner 2 Tabellen, deren eine 
die für den Lehrer nöthigen Figuren bringt, während die andere einen 
Cyclos Ton 33 Leibesbewegungen für 6 Wochentage bei einer jedesmali- 
gen Uebungftdauer von 12 Minuten enthält 

Referent empfiehlt das genannte Schriftchen der Aufmerksamkeit 
leiner vaterländischen Collegen und schliesst mit dem Wunsche, dass 
(he Jahresberichte österreichischer Gymnasien Gegenstände der Schul- 
hygiene öfter in den Kreis ihrer wissenschaftlichen Beilagen ziehen mö- 
gen. Der grossen Mehrzahl österreichischer Gymnasiallehrer liegt auch 
dk Gesundheit ihrer Schüler am Herzen; allein in Sachen der Erziehung, 
abo auch der körperlichen Erziehung der Jugend, ist es mit dem guten 
Willen des Lehrers nicht abgethan. Hier sind gründliche und zusammen- 
hangende Kenntnisse nothwendig, und am natürlichsten werden diese 
tater Lehrern von Lehrern propagiert. Bisher haben mehr österreichische 
Aerste als österreichische Mittelschullehrer mit der Schulhygiene sich 
befasst. Es gibt aber Capitel in der Schulhygiene, in welchen wir 
Seh alminner competenter sein sollten als die ärztliche Welt. 

Dr. Erasmus Schwab. 



") Der oben genannte Nürnberger Congress begehrte auch J /< Stun- 
den Unterricht, stets i / i Stunde Pause, bei fünfstündigem Vormittags- 
unterrichte am 11 Uhr '/* Stunde Pause. 



JL 



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Vierte Abtheilung. 



Miscellen. 

Programmenschau. 
(Fortsetzung aus Heft II, S. 153, Jahrgang 1878.) 

5. F. Hübler, Constantin als Alleinherrscher 324—337. 
Seine Reformen (Schlnss). Programm des k. k. Oberrealgymnasiums 
in Reichenberg 1877. SS. 23. 8°, 

Der Verf. bespricht zuerst die Gründung von Constantinopel , so- 
wie die Gründe, welche Constantin bewogen haben, die neue Hauptstadt 
am Bosporus zu erbauen. Die Ausführungen sind wesentlich nach Jacob 
Burckhardt (die Zeit Constantins des Grossen) gearbeitet. Umsomehr 
muss man sich wundern, aus welchem Grunde der Verf. in diesem Theile 
der Arbeit des Namens Burckhardt nirgends erwähnt, wenn man sieht, 
dass ganze Phrasen demselben entnommen sind, so z. B. der Satz: an 
den Mauern der neuen Stadt prallten die Völkersttirrae von 9 Jahrhun- 
derten machtlos ab. Unter den Gründen für den Bau der neuen Stadt 
wird nun von Burckhardt mit Recht auch Constantins Leidenschaft für 
das Bauen angeführt. Im Anschluss an die Gründung der neuen Stadt 
behandelt der Verf. die Veränderung der staatlichen Organisation, di« 
Reformen in der Civil- und Militärverwaltung. Dann werden die Fami- 
lienverhältnisse Constantins und die Reicbstheilung besprochen. Sein 
Verhältnis zum Heiden- und Christenthum soll in einer weiteren „Erg&n- 
zungsarbeit u nachfolgen. Einzelne Ausdrücke wie: der Besitz Consta«- 
tinopels in Frage gestellt muss immer einen europäischen Krieg ent- 
fesseln, hätten ganz wegbleiben können. Auch die Ausdrucksweise: Nach 
Const. zog der kais. Hof, der Eigennutz, die Pflicht, die Neugierde etc. 
nehmen sich sonderbar aus. 

6. Prof. Dr. G. Kürschner, Oesterreichs Vorgeschichte. 
Programm des k. k. Obergymnasiums zu Troppau 1877. SS. 20. 8 f . 

Der vorliegende Aufsatz ist soweit man ersieht für einen grösseren 
Lesekreis bestimmt. Zusammenfassend und recht übersichtlich wird eine 
Darstellung des ältesten Zeitraumes bis zur Uebergabe der Ostmark an 
Liutpold von Babenberg geboten. Die Arbeit ruht grossentheils und mit 
Recht auf Max Büdingers vortrefflichem Buche : „Geschichte Oesterreichs." 
Ausserdem sind die bekannten Werke von Chabert, Krones u. a. benützt. 
Der Verf. betrachtet zuerst die römische Zeit, dann die Periode der 
Völkerwanderung, die Avaren, Baiern und die Begründung der Ostmark, 
den Sturz der grossmährischen Macht, die Avaren und die Erneuerung 
der Mark. Da es sich um eine übersichtliche Darstellung handelte, so 
konnten auf dem engen Räume von 20 Seiten natürlich nur die wesent- 
lichsten Geschichtsmomente zur Darstellung gelangen. 



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MisceUen. 281 

7. Ch. Würfl, Das Ende Kaiser Friedrich I. Programm des 
k. k. Staatsrealobergymnasiums in Brunn 1877. SS. 26. 8*. 

Nach wenigen einleitenden Bemerkungen führt uns der Verf. zur 
These, die er behandeln will, nämlich „in der gewaltigen Menge von 
Berichten, die uns über dies Ereignis vorliegen, Umschau zu halten und 
rar Lösung der Streitfrage, auf welche Weise der Tod des Kaisers er- 
folgt sei, beizutragen." Zunächst werden die Quellen, welche den Tod 
des Kaisers berichten, im Allgemeinen gesichtet. In Betracht kommen 
Tor Allem die epistola de morte Friderici im Anhange zu der Continuatio 
des Otto von Freising und Ansberts Historia de expeditione Friderici. 
Dann schildert der Verf. den Zug durch Kleinasien bis zu dem am 10. Juni 
im Saleph, dem Kalykadnos der Alten erfolgten Tode des Kaisers. Ueber 
die Ursachen des Todes aeeeptiert der Verf. nach eingehender Motivie- 
rung den Bericht der epistola: der Kaiser setzte an einer seichten Stelle 
mit seinem Gefolge über den Fluss und kam glücklicher Weise mit den 
Seinigen am jenseitigen Ufer an. Hier gönnte er sich eine kleine Erho- 
lung. Nach der Mahlzeit wandelte ihn die Lust an ein Bad zu nehmen 
und so den ermatteten Körper wieder zu erfrischen. Er stieg in den 
Fhss hinab, kurze Zeit darauf war er jedoch eine Leiche. 

Die Darstellungsweise ist schlicht und ganz sachlich gehalten. 
Quellen und Hilfsschriften sind mit Umsicht zu Rathe gezogen. Kleine 
Verstösse finden sich. Freisingen statt Freising und dem entsprechen 
Prisingen e n s i s. Das Chronicon Albarici konnte in einer besseren Aus- 
gabe benutzt werden. Von Wattenbach Deutschlands (nicht deutsche) 
öeschichtsquellen ist noch die 2. Aufl. benutzt, während schon die 4. 
im Erscheinen begriffen ist. 

8. J. Kämmerling, Die Beziehungen des byzantinischen 
Reiches zum ostgothischen vom Tode Theoderichs des Gros- 
sen bis zu Theodats Ermordung. Programm des k. k. Staats- 
retlgymnasiums in Freiberg 1877. SS. 19. 8°. 

Die Arbeit bietet keine neuen Gesichtspuncte. Hilfsschriften wer- 
den in derselben merkwürdiger Weise keine citiert, wiewol dieselben und 
mr mitunter in zu sclayischer Weise benutzt werden, wie man sich aus 
folgender Gegenüberstellung überzeugen kann : 



Kämmerling pag. 10. 

war aber schwankend in 

seinen Entschlüssen ohne Kraft und 
Math bei allem Ehrgeiz, doch des 
ehrlosesten Handelns fähig und von 
Biederer Habsucht beherrscht 



Sugenheim, Gesch. d.d. V. pag. 211. 

schwankend in seinen 

Entschlüssen ohne Kraft und Muth 
bei allem Ehrgeiz doch der ehrlo- 
sesten Handlungen fähig 

von unersättlicher Habgier besessen. 
Die Grenzen des ostgothischen Reiches (pag. 1), das Alter Theodorichs 
(jag. 2) sind unrichtig angegeben. Neben Van dal er findet sich Vanda- 
len. Der Stil ist öfter incorrect (pag. 4 durch die die; pag. 5 dass ge- 
rade, wo gerade). Einzelne Citate wie pag. 4 etc. sind ganz überflüssig. 

9. E. Fr. Kümmel, Die zwei letzten Heereszüge Kaiser 
Heinrich III. nach Ungarn (1051—1052) mit Rücksicht- 
nahme auf die bairisch-kärntnerische Empörung. Programm 
des k. k. üntergymnasiums in Strassnitz 1877. SS. 31. 8*. 

Eine ziemlich umfassende und genaue Arbeit, welche jedoch noch 
sieht abgeschlossen ist, denn der Feldzug des Jahres 1052 sowie die 
Folgen der beiden Heereszüge mit besonderer Berücksichtigung des 
baxnsch-kärntnerischen Aufstandes soll in dem nächsten Programme er- 



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2S2 Miscellen. 

ledigt werden. Ein endgiltiges Urtheil über den vorliegenden Aufsatz 
wird Rieh daher erst nach der Vollendung desselben abgeben lassen. Ein 
besonderes Augenmerk wird auf den Druck zu verwenden sein : Dem Re- 
ferenten sind bis jetzt eine grosse Anzahl von Druckfehlern aufgefallen. 
Bei Handbüchern, wie bei Giesebrechts Geschichte der deutschen Kaiser- 
zeit wird es gut sein auch die Auflage, welche benützt wurde, anzugeben. 

10. J. Degn, Der Kampf der wittelsbachischen Partei gegen 
den Luxemburger Karl IV. nach dem Tode Ludwigs IV. 

1347 — 1349. Programm des k. k. Obergymnasiums in Czernowitz 
1877. SS. 12. 8°. 

Der Verf. schöpfte aus allen jenen Quellen, welche von früheren 
Ge8chichtschreibera benutzt worden sind, daher Hess sich, wie er selbst 
eingesteht, wenig Neues bringen. Nach der Meinung des Ref. ist dies 
besonders seitdem die Reffesten Karls IV. durch den Fleiss Alfons Hubers 
so schön gesammelt vorliegen nicht ganz zutreffend. In mehrfachen 
Puncten lassen sich frühere Darstellungen theils ergänzen, theils erwei- 
tern. In der Einleitung gibt der Verf. eine kurze aber nicht immer zu- 
treffende Charakteristik der bedeutsamsten Hilfsmittel. Wenn er von 
Petzeis Kaiser Karl IV. diesem trockensten aller Handbücher, das Ur- 
kunde an Urkunde reicht, wie es in unseren Tagen in den Werken von 
Kopp geschehen ist, behauptet, dass derselbe in dem Bestreben alle 
Handlungen Karls in dem besten Lichte darzustellen zu weit geht, so 
kann man das Urtheil im Ganzen nicht billigen. 

Im weiteren Verlaufe schildert nun der Verf. die Lage des wittels- 
bachischen Hauses nach dem Tode des Kaisers Ludwig, dann die Be- 
mühungen Eduard von England, dann Friedrich von Meissen, endlich 
Günther von Schwarzburg zur Annahme der Krone zu bewegen, bis end- 
lich zwischen den Luxemburgern und Witteisbachern ein feierlicher Aus- 
gleich erfolgte. Im Einzelnen lassen sich auch Ausstellungen machen, so 
spricht heute Niemand mehr von Benessius Dubneri, unter welchem offen bar 
Benessius minorita gemeint ist. Aus p. 9 Note 3 lese ich dass der Verf. 
den Albertus Argentinensis und Mathias von Neuenburg für zwei ver- 
schiedenen Schriftsteller hält. 



11. A. Milan, Karls IV. erster Römerzug im Anschluss an dessen 
Beziehungen zu Italien und den Päbsten Clemens VI. und Inno- 
cenz VI. Programm der k. k. Staats- Unterrealschule in Karolinen- 
thal (Prag) 1877. SS. 46. 8*. 

Die Arbeit des Prof. Milan gehört zu den besten hisi Programm- 
aufsätzen, mit denen uns das heurige Studienjahr beschenkt hat. Sie 
beabsichtigt nur im Allgemeinen die Beziehungen Karls IV. zu Italien 
und den Päbsten und dessen ersten Römerzug in den Hauptmomenten 
darzustellen und erreicht dies Ziel in glücklicher Weise. In einigen ein- 
leitenden Worten charakterisiert der Verf. die Stellung Karls bei seiner 
Königswahl, dann erörtert er in zwei grösseren Capiteln 1. die Zustande 
Italiens vor der Ankunft Karls und die Umstände, welche diesen hin- 
derten in den ersten Regierungsiahren seinen Römerzu? zu unternehmen. 
2. den vielgeschmähten und verlästerten Zug Karls selbst. Das urkund- 
liche Material ist sehr sorgfältig benützt, für den zweiten Theil haben 
auch die Berichte des Johannes dictus Porta de Annoniaco ihre Würdi- 
digung erfahren. Dem Inhalte nach sind dem Ref. keine wesentlichen 
Irrthümer aufgefallen, gegen einzelne minder wichtige Puncto Hessen 
sich Einwendungen machen, aber diese betreffen mehr den formellen 
Theil der Arbeit, so z. B. wenn gesagt wird, dass mit dem Königthum 



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Miscellen. 233 

Karls ein schöner Traum Johanns und das Ziel Jahre langer Mühen und 
Dumpfe dieses Fürsten erreicht war, so wird man sich erinnern, dass 
Johann noch in den letzten Momenten selbst gegen Willen seiner Söhne 
n Transactionen mit den Witteisbachern geneigt war. 

Die Schilderung der Zustände von Florenz (pag. 7) erinnert doch 
mehr an die Zeiten Savonarolas. Pag. 45 könnte es leicht scheinen, als 
fei Albrecht 1. im heftigsten Kampfe mit dem Pabstthum gestanden, als 
er starb, wenn gesagt wird, dass Heinrich VIL durch die päbstliche 
Partei erhoben wurde. 

Mehrfache unrichtige Schreibungen wie pag. 6, 8, Gibelline pag. 5 
Günter sind anzumerken, im Uebrigen verdient die Arbeit auch nach 
ihrer formellen Seite hin volles Lob. 



12. Dr, Th. Tupec, Ueber die Methode des Unterrichtes in 
der Geschichte. Programm der k. k. deutschen Lehrerbildungs- 
anstalt in Prag 1874-77. SS. 18. 8°. 

Wie es mit dem Unterrichte in der Geschichte an unseren Volks- 
schulen aussieht, der heute nebst vielen anderen Disciplinen leider auch 
and zwar auf Kosten der Grundelemente einer jeden weiteren Fortbildung 
an denselben getrieben wird, darüber kann uns folgender Stossseufzer 
des Verf/s der obigen Abhandlung einige Auskunft geben: „In Oesterreich 
wird gegenwartig die Geschichte nicht blos an den Bürgerschulen , son- 
dern auch an den Volksschulen in grösserer Ausdehnung gelehrt, als 
früher. Der Unterricht in der Geschichte ist jedoch ein höchst schwie- 
riger, die Zahl der guten Lehrer in diesem Gegenstande verhältnismässig 
gering. Indem nun plötzlich eine so ausserordentlich grosse Zahl von 
Personen zum Lehramt der Geschichte berufen wird, sind Fehlgriffe un- 
Termeidlich; unter solchen Umständen lohnt es sich wol, in dem Pro- 
gramme einer Lehrerbildungsanstalt, das viele Lehramtscatididaten bei 
Ihrem lustritt aus der Anstalt als Andenken mit in das Leben hinaus- 
Behmeo und das auch von schon angestellten Lehrern gelesen wird, die 
wichtigsten Regeln des Geschichtsunterrichtes zu erörtern, selbst auf 
die Gefahr hin Dinge zu sagen, die den Kennern der paed. Literatur 
Üngst bekannt sind. Nicht allein der, welcher ein gutes Wort zuerst 
ausspricht stiftet Gutes, sondern auch der, welcher es zur rechten Zeit 
ia das Gedächtnis zurückruft. tt So weit der Verf. In der That finden 
wir gar keine neuen Auseinandersetzungen über die Methode des hist. 
Unterrichtes, ja man wird der Arbeit den Vorwurf machen dürfen, dass 
ftoch so manche Schrift über diesen Gegenstand unberücksichtigt geblie- 
ben ist 

Aber die Urtheile der Pädagogen wie Benecke und Willmann die 
der Verf. resümiert sind meistens zutreffend und so mag das Schrift- 
eben den Lehraratscandidaten für Volksschulen, für die es zunächst be- 
itünmt ist, in der That von einigem Nutzen sein. 

13. A. Löffler, Kurze Darstellung der, wichtigsten Bestre- 
bungen zur Sicherstellung der Nilquellen. Programm des 
Comm.-Real- und Obergymnasiums in Brüi 1877. SS. a 8 . 

Schon Peschel in seiner Geschichte der Erdkunde (pag. 25 der 
1* Aufl.) bemerkt, daas man bis zum Jahre 1863 das grösste Naturräthsel 
Afrikas den Ursprung des Nils nur auf ptolemäischen Karten studieren 
tante. Heutzutage — also nach kaum 15 Jahren haben die Bestre- 
toagen um die Erforschung der Nilquellen ihren befriedigenden Abschluss 
ftfondeiL Da dürfte es dann nach der Meinung des Verf. des obigen 
Aufsatzes nicht überflüssig sein, eine kurze Darstellung jener Bemühungen 



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234 Miscellen. 

zu geben die es sich zur Aufgabe gesetzt hatten, jenes Räthsel zu lösen. 
Diesem Zwecke ist die vorliegende Arbeit entsprungen; dass übrigens 
bei der gedrängten Kürze, in welcher der Verf. seinen Gegenstand be- 
handelt, einzelne Männer und deren Bemühungen übergangen werden 
mu8sten, ist begreiflich. Im Ganzen und Grossen sind jedoch die wich- 
tigeren Versuche, welche seit 1840 gemacht wurden d. h. seit der Zeit, 
in welcher Mehemet Ali den Unternehmungen seinen Beistand gewährte, 
richtig angegeben, am längsten verweilt der Verf. natürlich bei den Be- 
strebungen Bakers, Gordons und Stanley's. 

14 Ed. Eicht er, Die hist. Geographie als Unterrichtsgegen- 
stand. Programm des k. k. Obergymnasiums in Salzburg. SS. 25. 8°. 

Richters Arbeit bietet vielmehr, als der Titel verspricht, denn 
nicht von der hist. Geographie als solcher allein ist die Rede, der Verf. 
behandelt vielmehr den Unterricht in der Geographie an den Mittel- 
schulen überhaupt. Mit Recht hebt er die Schwierigkeiten hervor, die 
es mit sich bringt, dass auf der untersten Stufe des geographischen 
Unterrichtes mit den schwierigsten Partien, nämlich mit der math. Geo- 
graphie begonnen wird ; mit eben so viel Berechtigung schliesst sich der 
Verf. der Meinung jener an, welche den Unterricht nicht mit der math. 
Geographie, sondern mit der Kunde der Heimat beginnen — eine Me- 
thode, durch welche der Schüler mit der sichtbaren Erscheinung der 
Erdoberfläche von seinem eigenen Aufenthalte aus bekannt gemacht wird. 
Der Verf. bespricht die wichtigsten Anschauungsmittel Ar den geogr. 
Unterricht, welche dem Schüler zu Gebote stehen. Vollkommen wird 
man der Ansicht des Verf. sein, wenn er sagt: Man lasse die Schulwand- 
karten stets vor den Augen der Schüler hängen (ein Umstand, den, wie 
der Ref. aus Erfahrung weiss, die localen Verhältnisse sehr oft unmög- 
lich machen, sei es dass die Localitäten viel zu finster oder zu eng sind 
als dass man in denselben Kartenwerke unterzubringen vermöchte) ; man 
lasse nicht einige Male im Jahre zierlich bemalte Kärtchen zeichnen, 
sondern jede Stunde auf einer Schiefertafel oder in einem Hefte und 
gleichzeitig an der Schultafel arbeiten. Nur mit dem Schlusssatz kann 
sich der Referent nicht befreunden: „Auch das Durchpausieren ist eine 
sehr empfehlenswerthe (sie) Uebung." ') Was endlich die hist. Geographie 
anbelangt, so soll in derselben „mit Hilfe der klimatischen Elemente, 
der richtig verstandenen Karte, der Abbildungen, des Vortrages und der 
Leetüre ein Gesammtbild der einzelnen Länder entstehen, wie sich die- 
selben in verschiedene Landstriche gliedern, wie ihre Verkehrsverhältnisse 
etc. beschaffen sind — ein Gesammtbild also, welches in Verbindung 
mit dem erworbenen geschichtlichen Wissen dem Schüler wenigstens 
einen Schimmer von dem geben soll, was man Kenntnis von Land und 
Volk nennt* 4 In solcher Weise, meint der Verf. würde die hist. Geogra- 
phie der oberen Classen sich wie ein höherer Cursus dem geographischen 
Unterricht der niederen Classen gegenüberstellen. Der Verf. erörtert 
dann, wie nach seiner Meinung in den einzelnen Classen des Obergym- 
nasiums vorgegangen werden sollte. 

J. Loserth. 

*) Dass übrigens in Deutschland als Remedium gegen das Pausen 
Ohrfeigen ausgetheilt werden, wie Prof. Kirchhoff in einer Rec. der ob. 
Arbeit in der Jen. Lit. Zeit, behauptet, scheint doch, wie wir im Inter- 
esse der Mittelschulen Deutschlands glauben wollen, nur eine leicht hin- 
geworfene Phrase zu sein. 



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Miscellen. 2 #5 

15. Jnl. Glowacki, Uebersicht über den heutigen Stand der 
Frage von dem Wesen der Lichenen. (Enthalten im achten 
Jahresbericht des steiermärk.-landschaftl. Realgymn. zu Pettan. Ver- 
öffentl. am Schluss d. Studienj 1877.) 8°. 24 S. 

Der vorliegende Aufsatz ist mit Sachkenntnis und mit beinahe 
vollständiger Benützung der betreffenden botanischen Literatur geschrie- 
ben. Man sieht t dass der Verfasser selbst Lichenologe ist und seine Auf- 
gabe mit Lust und Liebe löste. Es kann somit Qlowacki's Arbeit allen 
Jenen empfohlen werden, welche sich über den gegenwärtigen 8tand der 
Frage von dem Wesen der Lichenen schnell und leicht orientieren wollen. 

16. J. G rem blich, Beginn der Torfbildung. (Enthalten im Pro- 
gramme des k. k. Obergymnasiums zu Hall. Am Schlüsse des Schul- 
jahres 1876—77.) Innsbruck 1877. Bei Wagner. 8». 21 S. 

Dieser Aufsatz ist mit Fleiss gearbeitet und enthält eine gute 
Schilderung der Torfmoore Nordtirols, so wie des Beginnes der Torfbil- 
dung in denselben. Auch die sehr umfangreiche Literatur über den ge- 
nannten Gegenstand wurde ziemlich vollständig berücksichtigt, obwol im 
Einzelnen manche kleine üngenauigkeiten sich finden. ') Die Besprechung 
der organischen Einschlüsse in den Almlagern (S. 12—15) ist auch für 
den Zoologen und Paläontologen von Interesse. 

Reichardt. 



17. Dr. Franz Cahourek, Würdigung der von Mohs, Zippe 
und Naumann aufgestellten Mineralsysteme mit Rücksicht 
auf den Gymnasialunterricht. Jahresbericht des Staatsreal- u. Ober- 
gymnasiums zu Nikolsburg 1877. Verlag des Gymnasiums. 

Der Verfasser bemerkt nach einigen einleitenden Bemerkungen, 
dass die meisten alten Eintbeilungen an Inconsequenz leiden, indem für 
die Clasaen und Ordnungen ein anderes Princip herrscht als für die 
Genera. 

Einer besonderen Beachtung würdigt er das Mohs'sche Mineral- 
svitem, dessen Grundzüge er entwickelt. Wenn nun auch der Mohs'schen 
Syttematik manche Vortheile nicht abgesprochen werden können, so ist 
doch die Vernachlässigung der chemischen Momente eine so nachtheilige, 
«bss sie allein genügt, um das Mohs'sche System unmöglich zu machen ; 
rah in der Behandlung der Kristallographie blieb Mohs weit hinter 
seinen Zeitgenossen, namentlich hinter Christian Weiss zurück; deshalb 
ist heutzutage die Mohs'sche Systematik ganzlich in den Hintergrund 
getreten. Es ist daher nicht ganz zu rechtfertigen, wenn der Verfasser, 
trotzdem er anerkennt, dass die Vernachlässigung der chemischen Zu- 
ammensetzung der Mineralien ein Fehler war, dem Mohs'schen System 
eine solche Bedeutung zuschreibt. 

Verfasser bespricht dann das Zippe'sche und das Naumano'sche 
Mineralsystem, welch letzteres er im Ganzen als ein meisterhaftes, nur 
in den Details hie und da mangelhaftes bezeichnet 

Zu den heutzutage an Mittelschulen in Gebrauch stehenden Lehr- 
buchern übergehend betont er in richtiger Weise die Vorzüglichkeit des 



*) So werden öfter Arbeiten von „Dr. Loren tzer* citiert. Es sind 
dies die gediegenen Abhandlungen, welche Dr. Jos. Lorentz über die Torf- 
moore Salzburgs in den Verh. d. zool. bot. Gesellschaft veröffentlichte. 



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£86 Miscellen. 

Lehrbuches von Bisching und Hocbstetter, und bemerkt hiebei, dass 
dieses Werk, gegenüber dem Kenngott'schen manchen Vorzug bietet, mit 
welcher Ansicht wol manche Fachleute übereinstimmen dürften. 

Etwas zu hart scheint dagegen das Lehrbuch von Dr. F. Horn- 
stein beurtheilt worden zu sein, Verfasser wirft ihm vor, es sei ein blosses 
Mineralregister, welches für den Chemiker genüge, dem Mineralogen aber 
nicht entsprechen könne. 

Referent möchte dagegen bemerken, dass die Aufstellung und con- 
sequente Durchführung des chemischen Momentes als Haupteintheilungs- 
princip der Mineralogie kein Fehler ist, und dass die Auflassung der 
alten Gruppen: Kiese, Blenden, Glänze, kein Nachtheil ist 

Das genannte Werk ist im Gegentheil in mancher Beziehung allen 
anderen für Mittelschulen bestimmten Werken überlegen 

Graz. K. Doelter. 



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Fünfte Abtheilung. 



Nekrolog. 

Otto Koren. 

Otto Koren, geb. zu, Wien am 18. Februar 1849, genoss bereits 
11 zartem Knabenalter die ausgezeichnete Anleitung seines nicht nur 
hochgebildeten, sondern auch schöngeistig angeregten Vaters, des lang- 
jährigen Schulrathes für Triest, das Küstenland und Dalmatien, Vincenz 
Koren, dessen Andenken an der Statte seiner Wirksamkeit trotz der 
Tiden Jahre, die seither verflossen, nicht erloschen ist Von diesem Manne 
vard er mit weisem Takte geleitet, von seiner Mutter Franziska, einer 
edlen und zugleich energischen Frau, als einziges Kind wie ihr Augapfel 

Sätet, und so entfalteten sich die reichen Anlagen des südlich leb- 
ten Knaben zu hoffnungsvoller Blüte. Es war der 23. Nov. 1862, als 
der jähe Tod des trefflichen Vaters — ein Herzschlag hatte ihm inmitten 
seines Familienkreises ein plötzliches Ende gebracht — das heitere Glück 
sorgloser Kindheit zerstörte. Es war das erste Mal, dass die schwere Hand 
des Schicksales in das Leben unseres Freundes eingriff und die Fäden 
ferrias, die menschliche Vorsicht gewoben. 

In materiell gänzlich veränderter Lage zog er an der Hand der 
ichmerzgebeugten Witwe nach Wien. Wol gab es da manchen Rückblick 
anf Tergangene bessere Zeiten ; doch gefiel er sich nicht in unmännlichen 
Klagen ; im Gegentheile, der Gedanke seiner Mutter eine Stütze zu werden 
and ihr Ersatz zu bieten für das, was sie verloren, ward sein Leitstern 
für die ganze noch zu durchmessende Bahn seiner Studien. Er hat diesen 
Vorsatz treulich gehalten und ist ein guter Sohn, der Stolz und die 
Freude seiner Mutter geblieben sein Leben lang. 

Als Quintaner war er aus der Fremde an das Schottengymnasium 
«kommen; durch Begabung und ernstes Streben gewann er sich bald 
den Tollen Beifall seiner Lehrer, denen er, wie er nachmals oft erwähnte, 
die Gründlichkeit seiner Vorbildung für die philologischen Studien ver- 
dankte. Die mit Auszeichnung abgelegte Muturitätsprüfung beschloss 
(1866) diese vierjährige Periode, in der sich nicht nur sein Wissen ver- 
tieft und erweitert, sondern auch sein Charakter zu jener Festigkeit und 
Selbständigkeit entwickelt hatte, die auch späterhin eine seiner hervor- 
stechendsten Eigenschaften blieb und ihm die Achtung Aller, die ihn 
kannten, auch über das Grab hinaus gesichert hat. 

An der Universität harrte seiner eine erhöhte, auf seine Lieblings- 
itndien concentrierte Thätigkeit Nach kurzer Frist ward Bonitz auf ihn 
aufmerksam und nahm ihn in das philologische Seminar auf. Hier fand 
sein jugendlich rascher Geist die kräftigste Nahrung und zugleich die 
»eiste Bethätigung. Oefter und öfter ward sein Name genannt, wenn 
wn den Besten die Bede gieng und bei den lateinischen Disputationen 
namentlich war es, wo er durch seine allzeit schlagfertige Dialektik und 
seine rapide Latinität, die ihn nie im Stiche Hess, die meisten Triumphe 



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288 Nekrolog. 

feierte. Nach einer dieser gewinnreichen Stunden war es auch, als ihm 
Vahlen in Anerkennung seiner Vorzüge ein os magna sonaturum verhiess. 

Der Meister hat sich geirrt; zu früh hat die Parze den beredten 
Mund geschlossen, den die Musen geöffnet. 

So hat er sieben Semester rastlosen Strebens in den akademischen 
Hallen recht eigentlich unter den Augen seiner Professoren und in häu- 
figem Verkehr mit ihnen, namentlich mit Vahlen, Hartel und Hoffmann 
zugebracht. Wer hat ihn nicht gekannt von uns Allen, die wir uns da- 
mals in die philosophischen Hörsäle drängten, den schlank und doch 
kräftig gewachsenen jungen Mann von auffallendem, südlichem Typus, 
von schwarzem Haar und beweglich feurigem Blicke! Und wie viele 
waren enger mit ihm verbunden und haben seine Nähe gesucht, selbst 
von denen, welchen er als Recensent oder als Interlocutor in irgend einer 
Disputation entgegentrat; denn er stritt gegen die Sache, nicht gegen 
die Persönlichkeit und vermied es in angestammter Noblesse der Gesin- 
nung seine Ueberlegenheit , auch wo sie evident war, in unangenehmer 
Weise fühlbar zu machen. Auch darum hat man ihn geachtet und es 
soll ihm unvergessen bleiben. 

Mit raschen Sprüngen durcheilte er die Stadien, die ihn noch von 
einer Lehrkanzel trennten. Schon im Sommer 1870 als Supplent am k. k. 
akad. Gymnasium verwendet, legte er am Schlüsse des Semesters eine 
glänzende Lehramtsprüfung ab und ward von Generth für den nächst- 
folgenden Winter an das Landstrasser Oberrealgymnasium berufen. Der 
Frühling 1871 fand ihn schon als wirklichen Lehrer am k. k. Gymnasium 
in Triest und nach wenigen Monaten erhielt er durch Gernerth, der ihn 
schätzen gelernt hatte, eine Lehrkanzel an dem Landstrasser Gymnasium, 
dem er bis zu seinem Tode als Professor angehörte. 

Seine Wirksamkeit als Lehrer der classischen Philologie an dieser 
Anstalt eines Näheren beleuchten, kann nicht der Zweck dieser Zeilen 
sein. Berufenere Stimmen aus dem engeren Kreise seiner Coliegen selbst 
werden sich erheben, um den Verlust eines ausgezeichneten Genossen zu 
beklagen. So viel blieb trotz der Kargheit, mit der er die Worte abwog, 
wenn es galt intimere Amtsverhältnisse zu berühren, auch den seiner 
Lehrthäti gleit ferner stehenden Freunden erkennbar: Er war ein pflicht- 
getreuer Mann, freudig in seinem Berufe, streng gegen sich und gerecht 
gegen Andere. 

Die Mussestunden , die er seinem Amte abgewann, gehörten voll 
und rein der Wissenschaft. Tief eingedrungen in die gesammte Literatur 
der Griechen und Römer, sowie in die Theologie der Neueren, hatte er 
einem Zuge seines Wesens nach dem Geheimnisvolleren und Entlegene- 
ren Folge leistend sich dem 8tudium vergleichender Mythologie zuge- 
wendet. Mächtige Pläne entwarf er, für deren Verwirklichung er nebst 
seiner geistigen Kraft auch die Hoffnung auf Jahrzehnte ungestörter 
Arbeit mit als Factor in die Rechnung setzte. So begann er im Jahre 
1872, um eine lang beklagte Lücke seines Wissens auszufüllen, das Stu- 
dium des Sanskrit und um sich dieses Studium auf breiterer Basis m 
ermöglichen, im Jahre 1873 die Erlernung des Englischen. Er hatte 
die Anfangsschwierigkeiten überwunden, als ihn der März desselben 
Jahres bereits auf das Krankenlager warf. Mit einem Urlaube Verliese er 
Wien im Mai, aufgegeben von den Aerzten, aufgegeben von seinen Freun- 
den und selbst von seiner Mutter, die den schweren Weg mit ihm nach 
Botzen antrat, wo er für seine in der Auflösung begriffene Lunge Heilung 
zu finden hoffte. Und er fand sie. Heiteren Geroüthes und in boffnun«- 
freudiger Stimmung traf ich ihn schon im August jenes Jahres in der 
Nähe von Brixen in einem schattigen Wäldchen seinen Hitopadesa lesend; 
im Herbste kehrte er zur Freude Aller, die ihn kannten, nach Wien 
zurück und der Frühling 1874 gab ihn vollständig dem Leben und auch der 
Schule wieder. Dieses und das folgende Jahr bildete für ihn die Periode 
rührigster und mannigfaltigster wissenschaftlicher Bethätigung. Selbst 



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*ää an» HTlTmirffirfti Tmaribnabarea. ab«'. *r* d^ F\°e^Wi£H\ T^lwSc^ 
a£ TTTrttfriThMafgp dtflifemK. Eis* Anschwoll uns <äo$ hnk** liAndcttfcnlr* 
■» 9 cht Ihn mmü üit setes Zunahmen mehr und mehr beunruhigte« 
£>cxinx -jus X^öOfltttteT ^75 holt*?- er d*n Rst« mehrerer nwdirtnt* 
KÄät unfl iiiiiruspsabea Celebritaten ein; die Antworten lauteten ver* 
rMrnfff Imähci orasriitess er sich nach mannigfachen Scowankuu^u> 
fiea Arn. iiCnst sx lassen. Er fand biednreh eine wesentliohe Krleionte- 
Tie «nwr Sdinnerzen und hoffte fortan aof Heilung der Wunde» die er 
be±5 üt ^armj&aa. soedern als lokalisiertes Haupt übel betrachtete. 

Samt sjcxi&ffl nahmen hiebei einen ungestörten Fortgang. Mit WeU»r» 
'"lcüöfr^ Tino 1 H*x£ hatte er schriftliche Verbindung aufknüpft, mit 
TTxerujn Mtütx mnd Polej lebhaften persönlichen Verkehr angebahnt Noeh 
€SBsal hcäaem sein Stern aufzuleuchten, als er von Leitner duroh Kr» 
Isller* V«TÄiitt3ung einen ehrenvollen Ruf an eine höhere Lehranstalt 
ia Lagere erhielt. Er verschob die Erfüllung dieses seines Lieblings- 
in Indien selbst zu wirken in richtiger Erkenntnis der Vor* 
mmI die Zukunft und warf sich mit verdoppeltem Eifer auf da« 
lies Pali und Prakrit, sowie auf die praktische Vervollkommnung 
ia lagfisehen und die Erlernung des Hindostani. Im Sommer de« Jahres 
1K$ km er um einen halbjährigen Urlaub ein, den er unter (-hlldeiV 
lä£s*~ in London zuzubringen gedachte. Allein Ch tiders starb und der 
enefcxte Urlaub ward verweigert. Das Glück, das unserem Freund« au- 
Sagncfc treu zur Seite zu stehen schien, hatte ihn verlassen. 

Die Sommerferien dieses Jahres nahten heran. Koren vorbmrhto 
«e im Jodbade Hall und kehrte von dort mit getauschten Hoffnungen 
vaä m verdüsterter Stimmung zurück. Nicht einmal mehr seit jenen 
Sonsertagen hat er sich des Lebens gefreut. Er kämpfte einen langen, 
sekveren, doppelten Kampf, des Lebens mit dem Tode und des eigenen 
ackeren Streoens mit seiner Tagespflicht. Niemand hat ihn darüber 
■urren hören. Fiebernd und hüstelnd schleppte er sich noch ein ganzes 
Jahr lang in die Schule. Gedanken an die Amputation des linken Annes 
schwebten ihm beständig vor, der Kummer um die Zerstörung seiner 
Stadien plane nagte an seinem Herzen. 

Noch einmal regte die Hoffnung ihre Schwingen all er im Qctohor 
1877 nach dem Süden zog, um den Winter unter dem milden Hlmrnel 
von Gdrz zu verleben. Der Anne! Der Tod sah ihm ans den Augen, als 
er ton fröhlicher Rückkehr sprach. Er hat nicht lange mehr gelitten. 
Haeh der im Theater Spitale mit ausgezeichneter Geschicklichkeit vor- 
genommen AmputJening des linken Unterarmes vernarbte die Wunde mit 
erstaunlicher Schnelligkeit AeuaseTlich geheilt verlies* er daa Kranken- 
lager, verfiel aber von Tag zu Tag einer grosseren Schwäche, Am 
23. Januar 1878 verschied er sanft und schmerzlos in den Armen wAnvr 
Mutter. 

Auf dem Göraer Friedhofe rabt er nun nach seinen langen JUM*n, 
Ein einfacher ztam mal »ssutm Xamenszuge bezeichnet Au-, Statu, an 
der unser Korea tttgmä** h^gL 

Wien. Carl Holzinger, 



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Erstes Verzeichnis 

der beim österreichischen Comitä zur Gründung einer Diez-Stiftung bis 
zum 20. Januar 1878 eingelangten Beitrage. 

Von Czernowitz: Prof. Dr. Budinsky fl. 10 

von Graz: Prof. G. Botteri fl. 5, Prof. Dr. G. Meyer Mk. 10, 
Prof. Dr. A. Schönbach fl. 25, Prof. Dr. H. Schuchardt 
fl. 50. — dazu von Prof. Dr. Ludwig Lemcke in Giessen 
an Prof. Schuchardt geschickt Mk. 30 . . . . fl. 80 Mk. 40 

von Innsbruck : Prof. Dr. F. De Mattio eino 100 fl. Papier- 
Rente (mit Coupons von Februar 1878 an), Landesschul- 

rath Dr. Chr. Schneller fl. 5 fl. 5 

von Krems: Prof. Overschelde fl. 2 

von Prag: Prof. Dr. 0. Benndorf fl. 5, Prof. Dr. Kvicala 
fl. 5, Prof. Dr. E. Martin fl. 33 (hat auch in Berlin Mk. 20 
subscribiert), Prof. Dr. Pangerl fl. 4 . . . fl. 47 

von Rakonitz: Prof. F. Schubert fl. 2. Prof. Fr. Sobek fl. 1 fl. 3 
von Triest: Dr. Attilio Hortis fl. 50. Andere Subscriben- 

ten fl. 52») fl. 102 

von Wien: Lehrkörper der Mittelschulen: a) Comm.-Real- 
und Obergymnasium im IL Bez. (Proff. Bargerstein fl. 1, 
Dr. Filek v. Wittinghausen fl. 5, Dr. Fuss fl. 1, von 
Renner fl. 1, Schmidbauer fl. 1, Ziffer fl. 1) fl. 10; b) Unter- 
realschule im IL Bez. Prof. Dr. Jarnik fl. 5; c) Ober- 
realschule im III. Bez. (Prof. Gudra fl. 5, Suppl. Hirsch 
fl. 5, Suppl. Rischner fl. 5) fl. 15; d) Unterrealschule im 
V. Bez. (Prof. Gärtner fl. 5, Prof. Swoboda fl. 10) fl. 15; 
e) Oberreal8chule im VII. Bez. Prof. Götzersdorfer fl. 5, 
Prof. Mord fl. 5, Suppl. Kreutzinger fl. 5, Suppl. WÜrz- 
ner fl. 5) fl. 20; f) Unterrealschule in Sechshaus (Director 
Pisko fl. 3, Prof. Löffler fl.5. Prof. Richard fl. 1, Prof. 
Schnarf fl. 2, Turnlehrer Dürr fl. 1, Suppl. Wolf fl. 1) fl. 13. 
— Ausserdem Prof. Dr. W. Hartel fl. 5, Prof. Dr. R. Hein- 
zel fl. 10» Hof- und Ministerialrath Josef Ritter v. Krum- 
haar fl. 10, Hofrath Dr. Ritter v. Miklosich Mk. 50, Profi 
Dr. Fr. Müller fl. 5, Prof. Dr. Ad. Mussafia fl. 50, Colla- 
borator L. Scharf fl. 5, Sectionsrath Leop. Schulz v. Straz- 
nicki fl. 10, Hofrath Prof. Dr. K. Tomasche k fl. 5 . . fl. 178 Mk. 50 

Summa fl. 427 Mk. 90 

Weitere Beitrage nimmt Prof. Dr. Ad. Mussafia (Wien L Weih- 
burgasse 32) entgegen. 



') Das Verzeichnis derselben soll später veröffentlicht werden. 



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Erste Abtheilung. 



Abhandlungen. 

Der aegyptisohe Mythus im Pbaedrus des Piaton 
und seine Consequenzen. 

Fast möchte es scheinen, als sei der Dialog Phaedrus ein . 
Bach mit sieben Siegeln; denn trotz mannigfacher und tiefgehen- 
der Untersuchungen sind die Akten über den Phaedrus noch nicht 
geschlossen. Und in der That! dieser Dialog rechtfertigt im 
vollsten Masse das allseitige und unermüdliche Interesse nicht 
bloss deshalb, weil er eine wichtige Grundfeste des gesammten 
platonischen Lehrgebäudes bildet, sondern auch weil er uns einigen, 
wenn auch spärlichen Aufschluss über Piatons Charakter als Lehrer 
and Schriftsteller bietet. In dieser letzteren Beziehung verdient 
vor allem der ägyptische Mythus und dessen Erläuterung durch 
Söhnte* einige Beachtung. (Phaedr. 274 C — 277 A. vgl. Zeller. 
Hermes XI. 1876 p. 84). 

Nach Sokrates Meinung steht die Schrift in einem schroffen 
Gegensätze zur Bede. Die Mängel jener möchte ich in äussere 
rad innere unterscheiden; zu den letzteren gehört das Unvermögen 
n erkennen, an wen sie sich wenden solle ; hierin ist in der That 
4*$ lebendige Wort ungleich wertvoller, indem der Sprechende 
za reden und zu schweigen in der Lage ist , wem gegenüber das 
eioe oder das andere passend erscheint (276 A). Die Schrift ist 
ferner am todter Buchstabe nicht im Stande, Missdeutungen zu 
tahimpfinn, Angriffe abzuwehren — beides aber vermag die münd- 
liche Rede. Zu den äusseren Mängeln gehört der Zweck der Schrift 
*k des Mittels Erinnerungen für das Alter aufzusparen, und die Be- 
schaffenheit derselben als „nctidia", verwandt, wenngleich edler, 
«deren Scherzen und Spielen. Ja Socrates nennt geradezu den 
*it **vrftua a reichlich ausgestattet, der in Schriftwerken etwas 
m hinterlassen — etwa ein wrfjfia tlg du — oder aus diesen 
rtvas in sich aufzunehmen hofft (275 C D), da ja das geschriebene 
Wort für den Kenner nur ein Erinnerungsmittel ist, indem die 
Schrift diese Eigenschaft mit der Malerei theilt, dass die Gebilde 

tetockrift f. d. feurr. Gyno. 1878. IV. Heft. 16 



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242 C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 

einer jeden dieser Künste zwar Abbilder des Lebenden, aber dessen- 
ungeachtet todt sind trotz des Scheines, als ob sie etwas 
wüssten oder reden könnten. Im Gegensatz zu dieser ist es ein 
Hauptmerkmal der Bede, dass sie sich selbst zu beschützen und 
zu vertheidigen wisse, sich die passendste Seele auswähle, dieser 
einen unvergänglichen, fruchtreichen, beglückenden Samen über- 
mittle, kurz »fier Irciaxr^r^ der Seele des Lernenden einge- 
prägt werde. (Welchen Wert Socrates auf die irtiotPfit] ^ e » 
beweist Protag. 357 A— D). 

Trotzdem nennt Sokrates das Wort „ddehpbv yvrjoiov" der 
Schrift, (276 A) — diese das Schattenbild „eYdwkov" der ersteren. 
Wenn man beachtet, was Piaton auch anderwärts mit „el'dwXov" 
zusammenstellt, wird die Bedeutung und das Gewicht gerade dieses 
Ausdruckes vollkommen klar — vgl. Theaet. 150 C „el'dcolov xal 
ipevdog" Sophist 266 B „eiöcohx xai ovx airä* Sympos 212 A 
„orx eidtaXa dXX' dkrjÖTJ" — also offenbar Schein und Trug 
gegenüber der Wahrheit. Vgl. Phaedo 66 C, Polit. 306 D, Bepubl. 
VII 532, IX 586, X 599 u. a. m. 

Hält man nun diesem „eYdwXov" gegenüber, dass derselbe 
Piaton den Sokrates sagen lässt, das Wort sei v noXv xalXltov 
ottovörj" (276 E), wodurch doch zugegeben scheint, dass die Schrift 
zum mindesten eine „xakrj <J7tovdr} u sei — und vergleicht man 
hiemit die Zusammenstellung des „didaoxeiv" und „yQacpeiv* 
(269 B C), so muss man sich wundern, dass Piaton so vieles durch 
diese geschmähten, todten Buchstaben ausdrückte und nieder- 
legte. 

Es liegt daher der Gedanke nahe, Piaton habe sich mit diesem 
abfälligen Urteile nicht auf jegliche Schriftstellerei erstreckt , son- 
dern nur eine gewisse, damals gang und gäbe Art literarischer 
Production als mangelhaft kennzeichnen wollen gegenüber der durch 
Anwendung dialektischer Kunst, nicht dialektischer Künstelei, ge- 
reinigten und gefeiten Beredsamkeit. Denn jene Produktion seiner 
Zeit, auf die mir hiebei alles anzukommen scheint, war in der 
That leeres Trugbild, nichtiger Schatten des lebendig beseelten 
Wortes, vergleichbar dem Adonisgärtchen mit seiner vorübergehen- 
den Freude und momentanen Blüte, der ein ebenso plötzliches Ab- 
sterben folgt, im Gegensatz zu dem fruchtbaren, mit Emsigkeit 
und Einsicht bestellten Saatfelde, dessen Pflege nicht „Ttaidiag 
Xolqiv" sondern mit vollem Ernste und in banger Erwartung der 
naturgemäss reifenden Früchte geschieht (276 B). 

Denselben Contrast versinnbildet uns auch das Reifen der 
Früchte in 8 Monaten und das Reifen in 8 Tagen, das verständniss- 
mässige Schreiben in die Seele des Lernenden und das Aussäen von 
Worten „wie in's Wasser schreiben" (277 C), [kurz das trotedem 
leibliche Schwesterpaar „Wort und Schrift" steht in einem nach In- 
halt und Wirkung scharf hervorgehobenen Gegensatze. 



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C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 248 

Dass Sokrates eine solche Ansicht von der Schrift hat, 
trotzdem er die „ Schriften der Weisen" für sich und seine Freunde 
benutzte (Xenoph. Mem. I 6, 14, II 1, 21, besonders IV 2, 1, 
TgL Plato Phaedo cap. 46, 97 B), wird wol Niemanden Wunder 
nehmen ; ja es Hesse sich schwerlich eine andere Ansicht im Munde 
des Mannes denken, der sein Lebelang mündlich wirkte und seine 
mündliche Lehrthätigkeit mit dem Tode büssen musste. 

Ueberdiess, meine ich, klang dieses echt sokratische Urteil 
den Ohren der Zeitgenossen weniger befremdend als uns. Hatte 
doch das hellenische Volk durch so lange Zeit ohne Kenntniss der 
Schrift durch mündliche Ueberlieferung Sagen und Dichtungen er- 
halten (vgl. Susemihl gen. Entw. p. 271). Da wir aber Socrates 
Grundsätze für die Piatons halten müssen, zumal wenn diese, wie 
an unserer Stelle, als Endergebniss nicht mehr widerlegt werden, 
so steht doch wol mit einem derartigen Urteile der 
Eeichthum an literarischer Wirksamkeit dieses Phi- 
losophen in Widerspruch. 

Es ergibt sich zunächst die Frage, ob diese Verachtung der 
Schrift von Piaton etwa aus den Lehrsätzen der pythagoreischen 
Schule (vgl. Plutarch. Numa XXII, 10 Sint.) bloss herübergenommen 
wurde, woran die meisten Erklärer zu der citirten Stelle erinnern. 
Allein ich meine, ein derartig ausgeprägtes Urteil, wie es Piaton 
gibt, muss tiefer begründet sein und dürfte wol mit Rücksicht auf 
die Bedeutung des Dialoges Phaedrus erklärt werden können. War 
dieser nicht lediglich dafür bestimmt, ein Panegyrikus auf die Phi- 
losophie zu sein, wie Schleiermacher glaubte, sondern sollte er eine 
Norm und Richtschnur bieten für die auf Grund der Philo- 
sophie gebaute Rhetorik, so finde ich mich wieder an die 
Stelle zurückgeführt, von der ich in dieser Frage ausging, nämlich 
der Bedeutung der damals herrschenden Rhetorik und Philosophie. 

In dem merkwürdigen Mythos nämlich scheint mir das 
,natdiäg %aqiv u nicht genugsam von den Erklärern betont zu 
werden. Jugendspiel nobst anderen Scherzen beim fröhlichen Ge- 
lige ist Sache vornehmlich der Jugend — »naidid* ist Gegensatz 
▼on ri 07tovdfj m f wie aus Phileb. 30 E erhellt „ävajzavka tfjg 
onovdijg yiyyetat hlore rj Tiaidia" — diess auf die Schrift an- 
gewendet, ergibt, dass Jünglinge für das spätere Alter, wenn 
ae es noch erreichen, sich mittelst der Buchstabenkunst Erinner- 
ungen aufsparen, dass also vornehmlich Jünglinge mit Rede- 
achreiben sich gleichsam spielend befassen, während andere Alters- 
genossen den heiteren Lebensgenüssen und geselligen Vergnügungen 
»chhangen (276 D). 

Woher nun diese Richtung in der Beschäftigung der Jugend ? 
Alf wen anderen weisen uns jene Worte als auf die Sophisten, 
«eiche auf die damalige Jugendbildung einen bedeutenden Einfluss 
geübt haben. Und der so empfängliche Phaedrus! war er nicht 
soeben vom Lysias gekommen vor Entzücken trunken über dessen 

16* 



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244 C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Pia ton. 

yykoyog €Qumx6g u \ Derselbe Phaedrus, der dem Socrates wol nach 
langem Hin- und Herreden den „^oraxog" geschrieben vor- 
weist und recitirt, derselbe Phaedrus scheint die Anspielung des 
Sokrates zu verstehen und eingehend in des Meisters Idee nennt 
er dieses Bedenspielen ein gar schönes Spiel entgegen den gerin- 
geren Jugendspielen ! (276 E) 

Kurz der Gegensatz zwischen Wort und Schrift scheint mir 
auf die gegensätzliche Stellung der sokratisch-pla- 
tonischen Philosophie zur Sophistik zurückzugehen. 
Wenn nämlich Denkeu sich vom Reden nur dadurch unterscheidet, 
dass jenes im Innern der Seele mit sich selbst, ohne Stimme vor 
sich geht (Sophist. 263 E) und wenn wir doch nicht zweifeln können, 
dass Piaton dem schriftlichen Reden gleichfalls die Ausarbeitung 
in der Gedankenwerkstätte vorausgehend dachte, so dürfte sich der 
Tadel desselben in erster Linie auf die fehlerhafte Art des 
Denkens und dann auf die Mangelhaftigkeit der Gedankenmit- 
theiluug beziehen, also Methode und Form als gleich unzulänglich 
bezeichnen. 

Die Sophisten nämlich verhielten sich ablehnend zur Philo- 
sophie ; ihre Gleichgiltigkeit gegen philosophische Forschung musste, 
wie Steinhardt bemerkt, Opposition seitens des Sokrates und seines 
berühmten Schülers hervorrufen. Die Sophisten suchten ihr Ueber- 
gewicht zu erreichen durch den äusseren Prunk der Rede, durch 
kunstvolle, spitzfindige Antithesen und dergleichen blendendes Bei- 
werk, das dem durch den Wortschwall gefangenen Hörer als hohe 
Weisheit erscheinen mochte. 

Ich verweise hiebei bloss auf den trefflichen Dialog Protagoras, 
wo der ooqHOTrjg %a% i^oxtjv — der Abderite Protagoras — von 
sich sagt (316 C), dass er in den Städten herumziehe und der 
Jünglinge trefflichste überrede, zu verlassen den Verkehr mit ihren 
Verwandten und mit ihm allein Umgang zu pflegen „aJg ßeXxiovg 
eoo[i€vovg diä rrjv eaivov ovvouoiav", um daraus zu erkennen, 
welchen Einfluss auf die Jugend die damalige Sophistik geübt habe. 
Und wie Protagoras selbst gesteht, dass aus dieser — man möchte 
sagen unwiderstehlichen Zaubermacht sophistischer Beredsamkeit 
(Protag. 315 A „xrjXwv rfj (fxovrj Üotxeq 'OQq)€vg u ) — nichtgeringer 
Neid und Hass, Feindschaften und Nachstellungen gegen deren 
Träger entstanden (316 D), so war natürlich in erster Linio dem 
Denker diese Zaubermacht sophistischen Scheines, sowie die an- 
gebliche Umfassenheit ihres Wissens auffallig. 

Dass aber dahinter nichts anders als Schein und Täuschung 
war, sagt Piaton im Sophistes 233 B, ja er nennt, wie in der 
Phaedrusstelle die Schrift, so im Sophistes die Worte der Sophisten 
geradezu „el'diolct" (234 C rjov dvvatbv av ivy%avuv %ovg viovg 
xat I'ti n6$()ü) tiov 7ioayfA(XT(ov Trjg äXrj&eiag dweazujTag 
dia twv wtiov xoig Xoyoig yorptveiv, deixvvvrag eidioXa Xe- 
yo^ieva 7t€Ql ndwwv uiave tioulv äXt]9fj doxeiv Xtyeod'ai 



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C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 245 

xai rot liyovxa drj ooqxoTazov navitov anavt elvcu;), kurz 
der Sophist betreibt nach Piaton eine scheinbildende Kunst 
(Soph. 239 CD), er rangirt in die Zunft der Lügner und Gaukler 
(Soph. 241 B). 

Piaton hat nun dagegen Stellung genommen in einer Reihe 
ron Dialogen (vgl. Bonitz Plat. Stud. p. 267 f.), welche, fesselnd 
durch ihre dramatisch-belebte Form, zu der Ueberzeugung führen 
sollten, dass alle sophistisch -rhetorische Bildung eitler Tand sei, 
weil sie nicht auf dem festen Grunde der Philosophie gebaut sei, 
gleich Terwerflich in ihren Zielen und in ihren Mitteln. 

Die Gruppe dieser Dialoge, zu denen auch der Phaedrus ge- 
hört, scheint eigentlich für weitere Kreise bestimmt gewesen 
in sein, weil sie ja ein hochwichtiges Moment, die Jugendbildung, 
betrafen und die falsche Ansicht von der allumfassenden Weisheit 
der Sophisten bekämpfen sollten, die ja denen ähnlich sind, welche, 
ohne vom Flötenspiel etwas zu verstehen, sich doch den Anschein 
seltener Meisterschaft geben, indem sie „xct l'l-to riys rtx vr iQ u nacn " 
zuahmen strebten (Xenoph. Mem. I. 7, 2). Wie nun Piaton dem 
Unhaltbaren, dem Scheine die Larve wegriss, musste er auch et- 
was Besseres an dessen Stelle setzen: die Philosophie und deren 
Studium. 

Ist diess richtig, so musste Piaton trotz des ungünstigen, 
echt soldatischen Urteils über die Schrift denn doch zu dieser 
Kunst greifen — und seine im Vergleich zu Sokrates vielseitigere, 
künstlerische Natur scheint diess nicht ungern gethan zu haben — 
um in weiteren Kreisen durch die Anbahnung des Studiums der 
Philosophie reformirend wirken zu können. Es ergibt sich hieraus 
von selbst, dass wir auch der von einigen Gelehrten bezweifelten 
Xachricht Glauben schenken müssen, Piaton habe ausser den Schriften 
weh mündliche Vorträge gehalten und in diesen vornehmlich seine 
philosophischen Theorien niedergelegt. 

Diese Notiz verdanken wir den sogenannten platonischen Briefen 
und gelegentlichen Anführungen des Aristoteles. 

Wenn auch erstere entschieden nicht von Piatons Hand her- 
rthren, so ist doch sicher anzunehmen, dass vornehmlich der siebente 
Brief von einem der nächsten Schüler Piatons geschrieben wurde. 
In diesem heisst es (p. 341 C) »ovxovv tftiovye niQi avrßv iati 
tfvyyqa^a ovdi ttrjnove yivrjtai" und in dem erheblich jüngeren 
2. Briefe heisst es (314 B) „dia ravza ovdev niortOT £yu> tcsqI 
wbtto* yfyQcupa, ovd* ean avyqa^a IHaTiovog ovdev ovo l'orai, 
ti di n}y leyojtteva SwxQatovs iazl naXov %cu veov yeyovoxog,*. 
Cad Aristoteles, der Piatons Ideenlehre bekämpfte, hätte sie, wie 
Hennann (ges. Abhandl. Göttin g. p. 282) ausführt, unmöglich so 
tagreifen können, wenn er die wichtigsten Gesichtspunkte nur aus 
den Schriften und nicht vielmehr aus den „ayoaqxx ö6yf.iara u oder 
*w den JryQcupai ne^l rov äya&ov gvvovoicu" geschöpft hätte. 
Hieaüt lassen sich drei weitere Belege vergleichen: 1) eine Notiz 



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246 C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 

bei SuidasI p. 17 „oxi neqi äya&ov ßißXlov ovvxd^ag L4qigto- 
xeXtjg xccg dyQaqtovg xov IlXdxwvog do^ag iv avuq) xaxa- 
xdxxei u . 2) eine Stelle aus Aristoteles Physik 32 B 104, wor- 
nach Piatons Schüler die Lehrvorträge ihres Meisters, wie sie 
gesprochen waren, niederschrieben und damit Handel trieben. 
„ol üXdxcovog kxaiQOi TtaQayevo/Lievov xdig avxov Xoyoig dve- 
yqdxpavxo xd ^tjd-evxa alviy^axiodwg wg ifärj&r]" . 3) eine 
Stelle aus Ciceros Briefe an Atticus XIII, 21, 4 „hoc ne Hermo- 
dorus quidem faciebat, is qui Piatonis libros solitus est divulgare, 
ex, quo Xoyoioiv 'EQiAodwQog." 

Kurz auch akroamatische Vorträge Piatons gab es neben den 
schriftlichen Denkmalen seiner Kunst, und wenn „der Göttliche" 
seine Philosophie nicht in den Schriften, sondern in den münd- 
lichen Vorträgen niederlegte, so steht seine literarische Prodnction 
wol nicht im Gegensatze zu der betreffenden Stelle im Phaedrus. 
Dann galt auch ihm das lebendige Wort mehr als der todte Buch- 
stabe, dann musste seine Schriftstellerei ein anderes 
Motiv haben als der mündliche Vortrag. 

Unerschütterliche Ueberzengung ist ihm, dass die Bede über- 
haupt eine „ipvxayoryia" sei — Phaedr. 261 A — „jj QrjvoQiXT} 
ti%vri \jjvx<xyioyia zig dtct Xoyiov" und wer reden will, müsse zwi- 
schen „evnei&eig" und zwischen „dvOTteidelg" unterscheiden, kurz 
müsse seine Rede der tauglichsten Seele anpassen — ähnlich 276 A 
„imOTrjiitov de Xeyeiv xe xal oiyav tiqüc ovg del. u — Wer es 
aber an diesen Stücken fehlen lasse, „Xeywv rj diddoxwv rjyQaqxov^ 
(pfj de Tixvj] Xeyeiv, 6 fit] neid'O^ievog xQaxel" (Phaedr. 272 B). 

Würde also Piaton j e gliche Schrift verwerfen, so könnte er 
weder das „yQayeiv" im Vereine mit „Xeyeiv" und „diddoxeiv" an 
obiger Stelle so ausführen, noch könnte es 258 D heissen -xovxo 
(xev ccqcc navxl drjXov, oxi ovx alaxQov avxo ye xb yQawetv 
Xoyovg" und weiter „äXX* ineivo oifxcti alaxQov rjorj xo fnr> 
xaXoig Xeyeiv xe xai yqdyeiv, aXX aloxQwg xe xai 
xaxwg." 

Wie nun alles gebraucht und missbraucht werden kann, so 
haben auch die Sophisten die Bede sowie die Schrift nach Piatons 
Aeusserungen in argen Misscredit gebracht. Denn diese waren ja- 
als „XoyoyQccqtoi,* übel beleumundet, was aus Phaedr. 257 C her- 
vorgeht „xai äid ndorjg xfjg Xovdoqlag ixdXet, XoyoyQaq>ov u — 
nämlich den Lysias — zu vergleichen ist auch eine Stolle bei De- 
mosthenes de falsa legat. I p. 417 § 246 (Bekk). — Daraus dürfte 
wol die ablehnende Haltung auch der bedeutendsten Staatsmänner 
gegen das Redenschreiben erklärlich werden — vgl. Phaedr. 257 D 
„oxt, ol fieyioxov dvvdfievoi xe xai oefivoxccxoi iv xalg noXeaiv 
aloxvvovxai Xoyovg xe yqa(peiv xal TLaxaXeineiv avy- 
yQafifiaxa eavxcüv, öo^av cpoßovuevoi xov eneixa %$6vov t fit] 
oocpiöTai xaXwvxai" und 257 E wird der Eigendünkel der 
Schreibenden gegeisselt „ol jieyioxov cpQOvovvreg .... fidXiaxa 



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C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedras des Piaton. 247 

Iqumji loyoyQCKpiag re xccl xaraXelxpetog ovyyQa^f.taxu)v , o%ye 
Kai tnudav xiva yQaqxooi Xoyov, ovrcog dyanwai rovg iitai- 
rhag, wäre 7tQOQ7i<xQ<xy()d<pov(n TtQiorovg, o% av kxaOTa%ov 
inatvwoiv ttvrovg* vgl. Xenoph. Mem. IV, 2, 1 „ygafifiara nolXcc 
owuleyuevovi noirrtöv re xai ooq>ior(5v . . . aal bc tovtiov 
rfa T€ yofiitovra oia(p€Q€iv. . . im oocpiq. . , a wo an dem Bei- 
spiele des Euthydemus der Eigendünkel auch der jüngeren, durch 
die Sophisten verführten Leute gekennzeichnet wird. 

Diess alles liegt zwar nicht in der Schrift selbst , sondern in 
ihrem Gebrauche, in der Verkehrtheit derjenigen, welche sie zu eitlen, 
nichtigen Zielen missbrauchen. 

Dazu kommt noch die echt sokratische Ansicht, das lebendige 
Wort sei das vorzüglichere, wie ja auch naturgemäss in der mensch- 
lichen Entwicklung die sprachliche Mittheilung der schriftlichen 
chronologisch weit vorausgeht ; das lebendige Wort sei ferner ein 
Terständnissmässiges Schreiben in die Seele des Lernenden , das 
Schriftstellern aber ein Schreiben ins Wasser ; ja die besten Schriften 
— Sokrates gibt also doch graduelle Unterschiede zu — seien doch 
nur ^eldoTiov vnopvTjOig" (278 A), da n iv t$ yeyQCCfifiiivq) 
ioytp 7t€Qi kxaarov naidiav TtoXXrjv üvai u (277 E) — und es 
verlohne sich nicht sonderlich der Mühe, nur der Uebe r redung 
wegen eine Bede zu sprechen oder zu schreiben „iog oi $a\f)q>dov- 
H&oi avsv dvaxQioeiog xal dida%fjg iteidovg £Vexa 
&*X$voair* (277 E) ; das einzige wahre Motiv sei die „fiadyaig 
fiifi oixaiwv %e xai xaXolv aal dya9cov a (278 A). Schliesslich 
spitzt Socrates sein Urteil über die Schrift in die Worte zusammen, 
die besten unter den Beden seien nur ein Mittel nicht gegen, son- 
dern für das Vergessen. 

Auf diese paradoxe Auffassung bezieht sich Quintilian, wenn 
er sagt (XI, 2, 9) : quamquam invenio apud Platonem obstare me- 
moriae usum literarum videlicet quod illa, quae scriptis reposuimus, 
Teluti custodire desinimus et ipsa securitate demittimus." 
womit sich eine Stelle im bell. gall. des Caesar vergleichen lässt 
(VI, 14), wo es von den Druiden heisst: „eos, qui discunt, Uteri s 
confisos minus memoriae studere, quod fere plerisque ac- 
cidit, ut praesidio literarum diligentiam in perdiscendo ac memeriam 
remittant." 

Aus dem Gesagten dürfte daher erklärlich sein, dass Piaton 
■rt obigem Urteile über die Schrift einerseits mit seiner Zeit und 
deren Bestrebungen in Contakt trat, andrerseits Bücksicht nahm auf 
Erxielung der Wahrheit durch „dvaxQioig* und „didaxrj" , aufUeber- 
zeugung, nicht Ueberredung (vgl. Soph. 221 B). 

Was ist aber ein Philosoph anders als ein Lehrer und Führer 
(Phaedr. 252 E), und was ist die erste Bedingung hiezu, wenn nicht 
Prüfung der Eigentümlichkeiten der Anlage der Schüler? — denn 
mit Verständnis* soll ja in die Seele des Lernenden geschrieben wer- 
den! Vermag diess alles nicht das Wort im Munde des Redners? 



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248 C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Pia ton. 

Prüft nicht die Bede aus der Gegenrede, die Frage aus der Antwort 
der Schüler Anlage und Fähigkeit? Kann sie sich nicht die pas- 
sendste Seele aussuchen, die passendsten Mittel der Belehrung 
wählen, während die Schrift hingegen stumm ist wie ein todter 
Stein? 

Was waren aber die Sophisten ? Piaton schildert sie uns zu- 
nächst nach 4 Seiten im Sophistes 231 D 1) ro kocjtov evQe&r, 
viiüv xat Ttlovaiwv epiuo&og -9-ijQeyTrjg. 2) %o de devreaov 
ifiTtoQog tiq 7teQl tol vrjg tyvxfjg fjta&rjfiata. 3) tqitov de clqcc 
ov Tteqi % avra Tavra xattrjlog avetpavrj; — vergl. dieselbe 
Charakteristik im Protag. 313 C — . 4) vevaQVOv ye avro?twki)g 
TtejQt %a /lkz&tj(4<xt<x. Dem „rjyefiovixbg vijv q>v<nv u (Phaedr. 252 E). 
als welchen sich Piaton den Philosophen denkt, steht gegenüber der 
„efifiiod-og xhjQevrrjg" , ja der „xa7n?Aos u , der täuscht und be- 
trägt — (vgl. Protag. 313 C „oncjg ye fxt} t w eralqe, 6 oocptOTrjg, 
iizaLvcov a nculel iJzafzaTrjOtj yfiäg üo7ieQ...6 ef.i7toqog %e 
xal xj&Ttrih)g u \ der tauglichsten Seele bei Piaton der Sohn reicher 
Familien. Und worauf kam es denn den Sophisten an, wenn nicht 
auf ihre eigene Berühmtheit, und was verschafften sie ihren Schülern 
oder versprachen es wenigstens ? Protagoras rühmt es selbst in dem 
gleichnamigen Dialoge (318 A) „w veavi<jK£ y eatai voivvv aot r 
edv ifioi ovvfig, y av rj^ieqa efioi ovyyevr), anihai oiy.ade 
ßekziovL yeyovori, xal iv t(j voTeqaia t avra Tatra xcm 
exdoTi]g rjfAeQag dei im ib ßelrtov emdiöovai", worauf wol So- 
krates schlagend entgegnet (318 C) „it ötj q>f]g ßeltico eoeo&at 
xal dg tl imdiö6vat; a 

Die Sophistik huldigte überdiess dem Streben der Jugend nach 
Berühmtheit. Stellt doch Socrates seinen jungen Freund Hippokrates 
wol nicht ohne Ironie mit folgenden Worten dem berühmten Ab- 
deriten vor (Protag. 316 B): »IitfzoKQatyg ode. . . olxiag fie~ 
ydkrjg xe y.al eidalfiovog. . . hudvftüv de pm dovei ikXo- 
ytftog yeveo&ac iv Tf r ..nokei tovro de oktal oi (uccXiot av 
yeveo&ai, ei ooi ovyyevoiTo" und Protagoras selbst war nicht 
wenig überzeugt von seiuem bessernden und vervollkommnenden Ein- 
fluss auf die Jugend (Prot. 316 C D, 318 A). 

Das sind, wie ich meine, Gegensätze, die sich nicht leugnen 
lassen. Aber wie die Ziele der Sophistik, so waren auch die Mittel 
derselben denen der sokratischen Philosophie entgegengesetzt. So- 
krates strebte nach der wahren Erkenntniss durch Zurückführung 
auf die allgemeinen Begriffe, wie es ähnlicher Weise Geschäft der 
Menschenprüfung ist (Apolog, 22 B) „dcrmiziov av avrovg %i 
Xeyoiev, %v a)ia tl xal (xavd^dvoLfXL naq avrwv, a womit sich 
vergleichen lässt das Zeugniss des Xenophon (Mem. IV, 6, 1): 
r >2iüY.Qarr]g ydq Tovg elöozag , ri %x.a<jTOv efy twv ovrtav, 
Ivofiite aal Tolg aXkoig av iÜrjyelo&ai dvvaodm, Tovg de ^r t 
eidorag... oqxxklea&ai xai allovg aq>dXXeiv — vgl. 
Xenoph. Mem. IV, 5, 12. Aristot. Metaph. XIII, 4, 1078 B. 



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C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 240 

Derartige begriffliche Operationen als Grundlage der philoso- 
phischen Untersuchung, wie Sokrates sie bedingte, und Piaton zur 
Vollendung brachte, waren der Sophistik ferne. Diese war vielmehr 
spitzfindig, reich an Antithesen und verblüffenden Wendungen; ihre 
eigentliche Kunst bestand in der schlagfertigen Beredsamkeit, 
im Verwickeln in Widersprüche (vgl die Zusammenstellung am 
Schlosse des Sophistes), ihre Devise ,,rov jjttu) loyov xQetTTO) 
notüv* (Aristot. Rhet. II 34 p. 1402 Bekk., Plat. Apolog. 19 B, be- 
sonders Phaedr. 267 A v ra te av o/ucxQa /ueydlct xal ra jtieyala 
OfiixQa (paivea&ai noiovoi dia Qat/utjv Xoyov" u. a. m.). 

Und da Eloquenz für die damalige staatliche Carriere unerläss- 
lich war, wurden die sophistischen Vorträge von der Menge lernbe- 
gieriger Jünglinge gesucht, die wie Hippokrates im Staate berühmt 
ig werden wünschten. Bei der tiefwurzelnden Zaubermacht sophi- 
stischen Scheines dürfte es daher keine leichte Aufgabe gewesen sein, 
das Wesen derselben im wahren Lichte überzeugend darzustellen, 
und wer diess auch wollte, musste etwas besseres bieten, als er zu 
verurteilen unternahm. Die Seelen mussten daher zunächst für die 
wahre Philosophie gewonnen, für das Studium dieser einfachen, alles 
gleissende Beiwerk verschmähenden Wissenschaft erwärmt werden 
und zwar durch die Ueberzeugung , dass die Sophistik nur 
Schein statt Wahrheit, formale Glätte statt innerer 
Tüchtigkeit bietet. 

Sagt nun Piaton „die Schrift sei vom Standpunkte des 
Lehrers unbrauchbar, sei ein todter Stein" und schrieb er dennoch 
eine stattliche Beihe von Schriften des verschiedensten Inhaltes, so 
musste er doch die Leser auf seine mündliche Belehrung als auf das 
vorzüglichere verweisen, worin seine Ansichten durch das leben- 
dige Wort mit Verständniss und nach genauer Anbequemung an den 
Lernenden in dessen Seele geschrieben werden. Piatons Schrift - 
stellerei scheint- mir also, wie durch die Sophisten 
reranlasst, so gleichsam der Vorhof gewesen zusein, 
um zu dessen mündlichen Lehrvorträgen zu gelangen. 

Ich kann daher Susemihl nicht beistimmen, der (a. a. 0. 272) 
den Zweck der Schriftstellerei Piatons auf die Nachhilfe für die schon 
Kundigen beschränkt. Wozu brauchen denn die schon Kundigen, 
oder um mit Piaton zu reden, die, in deren Seelen mit Verständniss 
die Wahrheit geschrieben ist, eine Nachhilfe? Und wird sie ihnen 
ton in den Dialogen geboten? Finden wir nicht vielmehr, dass 
besonders in den anfänglichen Dialogen das vorgelegte Problem 
liebt gelöst, nicht vollständig erschöpft ist? Sagt doch Protagoras 
selbst am Schlüsse des gleichnamigen Dialoges (361 E): „/regt 
iovtcjv öt] ioav&tg, brav ßovky, <he£</u€P, vvv d* wqo 
rdr t Tuu in alXo %t tQinwdw." Und worauf sich die noch 
ihng-e Discuseion beziehe, sagt Sokrates 361 C. Was ferner in 
diesem Dialoge eben nur angedeutet wird, ist es nicht im Gorgias 
wieder aufgenommen und eingehend untersucht? Oder wird etwa im 



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250 C Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 

Theaetet ein ausgesprochenes Resultat erzielt ? Ist nicht vielmehr 
der Dialog Sophistes eine, wenn auch nicht unmittelbare Fortsetzung 
des Theaetet, die sich mit Ausnahme des eleatischen Fremden schon 
äusserlich durch dieselben Personen erkennen lässt? 

Ich glaube daher vielmehr, dass sich beides vereinigen lasse. Die 
Schrift war für Piaton das Mittel, seiner Philosophie im Gegensatze 
zur Sophistik den Weg zu bahnen. Da nun das in den Schriften 
Niedergelegte nach untrüglichen Zeugnissen keineswegs des Meisters 
Theorien erschöpfte, sondern noch die Jxyqaq>a doypaza" in den 
mündlichen Vorträgen hinzukamen , so konnte thatsächlicb der ge- 
schriebene Dialog ebenso einführend als an das erinnernd sein, 
was im Anschluss an denselben Piaton mündlich verhandelte, so dass 
also auch des Sokrates Ansicht bezüglich des Aufhäuf ens von Erinner- 
ungen hierauf sich passend bezieht. Von diesem Gesichtspunkte be- 
trachtet , sind die Schriften Piatons auch als Erinnerungsmittel für 
die Kundigen denkbar ; sie begleiteten nämlich den geistigen Waller 
von seinem Eintritt in die Schülerschaar »des Göttlichen« bis ins 
Alter. Und wer in späteren Tagen diese Schriften zur Hand nahm, 
mochte wol von dem Wunsche beseelt sein , den ganzen geistigen 
Bildungsgang im Geiste wieder durchzunehmen , den er selbst durch- 
gemacht, oder, um mit Sokrates zu reden, derselben Spur nachzu- 
gehen (Phaedr. 276 D). 

Würde man ferner Susemihls Ansicht allein beipflichten , so 
dürfte die dialogische Form, ausschliesslich für die Einge- 
weihten angewendet, jedenfalls auffallig sein. Denn die dialogische 
Form war für Piaton keine freigewählte , sondern theilweise durch 
seine schriftstellerischen Motive gegeben. Socrates verwirft nämlich 
nicht jede Schriftstellerei, er untersuchte ja ^neqi evTcqeneiag drj 
yqaqtijg xai an(>e7telag a (Phaedr. 274 B), nur die lange Gedanken- 
entwicklung von Frage und Antwort gilt ihm weniger als das v dux~ 
Xeyea&ai." Diese „fiaxqoi Xoyoi* vergleicht er geradezu mit 
Büchern (Prot. 329 A) ^aio7t€Q ßißlia ovdiv e'xovoi övre ano- 
ytQivaod'ai (wre avcoi eQia&ai." 

Die Sophisten nun setzten gerade darein ihre Meisterschaft 
(Phaedr. 267 B), und sie rühmten sich auch, wie Protagoras, andere 
in dieser Kunst fertig zu machen Protag. 334 E „axrjxoa yovv 
ort av olog ze sl xai avrog xal alXov didagat, 7teqi %mv 
avTüiv xai fiaxQci Ifyeiv... xai av ß(>ax6a. u 

Diese Form der Gesprächführung war eine polemische, ein 
Bedekampf (Soph. 231 E, Protag. 335 A) nicht um das »Was« 
sondern um das »Wie tf . Piaton unterschied nun genau zwischen 
Eristik und Dialektik — vgl. Bepubl. V, 454 A „doxovoi poi €ig 
avTfjy xai axovreg nolAol limluxuv xai oXea&aiovx igi^eiv, 
akla ö lakeyeod-ai dia xb fit] dvvaa&ai xav el'drj diaiQoi- 
/tievoi xb leyofiievov litiaxonuv, aXXa xav avxb xo ovofxa 
duaxeiv xov Xsx^vrog xr\v havxUoaiv, &'qiöi, ov diaXexxtß 



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C. Ziwsa, Der aegyptische Mythus im Phaedrus des Piaton. 251 

TiQoq aXXr t Xovq xqwugvol" womit die Gegensetzung stimmt von 
<fdoo6(pü)Q und qiiloveixcüQ U%uv im Phaedo 91 A. 

Darin nun , dass Piaton das Denken auf dem Wege der Be- 
griffsbestimmung bis zu seinem Gegenstande durchdringen läest, 
steht er wol im Gegensatz zu den Sophisten, bei denen die Dialektik 
blosse Gesprächsform ist , welche um des eitlen Prunkens willen die 
Ergebnisse der Besprechung vereitelten und die Beden nicht selten so 
lange ausdehnten, bis der Zuhörer schliesslich den Gegenstand der 
Bede vergass — vgl. Protag. 336 C D v €y.xqoviov tovq Xoyovc. . . 
ajrotirpiwa) i'tog av imhxd'WVTai rteql ovov to SQwrrj^a r\v oi 
nolXoi xuiv axov6vrwv. u 

Wenn nun Piaton in der That von den schriftstellerischen Mo- 
tiven geleitet war, welche wir früher annahmen , so musste er auch 
au die äussere Form sophistischer Lehrvorträge anknüpfend , durch 
ebendieselbe, aber künstlerisch veredelte Form zu beweisen 
soeben, dass die so blendende und prunkvolle Sophistik in ihren 
Mitteln ebenso wie in ihren Besultaten trügerisch sei. 

Mit diesen Motiven Piatons stimmt schliesslich geradezu der 
Gebrauch eines Mythos, wie in der Phaedrusstelle. Denn dass 
Platon einen Mythos bloss zufallig gewählt, oder dass es nebensäch- 
lich sei, wie Deuschle meinte (Zeitschr. f. Altwss. 1854), möchte ich 
bezweifeln. t 

Denn auch den Sophisten benagte vor allem das Sagenhafte, 
das Mythische , das zu glauben und fromm zu verehren schon das 
Kind mit der Ammenmilch einsog. Jene versuchten deshalb durch 
die Mythen ihre Lehrsatzungen mit den im Herzen des Volkes leben- 
den Anschauungen zu vereinen ; überdiess wirkt ein Mythos ungleich 
fesselnder und angenehmer als eine trockene Bede — hiebei verweise 
ich our auf den Mythos des Protagoras von der Bürgertugend (Pro- 
tag. 320 C — 322 D). 

Platon suchte nun einerseits gerade in dem aegyptischen 
Mythos und zwar durch denselben das Lügengewebe der Sophistik zu 
urreissen, wobei er denselben Grad von Empfänglichkeit und from- 
mem Glauben voraussetzen zu können glaubte , auf den sich die So- 
phisten, and wie es scheint nicht ohne Erfolg, so oft beriefen. 

Andrerseits scheint es, dass die Mythen, wenn auch theilweise 
tin Mittel poetischen Colorites, doch dazu dienten, den Kern tiefer, 
tot in der Urnatur der Dinge begründeter Wahrheiten aus seiner 
dmkleo Schale zu lösen mit besonderer Berücksichtigung kind- 
licher, für das Wahre, selbst wenn es nur halb verstanden wer- 
ten kann, empfänglicher Seelen. Sagt doch der eleatische Fremd- 
ling im Sophistes (242 C), dass Xenophanes uncLParmenides ihren 
Scailern eine Art Mythen erzählten n ftv96v ziva ... naioiv wq 

Diese empfanglichen Herzen vor der buntschillernden Sophistik 
xa warnen, sie auf dialektischem Wege, der für Platon Wissenschaft 
and Methode zugleich war (Wolf Zeitschr. f. Phil. N. F. 1875 p. 75), 



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252 Th. Gomperz, Eine verschollene Schrift des Stoikers Klean thes. 

vermittelst naturgemässen Denkens heranzubilden nicht zu Sophisten 
sondern zu Weisheitsfreunden, diess war das Ziel Piatons , und um 
es zu erreichen , schlug er denselben Weg ein , den er so schön im 
Sophistes darstellt (218 C D): n oaa (f av nov /ueydltov dal dia- 
7iovüo&ai xalwg, negi rwv toiovtiov deöoxvcu itaai zat rtcthxi 
%d tcq6t€Qov £v a/niiCQolg aal Qqoaiv avva deiv /asXbtöv, 
7zqIv ctiTÖig volg iLieyiOTOig." 

Kurz Piatons Schriftstellerei war die Propaedeutik zu seinen 
mündlichen Vortragen, ein leuchtendes Musterbild gegenüber so- 
phistischer Lehrmethode und sophistischen Lehrzielen. 

Hernais bei Wien. Carl Ziwsa. 



Eine verschollene Schrift des Stoikers Kleanthes, 
der 'Staat* und die sieben Tragödien des Cynikers 

Diogenes. 

Curt Wachsmuths zwei werthvolle Programme c de Zenone Ci- 
tiensi et Cleanthe Assio* (Göttingen 1874) sind mir zufälligerweise 
erst in diesen Tagen zu Gesicht gekommen. Ich beeile mich zur 
Lösung eines darin (I, p. 14) berührten Räthsels einen Beitrag zu 
liefern, der zum mindesten dazu dienen kann die Aufmerksamkeit der 
Kundigen auf eine wenig beachtete reichhaltige Fundgrube anziehen- 
der Nachrichten und Citate zu lenken. 

Wachsmuth beschliesst die Aufzählung der bisher bekannt 
gewordenen Schriften des Kleanthes mit dem Satze: c Fraudulenter 
ficta sunt ab impostore Ps. Plutarcho in libello de fluviis 5, 3, 4 et 
17, 4 scripta d^eofxay v ia et 7teQt 6qwv\ neque multum fidei tribuerim 
coniecturae, qua Cleanthis librum Tieqi azoag inscriptum recuperare 
e lacero papyro Herculanensi sibi visi sunt;* Näheres bietet die An- 
merkung: c Cf. Philodem. neQi q)i"koaoqmv in vol. Hercul. VIII [Col- 
lectio prior], col. XIII, v. 18, ubi scripserunt dg a% x avayQtxqxxi 
T(ov 7t(i)vaxu)v (äl) ze ßißlio&fjxai OYjiiaivovoiv, (ftaod KX)e- 
av$iß iv T<ft 7i€Qi <TT(oäg €)<j(tiv) dioyivovg avrt] iy fxvrjj^rj. Ich 
theile im Folgenden mit was zur Restitution der Stello und zum Ver- 
ständnis des Zusammenhanges dienlich sein mag. 

Der compromittierenden Gemeinschaft mit Zenon's 'Staat* und 
den darin enthaltenen radicalen Qnsauberkeiten suchten sich die An- 
hänger der stoischen Schule in verschiedener Weise zu entziehen. 
Die Einen mittelst der Kunstgriffe einer auch dem Alterthum nicht 
völlig fremden vertuschenden Apologetik , die Anderen — und Red- 
licheren — durch das Geständnis, dass man sich mit dem Schul- 
haupte nur in Betreff des obersten praktischen Zweckes (des 'natur- 
gemässen Lebens 1 ), nicht in Rücksicht aller diesem Zwecke dienenden 
Mittel in Einklang befinde ; sei doch auch Zenon selbst für den Inhalt 
jener nach älteren Mustern geschaffenen Jugendschrift nur halb ver- 



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7*. Gompers, Eine verschollene Schrift des Stoikers Kleanthes. 253 

antwortlich. Beide Parteien nimmt ihr epikureischer Gegner gleich- 
mässig aufs Korn, und zwar die letztere zuerst (Col. 12, 2): (x)crj 
yap cm \nXd(o)voi tüv avrwp doiv na\Qevy(v)t]raL x ) xb de 
Uyu* wg ano\di{xov)%at top Zrjptova ötct ttjp \ tov tUlovq 
cvi*oiv ci Ztühxch I xatareToliurjXOTWP iori' xai | (y)aQ xa 
htund taiv doy/udztov \ (6ox)ifiaCovaiP avrov' xai twp (d/xtyxd- 
viar ieri (tov T)ilovg \ e(v diwgiOfi)ipov ftr t x{i)i y alla | avfAcpiü- 
najjS) artodidoodai , xai \%<ji (ri)lu 6i dx6h>(y)$op iozt | %a 
diOi Tr]g aoltTeiag (i)xx€ifA€\(va)—. Nach zwei mir unverständ- 
lichen Zeilen folgt: r(cJ* x)ai(?) pr) yeyevijo&ai ao((pbv) \ avrov, 
uat ov vefieotpov €l(pai | t)o d(ia)fAaQ%dveiv. /ttiyav (<T ovp) | 
üvi(op), efl) xai w ooybv 6f4o(loyov)\oip ysyovivai xai zrg 

*ywyr$ | dt>xrffirri(v. u y)iv ^hqiog \ rjv, ov(x) ava- 

fitotos alo(x)Qß(v). ....... | | (x)ai (t)o nfyto- 

(t)a %w(v c^iAaiqjiin^iu^v — . Der Rest der Columne ist mir 
unklar, abgesehen von den augenscheinlich auf irgend welche Zenoni- 
schen Lehren bezüglichen Worten, welche den Uebergang zur Col. 13 
bilden: (x)ai ^€tv\((da^o)fiivo(ig l)n avrd>(i t)u^i) €l\\(vai) rfjg 
ca(^eo)۟>g Xdia. 

Nunmehr wendet sich Philodem gegen die Stoiker von der 
strengeren Observanz, denen auch die noltxsia als ein Werk makel- 
loser Weisheit gegolten hat:^ nqbg \ di tovg ye(ppa)iovg xai 
nj* no\U%6iav tog (dp)afidqTf]TOP 7iQoa\Ö€xopipov(g) %l av 
rig liytav d\tona>T€QOV 7 avvanrot; neiQwv\rai <F ovp ovdi 
7tQO§ ( allo %i yiQftv \ ovroi rag a7t{o)loyiag rj nqbg m \ itegi 
toi ( dta(n)ißfcew\ tooovtmv \ ncQteMrjfAipaßp [1. niQieil^ifAt' 
natj w** 5 ?,» xa * \ (n)noyeyQa(p6j€g oti tzsqI xrjg no(Xi)T£iag, 
all ov\x) o*i n€Q(iz)ivog | ajioXoyrjooprai uiqovg. aXXd j yag 
tnti rtvGQ twp xa& rifiäg | [wohl Sosikrates, vgl. Diog. L. 6, 80] 

w» *r«ttt Tfjg Jioyivovg*) | . . diOTaXo(vo)iv noXiTe(l)ag, 

iii€x dvofietHH tt)p ^Toa(v f $)t]ri\ov av eirj to xai J{ioy)ivmyg 
ilr(ai) ! xai top tqokov t'x(ov)oav tovto(v) | wg aX t cha/gacpal 
rw» nii)paxiü(p) | a% t$ ßvßlio&ijxai orjfiaiv(o)voiv. \ x(ai 
Kl)iay$rjg iv (%iS)i rteQi OT(r}\Xr])g (Ttj)g Jioyivovg 
aitrjig) fivt]\(fAOVfv)€i xai inaiv(el) xai (fAtx\^6p) 1W«- 
^ ivjDtvr(«k TOi)z(wi xa$a)\n(eQ h)iq{io)9 y hitov (je)x$e- 
«i(y) [L ex&eoiv] (7lOt)\6<jiT)ai. 

>> Das Wort ist den Wörterbüchern fremd, nicht aber nagt yyvnto 
Kben Iryvnrj*. Hayter's Copie (o) bietet TTA | P€NI T HTAI f die neapler 
Abschrift (n) JTA | P6Nr.AtA. Für die Richtigkeit der Ergänzung ev 
imotopätrov mochte ich nicht einstehen ; erhalten ist in beiden Abschriften 
6N0Y, nur in o das € von €v. 

*) Em folgen in o die mir unverständlichen Zeichen .M€N€I | Cl, 
a o nur einige Striche, avrijg pvr)/uovtva halte ich für sicher, obgleich 
c AVTH . . NH | I* . .CT6I bietet, o ATTHIMNH | I . .CT€I. Von (iixgdv, 
dis der Sinn zu fordern scheint, sieht man iu n den Anfangsstnch von 
M. o hingegen zeigt KO. | N (in flssura); auch die Ergänzung der Worte 
bu Im&out kann keineswegs als völlig gesichert gelten. 



i byAlx 



254 Th. Gomperz, Eine verschollene Schrift des Stoikers Kleanthes. 

Eine Schrift des Kleanthes c über das Grabdenkmal des Dio- 
genes' mag auf den ersten Blick befremdlich genug erscheinen. 
Doch wird man schwerlich eine geeignetere Ergänzung der überlie- 
ferten Beste: TTePICT. | . .C. .CAlOrGNOYC zu finden vermögen, 
und eine schlagende Analogie gewährt die , vielleicht eben diesem 
Muster nachgebildete, Lobschrift auf Chrysippos, welche dessen Neffe 
Aristokreon unter dem Titel ai Xqvgitztzov raqxxl veröffentlicht 
hat (Comparetti, Papiro ercolanese col. 46). Wie hier die Bestattung, 
so wird dort die weitberühmte, mit dem Hund aus parischem Marmor 
gekrönte, Grabsäule (Diog. L. 6, 78) eben nur den Anlass zu enko- 
miastischer Darstellung geboten haben. 

Für die Echtheit der nohrsia des Diogenes (von welcher ein 
Col. 7 erwähntes gleichnamiges Werk eines anderen Diogenes zu 
unterscheiden ist) bringt jetzt unser Autor eine stattliche Reihe von 
Belegen bei, die meines Erachtens nicht die mindeste Widerrede ge- 
statten. Sein Gewährsmann ist neben Kleanthes kein Geringerer als 
Chrysippos — ein auf diesem Literaturgebiet vollgiltiger Zeuge — , 
der zum Theil Lehren des Diogenes erwähnte , welche nur im Staat' 
zu lesen waren , zum Theil auch das an kühnen Paradoxien reiche 
Werk direct und ausdrücklich citiert hat. Unklar bleibt es angesichts 
der argen Zerrüttung der nächsten Zeilen, in welche dieser beiden 
Kategorien die erste Anführung gehört, welche sich an die zuletzt 
ausgehobene Stelle unmittelbar anschliesst: xal XQ{v)oi(7t)7iog iv 
tw(i 7te\()l) 7t6(l€)(og xa(l) v6(xov (nebenbei das einzige 
dieser Chrysipp-Citate, welches der neapolitaner Herausgeber richtig 
gelesen hat ; darnach ist der Titel der betreffenden Schrift in Baguets 
Fragmentsammlung §. 125 zu vervollständigen). Ob vier Zeilen 
später mit iv Talg (7to)X(iT)eiaig ein dem aristotelischen gleich- 
namiges bisher unbekanntes Werk des stoischen Vielschreibers ge- 
meint ist, kann nicht als völlig ausgemacht gelten, um so weniger, 
da die nächsten Worte: (de) xal \ ne(Q)l n;(6)XiTdag alXrß AC 
keinen verständlichen Sinn gewähren. Es folgt : iteql \\ axQijcvia(g 
t)wv OTifaüv. . . . | . .xoß dioyivrp Xiyeiv 07te(g) | iv vy 710k- 
{iT)üq /äovov q>avrj\(o)€Tai ye(y(>aq))cig. xä(v ti5)v 7te\ql %&v 
(fxrj) di avTa aiQ(€Tto)v q>rj\alv iv trj(i) rttyhtelavfjD/^od-e- 
\{x)uv tov Jioyhqv (ti€qI) toV | d(el)v aa{T)qa(y)ah)ig voft- 
(iGT£)v€o\d'ai. [Das „Knöchelgeld" des Cynikers kannten wir 
bisher nur aus Athenäus 4, 159% der gleichfalls kurz vorher die 
hier angeführte Chrysippische Schrift erwähnt — 159 a ' b — , und 
wo konnte wohl jene Anticipation des modernen Papiergeldes pas- 
sender besprochen werden als in einer Abhandlung übeivGüter, deren 
Werth ein abgeleiteter oder erworbener ist — eine Rubrik , welche 
auch die Gattung der rein conventioneilen Werthe in sich schliesst? 
— Zur Construction von vo^uaxevofxat mit dem Dativ kann man Seit. 
Emp. p.640, 24Bekk. vergleichen: tovt<$ vo^iaTevea&cu dikav, 
eine Stelle, die man, wie sich jetzt zeigt, sehr mit Unrecht ändern 
wollte, vgl. Thesaurus s. v. — Vor dem Folgenden, wo ich %QeUtg 



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Th. Chmperz, Eine verschollene Schrift des Stoikers Kleanthes. 255 

schreiben zu müssen glaubte, obgleich beide Abschriften ein M zeigen 
(das ans XQ entstanden sein mag) — für XQV G€0) ^ w * e ^ er ^^1 ^ er 
Schrift sonst lautet, Baguet §. 102, fehlt es an Baum — muss soviel 
ich sehe eine Lücke angenommen werden.] xjüxoli de tovt iv 
(xwt n)€Ql (x)\rjg Xo(yo)v (xQelag, . . . . tf iv) \ x<p 7tqb(g 

xolg) aXXwg v(oovv)xag(?) \ xr](v) yQovrjOiv | x((o)v 

xaxa qtvoiv. . .(^)vriixo\(v)ev€i (de) av(x)fj(g) . . . [hier sind drei 
Zeilen so gut als ganz zerstört] . . .(noUxx)\yci(g a)vxrjg x(at) xd(v) 
b <zvxfj(i fÄi)\fivrja(xe)xai fiex (iy)xa)fii(o(v) \ xav x<$. . . [hier 
stand sicherlich eine Buchnummer] {7t)e(>i (di)x et 1(0)0 vv(rjg) \ xb 
™<£ (*)*£ (a)v&(Q)w7toq>a(ylag) \ öoy^ia (ort) G(vvaQ)€(o)it£i(?) (xal 

xCk) \ J(C)oyiv(u) | xarax£x( Ct >£' xßv I 

tafja di xrjg a)vxrjg 7iqay(iiaxu)\a(g) i(y) x$ Z Tteqlxov 1 ) 

Es folgt nach drei zerrütteten Zeilen am Schlüsse der Co- 

hnnne: (dio)yhr$ e'v xb xw(l 'A)\xQel xa(t) x<p Oldtrtodi 

(xa)l x(wi) Und da sich unser Autor auf diesem Gebiet so 

überaus wohl unterrichtet gezeigt hat, so darf, ja muss man wohl 
aus den letzten Anführungen methodischer Weise die Folgerung ziehen, 
dass die Satyros , die Sotion und Sosikrates mit ihrer Athetese der 
dem Cyniker beigelegten sieben Buchdramen (vgl. Diog. L. 6, 80 und 
die Stellen aus Julian , auf welche Nauck frg. tr. gr. 627 verweist) 
sich ganz ebenso sehr im Unrecht befanden, wie sich dies uns in 
Betreff der noXixtia des Diogenes mit zweifelloser Gewissheit er- 
geben hat. 9 ) Sollte c Atreus' ein Gedächtnisfehler statt 'Thyestes' sein 
oder (da doch jedenfalls das feindliche Bruderpaar und die thyestische 
Mahlzeit den Mittelpunct des Dramas gebildet hat, Diog. L. 6, 73) 
der Titel der philosophischen Tragödie in der Ueberlieferung ge- 
schwankt haben? 

Von dieser Abschweifung, aus der man von neuem ersehen 
kann , ein wie überaus enges Band Stoiker und Cyniker (oder dürfen 
vir nicht vielmehr sagen : die Vertreter des älteren und des jüngeren 
Crnismus ?) mit einander verknüpft hat , kehrt Philodem zu seiner 



*) Darf man xa^xorrog hinzufügen? Denn dies ist neben der noU- 
uU (s. Seit. Emp. p. 179, 23 Bekk.), dem dritten Buch der Schrift 'über 
das Gerechte' (Diog. 7, 188) und den Büchern 'über die Gerechtigkeit* 
(s. oben) dasjenige Werk, in welchem der von allen Grazien verlassene 
Chrjsippoe das so erquickliche Thema von der Statthaftigkeit des Ge- 
nus« von Menschenfleisch — nach Diogenes 1 * Staat' wie wir aus dem 
Obren ersehen , aber mit der nur ihm eigenen breitspurigen Vertiefung 
ia das Haasliche und Ekelhafte — weitläufig erörtert hat (Seit. Emp. 
s. 179, 27 Bekk.). 

*) 80 schwerwiegenden Zeugnissen gegenüber dürfte auch IL 
Henkel seine, freilich auch vorher schon völlig haltlose Athetese des 
Baches aufgeben (Studien zur Geschichte der griechischen Lehre vom 
Staat, S. 9). Kann doch die Aeusserung Polit 2, 7, 1 [nicht 2, 4, 1] = 
1206» 31 — 36 im besten Falle nur beweisen, dass dem Aristoteles als er 
öe niederschrieb 4as Werk seines Zeitgenossen noch nicht vorlag, 
sieht im mindesten, dass Diogenes dasselbe niemals geschrieben hat. 



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258 A. Zingerle, Zu Livius. 

Polemik wider Zenon's 'Staat' tind wider jene Apologeten zurück, 
welche die austössige Schrift als eine Jugendsünde ihres Verfassers 
zu entschuldigen bemüht waren. Hierauf näher einzugehen liegt 
jenseits der Grenzen unserer heutigen Aufgabe. 

Wien, April 1878. Th. Gomperz. 

Zu Livius. 

XLI, 12, 10 schlägt Gitlbauer in seiner verdienstlichen Schrift 
über den Codex Vindobon. (vgl. jetzt darüber auch Zangemeister- 
Wattenbach Exempla Cod. Lat. p. 5) p. 96 vor, duabus als Glossem 
zu betrachten und durch dessen Entfernung die Stelle zu heilen. 
Hier scheint mir aber der alte Heilungsversuch des Grynaeus durch 
Auslassung des que in pacatisque desswegen noch immer beachtens- 
wert , weil neben bekannten Versehen bei jenem Wörtchen gerade 
in der Handschrift auch Spuren von mehrfach überflüssig beigefügten 
que aufzutreten scheinen. Ich notirte z. B. nur gelegentlich XLV, 1, 1 
adhiberique (vgl. das Facsimile dieser Partie der HS bei Mommsen- 
Studemund Anal. Liv. Taf. 3), XLII 9, 2 multisque, 42, 6 Asiaeque, 
XLV, 1, 9 caesumq. (wo allerdings dann ein que gleich folgt). Gitl- 
bauer hat nach seiner genauen Durchforschung des Codex wol über 
diesen Punkt auch Näheres und mir schiene die Mittheilung des- 
selben, wie auch alles anderen Versprochenen, worauf ich bereits in 
meiner Anzeige jener Schrift in dieser Zeitschr. 1876 S. 433 auf- 
merksam gemacht, recht bald wünschenswerth. 

An der schwierigen Stelle XLII, 64, 5 (vgl. Madvig Emend. 
Liv. a p. 660) bei dem bekannten inconste oppugnationis u.s. w. findet 
man nun in neueren Ausgaben statt der älteren willkürlichen Her- 
stellungen (vgl. Drakenborch XII, 171) meist irgendwie ein Zeichen 
der Lücke. Unter den in Zeitschriften hier und dort vorgeschlagenen 
neueren Herstellungsversuchen ist entschieden der Prof. Hartel's in 
dieser Zeitschr. 1866 S. 11, welcher von der Lücke ausgehend, eine 
paläographisch und für den Sinn schön durchdachte etwas grössere 
Ausfüllung bietet, der scharfsinnigste. Da man aber in neuester Zeit 
den Gedanken eines im verderbten inconste steckenden inconsult(a)e 
(vgl. bereits Hertz Adn. crit. Vol. IV p. XXXIII) nicht unbedeutend 
stützte (vgl. Gitlbauer 1. c. p. 66, wo das analoge Beispiel aus Gaius 
wol der Beachtung werth scheint) , so kam mir die Vermuthung, es 
liesse sich vielleicht die schwierige Stelle von jener Herstellung des 
inconste, die aber allein natürlich nicht genügt, ausgehend mit Zu- 
fügung eines einzigen Wortes, dessen Ausfall paläographisch sehr 
leicht zu erklären wäre , so heilen : At (st. et mit Hartel) incon- 
sultae 1 ) taedio oppugnationis castrorum Pereeus extemplo circum- 



') inconsultus bei Liv. auch sonst öfter, z. B. XXII, 44, 7 ad in- 
eonsultam atque improvidam pugnam XXIII, 7, 8 incdtasulti certaminis; 
so kann das Wort an unserer Stelle wol auch gut von einer repentina 
oppugnatio (vgl. Caes. B. C. III, 80, 4) eines Lagers, die sich hier gleich 
als zu wenig überlegt herausstellte, stehen. 



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A. Zingerle, Zu Livius. 257 

aciem u. s. w. Wie taedio zwischen der Schiasssilbe tae des vor- 
gehenden Wortes und dem Anfangsbuchstaben von oppugnationis 
anfallen konnte, bedarf kaum einer Bemerkung. Der Ablativ des 
Beweggrandes (Kühnast liv. Syntax S. 163 ff. — bei Sallust vgl. ge- 
rade zu taedio B. lug. 62, 9) ebenso wie die Zwischenstellung (vgl 
Kohnast S. 312 ff.) namentlich bei Trennung einer Reihe von Ge- 
sitiren, welcher Fall gerade auch bei Livius bekanntlich in den Com- 
aotaren öfter hervorgehoben wird, können kaum irgendwie befrem- 
«n, am ehesten noch etwa das ergänzte Wort im vorliegenden Zu- 
sammenhange. Livius gebraucht es ein paar Mal und gerade bei 
Berührung ähnlicher militärischer Ereignisse, IV, 61, 8 bei Erwäh- 
nung der Schwierigkeit der Einnahme der Burg von Artena : taedio- 
iM reeessnm inde foret, ni . . , VIII, 2, 2 bei den Friedensverhand- 
-ongen mit den Samniten: qüoniam ipsos belli culpa sua contracti 
medium ceperit , XXXIV, 34 , 1 : cum res tarn lenta oppugnatio 
arbram sit, et ohsidentibus prius saepe quam obsessis taedium ad- 
fcni, aber man könnte eben einwenden, dass es sich in solchen Fällen 
3i den üeberdruss an einer langwierigen Unternehmung handle und 
m dieser Beziehung gerade die letzte Stelle noch besonders ver- 
seiften. Beachten wir aber, dass die eigentlich wirkliche lange 
Dauer nicht zum Begriff des TJeberdrusses in taedium nothwendig 
erforderlich ist (selbst vom Standpunkt der Etymologie aus nicht, 
dckhviel ob wir der von Fich in Kuhns Zeitschr. XIX, 80 oder von 
Corssro Ansspr. I, 372 folgen), dass vielmehr auch eine verhältniss- 
uässighrze Unternehmung nach Umständen diese Schlaffheit oder 
die*« Msein resp. den üeberdruss bei einem Individuum erregen 
tau und dass endlich taedium geradezu auch einfach unserem 
s Widerwille« und »Eckel« entsprechend in Poesie und Prosa einer 
flicht za späten Zeit vorkommt (in Poesie als Widerwille z. B. bei 
ton dem Livius gleichzeitigen Ovid, vgl. Siebelis-Polle Wörterbuch 
^.334), so können wir ohne grosse Bedenken annehmen, dass es wol 
auch bei Livius an obiger Stelle in der Verbindung inconsultae taedio 
Vgnaüonis, gerade wieder bei einer oppugnatio, hier eines Lagers, 
h wenn auch verhältnissmässig kurz, als unüberlegt und im ersten 
Hue misslungen dem Urheber bereits taedium verursachen musste, 
**inen Platz finden konnte. 

Schliesslich bei diesen Paar gelegentlichen Bemerkungen noch 
tue über eine alte Ausgabe. Ein mir durch die Güte des H. Prof. 
tompf-Brentano zur Einsicht in beigefügte handschriftliche Notizen 
atyetheiltes Exemplar der bisher auf unserer Bibliothek fehlenden 
^riser Ausgabe des Livius vom Jahre 1510 (vgl. Drakenborch XV, 
*&> Schweiger class. Bibl. n, 526, wo ihr Vorhandensein in Göt- 
%n angegeben) lockte mich bei der schon einmal in ein Paar 
freien Standen vorgenommenen etwas näheren Durchmusterung, die 
Moch für jene Notizen Nichts von Bedeutung ergab, auch den alten 
™k mit dem so reichen und gewissenhaften handschriftlichen Ma- 
t «riale, daß in neuester Zeit Mommsen für einige Partieen der 3. De- 

fctocirift l d. öiWtt. Gymn. 1878. IV. H«ft. 17 



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3*gle 



258 A. Zingerle, Zu Livius. 

cade seinerseits zur Förderang der Forschung über die Spirensis- 
Klasse aus 82 Handschriften so musterhaft zusammengestellt (Anal. 
Liv. p. 32 — 74), zu dem Zwecke zu vergleichen, um aus der Probe 
mit diesem so massenhaften , aber dabei so leicht übersichtlichen 
Apparate etwas näher zu erforschen, mit Handschriften welcher Art 
sich jene öfter im Allgemeinen besprochene, aber, so weit ich ge- 
sehen , weniger bis so weit näher charakterisirte alte Ausgabe etwa 
vorzüglich berühre. Eine ganz kurze Mittheilung dürfte das Resultat 
wol noch verdienen. 

Es zeigte sich in diesen Partieen, man kann fast sagen, durch- 
weg eine auffallende Uebereinstimmung mit einer Gruppe von jungen, 
meist aus dem 15. Jahrhundert stammenden Handschriften, die bei 
Momms. gleich durch ihre Verwandtschaft hervortreten und bei ihm 
im Ganzen am allerconstantesten in Nr. 16, 45, 76, auch 8, 21, 22 
sich begegnen. Ich notire aus der reichen, aber hier bei einem 
solchen Nebenzwecke wol kaum vollständig mittheilenswerthen Zahl 
beispielshalber als recht bezeichnende Fälle der erwähnten Ueber- 
einstimmung des Druckes mit einer solchen Art der Ueberlieferung 
XXVH, 33, 8 dictatorem facere (bei Momms.-Stud. Nr. 8, 15, 16, 21, 
22, 40, 45, 67, 76), 34, J7 assentiebat (M.-St. Nr. 8, 15, 16, 21, 40, 
45, 53 b, 76), XXVIII, 39, 17 dirutum ac (M.-St. Nr. 8, 16, 21, 
22, 40, 45), 40, 2 transportaret et (M.-St. Nr. 5, 8, 10b, 16, 21, 
22, 32, 35, 40, 45, 53 b, 63, 76), 40, 10 imperium aequaretnr 
meum (M.-St. Nr. 8 a, 15, 16, 21, 22, 40, 45, 76), 41, 2 ire 
(M.-St. Nr. 8, 15, 16, 21, 22, 27 b, 28, 32, 34, 40, 45, 53 b, 58, 
76), u. s. w. Gerade in solcher Berührung mit einer derartigen 
Klasse der Ueberlieferung fand ich Abweichung der Ausgabe von der 
Ed. Romana 1472, die wahrscheinlich nur ein Abdruck der Ed.prin- 
ceps ist, z. B. gerade XXVHI, 41, 2. Wo unser Druck mit der für 
diese Partieen nun bestimmt erforschten Ueberlieferung der Spiren- 
sis-Classe sich begegnet, haben die Berührung gerade auch solche 
jüngere Handschriften der angedeuteten Gattung z.B. XXVHI, 40, 5 
non senatorem qui de (bei M.-St. u. A. auch wieder Nr. 8, 15, 16, 
22, 45), 40, 11 aliquorum (M.-St. u. A. Nr. 15, 16, 21,j 22, 45, 
63, 76), 41, 5 futura est ab (M.-St. u. A. Nr. 8, 21, 32, 40, 45. 
76), 41, 6 partam quam (M.-St Nr. 8, 16, 21, 22, 32, 40, 43, 
45, 76 u. s. w.) u. dgl. Eine auffallendere Abweichung in dieser 
Beziehung fand ich nur in einem von Mommsen in seiner Schluss- 
tabelle p. 72 unter den 17 bezeichnenderen Lesearten des Spirensis 
aufgezählten Falle XXVIII, 40, 13, wo der Druck die Spirens-Lese- 
art parata bietend von der gewöhnlichen handschriftlichen Verwandt- 
schaft sich entfernt. XXVI, 48, 7 hat die Ausgabe dassis, 41, 18 
die bei M.-St. p. 38 an zweiter Stelle mitgetheilte Fassung, 
XXVIII, 13, 10 nunquam aliquot insequentes dies, 41, 1 bono pu- 
blico praeponam hier immer wieder mit der früher bezeichneten Hand- 
schriftenart übereinstimmend. Lässt sich somit aus dieser Partie, bei 
der das reich zusammengestellte handschriftliche Material nun auch 



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& Büschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 259 

zo solchem Zwecke ein sichereres Urtheil ermöglichte , wol der 
Schluss ziehen, dass der in Bede stehende Druck ganz vorzüglich mit 
jungen Quellen der hs. Ueberlieferung stimmt , so bedarf es für den 
Kenner natürlich nicht der Bemerkung, dass es Handschriftenvor- 
lagen jener Art, wofür wir aus Momms.-Stud. auffallende Beispiele 
entnommen, noch mehrere gab und wol noch gibt, wie denn auch der 
Druck noch ein Paar Lesearten bietet, die z. Th. wol wahrscheinlich 
vd Handschriften zurückgehen, aber auf bei M.-St. nicht vertretene 
Beprasentanten weisen z. B. XXVII, 33, 7 quintum qui tum (Com- 
bination der Lesearten qui tum und quintum, welche letztere bei 
M.-St. nur Nr. 16 hat), XX Vm, 40, 2 aperte fieret (die Ed. prin- 
ceps hat das bei M.-St. vertretene hs. foret) , 40, 9 aequalis fit, 
41, 4 nisi haud Amilchar Annibal — illuc bellum 5 Direpanis. 

In wie weit die folgende Pariser Ausgabe vom J. 1513 durch 
Vergleichung von 10 Handschriften angeblich avenerandae vetusta- 
tis* (vgl. Fabricius Bibl. lat. I, 282, Schweiger II, 526 u. dgl.) ge- 
wonnen« konnte ich bei dem Fehlen derselben in unserer Bibliothek 
leider nicht vergleichen. 

Innsbruck. Anton Zingerle. 



Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

IU. 

(YergL diese Zeitschrift, Jahrgang 1878 H. II S. 88 ff.). 
Sat. HI, 3, 7 bietet B. : item 
tnque o sanctissima vates 
praescia venturi 
non aliud nisi sacram vocat quam videbat et vatem et deo plenam 
et sacerdotem. 

An dieser handschriftlichen Fassung der Worte nahm Jan 
doppelten Anstoss. Um das schon von Anderen als unhaltbar er- 
kannte dreimalige et zu vermeiden und zugleich das ihm auffällige 
videbat zu beseitigen, vermuthete er mit nur geringer Aenderung der 
aberlieferten Worte videbat et: videZicet, indem bei quam das Verbum 
des Hauptsatzes : vocat ergänzt werden soll. Seine Vermuthung hat 
aoch Eyssenhardt aufgenommen. Allein ist auch auf diese Weise ein 
V sehr ansprechend eliminiert und 'videlicet' an vier Stellen von Ma- 
crobius angewendet, womit dasselbe wol nicht als dem Schriftsteller 
nor geläufig erwiesen werden soll, (anders verhielte es sich mit dem 
gegen lwanzigmal vorkommenden scilicet) so erheben sich doch ge- 
wichtige Bedenken gegen die Richtigkeit jener Conjectur. Zunächst 
ist die verlangte Ergänzung des Verbums sehr gezwungen , zumal 
nach 'aliud', wo man 'quam' in comparativem Sinne zu nehmen gewohnt 
ist, und durch kein auch nur entfernt ähnliches Beispiel aus Macrob. 
zo belegen, der im Gegentheile z. B. Comm. II, 2, 2 nicht Anstand 
nimmt, das nämliche Wort (vocat — vocatur — vocari) in demselben 

17* 



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260 22. Büschofsky, Zur Kritik and Erklärung des Macrobins. 

Satze dreimal zu wiederholen. Die Worte 'et deo plenam et sacer- 
dotem* haben keinen rechten Anschlnss an das Vorhergegangene. Sie 
sollen offenbar attributiv zu vatem gefasst werden, 'Videlicet' könnte 
nur mit Bücksicht auf Vatem 9 gesagt sein, allenfalls auch auf c deo 
plenam' (vgl. praescia venturi in den citierten Versen), zn 'sacerdotem* 
passt es absolut nicht. Man ist in Verlegenheit, wenn man die Worte 
nach der Jan 'sehen Fassung übersetzen soll. Im Deutschen ist das 
Zeitwort im Relativsatz ganz unentbehrlich. Ueberhaupt endlich ist 
die in diesem Satze enthaltene Begründung nicht so ausgedrückt, 
wie man sie nach Analogie anderer, von mir am Schlüsse der Be- 
sprechung dieser Stelle zusammengestellter Fälle erwarten würde. 
Aus den angeführten Gründen kann ich mich mit Jan's Vorschlag 
nicht befreunden. Fragen wir nun, welcher Gedanke hier überhaupt 
angemessen ist und ob ihm die überlieferten Worte nicht vielleicht 
in einfacher Weise angepasst werden können. Macrobius spricht da- 
von, dass das Wort sanetus von Vergil nicht immer in seiner eigent- 
lichen Bedeutung, wie er sie §. 5 angegeben hatte, sondern öfters 
auch synonym mit sacer gebraucht werde, das er (§. 2 des näml. Kap.) 
folgendermassen definiert hatte : Sacrum est . . . quiequid est quod 
deorum habetur (vgl. auch 7, 3). Um also nachzuweisen, dass die 
von dem Dichter sanetissima genannte Seherin wirklich sacerrima 
sei, was anders muss betont werden , als dass sie in Beziehung zn 
den Göttern steht? Es kann dies aber in doppelter Hinsicht von 
ihr ausgesagt werden. Die vates (gemeint ist die cumäische Sibylle) 
ist nämlich et deo plena, von denxGotte erfüllt oder begeistert, et 
sacerdos, Priesterin des Gottes. Ich schliesse daraus, dass diese 
beiden Begriffe prädicativ zu vatem gedacht werden müssen, und 
dass darum der Stelle durch die von Zeune vorgeschlagene Tilgung 
des einen et hinter vatem nicht geholfen ist. Meiner Forderung aber 
geschieht völlig Genüge, wenn wir das et vor vatem in ut umändern 
und die Stelle so schreiben: non aliud nisi sacram vocat, quam vide- 
bat ut vatem et deo plenam et sacerdotem d. h. „er nennt (mit dem 
Bei worte sanetissima) nicht anders als sacra diejenige, die, wie er 
sehen musste, als Seherin sowol gotterfüllt als auch Priesterin 
war a , oder: „in der er, als einer Seherin, die Gotterfüllte und 
Priesterin ernannte." (Vgl. Krebs, Antib. 5 1202.) Zu Gunsten 
von videre im übertragenen Sinne von der geistigen Wahrneh- 
mung führe ich an: Sat. I, 3, 1 superfluum video inter scientes 
nota proferre; I, 24, 15: non vidit et se in idem munus vocandum; 
V, 17, 2: (Vergilius) cervnm fortuito saucium fecit causam tumul- 
tus, sed ubi vidit hoc leve nimisque puerile, dolorem auxit agresti- 
um; Comm. I, 1, 5: (Plato) nihil aeque patrocinaturum vidit qnam 
si etc. ; II, 14, 7: quod et ipse Aristoteles videns etc. (vgl. ausserdem 
Sat. V, 21, 2; VII, 3, 23; Comm. I, 7, 6; 20, 12; u. Krebs a.a.O.) 
Aus den angeführten Belegstellen ist zugleich ersichtlich, dass 
'esse* bei c videre* in der Regel zu fehlen pflegt, was überhaupt nach 
den verbis sent. u. die. bei Macrob. das Häufigere ist. Vgl. für scire 
I, 12, 20; für fateri I, 17, 3; für ostendere III, 2, 17 u. s. f. 



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& BUschofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 261 

Ut in der verlangten Bedeutung ist demMacrob. sehr geläufig. 
Die Stelle Sat. VI, 4, 1 : Furius ut memor et veteris et novae aucto- 
rum copiae ist von besonderem Interesse wegen des zweimaligen et 
nach ut, so wie an unserer Stelle. Für denselben Gebrauch citiere 
ich noch folgende sichere Fälle: Sat. 1, 15, 14; III, 15, 10; 17, 18; 
VII, 5, 14; 6, 8; 8, 5; 9, 8; 12, 8 bis; 13, 10; 16, 18; Comm. I, 
3, 15; 6, 27; 19, 6; 21, 23; 22, 2; II, 4, 4 bis; 4, 6 bis; 11, 8; 
17, 10. Sehr nahe verwandt der obigen ist die Bedeutung von ut 
auch an folgenden Stellen: Sat. I, 6, 23; 17, 45; 23, 18 ; III, 17, 
12; V, 16, 10; 20, 9; VI, 4, 11 ; Comm. I, 14, 2; II, 17, 12; 
17, 14. 

Die Verschiedenheit der Tempora c vocat* und 'videbat* (vgl. Jan 
x.d.St) erklärt sich leicht so, dass 'vocat' mit Rücksicht auf das dem 
Macrob. vorliegende Werk des Dichters gesagt ist , 'videbat' aber im 
Sinne des lebenden Vergil. Dass in dem Relativsätze das Verbum 
sehr ungern vermisst würde , mag man indirect auch aus folgenden 
Beispielen entnehmen , die mit unserem Falle Aehnlichkeit haben, 
nur dass c quid aliud nisi' oder 'quam' (in rhetorischer Frage) steht für 
'non aliud nisi' : Sat. I, 21, 23 Cancer obliquo gressu quid aliud nisi 
iter solis ostendit, qui viam n um quam rectam sed per illam semper 
meare sortitus est etc. ; ib. §. 24 : Virgo autem, quae manu aristam 
refert, quid aliud quam dvva/nig vjktaxrj, quae fructibus curat ? 
(Vgl. noch Sat. I, 16, 42 u. 22, 1.) 

Bei der von mir vorgeschlagenen Schreibung dürfte sich auch 
der Ausfall der beiden zusammengehörigen Worte ut vatem' in P ein- 
facher erklären als im Falle der Annahme von Jan's Conjectur. Vide- 
lket hätte erst in Videbat et 3 übergegangen sein müssen, um jene 
Möglichkeit aufkommen zu lassen. 

IV. 

Sat. DI, 6, 10 f. Varro Divinarum libro quarto victorem Her- 
culem pntat dictum, quod omne genus animalium vicerit. Romae 
autem Victoris Herculis aedes dnae sunt, una ad portam Trigeminam, 
altera in foro Boario. huius commenti causam Masurius Sabinus Me- 
morabilinm libro secundo aliter exponit etc. 

Es wird kaum einen philologischen Leser geben, der bei dieser 
Stelle nicht unwillkürlich auf die Vermnthung geführt würde , das 
handschriftliche commenti sei in co^tiomenti zu ändern, wie Sal- 
nasius tatsächlich vorgeschlagen hat. Handelt es sich doch darum, 
lachxnweisen, wie so Hercules zu dem Beinamen Victor gekommen 
sei. Ja die Vermnthung wird fast zur Gewissheit, wenn wir einer- 
seits neben der Form cognomen (Sat I, 15, 18; 17, 15; 16; 23; 
36 ; 45) auch die andere cognomentum finden (Sat. I, 6, 25 ; 26 ; 29 ; 
30), andererseits lesen (Sat. I, 17, 36) : Apollinis Lycii plnres ac- 
cqrimns cognominis causa*, und (III, 5, 10) : sed veram huius *o- 
wmw causam in primo libro Originum Catonis diligens lector in- 
Teniet Nichtsdestoweniger ist die Ueberlieferung nicht anzutasten. 



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£ 



262 & Bü&chofsky, Zur Kritik und Erklärung des Macrobius. 

Commentum ist nicht singulär, es findet sich noch : Sat. 1, 18, 24 
VII, 1, 12; 5, 12; 5, 31; Comm. I, 1, 3; 19, 8; 20, 13; (die V« 
baiform c commenti sunt 5 Sat. I, 13, 9.) Den Hauptausschlag ab 
giebt ein genauer Vergleich mit Comm. I, 19, 18: non enim ait nil 
quae Saturnia estu sed «quam in terris Saturniam nominantu et »il 
fulgor qui dicitur Jovis«, et »quem Martium dicitis", adeo expre 
in singulis nomina haec non esse inventa ex natura sed hominum 
commenta significationi distinctionis accomoda. Hieraus geht klai 
hervor, dass Jan das Wort an unserer Stelle vollkommen richtig er- 
klärt, indem er beifügt: nlntelligas inventionem huius cognomini^ 
ut minime necessaria sit Salmasii coniectura", und dass Eyssenhardl 
gut daran gethan hat, es beizubehalten. Wenn ich also ein jetzt, wie 
es scheint , allgemein für echt geltendes Wort neuerdings in Schutz 
zu nehmen gesucht habe, so ist dies nicht nur darum geschehen, um 
Jan's Auffassung durch Erwägung des pro und contra sicher zu 
stellen gegen etwaige Angriffe , sondern ich will anknüpfend daran 
auch eine Beobachtung bezüglich eines eigentümlichen Sprachge- 
brauches bei Macrobius mittheilen , die zur näheren Erklärung der 
Stelle beizutragen geeignet ist. Merkwürdig ist nämlich, wie Macrob. 
an einigen Stellen 'inventum* (oder invenire) gebraucht im Sinne 
dessen, was von Natur geworden ist, im Gegensatze zu dem, was 
die Menschen erfunden haben, für das er den Ausdruck 'commen- 
tum 5 hat. Instructiv hiefür sind ausser den eben citierten Worten 
(Comm. I, 19, 18) noch Sat. VII, 15, 16: irnyltozzlg, quamme- 
moras, inventum naturae est, und Comm. I, 6, 70 : unde et Septem 
vocales literae a natura dicuntur inventae. Diese Beobachtung wird, 
soweit sie commentum betrifft , durch unseren Fall als ganz richtig 
bestätigt. Es heisst in dem Citate aus Masurius Sabinus , dass ein 
gewisser Octavius Herrenus dem Hercules einen Tempel und eine 
Bildsäule weihte Victoremque incisis litteris appellavti. dedü ergo 
epitheton deo etc. Von einem ganz bestimmten, einzelnen Menschen 
also, der dem Hercules, wie erzählt wird, die Rettung seines Lebens 
verdankte, rührt der Beiname Victor her, < commentum J konnte daher 
sehr passend und angemessen dem sonstigen Gebrauche des Schrift- 
stellers als Ausdruck dafür gebraucht werden. 

Budolf Bitschofeky. 



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Zweite Abtheilung. 

Literarische Anzeigen. 

Scholia Graeca in Homeri Iliadem ex codicibus aucta et emendata 
edidit G. Dindorf ins. Tom. DI. et IV. Oxonii, e typographeo Cla- 
rendoniano. Lipsiae T. 0. Weigel. JiDCCCLXXVH. Tom. ETI, XVI und 
511 pp.; tom. IV, 413 pp. 8°. 

Den von W. Dindorf herausgegebenen zwei ersten Banden der 
Tüasscholien (in dieser Zeitschrift Jahrg. 1876 p. 642 sqq. besprochen) 
ist d$r dritte und vierte rasch nachgefolgt. Der Herausgeber lässt 
den in jenen beiden Bänden enthaltenen Scholien des Venetus A, die 
also vor Allem für die Textkritik von grösster Wichtigkeit sind, nun- 
mehr die Scholien des Venet. B folgen, welche sich zumeist auf sach- 
liche Erklärung beziehen und theilweise auch in anderen Hand- 
«triften erhalten sind. Nicht genug anzuerkennen ist Dindorf s 
Grundsatz (vgl. praef. p. IX u. XTV), den Ven. B allein als Grund- 
lage der Ausgabe gelten zu lassen und nur die übrigens unerheb- 
lichen Irrthflmer aus den anderen Handschriften zu emendiren. 

Der Venet. B (Marcian. 453), von dem der Herausgeber auf 
p. V der praef. eine bündige Beschreibung gibt (vgl. über die Hand- 
sehr. Hoffmann Prol egg. zu und X der. IL p. 22—28), enthält die 
ganze Ilias mit zahlreichen Scholien. Den ersten Versuch, dieselben 
m ediren, machte A. Bongiovanni, der wenigstens einen kleinen Theil 
(die Scholien zum ersten Buche) im J. 1740 zu Venedig veröffent- 
lichte. Dies that er aber in sehr unkritischer Weise, ohne eine Ah- 
nung zu haben, dass verschiedene Scholiengruppen zu statuiren seien. 
Eine etwas bessere Arbeit war die Wassenbergh's, der die Scholien 
um die des zweiten Buches erweiterte und mit einigermassen besseren 
Anmerkungen versah (1783). Eine vollständige Sammlung der Scho- 
llen unserer Handschrift enthielt erst Villoisons Ausgabe, die dieser 
im J. 1788 veranstaltete. Ihr Hauptverdienst bestand allerdings 
darin , dass nun zum ersten Male die unschätzbaren Scholien des 
Ven. A «um Drucke gelangten. Villoisön begnügte sich jedoch mit 
diesen nicht, sondern fügte auch die des Ven. B und Lipsiensis hin- 
zu. Aber wie die Ausgabe Villoisons in Bezug auf die Scholien des 
Ven. A sich manche Irrthümer zu Schulden kommen Hess, 



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264 G Dindorfius, Scholia Homeri, ang. v. AL Rgach. 

dasselbe nur noch in höherem Grade der Fall beimVen.B, da auch er, 
von verschiedenen sonstigen Fehlern abgesehen, zu keiner Einsicht 
über den verschiedenen Wert des Scholienmaterials gelangte, ja selbst 
die Scholien von A und B durch einander warf, so dass jeder rich- 
tige Ueberblick unmöglich gemacht war. Die nächste Ausgabe von 
Bekker (1825) führte einen Theil der Fehler von Villoison weiter 
mit, da Bekker in allzugrossem Vertrauen auf seinen Vorgänger den 
Codex keiner neuen Collation unterzog. Dies letztere ist nunmehr 
durch Cobet und Monro geschehen, die auch die Scholien des Ven. A 
für Dindorf neu verglichen hatten. Auf Grund dieser Vergleichung 
konnte der Herausgeber einen reineren Text liefern. 

Dindorf hat das Verhältnis der in der Hdschr. überlieferten 
Scholienmassen richtig erkannt. Er unterscheidet drei verschiedene 
Gruppen (sowie auch im Ven.A dreierlei Arten von Schol. vorliegen). 
Die erste Gruppe bilden jene, die ursprünglich allein in der Hdschr. 
standen, sie sind mit Ziffern (a ft etc.) bezeichnet, die sich auf cor- 
respondirende über den Text geschriebene Zahlen beziehen, so dass 
man leicht erkennt, wohin ein jedes dieser Scholien gehört. Diese 
erste Scholienclasse gibt Dindorf ohne besondere graphische Be- 
zeichnung. 

Die zweite Gruppe umfasst jene Scholien, welche von einer an- 
deren Hand mit kleineren Buchstaben geschrieben sind, u. zw. am 
inneren Rande der Blätter ; auch diese sind in der Hdschr. selbst 
äusserlich gekennzeichnet durch verschiedene einander entsprechende 
Merkzeichen, die sich am Anfange jedes Scholions und an der be- 
treffenden Stelle über dem Texte vorfinden. Mitunter besteht auch 
das Ende eines Scholions *der ersten Classe aus einem von der zweiten 
Hand geschriebenen Stücke, indem das Zeichen für den Schluss des 
ersten Schol. (: — ) ausradirt erscheint (vgl. Heller in Fleckeisen's 
Jahrb. 1868 p. 802). Die Verbindung ist dann durch eine Partikel 
hergestellt. Eine etwas jüngere Hand schrieb am äusseren Bande 
andere Scholien, die mittels ähnlicher Zeichen auf die Textesstellen 
bezogen sind ; diese letzteren enthalten längere Auszüge aus des Por- 
phyrios ZrjrrjjAceta 'OfiTjQivui und aus den Homerischen Allegorien 
des Herakleitos. Manches davon erscheint bei Dindorf zum ersten 
Male gedruckt. Die Scholien der zweiten Classe sind im Texte durch 
ein vorgesetztes Sternchen gezeichnet. 

Die dritte Scholiengruppe endlich unterscheidet sich gleichfalls 
auch schon äusserlich von den beiden anderen; diese Scholien sind 
nämlich mit rothen Zeichen und Initialen versehen. Dem Inhalte 
nach entstammen sie dem Etym. Mag., den homer. Epimerismen und 
anderen derartigen Arbeiten. Da sie eine reine Compilation reprä- 
sentiren, so hat sie der Herausgeber mit Recht nicht mit den beiden 
erstgenannten Gruppen zusammen in den Haupttext aufgenommen, 
sondern ihnen einen Platz im Anhang angewiesen. Nur solche, die 
en verhältnismässigen Wert zu besitzen schienen , worden mit in 



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G. Dindorfiu8, Scholia Homeri, ang. v. AI BmocK 285 

den Text gereiht , aber zum Unterschiede von den übrigen mit zwei 
Sternchen versehen. 

Dass bei dem Umstände, als Ziffern nnd Zeichen die Beziehung 
der einzelnen Scholien zum Texte anzeigten , Lemmata überflüssig 
waren, ist selbstverständlich. Die Hdschr. enthalt denn auch keine 
und sie sind erst von den Heransgebern hinzugefügt worden. 

Was den Inhalt der beiden ersten Scholiengattungen betrifft, 
so sind die Nachrichten , die wir aus ihnen über die homerische 
Texteekritik der Alexandriner schöpfen können , lange nicht so um- 
fassend, als die, welche uns die Schol. von A bieten. Auf Irrthümer 
ist schon von Lehrs und Düntzer verwiesen worden. Die Hauptsache 
bildet die Exegese und es sind vor Allem die Werke zweier Schrift- 
steller, aus welchen umfangreiche Auszüge vorliegen, nämlich aus 
den schon erwähnten Zrjirjfxaxa des Porphyrios und den^Xkrjyo^iai 
'Oprfftxai des Herakleitos. Nach Dindorfs Annahme hat ein Gram- 
matiker nicht lange nach Porphyrios (etwa im IV. Jahrh.) jene Ar- 
beiten excerpirt besonders nur die exegetische Seite berücksichtigend. 

Ausser im Cod. Ven. B sind unsere Scholien auch noch in an- 
deren Handschriften erhalten , von denen Dindorf den Townleianus 
Harleianus Lipsiensis Leideneis und Escorialensis benutzte, doch, wie 
oben bemerkt, in der Weise, dass er nur Verderbnisse in B aus ihnen 
zu emendiren suchte. Der Bedeutung nach steht Townl. obenan 
(saec XI). Die Scholien, die meist mit denen von B zusammenfallen, 
zeigen viele abweichende Lesearten. Mehreres konnte Dindorf zur 
Emendation von B verwenden. Ausserdem enthält die Hdschr. aber 
auch noch Schol., die mit denen von A stimmen, endlich ganz eigene. 
Bemerkenswert ist es , dass im Townl. mehr Rücksicht genommen 
ist auf die alexandhnische Textkritik als in B , wogegen von Por- 
pbjriosBcholien nur die kürzeren und auch diese nur theilweise vor- 
banden sind. Weit zahlreicher sind diese letzteren im Escorialensis 
Leidensis und Harleianus vertreten, u. zw. mit der Bezeichnung Iloq- 
ft^tot , wogegen sich in B dieser Name niemals ausgeschrieben 
findet, höchstens — und dies nur in wenigen Fällen — mit der Ab- 
breviatur 7tQ, wie Schol zu AS, 138, 225, 524. 

Aus dem Escorialensis (ß 1, 2 saec. XI) gab Dindorf Philol. 

IVin. 341 sqq. verschiedene Schol. des Porphyrios heraus. Der 
Uid+wwB (Vossianus 64, saec XIV) enthält bei den Porphyrios- 
ackoliao den Namen ihres Urhebers zumeist an der Spitze ; ausser- 
dem finden sich darin (nebst Einigem aus Eustathios) Scholien des 
Senaehernn, eines Grammatikers des XIII. Jahrh. (vgl. Bernhardy 
Lit Gesch. II. 1. 203). Der Harleianus (im brit. Mus. saec. XIV) 
enthält nur zu den ersten 6 Büchern reichhaltigere Scholien, von da 
ab sind sie meist ganz übergangen. Die Scholien des Lipsiensis 
(saec XIV) endlich wurden schon wiederholt veröffentlicht , zumeist 
m Villoison, dann von Bekker, endlich eigens von L. Bachmann in 
dm Heften, Leipzig 1835 — 1838, nach der Hdschr. der Paulina« 



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266 G. Dindorfius, Scholia Homeri, ang. v. AI Rzach. 

Der Text der vorliegenden Ausgabe ist vom Herausgeber mit 
grosser Sorgfalt hergestellt, nur in kleineren Dingen wird man mit 
Dindorf noch rechten können. So war A4 die Aenderung avog nach 
dem homer. Text für das überlieferte ovelf), das natürlich aveltj ist, 
nicht angezeigt, da der citirte Vers 1547 überhaupt nicht vollständig 
angeführt ist und der Scholiast, indem er yctq q>rj<ji erläuternd hin- 
zusetzt, offenbar paraphrasiren wollte. A 86 hat Dindorf scharfsinnig 
erkannt, dass die Worte payela iatlv litv*Xrßig — Iv xoig rpzctoiv 
ein unnützer Zusatz eines Interpolators sind, wählend Bekker die Er- 
kenntnis des Sachverhaltes insofeme erschwerte, als er nach fjayeia 
ein de einschob. A124 konnte die vom Herausgeber selbst notirte 
richtige Schreibung j-weiov und vuowüov für das überlieferte ^vvewy 
und Tiolveiov in den Text aufgenommen werden. A 132 lässt sich 
oqyitBöSat yctQ 6 *Xe7ttr)Q noiel toig dnbXXovxag vi wol 
nicht halten, Bekker schrieb aTtoXXvvrag, ich vermuthe es sei anoX- 
Xvovrag ti die ursprüngliche Schreibung gewesen ; das Particip 
dnolXiwv kommt in der Prosa schon bei Piaton Rep. X 608 E vor. 
^176 wäre das Citat aus Hesiod. Theog. 94 in emendirter Form zu 
schreiben, in ydq Movocuov xal kxrjßoXov lAitoUcavog. A 359 
erscheint mir &eov, das als Var. überliefert ist, den Vorzug vor 
&eäg, weiches B hat, zu verdienen wegen des folgenden: qxxrraaia 
di Tig TreQixeitai rfj &£q> öid xrjg ofxixXrß und rj ort &aXaaaia 
iavlv r] &eog. A 448 sehe ich keinen Grund für das überlieferte 
ivvrjrog ivvvrjuog zu schreiben, da die Dopplung der Liquidae nicht 
von allen Grammatikern beliebt ward und dies mehr weniger ortho- 
graphische Eigenheiten waren , selbst da , wo die Etymologie den 
doppelten Consonanten verlangt; ebenso verhält es sich mit qptAo/uet- 
drjgJb E422. In ^4464 hält Referent die Schreibung Dindorfe im 
Schohon zu inaaavro f&r nicht ganz befriedigend : der Herausgeber 
schreibt: o&ev xal 7taaaa&ai fraget %b (Äao&o&ai TQonj} rot 
pt ug n xal dvaÖQOfÄrj xov tövov naoaodai, während die Hdschr. 
ft&oaao&ai izctQci xo /uaoaäo&ai bietet ; die ursprüngl. Fassung 
scheint nur zu sein o9ev xai ndaaaad-ai naQcc ro paaoaa&cu 
zQonq xov fx Big 7t xat dvaSQOfifj xov tovov, das Schlüsswort 
naoao&ai halte ich für eine in den Text gedrungene Glosse ; jenes 
Tzaooao&ai geht auf die gebräuchliche homerische Form mit cra, 
während das Doppelsigma in fiaooaad-cu, wie sich in späterer Prosa 
neben piaadia^av geschrieben findet , durch die Verwandtschaft mit 
fxaaaw erklärlich ist. 

A 547 scheint das seltenere als Var. überlieferte nQaonog die 
ursprüngliche Schreibung statt TiQatog gewesen zu sein. 2? 11 ist die 
Ueberlieferung von B als massgebend zu betrachten und mit ganz 
leichter Aenderung eiQrjvrai zu schreiben, wogegen sich Dindorf für 
Xiyowac nach dem Escor, entschied. Eine böse Verwechslung 
Bekkers hat der Herausgeber 2*36 beseitigt, wo er die handschrift- 
liche Leseart ol di aXXrn dia tov b mit Bezug auf e/deXXov in ihr 
Recht einsetzte, während sein Vorgänger merkwürdigerweise dta 



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G. Dmdorfim, Scholia Homeri, ang. v. AI. Esach. SS7 

toi ä conjicirte, was er auf dfießr/occro in V. 35 bezog , weil ven 
Zenodot in den Schol. Ven. A zu E 229 erwähnt wird, er habe ißr/- 
ö€%o geschrieben. Durch Bekkers Conjectur kam der Irrthum auch 
in Düntzers Buch de Zenodoti stud.Hom.62, während derselbe p.77 
richtig bemerkt: £36 pro e'fxelAev Zenodotus scripsitijueiUev; eben- 
so ward La Boche, Hom. Textkrit. 214 Nro. 53 irregeführt. J3339 
geht der Zusatz 17 laroQia Traget 2xrpsi%6Q<pi obzwar er nicht in B 
steht, doch wol auf die ursprüngl. Fassung des Scholions zurück und 
wäre deshalb in den Text aufzunehmen. B 391 schreibt Dindorf 
iinoTcatiuiy statt des überlieferten XetTZOTaxTOJv (wie auch später 
II 36 statt keinoTa&ov Xmma^iov) mit der Bemerkung „qui fre- 
qoens librariorum error est in huiusmodi vocabulis ab aoristo Xiizeiv 
forma tis." Die mit Xuno — anfangenden Composita sind freilich 
sieht gut attisch (Ghoiroboskos bei Cramer Anekd. Ox. II 239), aber 
in der späteren Sprache scheinen sie doch volles Bürgerrecht zu be- 
sitzen. B 561 : Nicht unwahrscheinlich ist es, dass, wie Buttmann aus 
fiostath. 287, 27 erschloss, vor Xiyovat stand rj d* Hiotv ovx oIx&tcu. 
J27 stellte Dindorf mit Recht gegen Bekkers duazalfÄevtog das hdschr. 
fitmag wieder her. J60 war das überlieferte ivyia yctQ twoiv yevedg 
nicht nur theilweise (£a>ei) sondern vollständig zu emendiren aus Plut. 
MoraL p. 415 C Ivyia toi &€i yereag, Hesiod. Fr. 163 Goettl. z/429 
ijaav in B weist vielleicht auf das sonst freilich nur poetische jjaav. 
£216 a*6/iot vupwdeig schrieb Dindorf nach den Varianten, während 
B vuoiidag hat ; dies letztere ist zweifellos beizubehalten, vgl. Schmidt 
Yocausm. I 134, Meyer in Bezzenbergers Beitr. I 82. Die Lücke in 
der Hdschr., die durch den Ausfall von Fol. 68 und 69 entstand, ist 
von jüngerer Hand ergänzt, für die Scholien der ersten Classe , die 
dem Schreiber offenbar nicht mehr vorlagen, setzte dieser Einiges aus 
Suidaa and Diogenes. Laert ein. E 890 ind aal avzog yekq o%? 
ofaftt &*ovg Oqiöi £wi6vTag, so Dindorf dem homerischen Texte 
IL 391 entsprechend nach den Var. zu B , während die letztere 
Hdschr. in oQf zovg offenbar die richtige ursprüngliche Fassung be- 
wahrt hat: denn wir erwarten hier nach yekq entschieden das Präsens ; 
das im homerischen Texte stehende Präteritum hat dort sein Analogon 
im Aoriste iyilaoae; wie der Scholiast diesen in 's Präsens umwan- 
delte, so schrieb er auch jedenfalls o?£. Q 369 war zu notiren, ob 
die üeberlieferung wirklich änoQQtoi; accentuirt. Liegt hier nicht ein 
tinfafiifür Druckfehler vor, so würde der Scholiast hier mit dem Schol. 
Ten. B zu jB 755 differiren, das auf das Schol. Ven. A zu d. St. Be- 
ug hat, wonach Aristarch anoQQw^ betonte. / 375 ist doch die 
Variante xiacaqot o%i%otg statt des von B überlieferten titQaai 
#*igot£ für die richtige Fassung zu halten, Dindorf schrieb ihqaot 
*t&o<€- / 503 ward vom Herausgeber mit Recht im Scholion der 
zweiten Classe ilmvol aus A und B wieder hergestellt, während 
Bekker fälschlich tkuwovg schrieb. Die Formen Jt]fir]tQ<f und 
Jr^rjtQaw in / 534 und 542 repräsentiren sicher die genuine Schrei- 
bung des Scholiasten; solche von dem erstarrten Accusativ JiftirfiQa 



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A 



268 G. Dmdorfius, Scholia Horaeri, ang. v. AI. Stach. 

aus wieder neu flectirten Formen des späteren Griechisch, können 
hier insofern keinen Anstoss erregen , als wir es mit einem Eigen- 
namen zu thun haben. Der Accus. jTjfirjtQav kehrt in B bei O 36 
wieder. A 269 hätte Dindorf bei dem Citat aus H 64 die Accentn- 
ation von fxehxvel, wie B bietet, beibehalten sollen, da die Sache mit 
der Betonung dieses Verbums bei der Singularität seiner Bildung 
noch gar nicht so ausgemacht ist, vgl. Apoll. Bhod. J 1574 (Cod. 
Laur.) Arat. 836, dann Curtius Verb. I 260. In A 558 zeigt sich, 
dass der Scholiast kein Anhänger der aristarchischen Schreibang 
adrjv war (vgl. Schol. E 203 Eustath. 539, 1), Dindorf hätte daher 
nicht dddrflpayiav in dörjcpayiav ändern sollen. Die zu S 200 von 
Dindorf recipirte Annahme Cobets, es sei bei dem hesiodischen Citat 
(Fr. LVIII Goettl.) nach dem im Scholion überlieferten Genetiv 
4t](uod6xr]Q noch ein Nominativ Jy/uodoxr] einzusetzen, ist rein sub- 
jectiv und unerweislich. In T 263 wollte der Schol., wie ich glaube, 
indem er udooaad-ai schrieb, die homerische Form schreiben, Dindorf 
fidoao&ai. Y 30 : Die Aenderung %va . . . xhjzai für xelrai ver- 
wischt die ursprüngliche Schreibung des Schol. , B hat ja auch kurz 
vorher zu V. 23 ha xelvrai (andere Hdschr. xiwvtat). Derlei 
falsche Modi sind bei Späteren nichts Aussergewöhnlichcs, vgl. oxav 
..Uyei F234, wofür Dindorf gleichfalls Xtyy setzte. Die Ver- 
muthung Y 234 sei lAQnayiag in 14 Qjidyia zu ändern, verdient Be- 
achtung, da der Singular Aqndyiov bei Thukydides vorliegt. V62 
ist jetzt gegenüber dem Villoison'schen ovtwg efiq^üvrig und dem 
Bekker'schen 6 atpQovrig ovtw richtig hergestellt owtcdq e^g^orvig. 
Die Individualität in der Schreibung des Schol. hat der Heransgeber 
auch ß 741 nicht geschont, wo er nach Schol. Ven. A P 37 statt 
deiQQTfiov (B) del Qrjiov in den Text nahm. Trotzdem die beiden 
Scholien auf eine Quelle zurückzugehen scheinen, verdienten die 
Eigentümlichkeiten des Scholiasten in formeilen Dingen hier wie 
anderswo mehr Berücksichtigung. 

Am Schlüsse des vierten Bandes hat der Herausgeber die 
oxofoa v€wr€Qa übersichtlich in ein Ganzes zusammengefasst , na- 
türlich mit Ausnahme derjenigen , die ihrer grösseren Wichtigkeit 
wegen in den Haupttext gezogen wurden. Nur zu den ersten drei 
Gesängen sind sie umfangreicher, von da ab werden sie immer spär- 
licher, um endlich ganz aufzuhören, nach Rhapsodie N versiegen sie 
gänzlich. Den Abschluss der Ausgabe bilden dankenswerte Nachträge 
zu den erschienenen vier Bänden. Eine angenehme Zugabe ist ein 
Facsimiie aus dem Ven. B FoL 101 enthaltend IL H 395—413 mit 
den Scholien. 

Die vorliegende Fortsetzung der Hiasscholien reiht sich würdig 
den beiden ersten Bänden an. Wir können nur mit dem Ausdrucke 
aufrichtigen Dankes an den Herausgeber schliessen , der sich ein 
neues Verdienst um die Förderung der homerischen Studien er- 
worben hat. 

Prag. Alois Bzach. 



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A. Danyu, De scriptorom Rom. studiis Cat, ang. v. L. Öwiklinski. SCO 

De scriptorom imprimis poetarumEomanorum studiis Catullianis, 
diaMrtatio inauguralis philologica Vratislaviensis , quam scripeit 
Antonius Danysz. Posnaniae, typis J. Leitgebri. 1876. [4] 70 [2] S. 8°. 

Die bezeichnete Schrift liefert den Beweis , dass der Verfasser 
längere Zeit hindurch eifrig die Gedichte des Catullus und der nach- 
catnllischen Dichter studiert hat, und bildet eine Ergänzung der in 
letiter Zeit viel betriebenen Catullasstudien. Es ist eine solche 
Arbeit, wie sie Woldemar Ribbeck für Vergil nnd insbesondere Zin- 
gerle für Ovid und Martial ganz oder theilweise geliefert haben. Na- 
turlich hat D. diese Arbeiten benutzt; den Ribbeck'schen Citaten 
hat jedoch D. einige weitere hinzugefugt , und gegen Zingerle's Ovid 
betreffende Abhandlung , die ihm während der Abfassung allein be- 
kannt sein konnte, tritt er polemisierend auf. Auch die diesbezüg- 
lichen Beitrage von Haupt, Luc. Müller und Baehrens hat D. wol 
berücksichtigt; die Abhandlung von Pauckstadt [de Martiali Catuüi 
mäatore] ist ziemlich gleichzeitig mit des Verf. Dissertation er- 
schienen. 

Bei einer Untersuchung der Art, wie es die angezeigte ist, ver- 
fallt man nur zu leicht in den Fehler , Aehnlichkeiten und Nach- 
ahmungen dort vorzufinden, wo sie in der That nicht vorhanden sind. 
Der Verf. wusste auch recht wol , dass er eine gefahrliche Aufgabe 
zu losen unternommen hat. Er sagt ganz treffend S. 47 : „In hac 
podtarum Romanorum cum Catullo comparatione silentio praetermisi 
ea, quae quasi hereditate quadam a priscis poStis accepta in omnium 
poftarum ore vigebant. Elocutiones aliquot maximam partem ex Graecis 
poiüs receptae primorum potitarum opera firmam stabilemque formam 
aeceperunt, qua eorum sectatores constanter usi sunt. Adde, quod 
com pleraque carmina latina dactylico sint scripta metro, elocutiones 
propter metri rationem minus potuerunt mutari." Dennoch hat D. an 
einigen wenigen Stellen des Vergil falschlich, wie mich dünkt, eine 
Abhängigkeit von dem Veroneser Dichter statuiert. So hat er wol 
mit Unrecht Vergil Aen. IV 657 mit Cat. 64, 171, Aen. IV 23 mit 
Cat 64, 235, Aen. VII 54 und 236 und Aen. XI 581 mit Cat. 64. 
42, Aen. VI 438 mit Cat. 68, 17. Aen. IX 131 mit Cat. 64, 186 
verglichen. Eine gewisse AehnUchkeit der citierten Vergil- und Ca- 
tollstellen ist zwar nicht zu leugnen , aber man darf dies nicht über- 
sehen, dass sich dieselbe auf die allergebräuchlichsten Ausdrücke 
beschränkt und jedes Mal wenig umfangreich ist. 

Die nothwendige Behutsamkeit hat der Verf. dem Ovid gegen- 
über beobachtet, und ich meines Theils glaube ihm beistimmen zn 
dürfen, wenn er S. 21 bemerkt: „Huius vel illius rei tractandae 
ansam Ovidio Catullum praebuisse conicere licet , sed cum certiora 
•keint indicia, quae in utroque poSta similia leguntur, non necessario 
Catalli auctoritati videntur tribuenda." 

Dieser Abschnitt, worin D. die wirklichen Nachahmer oder die 
für solche gewöhnlich erachteten lateinischen Dichter behandelt — 
«s ist der zweite und ausführlichste Abschnitt der Abhandlung — 



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270 Ig. Prammer, Cornelii Taciti Germania, ang. v. H. Schweizer- Sidler 

zeichnet sich durch grosse Sorgfalt ans und verleiht der Dissertation 
einen bleibenden Werth. Uebergangen hat D. den Gratius Faliscus, 
der zwar gewiss aus den Catullischen nugae nichts geschöpft hat, 
aber mit eben solchem Recht genannt werden durfte , wie Columella, 
Serenus Sammonicus und die Apocolocyntosis Diui Glaudii ; mit eben 
solchem Rechte hätten auch der Panegyricus in Pisonem und der 
Homerus latinus erwähnt werden können, welche beiden Gedichte 
bekanntlich viele Reminiscenzen aus Horaz , Ovid und Vergil ent- 
halten. 

Ausser diesem zweiten Abschnitte enthält die Dissertation noch 
zwei andere , einen ersten , worin diejenigen Schriftsteller behandelt 
sind, welche nur selten an Catullus erinnern oder ein ürtheil über 
ihn fällen, und einen, worin gleichsam die Resultate der beiden vor- 
aufgehenden Abschnitte zusammengefasst werden und eine üebersicht 
über den Stand der Catullstudien und die Leetüre seiner Gedichte 
im Alterthume gegeben wird. 

Lemberg. Dr. L. Öwiklinski. 



Cornelii Taciti Germania, f&r den Schulgebrauch von Ignai Pram- 
mer, Prof. am k. k. JosephstÄdter-Gymnasium in Wien. Wien 1878. 

Gewiss gestattet die verehrte Redaction der Zeitschrift für 
österreichische Gymnasien einer kurz gefassten zweiten Anzeige dieser 
Germaniausgabe Aufnahme , da die erste einen für deren Charakteri- 
stik nicht unwesentlichen Zug unbeachtet gelassen hat. Herr Pram- 
mer schreibt im Vorworte: Was das Verhältnis dieser Schulaasgabe 
zu andern verwandten anbelangt , so war ich vor allem bestrebt aus 
denselben nichts unmittelbar, noch ohne sorgfältige Prüfung in 
meine Ausgabe herüberzunehmen , sondern überall auf die Quellen 
zurückzugehen, aus welchen auch die frühern Herausgeber geschöpft 
haben. Die sachliche Erklärung ist nicht so ausführlich, wie bei 
Schweizer-Sidler, jedoch für den Zweck der Schule ausreichend. 
Dagegen ist der Sprachgebrauch des Tacitus, so weit in der Germania 
dazu Gelegenheit vorhanden ist, eingehender und ausführlicher dar- 
gelegt, als dies in andern Ausgaben geschehen ist, z. B. auch in der 
neuesten von Tück ing. Es musste uns schon bei einer ganz ober- 
flächlichen Vergleichung unserer Ausgaben auffallen , dass Herr Pr. 
nicht selten sprachliche , besonders aber sehr viele sachliche Bemer- 
kungen, ohne, was andere, was auch wir in solchen Fällen zu thun 
pflegen, die unmittelbarste Quelle zu nennen, wörtlich oder mit 
einzelnen Weglassungen, Umsetzungen u. s. f. von uns herüber ge- 
nommen habe. Obgleich wir anderseits von tüchtigen Gelehrten und 
Schulmännern, auch aus Oesterreich, denen unsere Germaniaausgabe 
lieb geworden ist, darauf aufmerksam gemacht wurden, und von 
einigen derselben dieses Verfahren mit nicht gerade mildem Namen 
bezeichnet ward , wollten wir schweigen und abwarten , ob vielleicht 



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Taciti Germania, nag, t. R. Sdmmmr Skm\m. tTl 




m aber Hm Professor Mauer, ein G«3efcr- 

■ AU» 4er Taotnsknuk «m gwton JQa^ 

4er Prammer sd*« Abgabe deren Torafee 

tob Schweizer-Sidler md Tücking — 

sieh sehr verschiedene Arbeit«» — hervorhebt 

Trrwilrnifnm aber zwischen der Prammtr>cben 

aas welchen Grande, wissen wir nickt 

Worte gedenkt, jetzt finden wir es in Ordnung, 

Wir dürfen sack den ganaen Wissenschaft- 

tob Herrn Pnaaer, ohne kühn n sein, Torans* 

er die Fundorte für das Sacklkke in der Germania erst 

Arbeit kennen lernte, dass er sich aber nmn nicht an 

selbe* begeben, sondern was nnd wie wir es daraus 

seine Ausgabe fbertragen hat; auch dagegen wollten 

sä wenden, wenn er nur als unmittelbarst* Quelle in 

ein für allemal oder im Einzelnen unsere Ausgabe 

, nicht aber auf dieselbe in dem Vorworte sogar einen 

liesse. Dieses ist ein unrechtes Verfahren , das nicht, 

xn werden, hingehen darf. Wählen wir dp. 17 — 27 der 

Wir sagen 17, 3: Uebrigens ist aus diesem Capitel was 

üobertieferung und Sprache sonst lehren, ersichtlich , dass 

das Weben und Nähen kannten. 

Aus dem Capitel ist auch ersichtlich, obwol es nicht 
gesagt wird, dass die Germanen das Nähen und Weben 

IL wir (nach Müllenhoff) : Die Wolhabenden unterscheiden sich 
■r ixA 4üt Beschaffenheit oder besser den Stoff des Unterkleides. 

Pr.: Die Wolhabenden unterscheiden sich von den Aermern 
Jm an Beschaffenheit und den bessern Stoff des Unterkleides. 

IL. 7 wir: macuUs peüümsque ist ein hr dia droit? „Lappen 
«5 T kaerfeü en.* Die Römer brauchen diese Ausdrucksweise um so 
bidger, weil ihre Sprache arm an Compositis ist. 

Pnmmer : ist %v dia övciv für variis pelübus. Diese Figur 
st hü 4mm Börnern um so häufiger, weil ihre Sprache arm an Com- 
ptotis ist. 

Csf. 18, 2 wir: prope soli barb. Das gilt lunächat für die 
nstfiefe nnd südlich wohnenden Germanenstämme , nicht ebenso, wie 
vir mm späterer Ueberlieferung schliessen dürfen, für die Nord- 





Prammer: Dies war bei den westlichen und südlichen Germanen 
4er Fall, während bei den Normanen (sie!) Vielweiberei herrschte. 

Ausgezogen ist von Prammer unsere Anm. zu dotem #*. *. m. 
ni diejenige zu ipsa armorum aliquid viro offert. 

XDL 2 UUerarum secreta etc. hat Herr Prammer an das ganz 
richtige Resultat, das er aus unserer bez. Anmerkung gezogen , eine 
sehr unglückliche Bemerkung über die Schreibekunst bei den Ger- 
angefügt 



igitiza 



ioogle 



272 Ig. Prammer, Gornelii Taciti Germania, ang. v.Ä Schweiser-Sidler. 

5. Wir: accisis crintbus „mit 'kurz geschnittenen Haaren"; 
waren doch lange Haare Zeichen der Jungfräulichkeit und der Frei- 
heit. Auch in spätem Gesetzen wird das Kürzen der Haare als eine 
der Strafen unzüchtiger Frauen angeführt u. s. f. 

Prammer: „mit kurzgeschnittenem Haare." Lange Haare 
waren Zeichen der Freiheit und der Sittlichkeit bei den Weibern. 
Noch in späterer Zeit mussten unzüchtige Weiber kurze Haare 
tragen. 

Prammer 's Note zu 10 tantum virgines usw. dürfen wir gewiss 
als matten Auszug aus unserer bezüglichen Note bezeichnen. 

13 Wir: ne tanquam maritum „dass sie ihn nicht, weil er ein 
Mann sei, sondern weil durch ihn die Ehe möglich wäre, lieben." 

Prammer: Mit tanquam ist die Ansicht der Frauen bezeichnet, 
dass sie den Gatten nicht als Mann, sondern nur, weil durch ihn der 
Ehebund möglich ist, lieben. 

XIX, 14 sprechen wir in einer längern Anmerkung über die 
germanische Kinderaussetzung. Herr Prammer wird für seine bezüg- 
liche Note kaum eine andere Quelle benutzt haben. 

XX 1 Wir: in omni domo, d. h. „in jedem Hause", im höhern 
und niedrigem. 

Prammer : in jedem Hause, mag es vornehm oder niedrig sein. 

Zu XX, 3 wir: dominum ac servum etc. Dieses Zusammen- 
leben, jedesfalls nicht Getrennthalten, von Herrn- und Sclavenkin- 
dern und der Umstand, dass sie in den Namen nicht unterschieden 
wurden, trug ohne Zweifei viel zur Milderung der Leibeigen- 
schaft bei. 

Diese Note wird von Prammer mit Weglassung von einem 
wesentlichen Charakteristicum wörtlich wiederholt. 

9 haben wir zu sororum fUiis — honor etc. eine längere, wie 
wir meinen , zum Verständnisse der betreffenden Stelle sehr wesent- 
liche Note beigefügt. Nur aus dieser kann der blasse Auszug von 
Prammer stammen. 

Unsere Anm. zu XX, 2 war die einzige Quelle zu Prammers 
Note über die germ. Blutrache. Natürlich konnten wir aber nicht nur 
schreiben: satisfactionem , das sogen. Wergeid, d. h. Preis für 
einen erschlagenen Mann (vir) etc. So wird der Schüler auf den Ge- 
danken kommen, wergeld sei eine vox hybrida. 

In Gap. 23 sind unsere sachlichen Bemerkungen von Prammer 
sichtbar fleissig benutzt worden. Und ob Pr. z. B. beim Schwert- 
tanze, Würfelspiele, Landbau, Jahreszeiten, Leichenbestattung auf 
die von uns angeführten Quellen zurückgegangen sei , ob er es nicht 
vorgezogen habe seine diesfälligen sachlichen und zum Theile sprach- 
lichen Noten nach den unsrigen zu gestalten , das zu beurtheilen 
überlassen wir gerne andern. Wie schon gesagt , wir würden all das 
nicht rügen , wenn Herr Prammer irgendwie andeutete , dass er na- 
mentlich in sachlicher Beziehung uns manches zu verdanken habe. 
Freilich dürfen nun die österr. Herren Gymnasiallehrer, die unsere 



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Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. ?. L. Öwiklinski. 273 

Germaniaausgaben nicht kennen , ja nicht meinen , dass nicht noch 
anderes Sachliches , als Prammer darans gezogen, in denselben ent- 
halten sei, und wir bitten sie selbst zn prüfen. Hier wieder 
Aber Art und Mass eines sachlichen Comm. zur Germania einzutreten, 
so sehr dazu die Aeusserungen strikt classischer Philologen , so auch 
diejenige Herrn Prof. Müüer's, reizen, finden wir nicht am Platze. 
Zürich. H. Schweizer-8idler. 



Bauer, Die Entstehung des Herodotischen Geschichtswerkes; 
eine kritische Untersuchung. Wien 1878, bei Wilhelm Braumüller. 
8«. VIII 173 u. 1 S. 

Die Frage über die Entstehung des Herodotischen Geschichts- 
werkes ist in hohem Masse anziehend und ihre richtige Lösung von 
grosser Wichtigkeit für die Darstellung des Entwicklungsganges, 
den Herodot durchgemacht hat und für die gehörige Auffassung seiner 
Stellung innerhalb der griechischen Historiographie. Es wird näm- 
lich jetzt fast allgemein anerkannt , dass Herodot nicht sowol durch 
sein« kritische Methode, welche allerdings nicht so sehr, wie es in 
der neuesten Zeit üblich geworden , herabzusetzen ist , auch nicht 
durch die Universalität des Gegenstandes seiner Geschichte oder durch 
seine anmnthige Erzählungsweise , als vielmehr besonders durch den 
einheitlichen nationalen Gesichtspunct, von weichem er die Perser- 
kriege xo beschreiben unternommen hat, sich von den früher oder 
gleichzeitig mit ihm lebenden sogen. Logographen unterscheidet und 
sich vor ihnen auszeichnet. Die Idee eines Gegensatzes zwischen 
Hellenismus und Barbarismus, die sich wie ein rother Faden durch 
das ganze Werk hindurchzieht, ihre Erläuterung durch die Darstel- 
lung des geschichtlichen Kampfes zwischen den beiden Factoren, 
dessen Schluss für Herodots Zeiten die sogen. Perserkriege gewesen 
sind, verleiht Herodot den Bang eines wirklichen Historikers und 
rechtfertigt seinen ehrenvollen Beinamen eines Vaters der Geschichte. 
Die Frage, wann in Herodots Kopfe diese Idee aufgetaucht ist, 
gleicht also, wie man sieht, der Frage, wann Herodot zum Historiker 
geworden ist. 

Allerdings bemerkt Kirchhoff treffend, dass man über den 
Zeitpunkt , wann Herodot sich dieses Gegensatzes bewnsst geworden 
at und wann er den Entschluss gefasst hat , ihn geschichtlich zn 
erörtern, nur Vermuthungen hegen könne. Aber es ist vielleicht 
•Bglich, auf wissenschaftlichem Wege anszumitteln , wann er diesen 
Minen echt nationalen Gedanken zu verwirklichen begonnen hat. 
Cid dies ist auch für uns, wie für die Wissenschaft überhaupt allein 
von Bedeutung. Denn nur dadurch , dass Herodot dieser seiner Idee 
in and durch seine geschichtliche Erzählung Ausdruck gegeben hat, 
wird sie ans verständlich. 

In dieser praecisen Form ist die Frage nach der Abfassungs- 
leit des Herodotischen Geschichtswerkes erst von Kirchhoff auf- 

Irtacfcrift f. 4. toter. Ojma. 187a IV. Hefl. 18 



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274 Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. L. Öwikiihsku 

gefasst worden. Derselbe ist auch zuerst daran gegangen, die nöthi- 
gen Beweise lediglich dem Werke selbst zu entlehnen , weil die Tra- 
dition, wie über die meisten älteren griechischen Historiker, so auch, 
über Herodot wenig Glauben verdient. Kirchhoff hat also in seinen 
Abhandlungen (Abh. d. Berl. Ak. d. Wiss., Hist.-philos. Classe 1868 
S. I ff. 1871 S. 47 ff.) besonders alle diejenigen Stellen hervorge- 
hoben und besprochen , wo er Anspielungen auf gleichzeitige Ereig- 
nisse zu finden meinte, und es ergab sich ihm hieraus sowie aus ver- 
schiedenen andern Indicien der Schluss, dass die beiden ersten 2 l /c. 
Bücher, d. h. I — III 119 in Athen in der Zeit von etwa 445 bis 
Anfang 443 niedergeschrieben und Theile davon in Athen vorgelesen 
worden sind *), dass hierauf eine längere Unterbrechung eingetreten 
ist, die durch die Uebersiedlung Herodots nach Thurioi veranlasst 
wurde , und dass erst gegen Ende seines Aufenthaltes in Unteritalien 
und Sicilien die Arbeit wieder aufgenommeu worden und der Schluss 
des dritten Buches und vielleicht, oder sagen wir lieber: wahrschein- 
lich das vierte Buch und ansehnliche Theile des fünften Buches hin- 
zugekommen sind, dass aber vor V 77 jedenfalls eine neue Unter- 
brechung stattgefunden hat und dass die letzten Bücher , und zwar 
mindestens von V 77 an, wiederum in Athen in der Zeit 431 Sommei 
bis 428 Sommer ausgearbeitet worden sind. 

Die thatsächliche Richtigkeit aller, oder doch der meisten Kirch- 
hoffschen Argumente haben alle einsichtigen Forscher zugestanden, 
zugleich aber doch einige wenige geltend gemacht , dass Kirchhof? 
von einer falschen Voraussetzung ausgegangen sei. Kirchhoff hat ak 
etwas, was nicht eigens bewiesen oder begründet zu werden braucht, 
angenommen, dass Herodot „sichtlich von vornherein nach einem 
festen Plane und einer sorgfältigen, auch die Vertheilung und An- 
ordnung des massenhaften, in den Episoden untergebrachten Stoffes 
berücksichtigenden Disposition" gearbeitet hat, dass alle Arbeiten, 
welche der Abfassung des Werkes, das uns vorliegt, vorangegangen 
sind, nur Vorarbeiten waren, die nicht für den Anfang der Arbeit am 
Geschichtswerke angesehen werden dürfen und die Frage nach der 
Beschaffenheit dieser Vorarbeiten für uns „weder von praktischer 
Bedeutung noch mit den Mitteln, über die wir verfügen, lösbar ist." 
Dagegen wendete nun insbesondere Büdinger ein , es sei ebensowol 
möglich, dass Herodot gewisse Einzelarbeiten verfasst hat, welche er 
erst späterhin, nachdem er den Entschluss gefasst hatte, ein grosses 
Universalwerk auf dem Boden einer grossen nationalen Idee aufzu- 

J ) Weil sagt unrichtig in seiner Recension des Bäuerischen Werkes 
in der Revue critique dlhistoire et de litt^raturc p. 26: „D'autres indices 
marquent, suivant lui (Mr. Kirchhoff), une interruption avant le eh. CXIX 
du Ill e livre. tf Vgl. die ausdrückliche Aussage Kirchhoffs am Schlüsse 
einer längeren Auseinandersetzung (Abb. 1868 p. 14): „Täusche ich mich 
hierin nicht, so ist damit zugleich der Beweis geführt, dass das wichtige 
119 Cap. des III B. das letzte ist, welches in Athen ausgearbeitet wurde 
und unmittelbar nach Vollendung desselben jene Unterbrechung eintrat, 
in Folge deren die Arbeit längere Zeit liegen blieb.** 



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Bauer, Herodot's Geschichtswerk, aitg. v. L. Cwüdimki, 275 

bauen, za einem Ganzen vereinigt hat, und Büdinger schlössen sich 
einige andere Gelehrten an, welche nun behaupten, dass dies wirklich 
der Fall gewesen ist, dass Herodot in der That vorerst gewisse Einzel- 
arbeiten — EinzelAoyoi — componiert hat. Sie berufen sich dar- 
auf, dass man gar keinen Beweis vorbringen könne , dass Herodot 
wirklich in der Ordnnng seine loyoi niedergeschrieben habe, wie 
sie uns vorliegen, sie weisen darauf hin, dass es höchst unwahrschein- 
lich sei, dass er den Athenern Abschnitte aus der persischen oder 
aagyptischen Geschichte vorgelesen habe und dafür von ihnen be- 
lohnt worden sei , greifen auf die zuerst von Schoell (Philol. IX und 
I) ausgesprochene und näher erläuterte These zurück, dass die 
Bücher VII — IX das älteste oder doch eines der ältesten Stücke 
and gewiss einzelne Theile desselben von Herodot in Athen recitiert 
worden seien und stellen die Behauptung auf, dass die von Kirch- 
hof erbrachten Beweise nur für eine Ueber- oder Zusammenarbeitung 
der verschiedenen Einzelgeschichten Geltung haben können. 

Diese Ansicht vertritt auch Dr. Bauer, ein Schüler Büdingers, 
in dem angezeigten Werke. Derselbe hat die These, welche Bü- 
dinger nur in allgemeinen Zügen klargelegt und allein hinsichtlich 
der aegyptischen Geschichten zum Theil auch hinsichtlich der 
BB. VII — IX etwas näher ausgeführt hat, durch das ganze Hero- 
dotische Geschichtswerk durchzuführen und allseitig zu erläutern 
versucht. Das Endresultat seiner Untersuchung, das er selbst in den 
Schlussbemerkungen S. 171 — 173 in Kürze angibt, lässt sich mit 
wenigen Worte etwa folgendermassen ausdrücken: In Samos, woselbst 
Herodot zuerst seinen Aufenthalt genommen, nachdem er Halikarnass 
verlassen hatte, verfasste er seine samischen Geschichten. Ungefähr 
io dieser Zeit sind auch die inedisch-persischen Geschichten nieder- 
geschrieben worden, und zwar noch vor Horodots Ankunft in Athen, 
woselbst er die Geschichte des Xerxeszuges ausarbeitete und 44 5 / 4 
Tortrug. Wahrscheinlich entstand gleichzeitig die Geschichte des 
Zages des Datis and Artaphernes. In Athen hat Herodot ferner die 
Irdischen Geschichten , die Geschichte des ionischen Aufstaudes, die 
athenisch-spartanischen und die skythischen Geschichten componiert. 
Nach 44*/ 4 hat Herodot eine Reise nach Aegypten unternommen, 
and nach der Bückkehr nach Athen verfasste er daselbst die aegyp- 
tacben Geschichten und vervollständigte die libyschen. Dieser Ar- 
beiten wegen soll er veranlasst worden sein, Athen und Griechenland 
xi verlassen. Er ging nach Thurioi. Dort entstand der Plan seines 
Gesammtwerkes ; Herodot machte sich an dieSchlussredaction, die bald 
eine Ueberarbeitung, bald eine reine Compilation war. Während dieser 
Beschäftigung siedelte er von Neuem nach Athen über und vollendete 
die Ueberarbeitung seines Werkes. „In dieser Weise aufgefasst, 
bemerkt Dr. Bauer, hat der chronologische Verlauf der von Kirchhoff 
^«wendeten Stellen seine volle Berechtigung und Erklärung \ — 
Wenn sich aber damit so verhält, wie ist, muss ich fragen, das so 
iwerst langsame Fortschreiten der redactionellen Thätigkeit zu 

18* 



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276 Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. L. ÖwikUnM. 

erklären? Dr. Bauer nennt die Thätigkeit Herodots eine Zusam- 
menarbeitung und will ihr nicht den Namen einer Ausarbei- 
tung zugestehen. Aber eine Compilation kann doch wahrlich nicht 
viel Zeit in Anspruch nehmen ! Und , um nur noch Eines gleich 
hier zu berühren, Dr. Bauer spricht sich dahin aus, dass bei einer 
gleichmässigen Ausarbeitung all' die Verstösse nicht erklär- 
lich wären, die Herodot passiert sind und die Dr. B. hervorgehoben 
hat. Dies ist gewiss richtig. Diese Verstösse finden aber am leich- 
testen ihre Erklärung in der Kirchhoff sehen Annahme, dass Herodot 
mit Unterbrechungen sein Werk aus dem gesammelten Materiale in 
einer längeren Reihe von Jahren herausgearbeitet hat. Sie sind 
mir dagegen rein unverständlich, wenn ich mir denken soll, dass 
Herodot die bereits fertigen Geschichten so durcheinander gemengt 
und so episodenartig in einander gefügt und so mannigfache Hinzu- 
fügungen und Correcturen in denselben gemacht habe, ohne jedoch die 
Widersprüche und Verstösse wahrzunehmen. Wenn die Einzelge- 
schichten, welche das uns vorliegende Geschichtswerk ausmachen, 
wirklich, wie es Dr. Bauer plausibel machen will, fertig vorlagen, 
ehe sie in ein Ganzes vereinigt wurden , so lässt sieh das Geschäft 
dieser Vereinigung, wie ich meine, nur in der Weise denken, dass 
Herodot das ganze Material vollkommen beherrschte d. h. die Einzel- 
logoi ihrem Inhalte und ihrem Tenor nach genau und gründlich 
kannte. Wie hätten ihm da jene Widersprüche, Verstösse, Wieder- 
holungen u. dgl. m. entgehen können! 

Doch sehen wir zu , wie Dr. Bauer die Einzelexistenz der ver- 
schiedenen Xoyoi zu beweisen versucht. Er beginnt mit einer Kritik 
der jetzt üblichen Eintheilung des Herodotischen Werkes, die gewiss 
in vieler Beziehung nicht schicklich und späten Ursprunges ist. Be- 
greiflich finde ich also die Frage, die sich B. demnächst stellt, ob 
und wie Herodot selbst sein Werk eingetheilt hat. Er untersucht 
demnach , was Herodot unter Xoyog und Xoyoi verstanden hat. Es 
wird nun richtig auseinandergesetzt, dass Xoyog sowol in Verbindung 
mit n&g (II 123 und VII 152) als auch für sich allein (I 5 und 
VI 9 und vielleicht auch II 3. 18. 65 und 95, die aber richtiger, 
wie Dr. Bauer bemerkt, für neutrales Gebiet angesehen werden müs- 
sen) das ganze Werk bezeichnet. Es bezeichnet aber auch hinwie- 
derum an vielen Stellen, wie II, 38 und VI 39 einen Theil des Werkes, 
aber bald einen grösseren , bald einen kleineren , bald einen solchen 
Abschnitt, der für sich ein gewisses zusammenhängendes Ganze 
bildet und sich von der Umgebung mehr oder minder klar sondert, 
bald wiederum nur einen Theil eines solchen Abschnittes. Auf jene 
zusammenhängenden Abschnitte, deren Sonderexistenz Bauer be- 
weisen will , verweist Herodot auch mit dem Ausdrucke Xoyoi. Der 
Plural zeigt , dass also ein solcher Abschnitt ein Conglomerat von 
mehreren Xoyoi ist. Hieraus folgt, wie ich meine, dass der Ausdruck 
Xoyog bei Herodot keine praecise, feste, technische Bedeutung hat« 
Aoyog hat bei Herodot die ursprüngliche allgemeine Bedeutung: es 



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Bauer, Herodot's Geschichtewerk, ang. v. L. Öwiklinski. 277 

ist ein Bericht, eine Erzählung und weiterhin ein schriftstellerisches 
Ganze in der Form eines Berichts oder einer Erzählung , dem nicht 
aowol die oxpig, als vor Allem die Erkundigung von Anderen, die Erzäh- 
lungen — Xoyoi — Anderer zu Grunde lagen. A&yog kann demnach 
bald im weiteren, bald im engeren Sinne genommen werden und er- 
streckt sich auf das ganze geographisch-historische Gebiet. Die 
SteDe V 36 : dg dedrjXtazal (ioi iv zip nodxtp twv Xoytav, die auf 
I 92 zurückgeht, und die Bauer vornehmlich gegen die Nitzschesche 
Auffassung von Xoyog angeführt hat — K. W. Nitzsch zufolge, Bh. 
Mos. XXVII 227 ff., bezeichnet nämlich Xoyog eine zusammenhängende 
Ueberlieferung im Gegensatz zu Einzelnachrichten — beweist nur, 
was ein Jeder gern zugeben will, dass Xoyog bei Herodot mitunter 
auf ein grösseres zusammenhängendes Ganze hinweist 

Aber auch in dem Falle, dass die Herodotische Terminologie 
wirklich so wäre, wie sie Dr. Bauer darstellt, würde hieraus noch 
nicht folgen , dass die als Xoyog oder Xoyoi bezeichneten Theile des 
Werkes selbständig und unabhängig zu verschiedenen Zeiten ab- 
gefssst sind. Dies erkennt auch Dr. Bauer an. Dagegen hat er es 
nicht eingesehen , dass die ziemlich zahlreichen Verweise nach vor- 
wärts und nach rückwärts , wie sie im Herodotischen Werke uns 
begegnen, das Gegentheil davon beweisen, was er behauptet. Die 
Verweisstellen können erst dann niedergeschrieben sein, als der 
Historiker ein grösseres, und zwar das uns vorliegende Ganze aus- 
arbeitete, sie können erst zu der Zeit hinzugetreten sein, als das Ge- 
scbichtswerk in der jetzigen Fassung ausgearbeitet und die Einzel- 
togoi, wenn sie je für sich besonders existiert haben, durch die gegen- 
seitige Vermischung ihre Sonderexistenz verloren. Dies lehren 
Verweise, wie: dg noozeoov fxot dedrjXanai und namentlich: ol 
o*io&9 Xoyoi (ol oniow X.) I 75 und VII 218, nag 6 Xoyog 
(s. oben), noütog %wv Xoyiav und nq&xoi %€>v Xoywv, und sogar 
Verweise, wie: iv %o%oi Aißvxoioi Xoyoiot oder iv aXXqt Xoyqt. 
Auf die Libyschen Xoyoi wird II 161 verwiesen, wo es heisst: ind 
ii ol tdee xcncwg yeveodxu, iytvsto anb nooqxxoiog, ttjv ha 
tuCovtüg fiip iv zolot Aißvxofoi Xoyoiot, dnrjyrjoo^aiy fiezouog 
d* h %<j> naoeovri. Ich glaube, dass man in der Weise ein ge- 
wildert bestehendes, ein ganz verschiedenes Werk nicht eitleren 
kann und darf. Das Citat und vornehmlich der Ausdruck iv %<j? na- 
eaoVn lehrt meines Erachtens, dass die Aißvnm Xoyoi als ein 
späterer, der aegyptischen Geschichte nachfolgende Theil desselben 
Werkes von dem Verfasser bereits damals gedacht wurden, wie er 
meh die 'Aacvqioi Xoyoi 1 106 und 184 angezeigt hat, ohne sie frei- 
fick zu geben. Auch diese beiden Verweise auf die Assyrischen Xoyoi 
je» trifoiai Xoyoioi 6t]Xdaw und %(av (sc. ßaaiiiwv) iv tdiai 
AoovQiotai Xoyoioi /uvi^iiyv noirjoopai) haben doch nur einen Sinn, 
tum man sich diese Xoyoi als ein (weggebliebenes) Stack des grossen 
Gassen vorstellt; darauf weisen mit Notwendigkeit allein schon die 
Fatora hin. Uebrigens, um hier an einem Beispiele das zu erläutern, 



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278 Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. L. Cwiklinski. 

was schon oben ganz allgemein gesagt wurde : die Auslassung der 
lAoovqioi Xoyoi wäre bei der Annahme einer Retractation, wie be- 
schaffen sie auch gewesen sein mag, unbegreiflich. Herodot hätte es 
unmöglich übersehen können, dass er an zwei Stellen 'Aoovqioi Xoyoi 
und verschiedene Nachrichten in denselben versprochen hat , die er 
in Wirklichkeit — aus welchen Grunde, ist für uns vollkommen 
gleichgiltig — nicht ausgearbeitet hat. 

Wenn demnach die Herodotische Citiermethode das uns vor- 
liegende Geschichtswerk noth wendig zur Voraussetzung hat , so 
müssten Dr. Bauer alle Verweise für Spuren einer üeberarbeitung 
gelten ; dafür gelten ihm auch die meisten , aber nicht alle. Und 
haben sie erst bei einer Retractation ihren Ursprung genommen, so 
ist dieselbe eine vollkommene Ausarbeitung gewesen, mit der 
nun wieder, wie schon oben bemerkt wurde, das Stehenbleiben der 
Widersprüche und Versehen, so namentlich auch die Auslassung der 
Aoovqioi Xoyoi unvereinbar ist. Auf jeden Fall bieten die Verweise 
nicht den mindesten Anhaltspunct für die Annahme einer gesonderten 
Existenz der Xoyoi, sondern sprechen gegen dieselbe. Wie beweist 
denn sonst noch Dr. Bauer diese Sonderexistenz der Xoyoi? 

Im zweiten Capitel, das überschrieben ist „die äussere Form 
der Xoyoi u versucht Dr. Bauer seine Hypothese des Näheren zn er- 
läutern. Er geht von jener 7tQO<paoig in II 161 aus und bemerkt: 
„es ist doch sonderbar, dass es hier Herodot nicht ebenso ging, wie 
mit den assyrischen Geschichten, deren Ausfall eben auf Rechnung 
jenes Intervalles (von 445 oder 443 bis 432) gesetzt wird." Ich 
finde es nicht sonderbar. Wenn Herodot Eins und das Andere ver- 
gessen hat, soll er auch ein drittes und viertes vergessen haben? 
Ich begreife nicht eine solche Argumentation. Dr. Bauer fügt 
hinzu: „Das wird man aber unter allen Umständen zugeben müssen, 
dass unser Autor, als er II 161 schrieb, bereits über diesen Excurs, 
den er Aißvxol Xoyoi nennt (IV 145—200), so weit im Reinen ge- 
wesen sein muss, dass zu demselben wenigstens das Material vorhanden 
war, wenn es nicht bereits ausgearbeitet vorlag." Material — gebe 
ich zu, aber dass dieses Material „eine ziemlich fertige Gestalt u be- 
reits damals angenommen hatte, als Herodot II 161 schrieb, dies 
folgt aus dieser Stelle ebenso wenig , wie wenig daraus folgt , dass 
auch die persischen Geschichten bereits eine fertige Gestalt hatten, die 
Dr; Bauer aus dem Grunde voraussetzen zu müssen glaubte, „weil der 
Autor II 161 doch nicht in 's Blaue von einer nQoqxzoig, die er 
später, wie man ausdrücklich ersieht, am geeigneten Platze ausführ- 
lich darlegen will, sprechen konnte, wenn er nicht wusste, wo und 
wann in seiner späteren Erzählung ihm dazu Gelegenheit ward." 
Natürlich hatte Herodot den Plan in Umrissen, mehr oder minder 
ausgeführt , im Kopfe, oder gar schriftlich aufgezeichnet, als er sein 
Werk begann; dies genügt aber vollkommen zur Erklärung aller 
Verweise nach rückwärts und namentlich auch zur Erklärung von 



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Bauer, Herodotfs Geschichtswerk, ang. v. L. Cioiklinski. 279 

II 161; zu einer weiteren Folgerung sind wir durchaus nicht be- 
rechtigt. 

Dr. Bauer unterscheidet (obschon nur die Aißvfcoi und die weg- 
gebliebenen 'Aoovqiöi loyoi ausdrücklich dem Titel nach von Herodot 
verbürgt sind) folgende Einzellogoi : die Aegyptischen Logen , die 
Libyschen L., die Medisch - Persischen L., die Skythischen L., die 
Lydischen L., (die Samischen L.) , die Geschichte des ionischen Auf- 
standes, die griechischen oder genauer gesprochen: die spartanisch- 
attischen Geschichten, die Geschichte des ersten Perserkrieges, die 
Geschichte des Xerxeszuges. Es ist doch wohl im höchsten Masse 
unwahrscheinlich , Herodot habe als gesonderte Geschichten Er- 
eignisse bearbeitet, die eng zu einander gehörten. Einem einsichtigen 
Manne, der etwa fünfzig Jahre nach den Perserkriegen ihre Ge- 
schichte erzählen wollte — dies ist wohl zu beachten; das Verhält- 
niss Herodots zu den von ihm beschriebenen Thatsachen ist auch in 
dieser Hinsicht ein ganz anderes, als das des Thnkydides, der mitten 
in den Ereignissen stand und an der beschriebenen Geschichte activ 
oder passiv Antheil nahm — konnten der ionische Aufstand und die 
Perserkriege sich nur als ein Ganzes darstellen. Was hätte also He- 
rodot für eine Veranlassung gehabt, dasjenige, was ein Ganzes war, 
zu trennen , und später Geschehenes früher und ausser dem Zusam- 
menhange mit dem früher Geschehenen , früher Geschehenes später 
und wiederum ausser dem Zusammenhange mit dem später Geschehe- 
nen zu erzählen! Wie uns das erhaltene Werk belehrt, hat er den 
Zusammenhang der Ereignisse wirklich recht gut erkannt. Dass 
er zu dieser Einsicht erst später, erst in Thurioi, kurz vor 432 
gekommen ist , daran zu glauben , könnten uns nur Argumente be- 
wegen, die zwingender Natur wären und die ein Doppeltes uns klar 
machen wurden : 1) dass die Logoi wirklich ehedem gesondert und 
in ganz anderer Ordnung abgefasst worden sind, als wir es nach dem 
heutigen Zustande anzunehmen geneigt sind, und 2) in welchem Sinne 
diese Einzellogoi vom Verfasser niedergeschrieben sind , ob sie von 
vornherein die Bestimmung hatten , nur als Unterlage für ein dem- 
nächst darauf aufzubauendes Werk zu dienen , oder ob sie zur Pu- 
blication bestimmt waren. Dr. Bauer äussert sich über diesen zweiten 
Punkt nicht, und ich glaube, dass er nicht zu einer vollkommen klaren 
Vorstellung darüber gelangt ist. Würde man annehmen , dass die 
Einzellogoi von vornherein die Bestimmung hatten , später ein Mal 
in ein grösseres Corpus aufzugehen , so würde der Gegensatz der 
Büdinger- Bauer 'sehen und der Kirchhoff'schen These bedeutend an 
Schärfe verlieren. Der Streit würde sich hauptsächlich nur noch da- 
rum drehen , wie man sich diese Vorarbeiten denken soll und ob es 
möglich ist , sie in dem jetzigen Werke herauszuerkennen und von 
einander zu unterscheiden oder nicht. Aus dem Ganzen der Bauer- 
schen Beweisführung ist indessen zu schliessen , dass B. sich viel- 
mehr jene zweite Möglichkeit gedacht hat. Dann bleibt aber die 
Frage offen , warum eine wirkliche Publication der gesonderten Ge- 



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$80 Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. L. Öwüdinski. 

schichten (nicht blos in der Form der Eecitation einzelner Abschnitte) 
unterblieben ist, von der doch wol einige Spuren übrig geblieben 
wären und einige Zeugnisse berichten würden. 

Kann man denn aber jene Werke für publicationsf&hig 
halten? Sind sie so sehr Einheiten, dass sie für sich ausreichen? 
Trotz der Aenderungen, die sie bei der Zusammenarbeitung erfahren 
haben sollen, trotz der Zusätze und Correcturen müsste ihre ur- 
sprüngliche Buchform auch jetzt noch wol zu erkennen sein. Dies 
ist aber nicht der Fall. Dr. Bauer hat es nicht bewiesen. Er hat in 
dem schon erwähnten zweiten Capitel „die äussere Form der Xoyoi* 
hauptsächlich hinsichtlich der lydischen, ägyptischen, skythischen und 
libyschen Logen nur dies erörtert, dass die Logen sich ziemlich leicht 
aus der Geschichte des Perserreicbes unter Kyros , Kambyses und 
Dareios , wo sie eingefügt sind , ausscheiden lassen und in der An- 
lage einander ziemlich ähnlich sind , indem sie Historisches mit Geo- 
graphisch-Ethnographischem vereinigen, was ein Jeder gern zugeben 
will, woraus aber ihre Existenz als selbstständiger Werke nicht ge- 
folgert werden kann. Allenfalls könnte man sich die Aiyvizxvoi loyot 
noch als ein besonderes Werk vorstellen, — es wäre nicht nöthig, 
Vieles aus dem jetzigen zweiten Buche herauszunehmen , um ein 
separates Werk zu erhalten — vielleicht auch die Avdioi koyoi, die 
aber in der jetzigen Fassung doch viel mehr als die Aegyptischen 
Geschichten mit fremden Elementen durchsetzt sind , und allenfalls 
auch noch die Geschichte des Xerxeszuges. Diese letztere bildet ein 
grosses Ganze für sich, und Dr. Bauer hat es nicht vermocht, viele 
Eedactionsänderungen in derselben nachzuweisen. Sie ist auch der 
vollkommenste Theil des Werkes und bildet, um einen Ausdruck 
Weils zu gebrauchen, die Krone desselben. Sie ist eben darum nicht 
gut denkbar ohne die voraufgehende Geschichte des Perserreiches 
und der früheren persischen Kämpfe mit den Griechen; die ganze 
frühere Erzählung in den sechs voraufgehenden Büchern bereitet zu 
einem solchen Abschlüsse vor. Weil hat bereits in seiner trefflichen 
Anzeige des B. Buches darauf aufmerksam gemacht, dass in VII, 18 
die Unternehmungen gegen die Massageten, gegen die Aethiopier und 
gegen die Skythen in der Weise angedeutet sind , dass man nur an- 
nehmen kann, der Verfasser habe sie schon vordem ausführlicher er- 
zählt. Dass die von Dr. Bauer angenommenen persischen Geschichten 
nicht in der Weise hätten schliessen können , wie es jetzt nach der 
Zergliederung Dr. Bauers der Fall ist, hat dieser selbst eingesehen. Er 
bemerkt S. 104: „Freilich ob die persischen Geschichten überhaupt 
ursprünglich in dieser Weise endeten, wage ich nicht zu vermuthen, 
aber bei der Schlussredaction liess Herodot sie hier zu Ende sein.* 4 
Er meint indessen wiederum, dass, weil in dem ionischen Aufstande 
und in den nachfolgenden Ereignissen die Griechen in den Vorder- 
grund und die Perser in den Hintergrund getreten sind, Herodot mit 
richtigem Gefühle dort seine persischen Geschichten habe ab- 
schliessen lassen, wo sie jetzt schliessen sollen. Aber mögen im ioni- 



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Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. Im ÖwikUnski. 981 

sehen Aufstände die Griechen immerhin die provocirende Partei ge- 
wesen sein, in allen nachfolgenden Unternehmungen sind ja die 
Perser offensiv verfahren. Und wie übrigens wir ihr Verfahren auch 
taffassen wollten — der Joueraufstand, der Dareios- und der Xerxes- 
zog waren ein gutes Stück persischer Geschichte. Diesen Kriegen 
gegenüber müssen der Massagetenzug, der Libysche, Thrakische und 
selbst der eigentliche Skythenzug unbedeutend erscheinen. In dem 
Gesagten ist also auch schon mittelbar enthalten , dass wir uns die 
Geschichte des Joneraufstandes ebensowenig als ein besonderes Ganze 
denken können, wie die Geschichte des letzten Perserzuges. Und sie 
and auch beide so sehr mit anderem und zwar verschiedenartigem 
Stoffe vermengt, dass Dr. Bauer darauf verzichten muss, ihren An- 
fing und ihr Ende genauer anzugeben und zu der gewiss sonderbaren 
Behauptung genöthigt ist , die wir mehrere Male wiederholt finden 
(?gL 8. 27, 125 und 146/7), dass Herodot in den ersten vier Büchern 
die verschiedenen loyot ziemlich mechanisch mit einander verbunden, 
in den Büchern V und VI den gesammelten Stoff wiederum stark 
überarbeitet und hingegen in den Büchern VII bis IX nur einige 
wenige Correcturen in der Form von Bandnotizen hinzugefügt hat, 
weil die Geschichte des Xerxeszuges, obschon eines der ältesten 
Stücke, doch das vollendetste war und keiner bedeutenden Aenderun- 
gen bedurfte. — Welches Ziel Herodot schliesslich in seinen spar* 
tauschen und attischen Geschichten, die Dr. Bauer zufolge von An- 
fang an getrennt gewesen sind , aber die Geschichte der glorreichen 
Zeit der Unternehmungen nicht umfasst haben , verfolgt haben soll, 
ist mir gänzlich unbegreiflich. Auch lässt sich nicht behaupten, dass 
die frühere Zeit irgendwie erschöpfend behandelt und uns ein ge- 
treues Bild der Entwickelung der beiden mächtigsten Staaten Grie- 
chenlands geliefert würde. Setzen wir die durch das L , V. und VL 
Bach zerstreuten Stücke, welche zu den griechischen Geschichten 
gehören sollen, zusammen, so können wir unmöglich dem Urtheile 
fiuers beipflichten, dass sie ein wol geordnetes Ganze ergeben. 

Alle diese Erwägungen, so sehr sie gegen die bestimmt be- 
rechnete und beabsichtigte Sonderexistenz einzelner, von B. ange- 
»ounener Geschichten sprechen , würden dennoch eine geringe Gel- 
tang beanspruchen können , wenn es Dr. Bauer gelungen wäre , den 
Kachweis zu führen, dass einzelne, in der Mitte oder am Schluss des 
Werkes eingeordnete Partieen früher abgefasst sind, als Partien, die 
u> dem jetzigen Werke voraufstehen. Aber dieser Beweis ist Dr. Bauer 
skat gelungen. Er hat kein positives Argument zu erbringen ge- 
nast, dass eine jetzt nachfolgende Partie in diesem oder jenem 
Jahre und früher niedergeschrieben worden ist, als eine voran- 
gehende. Seine Beweise beruhen hauptsächlich auf den ausfindig 
gemachten, zum grossen Theil in Wirklichkeit nicht vorhandenen 
Versehen, auf den Wiederholungen aus früheren Büchern und den 
Widersprüchen zwischen denselben und vornehmlich darauf, dass 
der Zusammenhang der Erzählung sehr häufig durch Episoden unter- 



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282 Bauer, Herodot'8 Geschichtswerk, ang. v. L. Öuriklinski. 

brochen und dann wieder in der früheren Weise aufgenommen wird. 
Dr. 6. hat sich durch diese Episoden ganz besonders täuschen 
lassen. Er möchte in dem Herodotischen Werke ein vollkommen ab- 
gerundetes, modernes Geschichtswerk finden und vergisst, den gewal- 
tigen Unterschied der Zeit mit in Anschlag zu bringen. Herodot hat zur 
Geschichte der verschiedensten Völker und Länder in den verschieden- 
sten Zeiten ein gewaltiges Material gesammelt. Dieses Material geistig 
der Art zu verschmelzen, dass daraus ein Werk gleichsam aus einem 
Gusse entstände, das glatt von Anfang bis Endo fortliefe, dazu fehlte 
Herodot noch die nöthige formale Bildung und die Technik. Auch spä- 
tere Historiker haben es nicht beispielsweise vermocht, gleichzeitige 
Ereignisse in verschiedenen Ländern oder Städten mit einander 
innig und wirklich zu verbinden. Thukydides ist über das System der 
blossen Aneinanderreihung gleichzeitiger Ereignisse nicht hinausge- 
gangen. Das Herodotische Material war überdies so ungleichmässig, 
wie nur möglich , und von verschiedenster Beschaffenheit, und dem 
Plane, welchen Herodot in seinem Werke durchführen wollte , fügte 
sich 89 Manches, so z. B., um nur Eines ausdrücklich hervorzuheben, die 
geographischen Notizen nicht. Diese geographisch-ethnographischen 
Notizen anders als in der Form von Episoden in ein Geschichtswerk 
von dem Vorwurfe, wie ihn das Herodotische Werk hatte,, einzufügen, 
würde auch heute Niemand verstehen. Herodot mochte wol selbst 
gesehen haben, dass diese Episoden den Zusammenhang der Erzäh- 
lung verdunkeln und die Grundidee zurücktreten lassen, aber dieses 
mit vieler Mühe erworbene Gut war ihm so sehr an's Herz gewachsen, 
dass er es doch in seinem Werke, dessen Composition er sich zur 
Lebensaufgabe gemacht hatte , nicht übergehen und nicht einmal 
kürzen wollte. Und so erklärt er denn auch IV, 30, Episoden, 
ftQOO&rjxag d. h. Zusätze ausserhalb des historischen Zusammen- 
hanges einzuschieben , habe er von Anfang an beabsichtigt. Diese 
jtQOO&rjxag mit Dr. Bauer für Correcturen und Randnotizen zu er- 
klären , ist ganz unmöglich. Dagegen spricht die Ausdrucksweise : 
itQOodrjxag yag drj juoi 6 loyoq i£ <xqx*J$ iditypo, wie auch die 
Veranlassung, bei der Herodot diese Erklärung abgegeben hat. 

Es ist unmöglich , alle loyoi, die Bauer unterscheidet, hier- 
selbst zu besprechen und seine Argumente zu widerlegen. Dazu wäre 
eine besondere Abhandlung nöthig. Nur auf ein paar Geschichten 
wollen wir eingehen, und zwar zunächst auf die Geschichte des 
Xerxeszuges, die sich schon darum zu einer solchen Besprechung 
ganz vorzüglich eignet, weil mit ihr zugleich das Verhältniss zu ver- 
schiedenen anderen Xoyoi erläutert werden muss. Auch Weil hat 
schon mehrere Puncto in seiner Kritik besprochen. 

Dr. Bauer weist also zunächst mit Büdinger darauf hin , dass 
Dareios, Artabanos, Mardonios, Demaratos noch ein Mal wie unbe- 
kannte Personen vorgeführt werden , während sie aus der vorauf- 
gehenden Erzählung dem Leser bekannt sein müssen. Sie werden 
ebenso wie Inaros und Achaimenes mit vollem Vatertitel bezeichnet, 



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Bauer, Herodot's Geschichtswerk, ang. v. L. Öwiklinski. £8S 

md Dr. Bauer stellt zu wiederholten Malen die Behauptung auf, dass 
Herodot nur in dem Falle das Patronymikon hinzusetzt , wenn er 
einen Namen zum ers